Monat: August 2026

S.A. Cosby | Die Rache der Väter

S.A. Cosby | Die Rache der Väter

Es gab kein Zurück. Es gab keinen Weg, der irgendwohin führte, nur eine lange Straße in den Abgrund, so finster wie die erste Nacht in der Hölle und gepflastert mit schlechten Absichten. Sie konnten das, was sie suchten, Gerechtigkeit nennen, aber richtiger wurde es dadurch nicht. Es war unstillbare, unversöhnliche Rache. Und das Leben hatte ihn gelehrt, dass Rache immer Konsequenzen nach sich zog. (Auszug Seite 125)

Ein schwules Paar wird in Richmond, Virginia auf offener Straße mit mehreren Schüssen geradezu hingerichtet. Nachdem die Polizei schon nach wenigen Wochen die Ermittlungen einstellt, sind es die Väter der beiden, die sich von Trauer, Wut und schlechtem Gewissen zerfressen, gemeinsam auf die Suche nach den Tätern machen. Der schwarze Ike Randolph saß lange im Knast, hat sich aber inzwischen mit einem gutgehenden Gartenunternehmen eine neue Existenz aufgebaut. Die Homosexualität seines Sohnes Isiah hat er nie wirklich akzeptiert. Er blieb auch der Hochzeit vor wenigen Monaten fern, genauso wie der weiße Buddy Lee Jenkins, der Vater von Derek, der ebenfalls eine kriminelle Karriere hinter sich hat und sich jetzt in einem heruntergekommenen Trailerpark zu Tode säuft.

Nach dem Tod ihrer Söhne wollen sie jetzt das, in ihren Augen, Richtige tun und einen Teil ihrer Schuld begleichen. Es geht um Wiedergutmachung aber auch das eigene Versagen als Vater und die damit verbundenen Vorurteile zu korrigieren. Die beiden homophoben Väter, die außer ihrer kriminellen Vergangenheit und der Liebe zu ihren toten Söhnen wenig gemeinsam haben, verbünden sich in einem verzweifelten Rachefeldzug. Hier ist der Roman ein ganz klassisches buddy movie mit zwei unterschiedlichen, Charakteren, die mit ihren moralischen Verfehlungen und eigenen Vorurteilen gegenüber ihren Söhnen und einander konfrontiert werden. Ihre Streits sind sehr unterhaltsam und ihre Beziehung wandelt sich vorhersehbar im Laufe der Geschichte von einer widerwilligen Partnerschaft zu einer echten Freundschaft.

In einer LGBTQ-Bar treffen sie auf ehemalige gute Freunde ihrer Söhne. Diese wollen aus verständlichen Gründen nicht mit der Polizei reden. Auch Ike und Buddy Lee müssen erkennen, dass sie weder mit toxischer Männlichkeit noch mit Männlichkeitsdominanzgebaren weiter kommen. Eine Spur führt sie zu einem gewaltbereiten Motorradclub, der mit Waffen und der Herstellung und Verteilung von Meth sein Geld verdient. Die „Rare Breed“ übernehmen für Geld auch Mordaufträge und zeichnen sich durch einen abgrundtiefen Hass auf Schwarze und Homosexuelle aus. Ike und Buddy Lee tappen lange im Dunkeln, wer der mysteriöse Auftraggeber im Hintergrund ist. Bis sie dies herausfinden, haben sie bereits eine ordentliche Blutspur und Tote hinterlassen.

„Wirklich? Wo war denn diese Liebe, als er morgens, mittags und abends in der Schule drangsaliert wurde? Oh, genau, da hast du ja gesessen. Damals hat er deine Liebe gebraucht. Jetzt, wo er unter der Erde liegt, nicht mehr.“ (Auszug Seite 18)

„Die Rache der Väter“, übrigens auf der Sommerleseliste von Barack Obama, ist eine brutale, filmreife und actiongeladene Geschichte über den Rachefeldzug zweier fehlerhafter Antihelden, die von Beginn an rasant Fahrt aufnimmt und mit explizierten Gewaltdarstellungen nicht geizt. Cosby hat ein besonderes Talent für lebendige Bilder, die für Kopfkino sorgen und mich an einen Actionfilm aus den 90er Jahren erinnert. Viele gesellschaftlich aktuelle Themen wie systematischer Rassismus, Homophobie, Diskriminierung und familiäre Entfremdungen werden facettenreich und empathisch, wenn auch nicht besonders subtil mit harter Action verbunden.

Es war mir an einigen Stellen etwas übertrieben, beispielsweise der pathetische Sinneswandel der beiden Oldies, dass Schwule auch Menschenrechte besitzen. Ausführlich werden ihre Qualen und Reuegefühle geschildert und ihre Trauer um die Beziehung, die sie mit mehr Toleranz zu ihren Kindern hätten haben können, verständlich gemacht. Während Ike und Buddy Lee viel Raum erhalten, erfahren wir von ihren toten Söhnen fast nichts. Sie bleiben blass, dienen nur als Auslöser für die gewalttätigen Ausbrüche ihrer nach Erlösung suchenden Väter.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Rache der Väter | Erschienen am 31. Mai 2022 bei ars vivendi
ISBN 978-3-747-20349-1
344 Seiten | 24,00 Euro (inzwischen auch als Taschenbuch erhältlich)
Originaltitel: Razorblade Tears | Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von S.A. Cosby

Tomasz Duszyński | Glatz. Rübezahl (Band 3)

Tomasz Duszyński | Glatz. Rübezahl (Band 3)

Rübezahl ist den meisten grob ein Begriff, als Berggeist des Riesengebirges und der nahegelegenen Gebirgszüge. Ich muss gestehen, dass die Sagen mit Rübezahl mir kein Begriff mehr sind. Tatsächlich ist Rübezahl ein äußerst ambivalenter Charakter von launischem Gemüt, der den Menschen in verschiedener Gestalt erscheint. Seinen Namen mag er übrigens überhaupt nicht, sondern möchte als „Herr der Berge“ angeredet werden.

Im Februar des Jahres 1923 ist die Grafschaft Glatz tief verschneit und vereist, natürlich auch der Glatzer Schneeberg als eine der höchsten Erhebungen im Umkreis. Oben auf dem Gipfel steht der Kaiser-Wilhelm-Turm. Als ein Bergführer den Pfad zum Gipfel vorbereitet, entdeckt er eine Leiche vom Turm herabhängend, im Gesicht markant verstümmelt. Die herbeigerufene Glatzer Kriminalpolizei um Oberwachtmeister Franz Koschella findet neben Spuren eines zweiten Mannes, der den Täter offenbar verfolgt hat, auch eine Botschaft des Täters an sein Opfer, in der er sich selbst „Rübezahl“ nennt.

Die Polizei findet bald heraus, dass das Opfer Militärangehöriger war, und versucht, darüber zu Anhaltspunkten zu gelangen. Daher sucht Koschella den Kontakt zu seinem alten Bekannten Wilhelm Klein, bei dem allerdings schnell klar, dass er irgendwie in diesen Fall involviert ist und dass der Schlüssel in dessen Militärvergangenheit zu suchen ist. Noch während die Polizei bei den Ermittlungen nur schwer vorankommt, geschieht ein zweiter Mord an dem renommierten Rechtsmediziner Professor Baumann im Zug von Breslau nach Glatz. Rübezahl hat wieder zugeschlagen.

Plötzlich überlief Koschella ein Schauer. Ein lange nicht mehr wahrgenommenes Gefühl überkam ihn. Er hatte es mit einem intelligenten Gegner zu tun. Einem Strategen. Er konnte es kaum erwarten, den Gipfel zu erreichen, und wollte schnellstmöglich mit der Jagd beginnen. (Auszug S.61)

„Glatz. Rübezahl“ ist der inzwischen dritte Band der historischen Krimiserie mit Schauplatz in der bürgerlichen Kleinstadt an der Neiße, Hauptort der gleichnamigen Grafschaft. Damals schlesisch und damit Teil des Deutschen Reiches, heute ist Glatz polnisch und heißt Kłodzko. Autor Tomasz Duszyński feiert mit der Reihe in Polen große Erfolge und ist inzwischen Ehrenbürger von Kłodzko geworden. Tatsächlich ist vor allem der unverbrauchte Schauplatz in der Provinz in einem Talkessel des Gebirgszugs der Sudeten nahe der tschechischen Grenze äußerst reizvoll. Ähnlich wie bei anderen historischen Krimireihen bewegt man sich von Band zu Band chronologisch weiter. Dieses Mal ist man im Krisenjahr 1923 angekommen und auch wenn man in Glatz weg ab vom Schuss ist – die Probleme der Republik kommen auch hier an.

„Du bist wie ich, ich bin wie du, und da sind mehr von uns…“
Er reagierte nicht. Doch sein Atem beruhigte sich unter dem Einfluss dieser immer wiederkehrenden Worte. Er versuchte, sie aus dem Kopf zu verbannen, und wandte den Blick vom Eindringling ab. Vergeblich. Er konnte sich nicht bewegen.
„Das Leiden wird vergehen, wird dich und mich verwandeln. Dann helfen wir den anderen, auch sie reinigen wir durch Schmerz. Hörst du mich, Klein? Das wird niemals enden.“ (Auszug S.114)

Natürlich steckt nicht der alte Berggeist hinter den Morden, von denen es noch weitere geben wird. Vielmehr gibt es politische und militärische Verwicklungen und der neue militärische Geheimdienst, den es laut Versailler Verträgen eigentlich nicht geben darf, tritt auf den Plan. Vor allem die Vergangenheit von Wilhelm Klein als versehrter Veteran spielt eine entscheidende Rolle, er bleibt eine äußerst interessante, ambivalente Figur.  Duszyński gönnt weiteren Personen Platz im Roman, neben den beiden Assistenten Koschellas, Schulz und Csozek, auch dem oder den Tätern – das bleibt lange offen – , die abwechselnd in kurzen Kapiteln begleitet werden. Der Plot ist mir persönlich etwas zu groß angelegt geraten, aber das mag Ansichtssache sein. Letztlich ist „Glatz. Rübezahl“ ein spannender und vor allem durch das weiterhin sehr gelungene Setting ein lesenswerter Kriminalroman in einer wirklich zu empfehlenden Reihe.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Glatz. Rübezahl | Erschienen am 15.06.2026 im Polente Verlag
ISBN 978-3-9505744-3-6
428 Seiten | 19,50 €
Originaltitel: Glatz. Zamiec | Übersetzung aus dem Polnischen von Markus Schnabel
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Band 1 „Glatz“