Antti Tuomainen | Die letzten Meter bis zum Friedhof

Antti Tuomainen | Die letzten Meter bis zum Friedhof

„Und Thailand? Wollen wir hin?“ Ich senke den Blick auf Hühnchen, Kokosnussmilch und Reis.
„Wenn du möchtest. Ja, sicher“, sagt Taina. Sie versucht, Begeisterung zu heucheln, das Ergebnis ist eher dürftig. Für sie steht einiges auf dem Spiel. Ich weiß nicht, wie weit sie gehen würde, aber ich bin neugierig, es zu erfahren.
„Ich habe übrigens schon den ganzen Tag eine Nackenverspannung“, sage ich.
„Nach dem Essen kann ich deinen Rücken massieren“, sagt sie. Sie lächelt. Ein sanftes, liebes Lächeln.
Meine Frau hat mich umgebracht, kein Zweifel. (Auszug Seiten 155-156)

Jaakko Kaunismaa ist ein Mann mittleren Alters, der in der finnischen Provinz in Hamina ein kleines, florierendes Unternehmen betreibt, das Matsutake-Pilze nach Japan exportiert. Doch seit kurzem bedroht ein neuer aggressiver Mitbewerber den Erfolg seiner Firma. Eines Tages eröffnet ihm sein Arzt, dass er vergiftet wurde und nicht mehr lange zu leben hat. Als er kurz danach nach Hause kommt, findet er zu allem Überfluss seine Frau beim Sex mit einem ihrer Angestellten vor. Jaakko beschließt, in der ihm noch bleibenden Zeit die Dinge zu ordnen, herauszufinden, wer ihn vergiftet hat und seine Firma zu retten. Doch dabei geschehen einige merkwürdige und unerwartete Dinge.

Von Autor Antti Tuomainen wurden bereits zwei Romane ins Deutsche übersetzt, die aber mehr düstere Thriller waren. Mit diesem Roman (übrigens übersetzt vom Ehepaar Niina Katariina und Jan Costin Wagner, dessen Krimis ja ebenfalls in Finnland spielen) schlägt Toumainen aber eine leicht andere Richtung ein. Wenn ich an Finnland in Musik, Literatur und Film denke, dann erwarte ich irgendwie eine gewisse Exzentrik, Skurrilität, aber auch Melancholie und Lakonie. Und genau diese Erwartungen kann Die letzten Meter bis zum Friedhof durchaus erfüllen.

Denn zum einen beginnt bei Jaakko, der als Ich-Erzähler durch die Geschichte führt, angesichts des baldigen Ablebens eine Selbstreflektion, er zieht Bilanz und plant die noch zu erledigenden Dinge. Er hat natürlich sofort seine Frau Taini und ihren Lover Petri im Verdacht, ihn vergiftet zu haben, um sich die Firma unter den Nagel zu reißen, aber er konfrontiert sie damit noch nicht. Er sucht sich vielmehr andere Verbündete unter den Angestellten seiner Firma, um sein Lebenswerk vor seiner Frau und den anderen Konkurrenten zu schützen. Diese bringen zum anderen eine andere Komponente ein. Die drei Firmeneigner sind nämlich keine unbeschriebenen Blätter, vorbestraft, aggressiv. Sie wollen Jaakko einschüchtern, ihm seine Angestellten und Kunden mit lauteren, aber vor allem auch unlauteren Mitteln abwerben. Dadurch wird der Roman spannend und erstaunlich actionreich. Und die Skurrilität kommt nicht zu kurz bei Verfolgungsjagden durch finnische Kreisverkehre, Unfälle mit Samuraischwertern oder unangenehmen Begegnungen in der Sauna. Es geht also auch durchaus humorvoll zu, aber ohne in Klamauk oder Satire abzudriften, das hat mir gut gefallen.

Die letzten Tage bis zum Friedhof ist ein (Kriminal-)Roman, der mich im Laufe der Lesezeit immer mehr überzeugt hat. Er ist eine angenehme Mischung aus Humor und Ernst mit einer ordentlichen Prise Spannung und einigen ungewöhnlichen Einfällen im Plot. Als äußerst gelungen habe ich die Figuren empfunden, nicht nur Ich-Erzähler Jaakko als Mann, der kurz vor dem Tod neue Vitalität erlangt, sondern auch vor allem die Mitarbeiter in Jaakkos Firma. Insgesamt absolut empfehlenswert.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Die letzten Meter bis zum Friedhof | Erschienen am 24. Januar 2018 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-06552-2
320 Seiten | 19,95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

12. März 2018

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