Chris Pavone | Der Portier

Chris Pavone | Der Portier

Das „Bohemian“ ist ein (fiktives) Appartementhaus am Central West Park in der Nähe der „Strawberry Fields“ (Ähnlichkeiten zum „Dakota Building“ sind sicherlich gewollt). Das Gebäude aus dem 19.Jahrhundert ist eine Institution in New York und immer noch eine der ersten Adressen der Stadt mit den teuersten Wohnungen. Zwölf Geschosse, exklusive Apartments unterschiedlicher Größe, von einem kleinen „Burggraben“ umgeben, mit schmiedeeisernem Zaun. Eine strenge Eigentümergesellschaft (weiß, überwiegend älteren Semesters) wacht über die hier und da durchaus fragwürdigen Traditionen des Hauses. Der Hausverwalter Olek (ein undurchsichtiger Ukrainer) wacht über die zahlreichen Angestellten des Hauses, ausnahmslos Latinos oder Schwarze. Unter ihnen ist auch Chicky Diaz.

Chicky vergisst niemals den Namen eines Bewohners oder eines Enkels, der zu Besuch ist, oder eines engen Freundes oder einer „Freundin“. Nie meldet er sich krank, macht früher Feierabend oder kommt zu spät. Außerdem beschwert er sich nicht und verdreht auch nicht die Augen, wenn man einen unsinnigen Wunsch an ihn richtet, was häufig vorkommt. Er ist stets geduldig und immer freundlich. Und verbreitet gnadenlos gute Laune.
Zumindest bis jetzt. (Auszug S.14)

Chicky ist einer der drei Hauptpersonen, aus deren Perspektiven der Roman erzählt werden. Er ist Puertoricaner, 50, Witwer mit erwachsenen Kindern. Der frühe Krebstod seiner Frau und die Ausbildung seiner Kinder ist auch der Grund, warum Chicky inzwischen hochverschuldet ist. Er arbeitet schon lange als Portier im Bohemian, ist ein äußerst zuverlässiger und diskreter Mitarbeiter. Doch seine Schulden zwingen ihn, Nebenjobs anzunehmen, die in nicht ganz so exklusiven Kreisen stattfinden.
Julian Sonnenberg ist einer der Eigentümer. Er bewohnt Apartment 2A – eine im Vergleich zum Rest des Hauses eher bescheidene Wohnung – mit Frau und fast erwachsenen Kindern, ist Mitte 40 und Jude.

Julian ist Vorsitzender der Eigentümergemeinschaft, muss sich vielen konservativen Ansichten der Miteigentümer teilweise beugen. Er ist Teil der New Yorker Kunstszene, Mitinhaber einer früher erfolgreichen Galerie, jetzt plagen ihn ein paar Geldsorgen. Allerdings plagt ihn noch etwas anderes, eine Art Midlife Crisis und zudem offenbar auch eine Diagnose seines Arztes. Zum Miteigentümer und Inhaber eines Rüstungsunternehmens Whitaker Longworth verbindet ihn eine herzliche Abneigung.

Dessen Ehefrau Emily (geborene Merriweather) ist sowas wie die „gute Seele“ des Hauses, freundlich und zugewandt zu jedermann. Mitte 30, Mutter kleiner Kinder, Kunstberaterin und linksliberal – und damit ein krasser Gegensatz zu ihrem Mann Whit, der sich in äußerst konservativen Kreisen aufhält und vor rassistischen und homophoben Beleidigungen nicht zurückschreckt. Aber er war halt eine äußerst gute Partie, was Emily inzwischen allerdings durchaus bereut, doch ihren Lebensstil mag sie dann doch. Sie hat aber ein intaktes soziales Gewissen und engagiert sich in einer Tafel in Harlem, wobei sie allerdings merkt, dass Klassengrenzen sich nur schwer überwinden lassen.

Alle Männer der Familie Merriweather waren davon überzeugt, dass sie sich ihr Glück im Leben selbst erarbeitet hatten. Nie hielten sie inne, um sich die eine Frage zu stellen: War es wirklich Erfolg, wenn jeder, den man kannte, genauso erfolgreich war wie man selbst? War es wirklich eine persönliche Leistung?
Jeder ist seines Glückes Schmied. Das war ein beliebter Ausspruch von Menschen, die Glück gehabt hatten. (Auszug S.432)

Soweit die Figurenkonstellation. Das Spannungselement wird im Prolog eingeführt: Es gab einen toten Schwarzen bei einem Polizeieinsatz. Nun sind Demonstrationen angekündigt, die Stimmung in New York ist angeheizt, mit Ausschreitungen ist zu rechnen. Auch das Bohemian wappnet sich, die Portiers sind besonders aufmerksam und ausnahmsweise bewaffnet. Auch Chicky, der abends die Position vor der Tür eingenommen hat und misstrauisch über die Lage grübelt. Und plötzlich kommt ein verdächtiger Pick-Up die Straße hochgefahren…

Das klingt nach einem waschechten Thriller, allerdings dauert es sehr lange, bis die Situation am Abend wieder aufgegriffen wird und der Roman tatsächlich zu einem Pageturner wird. Dazwischen begleitet ein allwissender Erzähler die Protagonisten durch den Tag, wirft immer wieder lange Blicke in ihre Vergangenheit und macht gerne Andeutungen über das, was im weiteren Verlauf noch passieren wird. Dabei wirft er einen intensiven und dichten Blick auf die New Yorker Gesellschaft. Die Figurenkonstellation kostet der Autor hinlänglich aus und gibt sowohl Latino-Gangstern und MAGA-nahen Milliardären als auch woken Liberalen einen mit. Das ist zumeist ziemlich unterhaltsam, macht aber die Einordnung ins Krimigenre schwierig, die eigentlich erst das letzte Fünftel des Romans erfüllen kann.

„Der Portier“ ist ein Roman, bei dem ich etwas andere Erwartungen hatte – mehr Thriller, mehr Pageturner. Letztlich waren es 4/5 Nabelschau auf (einen Ausschnitt der) New Yorker Gesellschaft und der Rest klassischer Thriller. Dennoch war ich mit dem Gelesenen ziemlich zufrieden und fühlte mich gut unterhalten. Der Roman bietet partiellen Thrill und zudem einen scharfsinnigen, manchmal zynischen und teilweise auch amüsanten Blick auf NYC.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Der Portier | Erschienen am 20.08.2026 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-12137-4
555 Seiten | 22,90 €
Originaltitel: The Doorman | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Karin Dufner
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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