Tim Herden | Harter Ort

Tim Herden | Harter Ort

„Damp lief zum Strand. Dort entdeckte er eine Menge Fußspuren. Sie führten nach Süden. Damp folgte ihnen. Die Steinmole bot ein wenig Schutz vor dem eisigen Wind. Durch den hochgeschlagenen Jackenkragen konnte er kaum etwas erkennen, sondern musste sich an den Fußspuren orientieren. Als er einige Hundert Meter gelaufen war, endete der Steinwall. Die Hiddenseer nannten den Strandabschnitt „Harter Ort“. Irgendwann in grauer Vorzeit war hier mal ein Schiff untergegangen.“ (Auszug Seite 265)

Von einem seltsamen Geräusch wird Malte Fittkau mitten in der Nacht wenige Tage nach dem Jahreswechsel geweckt. Ihm wird schnell klar, dass das alte Hotelschiff „Caprivi“ Schlagseite hat und kurz davor ist unterzugehen. Schnell alarmiert er die Feuerwehr, um das Schlimmste zu verhindern. Bei der Rettung des großen Dampfers entdecken die Helfer eine Leiche im Innenraum des Schiffes. Steifgefroren. Malte Fittkau informiert die Polizei und wenig später trifft der Inselpolizist Ole Damp ein. Es handelt sich bei dem Toten um Martin Dehn. Er war lange Zeit Biologielehrer auf der Insel und hat vor kurzem die alte Vogelwarte gekauft und zu dem noblen Hotel „Dornbusch“ umgebaut. Zuerst wird vermutet, dass der Tod ein Unfall war, aber nach eingehender Untersuchung finden die Kollegen der Pathologie auf Rügen Hinweise darauf, dass Dehn mit Chloroform betäubt wurde. Durch die hohe Dosis ist das Opfer nicht rechtzeitig vor dem Erfrieren aufgewacht. Also Mord. Zur Unterstützung bei der Suche nach dem Mörder wird Damp die junge Polizistin Nelly Blohm aus Bergen geschickt. Sie springt als Vertretung für Stefan Rieder ein. Er und Damp wurden bei der letzten Mordermittlung in einem Paddelboot auf die Ostsee verschleppt und nur durch Glück von einem dänischen Schiff gerettet. Seitdem liegt Rieder in Dänemark im Koma. Damp und Blohm starten mit ihren Ermittlungen bei der Befragung aller Leute aus dem näheren Umfeld des Toten. Seine Frau, die Hausdame des Hotels, Laura Ihlow, den Koch Andreas Zakis und die wenigen Gäste im „Dornbusch“. Außerdem wird das Hotel selbst durchsucht. Schnell finden sich auch Tatverdächtige, deren Alibis es zu überprüfen gilt. Außerdem wurde beim Fundort der Leiche unter den Schaulustigen ein Skifahrer gesehen, der sich seltsam verhalten hat. Skispuren finden sich auch hinter dem Hotel. Ist das etwa der Täter? Und dann verschwinden die beiden Jungen von Dehns Frau Isa Leetz spurlos.

Nelly Blohm ist 25 Jahre alt und alleinerziehende Mutter ihres Sohnes Lukas. Ihr Beruf nimmt sie viel und lange in Beschlag, so dass sie oft ihre Mutter um Hilfe bei der Betreuung von Lukas bitten muss. Gerade bei diesem Fall, bei dem Nelly nach Hiddensee muss und mehrere Tage nicht zu Hause ist, plagt sie das schlechte Gewissen. Ihre Mutter kümmert sich zwar gern um ihren Enkel, lässt ihre Tochter aber auch deutlich spüren, wie sie es findet, dass sie wenig zu Hause ist. Diese Meinung liegt wohl daran, dass Nellys Vater, der mit 63 Jahren verstorben ist, ebenfalls Polizist war und die Einsätze immer über alles gestellt hat, auch über die Familie. Nelly bezieht während der Zeit auf Hiddensee ein Pensionszimmer bei Malte Fittkau. Malte freut sich über die Einnahmen außerhalb der Saison und verwöhnt seinen Gast mit Frühstück und selbstgekochtem Abendessen.

Ole Damp ist Zugezogener auf der Insel. Die haben es schwer, Anschluss auf Hiddensee zu finden. Wenn sie dann auch noch gebürtige Rüganer sind, noch mehr. Das bekommt Damp oft genug zu spüren. Das liegt aber vor allem daran, dass es bei seinem Job als einziger Inselpolizist seine liebste Aufgabe ist, am Radweg von Vitte nach Neuendorf zu stehen und Fahrräder auf Verkehrstüchtigkeit zu überprüfen. Und das führt bei den Insulanern natürlich zu Unmut. Nach der Verschleppung mit Rieder war Damp einige Wochen auf Kur und sein Psychologe dort hat ihm geraten, mehr auf die Einheimischen zuzugehen. Diesen Rat setzt er auch gleich um, als er von Malte Informationen über Dehn erhalten möchte. Denn Malte wird nicht ohne Grund „Inselfunk“ genannt. Er lädt Malte zu einigen Bieren und Schnäpsen ein und Malte gibt bereitwillig Auskunft. Außerdem war die Arbeitsmoral bei Damp in den ersten drei Büchern auch eher zurückhaltend und gemütlich, aber bei diesem Fall legt er sich richtig ins Zeug.

Die beiden Polizisten gehen nach und nach die Alibis ihrer Tatverdächtigen durch, aber leider tritt dadurch keiner besonders hervor. Ganz im Gegenteil, stattdessen haben alle ein handfestes Alibi. Nach einer kurzen Flaute, kommt dann aber doch wieder Schwung in den Fall. Auf Seite 247 fasst Damp das treffend zusammen: „Erst hast du keinen Tatverdächtigen mehr, dann wieder gleich eine ganze Handvoll. Der Fall nervt.“

Erschwerend kommt zu der Suche nach dem Mörder auch das Wetter hinzu. Hiddensee ist seit Tagen von der Umwelt abgeschnitten. Die Fahrrinnen nach Schaprode und Stralsund sind eingefroren. Das Eis ist aber noch nicht dick genug, dass man zu Fuß gehen oder mit dem Auto darüberfahren kann. Aufgrund des anhaltenden Schneefalls kann auch die Luftlinie nur sporadisch genutzt werde. Viele Urlauber, die den Jahreswechsel auf der Insel verbracht haben, kommen nicht wieder nach Hause und die Lebensmittel in den Kaufhallen werden knapp, ebenso der Sprit für die Fahrzeuge. Da der Schnee teilweise einen Meter hoch liegt, stellt sich selbst die Zeugenbefragung als sehr beschwerlich heraus. Mit dem Polizeiauto können nur die geräumten Hauptstraßen befahren werden, der Rest wird zu Fuß erledigt.

Harter Ort von Tim Herden hat mir sehr gut gefallen. Dieser Krimi besticht wie auch die drei vorherigen Bücher durch die detailtreue Landschaftsbeschreibung von Hiddensee. Die Geschichte ist plausibel und spannend erzählt und gerade die beiden Polizisten Damp und Blohm finde ich sehr sympathisch. Zweimal kommt es in dem Buch allerdings ohne Zusammenhang zur Vertauschung der beiden Vornamen von Marie Zabel und Laura Ihlow. Zum Ende gibt es eine unvorhergesehene Wendung des Falls. Die Vergangenheit des letzten Falls, mit der der Prolog das Buch einleitet, kommt wieder hoch und ist noch nicht beendet.

Tim Herden wurde 1965 in Halle (Saale) geboren. Seit 1991 ist er Redakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk in Dresden. Seit 2010 veröffentlicht er alle zwei Jahre einen Hiddensee-Krimi.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

 

Harter Ort

Harter Ort | Erschienen am 12. Januar 2016 im Mitteldeutschen Verlag
ISBN 978-3-95462-636-6
288 Seiten | 9,95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

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