Erich Kästner | Emil und die Detektive

Erich Kästner | Emil und die Detektive

Zum ersten Mal darf Emil allein nach Berlin fahren. Seine Großmutter und die Kusine Pony Hütchen erwarten ihn am Blumenstand im Bahnhof Friedrichstraße. Aber Emil kommt nicht, auch nicht mit dem nächsten Zug. Während die Großmutter und Pony Hütchen noch überlegen, was sie tun sollen, hat Emil sich schon in eine aufregende Verfolgungsjagd gestürzt. Quer durch die große fremde Stadt, immer hinter dem Dieb her, der ihm im Zug sein ganzes Geld gestohlen hat. Zum Glück bekommt Emil bald Unterstützung: von Gustav mit der Hupe und seinen Jungs.

Emil Tischbein ist aufgeregt! Zum ersten Mal darf der Zwölfjährige alleine vom überschaubaren Neustadt („Wir haben drei Plätze!“) zu seiner Oma und Kusine nach Berlin reisen. Berlin! Das ist für den Heranwachsenden wie eine Verheißung, eine andere Welt, die viel verspricht. Selbstbewusst und im besten Sonntagsanzug macht sich Emil im Zug auf den Weg, der immerhin mehr als vier Stunden beträgt. In der Holzklasse sucht er sich ein freies Plätzchen in einem bereits zum Teil besetzten Abteil und fühlt sich großartig! Aber auch etwas geplagt von der Angst, er könne die 140,- Mark der Mama, die zum Großteil für die Oma gedacht sind, verlieren, sodass er sich immer wieder an die Innenseite seiner Jacke fasst, um das leise Knistern des Kuverts zu hören.

Doch nicht nur die Angst, das Geld zu verlieren, auch die Angst einzuschlafen und den Ausstieg zu verpassen, plagt Emil. Er ist natürlich bestens instruiert worden, aber man bedenke, es ist Emils erst Reise alleine. Da hat Emil einen kleinen Geistesblitz! Aus dem Kragen seiner Jacke entnimmt er eine Stecknadel, mit welcher er das Kuvert am Innenfutter befestigt. So!, denkt er sich, nun ist es sicher und kann nicht mehr herausfallen. Doch es kommt, wie es wohl kommen musste, damit diese Geschichte passieren konnte: Emil schläft trotz Furcht, angelehnt in der Ecke des Abteils ein. Als er erwacht, ist er wie vom Donner gerührt und fasst sich sogleich an die Innentasche und muss feststellen: Das Geld ist weg! Und nicht nur das; auch der unheimliche Mitreisende mit dem steifen Hut ist nicht mehr im Abteil. Als Emil klar ist, dass das Geld tatsächlich fort ist, schließt er sogleich, dass eben dieser Mann mit dem steifen Hut – Herr Grundeis – das Geld gestohlen und den Zug daraufhin verlassen hat.

Verzweiflung! Emil weiß um die Mühe, die es die Mutter kostet,eine so große Summe anzusparen. Immerhin verdient sie bloß 35,- Mark in der Woche. Außerdem benötigt die Oma das Geld dringend. Und ausgerechnet er, Emil, hat nun alles verdorben. Aber ebenso schnell, wie die Verzweiflung kam, keimt in ihm ein Plan. Denn beim Blick aus dem Abteilfenster wird er gewahr, dass er bereits in Berlin angekommen ist. Ohne lange zu überlegen, schnappt er sich seinen kleinen Koffer und den Blumenstrauß, den die Mutter für die Oma mitgegeben hat, und stürmt aus dem Zug, auf den Bahnsteig, und auf den Mann mit dem steifen Hut, den er auf dem Bahnsteig erblickt hat, zu. Emil ist wild entschlossen, die 140,- Mark zurückzuholen, koste es was es wolle.

Im ersten Augenblick, ist er jedoch enttäuscht, denn der Mann erweist sich nicht als Herr Grundeis. Doch schon bald entdeckt er weitere Männer mit steifen Hüten und einer von ihnen ist tatsächlich besagter Herr Grundeis! Ohne tatsächlich einen Plan zu haben, folgt Emil dem Mann. Vom Bahnhof geht es mit der Straßenbahn weiter hinein in die belebte Großstadt. Emil ist elektrisiert, die gesamte Situation ist natürlich sehr aufregend für ihn. Und man darf ihn auch etwas bewundern, denn immerhin bedeutete es in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts etwas anderes für einen Zwölfjährigen, eine solche Reise alleine zu unternehmen, noch dazu in eine Stadt wie Berlin.

Wer sich an dieser Stelle fragt, warum Emil nicht einen Schutzpoliszisten anspricht, nun, dem sei gesagt, dass Emil bei seiner Abfahrt auch ein schlechtes Gewissen im Gepäck hatte, da er sich nämlich in seiner Heimatstadt eine Schmiererei an einem Denkmal geleistet hat, weswegen er befürchtet, wegen einer mit Buntstiften gemalten roten Nase und eines schwarze Schnäuzers von der Schupo verhaftet und zur Rechenschaft gezogen zu werden. Also kommt es für Emil überhaupt nicht in Frage, sich an einen Gesetzeshüter zu wenden. Außerdem: Wie sollte er einem solchen auch beweisen, dass die 140,- Mark die seinen sind?

Emil verfolgt Herrn Grundeis, diesen hundsgemeinen Dieb!, bis zu einem Platz in Berlin-Wilmersdorf, wo Emil sich hinter einem Kiosk klein macht und beobachtet, wie Herr Grundeis ein Café betritt. Noch in der Überlegung, wie er nun eigentlich verfahren soll, wird Emil von einer jungen Berliner Schnauze angesprochen. Der Berliner Junge Gustav mit der Hupe wundert sich über den herausgeputzten Jungen in seinem Viertel. Als Gustav ihn anspricht, um zu erfahren, warum er sich denn samt Koffer und Blumen im Sonntagsstad hinter dem Büdchen versteckt, kann Emil nicht anders, als Gustav seine Geschichte zu erzählen; die Reise von Neustadt nach Berlin zur Oma, dass er im Abteil einschlief und ihm Geld gestohlen wurde, das er nun unbedingt zurückerlangen muss, dass der Übeltäter gegenüber im Café sitzt und wahrscheinlich gerade alles verprasst.

Gustav ist sofort mit Feuereifer dabei und bietet Emil seine Hilfe an. Emil, überrascht, nimmt dankend an und wird kurz darauf von einer Welle der Hilfsbereitschaft und Sympathie übermannt, als Gustav zwei Dutzend Kindern aus dem Viertel zusammentrommelt (mit der Hupe!), und sogleich ein filmreifer Schlachtplan ausgeheckt wird. Der Professor übernimmt selbstverständlich die Koordinationsleitung, Teams werden gebildet, der kleinste Junge, Dienstag, wird mach Hause geschickt, um dort als Schnittstelle beziehungsweise Telefonzentrale zu fungieren, Parole „Emil“! Alle leeren ihre Taschen und immerhin über 5,- Mark kommen zusammen, welche in eine gemeinsame Kriegskasse gehen. Es kann losgehen!

Verschiedene Teams werden gebildet und die Observation wird aufs Sorgfältigste besprochen, vorbereitet und durchgeführt. Als Herr Grundeis das Café verlässt, geht es los, die Verfolgung beginnt. Diese führt die Kinder durch den gesamten Stadtteil; sogar mit dem Taxi folgen sie dem Dieb. Dieser hat den Weg zu einem Hotel eingeschlagen, welches er betritt und erstmal nicht wieder verlässt. Nun ist guter Rat einmal mehr teuer. Doch die muntere und Abenteuer hungrige Bande findet rasch in dem Liftboy des Hotels einen weiteren Verbündeten, sodass der Fortgang der Ermittlungen gesichert ist.

Und die Oma? Im Eifer all dieser kleinen und größeren Gefechte hat Emil selbstverständlich immer auch an seine liebe Oma gedacht. Diese hatte ihn vom Zug abholen wollen. Und auch seine Kusine Pony Hütchen hatte vergeblich gemeinsam mit der Oma an der Bahnstation auf Emil gewartet. Sie hatte sogar gebettelt, ihr verzinktes Fahrrad mitnehmen zu dürfen. Bevor die Kinder die Verfolgungsjagd Richtung Hotel aufnahmen, wurde der Oma eine Eildepesche mittels Boten (einer der Berliner Jungs) überbracht. Erstaunlich gelassen agiert Emils Oma während der gesamten Geschichte. Und obwohl es der Depesche untersagt war, zu sagen, wo man sich derzeit aufhalte, stößt schon bald darauf Emils Kusine Pony Hütchen zu dem munteren Trupp. Natürlich nicht ohne Stullen. Diese hatten sich die Kinder zwar auch schon im Rahmen der Vorbereitungsmaßnahmen besorgt, doch um Pony Hütchen nicht zu enttäuschen, isst man, als hätte man seit Tagen Hunger gelitten.

Und so setzt es sich fort, das Abenteuer von Emil Tischbein und der Wiedererlangung der 140,- Mark. Dabei hört man selbst beim Lesen die Berliner Schnauze der beteiligten Kinder und Gesetzeshüter heraus, was mir ungemein gefallen hat! Erich Kästner schreibt in einmalig lebendiger und positiver Sprache, dass es die helle Freude ist, Emil bei seinem Abenteuer lesend zu begleiten. Doch auch harte Worte überraschen den Leser ab und an.

Für mich war es mit 36 Jahren das erste Mal, dass ich über Emil gelesen habe. Umso mehr kann ich es auch anderen Erwachsenen und Heranwachsenden Krimifreunden empfehlen. Dass die Geschichte ein glückliches Ende nimmt, versteht sich ja quasi von selbst. Und auch, wenn man ihn allerorts erfragen und nachlesen kann, möchte ich den Ausgang nicht vorweg nehmen. Doch so viel sei gesagt: Es wird ein fulminantes Ende mit einem Ausgang, den niemand beim Erwachen des kleinen Emil in seiner Ecke des Holzabteils erwartet hätte.

 

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Emil und die Detektive | Erstmals 1929 erschienen. Die gelesene 152. Auflage erschien am 28. August 2010 bei Dressler
ISBN 978-3-79153-012-3
1760 Seiten | 12,- Euro
empfohlen ab 10 Jahren
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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