Kategorie: Gunnar Wolters

Abgehakt | Juni 2019

Abgehakt | Juni 2019

Unsere Kurzrezensionen zum 2. Quartalsende 2019

 

Petra Reski | Mafia. 100 Seiten

Die Mafia ist sicherlich die bekannteste kriminelle Organisation der Welt. Inzwischen hat der Begriff „Mafia“ sogar popkulturellen Status: Bücher, Filme, Videospiele, Mafiamusik, sogar eine Gastronomiekette. Doch dahinter verblasst ein wenig die Realität: Gewalt, Drogenhandel, Korruption, Mord. Für die Reihe 100 Seiten des Reclam Verlags versucht die in der Thematik bekannte Journalistin und Autorin Petra Reski mit allerlei Mythen rund um die Mafia aufzuräumen.

Die 100 Seiten werden keineswegs sachbuchartig mit Tabellen oder Grafiken gefüllt, sondern Reski schreibt in mehreren Beiträgen über Aufbau, Vergangenheit und Gegenwart der Mafia. Dabei legt sie einen besonderen Fokus auf Deutschland, das ja gern immer nur als Rückzugsraum und nicht als Operationsraum der Mafia bezeichnet wird. Diesen Beschwichtigern sagt Reski:

„Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Mafiamassaker von Duisburg ist Deutschland für die Mafia immer noch das Paradies auf Erden: Die Mafia will nicht auffallen und die Deutschen wollen die Mafia nicht sehen. Eine Win-Win-Situation.“ (Seite 67)

Insgesamt muss man schon konstatieren, dass die Thematik in einem so begrenzten Format nur schwer unterzubringen ist. Ein wenig Stirnrunzeln musste ich, als die Autorin mehrere Bücher, Filme und Serien in Zusammenhang zu Folklore und Propaganda setzt. Aber alles in allem sicherlich eine lesenswerte Zusammenstellung.

 

Mafia.100 Seiten | Erschienen am 28. August 2018 im Reclam Verlag
ISBN 978-3-15-020525-9
100 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: True Crime
Wertung: 3.0 von 5.0

 

Jules Grant | Die Nacht ist unser Haus

Donna und Carla sind beste Freundinnen, lesbisch und leiten eine Frauengang in Manchesters rauer Unterwelt. Als Carla die Frau eines konkurrienden Gangleaders abschleppt, eskaliert die Situation. Carla wird in einem Club erschossen und hinterlässt ihre zehnjährige Tochter Aurora. Donna muss nun für Aurora sorgen und ihre Gang retten. Und natürlich sinnt sie auf Rache für Carlas Tod.

Frauen als Gangleader ist gerade ein wenig en vogue in der Kriminalliteratur (z.B. bei „Lola“ von Melissa Scrivner Love oder „River of Violence“ von Tess Sharpe). Autorin Jules Grant treibt es in diesem Roman sogar noch auf die Spitze und führt hier eine Frauengang aus lauter Lesben ein. Die Frauen haben dabei eine nette Marktlücke entdeckt: Liquid Ecstasy in Parfümflaschen. Was mich dabei aber etwas gelangweilt hat: Im Grunde verhalten sich die Ladys die meiste Zeit nicht viel anders als irgendwelche Typen – sie saufen, vögeln und prollen rum.

Ungewöhnlich und durchaus ein Pluspunkt ist die Erzählstimme. Sowohl Donna als auch Aurora (seltener) führen als Ich-Erzähler durch das Buch – schnoddrig, vorlaut und manchmal auch etwas ordinär. Auf der Rückseite prangt eine Empfehlung von Simone Buchholz („Hart und zart zugleich“). Selber schuld, wer darauf hereinfällt, mag man sagen, aber die Deutsche Krimi Preis-Trägerin ist natürlich eine Koryphäe. Und tatsächlich bemüht sich die Autorin, aber das Ergebnis vermag mich letztlich nicht so richtig zu überzeugen. Sie haut manchmal sehr auf den Putz, aber vieles ist zu vorhersehbar, zu klischeehaft und leider auch nur bedingt authentisch. Schade drum.

Die Nacht ist unser Haus | Erschienen am 11.03.2019 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-43915-3
352 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Gangsterroman
Wertung: 2.5 von 5.0

 

Judith Arendt | Helle und der Tote im Tivoli

Helle Jespers hat einen beschaulichen Dienst als Chefin der Polizeidienststelle in Skagen an der Nordspitze Jütlands. Da trifft die Nachricht ein, dass der pensionierte Direktor des örtlichen Gymnasiums brutal ermordet in Kopenhagen aufgefunden wurde. Das Motiv bleibt zunächst unklar, eventuell Kindesmissbrauch? Dies bestätigt sich, als ein bekannter Päderast ebenfalls von gleichen Mörder umgebracht wird. Die Mordermittler aus Kopenhagen belächeln die Dorfpolizisten, doch Helle spürt, dass die Lösung des Falls in Skagen zu finden ist und lässt sich nicht aus den Ermittlungen drängen.

„Helle und der Tote im Tivoli“ ist der Auftakt zu einer Reihe um die sympathische dänische Kommissarin Helle Jespers. Dieser Roman versucht den Spagat zwischen „hyggeligem“ dänischen Krimi und einem Rachethriller aufgrund eines alten Falls von Kindesmissbrauch. Leider geschieht dies stilistisch ziemlich konventionell und mit dem Motiv des gestörten Opfers als Serienmörder auch etwas unoriginell. Ich gebe zu, dass der Ermittler als kaputtes Wrack auch nicht gerade kreativ ist, aber die Welt der Helle Jespers mit Haus in den Dünen, halbtags arbeitendem Wikinger-Ehemann, schwulem Teenagersohn und studierender, in einer Kiffer-WG wohnender Tochter war mir dann doch auch ein wenig zuviel der modernen heilen Welt. Und wenn der Familienhund an der Ergreifung des Täters mitwirkt und am Ende herzhaft in eine Zimtschnecke gebissen wird, dann finde ich das auch dem Thema nicht angemessen. Sagen wir es mal ganz neutral: Ich gehöre nicht zur Zielgruppe dieses Krimis.

Helle und der Tote im Tivoli | Erschienen am 15. September 2018 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-00271-3
288 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 2.0 von 5.0

 

Helon Habila  | Öl auf Wasser

Nigeria: Das Delta des Niger wird von Ölkonzernen konsequent ausgebeutet. Die ansässige Bevölkerung wehrt sich zunehmend dagegen und gründet Rebellengruppen, die gegen die Regierung und die Ölmultis kämpfen. Ein bewährtes Mittel zur Finanzierung ist die Entführung von ausländischen Konzernmitarbeitern oder deren Angehörigen. Der junge Reporter Rufus und sein erfahrener Kollege Zaq wittern im Zusammenhang mit der Entführung einer Engländerin eine gute Story, zudem hat auch ihr Mann die beiden um Hilfe gebeten hat. Mit Hilfe von einheimischen Bootsführern dringen die Journalistin immer tiefer ins Delta vor und damit in eine undurchsichtige, umkämpfte und zunehmend geschundene Umgebung.

Öl auf Wasser erschien erstmals 2012 im Verlag Das Wunderhorn und gewann überraschend auch den Deutschen Krimipreis. Das Besondere am Roman ist sicherlich auch das Thema, über das man in Europa zumindest in fiktionaler Form nur selten liest: Die innerstaatlichen Konflikte im nigerianischen Nigerdelta vor dem Hintergrund der dortigen großflächigen Ölexploration ausländischer Konzerne mit erheblichen negativen Umwelteffekten. Was dieser Roman denn auch sehr gut beherrscht ist die Balance zwischen politischen und gesellschaftlichen Themen und den Stimmungen der Hauptpersonen. Der Autor verzichtet auf allzu plakativen moralischen Darstellungen, schildert vielmehr die Realitäten von Gewalt und Gegengewalt und vor allem der Zerstörung einer Lebensgrundlage für die dort lebenden Menschen.

Zu Beginn erinnert der Roman an Joseph Conrad Herz der Finsternis. Eine Fahrt auf einem kleinen Boot im Nigerdelta, ölverschmutzte Ufer, verlassene Dörfer, hell leuchtende Abgasfackeln. Erzählt wird aus der Perspektive von Rufus, allerdings nicht chronologisch, immer wieder werden Einschübe aus der Vergangenheit eingeschoben. Das macht den Roman etwas sperrig und lässt die Spannungskurve abflachen. Somit ist dieses Buch weniger etwas für Fans klassischer Krimis, sondern eher für literarisch anspruchsvollere Liebhaber hintergründiger Darstellungen. Ich fand es aber auf jeden Fall lesenswert.

Öl auf Wasser | Die Taschenbuchausgabe erschien am 28. Januar 2019 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-20829-2
256 Seiten | 12.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 3.5 von 5.0

 

André Pilz | Der anatolische Panther

Der Kleinkriminelle und Dealer Tarik Celal ist auf Bewährung auf freiem Fuß, als bei ihm zu Hause Diebesgut gefunden wird. Er ist gezwungen, auf einen Deal einzugehen: Er soll sich in der Moschee und im Umfeld des islamischen Hasspredigers Abdelkader al-Anbari, genannt „Der Derwisch“, einschleichen und dort Beweismaterial sammeln. Doch als Tarik in die Moschee einbricht und Geld stiehlt, überschlagen sich die Ereignisse und er ist auf der Flucht vor der Polizei und dem Derwisch.

Autor André Pilz hat ein offenbar Faible für Underdogs. Tarik Celal war mal ein vielversprechender Jungprofi bei 1860 München. Aus der Karriere ist nichts geblieben außer dem Spitznamen. Inzwischen ein kleiner Gangster mit ebenso kriminellem Freundeskreis, aber dennoch ein Sympathieträger mit großem Herz. Rettungslos verliebt in die schöne Kubanerin Nteba, zu Hause sein schwer kranker Großvater, den er pflegt. Die Stimmung ständig himmelhauchjauchzend, zu Tode betrübt.

Rund um diese tolle Hauptfigur konstruierte Pilz eine spannende, thrillerhafte Story mit vielen aktuellen Bezügen und sehr cleveren gesellschaftlichen Einblicken. Von Multikulti und Vorurteilen, islamischen Extremisten und Terrorhysterie, von Heimat und Ausgrenzung. Sicherlich einer der besten deutschsprachigen Krimis zu diesem Thema.

Der anatolische Panther  | Erschienen am 22. September 2016 im Haymon Verlag
ISBN 978-3-7099-7861-0
448 Seiten | 12.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 4.5 von 5.0

 

Alle fünf Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

Weitere Kurzrezensionen findet ihr in der Rubrik Abgehakt.

Rezensions-Doppel Gangsterromane: Keiner rennt für immer & Der Teufel will mehr

Rezensions-Doppel Gangsterromane: Keiner rennt für immer & Der Teufel will mehr

Viele Krimis sind weiterhin eng an einen Ermittler gekoppelt. Ein Kommissar oder Detektiv, der ein Verbrechen aufklärt, der gute alte Whodunit. Aber es gibt auch immer wieder Krimis, in denen man den Täter kennt und nun darauf hinfiebert, wie er geschnappt wird. Aber es gibt natürlich auch Kriminalromane, in denen ein Ermittler kaum oder überhaupt keine Rolle spielt und die sich im Milieu der Gangster und Verbrecher bewegen. Diese Einsichten haben ihren besonderen Reiz, sind diese Milieus dem Leser im Allgemeinen doch sehr fremd.

Nun gibt es doch eine Reihe von Krimis und Noirs, die einen Gauner oder Gangster oder das Milieu in den Mittelpunkt stellen. Besonderen Lesegenuss macht es meines Erachtens aber dann, wenn man einen Gangster über längere Zeit begleiten darf. Den Gangster in Serie gibt es aber schon nicht so häufig. Der Wegbereiter hierfür war sicherlich Donald E. Westlake, der mehrere Verbrecher als Protagonisten einer Serie aufbaute, so etwa den Meisterdieb John Archibald Dortmunder und natürlich den legendären Parker. Vor einigen Jahren etablierte dann der Autor Wallace Stroby eine Profiverbrecherin als Serienheldin – die taffe, aber auch empathische Crissa Stone. Gemeinsam haben beide Serien vor allem, dass sie nichts verklären, sondern das Verbrechertum so darstellen, wie es ist: Ein knallhartes, gefährliches Business. Zeit für eine Doppelrezension!

Richard Stark | Keiner rennt für immer

Parker plant mit einem Bekannten namens Dalesia einen Bankraub in Massachusetts. Eine kleine Bank auf dem Land wird von einer größeren geschluckt. Am einem bestimmten Tag sollen sämtliche Aktiva in die neue Zentrale transportiert werden. Der Tipp für den Coup kommt von einem Typen namens Beckham, dessen Geliebte die Tochter des Bankgründers ist und die nun zusehen muss, wie ihr Ehemann die Bank des Vaters abwickelt. Ganz schön viele Verwicklungen und potenzielle Ansatzpunkte für die Polizei, doch der Job klingt zu verlockend, also macht sich Parker an die Planung.

„Er hatte keine Ahnung, was los war.“
„Keine“, pflichtete McWhitney ein.
„Dann hat er also einen großen Fehler gemacht.“
„Ja, das hat er.“
Dalesia grinste. „Ich wette, er hat was draus gelernt.“
„Ja.“ McWhitney nickte. „Das Harfespielen.“ (Seite 154)

Der Roman beginnt mit einem Mord, was für Parker eher ungewöhnlich ist, ruft doch ein Mord unnötige Aufmerksamkeit der Polizei hervor. Doch wenn Parker in einer Pokerrunde lauter Gangster einen Polizeispitzel entdeckt, fackelt er nicht lange. Die Abgeklärtheit, mit der der Rest der Runde reagiert und mit der die Leiche entsorgt wird, setzt den Ton für den Rest des Romans: cool, lakonisch, schnörkellos.

Wer einen Parker liest, sollte wissen, worauf er sich einlässt: So ist auch Keiner rennt für immer ein harter Gangsterroman mit geradlinigem Plot, Spannung und wenig Schnickschnack drumherum. Genau wie der vornamenlose Protagonist, der wenig von sich preisgibt, aber eine gnadenlose Professionalität ausstrahlt. Wer sich wie ein Profi verhält, kann mit seiner Loyalität rechnen, aber wehe wenn nicht. Empathie ist ihm völlig fremd, aber das heißt nicht, dass er wahllos Gewalt anwendet. Er weiß, wann es reicht, mit Gewalt zu drohen, ist aber auch jederzeit bereit, sie anzuwenden.

In diesem Band ist es für den Leser fast etwas überraschend, dass Parker an diesem Job festhält, denn die Vorzeichen sind alles andere als günstig. So taucht ein Kopfgeldjäger auf, Komplizen erweisen sich als unzuverlässig, der Tippgeber beschwört die Neugier der Polizei herauf. Was schiefgehen kann, geht schief. Parker hat alle Hände voll zu tun, damit die Sache nicht schon im Vorfeld scheitert. Aber letztlich meint er, das Risiko kalkulieren zu können, und so wird der Job auch dieses Mal durchgezogen. Keiner rennt für immer ist der drittletzte der 24 Romane der Reihe und Autor Richard Stark a.k.a. Donald E. Westlake liefert auch hier einen sehr unterhaltsamen, präzise erzählten Gangsterroman.

 

Keiner rennt für immer | Erschienen im Jahr 2004 im Paul Zsolnay Verlag
ISBN 978-3-552-05463-9
288 Seiten | 16.90 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wallace Stroby | Der Teufel will mehr

Crissa Stone erhält in Las Vegas einen lukrativen Auftrag: Der Sammler Emile Cota hat sich auf illegalen Wegen vorderasiatische Kunstschätze angeeignet. Diese soll er nun zurückgeben, allerdings hat er bereits einen Käufer für die Dinge gefunden. Crissa soll nun einen Überfall auf den LKW mit den Kunstschätzen durchführen, damit Cota sowohl die Versicherungssumme als auch die Kaufsumme vom neuen Käufer kassiert. Crissa engagiert drei weitere Profis und plant den Überfall auf einem wenig befahrenen Highway in der Wüste akribisch. Doch ungewöhnlich ist, dass Hicks, der Sicherheitsmann Cotas, mit einem weiteren Mann am Überfall teilnehmen soll. Und tatsächlich läuft die Sache dann ziemlich schnell aus dem Ruder.

„Mach dir keine Sorgen“, antwortete Keegan. „Wir schlagen nur die Zeit tot, ok? Der nervige Teil ist das Warten.“
„Ich weiß“, sagte sie, gab nach, des Friedens Willen. „Morgen haben wir den Truck. Und mehr Details, die wir durchgehen müssen.“
„Ah, die Details“, sagte Keegan. „Und der sprichwortliche Teufel, der in ihnen steckt. Ist das nicht immer der Heilige, den wir anbeten?“ (Seite 156)

Zum vierten Mal nun schickt Autor Wallace Stroby seine Profiverbrecherin Crissa Stone in einen Coup, von dem der Leser (und eigentlich auch Crissa) von Anfang an ahnt, dass er nicht so glatt ablaufen wird wie geplant. Seine Protagonistin ist aber intelligent und erfahren genug, mit Widrigkeiten umgehen zu können. Crissas Hintergrund wird auch in diesem Band weitergeführt: Ihr Partner in Leben und Beruf sitzt nun schon lange in einem texanischen Gefängnis ein und widerwillig wird Crissa klar, dass sie sich irgendwann entscheiden muss, ob sie wirklich auf ihn warten will. Ihre Tochter ist immer noch bei ihrer Cousine, ohne Kontakt zu ihr, da natürlich nach ihr gefahndet wird. Im Beruf ist Crissa ein absoluter Profi und allgemein anerkannt, wenngleich hin und wieder immer noch unterschätzt. Was Crissa von jemandem wie Parker unterscheidet, ist ihre Empathie. Sie ist in der Durchführung ihrer Jobs hart und weiß sich zu wehren, wenn sie muss. Doch sinnloses Blutvergießen ist ihr absolut zuwider und sie ist bestrebt, ihre Arbeit ohne Todesopfer zu erledigen.

Das sehen so manche anders und auch die Loyalität, die Crissa ihren Partnern im Job entgegenbringt, wird nicht immer geteilt. So entwickelt sich auch diese Geschichte zu einer blutigen Abrechnung. Das ist alles nicht unbedingt komplex angelegt, der Leser weiß schnell, wohin die Reise geht. Und dennoch ist das alles absolut lesenswert, weil Stroby auf pure Plot getriebene Action und Spannung setzt und seine Figuren effizient einsetzt. „Grandiose U-Literatur, spannend, rasant, fettfrei“ lautet das Urteil von Krimi-Spezialist Thomas Wörtche. Und dieser Aussage kann ich mich nur anschließen.

Der Teufel will mehr | Erschienen am 20. Februar 2019 im Pendragon Verlag
ISBN: 978-3-86532-646-1
316 Seiten | 17.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

 

Auch bei uns: Kalter Schuss ins Herz sowie Geld ist nicht genug von Wallace Stroby sowie Sein letzter Trumpf und The Hunter von Richard Stark.

Weitere .17specials findet ihr in der Übersicht.

Benedikt Gollhardt | Westwall

Benedikt Gollhardt | Westwall

Er hatte sich auf einen Deal eingelassen, der seine dunkle Seele noch ein Stück dunkler werden lassen würde. Der Rabe hackte es mit seinem Schnabel tief in seinen Rücken: Die Frau, die ihm gerade lächelnd gegenübersaß, die er mochte und die ihn mochte, war sein Opfer. Alles in Nick revoltierte, er musste Licht hereinlassen, wenigstens ein bisschen, bevor er platzte, weshalb er vorsichtig zu erzählen begann: von dem Zuhause, das nie ein Zuhause gewesen war, von der Freiheit, die sich als Einsamkeit, Angst und Leere entpuppte. Von den Reisen, die nichts anderes waren als ein Umherirren, und von der Wut, die wuchs und wuchs. Wut auf die, die ihn allein gelassen hatten. Und auf die Welt an sich. (Auszug Seite 185)

Julia Gerloff ist Polizeischülerin auf der Polizeischule in Brühl. Sie lernt einen netten jungen Mann scheinbar zufällig in der Straßenbahn kennen. Doch Nick ist nicht der, der er zu sein vorgibt, was Julia allerdings ziemlich schnell herausfindet, als sie nach einer gemeinsamen Nacht sein Hakenkreuz-Tattoo auf dem Rücken entdeckt. Aber die Geschichte ist für Julia noch nicht vorbei und sie führt tief in ihre eigene Vergangenheit. Denn Julia ist ins Zentrum von Aktivitäten verschiedener Geheimdienstler und einer rechten Splittergruppe geraten. Diese Gruppe um die dominante Ira sammelt obdachlose Kinder und Jugendliche um sich und schwört sie in einem alten Forsthaus im Hürtgenwald bei den Überresten des Westwalls auf ihre Ideologie ein.

Nick heißt eigentlich Christian und ist ein Abtrünniger der rechten Gruppe und nun vom Bundesamt für Verfassungsschutz als V-Mann zwangsverpflichted worden. Er soll sich an Julia heranmachen und auf die Neonazis aufmerksam machen. Doch es mischen noch weitere Personen mit und allmählich wird klar, dass das rechte Netzwerk größer ist als gedacht. Währenddessen planen die Rechten im Wald ein aufmerksamkeitswirksames Attentat.

Ira ließ ihren Blick über die Reihen der Jugendlichen gleiten. „Ihr kommt aus einer Welt, die euch nicht will. Eure Mütter wollen euch nicht. Eure Väter wollen euch nicht. Das System will euch nicht. Ihr seid die Gespenster der Gesellschaft, die man nicht sehen will.“ (Seite 70)

Autor Benedikt Gollhardt hat mit Westwall sein Romandebüt verfasst, nachdem er vorher Drehbuchautor u.a. für Serien wie „Danny Lowinsky“ oder „Türkisch für Anfänger“ war. In einem Interview im Anhang beschreibt er es als „befreiend“, den Zwängen und Reglementierungen des Drehbuchschreibens im Rahmen dieses Romans entkommen zu sein. Als Thema bringt er das aktuelle Geschehen um rechte Gruppen, die sich im Verborgenen auf eine eventuelle Machtübernahme oder terroristische Aktivitäten vorbereiten. Dabei spielt Gollhardt ein Szenario durch, das man angesichts solcher Fälle wie des ehemaligen Chefs des Bundesamts für Verfassungsschutzes Maaßen für nicht völlig abwegig erachten kann: Ein rechtskonservatives Unterstützungsnetzwerk von Personen mit Einfluss in Politik, Geheimdienst und Polizei.

Gollhardt punktet außerdem mit einem gut gewählten Schauplatz. Neben Köln und Umgebung spielt der Roman im tiefen Wald. Der Hürtgenwald südostlich von Aachen strahlt im Buch diese intensive, undurchdringliche Ursprünglichkeit aus, die dem deutschen Wald ja gerne nachgesagt wird. Daneben beherbergt der Wald noch viele Überreste des legendären und mystisch-verklärten Westwalls, einer Verteidigungslinie mit Panzersperren und Bunkern entlang der deutschen Westgrenze. Der propagandistische Wert des Westwalls war zwar offenbar größer als der militärische, allerdings war die Schlacht im Hürtgenwald Anfang 1945 einer der schwierigsten Operationen der US-Armee im Rahmen des Zweiten Weltkriegs in Europa. Die dreieckigen Panzersperren, Bunker und ein Panzerskelett bilden ein überzeugendes Setting. Hinzu kommt ein verlassenes Forsthaus als Unterschlupf für die neue rechte Jugend.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Julia. Sie ist bei ihrem alleinerziehenden Vater in einer linken Aussteigerkommune aufgewachsen und sehr zu dessen Verdruss zur Polizei gegangen. Ihr Vater ist mit ihr nach Köln gezogen, ist jedoch inzwischen schwer krank und hält sich mehr oder weniger nur noch in seiner Wohnung auf. Julia ist eine sympathisch-emotionale junge Frau, manchmal etwas zu impulsiv, auch stellenweise naiv. Die Liaison mit dem undurchsichtigen Nick alias Christian wirkt als Impuls für die weitere Story und an dieser Lovestory mit einigen Hüs und Hotts gab es schon ein paar Dinge, die mich ein wenig gestört haben und die auch Einfluss auf die Handlung nehmen.

Generell setzt der Autor neben der Hauptfigur auch auf zahlreiche Nebenfiguren, die einen durchaus großen Raum einnehmen und die er, dies sei positiv erwähnt, mit ausreichender Tiefe ausstattet. Allerdings hat man teilweise das Gefühl, dass die Geschichte etwas straffer hätte erzählt werden können, wenn man auf die Details mancher Nebenfiguren verzichtet hätte. Insgesamt ist Westwall aber ein gut recherchierter und meist spannender Thriller, der vor allem durch sein Thema als auch durch seinen Schauplatz aus der Masse der Durchschnittsthriller ein wenig heraus sticht.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Westwall | Erschienen am 25. März 2019 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10412-4
280 Seiten | 15.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Don Winslow | Das Kartell Bd. 2

Don Winslow | Das Kartell Bd. 2

Der sogenannte Krieg gegen die Drogen ist ein Karussell. Fliegt einer raus, steigt sofort der Nächste ein. Und solange die Gier nach Drogen unersättlich ist, bleibt das so. Der gierige Moloch aber lauert auf dieser Seite der Grenze.
Was die Politiker nie verstehen oder auch nur zur Kenntnis nehmen: Das sogenannte mexikanische Drogenproblem ist nicht das mexikanische Drogenproblem, es ist das amerikanische Drogenproblem.
Ohne Käufer kein Geschäft.
Die Lösung liegt nicht in Mexiko. (Auszug Seite 33)

Sechs Jahre hat sich Don Winslow Zeit genommen und für seine Fortsetzung von Tage der Toten akribisch recherchiert und rausgekommen ist eine wuchtige Fortsetzung seines Meisterwerks. Die Geschichte beginnt im Jahr 2004, Art Keller, US-Drogenfahnder und der Held aus Tage der Toten hat sich in ein Kloster zurückgezogen. Als sein Todfeind, der von ihm ins Gefängnis gebrachte mexikanische Drogenbaron Adán Barrera, einst sein bester Freund, allerdings ausbricht und eine Belohnung auf seinen Kopf aussetzt, ist es mit der Ruhe vorbei. Kellers Ruf in Washington ist zwar arg ramponiert, doch man glaubt noch, ihn bei der Jagd auf Barrera gebrauchen zu können und gibt ihm einen Job als Verbindungsoffizier in Mexico City zu einer Taskforce mit zwei mexikanischen Behörden. Keller hat zwar keine weiteren Befugnisse, nutzt seine Kontakte aber weidlich aus. Die beiden hochrangigen mexikanischen Beamten in dieser Taskforce machen einen engagierten Eindruck, doch kann Keller ihnen trauen, wo der mexikanische Staat doch weitgehend von den Narcos korrumpiert scheint?

Währenddessen schickt sich Adán Barrera an, seine Machtposition innerhalb der Kartelle wieder auszubauen. Er kontrolliert als Erster unter Gleichen das Sinaloa-Kartell, doch die Sinoloaner haben ihre Vormachtstellung unter den Kartellen eingebüßt. Es beginnt ein hinterhältiger, rücksichtsloser und unfassbar blutiger Kampf der Kartelle, bei denen vor allem das Golf-Kartell und dessen brutale militärische Gang Los Zetas die großen Rivalen Barreras werden (auf der rückseitigen Klappe des Romans findet sich zur Orientierung eine Landkarte von Mexiko, auf der die vier wichtigen Drogenkartelle eingezeichnet und beschrieben sind).

Andys Eindruck

Der Autor schildert den gnadenlosen Kampf der Drogenkartelle über einen Zeitraum von zehn Jahren in seiner bekannten schnörkellosen Art. Hier ist kein Wort zu viel, alles wird genau auf den Punkt gebracht. Durch häufige Perspektivwechsel und eine bildhafte Sprache entwickelt der Roman von Anfang an einen Sog, der einen nicht mehr loslässt. Im Präsens geschrieben fühlt man sich als Leser mitten im Geschehen.

Winslow zeigt auf, mit welcher Macht die unterschiedlichen Drogenkartelle agieren, wie sie staatliche Strukturen durch Korruption unterwandern. Besonders schockierend wird hier beschrieben, wie Tausende Menschen auf brutalste Weise getötet oder vertrieben werden und wie wehrlos der mexikanische Staat dagegen ist. Es lässt einen fassungslos zurück, dass der Kampf gegen die Drogen praktisch nicht zu gewinnen ist und dass das auch gar nicht gewünscht wird, weil zu viele davon profitieren. Der Drogenhandel zwischen den USA und Mexiko ist ein Milliardengeschäft. Man fragt sich während des Lesens mit einem Kloß im Hals, wie weit das alles der Realität entspricht und viele Szenen, sind mir ob ihrer Brutalität noch lange in Erinnerung geblieben.

„Chuy drückt ab. Knipst dem Mann das Lebenslicht aus. Es fühlt sich gut an. Chuy Jesús Barajos ist gerade zwölf geworden.“ (Seite 244)

Der komplexe Roman verlangt einem, nicht nur wegen der Grausamkeiten alles ab. Die Charakterisierungen der zahlreichen Figuren ist Winslow sehr gut gelungen und man fiebert und bangt mit ihnen mit. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse und die einzelnen Protagonisten wirken dadurch sehr authentisch und menschlich, da man teilweise sogar Verständnis für die Beweggründe entwickelt, nicht nur für den korrupten Journalisten.

Winslow widmet seinen Roman den ermordeten oder „verschwundenen“ Journalisten, gleich am Anfang des Buches in einer zweiseitigen Aufzählung von Namen. Und nicht nur hierbei spürt man seine Wut und das Herzblut, mit dem er die Hintergründe beleuchtet und den Leser schonungslos teilhaben lässt am War on Drugs.

„Dies ist kein Krieg gegen die Drogen. Dies ist ein Krieg gegen die Armen und die Ohnmächtigen, Unhörbaren und Unsichtbaren, die ihr von der Straße fegen wollt wie den Dreck, der euch um die Beine weht und eure Stiefel beschmutzt.“ (Seite 786)

Mein Fazit: Don Winslow ist mit seinem Epos ein sprachlich exzellenter, packender Thriller gelungen, der über 800 Seiten den Spannungsbogen hochhält. Chapeau Mr. Winslow!

Gunnars Eindruck

Don Winslows Wut, die er als Antrieb für seinen Roman Tage der Toten angab, war offensichtlich noch nicht verraucht. Warum auch, denn die Situation im Kampf gegen die Drogen hatte sich seitdem nicht wirklich geändert. Und so legte er diesen zweiten Roman nach (was letztlich in einer Trilogie münden sollte), der vor allem die Zeit ab 2006 beschreibt, in der der Drogenkrieg in Mexiko sich zu einer Art Bürgerkrieg ausweitete. Der Konflikt zwischen den Kartellen, zwischen den Kartellen und mexikanischer Polizei oder Militär oder auch zwischen korrumpierten staatlichen Einheiten und loyalen Einheiten erreichte eine Intensität an Gewalt, die den unbeteiligten Beobachter schaudern lässt. Darunter leidet vor allem die Zivilbevölkerung in den umkämpften Herrschaftsregionen der Kartelle. Man muss gar nicht lange recherchieren, um festzustellen, dass die meisten Ereignisse in diesem Thriller authentisch sind, lediglich die Personen sind fiktiv (wobei auch diese echten Personen teilweise nachempfunden sind).

Die Wucht, die Schnörkellosigkeit der Sätze, auch die Spannung aus dem Vorgängerroman – das alles ist weitgehend noch da. Jedoch habe ich das Gefühl, dass Tage der Toten der geradlinigere und präzisere Roman gewesen ist, obwohl auch dieser mit über 600 Seiten nicht unbedingt kompakt war. In Das Kartell will Winslow meines Erachtens zu viel erläutern, anstatt darauf zu vertrauen, dass der Leser die Zusammenhänge in der (durchaus komplexen) Gesamtlage selbst erkennt. Auch die Eleganz des Vorgängers wird nicht ganz erreicht, stellvertretend dafür das Ausmaß an Gewalt, das Winslow (zwar zutreffend) schildert, für mich zum Ende hin aber mehr aufzählenden Charakter hatte und die Story nicht mehr zusätzlich voran brachte.

Trotz der gerade genannten Einschränkungen halte ich Das Kartell aber dennoch für einen guten, überdurchschnittlichen Thriller, der den Leser zu fesseln weiß und dem es über weite Strecken gelingt, die Intensität des Vorgängers fortzuführen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr und Gunnar Wolters.

Das Kartell | Erschienen am 1. Juli 2017 bei Droemer Knaur
ISBN 978-3-426-30429-7
832 Seiten | 16.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung Andy: 5.0 von 5.0
Wertung Gunnar: 4.0 von 5.0

Auch bei uns: Rezension zu Corruption von Don Winslow sowie dem ersten Band der Kartell-Trilogie, Tage der Toten.

Weiterlesen: Rezension zu Das Kartell auf dem Blog Crimenoir

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Mini-Spezial Die Kartell-Trilogie von Don Winslow.

Don Winslow | Tage der Toten Bd. 1

Don Winslow | Tage der Toten Bd. 1

Art Keller sieht der DC-4 bei der Landung zu.
Sein Auto steht auf einer Anhöhe über dem Flughafen von Guadalajara, neben ihm sitzt Ernie Hidalgo. Nach einer Weile beobachten sie, wie mexikanische Federales beim Löschen der Fracht helfen. […]
„Und was, glaubst du, steckt in den Kisten?“
„Schokokekse?“
„Häschenpantoffeln?“
„Wir wissen nur, was nicht drinsteckt“, sagt Keller. „Nämlich Kokain. Denn…“
Zusammen beenden Sie den Satz: „…es gibt kein Kokain in Mexiko!“ (Auszug Seiten 133-134)

1975: Ex-CIA-Mann Art Keller ist als Neuling in der Anti-Drogenbehörde DEA voller Tatendrang, doch er wird von den Alteingesessenen ausgebremst. Auf seinem Posten in Sinaloa in Mexiko ist er isoliert und wird ignoriert. Doch eines Tages tritt Keller in einer Turnhalle spontan zu einem Sparring gegen einen einheimischen aufstrebenden Boxer an und erwirbt sich den Respekt der Manager des Boxers: Adán und Raúl Barrera. Es ist der Beginn einer kurzen Freundschaft und einer Jahrzehnte dauernden Rivalität.

Schnell kommt Keller auch in Kontakt zu Adáns und Raúls Onkel Tío, Polizeioffizier und rechte Hand des Provinzgouverneurs. Dank Tío erhält Keller endlich Kontakte zu den mexikanischen Behörden. Sie planen eine große Operation als großen Schlag gegen die örtlichen Opiumproduzenten und bringen den regionalen Drogenboss zur Strecke. Ein großer Erfolg für Keller, der endlich in seiner Behörde zu Ansehen gelangt. Offiziell ist der mexikanische Opiumring zerschlagen. Doch Keller weiß, dass die Operation lediglich einen neuen mächtigen Mann an die Spitze des Kartells gespült hat: Tío Barrera.

Don Winslow war in der 1990ern bereits ein erfolgreicher Autor mit seinen Neal Carey-Romanen und „The Death und Life of Bobby Z“. 1999 erschien „California Fire And Life“ (dt. „Die Sprache des Feuers“). Danach nahm sich Winslow mehr als fünf Jahre Zeit für seinen nächsten Roman. Er recherchierte wie ein Besessener in offiziellen Akten, Protokollen, Büchern und führte zahlreiche Interviews über den „War on drugs“, den Krieg der USA gegen Drogen, erstmals postuliert von Richard Nixon im Jahr 1972. Und Winslow selbst meint zur Entstehungsgeschichte:

„Je mehr Informationen ich sammelte, um so größer wurde meine Wut. Da wusste ich dann, dass es ein dickes Buch werden musste, wenn ich der Geschichte gerecht werden wollte.“ (1)

Seine Wut kanalisierte Winslow in dem 700-Seiten-Thriller „Power Of The Dogs“, auf Deutsch Tage der Toten (in Anlehnung an den mexikanischen Feiertag Día de los Muertos). Ein wuchtiger Roman, ein spannender Thriller, gleichzeitig ein Epos, das knapp dreißig Jahre abdeckt. Schon mit den ersten beiden Szenen setzt der Autor den Ton: Im Prolog ein Anwesen in Baja California 1997 mit einer hingerichteten Großfamilie, nach einem Schnitt 1975 ein brennendes Mohnfeld in Sinaloa, „Hieronymus Bosch malt den Drogenkrieg“. Winslow verpflichtet sich zu unbarmherzigem Realismus. Er hat selbst immer erklärt, „praktisch nichts im Roman sei komplett erfunden“ (2).

Winslow vermittelt einen Eindruck vom „schmutzigen“ Drogenkrieg, Stichwort Iran-Contra-Affäre oder School of the Americas. Er zeigt die Instabilität Mexikos auf, eine ungeheure Verflechtung von organisiertem Verbrechen, Staatsmacht und Kirche. Außerdem schildert er die Gnadenlosigkeit der Kartelle und beschreibt eine Brutalität, die mindestens einmal selbst Hartgesottenen das Blut gefrieren lässt (die Szene auf der Brücke in Kolumbien). Doch all die Gewalt wird nicht zum Selbstzweck geschildert, sondern ist quasi nur ein fiktives Abbild der Wirklichkeit.

In den meisten Nächten also leisten ihm die Toten Gesellschaft.
Sie haben immer Zeit für ihn, und sie sind viele. Ernie Hidalgo, Pilar Talavera und ihre zwei Kinder. Juan Parada. Allesamt Opfer seines Privatkriegs gegen die Barreras. Sie besuchen ihn des Nachts, reden mit ihm, fragen ihn, ob es die Sache wert war.
Bis jetzt zumindest lautet seine Antwort nein. (Seite 539)

Im Zentrum der Geschichte steht Art Keller, zu Beginn ein „Company Cowboy“, ein Ex-CIA-Mann, was ihm im Laufe der Zeit doch eher zum Vorteil gereicht. Seine Zusammenarbeit mit den Barreras lässt ihn, obwohl er in der Hierarchie der DEA aufsteigt, verbittert und unzufrieden zurück. So macht er sich mit glühendem Eifer daran, ihnen das Handwerk zu legen. Da sind Kollateralschäden nicht weit, es sterben eine Menge Menschen und auch seine Familie hält Kellers Feldzug nicht aus. Seine Nemesis ist Adán Barrera, der bald seinem Onkel Tío an die Spitze des Kartells folgt. Adán ist ein gemäßigter Mann, ein Stratege, kein Großkotz, ein liebender Vater einer behinderten Tochter. Doch natürlich ist er machtbewusst und weiß, wann Härte vonnöten ist, wenngleich er diese Dinge seinem impulsiven Bruder Raúl überlässt.

„Gott segne dich.“
„Ich glaube nicht an Gott“, erwidert Keller.
„Macht nichts“, sagt Parada. „Er glaubt an dich.“
Dann, denkt Keller, ist er ein ganz schöner Trottel. (Seite 74)

Winslow wählt eine multiperspektivische personale Erzählweise, in der noch mehr Personen ins Blickfeld kommen: Nora Hayden, ein Luxus-Callgirl; Sean Callan, ein irischer Killer in Diensten der New Yorker Mafia; Pater Juan Parada, ein Kirchenmann des Volkes, was nicht nur dem Opus Dei sauer aufstößt. Allen Figuren verleiht Winslow eine authentische Perspektive, vermeidet Schwarz-Weiß-Skizzierungen. So überschreitet der Mann des Gesetzes, Art Keller, nicht nur einmal die Grenze zur Illegalität, der Drogenboss Adán Barrera ist ein treu sorgender Vater und der Ire Callan im Grunde ein ganz netter Kerl.

Tage der Toten ist ein harter Thriller, der die Realitäten schonungslos rekapituliert und den Leser in ziemliche Düsternis führt. Am Ende gibt es zwar einen Funken Hoffnung, die aber allzu trügerisch wirkt. Winslow erzählt im Präsens, mit vielen knappen, prägnanten Sätzen (ohne in das Stakkato eines bekannten Kollegen zu verfallen) und starken Dialogen. Die Spannungskurve flacht eigentlich gar nicht ab. Der Puls des Romans bleibt konstant hoch, auch durch die Perspektivwechsel. Auf den Punkt gebracht ist Tage der Toten ein brillanter Thriller, schon jetzt ein Klassiker, der Autor Don Winslow in den Olymp der Genreschriftsteller katapultierte. Und das völlig zurecht.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Tage der Toten | Erstmals erschienen 2005
Die aktuelle Ausgabe erschien am 16. April 2012 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46340-6
689 Seiten | 10.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

(1) Interview Christophe Dupuis mit Don Winslow
(2) Artikel von Peter Körte in der FAZ

Auch bei uns: Rezension zu Corruption von Don Winslow.

Weiterlesen: Rezension zu Tage der Toten von Der Schneemann

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Mini-Spezial Die Kartell-Trilogie von Don Winslow.