Kategorie: Andy Ruhr

Abgehakt | Kurzrezensionen März 2023

Abgehakt | Kurzrezensionen März 2023

Kurzrezensionen März 2023

 

Friedrich Ani | Bullauge

Kay Oleander ist Polizist bei der Schutzpolizei in München. Bei einer Demonstration von „besorgten Bürgern“ eskaliert die Lage leicht, er wird von einer Glasflasche am Kopf getroffen, in der Folge verliert er ein Auge. Immer noch krank geschrieben, traumatisiert, allein stehend, verschafft er sich Zugang zu den Ermittlungsakten. Ein Täter wurde bislang nicht ermittelt, allerdings einige Zeugen vernommen, die sich verdächtig verhalten haben. Eine davon ist Silvia Glaser, auf die Oleander vor ihrem Haus trifft. Beide kommen ins Gespräch. Glaser offenbart ihm, dass sie in den Dunstkreis einer extremen Partei geraten ist, und bittet ihn, ihr dort herauszuhelfen.

Friedrich Ani ist der Mann der leisen Zwischentöne, der psychologischen Profile. Das zelebriert er hier auch ausgiebig. Sowohl Oleander als auch Glaser verbindet einiges, beide sind nach einem Unfall versehrt, noch etwas traumatisiert, ähnlich einsam und vom Leben enttäuscht. Das ist ohne Frage gut geschrieben, erschien mir von der Figurenkonstellation zu konstruiert und war mir auch irgendwie deutlich zu langatmig und spannungsarm. Doch im letzten Drittel bringt Ani dann einen Drive in die Story und am Ende noch einen bösen Twist, der den Leser nicht kalt lässt. Das hat mich dann doch überzeugt. Insofern ein Roman, bei dem man trotz der wenigen Seiten ein wenig dranbleiben muss, das Ende entschädigt dann aber für vieles.

 

Bullauge | Erschienen am 28.10.2022 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-7857-2811-6
366 Seiten | 16,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: Krimi

 

Kim Young-ha | Aufzeichnungen eines Serienmörders

Byongsu Kim ist pensionierter Tierarzt, verbringt seine Zeit inzwischen mit Literatur, schreibt selbst gerne Gedichte. Der Siebzigjährige hat allerdings auch eine Vergangenheit als Serienmörder. Bis zum Alter von 45 Jahren hat er gemordet und wurde nie gefasst. Seit einem schweren Verkehrsunfall hat er dies beendet und die kleine Tochter seines letzten Opfers adoptiert und großgezogen. Zuletzt wurde bei ihm Demenz diagnostiziert, die stetig voranschreitet. Bei einer zufälligen Begegnung trifft Kim auf einen Mann, in dem er ebenfalls einen Serienmörder erkennt. Kurz danach kommt seine Tochter ausgerechnet mit diesem Mann als Verlobtem nach Hause. Kim versucht nun fieberhaft bei fortschreitender Demenz seine Tochter zu beschützen und wenn er bei diesem Mann nochmal selbst zum Mörder werden muss.

„Aufzeichnungen eines Serienmörders“ war in Korea ein Bestseller, auch die Verfilmung war erfolgreich und auch in der deutschen Übersetzung für den auf ostasiatische, insbesondere japanische Literatur spezialisierten Cass Verlag ein großer Erfolg. Der Titel ist dabei wörtlich zu nehmen. Byongsu Kim erzählt aus der Ich-Perspektive in kurzen, knappen Absätzen, in denen sich aktuelle Ereignisse, Erinnerungen aus naher oder ferner Vergangenheit und philosophische und lyrische Einschübe abwechseln. Dabei bringt der Erzähler auch immer blitzlichthaft wieder Einsichten in die koreanische Gesellschaft, vor allem der Vergangenheit. Der Reiz des Romans liegt zum großen Teil in der Person des Byongsu Kim, dem man zunehmend mitleidvoll beim „Verschwinden“ zusieht. Das Thema Demenz ausgerechnet bei einem ein Serienmörder ohne Reue durchzuspielen, ist eine ungemein pfiffige Idee, sehr virtuos umgesetzt. Aber Vorsicht an die Leser: Ob ein dementer Siebzigjähriger ein so zuverlässiger Erzähler ist? Mit weniger als 200 Seiten ein ziemlich schmaler, aber dafür aber umso feiner und nachhallender Roman.

 

Aufzeichnungen eines Serienmörders | Erschienen am 27.09.2020 im Cass Verlag
ISBN 978-3-944751-22-1
152 Seiten | 20,- €
Die gelesene Ausgabe erschien 2022 bei der Büchergilde Gutenberg
Originaltitel: Sakinja-ui gieok-beob | Übersetzung aus dem Koreanischen von Inwon Park
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4,5 von 5,0
Genre: Spannungsroman

 

 

Peter Papathanasiou | Steinigung

Cobb ist eine vergessene, heruntergekommene Kleinstadt im heißen Outback Australiens. Landflucht, Alkohol, Drogen, Armut nagen am Gemeinwohl, die Installierung eines Internierungslagers für Asylsuchende hat zudem auch nicht wirklich neue Jobs gebracht, stattdessen zusätzliche Probleme. Da wird Cobb von einer brutalen Gewalttat erschüttert. Molly Abbott, beliebte Grundschullehrerin, wird brutal gesteinigt aufgefunden. Aus der Großstadt kommt der Detective George Manolis, um die Dorfpolizisten zu unterstützen. Manolis ist selbst in Cobb aufgewachsen, ehe seine Familie überstürzt den Ort verlassen hat. Manolis sieht sich einer widerwilligen, feindseligen Atmosphäre ausgesetzt. Für viele Bewohner steht fest: Der Mörder kommt aus dem Internierungslager, dem „Braunenhaus“, in dem die Tote Englischunterricht gegeben hat – was vielen allerdings nicht gefallen hat.

Der Debütroman des australischen Autors Peter Papathanasiou führt den Leser tief in die gesellschaftlichen Probleme Australiens. Sehr spannend konstruiert er ein Setting, in dem Nachfolger der Ureinwohner (Constable Sparrow), der ersten Siedler (man erinnert sich: Das waren vor allem Strafgefangene), der Einwanderer im 20.Jahrhundert (Detective Manolis) und die Flüchtlinge von heute aufeinander treffen. Dabei kreiert der Autor eine Reihe interessanter Figuren.

Manolis muss gegen eine Reihe von Widerständen ankämpfen, ihm begegnet Hass, Aggression, verhüllter und offener Rassismus. Am Erschütterndsten erscheint aber der bürokratisch-unterdrückende Umgang des Staates mit den Asylsuchenden, denen keine echte Perspektive geboten wird und die im Lager von Wachpersonal umgeben sind, die allzu gerne ihre Macht missbrauchen. Insgesamt ein lohnendes Debüt mit stark gesellschaftskritischem Unterton aus Australien.

 

Steinigung | Erschienen am 15.03.2023 im Polar Verlag
ISBN 978-3-492-06345-6
304 Seiten | 17,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-498392-70-3 | 12,99 €
Originaltitel: The Stoning | Übersetzung aus dem Englischen von Sven Koch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: Gesellschaftskritischer Krimi

Rezensionen 1-3 und Fotos von Gunnar Wolters.

 

Kathleen Kent | Der Weg ins Feuer

„Der Weg ins Feuer“ ist der zweite Thriller um die junge Polizistin Betty Rhyzyk vom Dallas Police Department und schließt einige Monate nach den traumatischen Erlebnissen aus dem ersten Band an. Betty, die immer noch unter den körperlichen wie psychischen Verletzungen leidet, darf endlich wieder ihren Dienst im Drogendezernat aufnehmen, wird von ihrem neuen Chef, dem ehemaligen Mordermittler Marshall Maclin erst mal in den Innendienst gesetzt. Auf die Straße darf sie erst wieder, wenn sie einige Therapiestunden beim Polizeipsychiater abgesessen hat. Doch Betty will sich keine Schwäche eingestehen, dabei hat sie auch den Freitod ihres Bruders noch nicht wirklich verarbeitet. Mit ihrer schroffen Art, die man schon aus dem ersten Band kennt, stößt sie auch ihrer geliebten Frau Jackie immer wieder vor den Kopf.

Im Fokus des ganzen Buches steht Betty und die Kriminalgeschichte gerät fast in den Hintergrund. In Dallas rivalisieren Drogenkartelle mitaneinander und Dealer werden auf offener Straße erschossen. Als ein Informant und Junkie ermordet wird und Gerüchte auftauchen, ein Cop wäre involviert, beginnt Betty auf eigene Faust zu ermitteln. Als Leser*in sind wir immer dicht bei ihr, wenn sie sich in die einschlägigen Clubs der Szene oder auch in den Untergrund und damit erneut in große Gefahr begibt. Ihre Kollegen werden von ihr genau beobachtet und es ist ausgerechnet ihr Freund und Kollege Seth, der scheinbar etwas zu verbergen hat. Wenn Betty wiederholt Maclins Anordnungen missachtet und Verdachtsmomente vorenthält, Sitzungen beim Psychologen absagt oder einen Tatort betritt, ohne Verstärkung anzufordern, ist das teilweise schwer zu ertragen. Dabei zeigt sie auch oft ihr weiches Herz, mischt sich in Fällen häuslicher Gewalt ein und nimmt Obdachlose auf.

Man kann diesen zweiten Teil ohne Vorkenntnisse des ersten Teils lesen, ich würde aber dazu raten, sie in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Trotz einiger Thriller-Klischees, die bedient werden, ist der Autorin ein spannender und temporeicher Thriller um eine außergewöhnliche Ermittlerin gelungen, der einen Blick in die Abgründe der Drogenkriminalität bietet. „Der Weg ins Feuer“ wird von den starken Charakterisierungen seiner Figuren getragen und zieht seine Intensität aus dem Drama in Bettys Leben, die zum Vorgänger eine glaubhafte Entwicklung durchmacht.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Weg ins Feuer | Erschienen am 13.02.2023 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47296-5
359 Seiten | 16,95 €
Originaltitel: The Burn | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Andrea O’Brien
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5
Genre: Thriller

 

 

Gu Byeong-Mo | Frau mit Messer

Gu Byeong-Mo | Frau mit Messer

Das Thema des dienstmüden, ausgebrannten Profikillers, der noch einen allerletzten Auftrag erledigen muss, ist nicht grade neu und wurde schon häufig in Kriminalromanen- und Filmen verarbeitet. Doch Gu Beyong-Mo kann dieser Ausgangslage noch eine ganz neue und frische Facette abgewinnen. Ihre Heldin mit dem Decknamen Hornclaw ist eine Frau und mit ihren 65 Jahren kurz vor dem Rentenalter.

Altwerden ist nichts für Feiglinge

Seit 40 Jahren tötet Hornclaw professionell im Auftrag einer Firma für „Schädlingsbekämpfung“. Die Kunden kommen aus Wirtschaft oder Politik und die mächtige Agentur ist für die Verwaltung und Vorbereitung der Auftragsmorde zuständig. In der Regel wissen die Killer nichts über die Hintergründe. Hornclaw fühlt sich für den Job noch fit genug, aber natürlich ist sie nicht mehr so gelenkig und schnell wie in jungen Jahren. Mit zunehmendem Alter spürt sie den Abbau der Kräfte und auch das Gedächtnis lässt sie ab und an mal im Stich. Vor allem entdeckt sie selbst Empathie und Mitgefühl an sich und ihr Blick auf die Menschen wird weicher.

So lernen wir sie auch gleich zu Beginn kennen. Als in der U-Bahn eine schwangere Frau von einem älteren Mann belästigt wird und dieser beim Aussteigen tot zusammenbricht, hat niemand die unscheinbare, ältere Dame in Verdacht. Mit ihrem Filzhut über dem grauen Haar fliegt sie unter dem Radar, auch weil sie sich so normal verhält, wie die Gesellschaft es von ihr erwartet.

Aber im Grunde ist es egal, wie man als älterer Mensch ist, die Leute wollen nicht über einen nachdenken. (Auszug Seite 6)

Sie hat keine Freunde oder auch nur Bekannte und lebt sehr zurückgezogen in einer kleinen Wohnung. Gesellschaft leistet ihr nur ihre alte Hündin Deadweight. Da sie nie weiß, ob sie den Job lebend übersteht, hat sie dem treuen Tier eine Tür eingebaut, damit es nicht verhungern muss, falls sie nicht mehr zurückkehrt. Ihr unauffälliges Aussehen nutzt sie, um nahe an ihre Opfer heranzukommen, um dann am liebsten mit ihrem scharfen Messer, an deren Spitze sich eine Zyankali-Verbindung befindet, für einen schnellen Tod ihrer Opfer zu sorgen.

Altersgrenze für Killer*innen

Vor einem Monat wurde sie bei ihrem letzten Mord durch eine minimale Nachlässigkeit schwer verletzt. Es gelingt ihr noch, die Zielperson zu erledigen und sich in jene Klinik zu schleppen, in der sie üblicherweise vom Arzt der Agentur, Dr. Choi untersucht wird. Doch dieser ist in der Nacht nicht da und so kümmert sich der diensthabende Arzt Dr. Kang um die bewusstlose Hornclaw. Dabei entdeckt er zwangsläufig ihre Messer, verspricht aber die Polizei nicht zu informieren. Eigentlich müsste Hornclaw ihn als Zeugen liquidieren, aber seit langer Zeit findet sie einen Menschen sympathisch. Auch mit der Familie des Arztes, die in der Nähe einen winzigen Marktstand haben, freundet sie sich an.
Das macht sie verletzlich und sie bringt sich dadurch in Gefahr. Denn in der Agentur fühlt sie sich nur noch geduldet und nach 40 erfolgreichen Jahren scheint man nur auf einen Fehler von ihr zu warten. Wie einem Auslaufmodell, dem man nur noch einfache Jobs gibt, um ihr subtil deutlich zu machen, dass es Zeit wird, aus dem Geschäft auszusteigen. Doch wird man sie einfach gehen lassen? Mit ihrem enormen Firmenwissen stellte sie ein Risiko da, dass beseitigt werden müsste. Probleme bereitet ihr auch ein junger Kollege, Bullfight, der sie ständig provoziert und herablassend Oma nennt. Hornclaw kann sich sein enorm respektloses Benehmen nicht erklären. Der Leserin werden die Gründe für seinen Hass in Rückblenden erklärt und auch Hornclaws Werdegang zur eiskalten Killerin wird nach und nach präsentiert.

Meine Meinung

Diese Enthüllungen bringen den Leser intensiver in die Geschichte ein und erhöhen den Spannungsbogen. Trotzdem ist es kein actiongeladener Thriller, sondern eine unaufgeregte Geschichte, eine präzise Analyse der koreanischen Gesellschaft.

Dabei ist es dank der hohen literarischen Erzählweise und des feinen aber sehr schwarzen Humors nie dröge oder deprimierend. Das liegt auch daran, dass sie den Job der Auftragskiller*in wie jeden anderen schildert. Von Anfang an mochte ich den pointierten Schreibstil sowie den scharfsinnigen Blick der südkoreanischen Autorin. In Form eines Thrillers klagt sie das kapitalistische Gesellschaftssystem an, greift gesellschaftliche Übel wie Altersdiskriminierung, festgefahrene Rollenbilder und das Verdrängen kleiner traditioneller Geschäfte durch große Supermarktketten auf. Missstände, die man ja auch in der westlichen Welt findet. Ihre Heldin ist ein Charakter, den die Gesellschaft für schwach hält, belastend und unwichtig. Byeong-mo Gus Blick auf ihre Figuren ist distanziert, aber wenn Hornclaw anfängt, über ihr Leben zu resümieren, wenn sie durch das Abnehmen ihrer körperlichen Fähigkeiten Schwäche zeigen darf, sind wir ihr sehr nah.

Das arrangiert Gu Byeong-Mo, eine in Südkorea preisgekrönte Autorin auf innovative und durchaus amüsante Art und Weise, wenngleich sie zum Schluss doch Zugeständnisse an das Thriller-Genre macht. Am Ende gibt es dann doch ganz klassisch einen actiongeladenen Showdown mit großer Gewaltentwicklung und vielen Toten.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Frau mit Messer | Erschienen am 19.10.2022 im Ullstein Verlag
ISBN  978-3-550-20150-9
288 Seiten | 22,99 €
Originaltitel: 파과 (Pagwa) | Englischer Titel: The Old Woman with the Knife | Übersetzung aus dem Englischen von Wibke Kuhn
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Michael Connelly | Glutnacht (Band 3/22)

Michael Connelly | Glutnacht (Band 3/22)

„Entweder zählt jeder, oder es zählt keiner.“ (Auszug Seite 159)

„Glutnacht“ ist der dritte Band um LAPD Detective Renée Ballard und der zweite, in dem sie mit Harry Bosch zusammenarbeitet (der 22. mit Harry). Harry, seit vier Jahren im Ruhestand und mit gesundheitlichen Problemen belastet, muss seinen ehemaligen Kollegen beim LAPD John Jack Thompson zu Grabe tragen. Thompson war eine Legende, hatte in mehr als vierzig Jahren beim LAPD viele Übeltäter aus dem Verkehr gezogen und galt für Generationen von Detectives als großes Vorbild. Bei der Beerdigung übergibt seine Witwe Harry eine Akte, die ihr verstorbener Mann entwendet und jahrelang unter Verschluss gehalten hatte.

Das Mordbuch
Dieses Mordbuch enthält die gesammelten Ermittlungsdokumente eines ungeklärten Mordes an einem jungen Mann. John Hilton war vor fast drei Jahrzehnten in einer Durchfahrt, die für Drogengeschäfte genutzt wird, erschossen worden, in einer Zeit, in der die Mordrate in der Geschichte von Los Angeles am höchsten war. Bosch lässt das keine Ruhe, Thompson war sein Mentor gewesen und sein Moralkodex, dass jedes Opfer zählt, oder kein Opfer zählt, hatte er von ihm. Harry fragt sich, ob Thompson etwas verbergen oder den Fall im Ruhestand bearbeiten wollte?

Bosch darf offiziell natürlich nicht mehr ermitteln und hier kommt Renée Ballard ins Spiel. Aufgrund ihrer Beschwerde der sexuellen Belästigung gegen ihren Vorgesetzen war sie in die ungeliebte Nachtschicht der Hollywood Division verbannt worden. Mittlerweile hat sie sich damit arrangiert. Allein mit der Tatsache, dass sie immer als erste am Tatort ist, um das Verbrechen aufzunehmen, aber am anderen Morgen an die Kollegen abgeben muss, hadert die ehrgeizige Polizistin. Besonders der Fall des Obdachlosen, der tragischerweise in seinem Zelt verbrannte, und den sie an das Fire Department abgeben muss, geht ihr nicht mehr aus dem Sinn. Auch wenn die Ermittlungen nicht mehr in ihren Zuständigkeitsbereich fallen.

Nachts, wenn die Neonreklamen und der Glitter erloschen, war Hollywood ein anderer Ort. … Dann wurde es ein Ort für Raubtiere und ihre Beute und nichts dazwischen, ein Ort, wo die Besitzenden hinter ihren verriegelten Türen in Sicherheit waren und die Habenichtse frei herumstreifen. (Auszug Seite 18)

Während Bosch und Ballard in dem ungelösten Cold Case ermitteln und überraschenderweise ziemlich schnell Hinweise auf den vermeintlichen Mörder finden, kommt noch ein dritter Fall hinzu, in dem der Lincoln Lawyer auftaucht, eine weitere Figur aus dem Connelly-Universum. Anwalt Mickey Haller verteidigt einen Mann, der des Mordes an einem sehr angesehenen Supreme-Court-Richter angeklagt ist. Er bittet Bosch, seinen Halbbruder um Hilfe, denn trotz des Geständnisses seines Mandanten und stichhaltiger Beweise ist er von dessen Unschuld überzeugt. Bosch willigt ein und versucht einen Zeugen zu finden und in den Zeugenstand zu bringen. Dafür soll Haller ihn bei einer Klage gegen die Stadt Los Angeles vertreten, da er die kürzlich bei einer Routineuntersuchung erhaltene Diagnose einer chronischen Erkrankung berufsbedingt einstuft.

Das Dreamteam
Connelly hat mit der Figur des Harry Bosch, einem bissigen Polizisten, der sich nur der Fairness und Gerechtigkeit verpflichtet fühlt, eine Ikone geschaffen. Und nach unzähligen Romanen und sieben Staffeln der Fernsehserie Bosch fand ich die neue Figur der Renée Ballard richtig erfrischend. Als sie im zweiten Band auf Harry traf, habe ich gejubelt, obwohl sie auch da schon etwas in den Hintergrund tritt. Und jetzt in „Glutnacht“ wird sie fast von Bosch und seiner Strahlkraft überrollt. Ich hätte gerne mehr über die gebürtig aus Hawaii stammende, unkonventionelle Polizistin erfahren. Ich glaube, sie hat auch das Potential dazu. Sie lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen und wenn sie auf ihren ehemaligen, verhassten Chef Olivas trifft, sprühen die Funken.

Die beiden Einzelgänger ergeben zusammen ein perfektes Ermittlerduo, sind gleichberechtige Partner, die sich ergänzen, Ballard mit ihrem aktiven Job beim LAPD und Bosch mit seiner langjährigen Erfahrung. Zusammen ermitteln sie in drei verschiedenen Fällen bis zu der nachvollziehbaren Auflösung.

Das Fazit
Wie bei fast allen Romanen aus dem Connelly-Kosmos führt der Spezialist für Polizeikrimis mehrere Handlungsstränge in gewohnter Qualität zu einem feinen Plot zusammen. Die realitätsnahe Schilderung der Polizeiarbeit sowie die detaillierten Beschreibungen der Gerichtsverfahren sind genauso glaubwürdig wie unterhaltsam. Trotz einiger Gefahrenszenen für die beiden Protagonisten und gelegentlichen Actionszenen schleicht sich die Spannung eher langsam an. Die Aufklärung der Fälle steht bei Connelly immer im Vordergrund.

Im Original gibt es bereits zwei weitere Bände mit Bosch und Ballard. Im Nachlass von John Jack Thompson gibt es noch einen weiteren Fall, und den wollen sich die beiden Einzelkämpfer als nächstes vornehmen. Und ich werde auch wieder zu dem wunderschön vom Kampa-Verlag designten Cover greifen und Bosch und Ballard durch die Straßen von Los Angeles begleiten.

Fun Fact: Amazon will das Bosch-Universum um zwei weitere Serien um die Detective Jerry Edgar und Renée Ballard erweitern und arbeitet an der Entwicklung.
Weiterer Fun Fact: Es gab kürzlich für eine Charityaktion ein T-Shirt käuflich zu erwerben mit der Aufschrift: Everybody counts or nobody counts (wir waren nah dran, eins zu bestellen ;)).

 

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Glutnacht | Erschienen am 28.07.2022 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-12561-7
464 Seiten | 21,90 €
Originaltitel: The Night Fire | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Sepp Leeb
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Michael Connellys Romanen auf dem Blog

Jo Nesbø | Blutmond (Band 13)

Jo Nesbø | Blutmond (Band 13)

Harry ging weiter. Er hatte immer noch die Kreditkarte in der rechten Hand. Sollte es so enden? Auf einem staubigen Parkplatz in einem fremden Land, im grellen Sonnenlicht, bankrott und leicht angetrunken, während er zu tun versuchte, was ihm bei seiner Mutter nicht vergönnt gewesen war, bei niemandem, der ihm jemals nahegestanden hatte? (Auszug Seite 14/15)

Dies ist der 13. Fall der Harry-Hole-Reihe und zu Beginn stellt sich immer wieder die gleiche Frage: In welchem Teil der Welt befindet sich Harry aktuell und noch wichtiger, in welchem Zustand? Jo Nesbø hat seinen Protagonisten mit der selbstzerstörerischen Ader diesmal nach Los Angeles verfrachtet, wo er in einer schweren Lebenskrise mal wieder zum Alkohol gegriffen hat und vor sich hinvegetiert. Er sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben und gesellt sich zu den vielen anderen Gestrandeten und Gescheiterten der amerikanischen Millionenmetropole. Währenddessen hat es seine ehemalige Kollegin Katrine Bratt in Oslo mit dem brutalen Mord an zwei Frauen zu tun, die beide kurz vorher auf der Yacht eines millionenschweren Immobilienmaklers feierten. Dieser ist der Tat verdächtig, beteuert allerdings seine Unschuld und Katrine könnte den ehemals exzellenten Ermittler Harry Hole trotz großer Ermittlergruppe gut gebrauchen. Sie ist jedoch die Einzige, die Harry mit seinem einzigartigen Gespür für Verbrechen und Verbrecher gerne wieder an ihrer Seite hätte, die Kriminalchefin will den ausgebrannten Ex-Kommissar nicht aus seinem Exil zurückholen.

So weit, so schlecht.
Harry hat in Los Angeles in einer Bar eine ältere Filmdiva kennengelernt. Lucille hat jede Menge Schulden und das ausgerechnet bei einem mexikanischen Drogenkartell. Da kommt der Anruf aus Oslo grade recht. Ausgerechnet der beschuldigte Immobilienmogul will Harry, den vermeintlich besten Kriminalermittler Norwegens privatdetektivisch engagieren um den wahren Mörder zu finden. Geld spielt keine Rolle und Harry sieht eine Möglichkeit, Lucille mit dem großzügigen Honorar aus ihrer Notlage zu befreien. Er nimmt den Auftrag an und stellt in Oslo ein Team aus Freunden und früheren Widersachern zusammen. Mit dabei sein Schulfreund Øystein Eikeland, ehemals Taxifahrer, jetzt Kokaindealer sowie sein früherer Kollege und Intimfeind Truls Berntsen. Der korrupte Polizist ist wegen Unterschlagung derzeit suspendiert, hat jedoch Zugang zu sämtlichen Polizeiakten. Zu guter Letzt der schwer an Krebs erkrankte Psychologe Ståle Aune, der ihm bei seinen Mordfällen oft zur Seite stand. Dabei wirkt vor allem die ungewöhnliche Gruppe um Harry, die sich angesichts Aunes Gesundheitszustands immer an dessen Krankenbett zusammenfindet, aufgrund der erfrischenden Dialoge erheiternd und bringt ein wenig Licht in die unerbittliche Story.

Als großer Fan der Reihe bin ich immer wieder überrascht, dass Nesbø es beständig schafft, mich neugierig zu machen und ich die Geschichte unbedingt lesen muss. Nach dem letzten Band empfand ich leichte Ermüdungserscheinungen und war davon überzeugt, dass der Autor ein letztes Mal seinen genialen aber schwer angeschlagenen Protagonisten ermitteln lässt. Die erste Hälfte des Thrillers ist noch recht tempoarm, dafür aber ereignisreich und bereits die ersten Kapitel haben mich extrem gefesselt. Nesbø hat diesen intensiven, unverwechselbaren Schreibstil, flüssig sowie sogartig und versteht sein erzählerisches Handwerk. Ein Pageturner mit einem äußerst komplexen Plot und mit zahlreichen unvorhersehbaren Wendungen gespickt. Das schafft der norwegische Autor mit Cliffhanger bis zum rasanten Finale mit dem Blutmond als passende Hintergrundkulisse.

Alles beim Alten
Eigentlich ist alles beim Alten, man bekommt, was man erwartet: Es werden mehrere potentielle Mörder eingeführt, falschen Fährten gelegt, es gibt schaurige, blutrünstige Beschreibungen der Mordopfer und natürlich Kapitel aus der Perspektive des abartigen Täters. Dazu ein alkoholkranker Anti-Held, der brillant aber schwer angeschlagen ist.

Dennoch habe ich das Ausmaß an schockierender Brutalität in dieser Geschichte als sehr heftig empfunden. Man muss als Leser einiges aushalten können. Anderen Thriller würde ich das nicht durchgehen lassen und hätte sie angeekelt weggelegt. Es war mir auch an einigen Stellen leider zu abstrus und hanebüchen. Aber es ist nun mal ein Harry Hole und mein Verhältnis zu dieser Reihe ist fast schon familiär, ich will einfach wissen wie es mit den altbekannten Figuren weitergeht. Außerdem hat dieser Thriller wieder, im Gegensatz zum vorherigen Band das richtige Maß an menschlicher Tragödie. Mit dramatischen Momenten, aber nicht so dick aufgetragen wie beim Vorgänger. Auch wenn ich bei anderen Thrillern mit dem immer gleichen Muster des kaputten, selbstzerstörerischen Einzelgängers, dessen Charme fast jede Frau erliegt, mittlerweile genervt reagiere, bei Nesbø nicht, er hat es ja quasi erfunden.

Stilistisch ist der norwegische Autor den meisten Genre-Autoren immer noch überlegen. Ich bin halt ein Harry-Hole-Fangirl und beim 14. Teil, der wahrscheinlich wieder auf den Markt kommt, darauf deuten Handlungselemente am Schluss hin, werde ich bestimmt wieder zugreifen.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Blutmond | Erschienen am 24. November 2022 im Ullstein Hardcover
ISBN 978-3-550-20155-4
560 Seiten | 25.99 Euro
Originaltitel: Blodmåne | Übersetzung aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen von Romanen von Jo Nesbø

A.K. Turner | Wer mit den Toten spricht (Band 2)

A.K. Turner | Wer mit den Toten spricht (Band 2)

Der Thriller „Wer mit den Toten spricht“ von A.K. Turner ist der zweite Teil der Serie um Cassie Raven, die Assistentin in der Londoner Rechtsmedizin ist. Der erste Teil endete mit einer verblüffenden Enthüllung und wer diesen noch nicht gelesen hat und nicht gespoilert werden möchte, sollte nicht weiterlesen.

Tragische Familiengeschichte

Cassie hatte immer geglaubt, ihre Eltern wären bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen. Erst nach einem Schlaganfall enthüllt ihre polnische Großmutter, bei der sie aufgewachsen ist, die schreckliche Wahrheit. Ihr Vater saß jahrelang im Gefängnis, weil er ihre Mutter im betrunkenen Zustand zu Tode geprügelt haben soll. Er hatte die Anschuldigungen immer bestritten und war nach 17 Jahren aus dem Knast entlassen worden. Cassie wird von der Offenbarung ihrer Babica völlig aus der Bahn geworfen. Die wenigen Erinnerungen an ihre Eltern, besonders an ihren Vater sind durchaus liebevoll. Vier Jahre nach seiner Haftentlassung meldet er sich bei Cassie und beteuert weiter seine Unschuld. Mit dem einstigen Bild des starken Mannes hat der gebrochene alte Mann vor ihr keine Ähnlichkeit und Cassie beginnt zu zweifeln. Sie bittet DS Phyllida Flyte, mit der sie bereits bei einem Mordfall zusammen gearbeitet hat, um Unterstützung. Die Polizistin hat Zugang zu der alten Polizeiakte und mit deren Hilfe versucht Cassie die wahre Geschichte ihrer Eltern herauszufinden und den Mord an ihrer Mutter aufzuklären. Zusammen mit DS Phyllida Flyte stellt sie Recherchen zu ihrer tragischen Vergangenheit an und betrachtet die damaligen polizeilichen Untersuchungen mit immer mehr Skepsis.
Dabei taucht der Thriller immer wieder in die 80er Jahre ein und gibt die Atmosphäre und Stimmung der Musikszene mit ihren Rockbands überzeugend und unterhaltsam wieder.

In der Leichenhalle

Bei der Arbeit in der Leichenhalle hat die 25-Jährige es mit dem Strangulationstod eines Jugendlichen zu tun. Cassie kann nicht Recht daran glauben, dass der 15-Jährige Suizid begangen haben soll, doch aufgrund ihrer eigenen persönlichen Probleme scheint sie zumindest anfangs die Fähigkeit eingebüßt zu haben, Zwiesprache mit den Verstorbenen zu halten.

Cassie hoffte inständig, dass Mrs Appleton ihren Sohn gerade mit fünf oder sechs Jahren vor sich sah, lachend auf einem Fahrrad – alles, nur nicht jenes Bild des fünfzehnjährigen Bradley, das ihr für immer bleiben würde: auf seinem Bett liegend, das Kabel seines Laptops fest um den Hals gezurrt, das halb von der Wandleuchte über seinem Kopf herabhing. (Auszug Seite 7)

Insgesamt ist auch der zweite Teil ein kurzweiliger Thriller mit einer stimmigen Geschichte und einer unkonventionellen Protagonistin. Wobei Thriller? Dafür fehlt es vielleicht an durchgehendem Thrill. Anstatt atemberaubendem Nervenkitzel haben wir es eher mit einem geringen Spannungsbogen zu tun. Trotzdem will man immer wissen, wie es weitergeht und wird mit einigen ungewöhnlichen Twists entlohnt. Dazu die leicht mystischen Elemente, wenn Cassie mit ihren „Gästen“ spricht. Die Stärke des Romans sind auf jeden Fall der eingängige Schreibstil und die gut gezeichneten Charaktere.

Zwei Protagonistinnen wie Feuer und Wasser

Die beiden Protagonistinnen könnten unterschiedlicher nicht sein, hier die überkorrekte, fast zwanghafte Polizistin, dort die nach außen toughe aber trotzdem äußerst sensible Sektionsassistentin im krassen Goth-Look, die im Gegensatz zu manchen Kollegen immer respektvoll mit den Leichen, ihren „Gästen“ umgeht. Emotional wird es immer, wenn Cassie auf die traumatisierten Hinterbliebenen trifft, aus Achtung Piercings abnimmt, Undercut und Tattoos versteckt und das als den schwersten Teil ihres Jobs empfindet. Bei den Ermittlungen ergänzen die beiden sich und das Zusammenspiel sorgt für einen großen Lesefluss. Abwechselnd werden die Kapitel aus Sicht von Cassie Raven und Phyllida Flyte erzählt, wobei Cassie einen größeren Anteil hat. Sie ist ja auch wieder, wie im ersten Teil, als plötzlich ihre ehemalige Lehrerin als Leiche vor ihr lag, persönlich involviert. Der Love Interest der beiden wird nur angedeutet und ist auf jeden Fall noch ausbaufähig. Zumindest nennt man sich jetzt beim Vornamen.

Positiv anzumerken ist auch die Liebe zum Detail bei den Beschreibungen von Cassies Arbeit in der Pathologie. Die Fülle anschaulicher Erläuterungen der Forensik und anatomischer Details zeugt von umfassender Recherche der Autorin, werden aber interessant eingearbeitet, ohne zu langweilen.

Das Buch wurde mir von der Verlagsgruppe Droemer Knaur ungefragt zugesandt, worüber ich mich sehr gefreut habe. Überrascht war ich, dass es, im Gegensatz zum Auftaktband nicht als Hardcover erschienen ist. Allerdings ist auch das Paperback wieder wunderschön mit floralen Elementen und Hervorhebungen gestaltet und sticht mit den blau-roten Farbakzenten aus dem üblichen Cover-Einerlei bei Thrillern hervor. Eine gelungene Fortsetzung, die man problemlos ohne Vorkenntnisse des ersten Teils lesen kann.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Wer mit den Toten spricht | Erschienen am 01.09.2022 bei Droemer
ISBN 978-3-426-28249-6
384 Seiten | 15,99 Euro
Originaltitel: Life Sentence | Übersetzung aus dem Englischen von Marie-Luise Bezzenberger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Besprechung zu Band 1 der Reihe