Chris Chibnall | Septembermord 

Chris Chibnall | Septembermord 

Er stieg aus, ging zögerlich auf den reglosen Umriss mitten auf der leeren A35 zu, merkte nicht mal, dass er die Tür offen gelassen hatte, hörte nicht das anhaltende Alarmsignal, das nach dem abwesenden Fahrer nörgelte. Ewan sah auch die Warnblinker nicht, die das nächtliche Dunkel in einem gleichmäßigen Takt orange färbten. Er sah nur die Gestalt vor sich auf der Straße. (Auszug Pos. 67 von 4.404)

Chris Chibnall, ein britischer Drehbuchautor, bekannt auch als Showrunner der erfolgreichen Serie „Broadchurch“ hat seinen ersten Kriminalroman veröffentlicht. Mit seinem Debüt „Death at the White Hart“, so der Originaltitel, startet eine neue englische Krimi-Reihe, die im Südwesten Englands angesiedelt ist.

Es geht um einen bizarren Mordfall in dem fiktiven Dorf Fleetcombe in der englischen Grafschaft Dorset. Mitten in der Nacht wird auf einer Küstenstraße eine grotesk inszenierte männliche Leiche gefunden. Der halbnackte Körper des Toten wurde an der Lehne eines Holzstuhls festgebunden, die untere Körperhälfte steckt in einem Sack, auf dem Kopf ist ein riesiges Hirschgeweih drapiert. Schnell wird der Tote als der Gastwirt des ansässigen Pubs „White Hart“ identifiziert, Jim Tiernan, der in der Vergangenheit bereits eine Gefängnisstrafe abgesessen hatte. Mit dem Fall wird die erst wenige Wochen zuvor mit Ehemann und Sohn in ihre Heimat nach West Dorset zurückgekehrte DS Nicola Bridge betraut. Warum die erfahrene 38-jährige Polizistin, die in Liverpool eine angesehene Spezialistin für das organisierte Verbrechen war, in die Provinz zurückkehrt, erfährt man erst nach und nach. Unterstützt wird sie von DC Harry Ward, einem jungen Quereinsteiger, der seine mangelnde Erfahrung mit großem Einsatzwillen ausgleichen möchte. Zur Einheit gehört auch noch ein mürrischer Schreibtischhengst, der aufgrund seiner exzellenten Arbeit bei der Recherche und Datenanalyse zunehmend die Anerkennung seiner Kollegen gewinnt.

An Verdächtigen mangelt es nicht, auch weil Jim Tiernan sich am Tag vor seiner Ermordung noch heftig mit diversen Gästen im Pub gestritten hatte. Tiernan hatte die Kneipe als Pächter übernommen und sie ganz traditionell als Wirtshaus alter Schule geführt, in die man gerne trinken geht. Ganz anders als seine Konkurrentin Ayesha Burton, die im Fox, dem einzig weiteren Pub in Fleetcombe auf gutes Essen sowie Getränke für Anwohner und Touristen setzt und damit auf gehobene Kundschaft. Allen ist klar, dass sich zwei Pubs in dem kleinen beschaulichen Örtchen, auch wenn Fleetcombe mit achthundert Einwohnern und malerisch an der Küste liegend dem perfekten englischen Landidyll entspricht, nicht auf Dauer halten können. Die ehrgeizige Bridge und der ambitionierte Jungspund Ward müssen in einer Gemeinschaft voller Geheimnisse und Intrigen ermitteln. Obwohl sich die Dörfler sehr bedeckt halten und Aussagen sich widersprechen, finden sie unter anderem heraus, dass es einen identischen Mordfall bereits vor 100 Jahren gab. Trotzdem dringen sie nur Stück für Stück zur Lösung des Falles vor. Erst die Beobachtungen eines kleinen Mädchens bringen die Polizeibeamten auf eine heiße Spur.

Es handelt sich um einen klassischen Whodunit oder Ermittlerkrimi, den man aufgrund des gefälligen Schreibstils gut lesen kann, der aber nach bewährtem Schema abläuft und nichts Neues bietet. Das Storytelling habe ich so schon in etlichen Krimis gelesen. Die Grundkonstellation ist ein altbekanntes, vertrautes Muster aus dem britischen Dorfkrimi und einer verschworenen Dorfgemeinschaft mit einem Sammelsurium seltsamer Typen, die fast alle etwas zu verbergen haben. Da gibt es den bulligen, misstrauischen Farmer Deakins, der immer im Clinch mit seinen Nachbarn liegt, Frankie, einen ängstlichen, schwulen Friseur und die kleine Shannon, die sich oft nicht nach Hause traut und aus ihrem Versteck das Ortsgeschehen genau beobachtet. Die Charaktere sind alle gut, aber auch ein wenig klischeehaft gezeichnet. Es ist auch nicht besonders innovativ, dass es ein Team gibt, das aus Kostengründen in ein leerstehendes Gebäude verfrachtet wird und sich erst noch zusammenraufen muss oder dass die Hauptermittlerin private Probleme hat und auf ein scheinbar unbedarftes Landei als Partner trifft. Dabei mochte ich das Geplänkel zwischen den beiden ganz gerne und die Dialoge haben mich gut unterhalten.

Die Schilderung des Dorflebens, die der Autor mit allen Eigenheiten zeichnet, ist anschaulich und stimmig. Die ländliche Atmosphäre mit ihrer trügerischen Idylle wird perfekt eingefangen. Szenen werden bildstark beschrieben und die Dialoge sitzen punktgenau. Auch das Ermittlerduo Bridge und Ward hat sofort eine gute Chemie, man merkt, dass hier eine Reihe angelegt wurde. In kurzen Kapiteln und wechselnden Perspektiven erzählt Chibnall handwerklich souverän und routiniert. Mir fehlte es ein wenig an Dynamik, es plätschert so vor sich hin und die Auflösung hatte ich relativ früh erkannt. Solide Unterhaltung für Fans vom britischen Cozy-Crime. Vielleicht bin ich auch kein Fan von Cozy-Krimis, denn wenn sich zum Schluss alle wieder im Pub treffen, war es mir ein bisschen zu viel Friede, Freude, Eierkuchen.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Septembermord | Erschienen am 31. Juli 2026 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06881-9
416 Seiten | 18,00 Euro
Originaltitel: Death at the White Hart | Übersetzung: Leena Flegler
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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