Kategorie: Andy Ruhr

Melba Escobar | Die Kosmetikerin

Melba Escobar | Die Kosmetikerin

Ich hasse alles, was diese nicht biologisch abbaubaren Frauen mit ihren gezupften Augenbrauen repräsentieren. Ich hasse ihre schrillen, gekünstelten Stimmen, als wären sie vierjährige Püppchen, kleine Drogenbaron-Schlampen, die wie ein Phallus in den Körper einer Frau gezwängt sind. Alles ist so verworren, diese Macho-Kind-Frauen verstören mich, sie deprimieren mich, bei ihrem Anblick muss ich daran denken, was alles kaputt und faul ist in diesem Land, in dem der Wert von Frauen an der Größe ihres Hinterns, der Form ihrer Brüste und ihrer Wespentaille gemessen wird. (Auszug Seite 7/8)

Mit der Hoffnung auf ein besseres Leben zieht die alleinerziehende Karen aus der Provinz in die Hauptstadt Kolumbiens. In Bogotá findet sie einen Job in einem renommierten Kosmetikinstitut in einem mondänen Viertel. Im ‚Haus der Schönheit‘ lässt sich die weibliche Oberschicht behandeln und vertraut Karen ungewollt alle möglichen Geheimnisse an. Sie spart ihr Geld um schnellstmöglich ihren vierjährigen Sohn nachzuholen, den sie in der Obhut ihrer Mutter in der Hafenstadt Cartagena gelassen hat.

Haus der Schönheit
Eines Tages behandelt sie die minderjährige Schülerin Sabrina Guzmán, die sich, offensichtlich angetrunken für ein bevorstehendes Date mit einem älteren Mann verschönern lassen möchte. Als Karen erfährt, dass das Mädchen am nächsten Morgen tot aufgefunden wurde, ist sie geschockt und kann an einen vermuteten Selbstmord nicht glauben. Auch die verzweifelten Eltern lassen nichts unversucht, um herauszufinden, was in den letzten Stunden ihrer Tochter geschah. Sabrinas Mutter besucht Karen sogar im Salon, denn die war die letzte, die das Mädchen lebend gesehen hat. Doch Karen hat selbst genug Probleme, die ihr Leben in einen Abwärtsstrudel verwandeln. Sie findet eines Tages ihre Wohnung ausgeraubt vor, auch ihre gesamten Ersparnisse unter der Matratze sind weg. Sie wird von ihrem Vermieter brutal vergewaltigt und dann von dessen Ehefrau aus der Wohnung geworfen. Aus der Not heraus beginnt sie nebenher als Prostituierte zu arbeiten und gerät dadurch ständig in gefahrvolle Situationen. Die traumatischen Erfahrungen und ihr Nebenjob als Callgirl werfen sie aus der Bahn und sie gerät ahnungslos in den Dunstkreis der an dem Tod des Schulmädchens Beteiligten. Der Täter verfügt über ein einflussreiches Netzwerk aus politischen und kriminellen Akteuren und damit gerät Karen in Gefahr.

Eine ihrer Kundinnen ist die 57-jährige Psychoanalytikerin Claire. Sie lebte viele Jahre in Paris und ist jetzt nach der Trennung von ihrem Ehemann in die Stadt zurückgekehrt, die sie eigentlich verabscheut und in der sie sich immer fremd fühlt. Regelmäßig besucht sie den Schönheits-Salon, allerdings mit ambivalenten Gefühlen. Eigentlich misstraut sie den zementierten Klassenschranken, auch wenn sie als gebildete Frau ein Teil davon ist, und verachtet die Arroganz der Schickeria. Von der attraktiven Karen und ihrer Ausstrahlung ist sie aber fasziniert. Als sie bemerkt, dass die schöne Mulattin sich verändert, will sie ihr helfen und schreibt ihre tragische Geschichte auf.

Ambitioniert und anstrengend
Ich muss zugeben, dass es mir der Roman sehr schwer gemacht hat. Das lag zum einen an den ständig wechselnden Erzählperspektiven. Größtenteils erzählt Claire Karens Geschichte, zwischendurch aber auch ihre Freundin Lucía, teilweise wird auch schon mal mitten im Text die Perspektive ohne einen Hinweis gewechselt. Auch die großen Handlungssprünge machten mir das Lesen sehr anstrengend und dämpften den Lesefluss. Ich hatte ständig das Gefühl etwas verpasst zu haben und war irgendwann des Zurückblätterns müde. Die tote Schülerin spielt anders als nach dem Lesen des Klappentextes vermutet, nur am Rande eine Rolle.

Vielmehr geht es der Autorin in ihrem multiperspektivisch erzählten Roman neben dem Aufzeigen der wirtschaftlichen Ungleichheiten um den allgegenwärtigen Machismo. Wie ein Kriminalroman inszeniert, ist ‚Die Kosmetikerin‘ doch eher ein Sittenbild der Gesellschaft. Dabei stehen mal nicht die Kartelle oder die Kämpfe der Drogenbarone im Fokus. Escobar zeigt deutlich, dass Kolumbien auch jenseits des Drogenhandels von mächtigen Clans beherrscht wird, dass diese mafiösen Strukturen sich zudem in den besseren Kreisen sowie in der politischen Elite ausbreiten und Sexismus und Korruption an der Tagesordnung sind.

Exemplarisch für die gesellschaftlichen Schichten steht der Kosmetiksalon, in dem reiche privilegierte Damen und arme Angestellte aufeinander treffen. Die Frauen, die sich hier behandeln lassen, unterwerfen sich den gängigen Schönheitsidealen. Sie haben ihre Rolle in der patriarchalen Macho-Kultur scheinbar akzeptiert und lassen ihren Frust an Frauen in schwächeren Positionen aus.

Escobar schreibt sehr ambitioniert mit einigen fast philosophischen Sätzen über die Zustände in Bogotá. Viele schonungslose Passagen werden mit einem großen Hang zur Brutalität geschildert, die mir an die Nieren gingen. Ich fand es an vielen Stellen sehr aufwühlend, aber aufgrund der verwirrenden Erzählweise nicht mitreißend genug, viel zu düster und deprimierend.

‚Die Kosmetikerin‘ ist der vierte Roman der kolumbianischen Schriftstellerin und Journalistin Melba Escobar. ‚La casa de la belleza‘ wurde 2016 als bester Roman mit dem kolumbianischen Premio Nacional de Novela ausgezeichnet.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Die Kosmetikerin | Das TB erschien am 09. September 2019 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-4534-2336-7
320 Seiten | 9,99 Euro
Originaltitel: La casa de la belleza (Übersetzung aus dem Spanischen von Sybille Martin)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Jennifer Clement | Gebete für die Vermissten

Jennifer Clement | Gebete für die Vermissten

Jetzt machen wir dich hässlich, sagte meine Mutter. Sie pfiff durch die Zähne … Sie roch nach Bier. Im Spiegel sah ich, wie sie mir mit dem Stück Kohle übers Gesicht fuhr. Das Leben ist böse, flüsterte sie … Vielleicht muss ich dir die Zähne ausschlagen, sagte meine Mutter. (Auszug Seite 9)

Guerrero ist eine von Gewalt gebeutelte Provinz im Südwesten von Mexico. Bekannt ist die Urlaubsmetropole Acapulco an der Pazifikküste liegend. In den dünn besiedelten Bergen, wo vor allem Indigene leben, lassen die Kartelle Mohn anbauen und durch diese Gebiete wird das Kokain dann aus Südamerika transportiert.

In den kleinen Bergdörfern besitzen Drogenhändler die Macht und terrorisieren diesen Landstrich. Ein Menschenleben ist hier nichts wert, besonders nicht das der Mädchen. Für die junge Ladydi Garcia Martinez ist das der bittere Alltag. Sie erzählt uns von ihrem Leben in dieser trostlosen Gegend, in dem mittlerweile fast nur noch Frauen leben. Die Männer, die nicht auf die Seite der Drogendealer wechseln, verlassen ihre Familien um in Acapulco Arbeit zu finden. Oder sie fliehen über die Grenze in die USA. Die es schaffen, schicken einen Teil ihres Lohnes zu ihren Frauen aber die meisten Männer kehren nicht zurück. So ist es die Aufgabe der Frauen, ihre Kinder zu beschützen. Und das Gefährlichste sind nicht die giftigen Skorpione, Klapperschlangen, Leguane oder Erdbeben, auch nicht die Militärs, die wahllos Gift aus Hubschraubern über das Gelände versprühen. Eigentlich um die Mohnfelder der Narcos zu zerstören, oft wurden die Piloten aber auch bestochen und sprühen ihre Pestizide über die Hütten der Bauern. Das Schlimmste sind die Entführungen durch die Menschenhändler. Die kleinen Mädchen werden von ihren Müttern in Jungensachen gekleidet und als Teenager absichtlich hässlich gemacht, die Haare kurz geschnitten, die Zähne mit Filzstift geschwärzt. Sobald am Horizont die schweren Escalades mit schwarz getönten Scheiben auftauchen, verstecken sich die Mädchen in selbstgegrabenen Erdlöchern. Doch meistens sind die Frauen der Willkür der Drogenmafia machtlos ausgeliefert, von den bisher verschleppten Mädchen fehlt jede Spur, nur eine taucht nach einem Jahr psychisch und physisch angeschlagen wieder auf.

Eine vermisste Frau ist nur ein Blatt, das der Regen in die Gosse treibt. (Auszug Seite 68)

Für Ladydi scheint sich ein Ausweg aus dem Elend zu eröffnen, als sie einen Job als Kindermädchen in Acapulco antritt. Ihr Cousin Mike hat ihr die Stelle vermittelt und bringt sie auf das luxuriöse Anwesen einer reichen Familie. Die Besitzer tauchen aber monatelang nicht auf. Ladydi hat eine gute Zeit und verliebt sich in den Gärtner. Bis zu dem Tag, als die Polizei die Villa stürmt und ein gewaltiges Waffenlager vorfindet. Für Ladydi beginnt ein Alptraum, denn aufgrund der Machenschaften ihres Cousins, der für die Zetas arbeitet, wird sie verhaftet und findet sich in Drogenschmuggel und einen üblen Doppelmord verwickelt. Obwohl noch minderjährig kommt sie ins Frauengefängnis in Mexiko-City. Auch hier gerät sie wieder in eine reine Frauenwelt, in der jede Inhaftierte grauenhafte Geschichten zum Besten geben kann.

Die Autorin, die in Mexiko-City aufwuchs hat für diesen Roman mehr als 10 Jahre lang in Guerrero recherchiert, Hunderte Interviews mit vom Drogenkrieg betroffenen Mädchen und Frauen geführt, um dann alles mit viel Herzblut in eine fiktive Story zu verpacken. Herausgekommen ist ein intimer Blick auf den trostlosen Alltag der armen Bevölkerung inmitten der Mohnfelder. Ohne zu bewerten berichtet sie in neutraler Sprache hautnah aus der Perspektive einer betroffenen Heranwachsenden. Ladydi lässt uns teilhaben an ihrer trostlosen Jugend und erzählt von ihrer Halbschwester Maria mit der Hasenscharte, von Paula, dem schönsten Mädchen von Mexiko, von Estefani, deren Mutter an Aids stirbt, von Ruth, dem Müllbaby, die einen Schönheitssalon betreibt und ihrer alkoholsüchtigen Mutter Rita.
Jennifer Clement findet eine feine Balance zwischen Sachlichkeit und Emotion, erzählt in einem unterkühlten, fast unpersönlichen Ton, völlig ungeschminkt mit vielen poetischen und bildreichen Metaphern und das komplette Fehlen der wörtlichen Rede. Trotz der Not und widriger Umstände gibt es auch immer wieder Zeichen der Wärme und der Freundschaft, auch blitzt immer wieder das grotesk-komische in dieser Welt der Armut und Gewalt auf und sorgt für hellere Momente. So heißt die Protagonistin tatsächlich nach Lady Di, aber nicht aufgrund deren Schönheit, sondern weil sie für ihre Mutter die Heilige der Betrogenen ist.

Der Stoff wird sehr knapp auf 200 Seiten gefasst, ist mehr Novelle als Roman. Das war auch so ein bisschen mein Problem. Es gibt so viele komplexe Nebenfiguren, aber keine der Charaktere ist tief oder mehrdimensional angelegt. Auch wenn jede ihre eigene Geschichte hat, die bestimmt oft ergreifend und berührend scheint, ist gar kein Platz für tiefgehende Charakterzeichnungen. Sie wirken mehr wie standardisierte Stellvertreter und als wolle die Autorin alles unterbringen, was sie während ihrer Recherchen herausgefunden hat. Auch wenn dahinter viel Realität steckt und alles der traurigen Wahrheit entspricht, drohen bei der Vielzahl der alltäglichen Grausamkeiten diese zur Routine zu werden und die unerträglichen Ereignisse konnten mich gar nicht mehr erschüttern. Trotzdem zerbricht Ladydi nicht an ihrem Schicksal, sie kennt auch keine andere Welt und sie erfährt auch immer wieder die große Solidarität der Frauen.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Gebete für die Vermissten | Das Taschenbuch erschien am 06. Dezember 2015 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-5184-6640-7
228 Seiten | 8,99 Euro
Originaltitel: Prayers for the Stolen (Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezension zu Jennifer Clements Roman „Gun Love„

Walter Mosley | Der weiße Schmetterling (Band 3)

Walter Mosley | Der weiße Schmetterling (Band 3)

Sie trugen die Leiche auf einer Bahre weg, als die Fotografen fertig waren – Polizeifotografen, keine Reporter, 1956 war eine Schwarze, die umgebracht worden war, kein Fotomaterial für die Zeitungen. (Auszug Seite 12)

Watts ist ein überwiegend von Afroamerikanern bewohnter Distrikt im südlichen Los Angeles mit einer hohen Kriminalrate. Der amerikanische Schriftsteller Walter Mosley wuchs in dem Stadtteil auf und führt uns in seinem Thriller ins Jahr 1956. Als ein Serienmörder drei Frauen, alles Schwarze und leichte Mädchen tötet, zeigen Polizei und Presse wenig Interesse. Erst als das vierte Opfer eine Weiße und noch dazu die Tochter eines Staatsanwalts ist, beginnen sie ernsthaft zu ermitteln. Der schwarze Privatdetektiv Ezekiel „Easy“ Rawlins wird vom Los Angeles Police Departement um Hilfe gebeten, weil der Täter im schwarzen Milieu vermutet wird und Easy sich in Watts bestens auskennt. Widerwillig beginnt Easy zu ermitteln und findet auch gegen den Willen des Staatsanwalts heraus, dass seine ermorderte Tochter  ein Kind von einem Schwarzen bekommen hatte. Ihm zur Seite steht sein loyaler Freund Mouse, der sich perfekt auf der Straße auskennt, ansonsten aber sehr unberechenbar wie eine tickende Zeitbombe agiert.

Der Thriller fand mein Interesse, da hier mal ein schwarzer Hardboiled Detective in den Fokus gesetzt wurde. Es geht Walter Mosley auch weniger um den Krimiplot, der eher beiläufig erzählt wird und vielleicht einen größeren Spannungsbogen vertragen hätte. Vielmehr geht es ihm um eine Schilderung des Milieus aus der Sicht des schwarzen Ich-Erzählers und die Auseinandersetzung mit dem täglichen Rassismus. Easy Rawlins ist selbstbewusst und clever, hat aber gar keine Lizenz und ist mehr Ganove als Private Eye. Er ist mit Regina verheiratet und lebt mit ihr, der kleinen Tochter und ihrem Adoptivsohn Jesus zusammen. Leider bin ich weder mit ihm noch seinem durchgeknallten Freund Mouse richtig warm geworden. Das lag auch an einer Szene zu Beginn, in der Easy seine Ehefrau zum Sex zwingt.

„Vergewaltigt?“ Ich lachte. „Ein Mann kann doch seine eigene Frau nich vergewaltigen.“ Mein Lachen erstarb, als ich die zornigen Tränen in Reginas Augen sah. (Auszug Seite 46)

Dabei hat mir die schnörkellose Erzählweise des afro-amerikanischen Autors ganz gut gefallen. Es zieht sich so ein spezieller Sprachrhythmus, manchmal ironisch, lakonisch, aber auch melancholisch durch das ganze Buch und er findet immer den richtigen Ton. Wie sein Protagonist kennt Mosley die Bewohner von Watts und hat sie genau beobachtet. Auch die Atmosphäre der 50er/60er Jahre kommt gut rüber. Sehr gestört hat mich aber der Versuch, den gebräuchlichen Straßenjargon eine passende deutsche Entsprechung zu geben. Das hat mir den Thriller echt vermiest und ich habe mich bis zum Schluss durchgequält.

Walter Mosley gelang mit seinen 11 Thrillern um den schwarzen Privatdetektiv Easy Rawlins in einem Zeitraum von 17 Jahren der Durchbruch in den USA. Gleich sein erster Thriller „Teufel in Blau“ sorgte durch die erfolgreiche Verfilmung mit Denzel Washington für Furore und seitdem zählt er zu den bekanntesten Schriftstellern der USA. 2020 erhielt er als erster schwarzer Schriftsteller die National Book Foundation Medal.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Der weiße Schmetterling | Erstmals erschienen 1992
Die Neuausgabe erschien am 28.01.2021 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-3111-5511-9
320 Seiten | 12,00 €
Originaltitel: White Butterfly (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Dietlind Kaiser)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Reingehört | Hörbücher-Kurzrezensionen ♬ März 2022

Reingehört | Hörbücher-Kurzrezensionen ♬ März 2022

Hörbuch-Kurzrezensionen Anfang März 2022

 

Henri Faber | Ausweglos ♬

Elias Blom von der Kripo Hamburg war vor einigen Jahren daran gescheitert, einen brutalen Serienmörder, in der Öffentlichkeit als Ringfinger-Mörder bekannt, zur Strecke zu bringen und wurde ins Einbruchdezernat versetzt. Doch er sieht eine neue Chance, sich zu rehabilitieren, als jetzt erneut eine Bluttat geschieht, die die Handschrift des Killers einschließlich abgetrennten Fingers trägt. Denn diesmal gibt es einen wichtigen Zeugen. Noah Klingberg hatte Wäsche auf dem Dachboden eines Mehrfamilienhauses auf gehangen, als er mit einem Messer attackiert und gezwungen wurde, den Unbekannten zu seiner Frau Linda zu bringen. Noah sieht einen Ausweg und lotst den Angreifer in die Nachbarwohnung, zu der er einen Zweitschlüssel besitzt und in der er das Ehepaar Falk im Urlaub wähnt. Am anderen Morgen wacht er schwer verletzt neben der toten Nachbarin Emma Falk auf.

Henri Faber hat mit seinem Debüt einen fesselnden Thriller geschaffen, der mit relativ kurzen Kapiteln und wechselnden Perspektiven von Beginn an spannend ist und sich im weiteren Verlauf zu einem Verwirrspiel der verschiedenen Charaktere wandelt. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte sind die Figuren, die wir durch vier versierte Sprecher mit ihren Geheimnissen, Schwächen und Stärken kennenlernen. Besonders durch das Eintauchen in die Privatleben der Ehepaare Klingberg und Falk wird die Geschichte immer undurchsichtiger. Wir erfahren die Zusammenhänge aus der Sicht von Noah, einem erfolglosen Schriftsteller, der alles für seine Frau tun würde. Linda leidet aufgrund eines unerfüllten Kinderwunsches unter psychischen Problemen und dann ist da noch Elias Blom, der verbissene Kommissar, dessen Charakterisierung ich etwas blass fand. Zwischendurch nimmt uns auch immer wieder der Serienmörder mit in seine krude Gedankenwelt.

Der Autor schafft es gekonnt einen an der Nase herum zu führen und bietet eine Bandbreite an vermuteten Tatabläufen, falschen Geständnissen sowie ungeahnten Wendungen. Die Auflösung ist in keiner Weise vorhersehbar und birgt einen dramatischen wenn auch durch den Alleingang Bloms reichlich unrealistischen Showdown und ein abstruses Ende.

 

Ausweglos | Als Hörbuch am 20. August 2021 im Der Audio Verlag erschienen
ISBN 978-3-7424-2084-8
Ungekürzte Lesung | Sprecher: Simon Jäger, Vera Teltz, Philipp Schepmann und Uve Teschner
Laufzeit: 12 Stunden, 45 Minuten | 14,99 Euro
Weitere Angaben und Hörprobe
Die Printausgabe erschien bei dtv Verlagsgesellschaft.

Wertung: 3,0 von 5
Genre: Psychothriller

 

 

Agatha Christie | Tod auf dem Nil ♬

Im Kino läuft gerade die Neuverfilmung von „Tod auf dem Nil“ mit Kenneth Branagh. Das hat mich auf den Geschmack gebracht und ich habe mir den Klassiker sowie eines der bekanntesten Werke der britischen Autorin bei Audible als Hörbuch runtergeladen.

Während seines Urlaubes in Ägypten lernt der berühmte belgische Detektiv Hercule Poirot auf einem Nilkreuzfahrtschiff ein jung verheiratetes Paar kennen. Die bildschöne Millionenerbin Linnet Ridgeway und ihr Ehemann Simon Doyle können ihre Hochzeitsreise auf der „Karnak“ aber nicht wirklich genießen. Linnets beste Freundin Jacqueline de Bellefort, die vorher mit dem mittellosen Doyle verlobt war und die beiden miteinander bekannt gemacht hatte, verfolgt sie rachedurstig überall hin und macht ihnen die Flitterwochen zur Hölle. Heute würde man das Stalking nennen. Linnets Ermordung bringt schließlich die Krimihandlung ins Rollen. Da es nicht bei der einen Toten bleibt, ist der Spürsinn des klugen wie auch eitlen Detektivs mit dem imposanten Moustache gefragt und er steht vor der intellektuellen Herausforderung, den Tathergang penibel zu rekonstruieren. Als Poirot die anderen Passagiere des Nildampfers befragt und nach möglichen Mord-Motiven durchleuchtet (kleiner Spoiler: Sie haben fast alle eins) muss er mit Hilfe seiner genialen Kombinationsgabe die perfekten Alibis zerpflücken und den Mörder trotz vieler falscher Fährten nur aufgrund von Indizien entlarven.

Es handelt sich um einen klassischen Whodunit, dessen Handlung sich auch typisch für Christie in einem isolierten Raum vor exotischer Kulisse abspielt. Der wendungsreiche Krimi-Plot lebt von seinen pointierten Dialogen und einem bissigen Blick auf die damalige bessere Gesellschaft. Die vielen überspitzt dargestellten Charaktere werden mit viel Liebe zum Detail ins Bild gesetzt und dank eines auktorialen Erzählers erfahren wir alles über ihre Beweg- und Hintergründe. Dem Charme dieses fintenreichen Rätselkrimis, bei dem auch die Wirtschaftskrise und der Börsencrash eine Rolle spielen, konnte ich mich nicht entziehen. Die Lösung ist überraschend und immer wieder faszinierend, wie auf den ersten Blick unscheinbare Details im Rückblick eine wichtige Bedeutung erlangen.

 

Tod auf dem Nil | Erschienen am 16.11.2018 im Der Hörverlag
ISBN: 978-3-8445-3279-1
Ungekürzte Lesung | Sprecher: Martin Maria Schwarz
Laufzeit: 9 Stunden 42 Minuten | 7,95 Euro
Weitere Angaben & Hörprobe
Originaltitel: Death on the Nile (Übersetzt aus dem Englischen von Pieke Biermann)
Die aktuelle Printausgabe erschien im Atlantik Verlag.

Wertung: 4,5 von 5
Genre: Krimi

 

Agatha Christie | Mord im Orient-Express ♬

An einem kalten Wintertag steigt der Privatdetektiv Hercule Poirot in Istanbul in einen Luxuszug, der ihn nach London bringen soll. Der Orientexpress ist für die Jahreszeit überraschend voll besetzt, nur durch seine Beziehung zu dem ebenfalls mitreisenden Eisenbahn-Direktor Monsieur Bouc bekommt er noch ein freies Abteil. Nach einer unruhigen Nacht bleibt der Zug in einer Schneewehe stecken und im Nachbarabteil wird der amerikanische Geschäftsmann Samuel Edward Ratchett durch 12 Messerstiche erstochen aufgefunden. Zur Unbeweglichkeit verdammt sitzen der Detektiv und die Mitreisenden fest und Monsieur Bouc bittet den Meisterdetektiv den Fall aufzuklären. Das stellt Poirot vor einige Herausforderungen, hatte doch der mysteriöse Mr. Ratchett ihn am Tag davor im Speisewagen von Morddrohungen berichtet und um Schutz gebeten. Der Täter kann nur einer der Passagiere sein und es stellt sich heraus, dass nicht alle (Ratchett eingeschlossen) die sind, für die sie sich ausgeben.

Ich habe zum ersten Mal die Geschwindigkeit des Hörbuchs etwas erhöht und dann bot der Krimiklassiker großes Unterhaltungspotential mit allem, wofür die Queen of Crime bewundert wird: Ein großes Figurenensemble unterschiedlicher Couleur, ein exotisches Setting, falsche Alibis, zahlreiche Verdächtige sowie die Suche nach dem Motiv. Durch den geschlossenen Raum erleben wir fast ein Kammerspiel mit einem Meisterdetektiv, dessen kleine, graue Zellen auf Hochtouren arbeiten. Dialoge, die nur so vor Schlagkraft und zynischem Wortwitz strotzen. Dazu sieht sich Poirot diesmal, dem ein tiefsitzendes Bedürfnis nach Halt und Ordnung innewohnt, mit Fragen der Moral und Ethik konfrontiert. Der Mordfall ist vertrackt, das ausgeklügelte Ende wirklich erstaunlich und hat nach all den Jahren nichts von seinem Charme verloren. Auch dieser Roman wurde von und mit Kenneth Branagh neu verfilmt.

 

Mord im Orientexpress | Erschienen am 12.05.2014 in Der Hörverlag
ISBN: 978-3-8445-1482-7
ungekürzte Lesung | Sprecher: Friedhelm Ptok
Laufzeit: 7 Stunden 28 Minuten | 6,95 Euro
Weitere Angaben & Hörprobe
Originaltitel: Murder on the Orient Express (aus dem Engischen übersetzt von Otto Bayer)
Die aktuelle Printausgabe erschien im Atlantik Verlag.

Wertung: 5 von 5
Genre: Krimi

 

Fotos und Rezensionen von Andy Ruhr.

Alex Reeve | Das Haus in der Half Moon Street (Band 1)

Alex Reeve | Das Haus in der Half Moon Street (Band 1)

Sein Spezialgebiet waren die Angeschwemmten, Hinabgestoßenen, Exhumierten und Vergifteten Londons, all die armen Teufel, deren Todesursache als verdächtig eingestuft wurde. Er schnitt sie auf und studierte ihre Innereien, und ich nähte sie wieder zu, so gut wie neu oder doch nicht viel schlechter, und schrieb die Befunde für die Polizei auf. (Auszug Seite 7)

Mit „Das Haus in der Half Moon Street“ startet Alex Reeve eine historische Krimiserie im viktorianischen London. 1880 arbeitet der junge, intelligente Leo Stanhope im Leichenschauhaus des Westminster Hospitals als Assistenten des Chirurgen Hurst. Stanhopes Leben gerät aus den Fugen, als eine weibliche Leiche mit eingeschlagenem Schädel auf seinem Tisch landet. Die Tote, die aus der Themse gefischt wurde, ist die Prostituierte Maria Milanes, die in einem Bordell in der Half Moon Street gearbeitet hat. Maria war Leos große Liebe, mit der er ein neues Leben beginnen wollte. Detective Ripley hat Stanhope sofort als Hauptverdächtigen im Visier und steckt ihn für eine Nacht ins Gefängnis. Für Leo eine lebensgefährliche Situation und sofort nach seiner Entlassung macht er sich auf die Suche nach dem wahren Mörder. Auch weil die Aufklärung von einem Prostituiertenmord bei der Polizei keine große Priorität hat. Bei seinen Nachforschungen entdeckt Leo, dass Maria ihm viele Sachen verheimlichte und ihm wird klar, dass er sie kaum kannte. Er macht auf eigene Faust Jagd nach dem Mörder, auch wenn er dabei Gefahr läuft, dass sein eigenes lang gehütetes Geheimnis dabei ans Licht der Öffentlichkeit kommen könnte.

Spoiler
Das Besondere an diesem historischen Krimi ist der Ich-Erzähler Leo Stanhope und ich war etwas unschlüssig, ob ich sein Geheimnis spoilern sollte. Aber dieses wird bereits auf den ersten Seiten gelüftet und ist ein Aspekt, der den Roman, wenn nicht prägt, dann aber doch sehr im Fokus steht. Leo Stanhope ist im Körper einer Frau geboren. Als Tochter eines Landpfarrers, damals noch Charlotte Pritchard, erkannte er schon früh, dass er im falschen Körper lebt und beschloss mit fünfzehn, als Mann aufzutreten und seine Familie Richtung London zu verlassen. Besonders sein engstirniger Vater, Reverend Ivor Pritchard hatte ihm das Leben zur Hölle gemacht. Lediglich mit seiner Schwester Jane hat er mittlerweile noch Kontakt, aber auch sie kann seinen Identitätswechsel nicht akzeptieren und will den Moralvorstellungen der damaligen Zeit geschuldet, nichts mit ihm zu tun haben.

Im 19. Jahrhundert galt Transition als Verbrechen. Transsexuelle führten ein Leben im Verborgenen, wollten sie nicht im Gefängnis oder im Irrenhaus landen, wo sie mit Elektroschocks oder Hirn-Operationen behandelt wurden. Diesem Aspekt wird vom Autor sehr viel Raum gewährt und man spürt sein Bemühen, Leos tägliche Herausforderungen seiner Zeit glaubhaft darzustellen. Das ist ihm auch gut gelungen, dank der Ich-Erzählperspektive bekommt man einen intensiven Eindruck von Leos Gefühls- und Leidenswelt, auch wenn es hin und wieder zu Wiederholungen kommt. Obwohl das Hauptaugenmerk schon auf seinen Schwierigkeiten im Alltagsleben liegt und für einige dramatische Situationen sorgt, fügt es sich doch mühelos in den Hauptplot ein. Mit den Ermittlungen in dem Kriminalfall ist es aber nicht verbunden und dass Leo trans ist, spielt dabei gar keine Rolle.

Das Flair des historischen London sowie die Gerichtsmedizin ziehen mich immer wieder an. Und Reeve nutzt das Potential einer Großstadt im viktorianischen Zeitalter auch perfekt aus und hat gründlich recherchiert, um ein realistisches Setting und Abbild der damaligen Gesellschaft zu erschaffen. Aber wenn es um die typisch düstere Atmosphäre geht, bietet der Roman nur Beliebiges, und ich habe das schon in anderen Lektüren besser gespürt. Andrerseits habe ich die Geschichte wirklich sehr gerne gelesen. Typisch für den Auftaktband einer Reihe nimmt der Autor sich viel Zeit, die Hauptfigur und einige wenige Charaktere ausführlich vorzustellen. Leo wohnt in einem kleinen Zimmer über der Apotheke eines Witwers und seiner altklugen Tochter zur Untermiete, die ums wirtschaftliche Überleben kämpfen. Er führt ein zurückgezogenes Leben, neben seiner Arbeit in der Pathologie und den Besuchen im Bordell trifft er sich einmal in der Woche zum Schachspielen. Frauen haben es in der Zeit nicht leicht, im weiteren Verlauf trifft Stanhope eine Engelmacherin und die Tortenbäckerin Rosie, die nach dem Tod ihres Mannes mit den Kindern alleine zu Recht kommen muss. Der Krimiplot ist nicht rasend spannend, aber flüssig geschrieben, mit einigen falschen Fährten und gibt dem Leser immer wieder Rätsel auf.

Trigger
Dabei wird auch Menschenhandel thematisiert und man sollte sich auf detaillierte Beschreibungen von Gewalt- sowie Missbrauchsdarstellungen einstellen. Besonders Stanhope ist aufgrund seiner Physis den Angriffen oft nicht gewachsen und bekommt das ein oder andere Mal ordentlich auf die Mütze. Der Autor schreckt auch nicht vor einer explizit geschilderten Vergewaltigungsszene zurück, sodass der historische Krimi sicherlich eine Triggerwarnung verdient hätte.

Im Nachwort erläutert der britische Autor seine Intention für die Verwendung einer Transgender-Hauptfigur in seinem Debüt-Roman. Er setzt sich dabei auch mit dem Vorwurf der kulturellen Aneignung auseinander, da er kein Trans-Mann ist. Vielleicht war es auch einfach nur eine schlaue Idee, auf den Mainstream-Zug aufzuspringen, denn Transgender-Themen sind in der Öffentlichkeit aktuell sehr präsent. Die Schwierigkeiten von Leos Leben im 19. Jahrhundert bilden zwar den Angelpunkt der Geschichte und werden feinfühlig dargelegt. Aber im nächsten Band könnte der Autor dann vielleicht dem Krimiplot mehr Raum geben und mehr Sorgfalt in die Ausgestaltung verwenden. Wenn dann die Besonderheit Leos mehr in den Hintergrund rückt und als selbstverständlich hingenommen wird, wäre ich gerne wieder dabei. Für mich ein solider Auftaktband mit einer besonderen, sympathischen Hauptfigur und Luft nach oben.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Das Haus in der Half Moon Street | Erschienen am 02.11.2021 bei Knaur TB
ISBN 978-3-426-52639-2
416 Seiten | 12,99 €
Originaltitel: The House on Half Moon Street (Übersetzung aus dem Englischen von Christine Gaspard)
Bibliografische Angaben & Leseprobe