Tag: 19. August 2026

Tomasz Duszyński | Glatz. Rübezahl (Band 3)

Tomasz Duszyński | Glatz. Rübezahl (Band 3)

Rübezahl ist den meisten grob ein Begriff, als Berggeist des Riesengebirges und der nahegelegenen Gebirgszüge. Ich muss gestehen, dass die Sagen mit Rübezahl mir kein Begriff mehr sind. Tatsächlich ist Rübezahl ein äußerst ambivalenter Charakter von launischem Gemüt, der den Menschen in verschiedener Gestalt erscheint. Seinen Namen mag er übrigens überhaupt nicht, sondern möchte als „Herr der Berge“ angeredet werden.

Im Februar des Jahres 1923 ist die Grafschaft Glatz tief verschneit und vereist, natürlich auch der Glatzer Schneeberg als eine der höchsten Erhebungen im Umkreis. Oben auf dem Gipfel steht der Kaiser-Wilhelm-Turm. Als ein Bergführer den Pfad zum Gipfel vorbereitet, entdeckt er eine Leiche vom Turm herabhängend, im Gesicht markant verstümmelt. Die herbeigerufene Glatzer Kriminalpolizei um Oberwachtmeister Franz Koschella findet neben Spuren eines zweiten Mannes, der den Täter offenbar verfolgt hat, auch eine Botschaft des Täters an sein Opfer, in der er sich selbst „Rübezahl“ nennt.

Die Polizei findet bald heraus, dass das Opfer Militärangehöriger war, und versucht, darüber zu Anhaltspunkten zu gelangen. Daher sucht Koschella den Kontakt zu seinem alten Bekannten Wilhelm Klein, bei dem allerdings schnell klar, dass er irgendwie in diesen Fall involviert ist und dass der Schlüssel in dessen Militärvergangenheit zu suchen ist. Noch während die Polizei bei den Ermittlungen nur schwer vorankommt, geschieht ein zweiter Mord an dem renommierten Rechtsmediziner Professor Baumann im Zug von Breslau nach Glatz. Rübezahl hat wieder zugeschlagen.

Plötzlich überlief Koschella ein Schauer. Ein lange nicht mehr wahrgenommenes Gefühl überkam ihn. Er hatte es mit einem intelligenten Gegner zu tun. Einem Strategen. Er konnte es kaum erwarten, den Gipfel zu erreichen, und wollte schnellstmöglich mit der Jagd beginnen. (Auszug S.61)

„Glatz. Rübezahl“ ist der inzwischen dritte Band der historischen Krimiserie mit Schauplatz in der bürgerlichen Kleinstadt an der Neiße, Hauptort der gleichnamigen Grafschaft. Damals schlesisch und damit Teil des Deutschen Reiches, heute ist Glatz polnisch und heißt Kłodzko. Autor Tomasz Duszyński feiert mit der Reihe in Polen große Erfolge und ist inzwischen Ehrenbürger von Kłodzko geworden. Tatsächlich ist vor allem der unverbrauchte Schauplatz in der Provinz in einem Talkessel des Gebirgszugs der Sudeten nahe der tschechischen Grenze äußerst reizvoll. Ähnlich wie bei anderen historischen Krimireihen bewegt man sich von Band zu Band chronologisch weiter. Dieses Mal ist man im Krisenjahr 1923 angekommen und auch wenn man in Glatz weg ab vom Schuss ist – die Probleme der Republik kommen auch hier an.

„Du bist wie ich, ich bin wie du, und da sind mehr von uns…“
Er reagierte nicht. Doch sein Atem beruhigte sich unter dem Einfluss dieser immer wiederkehrenden Worte. Er versuchte, sie aus dem Kopf zu verbannen, und wandte den Blick vom Eindringling ab. Vergeblich. Er konnte sich nicht bewegen.
„Das Leiden wird vergehen, wird dich und mich verwandeln. Dann helfen wir den anderen, auch sie reinigen wir durch Schmerz. Hörst du mich, Klein? Das wird niemals enden.“ (Auszug S.114)

Natürlich steckt nicht der alte Berggeist hinter den Morden, von denen es noch weitere geben wird. Vielmehr gibt es politische und militärische Verwicklungen und der neue militärische Geheimdienst, den es laut Versailler Verträgen eigentlich nicht geben darf, tritt auf den Plan. Vor allem die Vergangenheit von Wilhelm Klein als versehrter Veteran spielt eine entscheidende Rolle, er bleibt eine äußerst interessante, ambivalente Figur.  Duszyński gönnt weiteren Personen Platz im Roman, neben den beiden Assistenten Koschellas, Schulz und Csozek, auch dem oder den Tätern – das bleibt lange offen – , die abwechselnd in kurzen Kapiteln begleitet werden. Der Plot ist mir persönlich etwas zu groß angelegt geraten, aber das mag Ansichtssache sein. Letztlich ist „Glatz. Rübezahl“ ein spannender und vor allem durch das weiterhin sehr gelungene Setting ein lesenswerter Kriminalroman in einer wirklich zu empfehlenden Reihe.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Glatz. Rübezahl | Erschienen am 15.06.2026 im Polente Verlag
ISBN 978-3-9505744-3-6
428 Seiten | 19,50 €
Originaltitel: Glatz. Zamiec | Übersetzung aus dem Polnischen von Markus Schnabel
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Band 1 „Glatz“