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Adrian McKinty | Alter Hund, neue Tricks (Band 8)

Adrian McKinty | Alter Hund, neue Tricks (Band 8)

„Sie können ruhig schlafen gehen, Sir. Ich bringe das hier zum Abschluss. Alles ziemlich offensichtlich, wie Sie schon sagten, da bin ich mir sicher“, sagte ich.
Da konnte man mal sehen, wie eingerostet ich schon war. So etwas sagte man nicht, wenn die Götter, das böse Omen und das Schicksal zuhörten. Niemals. Was hast du dir dabei gedacht, Duffy? Du Blödmann. (Auszug S.38)

Es ist 1992 und Sean Duffy verbringt eigentlich ein inzwischen beschauliches Leben. Mit Frau (na ja, geheiratet hat er dann doch noch nicht) und inzwischen fünfjähriger Tochter ist er über die Irische See nach Schottland gezogen. Im Polizeidienst ist er nur noch Teilzeitkraft, sechs Tage im Monat, und bis zu den Pensionsansprüchen nach zwanzig Jahren Dienstzeit sind es nur noch zweieinhalb Jahre. So werden er und sein Kumpel John „Crabbie“ McCrabban eher im Innendienst eingesetzt. Doch da der leitende Inspektor Lawson im Teneriffa-Urlaub weilt, soll sich Duffy einen Tötungsfall mal näher anschauen.

Auf den ersten Blick eine klare Sache: Ein Jaguar wurde von einem Landhaus gestohlen. Der Besitzer wollte den Raub verhindern und wurde von dem/den Carjackern erschossen. Doch Duffy fallen spontan ein paar Ungereimtheiten auf, unter anderem ist der Name, mit dem der Tote das Haus gemietet hat, nicht sein richtiger. Der Mann war offenbar Künstler, Landschafts- und Porträtmaler, aber wie konnte er seinen Lebensstil und zwei Radierungen von Picasso im Wohnzimmer finanzieren? In der Telefonliste taucht eine merkwürdige Nummer auf, mit der offenbar sehr regelmäßig telefoniert wurde. Die Nummer gehört zu einer Telefonzelle im irischen Dundalk. In der Nachbarschaft wohnt Brendan O’Roarke, Mitglied des Armeerats der IRA.

Völlig zwecklos, Verstärkung anzufordern. Die würden doch nur alles vermasseln. Die Trottel vom Revier? Vergiss es. Die Schafsköpfe von der Schnellen Eingrifftruppe oder von Special Branch? Amateure. Der Einzige, dem Spiegel-Duffy vertraute, war Crabbie, und den wollte niemand hier reinziehen.
Duffy solo. Wie in alten Zeiten. (Auszug S.216)

Man fürchtete ja schon das Schlimmste, als Adrian McKinty nun dank eines neuen amerikanischen Agenten mit seinem „The Chain“ unter die Bestseller-Autoren gegangen war. Es sei ihm unbedingt gegönnt, aber die einhellige Meinung der Kenner seiner Bücher war, dass „The Chain“ zu sehr dem Mainstream frönte und er damit unter seinen Möglichkeiten blieb. Gefürchtet wurde vor allem um seine Sean-Duffy-Reihe, die er aber zum Glück doch noch (ein bisschen) weitermacht.

Begonnen hatte die Reihe ja 1981 und inzwischen haben in Band 8 die Neunziger erreicht. Alles entwickelt sich weiter, aber Duffy bleibt sich zum Glück treu (auch wenn er die Musik von diesen Typen aus Seattle gar nicht so übel findet). Einen Fall, den er einmal in den Fingern hat, gibt er so einfach nicht ab – auch wenn er von seinen Vorgesetzten dazu aufgefordert wird und es gefährlich werden könnte. Diesmal pfeifen die Spatzen von den Dächern, dass es Bewegung bei den Konfliktparteien der „Troubles“ gibt. Friedensgespräche vielleicht. Doch natürlich gibt es auch die Falken, die auf keinen Fall der anderen Seite entgegenkommen wollen. Und einer dieser Falken ist Brendan O’Roarke.

Mit Sean Duffy bin ich ja nun schon eine Weile unterwegs und werde dieser Reihe nicht müde. Dieser Mischung aus Kriminalfällen voller Finesse und brisanter Action, dem historischen Hintergrund des Nordirland-Konflikts, dem Zeitgeist der 80er und frühen 90er und dem bissig-ironischem Sprachwitz gepaart mit einer lässigen Hauptfigur, kann man sich kaum entziehen. Sehr erfreulich, dass Autor Adrian McKinty und sein Übersetzer Peter Torberg im Laufe der Reihe auch ihre Form nicht verlieren. Somit ist auch „Alter Hund, neue Tricks“ wiederum ein richtig guter Kriminalroman geworden.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Alter Hund, neue Tricks | Erschienen am 29.09.2020 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47060-2
368 Seiten | 15,95 €
Originaltitel: Hang On St. Christopher
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezensionen von Gunnar zu Band 3 (Die verlorenen Schwestern), Band 4 (Gun Street Girl), Band 5 (Rain Dogs) und Band 6 (Dirty Cops) der Sean-Duffy-Reihe

Jürgen Heimbach | Die rote Hand

Jürgen Heimbach | Die rote Hand

Die Arbeit war nicht die, die Streich sich erhofft hatte, und Bommel kein Mensch, für den er Sympathie empfand, doch schon beim Grenzübertritt an einem kalten Aprilmontag im letzten Jahr hatte man ihn deutlich spüren lassen, dass auf einen wie ihn niemand wartete. Trotz Wirtschaftswunder und Wir-sind-wieder-wer war offenbar niemand bereit, ihm ordentliche und anständig bezahlte Arbeit zu geben. Er hatte den Kameraden, die ihm genau das vorausgesagt hatten, nicht geglaubt. Oder nicht glauben wollen. (Auszug, S.10)

Frankfurt 1959: Arnolt Streich ist nach Jahren in der Fremdenlegion nach Deutschland zurückgekehrt. Doch er erhält nur eine Anstellung als Wachmann in einem heruntergekommenen Werkstatt- und Garagenhof. Als ein Mordanschlag auf einen Waffenhändler verübt wird, spekuliert die Stadt über die Hintergründe. Hatte der Tote Waffen an die algerischen Befreiungskämpfer verkauft und war das sein Todesurteil? Streich will sich am liebsten aus allem heraushalten, doch er merkt bald, dass ihn die Vergangenheit einholt.

Streich merkt bald, dass er beobachtet wird – offenbar der französische Geheimdienst. Tatsächlich wird er auch bald kontaktiert: Die Franzosen brauchen Informationen von ihm, setzen ihn mit Details aus der Vergangenheit unter Druck. Streich kooperiert notgedrungen, immer noch im Glauben, sich aus den schmutzigen Details heraushalten zu können. Doch als ein weiterer Anschlag verübt wird, an dem auch eine Unbeteiligte ums Leben kommt und die Franzosen ihn nicht aus den Fängen lassen und ihm nahe stehende Personen bedroht werden, entscheidet sich Streich, die Initiative zu übernehmen.

Dabei tat er völlig unbeteiligt. Routine. So, wie Streich es selbst kannte, aus den Kellern. Als harmloser Beginn dessen, was folgen sollte. Und sie wussten alle, was folgen würde. Die Schreie derer, die vor ihnen in diesem Raum waren, hatten sich in ihre Ohren, in ihr Hirn eingebrannt. In jede Faser ihres Körpers. Deshalb hatten sie diesen Raum für die Verhöre ausgesucht, zwischen den Zellen, in denen man den Schreien nicht entgehen konnte. Tag für Tag. Nacht für Nacht. Für Streich war es eine Notwendigkeit. Im Krieg. Nichts Persönliches. Wie für die meisten. Es gab aber auch die anderen. Die taten es mit Begeisterung. (Auszug, S.153)

Protagonist Arnolt Streich ist einer von vielen deutschen Soldaten, die kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs von der Fremdenlegion rekrutiert wurden. Für die Franzosen war er in so manchem Konflikt seitdem im Einsatz. Sein Spitzname aus der Legion lautet „Quatre d’un coup“ – „Vier auf einen Streich“ – aus einer blutigen Episode des Indochinakriegs. Überhaupt hat Streich so manche Gräueltat miterlebt oder sogar selbst begangen, zuletzt im Algerienkrieg. Sein ganzes Erwachsenenleben war er mehr oder weniger Soldat im Krieg. Nun, zurück in Deutschland, muss er feststellen, dass man trotz Wirtschaftswunder auf jemanden wie ihn nicht gewartet hat. Sein Wachdienstjob bringt ihm zwar immerhin etwas Geld und ein Dach über den Kopf, unterfordert ihn aber total. Sein Leben scheint perspektivlos, ständig springen ihn Bilder aus der Vergangenheit in den Sinn. Er lebt in den Tag hinein und hört immerfort die gleiche Platte auf dem Plattenspieler: „Mon Légionnaire“ von Edith Piaf. Doch ein paar Lichtblicke gibt es: Streich besucht regelmäßig die Prostituierte Gesine, zu der er ein freundschaftliches Verhältnis aufbaut. Und er beschützt das herumstreunende junge Mädchen Lidia vor einer Jungenbande und knüpft so ein zartes Band mit dem Mädchen.

„Die rote Hand“ erzählt eine fiktive Geschichte mit realem Hintergrund. In den 1950er Jahren verübte die vom französischen Geheimdienst getragene Organisation „La main rouge“ zahlreiche Terroranschläge auf Kader und Unterstützer der algerischen Befreiungsorganisation FLN. Unter anderem wurden auch in Deutschland Anschläge verübt, so etwa der hier zu Beginn des Romans erwähnte Anschlag auf den Waffenhändler Purchert im März 1959 in Frankfurt, bei dem dieser ums Leben kam. Aus Staatsräson gab es damals keine ernsthaften Ermittlungen der deutschen Behörden. Autor Jürgen Heimbach ist so etwas wie ein Spezialist für (noch) unverbrauchte historische Stoffe. Seine Trilogie um Kommissar Koch spielte bereits in den Nachkriegsjahren des zweiten Weltkriegs. Nun ist er noch einige Jahre weiter voran gegangen und erzählt eine heutzutage wenig präsente Nachkriegsepisode.

„Ein Roman, der niemanden unberührt lässt“, „schnörkellos und dennoch poetisch.“ So lautet das Urteil der Glauser-Preis-Jury, die Jürgen Heimbach für „Die rote Hand“ in diesem Jahr den Glauser-Preis für den besten Kriminalroman verlieh. Diese Auszeichnung hatte mich nochmal auf den Roman aufmerksam gemacht und ich habe es keinesfalls bereut. Das Setting ist gelungen, die Spannung steigert sich stetig. Die Stimmung ist eher melancholisch bis rau, genau wie die Hauptfigur des einsamen Legionärs, der sich in der Heimat nicht mehr zurechtfindet. Heimbach bleibt auch eng bei seiner Figur und erzählt über eine personellen Erzähler aus dessen Sicht. Dabei strömen immer wieder unvermittelt Bilder aus der Vergangenheit auf Streich ein und vermischen sich mit der realen Situation, was auch textlich ohne Übergang so vom Autor sehr gekonnt umgesetzt wird und den Leser an der einen oder anderen Stelle überrascht. Ebenfalls prominent wird auch die Musik im Roman eingesetzt, neben der Piaf auch einige Jazztitel der 1950er Jahre. Insgesamt also ein wirklich empfehlenswerter Kriminalroman.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Die rote Hand | Die Taschenbuchausgabe erschien am 29.09.2020 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-20899-5
288 Seiten | 13,95 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Anja Behn | Jasmunder Geheimnisse (Band 4)

Anja Behn | Jasmunder Geheimnisse (Band 4)

„Es war kurz vor neun, erst wenige Menschen waren am Fuß der Kreideküste unterwegs. Richard Gruben spazierte entlang der Uferlinie. Neben ihm spülten flache Wellen an den steinigen Strand. Der Geruch von Tang und Salz durchzog die Luft, und über der Ostsee zierten dünne Wolkenbänder den morgendlichen Himmel. Nach der schlaflosen Nacht hatte Richard dringend frische Luft gebraucht. Einen klaren Kopf, um das Gedankenchaos zu entwirren.“ (Seite 190)

Kunsthistoriker Richard Gruben besucht seine Freundin in einem kleinen Dorf auf der Ostseeinsel Rügen und nimmt bis dorthin die Denkmalpflegerin Susanne Ortlepp mit. Am nächsten Tag findet er auf dem Gelände eines ehemaligen Kreidewerks ihre Leiche. Auf der Fahrt hatte Susanne Ortlepp ihn noch zu einem Termin eingeladen, zu dessen Thema sie sich allerdings nur vage geäußert hat. Richard beginnt herauszufinden, worum es dabei gehen mochte und stößt auf Schweigen, Lügen und Geheimnisse…

Fall Vier
„Jasmunder Geheimnisse“ von Anja Behn ist der vierte Kriminalroman um den Kunsthistoriker Richard Gruben. Man braucht hierfür keine Vorkenntnisse aus den vorherigen Büchern, es wird kaum Bezug auf diese genommen und wenn, dann kurz der Zusammenhang beschrieben. Jasmund ist eine Halbinsel im Nordosten der Insel Rügen mit Nationalpark und Kreidefelsen. Das Dorf Hollvitz, in dem der Mord geschieht, ist fiktiv.

Unaufgeregte Ermittlungen
Die Geschichte wird aus der Perspektive von mehreren handelnden Personen geschildert. Der Spannungsbogen beginnt meiner Meinung nach eher seicht, steigert sich dann aber kontinuierlich. Richard Gruben kommt zu seinen Ermittlungsergebnissen, in dem er die Leute, mit denen er redet, sehr genau beobachtet, viel überlegt und schlussfolgert, um sich dann erneut mit Personen zu treffen und ihnen auf den Zahn zu fühlen. Dabei bleibt er immer besonnen und unaufgeregt.

Sympathischer Protagonist
Richard Gruben ist Ende vierzig, wohnt in Dortmund, hat einen vierjährigen Sohn, lebt von dessen Mutter getrennt und hat bei seinem letzten Fall seine Freundin Jette Herbusch kennengelernt, die Kirchenrestauratorin ist und nun für einen Auftrag sieben Monate auf Rügen arbeitet. Gruben zeichnet sich durch seine stets korrekte Kleidung aus, seine ruhige Handlungsweise und dass er am liebsten seine Ruhe hat und Menschenansammlungen meidet. Was ihn mir durchaus sympathisch erscheinen lässt.

Fazit: Sympathischer Protagonist mit unaufgeregten , aber spannenden Ermittlungen auf der Ostseeinsel Rügen.

Anja Behn, geboren 1972 in Rostock, studierte Bauingenieurwesen und arbeitet in einer Rostocker Baufirma. Sie lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf in Mecklenburg.

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Jasmunder Geheimnisse | Erschienen am 23. Juli 2020 im Emons Verlag
ISBN: 978-3-74080-771-9
256 Seiten | 12,00 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezensionen von Andrea zu Band 1, Band 2 und Band 3 der Reihe.

Christof Weigold | Die letzte Geliebte (Band 3)

Christof Weigold | Die letzte Geliebte (Band 3)

In diesem Jahr starb – neben vielen anderen Menschen – der größte Star Hollywoods und einige Zeit später auch der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten, unter dubiosen Umständen. Bis heute kursieren wilde Gerüchte darüber, wie er zu Tode kam. Man erzählt sich jede Menge baren Unsinn, aber ich weiß ja, was damals geschehen ist. Ich wollte, ich wüsste es nicht. Andererseits wäre ich sonst niemals ein so guter Koch geworden. Lassen Sie mich Ihnen die Geschichte erzählen. (Auszug E-Book Pos. 77 von 8780)

Die ersten beiden Bände der historischen Krimi-Reihe, die in Hollywood der Stummfilmzeit spielen und die authentische Morde und Skandale behandeln, haben mich total begeistert. Umso neugieriger war ich auf Band 3, der zeitlich nahtlos an die vorherigen Bände anknüpft. Hardy Engel, der ehemalige Berliner Polizist, der Anfang der 1920er Jahre in die USA immigrierte, hat sich inzwischen in Hollywood als Privatdetektiv etabliert. Endlich mit eigenem Büro und Automobil, dass ihm die  klassischen Ermittlertätigkeiten wie zum Beispiel Observierungen vereinfacht.

Es ist das Jahr 1923, als sich Dorothy Reid, die Witwe des kürzlich verstorbenen Hollywood-Superstars Wallace Reid mit einem neuen Auftrag an Engel wendet. Dorothy Reid macht die Filmindustrie für den frühen Tod ihres Mannes verantwortlich. Der Schauspieler war zu der Zeit ein richtiger Actionstar und hatte sich bei einem Autounfall schwere Verletzungen zugezogen. Da das Filmstudio nicht auf seinen Star verzichten wollte, wurden die Schmerzen mit Morphin behandelt. Reid musste ohne Unterlass weiter drehen, worauf er von der starken Droge abhängig wurde und sich sein Gesundheitszustand stark verschlechterte, bevor er dann elendig verstarb.

Der Saubermann und Strippenzieher
Dorothy Reid sieht Will Hays, den Chef der Filmproduzenten als Hauptverantwortlichen. Ausgerechnet den mächtigsten Mann Hollywoods beschuldigt sie als Heuchler und wird dabei von ihrem guten Freund Herbert Somborn unterstützt. Somborn kämpft nach der Trennung von Superstar Gloria Swanson um das Recht seine Kinder zu sehen. Zusammen wollen sie Will Hays zu Fall bringen. Hays gilt als Saubermann; es ist schwierig etwas Skandalöses zu finden und Engel beschattet ihn ständig. Unter anderem reist er auch in Hays Heimat nach New York, um ihn und seine Familie auszuspionieren. Er findet schnell heraus, dass der unscheinbare, kleine Hays sich im Hintergrund hält, aber hinter den Kulissen der Filmstudios alle Strippen zieht. Tatsächlich entdeckt er Verwicklungen von Hays mit dem wieder aufkommenden Ku-Klux-Klan und er pflegt Kontakt mit einer jungen, attraktiven Frau.

Diesmal geht es nicht um einen klassischen Hollywoodskandal. Die Grundidee fand ich nicht ganz so spektakulär wie in den anderen beiden Bänden. Dass man jemanden ausspioniert, um ihm was anzuhängen, gefiel mir einfach nicht. Die Story baut sich langsam auf, der Spannungsbogen war anfänglich, durch die ausschweifenden Schilderungen und Wiederholungen einiger Szenen nicht so hoch. Dafür tauchte ich sofort wieder in die Welt des schillernden Hollywoods und auch hinter die gar nicht so glitzernden Kulissen der Traumfabrik der 20er Jahre ein, die gar nicht so golden waren, sondern grausam, brutal und korrupt.

Rote Fußnägel und weiße Tiger
Wir treffen alte Bekannte wieder, zum Beispiel Polly Brandeis, die grade für Paramount Pictures ein Drehbuch für Gloria Swanson schreibt. Die kecke, extrovertierte Freundin von Hardy Engel ist ein richtiges Flappergirl. So nannte man in den 20er Jahren junge Frauen, die selbstbewusst und emanzipiert, mit modischen Kurzhaarfrisuren rauchten und Alkohol tranken. Auch Hardys bester Freund Buck Carpenter, Wirt des Jail Cafés in Los Angeles, in dem die Drinks in Sträflingskluft serviert werden, ist wieder mit von der Partie. Buck betreibt mittlerweile einen Radiosender, über den er mit Hilfe von Gedichten Codes an seine Alkoholschmuggler durchgibt und damit vor Straßensperren warnt.

Die Fehde der großen Filmdiven Gloria Swanson und Pola Negri wird thematisiert; die eine gilt als Erfinderin der rot lackierten Fußnägel, die andere trat immer mit weißen Tigern auf. Auch die Errichtung des Hollywood-Monuments spielt eine Rolle. Und wenn unser lakonischer Held und Ich-Erzähler im Voisin rumfährt, dann springt im Kopf ein Film mit viel Hollywood-Flair an. Das gelingt durch die mit viel Liebe zum Detail ausgestatteten Szenen. Die Atmosphäre dieser Zeit wird spürbar und bildhaft vorstellbar.

Die Spur führt ins Weiße Haus
Im letzten Drittel wird das Tempo deutlich angezogen, einige überraschende Wendungen sorgen für Rasanz und Spannung. Engel kommt einer Verschwörung auf die Spur. Im korrupten Hollywood wimmelt es nur so von Erpressung und Schmiergeldzahlungen. Diesmal geht es neben der Filmbranche auch um die große Politik, denn Hardy verfolgt mehrere Spuren und eine führt bis ins Weiße Haus und geht in Richtung des amerikanischen Präsidenten. Warren G. Harding war ein Bild von einem Mann und sah so aus wie man sich einen amerikanischen Präsidenten vorstellte. Das schien aber seine einzige Qualifikation zu sein, denn nach seinem Tod wurden einige Skandale öffentlich und Harding galt lange als einer der schlechtesten Präsidenten der USA. Währenddessen lernt Hardy Engel den neuen Chef des LAPD, Gus Vollmer kennen, der neue Ermittlermethoden einführt mit dem Wunsch die allgegenwärtige Korruption einzudämmen. Der „Vater der modernen Polizeiarbeit“ ist auch eine reale Figur, dessen Verbindung mit der fiktiven Story ich mir aber vielleicht etwas geschmeidiger gewünscht hätte.

Der Ku-Klux-Klan
Die Beschreibungen der grausamen Taten des Ku-Klux-Klan waren für mich tatsächlich schwer zu ertragen. Der rassistische und gewalttätige Geheimbund, dessen Ziel die Unterdrückung der Schwarzen und eine weiße Vorherrschaft ist, versuchte seine politischen Ziele mit Terrorakten und Lynchaktionen im ganzen Land zu erreichen. Eigentlich schon 1870 aufgelöst, kam es nach dem Stummfilm „The Birth of a Nation“ 1915 zu einer Neugründung der Bewegung. Der rassistische Inhalt des sehr erfolgreichen Historienfilms trug maßgeblich zur Popularität und gesellschaftlichem Einfluss des Ku-Klux-Klan bei. Die Rituale und Initiationsriten des Ku-Klux-Klan, aber auch wie generell in der Bevölkerung mit Schwarzen umgegangen oder wie über sie gedacht wurde, ließen mich während der Lektüre einige Male zusammen zucken.

Der Aufstieg des Klans in Hollywood, die rassistischen Vorurteile der Roaring Twenties und die Macht des Mediums Film sind die großen, erschreckenden Themen des historischen Kriminalromans, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Wie hochaktuell und brisant konnte der Autor bestimmt nicht erahnen, als er „Die letzte Geliebte“ schrieb.
Eine gelungene Fortsetzung, in der Christof Weigold es wieder meisterhaft versteht, historische Ereignisse mit fiktiven Figuren und Vorkommnissen zu verweben.

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die letzte Geliebte | Erschienen am 20. August 2020 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05326-5
656 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben und Leseprobe

Max Annas | Morduntersuchungskommission. Der Fall Melchior Nikoleit (Band 2)

Max Annas | Morduntersuchungskommission. Der Fall Melchior Nikoleit (Band 2)

Als sie die Tür geschlossen hatten und wieder mit Thomas Schuster allein waren, stellte sich Rolf vor den Tisch, beide Hände aufgestützt, und ließ sich etwas Zeit. Er fletschte die Zähne, als er anfing zu reden. „Und wie stehst du zur Deutschen Demokratischen Repubik?“
Der Junge öffnete den Mund, atmete schnell, formte ab und zu die Lippen, um einen Ton zu sagen, und sprach dann trotzdem kein Wort. Als er in Tränen ausbrach, verließen sie den Raum wieder. (S.145)

Jena, Bezirk Gera, Deutsche Demokratische Republik, 1985: Melchior, Sohle, Biber und Julia sind vier junge Leute, die sich als „blank generation“ fühlen und gebannt auf die Punk-Kultur des Westens blicken. Sie wollen sich auch ein wenig abheben von der angepassten Gesellschaft der DDR und gründen ihre eigene Punkband mit dem Namen „Ernteeinsatz“. Doch wenig später wird Melchior ermordet in einem Möbellager seines Vaters aufgefunden. Die Morduntersuchungskommission ermittelt zunächst in Melchiors direktem Umfeld. Neben seinen Bandkollegen erscheint auch Melchiors Vater verdächtig.

Michael Nikoleit ist Antiquitätenhändler, der regelmäßig in den Westen fahren darf, um dort seine Waren zu verkaufen und der DDR Devisen einzubringen. Dennoch oder gerade deswegen ist er der DDR-Obrigkeit suspekt. Hinzu kommt, dass er und sein Sohn heftige Auseinandersetzungen hatten. Aber noch andere Dinge kommen im Laufe der Ermittlungen zu Tage. Eine Einbruchsserie rund um Jena hat offenbar einen Bezug zum Fall. Bei einem Einbruch in eine Datsche von Erich Marder, Bibers Vater und hoher Offizier der Volksarmee, wurde eine Fotografie entwendet, die eine unrühmliche Vergangenheit Marders enthüllen könnte. Und über allem schwebt die Staatssicherheit, die die jungen Punker überwacht und offenbar Melchior als IM angeworben hatte.

„Aber was mache ich mit dem Marder?“
„Was ist denn die Maßgabe in der Morduntersuchungskommission Gera?“
„Dass es der Marder nicht gewesen sein kann.“
„Dann kann er es eben nicht gewesen sein. Das ist eine Frage der politischen Erfahrung. Vielleicht sollte ich besser sagen: der politischen Weisheit.“
Otto ballte die rechte Hand zur Faust. Er verspürte große Lust, sie dem Bruder ins Gesicht zu schlagen. (S.276)

Auf vier Bände ist die Reihe um Oberleutnant Otto Castorp der Volkspolizei angelegt. Castorp ist ein gewissenhafter Beamter, der sich mit der DDR zwar insgesamt arrangiert hat, aber bei Fehlern und Heuchelei im System nicht unbedingt wegsieht. Dies wurde bereits im ersten Band klar, als er am Ende zu einem Akt der Selbstjustiz griff und nun in diesem Band feststellen muss, dass seine Tat nicht unbeobachtet geblieben ist. Er spürt das Damoklesschwert über sich und muss fürchten, an irgendeinen beliebigen Zeitpunkt für seine Tat belangt zu werden. Privat war er im ersten Band fremdgegangen und dabei an eine IM der Stasi geraten. Nun verdächtigt Castorp seine Frau des Ehebruchs, ohne dies beweisen zu können. Insgesamt bleibt die familiäre Situation angespannt. Sein Bruder Bodo ist ein hohes lokales Tier bei der Stasi, grundsätzlich linientreu, aber hier und da für Otto hilfreich.

Sehr gut hat mir die Gliederung des Romans gefallen. Hauptsächlich wird aus zwei Perspektiven erzählt: Otto Castorp als personaler Erzähler in der 3.Person und Julia Frühauf aus der Ich-Perspektive. Dabei begleiten wir Castorp durch die Ermittlungen, seine privaten Probleme und die schwierige Lage im Team der Morduntersuchungskommission mit unterschiedlichen Charakteren (auch im Bezug zur DDR), den unterschiedlichen polizeilichen Herangehensweisen und der stetigen Anpassung an politische Gegebenheiten. Julia, eine Pfarrerstochter, hingegen erzählt in Rückblicken von der Band, von ihrer Liebe zu Melchior, von dem diffusen Gefühl des Abgehängtseins, den kleinen Momenten des Aufbegehrens bis hin zur harten Gegenreaktion der Staatsmacht.

Überhaupt ist dies erneut ein zentrales Motiv des Romans: Die Allgegenwärtigkeit des Staates bis hin in die Familien. Nichts ist privat, alles ist politisch. Max Annas beschreibt ein interessantes Porträt der DDR-Gesellschaft in den 1980ern, das sehr stimmig wirkt. Ingesamt setzt dieser zweite Band das hohe Niveau des Auftakts fort.

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Morduntersuchungskommission. Der Fall Melchior Nikoleit | Erschienen am 21.07.2020 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-00133-9
336 Seiten | 20,- €
Bibliografische Angaben und Leseprobe

Weiterlesen: Noras Rezension zu Band 1 „Morduntersuchungskommission“