Graham Greene | Der dritte Mann

Graham Greene | Der dritte Mann

Das Vorwort des Buches beginnt mit folgenden Worten:

Der dritte Mann wurde nicht geschrieben, um gelesen, sondern um gesehen zu werden. (Auszug S.9)

Mit dieser Bürde beginnt die Lektüre eines Werkes, dessen Verfilmung sicherlich zu den bekanntesten Thrillern oder Film noir zählt. Greene führt sogar noch im Vorwort weiter aus, dass der Film „sogar besser als die Erzählung“ sei, eine Art Endfassung. Und letztlich mag man ihm am Ende kaum widersprechen, auch wenn man versucht hatte, diese Worte im Vorwort erst einmal beiseite zu schieben.

Doch zunächst zur Handlung. Ins zerstörte Wien nach dem zweite Weltkrieg kommt der britische Autor von Western-Groschenromanen Rollo Martins, eingeladen von seinem alten Freund Harry Lime, mit Aussicht auf einen Job. Doch als Martins eintrifft, wird ihm berichtet, dass Harry bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei. Bei der Beerdigung kommt Martins in Kontakt zum britischen Major Calloway. Dessen Enthüllung, dass Harry ein krimineller Schieber gewesen sei, ruft bei Martins Empörung hervor. Er weigert sich, Wien direkt wieder zu verlassen und unternimmt eigene Ermittlungen.

Diese bringen einige Merkwürdigkeiten zum Vorschein. Harry wurde offenbar direkt vor seinem Haus in Begleitung zweier Bekannter überfahren, sein Hausarzt kam kurze Zeit später hinzu und stellte Harrys Tod fest. Als Martins bei Harrys Bekanntem Kurtz die Ereignisse erfährt, legt auch Kurtz ihm nahe, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Auch der Arzt Dr. Winkler bestätigt Kurtz‘ Aussage.

Wie ich es sehe, wenn ich meine Akten, die Gesprächsnotizen, die Aussagen diverser Leute durchgehe, wäre es Rollo Martins in diesem Zeitpunkt immer noch möglich gewesen, Wien wohlbehalten zu verlassen. Er hatte eine ungesunde Neugier an den Tag gelegt, aber der Krankheit war zu jedem Zeitpunkt Einhalt geboten worden. Niemand hatte irgendetwas preisgegeben. Die glatte Wand der Täuschung hatte seinen rastlosen Fingern bisher keinen echten Riss offenbart. Als Rollo Martins das Haus von Dr. Winkler verließ, schwebte er nicht in Gefahr. (Auszug S.72)

Doch Martins ist nicht zufrieden und erfährt kurze Zeit später von einem Nachbarn von Harry, dass der Überfahrene nicht von zwei Männern von der Straße getragen wurde, sondern dass es noch einen dritten Mann gab. Harry versucht vergeblich, den Mann zu einer Aussage bei der Polizei zu bewegen. Als er ihn später am Abend nochmal treffen will, wurde der Mann ermordet aufgefunden. Somit wird Martins endgültig in die Geschichte um kriminelle Schmugglerbanden und die Machtverhältnisse zwischen den Besatzungsmächten hineingezogen. Verstärkt wird dies noch, als Martins sich in Harrys Freundin Anna Schmidt verliebt, die mit falschen Papieren in Wien lebt und ständig in Angst lebt, von den Sowjets festgenommen zu werden. Martins geht letztlich weiter der entscheidenden Frage nach: Wer ist der dritte Mann?

Erzähler der Geschichte ist Major Calloway, der die Geschichte aus den Gesprächen mit Martins und anderen Dokumenten für den Leser rekonstruiert. Calloway verfolgt aber natürlich auch eigene Interessen, wie sich besonders zum Ende des Romans herausstellt. Die Erzähltechnik macht den Roman für meinen Geschmack etwas sperrig, nicht so leicht zugänglich. Der Sog, der sich bei den Bildern der Verfilmung einstellt, ist beim Lesen nicht da, nur selten kommt wirklich eine Art von Spannung auf.

Er ging rasch weg. Er machte sich nicht die Mühe, festzustellen, ob er verfolgt wurde, oder das mit dem Schatten nachzuprüfen. Doch als er die Mündung einer Straße passierte, schaute er zufällig zur Seite, und genau um die Ecke, gegen eine Wand gedrückt, um nicht bemerkt zu werden, stand eine dicke, kräftige Gestalt. […] Zwanzig Meter entfernt stand Martins da und starrte die stumme, reglos auf der dunklen Straße stehende Gestalt an, die zurückstarrte. Ein Polizeispitzel vielleicht oder ein Handlanger jener anderen Männer, der Männer, die Harry zuerst korrumpiert und dann umgebracht hatten – womöglich sogar der dritte Mann? (Auszug S.135)

Solche intensiven Szenen finden sich auch ein paar im Roman, allerdings noch mehr im Film, der bis heute ein fast schon ikonisches Werk ist. Regisseur Carol Reed fragte bei Graham Green nach dem bereits gemeinsam gedrehten „Kleines Herz in Not“ nach einem Drehbuch an und Greene verfasste die Erzählung „Der dritte Mann“, die dann in der Filmproduktion noch an einigen Stellen leicht verändert wurde. Was den Film aber bis heute so herausragen lässt, sind beispielsweise der Drehort im immer noch zerstörten Wien 1948, die extravagante Kameraführung von Robert Krasker, die Schatteneffekte, die schauspielerischen Leistungen insbesondere von Orson Welles, der insgesamt nur wenig zu sehen ist, dann aber mit seiner Präsenz dominiert, bis hin zum markanten „Harry Lime Theme“ auf der Zither von Anton Karas.

Dagegen kann das Buch nicht ganz ankommen, gleichwohl ich das Glück hatte, die illustrierte Ausgabe der Büchergilde Gutenberg zu lesen. Die in Sepiatönen gehaltenen Illustrationen von Annika Siems geben ein wenig das Flair des Verfilmung wieder. Generell ist es nie ratsam, zuerst den Film zu sehen und damit die komplette Handlung des Romans vorwegzunehmen. Doch auch wenn der Film den Roman etwas überstrahlt, bleibt „Der dritte Mann“ eine interessante Geschichte über Freundschaft und Liebe im Konflikt mit der menschlichen Gier.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Der dritte Mann | Erstmals erschienen 1950
Die gelesene Ausgabe erschien 2017 als Lizenzausgabe für die Edition Büchergilde
ISBN 978-3-86406-076-2
206 Seiten | 25,- €
Originaltitel: The Third Man (Übersetzung aus dem Englischen von Nikolaus Stingl)
Bibliografische Angaben

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