Kategorie: Gunnar Wolters

Don Winslow | Tage der Toten Bd. 1

Don Winslow | Tage der Toten Bd. 1

Art Keller sieht der DC-4 bei der Landung zu.
Sein Auto steht auf einer Anhöhe über dem Flughafen von Guadalajara, neben ihm sitzt Ernie Hidalgo. Nach einer Weile beobachten sie, wie mexikanische Federales beim Löschen der Fracht helfen. […]
„Und was, glaubst du, steckt in den Kisten?“
„Schokokekse?“
„Häschenpantoffeln?“
„Wir wissen nur, was nicht drinsteckt“, sagt Keller. „Nämlich Kokain. Denn…“
Zusammen beenden Sie den Satz: „…es gibt kein Kokain in Mexiko!“ (Auszug Seiten 133-134)

1975: Ex-CIA-Mann Art Keller ist als Neuling in der Anti-Drogenbehörde DEA voller Tatendrang, doch er wird von den Alteingesessenen ausgebremst. Auf seinem Posten in Sinaloa in Mexiko ist er isoliert und wird ignoriert. Doch eines Tages tritt Keller in einer Turnhalle spontan zu einem Sparring gegen einen einheimischen aufstrebenden Boxer an und erwirbt sich den Respekt der Manager des Boxers: Adán und Raúl Barrera. Es ist der Beginn einer kurzen Freundschaft und einer Jahrzehnte dauernden Rivalität.

Schnell kommt Keller auch in Kontakt zu Adáns und Raúls Onkel Tío, Polizeioffizier und rechte Hand des Provinzgouverneurs. Dank Tío erhält Keller endlich Kontakte zu den mexikanischen Behörden. Sie planen eine große Operation als großen Schlag gegen die örtlichen Opiumproduzenten und bringen den regionalen Drogenboss zur Strecke. Ein großer Erfolg für Keller, der endlich in seiner Behörde zu Ansehen gelangt. Offiziell ist der mexikanische Opiumring zerschlagen. Doch Keller weiß, dass die Operation lediglich einen neuen mächtigen Mann an die Spitze des Kartells gespült hat: Tío Barrera.

Don Winslow war in der 1990ern bereits ein erfolgreicher Autor mit seinen Neal Carey-Romanen und „The Death und Life of Bobby Z“. 1999 erschien „California Fire And Life“ (dt. „Die Sprache des Feuers“). Danach nahm sich Winslow mehr als fünf Jahre Zeit für seinen nächsten Roman. Er recherchierte wie ein Besessener in offiziellen Akten, Protokollen, Büchern und führte zahlreiche Interviews über den „War on drugs“, den Krieg der USA gegen Drogen, erstmals postuliert von Richard Nixon im Jahr 1972. Und Winslow selbst meint zur Entstehungsgeschichte:

„Je mehr Informationen ich sammelte, um so größer wurde meine Wut. Da wusste ich dann, dass es ein dickes Buch werden musste, wenn ich der Geschichte gerecht werden wollte.“ (1)

Seine Wut kanalisierte Winslow in dem 700-Seiten-Thriller „Power Of The Dogs“, auf Deutsch Tage der Toten (in Anlehnung an den mexikanischen Feiertag Día de los Muertos). Ein wuchtiger Roman, ein spannender Thriller, gleichzeitig ein Epos, das knapp dreißig Jahre abdeckt. Schon mit den ersten beiden Szenen setzt der Autor den Ton: Im Prolog ein Anwesen in Baja California 1997 mit einer hingerichteten Großfamilie, nach einem Schnitt 1975 ein brennendes Mohnfeld in Sinaloa, „Hieronymus Bosch malt den Drogenkrieg“. Winslow verpflichtet sich zu unbarmherzigem Realismus. Er hat selbst immer erklärt, „praktisch nichts im Roman sei komplett erfunden“ (2).

Winslow vermittelt einen Eindruck vom „schmutzigen“ Drogenkrieg, Stichwort Iran-Contra-Affäre oder School of the Americas. Er zeigt die Instabilität Mexikos auf, eine ungeheure Verflechtung von organisiertem Verbrechen, Staatsmacht und Kirche. Außerdem schildert er die Gnadenlosigkeit der Kartelle und beschreibt eine Brutalität, die mindestens einmal selbst Hartgesottenen das Blut gefrieren lässt (die Szene auf der Brücke in Kolumbien). Doch all die Gewalt wird nicht zum Selbstzweck geschildert, sondern ist quasi nur ein fiktives Abbild der Wirklichkeit.

In den meisten Nächten also leisten ihm die Toten Gesellschaft.
Sie haben immer Zeit für ihn, und sie sind viele. Ernie Hidalgo, Pilar Talavera und ihre zwei Kinder. Juan Parada. Allesamt Opfer seines Privatkriegs gegen die Barreras. Sie besuchen ihn des Nachts, reden mit ihm, fragen ihn, ob es die Sache wert war.
Bis jetzt zumindest lautet seine Antwort nein. (Seite 539)

Im Zentrum der Geschichte steht Art Keller, zu Beginn ein „Company Cowboy“, ein Ex-CIA-Mann, was ihm im Laufe der Zeit doch eher zum Vorteil gereicht. Seine Zusammenarbeit mit den Barreras lässt ihn, obwohl er in der Hierarchie der DEA aufsteigt, verbittert und unzufrieden zurück. So macht er sich mit glühendem Eifer daran, ihnen das Handwerk zu legen. Da sind Kollateralschäden nicht weit, es sterben eine Menge Menschen und auch seine Familie hält Kellers Feldzug nicht aus. Seine Nemesis ist Adán Barrera, der bald seinem Onkel Tío an die Spitze des Kartells folgt. Adán ist ein gemäßigter Mann, ein Stratege, kein Großkotz, ein liebender Vater einer behinderten Tochter. Doch natürlich ist er machtbewusst und weiß, wann Härte vonnöten ist, wenngleich er diese Dinge seinem impulsiven Bruder Raúl überlässt.

„Gott segne dich.“
„Ich glaube nicht an Gott“, erwidert Keller.
„Macht nichts“, sagt Parada. „Er glaubt an dich.“
Dann, denkt Keller, ist er ein ganz schöner Trottel. (Seite 74)

Winslow wählt eine multiperspektivische personale Erzählweise, in der noch mehr Personen ins Blickfeld kommen: Nora Hayden, ein Luxus-Callgirl; Sean Callan, ein irischer Killer in Diensten der New Yorker Mafia; Pater Juan Parada, ein Kirchenmann des Volkes, was nicht nur dem Opus Dei sauer aufstößt. Allen Figuren verleiht Winslow eine authentische Perspektive, vermeidet Schwarz-Weiß-Skizzierungen. So überschreitet der Mann des Gesetzes, Art Keller, nicht nur einmal die Grenze zur Illegalität, der Drogenboss Adán Barrera ist ein treu sorgender Vater und der Ire Callan im Grunde ein ganz netter Kerl.

Tage der Toten ist ein harter Thriller, der die Realitäten schonungslos rekapituliert und den Leser in ziemliche Düsternis führt. Am Ende gibt es zwar einen Funken Hoffnung, die aber allzu trügerisch wirkt. Winslow erzählt im Präsens, mit vielen knappen, prägnanten Sätzen (ohne in das Stakkato eines bekannten Kollegen zu verfallen) und starken Dialogen. Die Spannungskurve flacht eigentlich gar nicht ab. Der Puls des Romans bleibt konstant hoch, auch durch die Perspektivwechsel. Auf den Punkt gebracht ist Tage der Toten ein brillanter Thriller, schon jetzt ein Klassiker, der Autor Don Winslow in den Olymp der Genreschriftsteller katapultierte. Und das völlig zurecht.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Tage der Toten | Erstmals erschienen 2005
Die aktuelle Ausgabe erschien am 16. April 2012 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46340-6
689 Seiten | 10.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

(1) Interview Christophe Dupuis mit Don Winslow
(2) Artikel von Peter Körte in der FAZ

Auch bei uns: Rezension zu Corruption von Don Winslow.

Weiterlesen: Rezension zu Tage der Toten von Der Schneemann

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Mini-Spezial Die Kartell-Trilogie von Don Winslow.

Rezensions-Doppel: Saison der Wirbelstürme & Die Verschwundenen

Rezensions-Doppel: Saison der Wirbelstürme & Die Verschwundenen

Doppelrezension Mexiko

„Hoch in den Bergen erhebt sich der Adler auf silbernen Flügeln/Die Lieder der Indios/das Schweigen der Sierra/das Mondlicht auf den Hügeln“: Mexico mi amor – das Sehnsuchtsland deutscher Schlager. Rote Sonne, Sombreros, Latino-Frauen. Doch das Bild vom realem Mexiko sieht ein wenig anders aus. Heutzutage gilt das Land in Mittelamerika vielen als „failed state“, als ein Land, in der die Staatsmacht die Kontrolle längst verloren hat. In seinem Essay „Der rote Teppich“ beschreibt Juan Villoro die Machtausübung in Mexiko als „Gewerbe der Finsternis“, das „weder Transparenz noch Rechenschaftspflicht kennt“. In der ersten Dekade des neuen Jahrtausends „wurde Mexiko ein Land von Blut und Blei“, ohne dass der Staat die Drogenkartelle letztlich ernsthaft schwächen konnte. Korruption, Seilschaften und Gewalt gehören seit jeher zum mexikanischen Alltag. Villoro zitiert den Schriftsteller Martín Luis Guzmán: „Wer zuerst schießt, tötet zuerst. Denn die mexikanische Politik, eine Politik der Pistole, konjugiert nur ein Verb: früh aufstehen.“ In einem solchen Rahmen ist ein literarischer Blick auf die mexikanische Gesellschaft interessant. Dabei muss nicht zwangsläufig der Rahmen eines Kriminalromans gewählt werden. Fernanda Melchor, junge Autorin aus dem Bundesstaat Veracruz, schrieb mit Saison der Wirbelstürme einen wütenden, noiresken Gesellschaftsroman aus einem Dorf irgendwo im Nirgendwo. Antonio Ortuño, bereits etablierter Autor, in Deutschland vor allem durch seinen Roman Die Verbrannten, hingegen siedelt seinen Roman in der Millionenstadt Guadalajara an. Zeit für eine Doppelrezension.

Fernanda Melchor | Saison der Wirbelstürme

In La Matosa, einem fiktiven Kaff in der mexikanischen Provinz, wird im Schilf eines Bewässerungskanals eine Leiche gefunden. Es ist die „Hexe“, die berühmt-berüchtigte „Heilerin“ des Dorfes, gefürchtet, verachtet und doch umgarnt. Die „Hexe“ war ein Transvestit, lebte in einem abgeschotteten Haus, wurde von den Frauen wegen ihrer Geheimtränke, von den Männern wegen sexueller Ausschweifungen und berüchtigter Drogenpartys aufgesucht. Wer sie ermordete, ist eigentlich weniger interessant, vielmehr wollen viele wissen, was es mit dem Schatz auf sich hat, der angeblich in ihrem Haus versteckt sein soll.

Fick deine Mutter, zischte Luismi. Stell dich nicht blöd, spöttelte Munra, du weißt genau, wovon ich rede. So sind die Weiber, wenn sie einen festzurren wollen: Sie nehmen ein paar Tropfen von ihrem schmutzigen Blut und träufeln es dir heimlich ins Wasser oder in die Suppe oder schmieren dir einen Tropfen auf die Ferse, während du schläfst, und das reicht, um dich ganz vernarrt zu machen, so wie du es jetzt in die Norma bist, merkst du nicht? (Seite 81).

Der Roman beginnt mit dem Fund einer Leiche, doch ein Krimi wird sich daraus nicht entwickeln, obwohl der Leser am Ende auch die Mörder kennen wird. Vielmehr entwickelt Autorin Fernanda Melchor ein kraftvolles Statement, ein wütendes Porträt einer rohen, mitleidlosen Gesellschaft voller Armut, Gewalt und Vorurteile. Melchor stellt in den Kapiteln immer eine neue Person in der Mittelpunkt und berichtet aus ihrer Perspektive. Dabei tauchen weitere Figuren auf, die dann im nächsten Kapitel im Vordergrund stehen. So schält sich nach und nach ein Gesamtbild heraus.

Die Geschichten aus La Matosa handeln von äußerst präkeren Verhältnissen, von Eifersucht, Neid und Missgunst innerhalb der Familie, von herumhurenden Männern, vom Missbrauch von Minderjährigen, von Aberglauben, von Alkohol- und Drogenexzessen und Gewalt gegen Homosexuelle und Frauen. Sie sind immer sehr direkt und intim, teilweise obszön. Melchor erzählt die Geschichten in einem rasenden, atemlosen Ton; reiht Satz um Satz aneinander, ohne Absatz, mit einer Vielzahl an Kommas und Semikolons. Es entsteht dadurch eine Art Wutrede über die beschriebenen gesellschaftlichen Verhältnisse. Saison der Wirbelstürme ist ein Buch, der dem Leser einiges abfordert, bei dem man allerdings auch beeindruckt feststellt, dass man einen solchen Roman mit dieser Wucht nur selten liest.

Antonio Ortuño | Die Verschwundenen

Aurelio, genannt Yeyo, Blanco kommt aus dem Gefängnis frei, in dem er fünfzehn Jahre Haft abgesessen hat. Blanco war damals der Sündenbock, der als Buchhalter die Unregelmäßigkeiten bei einem Immobiliengeschäft für seinen Schwiegervater Don Carlos Flores auf sich genommen hat, um das Geschäft und das Wohl der Familie nicht zu gefährden. Seine Frau hat sich scheiden lassen, seine Tochter hat er zuletzt gesehen, als sie fünf Jahre alt war. Sein Anwalt warnt ihn, dass Flores ihn womöglich beseitigen will, wenn er frei kommt, um einen Mitwisser loszuwerden. Doch Blanco will seinen ihm zustehenden Anteil einfordern und begibt sich auf Konfrontationskurs.

„Ich brauche wieder deine Hilfe, mein Junge. Noch ein Mal. […] Wir haben dir Alicia gegeben, die wir mehr als alles auf der Welt lieben. Merkst du was? Es ist ein ewiges Geben und Nehmen. Wir sind eine Familie.“ Und Yeyo, der jeden Morgen mit dem Gefühl aufstand, er verdiene das gute, unbeschwerte, fantastische Leben, das er führte, eigentlich gar nicht, sagte Ja, bevor er wusste, was von ihm erwartet wurde. Sein Ja kostete ihn fünfzehn Jahre Gefängnis. (Seite 159)

Blanco ist eigentlich ein eher zurückgezogener, besonnener Mann, der als Kind auf dem Grundstück der Flores gewohnt hat und schon früh als Handlanger engagiert wurde. Später wurde er auch von der etwas älteren Alicia verführt. Er zeigt wenig eigenen Antrieb, lässt sich bereitwillig einspannen und ist schließlich derjenige, der in verschiedenen Situationen die Ehre der Familie retten soll und dies auch beinahe devot erfüllt. Selbst als er im Gefängnis geschieden wird und ihm seine Tochter vorenthalten wird, behält er eine gewisse Resthoffnung und legt sich sogar ein Enthaltsamkeitsgelübde auf, für das er von allen Seiten verspottet wird, wie er irgendwann feststellt. Doch sein Gefängnisaufenthalt endet etwas plötzlich kurz vor Heiligabend. Seine Familie hat erst später mit seiner Freilassung gerechnet. Blanco will nicht mehr nur derjenige sein, mit dem alles gemacht werden kann, sondern selbst agieren. So kommt es letztlich zu einer Familienzusammenkunft als Showdown an Heiligabend.

Die Entlassung aus dem Gefängnis und die Annäherung an die Familie bilden den Hauptteil der Geschichte, immer wieder unterbrochen von Rückblicken in die Vergangenheit. Dort beleuchtet der Autor, wie es zu dieser Familienkonstellation kam und löst auch auf, was mit dem (deutschen) Titel gemeint ist. Bauunternehmer Don Carlos hatte den Plan für eine exklusive Wohnsiedlung mit dem Namen „Olinka“, basierend auf Ideen eines utopistisch-esoterischen Künstlers. Genug Geld aus illegalen Kanälen war vorhanden, doch der Grund und Boden für Olinka ließ sich nicht so einfach beschaffen, gab es an dieser Stelle eine kleine Siedlung von sozial Schwachen. Doch Don Carlos war zu einigem bereit, um sich diese Grundstücke anzueignen und das hatte Auswirkungen, für die ganze Familie Flores.

Die Verschwundenen ist ein clever konstruierter Roman, der allerdings im Mittelteil ein wenig schleppend verläuft. Über weite Strecken verzichtet der Autor auf konventionelle Spannungselemente, sondern erzählt relativ nüchtern. Ortuño wirft einen scharfen Blick in die Mitte der mexikanischen Gesellschaft, mal abseits von Drogen oder Flüchtlingen, aber natürlich im Spannungsverhältnis von arm und reich, konkret am Beispiel von Guadalajara, der Heimatstadt des Autors. Der Roman zeigt die alltägliche Korruption, planlose Stadtentwicklung, Gier nach Geld und Macht sowie staatlich gedeckte Ausbeuterei und Gewalt. Doch wie es oft so ist, richten sich diese Dinge letztlich gegen die Familie des skrupellosen Bauunternehmers und der Leser wohnt mehr oder weniger einer Familientragödie bei.

 

Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

Saison der Wirbelstürme | Erschienen am 14. März 2019 im Verlag Klaus Wagenbach
ISBN: 978-3-803-13307-6
240 Seiten | 22.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Roman
Wertung: 3.0 von 5.0

Die Verschwundenen | Erschienen am 6. März 2019 im Verlag Antje Kunstmann
ISBN: 978-3-95614-285-7
256 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 3.5 von 5.0

Weiterlesen: Juan Villoro „Der rote Teppich“, erstmals erschienen in Le Monde diplomatique (November 2008), aktuell in: Edition Le Monde diplomatique: Mittelamerika. Zwischen Panamakanal und Río Bravo.

Dashiell Hammett | Rote Ernte

Dashiell Hammett | Rote Ernte

Der erste, von dem ich’s hörte, war ein rothaariger Strolch namens Hikey Dewey im „Großen Schiff“ in Butte gewesen. Bei dem hieß Peaceville stur immer Pissville. Da er aber statt Fusel auch Fussel sagte, habe ich nicht weiter drüber nachgedacht, was er dem Namen der Stadt angetan hatte. […] Erst ein paar Jahre später, als ich selbst nach Peaceville kam, ging mir ein Licht auf. (Auszug Seite 9)

Ein Agent einer bekannten, landesweit agierenden Detektei kommt in die wenig beschauliche Bergwerks- und Industriestadt Peaceville. Doch noch vor der ersten Besprechung wird sein Auftraggeber Donald Willsson ermordet und dessen Frau macht sich spontan verdächtig. Der Vater des Toten, Elihu Willsson, Industriemagnat und vermeintlicher Herr über die Stadt, gibt dem Agenten 10.000 Dollar und den Auftrag, mit den Verbrechern in der Stadt aufzuräumen, zieht den Auftrag aber kurz darauf wieder zurück. Doch da hat der Agent längst mit der Arbeit begonnen und ist nicht gewillt aufzuhören.

Offenbar hat der Industrielle Elihu Willsson im Kampf gegen die Gewerkschaften und die Forderungen seiner Beschäftigten sich zwielichtiger Gestalten bedient, die den Arbeitskampf blutig und gewalttätig beendeten. Elihu Willsson wurde sie aber anschließend nicht mehr los, war erpressbar und sie forderten ihren Teil am Kuchen bzw. an dieser Stadt. Nun haben diese Kriminellen zahlreiche legale und illegale Geschäfte unter sich aufgeteilt, Pete der Finne, Lew Yard, Max Thaler und Noohan, der Polizeichef. Die Stadt versinkt in Korruption und Kriminalität. Der junge Donald Willsson schrieb als Zeitungsverleger gegen die Zustände an und wurde nun ermordet.

Der Agent findet schnell heraus, auch dank der Informationen von Dinah Brand, der Freundin von Max Thaler und Bekannten von Donald Willsson, dass es zwischen den kriminellen Gangs offene Rivalitäten gibt. Als Begleiter von Polizeichef Noohan, der Max Thaler festnehmen will, gerät der Agent vermutlich absichtlich in die Schusslinie der Polizei und kann nur mit Glück entkommen. Dies bestärkt ihn in seiner Entschlossenheit, den Auftrag von Elihu Willsson gegen dessen Willen weiterzuführen. Er bewegt sich zwischen den Rivalen, schürt Intrigen, steckt Geheimnisse durch und schürt so den Konflikt zwischen den Gangs, der bald in einen offenen Krieg ausufert.

Ich lachte mit ihr und versuchte dabei aus dem Gin aufzutauchen, in dem ich versoffen war.
„Wer säß denn noch in der Patsche?“, fragte ich.
„Die ganze gottverdammte Brut“. Sie fuchtelte mit der Hand. „Max, Lew Yard, Pete, Noohan und Elihu Willsson – die ganze gottverdammte Brut.“ (Seiten 47-48)

Der namenlose Ich-Erzähler, später als „The Continental Op“ bezeichnet, ist neben Sam Spade aus Der Malteser Falke die wohl bekannteste Figur aus dem Werk von Dashiell Hammett. Angestellt ist er bei der „Continental Detective Agency“, einer fiktiven Detektei mit eindeutigen Bezügen zur berühmt-berüchtigten Pinkerton Detektei, damals ein ungemein einflussreiches Sicherheitsunternehmen. Hammett selbst war einige Jahre Angestellter von Pinkerton und hat dies auch im Roman verarbeitet. Seine Figur „The Continental Op“ taucht in zahlreiche Kurzgeschichten und schließlich auch in zwei Romanen von Hammett auf. Er ist ein harter, intelligenter, mit allen Wassern gewaschener Agent. In diesem Roman spinnt er meisterhaft die Fäden von Täuschung und Betrug, um die rivalisierenden Parteien gegeneinander auszuspielen. „The Continental Op“ ist (auch als Liebhaber hochprozentiger alkoholischer Getränke) der Prototyp des „hardboiled detective“. Bei aller Abgebrühtheit kommen ihm aber zwischenzeitlich kurz Gewissensbisse, bei denen er befürchtet, völlig zu verrohen – ein Zustand, den er trotz allem nicht anstrebt.

Harte Typen, viel Blei und Blut, komplexe Gemengelage, lässige Dialoge – heutzutage würde man Tarantino das Drehbuch anvertrauen. Dabei bietet Hammett die interessante Perspektive des Ich-Erzählers, der sich auch erst mal einen Überblick über die Situation verschaffen muss. Der Roman zeigt eine Stadt, in der Kriminelle die Kontrolle über die Verwaltungsapparate übernommen haben, ein Ort vollständiger Korruption, in dem die Hauptfigur zwar Ordnung schafft, aber durch die Wahl seiner Mittel ein fragwürdiger Held bleibt. Rote Ernte ist ein echter Klassiker, den man auch heute noch hervorragend lesen kann.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Rote Ernte | Erstveröffentlichung 1929, die gelesene Ausgabe erschien 1976 im Diogenes Verlag
aktuelle Taschenbuchausgabe:
ISBN 978-3-257-20292-2
256 Seiten | 11.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Andys Rezension zu Der Malteser Falke von Dashiell Hammett.

Martin von Arndt | Sojus

Martin von Arndt | Sojus

Würde ihm ein Gespräch mit Sarkis dabei helfen, seine Fragen zu klären? Oder waren diese Fragen im Grunde nichtig? Ging es ihm nicht vielmehr um seine quälend werdende Sinnfrage… um das Verlangen, seine Ruhe, die er in Würzburg gefunden hatte, zu tauschen gegen – ja, wogegen denn? Vielleicht gegen etwas Vertrautes, etwas Ähnliches wie – Heimat.
Oder bürdete er diesem Unbekannten, den er biologisch seinen Sohn nennen durfte, damit eine Last auf, die der unmöglich tragen konnte? (Auszug Seite 95)

Ex-Kommissar Andreas Eckart hat sich im Jahr 1956 eigentlich zur Ruhe gesetzt, als er von Dan Vanuzzi, seinem ehemaligen Partner beim amerikanischen Militärgeheimdienst CIC, kontaktiert wird. Vanuzzi, wie Eckart bei den Amerikanern in Ungnade gefallen, arbeitet neuerdings für den britischen MI6. Er hat Kontakt zu einer Quelle beim ungarischen Geheimdienst, die ihm ein brisantes Dossier über sowjetische Agenten anbietet. Vanuzzi muss nach Budapest, um an das Dossier zu kommen. Doch dort spitzt sich die Lage gerade zu, der Volksaufstand ist im Gange und alles wartet auf die Reaktion der Sowjets. Um Eckart zum Mitkommen zu überreden, verrät Vanuzzi ihm den Namen eines in Ungarn operierenden Sowjetagenten: Sarkis, Eckarts Sohn mit der armenischen Rebellin und Terroristin Aghawni, den er nie kennengelernt hat. So begeben sich die beiden über Umwege nach Ungarn und bewegen sich dort im Untergrund.

Sojus ist der dritte Teil der Reihe um den Psychoanalytiker und Kommissar Andreas Eckart. Interessant an dieser Reihe sind die großen Zeitsprünge zwischen den Bänden. Band 1, Tage der Nemesis, spielt Anfang der 1920er vor dem Hintergrund des Völkermords der Türken an den Armeniern und der instabilen Weimarer Republik. In Band 2, Rattenlinien, ist Eckart nach dem zweiten Weltkrieg auf der Suche nach sich absetzenden Ex-Nazis. Der vorliegende dritte Band greift zunächst einen Strang aus dem zweiten Band wieder auf und beginnt 1948.

Eckart wurde von den Amerikanern in einer Psychiatrie interniert, da sie befürchten, diese könnte schmutzige Deals mit Ex-Nazis an die Öffentlichkeit bringen. Seine ehemaligen Partner Rosenberg und Vanuzzi, inzwischen in Diensten des neu gegründeten israelischen Geheimdienstes, wollen ihn dort herausholen. Die nun folgende Befreiungsaktion ist zwar durchaus spannend, aber wirkt auf mich wie ein Fremdkörper im Rest des Buches, das acht Jahre später spielt. Außer Vanuzzi taucht keine Figur im weiteren Verlauf mehr auf und der Aufenthalt in der Psychiatrie scheint Eckart acht Jahre später kaum noch zu beeinträchtigen.

Ansonsten greift Autor von Arndt allerdings wieder den ersten Teil der Reihe auf: Eckart hatte damals eine Liebesbeziehung zu einer Armenierin. Dieser Liebe war keine gemeinsame Zukunft vergönnt, doch es entstand ein Sohn aus dieser Beziehung. Mehr als dreißig Jahre später ist Sarkis in Diensten des KGB. In Ungarn agiert er als Agent provocateur. Er versucht den Volksaufstand zu radikalisieren, um einen Vorwand für ein sowjetisches Eingreifen zu liefern. Sarkis ist ein kommunistischer Kader geworden. Kann die Begegnung mit seinem Vater ihn ideologisch erschüttern?

Sojus hat seine besten Szenen, wenn Eckart und Vanuzzi das Geheimversteck verlassen und durch die umkämpften Straßen der ungarischen Hauptstadt streifen. Diese Abschnitte sind sehr intensiv und das Setting authentisch. Was ich ein wenig schade finde: Die beiden Hauptfiguren (die ansonsten gut „harmonieren“) kommen von außerhalb, so dass sie irgendwie nur dabei, statt mittendrin sind. Ein detaillierter ungarischer Blick fehlt. Die Ereignisse werden von Dritten wiedergegeben. Trotzdem wird gut deutlich, wie die Ungarn von den Westmächten im Stich gelassen wurden. Einen Konflikt mit den Sowjets wollte niemand riskieren, allerdings sagte man dies den Ungarn nicht so deutlich. Stattdessen sorgten sich Großbritannien und Frankreich um den Zugang zum Suezkanal und intervenierten lieber in Ägypten militärisch. Was der Autor im Nachwort nochmal als durchaus traumatisch beschreibt und nach seiner Ansicht das schwierige Verhältnis der Ungarn zum Westen bis heute teilweise beeinflusst.

Insgesamt ist Sojus ein solider, durchaus spannender Spionage-/Politthriller mit unverbrauchtem Setting. Ein wenig Luft nach oben ist aber vorhanden, zumal auch der Vater-Sohn-Konflikt noch schärfer hätte beleuchtet werden können, die Figur Sarkis bleibt zudem insgesamt zu unscharf. Dennoch gehört die Reihe zu den interessanteren historischen Krimis/Thrillern aus deutscher Feder.

Sojus | Erschienen am 26. Februar .2019 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 978-3-86913-974-6
296 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension von Gunnar zu Tage der Nemesis bei Lovelybooks, Rezension von Anne Kuhlmeyer zu Rattenlinien im Crimemag

James Sallis | Willnot

James Sallis | Willnot

Kurz darauf machten wir eine Kaffeepause, und als wir auf den Betonbänken vor dem gelben Bzzzy Bee Café saßen und Richard eindeutig immer noch über das Nummernschild nachdachte, fragte er mich, an was ich wirklich glaubte.
Wir stiegen wieder in den Wagen und fuhren weiter.
„An die Fähigkeit des Menschen“, sagte ich ihm, „unter erheblichen Anstrengungen geringfügig besser zu sein als seine ureigenen Instinkte und Neigungen.“ (Auszug Seite 60)

Normalerweise gebe ich an dieser Stelle einen kurzen Abriss zur Handlung. Dieser könnte in etwa lauten: In der amerikanischen Kleinstadt Willnot wird eine Grube voller Leichen gefunden. Auch der Arzt Lamar Hale ist an den Untersuchungen beteiligt. Kurze Zeit später kommt ein alter Bekannter in seine Praxis, der lange Zeit nicht mehr in Willnot war. Der Ex-Marine und Scharfschütze Brandon Lowndes wird von einer FBI-Agentin gesucht. Aber um ganz ehrlich zu sein: Autor James Sallis kam es eher weniger auf seinen Plot an. Er versandet vielmehr, stattdessen werden eine Menge Fragen aufgeworfen, ohne wirklich beantwortet zu werden.

Ich-Erzähler dieses Romans ist Lamar Hale. Ein älterer Arzt, der sowohl in einer Praxis als auch im Krankenhaus praktiziert und von der Polizei bei Bedarf herangezogen wird. Ein Mann, der sehr respektiert wird und diesen Respekt mit Gewissenhaftigkeit und Einsatz verdient. Hale lebt in einer Partnerschaft mit dem Lehrer Richard. Das Besondere an Dr. Hale: Im Alter von zwölf Jahren war er für einen längeren Zeitraum im Koma, dessen Ursachen nie diagnostiziert wurden. Er beschreibt, dass während des Komas und seitdem „Besucher“ zu ihm kommen. Menschen, deren Seelenleben er spürt und die sich „durch ihn hindurchbewegen“, zumeist in seinen Träumen. Für Hale eine ständige psychische Belastung. Hale versucht auch seine eigene Vergangenheit zu ergründen, vor allem seine Beziehung zu seinem Vater, einem Science-Fiction-Autor.

Somit bewegt sich der Roman sehr schnell weg von einer Krimihandlung zu psychologischen, philosophischen Fragen. Dabei kommen zahlreiche Figuren aus Lamar Hales Umgebung ins Spiel, wie etwa der Sheriff Hobbes, FBI-Agentin Ogden oder ein Junge aus Richards Schule. Sallis kommt über seine Figuren zu existentiellen Überlegungen über Leben, Krankheit, Ohnmacht und Tod.

„Wie ich schon sagte – wir nennen es Landung. Und zwar eine harte. Man kommt von einer Mission, alles war so fokussiert, und jetzt hängt alles nur noch lose zusammen, ohne Verbindung, und flattert im Wind. Man bekommt es nicht in den Griff und kann auch nicht begreifen, wieso alles so blass ist. Weil die Farbe fehlt.“ (Seite 119)

Willnot ist wieder so ein Buch, bei dem selbst ein sehr aufgeschlossener Leser wie ich ins Grübeln kommt, ob das hier überhaupt noch Kriminalliteratur ist. Es ist zwar schon in der Krimibestenliste gelistet, aber ich für mich würde es verneinen. James Sallis hat sich hier für meinen Geschmack schon sehr weit vom Genre entfernt. Ich hatte mir schon gewünscht, dass ein wenig mehr Thriller oder Noir drin gewesen wäre. Bitte nicht falsch verstehen, es handelt sich hier um keinen schlechten Roman. Sallis schreibt gute Dialoge, hat ein gutes Gespür für seine Figuren. Ich denke, wer von vornherein weiß, dass er hier eher etwas Existentialistisches als einen Thriller zu erwarten hat, kann sich besser auf diesen Roman einlassen. Ich habe mich aber von Anfang an schwer getan und muss daher feststellen, dass es bei mir nicht gezündet hat.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Willnot | Erschienen am 18. Februar 2019 in der Verlagsbuchhandlung Liebeskind
ISBN 987-3-95438-102-9
224 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe