Kategorie: Gunnar Wolters

Hoeps & Toes | Der Tallinn-Twist

Hoeps & Toes | Der Tallinn-Twist

Die niederländische Anwältin Marie Vos arbeitet seit etwa einem Jahr erfolgreich bei der Anti-Betrugseinheit der Europäischen Union, als sie von der Security-Abteilung, sozusagen der Geheimdienst der EU, rekrutiert wird und direkt in eine konkrete Operation eingebunden wird. Der Deutsche Dennis Bahr ist ein EU-Beschäftigter in einer Taskforce zur Rekommunalisierung der Wasserwirtschaft. Er steht unter Verdacht der Spionage für die Gegenseite. Bahr soll bei einer Joggingrunde festgenommen werden. Doch die Operation geht schief, Bahr entkommt und wird doch wenig später tot aufgefundet. Die Todesursache ist unklar, allerdings ist die Temperatur der Leiche etwas sehr kühl für das frische, aber keineswegs sibirische Wetter in Brüssel. Das Leck innerhalb der Taskforce ist also immer noch offen, sodass Vos als neue Assistentin der Leiterin Guiliani in die Taskforce eingeschleust wird.

Die „Taskforce für eine Neuordnung der europäischen Wasserversorgung“ ist eine Einrichtung, die als Reaktion auf zahlreiche Probleme mit der Privatisierung weiter Teile der Wasserversorgung und auf den Protest zahlreicher EU-Bürger*innen gegründet wurde. Der letzte öffentlichkeitswirksame Protest in Brüssel endete tragischerweise mit zwei Todesopfern. Die Taskforce mit vier Mitgliedern aus verschiedenen Generaldirektionen der EU soll nun in Tallinn in Estland einen Mustervertrag zur Rekommunalisierung der örtlichen Wasserwerke zum Abschluss bringen. Doch das ist mit erheblichen Widerständen verbunden. Auch innerhalb der EU-Organisation stehen nicht alle hinter dem Vorhaben. Gravierender ist aber die Gegenwehr der privaten Wasserunternehmen. Wie weit sind diese bereit zu gehen und inwiefern spielen staatliche und geheimdienstliche Akteure (auch außerhalb der EU) eine Rolle? In Estland erwartet die Taskforce ein rauher Wind. Die erstarkten Rechtspopulisten haben nicht vor, sich von der EU bevormunden zu lassen. Erschüchterung, Falschmeldungen und blanke Gewalt bedrohen die Verhandlungen. Marie Vos wird in ihrer neue Rolle direkt stark gefordert. Doch bei allem Druck von außen, bleibt die Frage, wer innerhalb der Taskforce ein falsches Spiel treibt.

„Das ist eine schamlose Erpressung! Darauf gehen Sie doch nicht ein, oder?“, zischte er. „Autoritäre Regierungen, pfff! Diese Subventionsjäger drohen mit der Pest und bringen uns die Cholera.“ (Auszug S.240)

Hoeps und Toes sind ein seit Jahren erfolgreich zusammenarbeitendes deutsch-niederländisches Autoren-Duo. Zuletzt hatten sich mit „Die Cannabis-Connection“ einen clever konstruierten Thriller um einen deutschen Staatssekretär verfasst, der in Folge seiner Gesetzesentwürfe zur Cannabis-Legalisierung bedroht wird. Beide schreiben abwechselnd ihre Kapitel, wobei Thomas Hoeps seine auf Deutsch verfasst und die Kapitel seines niederländischen Kollegen Jac. Toes ins Deutsche übersetzt.

Mit dem vorliegenden Roman haben sie wiederum ein sehr spannendes und sehr aktuelles Thema in ihrem Thriller aufgegriffen. Das Problem der Wasserversorgung durch private Konzerne ist inzwischen an einigen Stellen schon negativ aufgefallen. Es geht vor allem um Versorgungssicherheit, um soziale Fragen und staatliche Einflussmöglichkeit auf ein Grundgut der Daseinsvorsorge. Im Plot des Romans kommen zwei weitere brandaktuelle Aspekte hinzu: Zum einen die Erfolge rechtspopulistischer Regierungen vor allem in Osteuropa, die die Grenzen der EU bewusst ausloten, sich europäische Einflussnahme verbitten oder sich durch EU-Subventionen teuer bezahlen lassen. Zum anderen der Einfluss fremder Kräfte auf die EU, gerade Estland fürchtet den Nachbarn Russland, zumal es ein große russische Minderheit in Estland gibt. In der Logik Putins böte sich im Falle einer erfolgreichen „Spezialoperation“ in der Ukraine eine weitere in Estland gerade zu. Dies zu verhindern, liegt militärisch bei der NATO, aber im zivilen Bereich bei der EU.

Der besondere Reiz dieses Thriller liegt aus meiner Sicht darin, dass die Autoren einen interessanten Einblick in die Arbeit der EU-Behörden geben, in der sich zahlreiche Behörden zum Teil selbst behindern und angesichts divergierender Interessen sehr problematische Kompromisse geschlossen werden. Im Roman wird dies auch durch die sehr unterschiedlichen Mitglieder der Taskforce umgesetzt, in der von Zynikern über Pragmatiker bis zu Idealisten alle versammelt sind. Das ist im genre ziemlich neu, Spiegel-Rezensent Marcus Müntefering meinte gar, dass Hoeps und Toes „den wohl ersten relevanten EU-Thriller geschrieben [haben]“.

Insgesamt überzeugt „Der Tallinn-Twist“ auf vielerlei Ebenen. Auch bei der Hauptfigur Marie Vos, der man den Neulingsstatus im Parkett der Spionage noch ein einigen Stellen anmerkt, die aber gerade dadurch ein realistisches Profil entwickelt. Durch die ganze EU-Bürokratie merkt der Leser manchmal gar nicht, dass er sich in einem waschechten Spionagethriller befindet, in dem auch auf einige actionreifere Elemente nicht verzichtet werden muss, ebenso auch auf einen Schuss Humor. Somit bleibt am Ende das Fazit: Ein höchst aktueller, gut rechercherter und sehr ordentlich geplotteter Thriller. Klare Leseempfehlung.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Der Tallinn-Twist | Erschienen am 14.02.2022 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-00575-4
320 Seiten | 18,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension von Marcus Müntefering zu dem Roman auf Spiegel Online.

Ross Thomas | Fette Ernte

Ross Thomas | Fette Ernte

Seit nunmehr 15 Jahren bemüht sich der Alexander Verlag aus Berlin um eine Reputation eines Autors, der international als einer der wichtigsten Autoren des Politthrillers gilt. Ross Thomas war vor seiner Karriere als Schriftsteller, die er Mitte der 1960er im Alter von 40 Jahren begann, als Journalist, Gewerkschaftssprecher, PR- und Wahlkampfberater tätig. Ein reicher Fundus an Erfahrungen, die er in 25 Romane umsetzte. Zweimal gewann er den Edgar Award, gar viermal den Deutschen Krimipreis. 1995 verstarb Ross Thomas. Seine Leser im deutschsprachigen Raum musste allerdings leider zumeist mit mehr oder weniger stark gekürzten Übersetzungen vorlieb nehmen. Seit 2007 erscheint allerdings nun sein gesamtes Werk auf Deutsch vollständig nach und nach in überarbeiteten oder neuübersetzten Fassungen.

Der vorliegenden Stand-Alone „Fette Ernte“ beginnt mit dem 93 Jahre alten, aber noch recht rüstigen ehemaligen Politikberater William „Crawdad“ Gilmore. Gilmore ist mit allen Wassern gewaschen, hat so manche Schweinerei mitgemacht oder wurde als Mitwisser über Konspirationen zum Schweigen verdonnert. Auf der Toilette des Cosmos Club wurde er aber nun unfreiwillig zum Mithörer einer Verschwörung, über die er nicht zu Schweigen braucht. Er will die Sache seinem Anwalt Ancel Easter erzählen und bittet, ihn morgens abholen zu lassen. Dummerweise wird Gilmore im Morgengrauen vor seiner Haustür von zwei Räubern erschossen. Gibt es solche dummen Zufälle? Ancel Easter weiß keinerlei Details, aber die Tatsache, dass Gilmore ihm ein Geheimnis anvertrauen wollte, lässt ihm keine Ruhe. Er beauftragt Jake Pope, privater Ermittler mit millionenschwerem Erbe, sich die Sache mal näher anzusehen. Die einzige Spur führt zu einem Datum: Der 11.Juli. Aber am 11.Juli passiert nichts Wichtiges in Washington. „Highlight“ des Tages ist die jährliche Prognose der Weizenernte durch das Landwirtschaftsministerium. Haha, von wegen Highlight. Hmm, Moment – könnte das vielleicht doch das Ziel der Verschwörung sein?

Er wußte, daß man in dieser Stadt ganz früh am Morgen mit dem Konspirieren begann, damit man es zum Mittagessen erledigt hatte. Man konspirierte, um sich persönlich zu bereichern, um gesetzliche Vorteile zu erlangen, nationale oder internationale Macht und manchmal nur zum Spaß. (Auszug S.8)

Diese desillusionierte Sicht auf den poltischen Betrieb Washingtons ist ein typisches Merkmal der Werke von Ross Thomas. Er beschreibt das Spiel der Macht fast lakonisch, gönnt sich aber dennoch die eine oder andere Spitze. Etwa bei der Beerdigung von Crawdad Gilmore, als er den Besuch des Präsidenten, „kein übermäßig intelligenter Mann“, als plumpe politische Geste entlarvt und der Präsident eine erschreckend belanglose Konversation mit dem „klügsten Mann Washingtons“, Ancel Easter, führt. Thomas stellt heraus, dass sich im „Dschungel Washingtons“ allerhand Personen tummeln, die einen ausgeprägten Willen besitzen, die eigene Macht und das eigene Konto zu vergrößern. Die Verbindungen zum organisierten Verbrechen sind nicht weit, oft nur einen Strohmann entfernt.

In diesem Roman ist tatsächlich die Verkündung der Ernteschätzungen der Fokus der kriminelle Energie. Etwas unbemerkt von sonstigen Börsengeschäfte lässt sich am Rohstoffmarkt tatsächlich im großen Stil spekulieren. Mit Warentermingeschäften lassen sich mit dem richtigen Hintergrundwissen und etwas illegalen Insidertricks enorme Gewinne machen (Ganz aktuell ist der Weizenmarkt aufgrund des Krieges in der Ukraine auch ein Tummelplatz für Spekulanten). Und für diese geht man auch gerne über ein paar Leichen.

Was diese Ausgabe insbesondere spannend macht, ist die Geschichte der deutschen Übersetzung, die im Nachwort des Neuübersetzers Jochen Stremmel erläutert wird. Ross Thomas wurde in den 1970ern bei Ullmann in der „gelben Reihe“ verlegt. Die Vorgabe des Verlags damals: Kein Krimi durfte länger als acht Druckbögen (8×16=128 Seiten) sein. Um diese Vorgaben einzuhalten, wurden Originalausgaben teilweise radikal gekürzt. Mit einigen Beispielen beschreibt Stremmel die Auswirkungen auf den vorliegenden Roman, der an zahlreichen Stellen arg beschnitten und damit ein großes Stück Atmosphäre geraubt wurde. Immerhin bedauert Stremmel die damalige Übersetzerin Ute Tanner, die eine wahrlich undankbare Aufgabe hatte.

Durch die Neuübersetzung wird auch nochmal deutlich, wie präzise Ross Thomas auch die Szenerie und die Hintergründe beschreibt. Für die Figurenbeschreibungen nimmt er sich ausgiebig Zeit. Die Dialoge sind zudem herausstechend. Für mich war der Plot diesmal nicht ganz so herausragend, dennoch ist das Jammern auf hohem Niveau. „Fette Ernte“ ist zwar inzwischen fast ein halbes Jahrhundert alt, doch die Mechanismen sind doch immer dieselben. Sehr akribisch analysiert Thomas das Machtgeflecht und die schmutzigen Geschäfte im Politbetrieb. Und man spürt als Leser, dass sich hier niemand etwas aus den Fingern saugt, sondern aus dem Nähkästchen plaudert. Das Ganze ziemlich trocken, aber mit einem Schuss Verachtung serviert. Ein Klassiker, der immer eine Lektüre wert ist.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Fette Ernte | Erstmals erschienen 1975
Die vollständige deutsche Ausgabe erschien am 12.08.2014 im Alexander Verlag Berlin
ISBN 978-3-89581-317-7
384 Seiten | 12,- €
Original: The Money Harvest (Übersetzung aus dem Englischen von Jochen Stremmel)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension von Ross Thomas‘ „Porkchoppers“

Patrick McGuinness | Den Wölfen zum Fraß

Patrick McGuinness | Den Wölfen zum Fraß

Ich muss lachen, merke dann aber, dass diese Erklärung gar nicht so schlecht ist. Man nimmt sexuelle Scham und sexuelle Frustration, packt darauf Reichtum, Hierarchie und seelische wie körperliche Gewalt, serviert das Ganze dann in einem großen Glas namens Anspruch und erhält… nun ja, exakt das, was wir haben. (Auszug E-Book Pos. 3541)

In einem Gestrüpp, einer wilden Müllkippe, in einer Stadt im Südosten Englands wird kurz vor Weihnachten die Leiche einer jungen Frau, Zalie Dyer, gefunden. Ein Nachbar von ihr, Mr. Wolphram wird von der Polizei befragt, hatte kurz vor ihrem Verschwinden mit der Toten Kontakt, hat kein Alibi und macht sich für die Polizei verdächtig. Wolphram wird erstmal festgenommen.

Die beiden leitenden Polizeibeamten Gary und Alexander vernehmen den Verdächtigen. Für Gary ist Wolphram extrem verdächtig. Ein pensionierter Lehrer einer Privatschule, Junggeselle, Einzelgänger, kultiviert und selbstsicher im Verhör – so jemand hat doch etwas zu verbergen. Bei Alexander, auch Ander genannt, stehen die Dinge anders. Er kennt Wolphram, war er doch vor 25 Jahren dessen Schüler im Chapleton College. Noch gibt er diese Information nicht preis. Aber obwohl er zugeben muss, dass Wolphram ein kauziger Typ ist, kann er ihn nach seinen Erfahrungen aus der Schulzeit nicht mit einem Mord in Verbindung bringen.

Jede Gefühlsregung untergräbt, korrigiert, durchmischt er mit etwas anderem. Aber mit was? Mit etwas Emotionslosem. Weiß er zu viel, um Gefühle zu haben oder kennt er sie so genau, dass er sie gar nicht mehr empfindet? (Auszug E-Book Pos. 135)

Das Problem von Gary und Ander ist der große Druck von außen, den Fall möglichst schnell aufzuklären. Wolphram ist für die Öffentlichkeit ein perfekter Täter. Schnell haben die Medien Wind von dessen Festnahme bekommen und schlachten die Story nun brutal aus. Wolphram wird buchstäblich „den Wölfen zum Fraß vorgeworfen“. Er war damals schon ein etwas verschrobener Lehrer, der aber Interesse an seinen Schülern zeigte, sie etwa zu Arthouse-Filmabenden zu sich nach Hause einlud. Ehemalige Schüler berichten aber nun von angeblichen Anzüglichkeiten, die Schule distanziert sich öffentlich von ihm. Die Medien bezahlen gutes Geld für weitere Exklusivstorys. Doch je mehr sich die Yellow Press auf Wolphram einschießt, desto mehr wachsen die Zweifel nicht nur bei Ander, sondern auch bei seinem Kollegen Gary. Sie finden bei Wolphram zu wenig weitere Indizien auf die Tat, zudem kann Ander nach anfänglicher Lethargie herausstellen, dass Wolphram zu den anständigen Lehrern der Schule gehörte.

Als Kriminalroman ist dieses Buch sehr ungewöhnlich. Zwar wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive von Ander erzählt, aber der Fokus liegt nur zum Teil auf den Ermittlungen, die erst spät in Gang kommen. Sehr viel Raum nehmen die Empfindungen von Ander ein und vor allem seine Erinnerungen an seine Schulzeit in den 1980ern. Damals war er, im Ausland aufgewachsen, ein Außenseiter, noch mehr aber sein damaliger Freund Daniel. Erlebnisse von Mobbing durch die Mitschüler, psychischem Druck und unterschwelliger sexueller Nötigung durch die Lehrer. Im direkten Zusammenhang damit steht auch die Klassenfrage, die in Großbritannien wohl immer noch akut ist. Das elitäre Schulsystem zementiert dieses Klassensystem zudem, Aufsteiger zwischen den Systemen werden gemobbt. Spannenderweise hat der Autor den Clash der Gesellschaftsschichten auch bei den beiden Polizisten integriert. Gary ist der vorlaute, prollige, proletarische Typ, mit einem leicht bedrohlichem Gehabe. Ein rechtschaffender Polizist, der sich hochgearbeitet hat, der aber auch ein wenig seine Vorurteile pflegt, gerade gegenüber „denen da oben“. Ich-Erzähler Ander ist auf der anderen Seite einer von „denen da oben“, hat sich nach guter Ausbildung etwas überraschend für die Polizei entschieden. Er ist ein eher grüblerischer, melancholischer Typ. Auf der Arbeit sehr methodisch, wird er von Gary „Prof“ genannt. Es geht zwischen beiden sehr spöttisch zu, dennoch funktioniert die Zusammenarbeit. Außerdem steht natürlich die mediale Ausschlachtung des Falls im Mittelpunkt. Die brutale, empathielose Zurschaustellung von Mordopfer und vermeintlichem Täter bis hin zum geförderten Denunziantentum wird hier deutlich dargestellt.

„Den Wölfen zum Fraß“ ist der zweite Roman des Autors Patrick McGuinness, Literaturwissenschaftler in Oxford, der auch viel Lyrik publiziert. McGuinness verarbeitet in seinem Roman einen realen Fall. Am 25.12.2010 wurde die 25jährige Joanna Yeates tot in der Nähe von Bristol aufgefunden, schnell unter Verdacht geriet Christoffer Jefferies, Yeates‘ Vermieter und ein ehemalige Lehrer von McGuinness. Jefferies wurde von zahlreichen Medien aufgrund seines Habitus schnell als Täter diffamiert und vorverurteilt. Später stellte sich heraus, dass Jefferies unschuldig war. Der Vorgang führte zu einer großen Mediendebatte in Großbritannien.

Der vorliegende Roman ist ein ungewöhnlich zusammengestellter Kriminalroman, der vor allem Medienkritik und auch Gesellschaftskritik in sich vereint. Mit der Konstellation der beiden unterschiedlichen Ermittlerfiguren gelingt dem Autor ein guter Kniff. Hier und da verliert sich für meinen Geschmack der Roman etwas in der Melancholie und Reflexion des Ich-Erzählers, aber insgesamt ist dieser Roman anregend, sprachgewand und eine interessante Variation im Genre.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Den Wölfen zum Fraß | Erschienen am 16.03.2022 bei Oktaven im Verlag Freies Geistesleben
ISBN 978-3-7725-3028-9
422 Seiten | 29,90 €
als E-Book: ISBN 978-3-7725-3028-9 | 24,99 €
Originaltitel: Throw me to the wolves (Übersetzung aus dem Englischen von Dieter Fuchs)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Lućia Puenzo | Die man nicht sieht

Lućia Puenzo | Die man nicht sieht

Die folgende Choreographie war genau festgelegt und immer die gleiche: Die Schuhe ließen sie vorne am Eingang stehen. In der Küche schnappte sich Enana ein Messer, inspizierte den Kühlschrank, nahm alle Leckerbissen von denen sie essen durften, heraus und machte sich daran, von allem feine Scheiben abzusäbeln. Immer nur genau so viel, dass nicht nachzuvollziehen war, wo sie genascht hatten, aber genug, um sich satt zu essen. (Auszug E-Book S.8)

Ismael, Enana und Ayo sind drei argentinische Waisen, die auf der Straße leben und als Diebe über die Runden kommen. Der 15jährige Ismael ist der mißtrauische Kopf der drei, die 12jährige Enana die Furchtlose, Abenteuerlustige und ihr 6jähriger Halbbruder Ayo der Kletterspezalist, der in alle Häuser reinkommt. Doch die drei sind längst nicht so selbstbestimmt, wie sie zwischendurch selber glauben. Die meisten Aufträge erhalten sie vom Ex-Cop und Security-Mann Guida, der sie auf bestimmte Objekte ansetzt, bei denen er die Schwachstellen kennt. Dann steigt Ayo ein und öffnet die Türen für Enana und Ismael. Der Trick bei den Raubzügen: Die drei stehlen nicht viel, es bisschen Schmuck, Geld, vielleich Kleidung. So wenig, dass es den Eigentümern erst später auffällt und dann zuerst die Hausangestellten unter Verdacht geraten.

Guida behandelt sie meist gut, hat ein Auge auf sie, sorgt dafür, dass die Polizei sich nicht für sie interessiert. Doch bei ihm stehen knallharte Interessen im Vordergrund, die drei sind sein Kapital. Ein Kapital, dass man auch lukrativ veräußern kann. Doch die Kinder sollen nicht verschreckt werden, sodass er ihnen einen lukrativen Ferienjob in Uruguay verspricht, den sie schließlich auch annehmen. Es winkt gutes Geld und die Aussicht auf den Ozean. Sie werden über den Rio de la Plata verfrachtet und in ein exklusives, weitläufiges Villengelände. Ihre Auftraggeber erwarten, dass sie in einer Woche die neun Häuser auf dem Gelände ausräumen und sich zwischendurch immer wieder in das bewaldete, unwegsame Dickicht auf dem Areal zurückziehen. Langsam reift vor allem in Ismael die Erkenntnis, dass sie nur als Mittel zum Zweck für etwas ganz anderes ausgenutzt werden sollen.

Die Autorin Lućia Puenzo ist in ihrer argentinischen Heimat (nicht nur dort) vor allem eine bekannte und erfolgreiche Filmemacherin. Dies wird auch in diesem schmale Roman deutlich, der zwar einerseits sehr handlungsgetrieben und temporeich ist, andererseits aber durch interessante Perspektivwechsel verschiedene Figuren, wenn auch nur kurz, näher ans Geschehen holt und die Figuren dem Leser etwas näher bringt. Es erlaubt einen Einblick in die scharfen Ungleichheiten der argentinischen und uruguayischen Gesellschaften. Dass die Geschichte von Ismael, Enana und Ayo kein gutes Ende nehmen wird, scheint von Beginn an unausweichlich. Doch die Kinder sind zäh und mutig und durchkreuzen die für sie bestimmmten Pläne.

Das geschulterte Gewehr und die Metallschneide des Messers im Rucksack konnten das ungute Gefühl, das ihn begleitete, seit die Männer mit dem Pick-up ihnen ihre Aufgabe erklärt hatten, kaum abmildern: Dieser Auftrag war eine Nummer zu groß für sie, es konnte nicht gut gehen. Es würde nicht gut gehen. […] Das jedoch verwandelte den Auftrag in etwas ganz anderes: in einen Opfergang. (Auszug E-Book S.61)

„Die man nicht sieht“ ist vieles auf sehr wenigen Seiten, ein fast atemloser Thriller in Echtzeit, ein Noir über das Schicksal, wenn andere über anderer Leben bestimmen und ein gesellschaftskritischer Roman über die Ungleichheit und die Schwachen und Unmündigen, die gnadenlos verheizt werden. Trotz der Kürze des Werks werden auch die Personen angemessen beleuchtet und dienen nicht nur als Staffage. Insgesamt ein anregendes und aufwühlendes Werk.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Die man nicht sieht | Erschienen als Taschenbuch am 12.03.2020 im Verlag Klaus Wagenbach
ISBN 978-3-8031-2824-9
208 Seiten | 13,- €
als E-Book: ISBN 978-3-8031-4239-9 | 10,99 €
Originaltitel: Los invisibles (Übersetzung aus dem argentinischen Spanisch von Anja Lutter)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Claudia Piñeiro | Die Donnerstagswitwen

Claudia Piñeiro | Die Donnerstagswitwen

Etwa 50 Kilometer außerhalb von Buenos Aires liegt Altos de la Cascada, eine Gated Community mit schicken Anwesen, Golf- und Tennisplatz und einem großen Zaun drumherum. Ein Refigium der oberen Mittelklasse, die sich hier in den profitablen 1990er Jahren hier eingerichtet haben. Die argentinische Wirtschaftskrise beginnt sich zwar zu entwickeln, was viele aber nicht wahrhaben wollen. Somit ist man mit weiterhin vorwiegend damit beschäftigt, den Schein zu wahren und den eigenen Wohlstand zur Schau zu stellen.

Sie wollten lieber eine Mauer, das hält nicht bloß fremden Menschen fern, man ist auch von außen nicht mehr zu sehen. Und wir brauchen auch nicht mehr zu sehen, was draußen los ist. (Auszug S. 95)

Viele Familien sind in La Cascada miteinander befreundet, zumindest tut man so. Regelmäßig verbringen die Männer der Familien Scaglia, Insúa, Urovich und Guevara den Donnerstagabend miteinander. Die Frauen nennen sich scherzhaft „Donnerstagswitwen“. Eines Donnerstags, den 27. September 2001, ist Maria Virginia Guevara überrascht, beim Heimkommen ihren Mann Ronie schon zu Hause vorzufinden. Er verhält sich auch seltsam und bricht sich kurz darauf bei einem Sturz auf der Terrasse das Bein. Erst im Krankenhaus erfahren die Guevaras die schreckliche Nachricht: Tano Scaglia, Gustavo Insúa und Martín Urovich sind im Pool der Scaglias bei einem Stromunfall ums Leben gekommen. Doch der Leser wird direkt auf ein paar seltsame Begleitumstände hingewiesen. Rückblickend wird nun die Geschichte der Familien in La Cascada erzählt und letztlich die Hintergründe dieses tragischen Abends aufgedeckt.

Autorin Claudia Piñeiro zählt heute zu den erfolgreichsten argentinischen Autoren. Sie ist studierte Wirtschaftswissenschaftlerin und arbeitete vor ihrer schriftstellerischen Karriere als Rechnungsprüferin. Piñeiro schreibt auch Kinder- und Jugendbücher, arbeitet als Regisseurin und beim Theater. Ihr Debütroman „Ganz die Deine“ erschien 2003. Oftmals sind ihre gesellschaftskritischen, dramatischen Romane in eine Kriminalgeschichte eingebettet. 2005 erschien „Las viudas des los jueves“ und gewann mit dem Premio Clarín einen der wichtigsten argentinischen Literaturpreise. 2009 verfilmte Marcelo Piñeyro den Roman fürs Kino.

„La Cascada“ ist eine sogenannte Gated Community, eine dieser Siedlung der Reichen und Aufstrebenden, oft in Ländern mit starkem Wohlstandsgefälle, in denen man versucht, genau dieses Gefälle auszublenden. Hinzu kommt in diesem Falle, dass die aufsteigende Wirtschaftskrise in Argentinien genau diesen Lebensstandard bedroht. Claudia Piñeiro wirft einen sehr scharfen Blick auf die Bewohner und entlarvt die ganzen Lebenslügen und anderen Dramen, die sich unter der Oberfläche des schönen Scheins abspielen. Machismo, Gewalt in der Ehe, Alkoholismus, Untreue, Rassismus, Antisemitismus und andere Vorurteile schwelen teilweise im Verborgenen, teilweise werden sie aber nur verdrängt. Die Probleme des Lebens will man in La Cascada lieber nicht mit den Nachbarn teilen, aber oft auch nicht mit dem Ehepartner. Man kehrt lieber unter den Teppich, heuchelt, will nichts von Problemen anderer hören und wahrt den Schein. Und legt sich innerhalb der Mauern merkwürdig undemokratische Verhaltensregeln auf.

Piñeiro legt in diesen Roman eine gehörige Portion Gesellschaftskritik mit einer Generation des Aufschwungs, die aber in Zeiten der Krise nur Egoismus und Eskapismus kennt. Ein zynisches Porträt einer Nachbarschaftsclique auf Talfahrt, die schließlich mit drei Toten enden wird. Dabei bedient sie sich auch stilistisch eines interessanten Kniffs. Sie schreibt zum einen aus der Ich-Perspektive von Maria Virginia Guevara, die angefangen hat, als Maklerin zu arbeiten und damit eine der wenigen Frauen ist, die es noch nötig haben zu arbeiten. Sie ist auch der wenigen, die ein wenig mehr hinterfragt und eine gewisse kritische Distanz bewahrt. Zum anderen wird aus der personalen Perspektive erzählt, ungewöhnlicherweise mit einem Plural-Wir. Damit gibt Piñeiro quasi der Gemeinschaft eine Stimme, erzählt von der allgemeinen Wahrnehmung in La Cascada, aber auch von Heimlichkeiten und Gerüchten.

[…] nach dieser Geschichte also soll sie an den Rand des zuletzt erwähnten Hefteintrags geschrieben haben: „Kann man wirklich mit jemandem befreundet sein, den man über seine Brieftasche kennengelernt hat?“ Worauf sie sich selbst, am Fuß derselben Seite, als Antwort notiert habe: „Alles Elend nimmt seinen Weg über die Brieftasche.“ (Auszug S.65).

Man könnte zuletzt natürlich die Frage aufwerfen, ob das hier überhaupt ein Krimi ist, aber die Frage ist müßig. Claudia Piñeiro bedient sich hier selbstverständlich der Elemente des Genres, zudem beantwortet sie ganz der Spannungstradition folgend, die Frage nach der Vorgängen an jenem Donnerstagabend erst ganz zum Schluss. Dazwischen ist dieses Buch ein überzeugender Gesellschaftsroman mit präziser Sprache, zynisch-ironischem Unterton und scharfem Blick auf die Figuren. Sie porträtiert auf beiläufige, aber fesselnde Art eine Gesellschaftsschicht voller Heuchelei und Dekadenz auf dem Weg in den eigenen Untergang. Ein überzeugender Roman.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Die Donnerstagswitwen | Erschienen 2010 im Unionsverlag
Aktuelle Taschenbuchausgabe: ISBN 978-3-293-20568-0
320 Seiten | 13,95 €
Originaltitel: Las viudas de los jueves (Übersetzung aus dem Spanischen von Peter Kultzen)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension von Gunnar zu Claudia Piñeiros „Der Privatsekretär„