Kategorie: Ermittler

Rezensent

Attica Locke | Black Water Rising

Attica Locke | Black Water Rising

Die Autorin Attica Locke war in den Staaten bereits eine renommierte Autorin und Drehbuchschreiberin, als ihr Roman „Bluebird, Bluebird“ mit dem Gewinn sowohl des Edgars als auch des Daggers sie nochmal auf eine andere Höhe katapultierte. Der Polar Verlag brachte „Bluebird, Bluebird“ auch in deutscher Übersetzung heraus und brachte sie erstmals auch einem größeren deutschsprachigen Publikum nahe. Nach „Bluebird“ folgte mit „Heaven, My Home“ auch der zweite Roman um den schwarzen Texas Ranger Darren Matthews. Südstaaten-Romane, die sich um Heimat und natürlich um Rassismus drehen. Nun hat der Verlag sich Lockes Debütroman vorgenommen: „Black Water Rising“ erschien 2009 im Original und spielt in Houston des Jahres 1981.

Jay Porter ist ein schwarzer Anwalt mit einer kleinen schäbigen Kanzlei. Er hält sich mit kleinen Zivilklagen und Vergleichen über Wasser. Das Geld ist knapp, trotzdem hat er sich für den Geburtstag seiner schwangeren Frau Bernie etwas einfallen lassen: Eine nächtliche Fahrt auf einem kleinen Kahn mit Skipper über den Bayou durch Houston. Auf dem Rückweg werden die Bootsinsassen Zeugen eines lauten Streits jenseits der Uferböschung, kurz darauf fallen Schüsse und jemand fällt ins Wasser. Porter zögert, springt aber dann doch in den Fluss und zieht eine junge weiße Frau an Bord. Die Frau ist wortkarg, die Porters bringen sie zur nächsten Polizeistation. Jay geht aber wohlweislich nicht mit hinein, denn sein Mißtrauen sitzt aus Erfahrung tief. Später erfährt Jay, dass ein Mann tot aufgefunden wurde. Er bekommt Angst, in die Sache hineingezogen zu wurden, aber er will auch nicht unverbereitet sein, sodass er eigene Nachforschungen unternimmt.

Er überlegt, ob er ohne Jimmys Cousin mit der Polizei reden soll, kann sich aber nicht dazu durchringen.
Er erinnert sich an seinen eigenen Rat: Halt deine verdammte Klappe.
Das steckt tief in ihm drin, ist in seiner DNA gespeichert. Halt den Kopf unten, sprich nur, wenn man dich was fragt. (Auszug S.79)

Jay hat Angst vor der Polizei und dem Staatsapparat – und das nicht ohne Grund. Vor mehr als zehn Jahren war er Teil der Studentenbewegung, organisierte Proteste und Demos. Jay selbst war nicht radikal, aber er bewegte sich in Dunstkreis derer, die glaubten, mit Gewaltlosigkeit nicht weiter zu kommen. Wie die staatliche Gewalt die Bewegung in wahrsten Sinne des Worte zerschlug, hat er selbst miterlebt und am eigenen Leib erfahren. In einem Prozess mit fingierten Beweisen gegen ihn entkam er nur knapp einer Verurteilung. Seitdem ist Jay extrem vorsichtig. Er weiß, dass ein Schwarzer den direkten Kontakt mit der Polizei am besten vermeidet. Aber untätig da sitzen, will er auch nicht. Er will herausfinden, was ihn erwarten könnte. Doch er ist längst im Spiel, die Gegenseite weiß von ihm und macht ihm klar, dass er sich aus allem heraushalten sollte.

Langsam dämmert es Jay. Der wahre Grund, warum seine Waffe abhandengekommen ist. Alles nur, um ihn abzuschrecken. Und gerade er ist darauf reingefallen. Er ist das perfekte Opfer gewesen. Rolly sieht ihn über den Schreibtisch hinweg an. „Wenn du mich fragst… was der ganze Aufwand soll… das ist was Übles, Mann, was richtig Übles. Ich würd die Pfoten davon lassen, Jay.“ (Auszug S.313)

Attica Locke verwebt in diesem Roman zwei zeitliche Ebenen, die um ein zentrales Thema kreisen: Rassismus und die Benachteiligung der Schwarzen. In Rückblicken erinnert sich Jay an die Zeit der Bürgerrechtsbewegung, der Studentenproteste, den SNCC, die Black Panther. Und wie diese Proteste mit aller Härte vom Staat bekämpft und die Aktivisten kriminalisiert wurden – egal, ob sie es waren oder nicht. Jay war damals mit einer weißen Studentin zusammen, Cynthia Maddox, die damals radikaler war als er. Als er inhaftiert wurde, verschwand sie aus seinem Leben. Inzwischen hat Cynthia aber politische Karriere gemacht und ist Bürgermeisterin von Houston. Houston ist eine Stadt der Ölindustrie, die einen steilen Aufstieg gemacht hat. Die Chefs der Ölfirmen sind die heimlichen Herrscher der Stadt. Nun ist auch Houston Anfang der 80er ein Ort mit schwelenden Rassenspannungen, die mehrheitlich schwarzen Hafenarbeiter sind mit ihren Arbeitsbedingungen nicht einverstanden und wollen den Hafen bestreiken. Und auch die Ölindustrie steckt in der Krise, Öl wird heimlich in Milliarden Barrel gehortet, um die Preise hoch zu halten. Ein Streik könnte das Pulverfass zum Explodieren bringen. Jay wird durch seinen Schwiegervater, einen schwarzen Reverend, der als Vertrauensmann der schwarzen Gewerkschaftler fungiert, in den Streik hineingezogen. Jay soll seine alten Kontakte zur Bürgermeisterin nutzen. Und je mehr er mitbekommt, umso mehr dämmert es Jay, dass der Streik, die Ölindustrie und die Schüsse am Bayou miteinander zusammenhängen.

„Black Water Rising“ ist ein komplexer, aber ungemein stark komponierter Roman um den Kampf der schwarzen Amerikaner um Gleichberechtigung. Ein Roman, der 1981 spielt, und dennoch die klaren Parallelen zur Gegenwart hat. Die Autorin Attica Locke beweist sich dabei auch als Chronistin ihrer Heimatstadt Houston. Ihren Protagonisten Jay Porter schickt sie dabei als einsamen Wolf in einen kaum zu gewinnenden Kampf. Wie schon in ihren zuvor auf Deutsch erschienenen Romanen überzeugt die Mischung aus Krimihandlung, die Einbettung historischer Ereignisse und der Blick auf die texanische Gesellschaft.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Black Water Rising | Erschienen am 15.11.2021 im Polar Verlag
ISBN 978-3-948392-40-6
456 Seiten | 25,- €
Originaltitel: Black Water Rising (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezensionen zu „Bluebird, Bluebird“ und „Heaven, My Home“

Mario Puzo | Der Pate

Mario Puzo | Der Pate

„Ich werde ihm ein Angebot machen, dass er nicht ausschlagen kann.“ (Auszug S.549)

Selbst viele Nicht-Genreleser werden dieses Zitat sofort „Der Pate“ von Mario Puzo zuordnen, insbesondere in der Verfilmung von 1972, für die Puzo gemeinsam mit Regisseur Francis Ford Coppola seinen Roman in ein Drehbuch umschrieb (und dafür gewannen beide auch damals einen Oscar). Auch der Film selbst gewann die höchste Auszeichnung der Filmbranche und gilt bis heute als ikonisches Meisterwerk. Ich hatte den Film zuletzt vor bestimmt 20 Jahren gesehen und natürlich auch als großartig in Erinnerung, aber natürlich verblassen die Details bis auf wenige Ausnahmen nach so vielen Jahren (die eindrucksvollste Szene bleibt für mich sicherlich der blutige Pferdekopf im Bett des Filmproduzenten). Somit konnte ich relativ unvoreingenommen an die Romanvorlage herangehen, die nun in der sehr schmucken Reihe „Red Eye“ des Kampa Verlags eine Neuauflage erfahren hat.

Die grundlegende Story dürfte vielen sicherlich bekannt sein: Die Corleones bilden Mitte der 1940er Jahre eine der fünf Mafia-Familien New Yorks. Die Geschäfte laufen ganz passabel, dank eines Friedensabkommens zwischen den Familien. Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs erwarten alle eine noch deutliche Steigerung ihrer Geschäfte. Oberhaupt (Don) des Corleone-Clans ist der inzwischen in die Jahre gekommene, aber immer noch äußerst clevere Vito Corleone. Vito hat drei Söhne, Sonny, Fred und Michael, bei denen unklar ist, wer einmal die Familiengeschäfte übernehmen wird. Sonny, der Älteste, gilt als zu impulsiv, Fred, der Mittlere, als nicht clever genug. Und Michael, der Jüngste, hat sich schon mehrfach den Anweisungen des Vaters widersetzt, war freiwillig im Krieg, will nun studieren und hat eine typische Amerikanerin als Partnerin. Als nun die aufkommenden Geschäfte mit Rauschgift die Balance zwischen den Familien ins Wanken bringt und auf Don Vito sogar ein Mordanschlag verübt wird, kristallisiert sich immer mehr heraus, dass Michael in die Rolle des Oberhaupts hineinwächst.

Don Vito Corleone war ein Mensch, an den sich alle um Hilfe wandten, und noch nie hatte er einen Bittsteller enttäuscht. Er machte keine leeren Versprechungen, noch gebrauchte er die feige Ausrede, ihm wären von Stellen, die mehr Macht besäßen als er, die Hände gebunden. Es war nicht notwendig, dass er ein Freund des Bittstellers war, es war nicht einmal wichtig, dass man die Mittel besaß, um ihn für seine Mühe zu belohnen. Nur eines wurde verlangt: dass der Bittsteller selber ihm Freundschaft schwor. (Auszug S.25)

„Der Pate“ umfasst neun „Bücher“, die bestimmte Abschnitte der Familiensaga umfassen, oft auch mit einem Perspektiv- oder Ortswechsel. Die erzählte Zeit umfasst etwa zehn Jahre Mitte der 1940er bis Mitte der 1950er Jahre, wobei auch rückblickend von den Anfängen Vito Corleones erzählt wird, wie er nach Amerika kam und dort zu einem Mafioso aufstieg. Mario Puzo beschreibt eindrucksvoll die Machtstrukturen innerhalb der „Familie“, ein streng hierarchisches (patriarchaisches) System, das durch diesen Aufbau ebenfalls das Oberhaupt zusätzlich zur Omertà vom Verrat abschirmt. Kein Fußsoldat wird jemals vom Don einen Auftrag erhalten. Durch die Perspektive der italienischen Einwanderer erhält man zudem einen Blick auf die amerikanische Gesellschaft, die es den Neuankömmlingen nicht einfach gemacht hat, so dass sich Parallelgesellschaften gebildet haben, mit eigenen Moralvorstellungen und eigenen Regeln. Und die Familien haben inzwischen so viel Geld und Einfluss gewonnen, dass sie die Vertreter des eher ungeliebten amerikanischen Staates korrumpieren können.

„Mein Vater ist ein Geschäftsmann, der versucht, für seine Frau und Kinder und für jene Freunde zu sorgen, die er in Zeiten der Not eines Tages brauchen könnte. […] Er weigert sich, nach Regeln zu leben, die andere gesetzt haben, nach Regeln, die ihn zu einem Leben im Elend verdammen. Sein eigentliches Ziel aber ist es, ein Mitglied dieser Gesellschaft zu werden – allerdings mit einer gewissen Macht, da diese Gesellschaft Mitglieder, die keine eigene Macht besitzen nicht schützt. Inzwischen handelt er nach seinem eigenen Moralkodex, den er der Rechtsstruktur der Gesellschaft für weit überlegen hält.“ (Auszug S.521-522)

Die Verfilmung von „Der Pate“ ist trotz aller Lobeshymnen nicht ohne Kritik geblieben. Einige befanden, dass der Film auch gut „aus dem Werbeetat der Cosa Nostra“ hätte finanziert werden können, denn die Mafia werde ein Stück weit glorifiziert. Diese Kritik gibt es bis heute für diverse kulturellen Bearbeitungen des Mafia-Topos. In Deutschland ist Autorin Petra Reski eine der schärfsten KritikerInnen dieser „Mafia-Folklore“. Und tatsächlich bewegt sich auch Mario Puzo auf einem sehr schmalen Grat. Er verschweigt nicht die Brutalität und rohe Gewalt, deren sich die Mafia bedient. Aber er stellt diese immer wieder in einen Kontext zu Familie, Ehre und Loyalität. Die schmutzigen Geschäfte der Familie Corleone (im Wesentlichen Glücksspiel und Gewerkschaftsangelegenheiten) werden ein Stück weit als Gaunereien verklärt und Don Vito als ehrenwerten Mann, der Rauschgiftschmuggel als unmoralisch verabscheut. Das aber auch nicht durchgehend, sodass der Leser schon erfährt, dass die Mafiafamilien einen totalitären Anspruch verfolgen, den Staat und seine Institutionen großflächig unterwandern und dabei auch tief im Rassismus verwurzelt sind. Was man für einen Roman, der in den 1940er/1950ern in einer italienischstämmigen Mafiafamilie spielt, natürlich nicht erwarten kann, ist ein differenziertes Frauenbild abseits des Hure oder Heilige-Schemas. Dennoch eher als ärgerlich habe ich einige von Puzos Nebenerzählungen empfunden, die offensichtlich bewusst schlüpfrig angelegt sind – etwa die Brautjungfer der Corleonetochter, die aufgrund einer anatomischen Fehlbildung offenbar nur vom mächtigen Geschlecht Sonny Corleones befriedigt werden kann und sich später einer Schönheitsoperation unterzieht.

So war für mich der letztendliche Eindruck schon nicht völlig ohne kritische Hintergedanken. Dennoch ist Mario Puzos „Der Pate“ immer noch ein packender und mitreißender Roman über das organisierte Verbrechen, um Macht, Familie, Ehre und Gewalt. Ein System, dass alle Figuren eng umschlungen hält und sie letztlich in einen Strudel hineinzieht oder gefangen hält, aus dem scheinbar nur der Tod (oft gewaltsam) sie befreien kann. Das fasziniert noch heute und macht „Der Pate“ nach wie vor zu einem echten Klassiker.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Der Pate | Erstmals erschienen 1969
Die aktuelle Ausgabe erschien am 14.10.2021 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-12510-5
640 Seiten | 22,- €
Originaltitel: The Godfather (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Gisela Stege)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Stuart Turton | Der Tod und das dunkle Meer

Stuart Turton | Der Tod und das dunkle Meer

Wenn ihre Vermutung richtig war, dann war der Aussätzige direkt aus dem Meer geradewegs den Schiffsrumpf hinauf bis zu ihrer Fensterluke gestiegen. (Auszug Seite 238)

Mitte des 17. Jahrhunderts sticht eine Flotte von 7 Schiffen der Vereinigten Niederländischen Ostindien-Kompanie von Batavia in See. Ankunftsziel ist nach 8 Monaten beschwerlicher Fahrt Amsterdam. Hauptschauplatz des Romans ist die Saardam, auf der Generalgouverneur Jan Haan mit großer Entourage reist: Leibwache, seine Ehefrau Sara Wessel, die gemeinsame Tochter und seine Geliebte sind mit an Bord. In Amsterdam soll Haan einer der „Siebzehn Herren“ werden, die das Direktorium der Ostindiengesellschaft bilden. Den Frachtraum füllen Schweine und Kühe, Weidenkörbe mit krächzenden Hühnern, Kisten mit Gewürzen, Seidenstoffen, darunter auch welche, deren Inhalt der Gouverneur sorgfältig geheim hält. Ebenfalls an Bord sind der berühmte Meisterdetektiv Samuel Pipps und sein Leibwächter und Freund, der Söldner Arent Hayes. Pipps hatte für Haan einen gestohlenen Schatz wieder gefunden, war aber danach in Ungnade gefallen und reist jetzt als Gefangener nach Amsterdam, wo ihm der Prozess gemacht werden soll.

Der alte Tom
Unmittelbar bevor die Saardam in See sticht, wird das Schiff von einem in blutige Lumpen gehüllten Aussätzigen verflucht, der nach seiner Prophezeiung in Flammen aufgeht und qualvoll verbrennt. Die Umstehenden können ihm nicht mehr helfen und nur noch feststellen, dass man der armen Kreatur die Zunge rausgeschnitten hatte. Trotz großer Verunsicherung auf Seiten der Passagiere tritt die Saardam ihre Reise an. Schon kurz nach dem Auslaufen geschehen unheimliche Dinge an Bord. Auf den Segeln wird ein bedrohliches Zeichen entdeckt. Das Auge mit Teufelsschwanz gilt als das Zeichen des „Alten Tom“ – eine Inkarnation des Teufels, der schon vor 30 Jahren in den Provinzen für großes Blutvergießen sorgte. Absonderliche Gewaltakte gipfeln in Morden und ein Flüstern weht durch das Schiff, das alle an Bord verführen möchte, ihren dunkelsten Wünschen nachzugeben. Es entsteht eine explosive Gemengelage aus verängstigten Passagieren, gesetzeslosen Matrosen und die von Haan als Leibwache mit an Bord genommenen kampferprobten Musketieren. Die Suche nach der Wahrheit wird zum Wettlauf mit der Zeit, denn der „Alte Tom“ bringt nach und nach das Schiff in seine Gewalt und der angekündigte Untergang scheint unabwendbar.

Der Bär und der Spatz
Arent Hayes wird mit Ermittlungen beauftragt, um den Dämon zu finden, der sich unter die Passagieren oder die Besatzung gemischt habe könnte. Dabei ist er ganz alleine auf sich gestellt, da Pipps in Ketten in ein dreckiges Loch geworfen wird. Es fällt ihm schwer, diese Rolle anzunehmen, denn mit seiner großen massigen Statur war er immer nur der Mann fürs Grobe und Pipps mit seinem detektivischen Scharfsinn galt als das Brain. Der Bär und der Spatz werden sie von allen genannt, denn Arent ist fast doppelt so groß wie der hochintelligente aber eitle Sammy. Für mich ist Arent Hayes auf jeden Fall die interessantere Figur. Kompetente Hilfe findet Hayes in der resoluten Sara Wessels, die an seiner Seite das Schiff und ihrer aller Leben retten will.

Dem Autor gelingt es mit wenigen Pinselstrichen prägnante Charaktere zu erschaffen, die ihre eigene Motivation und Geheimnisse haben. Man erhält auch Einblicke in ihre Vergangenheiten. Diese sind auch nötig, um die Auflösung zu verstehen, wenn sich im Finale alle Teilinformationen zu einem großen Ganzen fügen. Es gibt abergläubische und religiöse Passagiere, intrigante Adelige, verschlagene Seeleute, mit Jan Haan einen machtgierigen, frauenverachtenden Tyrannen und einige starke weibliche Charaktere.

Auch wenn auf dem Cover Kriminalroman steht, verspricht die optische Umschlaggestaltung mit dem Anker und Kompass auf grün-blauen Wellen genau das was man bekommt: Eine farbenfrohe Abenteuergeschichte, einen prall gefüllten Spannungsschmöker auf hoher See und durch den eingeschränkten Handlungsspielraum auch ein maritimes Kammerspiel. Schiffsreisen zur damaligen Zeit waren alles andere als komfortabel. Die vielen realistischen Details sorgen dafür, dass man die klaustrophobische Enge und Finsternis im Innern des Schiffes nachempfinden, die rauen Wellen spüren, die Seeluft und den Gestank riechen kann. Für den Leser ist diese Schifffahrt allerdings ein großes Vergnügen, ein großer Spaß, es hätte für mich noch düsterer sein können.

Es war eine ölige Dunkelheit, die mit einem Geruch nach Bilgenwasser, Sägemehl, Gewürzen und Fäulnis angefüllt war. Von der Decke tropfte Wasser auf die herumstehenden Kisten herab. Es kam ihr so vor, als würde jeder elende Gedanke, der den Menschen oben an Deck durch die Köpfe ging, durch das Schiff sickern und sich hier unten sammeln. (Auszug Seite 266)

Stuart Turton liebt es, jede Menge Seemannsgarn zu spinnen und obwohl er die geschichtlichen Ereignisse dieser Zeit gründlich recherchiert hat, fühlt er sich nicht der Historie verpflichtet. In seinem Roman stehen die Fiktion und nicht die historischen Fakten im Vordergrund. Zusätzlich zu einer Karte vom Schiff am Anfang des Buches gibt es auch ein Personenregister mit Namen und Rang der wichtigsten Personen ähnlich wie bei seinem Debüt-Roman. Und genau wie in „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ versteht es der britische Autor, mit einem nie versiegenden Quell an Kreativität, aber auch mit einer großen Leichtigkeit verschiedene Genres zu verknüpfen sowie mit vielen unheimlichen Andeutungen Schrecken zu vermitteln. Ein fesselnder, historischer Kriminalroman und spannender Rätselkrimi mit einer guten Portion Witz. Und mit dem Auftauchen eines Geisterschiffes musste ich tatsächlich an „Fluch der Karibik“ denken.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Der Tod und das dunkle Meer | Erschienen am 21. August 2021 bei Tropen
ISBN 978-3-608-50491-0
608 Seiten | 25.- Euro
Originaltitel: The Devil and the Dark Water (Übersetzung aus dem Englischen von Dorothee Merkel)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Besprechung von Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle

Arttu Tuominen | Was wir verschweigen

Arttu Tuominen | Was wir verschweigen

Paloviita weinte.
Ohne zu wissen, warum. Erst bemerkte er es gar nicht, dann konnt er die Tränen nicht mehr stoppen.
[…] Er wusch sich das Gesicht und betrachtete sich im Spiegel. Wohin entschwand die Zeit? Gab es sie noch, oder löste sie sich einfach auf wie platzende Seifenblasen? Er wusste es nicht, und es war ihm auch egal. (Auszug E-Book Pos. 782)

Jari Paloviita ist interimsweise Chef der Kripo im finnischen Pori. Er macht sich Hoffnung, den Job dauerhaft zu bekommen. Ein Tötungsdilekt in einer Waldhütte unter Betrunkenen und Bekifften überlässt er seinen Kollegen Henrik Oksman und Linda Toivonen. Die haben alle Hände voll zu tun, die Wetterverhältnisse sind widrig, die Zeugenaussagen widersprüchlich, das Tatwerkzeug verschwunden. Dennoch ist der Fall relativ klar: Antti Mielonen hat Rami Nieminen von hinten erstochen, die Polizei kann Mielonen später voller Blut im Wald festnehmen. Ein Geständnis gibt es nicht, Mielonen behauptet, sich an nichts erinnern zu können. Dennoch ein vermeintlich schnell gelöster Fall, den Jari in den sicheren Händen der Kollegen weiß. Doch als Jari Namen von Opfer und Täter erfährt, fällt er aus allen Wolken. Der Tatverdächtige Antti Mielonen war zu Schulzeiten Jaris bester Freund – und wegen eines Vorfalls vor 27 Jahren steckt Jari noch tief in dessen Schuld.

Und auch das Opfer ist Jari bekannt: Rami Nieminen war schon in der Grundschule ein Tunichtgut und Schläger, er war Jaris und Anttis Erzfeind. Und auch später hatte Nieminen eine kriminelle Karriere eingeschlagen, saß wegen Todschlags bereits in Haft. Jari verschweigt das alles seinen Kollegen. Er versucht heimlich zu Antti Kontakt aufzunehmen, doch dieser lässt ihn abblitzen. Nun ist Jari allein mit seinen Erinnerungen und er ringt mit sich, wie weit er gehen will, um die alte Schuld beim alten Freund zu begleichen. Doch sein Kollege Henrik Oksman ahnt etwas und wird langsam misstrauisch.

Autor Arttu Tuominen erzählt in zwei zeitlichen Ebenen und in mehreren Perspektiven. In der Jetztzeit sind es im Wesentlichen Jari Paloviita und Henrik Oksman. Jari ist ein Mann in der Midlife Crisis, verheiratet, zwei Kinder, aber unglücklich. Lebt auf zu großem Fuß, den Job als Kripochef könnte er gut gebrauchen. Henrik hingegen ein Einzelgängerund Pedant, im Zwischenmenschlichen verkrampft, mit schwierigem Verhältnis zu seinem Vater. Dieses Motiv tritt dann vor allem in der Zeitebene von 1991 zutage: Hier verfolgt der Autor die drei Kinder Jari, Antti und Rami, die beiden letzteren leiden unter ihren gewalttätigen Vätern. Rami kompensiert das, in dem er seine Mitschüler terrorisiert. Die Rivalität zwischen ihm und Jari steigert sich ins Unermessliche, als beide sich in dasselbe Mädchen verlieben. Eine Geschichte, die sich immer weiter in der Dramatik steigert und bis in die Gegenwart ausstrahlt.

Tapani greift fester zu, und Sirpa jault auf. Jari weiß nicht, was er tun soll. Die eine Hälfte seiner Gehirnzellen befiehlt ihm davonzulaufen und Hilfe zu holen, die andere, sich nicht von der Stelle zu rühren. Die Worte seines Vaters hallen in ihm wider, dass es nicht schicklich sei, sich in die Angelegenheiten anderer Familien einzumischen, aber vielleicht hat er andere Sitautionen gemeint. (Auszug E-Book Pos. 3211)

Ein interessanter Krimi aus Finnland, bei dem nicht die Mordermittlung im Vordergrund steht, sondern die Beziehung zwischen Täter und Kommissar. Eine spannende Coming-of-Age-Geschichte bildet sich Rückgrat für einen Mordfall 27 Jahre später. Der Leser wird zwangsläufig mit hineingezogen und man ringt mit dem Kommissar, ob er für den alten Freund alles aufs Spiel setzen soll. „Was wir verschweigen“ gewann 2020 den finnischen Krimipreis und trotz Unkenntnis der anderen nominierten Werke bin ich geneigt zu sagen, nicht zu Unrecht. Kleinere Schwächen mal ausgelassen, ist der Roman ein wirklich lesenswerter und gut arrangierter Krimi über häusliche Gewalt, das Erwachsenwerden und den Wert von Freundschaft.

Was wir verschweigen | Erschienen am 26.11.2021 im Lübbe Verlag
ISBN 978-3-7875-2761-4
415 Seiten | 16,- €
als E-Book: ISBN 978-3-7517-1003-9 | 12,99 €
Originaltitel: Verivelka (Übersetzung aus dem Finnischen von Anke Michler-Janhunen)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Jahreshighlights 2021 | Gunnar

Jahreshighlights 2021 | Gunnar

Die Pandemie hatte uns in diesem Jahr immer noch im Griff, aber auf den Kriminalroman hatte das bislang noch keine große Auswirkung. Die meisten Autoren haben Corona noch nicht in ihre Texte eingebaut, mir ist dies lediglich in einem Roman aufgefallen, doch dazu später. Ich hatte mich in diesem Jahr nochmal speziell den Klassikern verschrieben, habe versucht in jedem Monat eine Rezension zu einem Klassiker zu schreiben und habe es nicht bereut: Michael Connelly, Ian Rankin, Graham Greene, Sjöwall/Wahlöö habe ich unter anderem mit Freuden gelesen. Was ist mir sonst aufgefallen? Meine Begeisterung für den schottischen Kriminalroman ist ungebrochen, acht Romane aus dem Norden Großbritanniens habe ich in dieses Jahr gelesen. Außerdem scheinen historische Krimis in diesem Jahr weiterhin hoch im Kurs zu sein, allerdings zunehmend auch abseits der von Volker Kutscher und Konsorten ausgetretenen Pfade.

Insgesamt habe ich rund 80 Bücher in diesem Jahr gelesen, davon etwa 85 % Krimis. Hiervon habe ich nun meine fünf Favoriten des Jahres ausgewählt (dabei zählten nur Neuerscheinungen) und diesmal auch eine Rangliste versucht. Mit einem Klick auf den Titel gelangt ihr außerdem zur ausführlichen Rezension.

Nr.5 Tana French | Der Sucher
Die Meisterin des subtilen Plots hat für ihren aktuellen Roman eine klassische Konstellation gewählt: Cal Hooper, ein Ex-Cop aus Chicago, lässt sich in einem kleinen irischen Dorf nieder. Scheinbar wird er gut von den Dörflern aufgenommen, doch als er sich auf die Spuren des verschwundenen 19jährigen Brendan macht, bekommt er auch die Schattenseiten des Dorfes zu spüren. Fast etwas spannungsarm, aber herausragend in Beschreibung der Dorfgemeinschaft, Natur und Landschaft. Ein Kriminalroman der leisen Töne, die um so stärker nachhallen.

Nr.4 Johannes Groschupf | Berlin Heat
Johannes Groschupf war tatsächlich der einzige Autor der von mir gelesenen Bücher, der Corona (in seinem Fall eine Post-Corona-Situation) thematisiert. Ansonsten ist „Berlin Heat“ ein überraschender und temporeicher Thriller mit dem liebenswerten Loser Tom Lohoff, der verzweifelt Geld aufzutreiben versucht, um Schulden bei einer albanischen Unterweltgröße zu bezahlen, und dabei in eine False-Flag-Aktion der AfD hineinplatzt. Coole Figuren, ein Ritt durch die Kieze der Hauptstadt, gesellschaftlich-politische Themen, „Summer-in-the-City“-Atmosphäre – für mich der beste deutschsprachige Thriller des Jahres.

Nr.3 Garry Disher | Barrier Highway
Was wäre eine Jahresbestenliste ohne Garry Disher? Der Australier hatte sogar wieder zwei starke Romane am Start, mit dem Wyatt-Krimi „Moder“ gewann er sogar den deutschen Krimipreis. Ich fand allerdings den dritten Band um den Outback-Polizisten Paul Hirschhausen noch etwas stärker. Ähnlich wie Tana French baut Disher den Krimi ganz behutsam auf, spinnt ein feines Netz und erzählt von den Menschen in der australischen Provinz. En passant kommen dabei diverse kleine und große Kriminalitätsstränge in den Plot, den Disher wie immer meisterhaft beherrscht.

Nr.2 Liam McIlvanney | Ein frommer Mörder
McIlvanney ist ein großer Name in der schottischen Kriminalliteratur: Liam ist der Sohn des großen William und tritt mit diesem Roman (ausgezeichnet als bester schottischer Krimi 2019) endgültig aus des Vaters Fußstapfen. Er bedient sich für seinen historischen Krimi Motive eines wahren Falls von Ende der 1960er. Hier sucht Detective McCormack den religiösen Serienmörder „Der Quäker“ und neben dem spannenden Krimiplot zeigt sich die Güte des Romans vor allem in der Beschreibung der Stadt Glasgow und ihrer Bewohner im gesellschaftlichen Umbruch.

Nr.1 Doug Johnstone | Der Bruch
Wir bleiben in Schottland, wechseln aber ins ach so pittoreske Edinburgh der Jetztzeit. Der 17jährige Tyler wohnt in einem heruntergekommenen Hochhaus im Problemstadtteil Niddrie. Die Familie ist dysfunktional, seine Mutter ein Alkoholwrack, sein älterer Bruder Barry zwingt ihn, an Einbrüchen teilzunehmen, er selbst kümmert sich hingebungsvoll um seine achtjährige Schwester Bean. Bei einem Einbruch in das Haus einer Gangstergröße läuft aber einiges schief und von nun an stehen Barry und Tyler auf der Abschussliste. Just in diesem Moment lernt Tyler die gleichaltrige Flick kennen, ein Mädchen aus gutem Hause, aber eine Seelenverwandte mit ebenfalls problematischen Familienverhältnissen. Der Autor führt den Leser zu den Schattenseiten des schönen Edinburgh, ein sozialkritischer Roman mit starken Figuren und einem mitreißenden Plot. Ein Noir mit einem Funken Hoffnung und eine tolle Coming-of-Age-Story. „Der Bruch“ ist für mich der Krimi des Jahres!