Attica Locke | Black Water Rising

Attica Locke | Black Water Rising

Die Autorin Attica Locke war in den Staaten bereits eine renommierte Autorin und Drehbuchschreiberin, als ihr Roman „Bluebird, Bluebird“ mit dem Gewinn sowohl des Edgars als auch des Daggers sie nochmal auf eine andere Höhe katapultierte. Der Polar Verlag brachte „Bluebird, Bluebird“ auch in deutscher Übersetzung heraus und brachte sie erstmals auch einem größeren deutschsprachigen Publikum nahe. Nach „Bluebird“ folgte mit „Heaven, My Home“ auch der zweite Roman um den schwarzen Texas Ranger Darren Matthews. Südstaaten-Romane, die sich um Heimat und natürlich um Rassismus drehen. Nun hat der Verlag sich Lockes Debütroman vorgenommen: „Black Water Rising“ erschien 2009 im Original und spielt in Houston des Jahres 1981.

Jay Porter ist ein schwarzer Anwalt mit einer kleinen schäbigen Kanzlei. Er hält sich mit kleinen Zivilklagen und Vergleichen über Wasser. Das Geld ist knapp, trotzdem hat er sich für den Geburtstag seiner schwangeren Frau Bernie etwas einfallen lassen: Eine nächtliche Fahrt auf einem kleinen Kahn mit Skipper über den Bayou durch Houston. Auf dem Rückweg werden die Bootsinsassen Zeugen eines lauten Streits jenseits der Uferböschung, kurz darauf fallen Schüsse und jemand fällt ins Wasser. Porter zögert, springt aber dann doch in den Fluss und zieht eine junge weiße Frau an Bord. Die Frau ist wortkarg, die Porters bringen sie zur nächsten Polizeistation. Jay geht aber wohlweislich nicht mit hinein, denn sein Mißtrauen sitzt aus Erfahrung tief. Später erfährt Jay, dass ein Mann tot aufgefunden wurde. Er bekommt Angst, in die Sache hineingezogen zu wurden, aber er will auch nicht unverbereitet sein, sodass er eigene Nachforschungen unternimmt.

Er überlegt, ob er ohne Jimmys Cousin mit der Polizei reden soll, kann sich aber nicht dazu durchringen.
Er erinnert sich an seinen eigenen Rat: Halt deine verdammte Klappe.
Das steckt tief in ihm drin, ist in seiner DNA gespeichert. Halt den Kopf unten, sprich nur, wenn man dich was fragt. (Auszug S.79)

Jay hat Angst vor der Polizei und dem Staatsapparat – und das nicht ohne Grund. Vor mehr als zehn Jahren war er Teil der Studentenbewegung, organisierte Proteste und Demos. Jay selbst war nicht radikal, aber er bewegte sich in Dunstkreis derer, die glaubten, mit Gewaltlosigkeit nicht weiter zu kommen. Wie die staatliche Gewalt die Bewegung in wahrsten Sinne des Worte zerschlug, hat er selbst miterlebt und am eigenen Leib erfahren. In einem Prozess mit fingierten Beweisen gegen ihn entkam er nur knapp einer Verurteilung. Seitdem ist Jay extrem vorsichtig. Er weiß, dass ein Schwarzer den direkten Kontakt mit der Polizei am besten vermeidet. Aber untätig da sitzen, will er auch nicht. Er will herausfinden, was ihn erwarten könnte. Doch er ist längst im Spiel, die Gegenseite weiß von ihm und macht ihm klar, dass er sich aus allem heraushalten sollte.

Langsam dämmert es Jay. Der wahre Grund, warum seine Waffe abhandengekommen ist. Alles nur, um ihn abzuschrecken. Und gerade er ist darauf reingefallen. Er ist das perfekte Opfer gewesen. Rolly sieht ihn über den Schreibtisch hinweg an. „Wenn du mich fragst… was der ganze Aufwand soll… das ist was Übles, Mann, was richtig Übles. Ich würd die Pfoten davon lassen, Jay.“ (Auszug S.313)

Attica Locke verwebt in diesem Roman zwei zeitliche Ebenen, die um ein zentrales Thema kreisen: Rassismus und die Benachteiligung der Schwarzen. In Rückblicken erinnert sich Jay an die Zeit der Bürgerrechtsbewegung, der Studentenproteste, den SNCC, die Black Panther. Und wie diese Proteste mit aller Härte vom Staat bekämpft und die Aktivisten kriminalisiert wurden – egal, ob sie es waren oder nicht. Jay war damals mit einer weißen Studentin zusammen, Cynthia Maddox, die damals radikaler war als er. Als er inhaftiert wurde, verschwand sie aus seinem Leben. Inzwischen hat Cynthia aber politische Karriere gemacht und ist Bürgermeisterin von Houston. Houston ist eine Stadt der Ölindustrie, die einen steilen Aufstieg gemacht hat. Die Chefs der Ölfirmen sind die heimlichen Herrscher der Stadt. Nun ist auch Houston Anfang der 80er ein Ort mit schwelenden Rassenspannungen, die mehrheitlich schwarzen Hafenarbeiter sind mit ihren Arbeitsbedingungen nicht einverstanden und wollen den Hafen bestreiken. Und auch die Ölindustrie steckt in der Krise, Öl wird heimlich in Milliarden Barrel gehortet, um die Preise hoch zu halten. Ein Streik könnte das Pulverfass zum Explodieren bringen. Jay wird durch seinen Schwiegervater, einen schwarzen Reverend, der als Vertrauensmann der schwarzen Gewerkschaftler fungiert, in den Streik hineingezogen. Jay soll seine alten Kontakte zur Bürgermeisterin nutzen. Und je mehr er mitbekommt, umso mehr dämmert es Jay, dass der Streik, die Ölindustrie und die Schüsse am Bayou miteinander zusammenhängen.

„Black Water Rising“ ist ein komplexer, aber ungemein stark komponierter Roman um den Kampf der schwarzen Amerikaner um Gleichberechtigung. Ein Roman, der 1981 spielt, und dennoch die klaren Parallelen zur Gegenwart hat. Die Autorin Attica Locke beweist sich dabei auch als Chronistin ihrer Heimatstadt Houston. Ihren Protagonisten Jay Porter schickt sie dabei als einsamen Wolf in einen kaum zu gewinnenden Kampf. Wie schon in ihren zuvor auf Deutsch erschienenen Romanen überzeugt die Mischung aus Krimihandlung, die Einbettung historischer Ereignisse und der Blick auf die texanische Gesellschaft.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Black Water Rising | Erschienen am 15.11.2021 im Polar Verlag
ISBN 978-3-948392-40-6
456 Seiten | 25,- €
Originaltitel: Black Water Rising (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezensionen zu „Bluebird, Bluebird“ und „Heaven, My Home“

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