Kategorie: Ermittler

Rezensent

Nils Westerboer | Athos 2643

Nils Westerboer | Athos 2643

Neben dem Krimigenre gehört Science Fiction sicherlich ebenfalls zu den unterschätzten Gattungen der Literatur. Denn oftmals steckt in vermeintlichen Genrewerken so viel mehr drin. Während der literarische Krimi sich gerne mit handfesten sozialen, gesellschaftlichen und politischen Themen auseinandersetzt, probiert es Science Fiction oft mit den großen Themen der Philosophie, Ethik oder sogar Theologie. Genau diesen Ansatz wählt auch Nils Westerboer in seinem Roman „Athos 2643“.

Aber zunächst zur Ausgangslage. Wir schreiben das Jahr 2643. Die Menschheit war irgendwann im ausgehenden 21.Jahrhundert aufgrund einer Pandemie gezwungen, die Erde zu verlassen. Wenige überlebten das „Nadelöhr“, den Sprung zum Mond und von dort aus weiter ins ganze Sonnensystem. Mit Hilfe des großflächigen Einsatzes künstlicher Intelligenzen bis hin zum humanoider Chimären (die allerdings aufgrund eines Terrorangriffs vor mehr als 200 Jahren deaktiviert wurden) hat der Mensch den lebensfeindlichen Weltraum erschließen können. Über den Status der zum Einsatz kommenden Intelligenzen und die Funktionseinstufung der menschlichen Bewohner wacht das Kollektiv der sogenannten „Obhut“. Die KI haben grundsätzlich zwei Funktionsstufen: In der Stufe „util“ handelt die KI im Sinne des größstmöglichen Nutzens des von ihr zu betreuenden Habitats, was allerdings Kollateralschäden für einzelne Personen nicht aussschließt. In der Stufe „deon“ handelt die KI streng ethisch für jeden Einzelnen.

Auf „Athos“, einem kleinen felsigen Objekt in der Umlaufbahn des Neptun, ehemals als Mine erschlossen, aber lange aufgegeben, befindet sich ein Kloster einer christlichen Gemeinschaft mit lediglich acht Bewohnern. Angeschlossen ist zudem eine Fleischfabrik (der Begriff ist wörtlich zu nehmen, Nutztiere wurden zur Fleischproduktion optimiert und ohne nicht benötigte Körperteile gehalten), in der sich ein Todesfall ereignet hat. Ein Mönch wurde von einer Schlachterdrohne getötet. Ein Vorfall, der mit einer funktionierenden KI, die die ganze Station auf Athos steuert, nicht hätte vorkommen sollen. Zur Prüfung und Neueinstellung der KI wird Rüd Kartheiser geschickt. Er ist Inquisitor und soll die KI mit Hilfe von Konversationstechniken von „util“ auf „deon“ einstellen. Mit dabei als Partner hat Rüd die holografische KI Zack. Zack erscheint als attraktive Frau, was Rüd auch ausnutzt, und was im Kloster einige ziemlich irritiert. Rüd trifft auf relativ geringe Unterstützung sowohl bei den Mönchen als auch bei der KI des Klosters, MARFA. Je länger er auf Athos verweilt, umso mehr stellt Rüd fest, dass irgendein tieferes Geheimis die Gemeinschaft und ihre KI umgibt. Um seinen Auftrag erfüllen zu können, ist Rüd schließlich bereit, entscheidende Anweisungen der Obhut zu missachten und Zack einen weiterreichenden Status freizuschalten.

„Wem vertrauen Sie eigentlich mehr?“, fragt Rüd kopfschüttelnd. „Ihrer MARFA oder dem lieben Gott?“
Gembdenbach hebt die Hände, als sei Rüd ein unbelehrbares Kind, an das jede Mühe verschwindet ist.
Uri springt für ihn ein. „Das – Oder – ist – falsch“, piepst er. (Auszug S. 195)

Der Weltraum ist als Setting bei mir eher unterrepräsentiert. Vielleicht zu Unrecht, denn das Genre bietet so viel mehr als Space Operas. „Athos 2643“ lässt nach dem Klappentext dann auch eher einen Krimi vermuten. Der Schauplatz in einem Mönchskloster auf einem Neptunmond, zwei Ermittler kommen hinzu, die Klostergemeinschaft hat etwas zu verbergen – da wurden bei mir gewisse Assoziationen mit „Der Name der Rose“ geweckt. Und das nicht ganz zu Unrecht, denn die Kriminalhandlung tritt teilweise deutlich in den Hintergrund, denn auf diesem menschlichen Außenposten werden wichtige Fragen der Philosophie, Ethik und Theologie aufgeworfen und behandelt. Kein Wunder, ist Autor Nils Westerboer doch auch studierter Theologe. In meinen laienhaften Worten zusammengefasst, dreht sich vieles um Descartes berühmten Ausspruch: „Cogito ergo sum.“ Nur diesmal als Frage formuliert. Inwieweit können künstliche Intelligenzen „sein“? Was unterscheidet sie noch von echten Menschen und wird dies überwunden?

Vergessen als Fähigkeit.
Ich begreife jetzt: Entscheiden braucht Vergessen. Solange ich alles weiß, was ich wissen kann, sind meine Entscheidungen keine Entscheidungen, sondern Folgerungen. Kann ich vergessen, tappe ich, wie die Menschen in einer Dämmerung zwischen hell und dunkel, stochere in teils klaren, teils vagen Erinnerungen, wäre gezwungen, zu wägen, zu ermessen, müsste, könnte entscheiden.
Entscheiden braucht Vergessen.
Echtes Vergessen. (Auszug S. 363)

Oben hatte ich formuliert, dass die Krimihandlung in den Hintergrund rückt. Dadurch kam es für mich zwischendurch auch zu etwas langatmigen Passagen, aber zum Glück behält Westerboer einen Spannungsbogen, der zum Schluss nochmal in Form eines Thrillers anzieht. Besonderen Reiz gewinnt der Roman durch die Erzählperspektive: Die KI Zack führt als Ich-Erzähler*in durch die Handlung. Zack macht während des Romans eine Entwicklung durch, man könnte darüber streiten, ob ihre Erzählstimme dem immer angemessen ist. Insgesamt konnte mich „Athos 2643“ aber doch überzeugen. Ein hintergründiger Science-Fiction-Spannungsroman, bei dem man manche Passage erstmal sacken lassen muss – aber das muss ja auch bei Spannungsliteratur kein Nachteil sein.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Athos 2643 | Erschienen am 19.02.2022 bei Hobbit Presse im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-98494-1
432 Seiten | 18,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Walter Mosley | Der weiße Schmetterling (Band 3)

Walter Mosley | Der weiße Schmetterling (Band 3)

Sie trugen die Leiche auf einer Bahre weg, als die Fotografen fertig waren – Polizeifotografen, keine Reporter, 1956 war eine Schwarze, die umgebracht worden war, kein Fotomaterial für die Zeitungen. (Auszug Seite 12)

Watts ist ein überwiegend von Afroamerikanern bewohnter Distrikt im südlichen Los Angeles mit einer hohen Kriminalrate. Der amerikanische Schriftsteller Walter Mosley wuchs in dem Stadtteil auf und führt uns in seinem Thriller ins Jahr 1956. Als ein Serienmörder drei Frauen, alles Schwarze und leichte Mädchen tötet, zeigen Polizei und Presse wenig Interesse. Erst als das vierte Opfer eine Weiße und noch dazu die Tochter eines Staatsanwalts ist, beginnen sie ernsthaft zu ermitteln. Der schwarze Privatdetektiv Ezekiel „Easy“ Rawlins wird vom Los Angeles Police Departement um Hilfe gebeten, weil der Täter im schwarzen Milieu vermutet wird und Easy sich in Watts bestens auskennt. Widerwillig beginnt Easy zu ermitteln und findet auch gegen den Willen des Staatsanwalts heraus, dass seine ermorderte Tochter  ein Kind von einem Schwarzen bekommen hatte. Ihm zur Seite steht sein loyaler Freund Mouse, der sich perfekt auf der Straße auskennt, ansonsten aber sehr unberechenbar wie eine tickende Zeitbombe agiert.

Der Thriller fand mein Interesse, da hier mal ein schwarzer Hardboiled Detective in den Fokus gesetzt wurde. Es geht Walter Mosley auch weniger um den Krimiplot, der eher beiläufig erzählt wird und vielleicht einen größeren Spannungsbogen vertragen hätte. Vielmehr geht es ihm um eine Schilderung des Milieus aus der Sicht des schwarzen Ich-Erzählers und die Auseinandersetzung mit dem täglichen Rassismus. Easy Rawlins ist selbstbewusst und clever, hat aber gar keine Lizenz und ist mehr Ganove als Private Eye. Er ist mit Regina verheiratet und lebt mit ihr, der kleinen Tochter und ihrem Adoptivsohn Jesus zusammen. Leider bin ich weder mit ihm noch seinem durchgeknallten Freund Mouse richtig warm geworden. Das lag auch an einer Szene zu Beginn, in der Easy seine Ehefrau zum Sex zwingt.

„Vergewaltigt?“ Ich lachte. „Ein Mann kann doch seine eigene Frau nich vergewaltigen.“ Mein Lachen erstarb, als ich die zornigen Tränen in Reginas Augen sah. (Auszug Seite 46)

Dabei hat mir die schnörkellose Erzählweise des afro-amerikanischen Autors ganz gut gefallen. Es zieht sich so ein spezieller Sprachrhythmus, manchmal ironisch, lakonisch, aber auch melancholisch durch das ganze Buch und er findet immer den richtigen Ton. Wie sein Protagonist kennt Mosley die Bewohner von Watts und hat sie genau beobachtet. Auch die Atmosphäre der 50er/60er Jahre kommt gut rüber. Sehr gestört hat mich aber der Versuch, den gebräuchlichen Straßenjargon eine passende deutsche Entsprechung zu geben. Das hat mir den Thriller echt vermiest und ich habe mich bis zum Schluss durchgequält.

Walter Mosley gelang mit seinen 11 Thrillern um den schwarzen Privatdetektiv Easy Rawlins in einem Zeitraum von 17 Jahren der Durchbruch in den USA. Gleich sein erster Thriller „Teufel in Blau“ sorgte durch die erfolgreiche Verfilmung mit Denzel Washington für Furore und seitdem zählt er zu den bekanntesten Schriftstellern der USA. 2020 erhielt er als erster schwarzer Schriftsteller die National Book Foundation Medal.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Der weiße Schmetterling | Erstmals erschienen 1992
Die Neuausgabe erschien am 28.01.2021 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-3111-5511-9
320 Seiten | 12,00 €
Originaltitel: White Butterfly (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Dietlind Kaiser)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Abgehakt | Kurzrezensionen März 2022

Abgehakt | Kurzrezensionen März 2022

Unsere Kurzrezensionen zum Ende März 2022

 

Philip Kerr | Metropolis

Lange vor Volker Kutscher und Co. startete Philip Kerr seine Reihe um den zynischen, aber moralisch integren Privatdetektiv und ehemaligen Polizisten Bernie Gunther während der Nazi-Zeit. Spielten die ersten Bände Mitte/Ende der 1930er, so waren die letzten Bände in der Nachkriegszeit angelegt, in der es aber immer noch vor Nazis wimmelte. Kurz vor seinem viel zu frühen Tod 2019 stellte der Autor mit Band 14 noch dieses Prequel fertig, dass 1928 spielt.

Gunther ist noch bei der Berliner Polizei und wechselt gerade von der Sitte zur Kripo zu dem inzwischen allgemein bekannten Ernst Gennat und seinem Chef Julius Weiß. Die Kripo hat Ende der goldenen Zwanziger alle Hände voll zu tun. Die Stadt in Aufruhr hält gerade ein Serienmörder, der „Winnetou“ genannt wird, weil er seine Opfer, Prostituierte, skalpiert. Kurz darauf wird ein weiterer Serientäter aktiv, das Opfer sind diesmal kriegsversehrte Obdachlose. Gunther ist der einzige, der hier einen Zusammenhang vermutet.

Die Zutaten dieses historischen Krimis sind inzwischen allgemein bekannt, wie auch viele der auftretenden Figuren. Kerr war ein versierter Rechercheur, es gibt vielerlei Verwebung von Fakten und realen Personen. So baut Kerr eine Begegnung mit George Grosz oder einen Besuch der legendären Kneipe „Sing Sing“ ein. Allgemein geht es um den Moloch Berlin, den manche am liebsten von einigen Menschen gesäubert sehen würden, seien es Huren, Krüppel oder Juden, das gesunde Volksempfinden und allgemein um Schäden der Seele. Die Nazis mit ihren menschenverachtenden Parolen erreichen immer mehr Zulauf. Natürlich tummeln sich inzwischen einige Autoren auf dieser Spielwiese, aber das Niveau von Kerr über die gesamte Reihe ist schwer zu erreichen. Aus meiner Sicht war diese Reihe immer geradliniger und stilistisch besser als die Konkurrenz in diesem Genre. Sehr traurig, dass dies der letzte Roman von Philip Kerr bleiben wird.

 

Metropolis | Erschienen am 14.09.2021 bei Wunderlich im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-8052-0047-9
400 Seiten | 24,- Euro
Originaltitel: Metropolis (Übersetzung aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4,0 von 5
Genre: Historischer Krimi

 

John McMahon | Cold Detective

Detective P.T. Marsh ist seit dem Unfalltod seiner Frau und seines Kindes nur noch ein Schatten früherer Tage, auch wenn er das im Dienst noch halbwegs verbergen kann. Eine Stripperin erzählt ihm, dass sie häufig von ihrem Freund verprügelt wird. Marsh nimmt sich eines Nachts im trunkenen Zustand der Sache an und verpasst dem Typen eine Abreibung. Dummerweise wird Marsh am nächsten Morgen zu einem Mordfall gerufen und ebenjener Typ, ein Neonazi, ist das Opfer. Die Sache wird aber schnell überlagert von einem weiteren Todesfund. Ein Feldbrand wird gelöscht und der Leichnam eines toten schwarzen Teenagers gefunden. Marsh merkt schnell, dass dies ein Lynchmord war und versucht Details verbogen zu halten, um keinen Aufruhr in der Bevölkerung in der Kleinstadt in Georgia hervorzurufen. Indizien führen zu dem toten Neonazi und Marsh stellt sich die Frage, ob er nicht doch versehentlich den Hauptverdächtigen ermordet hat.

„Cold Detective“ ist der Auftakt zu einer Reihe um den Detective P.T. Marsh aus Georgia, der hier im ersten Fall es mit einer offensichtlich rassistischen Tat zu hat. Autor John McMahon spielt mit verschiedenen Versatzstücken, die allesamt dem Leser nicht ganz unbekannt sind: Der gebrochene Ermittler im Kampf gegen alte Ressentiments, gegen korrupte Kollegen und andere gesellschaftlich hochrangige Personen. Die Tat und ihre Umstände sind nicht frei von Mystik, was gewisse Inspiration z.B. bei der Serie „True Detective“ vermuten lässt. Dennoch macht der Autor das über weite Strecken routiniert und ordentlich. „The Good Detective“, so der Originaltitel, wurde 2019 immerhin für den Edgar nominiert. Der Reiz des Plots liegt auch daran, dass der offensichtlich unbestechliche Ermittler immer wieder Angst haben muss, selbst als Verdächtiger im ersten Mordfall in den Fokus zu geraten. Ein wenig übertrieben fand ich jedoch die weitere Entwicklung im Lynchmord, bei dem für meinen Geschmack ein allzu großes Rad gedreht wird. Insgesamt mit Abstrichen aber ein passabler Reihenauftakt.

 

Cold Detective | Erschienen am 07.01.2022 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-31711-5
400 Seiten | 13,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-492-99980-9 | 9,99 €
Originaltitel: The Good Detective (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Sven-Eric Wehmeyer)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,0 von 5,0
Genre: Gesellschaftskritischer Krimi

 

 

Doug Johnstone | Eingeäschert (Band 1)

Als Bestattungsunternehmer Jim Skelf mit etwa siebzig Jahren plözlich verstirbt, hinterlässt er drei Frauen, die sich fortan ums Familienunternehmen, zu dem auch eine Detektei gehört, kümmern müssen: Seine Frau Dorothy, seine Tochter Jenny und Enkelin Hannah. Ganz schnell kommt heraus, dass Jim regelmäßige Geldzahlungen an eine Frau und ihre Tochter vor seiner Frau verheimlicht hat, was Dorothy sehr erschüttert. Währenddessen verschwindet die Mitbewohnerin aus Hannahs Studenten-WG spurlos und da die Polizei wenig unternimmt, soll nach Hannahs Wunsch die Detektei Skelf das Verschwinden von Melanie Cheng aufklären.

„Eingeäschert“ ist der Auftakt zu einer Reihe um die drei Damen vom Bestattungsinstitut. Sehr morbide beginnt der Roman mit der Einäscherung des toten Familienoberhaupts Jim Skelf auf einem Scheiterhaufen im Garten. In der Folgezeit begleiten wir Dorothy, Jenny und Hannah abwechselnd durch Perspektivwechsel bei ihren Ermittlungen. Dorothy im Fall Jim Skelf, Jenny in einem neuen Fall von vermeintlichem Ehebruch, den die Detektei annimmt, und Hannah im Fall Melanie Cheng.

Autor Doug Johnstone ist von Haus aus Astrophysiker und somit darf der Originaltitel „A Dark Matter“ (Dunkle Materie) gerne erwähnt werden, denn er beschreibt sehr gut die Lebenslagen der drei Frauen, die sich neben der Trauer um Jim in unterschiedlichen Lebensaltern verschiedenen Krisen ausgesetzt sehen. Dorothy als belogene Ehefrau, Jenny frisch geschieden und joblos in der Midlife-Crisis, Hannah in tiefer Sorge um eine enge Freundin. Ihre Bahnen und Geschicke werden von unbekannten Dingen beeinflusst wie dunkle Materie das Universum. Ein gelungener Kriminalroman um familiäre Bande, das Leben und den Tod und über toxische Beziehungen mit einem ungewöhnlichen weiblichen Ermittlertrio.

 

Eingeäschert | Erschienen am 18.01.2022 im Polar Verlag
ISBN 978-3-948392-42-0
424 Seiten | 25,- €
Originaltitel: A Dark Matter (Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Krimi

 

Ralf Langroth | Ein Präsident verschwindet

Besagter Präsident ist der Chef des damals noch sehr jungen bundesdeutschen Verfassungsschutzes. Am 20. Juli 1954 verschwindet Otto John und taucht kurz darauf scheinbar freiwillig in Ost-Berlin bei einer Pressekonferenz mit den DDR-Spitzen auf. Ein Coup der DDR gegen den Westen mit seiner Nazi-Kontinuität oder ist John doch nicht so freiwillig wie gedacht im Osten? Philipp Gerber von der Sicherungsgruppe des BKA soll in Berlin auf besonderen Wunsches von Kanzler Adenauer ermitteln. Das kommt Gerber sehr gelegen, ist doch seine Freundin, die Journalistin Eva Herden, ebenfalls in Berlin verschwunden. Hat sie etwas mit dem Fall Otto John zu tun?

Der Roman ist der zweite Band der Reihe historischer Thriller um den BKA-Beamten Philipp Gerber, der als Ausgewanderter mit der amerikanischen Armee im 2.Weltkrieg nach Deutschland kam und nun dort geblieben ist. Erneut hat der Autor sich ein reales Ereignis ausgesucht, um die er seine fiktive Geschichte platziert: Den Skandal um Otto John. Das Setting um die Schauplätze Bonn, Berlin und Pullach ist stimmig und akkurat wie auch die weiteren realen Persönlichkeiten, die hier als Figuren eingebettet werden, etwa Kanzler Adenauer oder Reinhard Gehlen, Ex-Wehrmachtsgeneral und dann Chef der Organisation Gehlen, Vorläufer des BND. Auch der Plot um Ost-West-Spionage und Misstrauen zwischen den westdeutschen Geheimdiensten ist gut gemacht und spannend. Ein wenig fallen die Figuren ab, bei denen es dann doch etwas an Tiefe fehlt. Aber als spannender Exkurs in deutsch-deutsche Geschichte ist dieser Roman nicht verkehrt.

 

Ein Präsident verschwindet | Erschienen am 15.02.2022 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-00477-3
384 Seiten | 16,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-644-00829-8 | 9,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5;
Genre: Historischer Krimi

 

Fotos und Rezensionen von Gunnar Wolters.

Stephanie Bart | Deutscher Meister

Stephanie Bart | Deutscher Meister

Im Frühjahr 1933 ist der Vorsitzender des Verbandes deutscher Faustkämpfer bestrebt, den Boxsport besonders schnell im Sinne der neuen Machthaber aufzustellen. Daher wird der jüdische Halbschwergewichtler Erich Seelig im Vorfeld seines Meisterschaftskampfes bedroht, ihm die Teilnahme entzogen und der Meistertitel aberkannt. Dadurch ergibt sich ein vakanter Meisterschaftstitel, um den nun Johann „Rukeli“ Trollmann kämpfen darf.

Doch Trollmann ist ein Sinto und daher dem Verband natürlich ebenfalls ein Dorn im Auge. Schon mehrfach sind dem sehr talentierten Trollmann Steine in den Weg gelegt worden, aber er ist ein Publikumsliebling. Trollmann ist für hervorragende Beinarbeit und Defensivtaktik bekannt, zudem neigt er im Ring zur Demonstration seiner Überlegenheit, in dem er den Gegner vorführt und provoziert (Der Leser zieht selbstverständlich direkt Parallelen zu Muhammed Ali). Für den Verbandsvorsitzenden ist das kein „arisches“ Boxen und für ihn steht fest: Trollmann darf den Meisterschaftskampf am 09.06.1933 gegen Adolf Witt nicht gewinnen. Aufgrund der Popularität Trollmanns aber am besten durch eine halbwegs reguläre Niederlage, um das Publikum zu beruhigen. So wird im Vorfeld aber an einigen Fäden gezogen, um die Niederlage Trollmanns vorzubereiten.

Die wahre Geschichte des Boxers Johann „Rukeli“ Trollmann wird hier in mehreren Monaten des Jahres 1933 nacherzählt, bei der man, ohne zu spoilern, von einer tragischen Geschichte sprechen darf. Das Schicksal Trollmann steht dabei exemplarisch für die Zerstörung von vielversprechenden Karrieren und Leben durch nationalsozialistische Funktionäre. Erst 2003 wurde Trollmann, der 1944 im KZ starb, postum in die Reihe der deutschen Boxmeister aufgenommen.

Die Autorin Stephanie Bart zeichnet das Porträt Trollmanns als das eines lebenslustigen, fröhlichen Mannes, eitel, aber mit Sportsgeist und Familiensinn, im Ring manchmal ein etwas schlampiges Genie. Die Benachteiligung als Sinto ist ihm allgegenwärtig, trotzdem hofft er auf den Meistertitel. Dagegen wird der Vorsitzende des Verbandes nie mit seinem richtigen Namen erwähnt, ein biederer Funktionär und Opportunist ersten Ranges. Die Figurenzeichnungen der Autorin sind bis in die Nebenfiguren brillant, vom betrunkenen SA-Schläger, die eitle und anbiedernde Sportpresse über die zynisch kommentierenden Boxhonorationen, bis hin zum Edelboxfan Bishop und den beiden Bäckereiverkäuferinnen und Trollmann-Fans Kurzbein und Plaschnikow, die bis zuletzt den Naziblockwart provozieren.

Man hätte nicht sagen können, ob das Schreien den Körper steuerte oder ihm folgte: Vereinigt waren die Menschen, hatten Bäckereien, SA und Zigeunersein, hatten die Welt verlassen, um in der Gegenwart des Augenblicks aufzugehen. Trollmann gab sich der Bewegung hin, ließ jenseits der Seile ausatmend die Beine herab, setzte mit beden Füßen auf und hatte damit den Ring betreten. Hinter ihm glitt der Saum des Mantels vom Seil. Es war der Kampf um den Titel des Deutschen Meisters im Halbschwergewicht am 9. Juni 1933 in der Bockbrauerei, Fidicinstraße, Berlin-Kreuzberg. (Auszug S.9)

Eine zentrale Rolle im Roman nehmen die meisterhaften Schilderungen der Boxkämpfe ein, allen voran der Kampf Trollmann vs. Witt, der zu einem Kampf der System hochstilisiert wird. Nicht nur der Kampf selbst, auch das Geschehen rund um den Ring wird im Stile einer Reportage brillant wiedergegeben. Auch der zweite große Kampf Eder vs. Trollmann wird prägnant geschildert – der letzte Kampf Trollmanns, eine Farce von Anfang bis Ende, bei der Trollmann aber durch seine Inszenierung der Farce seinen eigenen Stempel aufdrückt.

„Deutscher Meister“ ist ein aufrüttelnder Roman über die „Gleichschaltung“ des Sports in der NS-Zeit und im speziellen über einen großen Sportler, dem große Ungerechtigkeit und Niedertracht widerfährt. Auch für den Leser heutzutage fühlt sich das an wie ein Faustschlag ins Gesicht. Daneben bettet die Autorin weitere Ereignisse der ersten Monate unter NS-Herrschaft in die Handlung ein. Bestechend sind neben den Figuren vor allem die Beschreibung der Kämpfe, die fast filmisch beschrieben werden. Ein großartiger Roman, der nicht nur für Fans des Boxsports eine Lektüre wert sein sollte.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Deutscher Meister | Erschienen am 12.08.2014 im Hoffmann & Campe Verlag
ISBN 978-3-455-65092-1
Als Taschenbuchausgabe: 384 Seiten | 12,- €
Die gelesene Ausgabe erschien 2015 als Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Ellen Dunne | Boom Town Blues (Band 3)

Ellen Dunne | Boom Town Blues (Band 3)

Ein Umriss kommt ihm entgegen. Kein Alien, sondern ein Mann im Schwarz. Er trägt einen Motorradhelm mit aufgeklapptem Visier. Wie einer der Kuriere für die Büropost. Um diese Zeit?
„n’Abend“, sagt der Kurier. „Ich suche nach Aidan Kelleher. Wohnt der hier? Ich soll was für ihn abgeben.“
„Von wem?“, fragt Aidan. Weiß sofort: Das hätte er nicht sagen sollen. (Auszug S.11)

Polizeihauptkommissarin Patsy Logan befindet sich auf einer längeren Auszeit vor den Problemen ihrer Ehe und der karrieretechnischen Sackgasse im Münchener Kommissariat. Sie ist in die Heimat ihres Vaters nach Dublin geflohen und wohnt bei ihrer Cousine Sinéad. Doch der Beruf lässt sie auch in Irland nicht los. Auf einer Party des österreichischen Botschafters ist es zu einem seltsamen Todesfall gekommen, eine junge deutsche Praktikantin wurde vergiftet. Weil gerade kein deutscher Verbindungsbeamte in der Botschaft anwesend ist, soll Patsy die Ermittlungen der irischen Polizei begleiten. Doch wie Patsy nun so ist, kann sie sich mit einer Zuschauerrolle nicht begnügen.

„Vielen Dank, DI Logan.“ Flanagan entschränkte seine Arme, strich sich sorgfältig die Krawatte glatt. „Ich hatte mit einer Frage gerechnet, und Sie präsentieren uns hier schon eine ganze Theorie. Ich bin beeindruckt.“ Flanagan war nicht beeindruckt, so viel war sicher. Unter dem Samthandschuh seiner Freundlichkeit nicht als Stahl. (Auszug S.153)

Gemeinsam mit ihrem österreichischen Kollegen Sam Feurstein beginnt sie eigene Spuren zu verfolgen, schnell findet sie heraus, dass die Tote offenbar nicht das Ziel des Anschlags war. Und der Kollege Feurstein bemerkt Verbindungen zu einem weiteren ungeklärten Mordfall an dem jungen Anwalt Kelleher. Die Zusammenhänge führen in die jüngere Vergangenheit Irlands, dem keltischen Tiger, der Immobilienblase und dem jähen Absturz in der Finanzkrise 2008/09. Doch selbst mit den Schulden der Finanzkrise lässt sich im Nachhinein noch gutes Geld machen und auch nachträglich werden noch Leben zerstört.

„Boom Town Blues“ ist der dritte Band der in Irland lebenden österreichischen Autorin Ellen Dunne um die Münchener Kommissarin Patsy Logan. Vater Ire, Mutter Deutsche. Schwierige Kindheit, der Vater irgendwann spurlos verschwunden. Für tot erklärt, aber für Patsy sind da noch zu viele Fragen offen. Patsy ist eine sehr gute Kommissarin, hat aber wie viele Frauen einen schweren Stand in der Welt der Polizei und ihrer Alpha-Männchen. Ihre Ehe mit dem Psychiater Stephan ist kinderlos trotz vieler Versuche und inzwischen auch auf einem Scheideweg. Nach zwei Romanen im Insel Verlag bei Suhrkamp und einem Schwerpunkt des Schauplatzes in München, ist dieser Roman nun im Innsbrucker Haymon Verlag erschienen, spielt ausschließlich in Irland und wird hoffentlich einen erfolgreichen Neubeginn der Reihe bedeuten. Denn der Wechsel des Settings tut der Reihe und der Protagonistin sichtlich gut. Der Schwermut der Protagonistin und Ich-Erzählerin wird in diesem Roman sehr selbstironisch und schwarzhumorig in einem lässigen Ton aufgefangen. Auch dieses Buch enthält einiges Privates der Hauptfigur, aber in einem ausgewogenen Verhältnis. Die Ermittlungen werden immer von Kapiteln unterbrochen, die die Vorgeschichte und Hintergründe andeuten und sich am Ende zu einem Ganzen zusammenfügen. Ohne zu viel zu verraten, werden die dunklen Seiten der Boom Town Dublin angedeutet und den Raubtierkapitalismus, den man damals entfesselt hat.

Oft geht es mir so, dass ich mir bei den Krimineuerscheinungen möglichst ausgefallene Romane aussuche, auf der Suche nach dem ungewöhnlichen Setting, der extravaganten Hauptfigur, dem düstersten Noir oder ähnlichem. Und dabei verliert man manchmal die Qualität der auf den ersten Blick vielleicht unscheinbaren, bodenständigen Kriminalromane aus den Augen. Ein solches Exemplar von Bodenständigkeit im besten Sinne ist auch „Boom Town Blues“, authentische Figuren inklusive einer zynisch-ironisch kommentierenden Ich-Erzählerin, ein spannender, aber nicht überdrehter Plot und ein lässiger, verknappter Schreibstil. Patsys dritter Fall ist meiner Meinung nach der bislang beste der Reihe und defintiv eine Lektüre wert.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Boom Town Blues | Erschienen am 22.02.2022 im Haymon Verlag
ISBN 978-3-7099-7939-6
320 Seiten | 13,95 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezensionen zu Band 1 und Band 2 der Patsy Logan-Reihe