Kategorie: .17 special

Volker Kutscher | Märzgefallene ♬

Volker Kutscher | Märzgefallene ♬

Im März 1933 nutzt der Berliner Kriminalkommissar Gereon Rath ein paar freie Tage und stürzt sich mit falscher Gumminase, schwarzer Brille und Schnurrbart in den Kölner Karnevalstrubel. Der Ex-Rheinländer muss seinen Kurzurlaub jedoch abbrechen, als in Berlin der Reichtstag brennt und alle verfügbaren Mitglieder der Polizei bei der Politischen eingesetzt werden. Der frisch zum Reichskanzler ernannte Adolf Hitler nutzt den Reichstagsbrand, um politische Gegner auszuschalten, besonders die Anhänger der kommunistischen Partei.

Obdachlose und minderjährige Brandstifter

In Berlin hat sich Raths ungeliebter Vorgesetzter Oberkommissar Wilhelm Böhm ins politische Abseits manövriert und so erbt Rath den Fall eines am Nollendorfplatz ermordeten Obdachlosen. Dieser wurde mit einem Grabendolch erstochenen. Der Wehrpass in seinem Mantel weist den im Gesicht schlimm entstellten Toten als Kriegsveteran des Ersten Weltkriegs aus. Eine Spur führt zu einer jungen Brandstifterin. Charly Ritter befragt Hanna Singer, die in einem Irrenhaus untergebracht ist, bekommt aber aus dem sechzehnjährigen verstörten Mädchen nichts heraus. Am nächsten Tag bricht Hanna aus der Anstalt aus.

Operation Alberich

Es meldet sich ein Zeuge, der angibt mit dem Ermordeten im Krieg gekämpft zu haben. Leutnant a.D. Achim Graf von Roddeck hat ein Buch über seine Erlebnisse geschrieben, das kurz vor der Veröffentlichung steht. In seinem Roman „Märzgefallene“ geht es um die schrecklichen Ereignisse während der letzten Kriegstage des ersten Weltkrieges. Im Besonderen um die unrühmlichen Taten der abziehenden Wehrmacht in Frankreich sowie um die schändlichen Verbrechendes des jüdischen Hauptmannes Benjamin Engel.

Viele markante Ereignisse hat Volker Kutscher in die Handlung eingebaut, die diese Zeit prägten, wie den Reichstagsbrand, die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler oder die Bücherverbrennung im nationalsozialistischen Deutschland. Der Autor versteht es wieder hervorragend, die politische und gesellschaftliche Realität jener Jahre mit der fiktiven Geschichte in Einklang zu bringen. Langsam aber sicher beeinflusst das NS-System das Alltagsleben. Die detailgenaue und authentische Gestaltung des zeitgenössischen Hintergrundes macht einen großen Reiz dieses spannenden Kriminalromans aus.

Rath bewegt sich in diesem fünften Kriminalroman wieder am Rande der Legalität und darüber hinaus. Er lässt Leichen verschwinden, vertuscht Morde, belügt Vorgesetzte und Verlobte, nimmt die Hilfe von Unterweltbossen an und wacht am Karnevalsmorgen mit einer fremden Frau im Bett auf. Er ist eine eigensinnige Figur, dem Gerechtigkeit oft wichtiger ist als Recht. Volker Kutscher hat hier eine Person mit Grautönen geschaffen. Rath ist intelligent genug, die Ereignisse um ihn herum wahrzunehmen. Aber er ist auch ein bisschen bequem und redet sich ein, so schlimm wird es schon nicht werden.

David Nathan ist ein deutscher Hörbuch- und Hörspielsprecher und für mich einer der Besten seines Fachs, besonders bei den Interpretationen in den Genres Thriller- und Horrorliteratur. Nathan hat auch viele Romane des amerikanischen Schriftstellers Stephen King eingelesen. Er lebt in Berlin und ist die deutsche Stimme von u.a. Johnny Depp und Christian Bale. Ich habe bei Nathan nie das Gefühl, das mir jemand etwas vorliest, sondern ich bin immer mitten in der jeweiligen Geschichte drin.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Märzgefallene | Das Hörbuch erschien am 27. September 2018 im Argon Verlag
ISBN 978-3-8398-9397-5
1 mp3-CD | 10.- Euro
Laufzeit der ungekürzten Lesefassung: 9 Stunden 41 Minuten
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Volker Kutscher.

Auch bei uns: Rezensionen zu Volker Kutschers Romanen Der nasse Fisch, Der stumme Tod, Lunapark, Goldstein und Die Akte Vaterland.

Volker Kutscher | Die Akte Vaterland ♬

Volker Kutscher | Die Akte Vaterland ♬

Schnapsbrennerei und indianisches Pfeilgift

Der vierte Teil der Gereon-Rath-Reihe führt uns in den Sommer von 1932. Im Lastenaufzug von Haus Vaterland, einer riesigen Vergnügungsstätte am Potsdamer Platz in Berlin, wird ein Spirituosenhändler tot aufgefunden. Alle Ermittlungen deuten darauf hin, dass er ertrunken ist. Zwei weitere ähnlich gelagerte Todesfälle ergeben, dass die Opfer durch ein indianisches Pfeilgift gelähmt wurden. Kommissar Gereon Rath ist frustriert, denn seine Ermittlungen gegen einen mysteriösen Auftragsmörder, genannt „Phantom“ treten auf der Stelle und er muss die Ermittlungen abgeben. Charlotte Ritter kommt von einem Studienjahr aus Paris zurück und fängt als Kommissaranwärterin bei der Weiblichen Kriminalpolizei am Alex an. Sie wird ausgerechnet Gereons Mordkommission zugeteilt und endlich machen die beiden durch eine Verlobung ihre Beziehung öffentlich. Charly wird undercover als Küchenhilfe in Haus Vaterland eingeschleust und nicht nur hier ist sie mehrfach frauenfeindlichen Übergriffen ausgesetzt.

Die Spur führt nach Ostpreußen

Da alle Spuren in eine Spirituosenbrennerei nach Ostpreußen führen, macht sich Rath in die masurische Kleinstadt Treuburg auf. Die wortkargen Einwohner erweisen sich als nicht besonders auskunftsfreudig und sind Fremden gegenüber erst mal misstrauisch. Einige Bewohner versuchen sogar, den Kommissar bewusst ins Moor zu leiten und hoffen, dass er nie wieder auftaucht. Der Reiz entsteht hier durch den absoluten Gegensatz zwischen der pulsierenden, aufgeklärten Weltstadt Berlin und dem vermeintlich idyllischen Treuburg. Mittels Volksabstimmung war Masuren grade wieder deutsch geworden und der Hass auf alles was polnisch oder katholisch ist, immer noch spürbar.

Ich kann die vielschichtige Handlung hier nur anreißen. Volker Kutscher nimmt sich viel Zeit und entwickelt langsam und ruhig seinen Plot mit mehreren miteinander verwobenen Fällen. Der Autor schafft es wieder, Zeitgeschichte in einen unterhaltsamen Kriminalroman zu transportieren ohne die Spannungskurve zu vernachlässigen. Kutscher glänzt nicht mit temporeichen atemlosen Thrill, sondern mit ausgefeilter Dramaturgie. Seinen immensen Einfallsreichtum kann ich nur wieder bewundern. Es geht um organisierte Schnapsbrennerei und ein in den Wäldern lebenden Ostpreußen. Vom Staatsputsch im Juli 1932 gegen die demokratische Regierung bekommt der Berliner Kommissar aufgrund seiner Ermittlungen in der Wildnis von Masuren gar nichts mit. Dabei gerät Rath dadurch ganz schön in Bedrängnis, da auch die Spitze der Berliner Polizei ausgetauscht wird und er damit den Schutz des Polizeivizepräsidenten verliert. Nach wie vor haben die Menschen keine Ahnung vom bevorstehenden Untergang und der politisch eher uninteressierte Gereon Rath, beispielhaft für einen Teil der Bevölkerung, verabscheut zwar die Nazis, versucht sich aber mit den Gegebenheiten zu arrangieren.

David Nathan ist der perfekte Interpret für diese Zeitreise in eine ganz andere Welt. Er benötigt nur wenige Minuten und man kann sich dem Kopfkino nicht mehr entziehen. Bei dem Hörbuch handelt es sich um eine gekürzte Version.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die Akte Vaterland | Das Hörbuch erschien am 26. September 2018 im Argon Verlag
ISBN 978-3-8398-9394-4
1 mp3-CD | 10.- Euro
Laufzeit der ungekürzten Lesefassung: 7 Stunden 21 Minuten
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Volker Kutscher.

Auch bei uns: Rezensionen zu Volker Kutschers Romanen Der nasse Fisch, Der stumme Tod, Lunapark und Goldstein.

Sir Arthur Conan Doyle | Eine Studie in Scharlachrot

Sir Arthur Conan Doyle | Eine Studie in Scharlachrot

Klassischer Detektivroman aus dem Jahre 1881

„Ich muss ihnen für alles danken. Ohne sie wäre ich vielleicht nicht hingefahren und hätte so die beste Studie verpasst, die mir je untergekommen ist: Eine Studie in Scharlachrot, eh? Warum sollten wir nicht ein wenig Kunstjargon verwenden? Der scharlachrote Faden des Mordes verläuft durch das farblose Knäuel des Lebens, und unsere Pflicht ist es, ihn zu entwirren, zu isolieren und jeden Zoll davon bloßzulegen.“ *

Der Meister selbst also ist für den Titel des Romans verantwortlich, der über den allerersten Fall von Sherlock Holmes und Doktor Watson berichtet und im November 1887 den Lesern eines Londoner Magazins das ungewöhnliche Gespann bekannt macht, Beeton’s Christmas Annual. Erst ein Jahr später erscheint die Geschichte dann auch in Buchform beim Verlag Ward, Lock & Co., noch ohne großen Zuspruch. Zugegeben, es ist auch ein eher schwächerer erster Auftritt des gegensätzlichen Duos, welches bald darauf – und bis heute! – die Kriminalliteratur verändern und beeinflussen sollte. Insofern ist dieses Debüt natürlich von hohem Interesse für jeden Liebhaber des Sherlock-Holmes-Kanons, erleben wir doch hier das erste Treffen der Gefährten, den Beginn einer ungewöhnlichen und folgenreichen Beziehung.

Der junge Mediziner Dr. John H. Watson ist gerade aus Afghanistan zurückgekehrt, wo er als Assistenzarzt im Krieg gearbeitet hat und schwer verwundet wurde. Gesundheitlich angeschlagen, kehrt er zur Erholung nach London zurück, wo er nun eine preiswerte Unterkunft braucht. Und so macht er die Bekanntschaft von Sherlock Holmes, eines jungen Mannes, der gerade einen Mitbewohner für eine möblierte Wohnung sucht. Er wird beschrieben als ein Mann mit komischen Ideen, ein Enthusiast was einige akademische Disziplinen angeht, mit einer Leidenschaft für präzises, exaktes Wissen. Ganz gut in Anatomie und ein erstklassiger Chemiker, aber sehr sprunghaft und exzentrisch, was seine Studien angeht, hat er offensichtlich eine Menge abseitiger Kenntnisse angehäuft, über die seine Professoren staunen würden.

So begegnet Watson seinem künftigen Zimmergenossen und Begleiter bei vielen aufregenden Abenteuern, im Labor eines Krankenhauses, wo er soeben eine der praktischsten gerichtsmedizinischen Entdeckungen der letzten Jahre gemacht hat, die einen unfehlbaren Nachweis für Blutflecken liefert. Watson ist ebenso irritiert wie interessiert. Kurz gesagt, die beiden so unterschiedlichen jungen Männer sind sich sympathisch und schnell ist abgemacht: sie teilen sich zwei gemütliche Schlafzimmer und einen gemeinsamen großen Wohnraum bei Mrs. Hudson. Ihre neue Adresse, heute weltbekannt: 221b Baker Street.

Watson ist fasziniert von seinem neuen Bekannten, der ihn immer wieder verblüfft mit seinen rätselhaften Kenntnissen über Dinge, die er eigentlich gar nicht wissen kann und wohl nur durch irgendwelche heimlichen Schliche erworben hat. Dann aber entdeckt Watson einen Zeitungsartikel, in dem aufgezeigt wird, wie viel ein aufmerksamer Beobachter durch genaue und systematische Untersuchung all dessen, was ihm begegnet, zu lernen vermag. Wie alle anderen Künste, heißt es da, lässt sich die Wissenschaft der Deduktion und Analyse nur durch langes und geduldiges Studium erwerben. Watson hält das alles für unsägliches Geschwätz, aber Holmes widerspricht. Er selbst hat diesen Artikel geschrieben, und in der Folge wird er seinem neuen Zimmergenossen eine ganze Reihe Beispiele und Beweise für die Richtigkeit seiner Thesen liefern.

In einem Gespräch mit Watson erläutert er, wie wir uns seine Tätigkeit vorzustellen haben:

„Ich habe einen besonderen Beruf, ich glaube, ich bin der einzige Beratende Detektiv auf der Welt. Hier in London haben wir jede Menge beamtete Detektive und etliche private. Wenn diese Leute nicht weiterwissen, kommen sie zu mir, und ich bringe sie auf die richtige Fährte. (…) Das Beobachten ist mir zur zweiten Natur geworden.“

Sein neuester Fall scheint sich zu einem dieser komplizierteren zu entwickeln. Er beginnt mit einem kurzen Brief an Sherlock Holmes, in dem seine Hilfe erbeten wird. In einem leerstehenden Haus wurde der Leichnam eines gut gekleideten Gentleman gefunden, mit Karten in der Tasche, die ihn als Bürger der USA ausweisen. Es wurde nichts gestohlen, der Tote weist keinerlei Wunden auf, aber im Zimmer fanden sich Blutspuren. Wie der Mann hierher kam, ist unklar, überhaupt scheint dem Absender des Hilferufs die ganze Angelegenheit ein Rätsel. Holmes kennt ihn, es ist Gregson, den er für den intelligentesten Mann bei Scotland Yard hält.

„Er und Lestrade sind die Einäugigen unter den Blinden dort.“

Als Holmes und Watson am Tatort eintreffen, finden sie die beiden Detektive tatsächlich Ratlos vor. Ihre Untersuchungen haben sie keinen Schritt vorangebracht. Erst, als an einer Wand das mit Blut geschrieben Wort RACHE entdeckt wird und sich zudem der Ehering einer Frau findet, ist sich Lestrade sicher: „Wenn dieser Fall aufgeklärt ist, werden sie sehen, dass eine Frau namens Rachel etwas damit zu tun hatte.“

Natürlich ist Holmes schon viel weiter. Im Hinausgehen wirft er in den Raum: „Es ist ein Mord verübt worden, und der Mörder ist ein Mann. Er ist über sechs Fuß groß, im besten Alter, hat für seine Größe kleine Füße, trägt grobe Stiefel, die vorn viereckig enden, und er hat eine Trichinopoly-Zigarre geraucht. Er ist zusammen mit seinem Opfer in einem vierrädrigen Wagen hergekommen, der von einem Pferd mit drei alten Hufeisen und einem neuen am rechten Vorderhuf gezogen wurde. Höchstwahrscheinlich hat der Mörder ein blühendes Aussehen, und die Fingernägel seiner rechen Hand sind bemerkenswert lang. Das sind nur ein paar Hinweise, aber sie könnten ihnen nützlich sein.“ Lestrade und Gregson sehen einander mit einem ungläubigen Lächeln an. „Wenn dieser Mann ermordet worden ist, wie ist der Mord dann begangen worden?“ – „Gift“, und noch etwas, Lestrade. „Rache“ ist das deutsche Wort für „revenge“; vergeuden sie also nicht ihre Zeit damit, dass sie nach Miss Rachel suchen.“

So erhält Watson seinen ersten Anschauungsunterricht in den Methoden des Meisters, und er kann kaum glauben, dass Holmes sich völlig sicher ist. Als dieser ihm die Beobachtungen schildert, die zu seinen Schlussfolgerungen führten, ist Watson erst recht verwirrt. Ihm scheint alles nur noch mysteriöser, aber Holmes stellt fest, dass vieles zwar noch dunkel ist, sein Urteil über die wichtigsten Tatsachen aber bereits abgeschlossen. Wie später noch so oft macht sich Sherlock Holmes einen Spaß daraus, seine überraschten Gegenüber im Unklaren darüber zu lassen, wie er zu seinen erstaunlichen Erkenntnissen gekommen ist.

„Ich werde ihnen nicht viel mehr über diesen Fall erzählen, Doktor. Sie wissen schon: Ein Zauberer bekommt keinen Applaus mehr, wenn er erst seinen Trick verraten hat; und wenn ich ihnen zu viel von meiner Arbeitsmethode zeige, werden sie zu dem Schluss kommen, dass ich schließlich doch ein ganz gewöhnliches Individuum bin.“

„Zu diesem Schluss werde ich niemals kommen“,sagte ich. „Sie haben die Detektion einer exakten Wissenschaft so weit angenähert, dass man sie in dieser Welt nicht mehr übertreffen wird.“

Worauf Holmes, wie Watson weiter ausführt, errötet, weil er für Schmeicheleien über seine Kunst äußerst empfänglich ist. Natürlich weiß er, dass er nicht ganz gewöhnlich ist, er ist selbstbewusst genug, zu erkennen, dass er mit seinen besonderen Fähigkeiten den meisten Menschen weit überlegen ist, und es macht ihm große Freude, diese Überlegenheit zu demonstrieren und effektvoll zu inszenieren. So kann man kritisch anmerken, dass der bewunderte Detektiv (oder der Autor) durchaus Details verschweigt oder irreführende Hinweise gibt, um den Leser hinzuhalten und dann mit einer wohlgesetzten Schlusspointe die Lösung des Rätsels zu verraten. Der geniale Detektiv hatte natürlich längst alles durchschaut, während alle anderen die brillanten Folgerungen und fantastischen Gedankengängen des Meisters nicht nachvollziehen können.

Wer die Geschichten heute liest, ist kaum noch auf so plumpe Weise hinters Licht zu führen, für ihn liegt der Reiz möglicherweise im Geist des viktorianischen Zeitalters, der die Geschichten durchweht, und in der eleganten, angenehmen Sprache der Epoche, in der diese dargeboten werden. Für den zeitgenössischen Leser allerdings war vermutlich Sherlock Holmes‘ Kunst der Deduktion durchaus zum Staunen, weil noch recht unbekannt und wenig beschrieben. Genau genommen hatte Sherlock Holmes zwei Vorläufer, die sich ähnlicher Methoden bedienten, und Conan Doyle kannte sie sehr gut: Da erschien zunächst ein Chevalier Auguste Dupin im Jahre 1841 auf der Bühne der Weltliteratur. Edgar Allan Poe ließ seinen genialen Spürhund in den folgenden Jahren in drei Detektivgeschichten ermittel. Auch Dupin hatte einen Gefährten, der über die Fälle anschließend berichtet, und er hatte auch schon einige Marotten und bemerkenswerte Angewohnheiten, die seine Nachfolger auszeichnen sollten. Insbesondere hatte auch dieser grandiose Geist die Angewohnheit, seine Umgebung mit den erstaunlichen Ergebnissen seiner Deduktionen zu verblüffen.

Im Jahre 1863 erschien dann das erste Abenteuer des Monsieur Lecoq, eines jungen Polizisten und späteren Inspektors, den Emile Gaboriau erfunden hat. Auch dieser scharfsinnige Detektiv löst in einer Reihe erfolgreicher Romane sämtliche Rätsel durch logische Schlussfolgerungen. Conan Doyle war also keinesfalls der erste, der einen solchen Detektiv ins Rennen schickte, und Holmes nicht der erste, der sich mit seinen Ermittlungsmethoden einen Namen machte. Unterhalten sich Holmes und Watson im vorliegenden Roman über die beiden Vorgänger unseres Meisters. Watson bewundert sie und ist ein wenig indigniert, als Holmes sie schlichtweg als „minderen Gesellen“ und „ miserablen Stümper“ bezeichnet. Somit stellt Conan Doyle klar: Holmes ist mit Dupin oder Lecoq nicht zu vergleichen, und er selbst nicht einfach ein Nachfolger von Poe und Gaboriau.

Sein erster Detektivroman aber ist weder besonders noch besonders interessant oder spannend, im Gegenteil. Dem Leser wird einiges an Geduld abverlangt, denn der möglicherweise noch unsichere weil unerfahrene Schriftsteller Conan Doyle traut sich offenbar noch nicht, ganz auf seine beiden Helden und ihre gemeinsamen Abenteuer zu setzen. So kommt es, dass dieser erste Roman zweigeteilt ist, die „Erinnerungen von John H. Watson M.D.“ brechen im entscheidenden Moment ab und es folgt eine längere Schilderung von Ereignissen in Utah nach der Gründung von Salt Lake City durch die Mormonen. Diese Vorgeschichte zu den Morden im London des Jahres 1881 muss natürlich ohne Holmes und Watson auskommen und macht den Leser stattdessen bekannt mit John Ferrier und den Umständen, die ihn zu einem erbarmungslosen Rachefeldzug führten. Auch das ist durchaus schön und spannend geschrieben, aber eigentlich wartet man nur auf den „Fortgang der Erinnerungen von John Watson“, in denen das Geschehen um die „Studie in Scharlachrot“ vollständig aufgerollt wird.

John Ferrier fasst die Ereignisse von Beginn an bis zum überraschenden Ende zusammen und Holmes darf dozieren, wie und warum er das alles schon vor diesem Geständnis wissen konnte und also den Täter überführen und festnehmen konnte. Es endet wie in vielen Fällen, die Holmes in der Folge auf seine geniale Art lösen wird: Lestrade und Gregson heimsen die Lorbeeren ein, Holmes muss sich vorläufig mit dem Wissen um die Wahrheit bescheiden und mit der Aussicht auf die Veröffentlichungen seines Chronisten, der die Tatsachen irgendwann zurechtrücken wird.

*Alle Zitate entstammen der Taschenbuch-Ausgabe sämtlicher Sherlock-Holmes-Geschichten und -Romane des Insel Verlages, Eine Studie in Scharlachrot insel taschenbuch 3313.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Eine Studie in Scharlachrot | Erstveröffentlichung 1881
Die aktuelle gelesene Ausgabe erschien am 26. November 2007 bei Insel im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-458-35013-2
189 Seiten | 7.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Adventsspezials Privatdetektive.

Auch bei uns: Gunnars Rezension zu Die Abenteuer des Sherlock Holmes von Sir Arthur Conan Doyle

Dennis Lehane | Ein letzter Drink

Dennis Lehane | Ein letzter Drink

Seit ich meinen ersten Roman von Dennis Lehane gelesen habe, bin ich begeistert von seinem flüssigen, homogenen Erzählstil, der charakteristisch ist für seine Bücher. Bei nachfolgenden Geschichten habe ich dies neben seinen besonderen Figuren sehr geschätzt.

Auch in seinem Erstling, dem Detektivroman Ein letzter Drink ist dies schon seine Basis, allerdings ging er die Patrick Kenzie/Angela Gennaro-Krimis anders an. Lehane hat den Detektiv Kenzie als Ich-Erzähler installiert, den wir dadurch auf eine andere Art kennenlernen, was aber auch Rückblicke persönlicher Natur aus seiner eigenen Sicht schlüssiger ermöglicht.

Patrick Kenzie betreibt gemeinsam mit seiner Partnerin Angela Gennaro eine Detektei in South Bosten, deren Büro sich im Glockenturm einer Kirche befindet, mehr aus praktischen Gesichtspunkten, denn aus Glaubensgründen. Denn damit ist es bei Patrick Kenzie nicht weit her. Er ist ein rauher Kerl, der Prügel kassiert und nicht davor zurückscheut, selbst auszuteilen, Schnauze um Schnauze! Dabei hat er auch eine durchaus gefühlvolle Seite, insbesondere seiner Partnerin Angie gegenüber, die er – nicht nur heimlich – anhimmelt. Ihren Mann, von dem sie regelmäßig Schläge kassiert, verflucht er, doch Angie bindet ihm die Hände.

In ihrem aktuellen Fall, sollen die beiden eine verschwundene Person finden. Bei einem Treffen mit seinem Klienten im Ritz, trifft er auf seinen Abgeordneten, den seiner Stadt Dorchester, der ihn in Gegenwart weiterer, ranghöherer Politiker, engagiert, seine Putzfrau ausfindig zu machen. Sie soll mit brisanten Unterlagen verschwunden sein, die eine wichtige bevorstehende Abstimmung gefährden könnten.

Ein easy Job, wie die beiden denken. Aber für einen hardboiled Lehane wohl weitaus zu easy, als dass das alles wäre. Kenzie und Angie machen Jenna, die Putzfrau, relativ rasch ausfindig, allerdings hat diese keine Dokumente mitgehen lassen, sondern hochbrisante Fotografien, an denen noch weitere Personenen größtes Interesse haben. Bei der Übergabe eines der Fotos wird Jenna erschossen. Das Bild bietet zwar Ansätze, aber was die beiden Detektive bei den Ermittlungen noch ausgraben werden, hatten sie nicht erahnt.

Dennis Lehane hat insgesamt sechs Kenzie-Fälle geschrieben und veröffentlicht. Ein letzter Drink war sowohl sein Debüt als auch sein erster Kenzie-Roman. Mir liegen seine anderen Romane sehr, hier hat mich die deutlich distanziertere Beziehung zu den Romanfiguren gestört. Der Erzählstil ist flüssig, ist gleichbleibend gut, aber eben ein anderer als zum Beispiel in Mystic River oder In der Nacht. Die Kapitel sind recht kurz, was in Kombination mit der Sprache des Detektivs als Ich-Erzähler ein Stakkato erzeugt. Dadurch habe ich mich weder der Geschichte noch den Protagonisten nahe gefühlt. Wer Detektivromane mag, sollte die von Dennis Lehane unbedingt lesen, aber ich habe für mich durch diesen Titel gelernt, dass dieses Subgenre nicht mein Fall ist. Leider, muss ich sagen, denn ich finde ihn ja großartig! Wie ich mich kenne, lese ich irgendwann den 2. Kenzie-Fall und dann platzt der Knoten vielleicht.

 

Ein letzter Drink | Erstveröffentlichung 1994
Die aktuelle Ausgabe erschien am 24. August 2016 bei Diogenes
ISBN 978-3-257-30030-7
368 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Adventsspezials Privatdetektive.

Dashiell Hammett | Der Malteser Falke

Dashiell Hammett | Der Malteser Falke

Unter Schmerzen preßte Cairo durch die Zähne: „Ich hätte Sie erschießen können, Mr. Spade!“ „Sie hätten es versuchen können“, räumte Spade ein. „Ich habe es nicht versucht.“ „Ich weiß.“ „Warum haben Sie mich dann geschlagen, nachdem ich entwaffnet war?“ „Tut mir leid“, sagte Spade mit einem wölfischen Grinsen, das seine Backenzähne sehen ließ, „aber stellen Sie sich meine Bestürzung vor, als ich feststellen mußte, daß ihr Fünftausend-Dollar-Angebot nur aus Luft besteht.“ „Da irren Sie sich, Mr. Spade. Das war und ist weiterhin ein ehrliches Angebot.“ (Auszug Seite 55)

Ende der 20er Jahre betreibt Samuel Spade zusammen mit seinem Partner Miles Archer in San Francisco eine Privatdetektei. Eines Tages werden sie von der attraktiven Miss Wonderley konsultiert, die sich Sorgen um ihre Schwester macht, da diese angeblich mit einem ziemlich windigen Typen namens Fred Thursby durchgebrannt sei. Das hört sich nach einem harmlosen aber gut bezahlten Routinefall an und so übernimmt Archer noch am gleichen Abend die Observierung von Thursby. Mitten in der Nacht erfährt Sam Spade durch die Polizei, dass sein Partner erschossen wurde. Noch während Spade am Fundort der Leiche eintrifft, wird auch Thursby ermordet aufgefunden.

Was führt die schöne Rothaarige im Schilde?

Sam verärgert die Polizei, da er nicht kooperieren und den Namen der Auftraggeberin verraten will. Währenddessen befürchtet Miles‘ Witwe Iva Archer, mit der Sam hinter Miles Rücken ein Verhältnis hatte, er habe Miles umgebracht, um mit ihr zusammen sein zu können.

Spade sucht seine Klientin im Hotel auf, die ihm sofort gesteht, die Geschichte mit ihrer Schwester erfunden zu haben. Ihr richtiger Name wäre Brigid O’Shaughnessy und sie wäre vor kurzem mit Thursby aus Hongkong gekommen. Die attraktive Rothaarige scheint vor irgendetwas Angst zu haben, rückt aber nicht richtig mit der Sprache raus und macht Spade schöne Augen, damit er ihr hilft.

In seinem Büro erhält Spade Besuch von dem geheimnisvollen, halbseidenen Joel Cairo. Dieser bietet ihm 5.000 US-Dollar für die Beschaffung einer gestohlenen circa 30 cm großen Figur eines schwarzen Vogels an, die Cairo im Besitz von Brigid O’Shaughnessy vermutet.

Wo ist der Vogel ?

Spade wird schon seit einiger Zeit von einem jungen Mann beschattet. Er stellt den Verfolger zur Rede und wird kurz darauf von dessen Boss angerufen und um ein Treffen ins Hotel Alexandria gebeten. Caspar „ G“ Gutman ist ebenfalls hinter der offenbar sehr wertvollen Vogelstatuette her. Nach kurzem Zögern verrät G ihm die Geschichte hinter dem Falken. Es handelt sich um ein Geschenk des Malteserordens im 16. Jahrhundert an den damaligen König von Schweden. Die mit kostbaren Edelsteinen und Juwelen verzierte Goldstatue wurde mit schwarzer Emailleschicht bedeckt, um den Wert zu verbergen. Gutman jagt schon seit 17 Jahren wie besessen hinter dem Malteser Falken her und verspricht Spade die hohe Summe von 10.000,00 US-Dollar für das Auftreiben des Falken. Und der gewiefte Detektiv blufft, spielt mit und lässt sich nicht in die Karten schauen.

Während aus einer anfangs harmlos scheinenden Observation eine mörderische Jagd nach einer wertvollen Statue wird, verirrt sich der Erzählfaden teilweise im Gewirr der undurchschaubaren Figuren. Am Schluss kommt es bei der Aufklärung der Morde noch zu einigen Überraschungen.

Der unterhaltsame Krimi ist kurzweilig aber nicht rasend spannend, dafür fehlt es an Dramatik. Er lebt von dem kontroversen Aufeinandertreffen seiner Figuren und der Fokussierung auf seine Hauptfigur. Die trockenen, sprachlich knappen Dialoge ziehen sich teilweise in die Länge. Obwohl Hammett sich nicht in ausschweifenden Beschreibungen verliert, wird die Atmosphäre der 30er Jahre gut eingefangen.

Wer ist Sam Spade?

Dashiell Hammett erzählt die Geschichte komplett aus der Perspektive seines Helden Sam Spade. Trotzdem wird dem Leser kein Einblick in die Gefühlswelt des Detektivs präsentiert, so dass man dem Protagonisten nie wirklich nahe kommt. Man weiß nicht, was man von ihm halten soll. Die Ermordung seines Partners scheint ihn nicht zu kümmern, mit Miss O’Shaughnessy beginnt er eine Affäre, aber ob er ihr glaubt, kann man nur vermuten. Dagegen nimmt die Beschreibung der äußerlichen Kennzeichen wie zum Beispiel Gestik und Mimik übertrieben viel Raum ein. Sam wird als umgänglicher, blonder Satan beschrieben, dessen Gesicht aus lauter V’s besteht und der mit gelbgrauen Augen ein wölfisches Lächeln zeigt, dagegen wechselt seine Hautfarbe ins Gelbliche, wenn er wütend wird. Ich hatte beim Lesen die ganze Zeit Humphrey Bogart vor Augen. Dabei ist die kongeniale Kinoversion von John Huston aus dem Jahre 1931 bereits die dritte Verfilmung des Stoffes. Und für Bogart war es die Rolle, die ihn zum Kultstar machte.

Mit der Figur des Samuel Spade hat Dashiell Hammett eine unvergessliche Figur erschaffen, praktisch den Archetyp des hartgesottenen, coolen Privatdetektivs in Literatur und Film. Ein zynischer Einzelgänger ohne Illusionen, der niemandem traut. Er ist viel zu schlau, um sich manipulieren zu lassen und laviert opportun zwischen den Parteien.

Heute wirkt das vom Autor kreierte Figurenpersonal klischeehaft, aber zu seiner Zeit hat Hammett Maßstäbe gesetzt, denn zum ersten Mal waren die Charaktere alle rücksichtslos und konnten nicht einfach in Gut und Böse aufgeteilt werden. In einer skrupellosen Gesellschaft sind die habgierige Figuren in Der Malteser Falke nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht, lügen und betrügen. Die düstere Bild- und Figurenwelt sowie die pessimistische Grundstimmung als Unterschied zum klassischen englischen Krimi revolutionierte in den 30er Jahren den Detektivroman. Ein Klassiker mit knapp 230 Seiten, den ich gerne gelesen habe!

Dashiell Hammett wurde 1894 in Maryland geboren. Mit 13 Jahren arbeitete er bereits in einer Detektivagentur, kann also aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen. Er gilt neben Raymond Chandler als stilbildend für das Genre des Detektivromans und als Begründer der hardboiled Novel. Aufgrund seiner Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei geriet er in die Mühlen der McCarthy-Ära. Seine Aussagen vor dem McCarthy-Ausschuss 1953 wurden im Fernsehen übertragen. Er saß im Gefängnis und verstarb verarmt im Jahre 1961.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Malteser Falke | Erstveröffentlichung …
Die aktuelle Ausgabe erschien am 1. Mai 2004 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-20131-4
240 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Adventsspezials Privatdetektive.