Rafik Schami | Die geheime Mission des Kardinals ♬

Rafik Schami | Die geheime Mission des Kardinals ♬

Im Jahr 2010 ist der Bürgerkrieg in Syrien noch nicht ausgebrochen, aber die politische Lage ist brenzlig und explosiv, man spürt, dass etwas in der Luft liegt. In dieser Zeit wird Kommissar Zakaria Barudi mit einem sehr brisanten Fall betraut. Die italienische Botschaft in Damaskus hat eine mehr als schaurige Lieferung erhalten: Ein riesiges Fass, in dem sich neben dem teurem Olivenöl auch noch die rätselhaft präparierte Leiche eines Kardinals aus dem Vatikan befindet. Dem Korpus wurden Silberstücke in die Augenhöhlen gesteckt und ein Basaltstein fachmännisch an Stelle seines Herzens eingepflanzt.

Barudis Nachforschungen werden nicht nur durch die allgegenwärtige Korruption erschwert, auch kann er niemandem trauen, selbst im Kommissariat nur seinem Kollegen Schukri. Seine Arbeit wird auch durch diverse Geheimdienste sabotiert, die alles versuchen, um den Vorfall zu vertuschen. Der unpolitische Barudi verzweifelt am System, denn sein Vorgesetzter verlangt, dass er diskret ermittelt. Die diplomatischen Beziehungen zu Italien dürfen auf keinen Fall belastet werden. Deshalb laden die syrischen Behörden einen Kommissar aus Rom ein, um die Ermittlungen zu begleiten. Natürlich soll Barudi den italienischen Kollegen, der lange gegen die Mafia kämpfte, im Auge behalten. Aber in Marco Mancini, einen bekennenden Atheisten und Kenner des Nahen Osten, findet Barudi einen Verbündeten, die beiden verstehen sich auf Anhieb und entdecken viele Gemeinsamkeiten, auch was die unterschiedlichen Kulturen angeht.

Wunderheiler und Scharlatane

Trotz verschlossener Kirchengemeinde finden die beiden Kommissare gemeinsam heraus, dass der hohe Würdenträger der römischen Kurie zu einer geheimen Mission geschickt worden war. Offiziell sollte er ein theologisches Gutachten zu Wunderheilern und Heiligen anfertigen. Im Speziellen ging es um das Wirken eines muslimischen, aber Jesus verehrenden Bergheiligen im Norden des Landes hinsichtlich seiner vielfach bezeugten Heilkräfte. Der Bergheilige in der Nähe von Aleppo kümmerte sich durch bloßes Handauflegen um verzweifelte Menschen. Es stellt sich heraus, dass mächtige Interessen im Vatikan sich für dessen Anerkennung als Heiliger stark machten. Als sich die beiden bezüglich ihrer Erkundigungen in den Norden des Landes begeben, geraten sie in die Hände bewaffneter Islamisten. Hier entsteht kurz eine dramatische Situation, dessen Spannungselement sich aber sehr schnell wieder auflöst.

Mit den beiden sympathischen Kommissaren hat Schami ein klassisches Ermittlerduo an den Start gestellt, aber die Figuren des syrischen sowie des italienischen Kommissars sind mir zu stereotyp gestaltet. Der korrekte Barudi steht nach 46 Jahren kurz vor der Pensionierung. Er gehört zur Minderheit der Christen in Syrien, ist Witwer und trauert sehr um seine verstorbene Frau Basma. Über einen Einzelgänger, der beharrlich und unbestechlich ermittelt, der nicht ruht, bevor er in seinem letzten Fall die wirklichen Hintergründe aufgeklärt hat, habe ich schon zu oft gelesen. Der melancholische Kommissar lernt dann im Hausflur seine Nachbarin kennen und verliebt sich, doch auch diese Liebelei war mir zu holzschnittartig und diese Geschichte wirkte unnötig. Verwunderlich auc,h dass, bei der allgemeinen Atmosphäre des Misstrauens auch innerhalb des Kollegiums, Barudi sofort auf den ersten Blick Vertrauen zu Mancini fand.

Ein meisterhafter Geschichtenerzähler

Der syrische Schriftsteller Rafik Schami, der seit über 50 Jahren in Deutschland lebt, ist bekannt für seinen opulenten, orientalisch-ausufernden Erzählstil. Er ist ein meisterhafter und auch sinnlicher Geschichtenerzähler. In Die geheime Mission des Kardinals zeigt er einen tiefen Einblick in die syrische Gesellschaft kurz vor Ausbruch der Revolte und thematisiert im Besonderen den Aberglauben und ihre geschäftstüchtigen Wunderheiler beziehungsweise Scharlatane. Er hat es sich aber meiner Meinung nach zu einfach gemacht, in dem er dem Leser beziehungsweise dem Hörer ein Bild des Syriens vor der herannahenden Katastrophe vorstellt und darüber einen Krimiplot spannt. Er verschwendet zu wenig Mühen an eine spannungsreiche Strukturierung der Handlung. Mir war es auf weite Strecken zu langweilig und auch zu altbacken. Es fehlen überraschende Wendungen oder zumindest originelle Ideen.

Die beiden Kommissare sitzen ständig in Restaurants und essen nicht nur, nein, sie schwelgen in detailliert beschriebenem, levantinischem Essen und verfallen der Redseligkeit. Da werden Unmengen an Falafel, Hummus und Kibbeh vertilgt und alles mit Wein runtergespült oder zumindest Espresso mit Kardamom getrunken. Die Geschichten und Anekdoten waren mir zu altväterlich. Die beiden sind sich auch immer einig, so dass auch gar keine Reibung entsteht.

Geheime Gedanken im Tagebuch

Unterbrochen wird die Handlung immer wieder durch Tagebucheinträge. Barudi notiert hier seine geheimen Gedanken, weil er noch nicht mal seinen Kollegen, Vorgesetzten oder selbst seinem Hausarzt trauen kann. So entsteht sowas wie eine Lebensbilanz, in der er über Gott und die Welt und über die katastrophalen Zustände in Syrien, das Regime und seine Vergangenheit referiert. Hier ist der Autor auch richtig gut und die Zerrissenheit seiner Hauptfigur und auch das tragische, hoffnungslose Schicksal eines Landes wird deutlich.

Udo Schenk und Jürgen Tarrach lasen das Hörbuch ein und obwohl beide ihre Sache sehr gut machen, habe ich mich immer gefreut, wenn die Tagebucheintragungen von Jürgen Tarrach gelesen wurden. Ich fand es eine gute Idee, diesen Part durch eine andere Stimme vorzutragen.

Rafik Schami zeichnet detailreich ein farbenprächtiges Gesamtbild der Syrischen Gesellschaft vor dem Bürgerkrieg. Mir war es nur zu wenig Kriminalroman.

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die geheime Mission des Kardinals | Das Hörbuch erschien am 22. Juli 2019 bei Steinbach Sprechende Bücher
ISBN 978-38697-4387-5
2 mp3 CDs | 14.90 Euro
Laufzeit der ungekürzten Lesung: ca. 860 Minuten
Sprecher: Udo Schenk und Jürgen Tarrach
Bibliographische Angaben & Hörprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Syrien und Israel.

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