Autor: Nora

Nicolás Obregón | Schatten der schwarzen Sonne

Nicolás Obregón | Schatten der schwarzen Sonne

Japan ist momentan literarisch schwer angesagt. Nicht nur, dass der letzte und angesichts der Verhältnisse des Komitees wohl längere Zeit amtierende Literaturnobelpreisträger aus Japan kommt, auch in Sachen Kriminalliteratur gibt es einige aktuelle japanische Titel mit hoher Aufmerksamkeit. Ich muss gestehen, dass ich mit japanischen Titel immer so meine Schwierigkeiten hatte, zu sehr unterscheiden sich teilweise der westliche und japanische Kulturkreis, so dass ich mit manchen Handlungen und Figuren so meine Probleme hatte. Zuletzt ließ mich Kanae Minatos „Geständnisse“ einigermaßen ratlos zurück. Nun dachte ich mir: Probiere ich es doch mal mit einem Titel, der in Japan spielt, aber von einem europäischen Autor. Gesagt, getan.

Schatten der schwarzen Sonne von Nicolás Obregón, ein Autor mit spanisch-französischen Wurzeln, in London geboren und für ein englisches Reisemagazin lange in Japan unterwegs gewesen. Aber um es vorweg zu nehmen: So richtig überzeugt war ich am Ende auch wieder nicht.

„Max Weber hat mal gesagt, ‚der Mensch ist ein Wesen, das in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt ist‘. Der, den du suchst, ist verstrickt in dieses System der schwarzen Sonne. Es ist nicht seine Visitenkarte. Ich glaube, es ist sein ganzes Gewebe. Er lebt und atmet damit.“ (Seite 101)

Kommissar Kosuke Iwata ist neu in die Mordkommission im Tokioter Stadtbezirk Shibuya versetzt worden. Sein Vorgänger hatte kurz zuvor Selbstmord begangen und hinterlässt ihm direkt einen mysteriösen Fall: Eine koreanische Familie wurde auf grausame Weise getötet. Am Tatort die Zeichnung einer schwarzen Sonne, offenbar von einem der Opfer gezwungenermaßen geschrieben. Iwata recherchiert im Umfeld der Familie, ein psychisch gestörter Bekannter der Mutter ist der perfekte Täter. Damit ist Iwata allerdings nicht zufrieden. Da geschieht ein weiterer Mord. Eine alte Frau wurde getötet, die Witwe eines Richters. Wieder am Tatort ist das Symbol der schwarzen Sonne. Iwata versucht verzweifelt, den Zusammenhang zwischen den Taten herzustellen, um einen nächsten Mord zu verhindern. Aber gleichzeitig wird an seinem Stuhl gesägt, seine Suspendierung droht. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.

Schatten der schwarzen Sonne ist der Auftakt zu einer Reihe. Dadurch erhält die Hauptfigur Kosuke Iwata und seine Vergangenheit sehr großen Raum im Buch. Iwata ist der typische Außenseiter-Cop in seinem neuen Revier. Ein Einzelgänger, der sich auch direkt mit den Platzhirschen anlegt und dadurch in Schwierigkeiten gerät. Seine Vergangenheit, die regelmäßig in Rückblicken erzählt wird, ist außerdem traumatisch. Als Kind von der Mutter sitzengelassen, im Waisenhaus aufgewachsen. In den USA lernt er seine Frau Cleo kennen, die er nun in einer Psychiatrie besucht. Erst nach und nach offenbart sich eine weitere Familientragödie. Der englische Originaltitel „Blue Light Yokohama“ bezieht sich übrigens auf einen Song der Sängerin und Schauspielerin Ayumi Ishida, einen japanischen Nr.1-Hit aus dem Jahr 1968, auf den auch im Buch regelmäßig Bezug genommen wird.

Der Kriminalroman, der außerdem über ausgedehnte Thrillerelemente verfügt, ist grundsätzlich sehr solide, verfügt über einen guten Spannungsbogen, vielleicht sind die Rückblicke in die Vergangenheit des Kommissars manchmal etwas ausschweifend. Wichtigste Nebenfigur ist die pfiffige Kommissarsanwärterin Sakai, die anfangs Iwata zur Seite gestellt ist, später abgezogen wird, aber irgendwie in die Geschichte verwickelt ist.

Obwohl Schatten der schwarzen Sonne ein ordentlicher Krimi ist, der das Genre nicht neu erfindet, aber passabel unterhält, gab es für mich irgendwie einen faden Beigeschmack. Ich war ein wenig enttäuscht von der Geschichte und das lag für mich an deutlichen Schwächen in der Authentizität. Zunächst mal die internen Reibereien im Polizeirevier. Sexismus, Mobbing, Korruption. Das war für mich so schematisch, es hätte anstatt Shibuya auch das LAPD oder die Pariser Polizeipräfektur sein können. Des Weiteren mag Nicolás Obregón ein ausgewiesener Japan-Kenner sein, aber dann hätte er auch ein wenig mehr in die japanische Seele eintauchen können. Die Themen, die er in diesem Krimi vermischt, sind wirklich ein paar der gängigsten (kriminellen) Japan-Themen (Selbstmorde, Rassismus gegenüber Koreanern, fanatische Sekten). Das wirkt auf mich dann doch etwas sehr kalkuliert. Schade. Allerdings könnte ich mir auch vorstellen, dass das viele andere nicht stört.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Schatten der schwarzen Sonne | Erschienen am 1. März 2018 bei Goldmann
ISBN 978-3-442-31475-1
480 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Mini-Spezials Japan.

Greer Hendricks & Sarah Pekkanen | The Wife Between Us

Greer Hendricks & Sarah Pekkanen | The Wife Between Us

„Doch Richard hatte noch etwas gesagt, und das erschien ihr jetzt besonders bedeutsam: Sie war nicht die, für die ich sie gehalten hatte.“ (Auszug Seite 114)

Vanessa wurde gerade von ihrem Mann Richard verlassen. Er hat sich in seine jüngere Assistentin verliebt und die beiden wollen heiraten. Vanessa möchte das verhindern, da sie weiß, dass ihre Nachfolgerin in der Ehe unglücklich werden wird. Mit aller Macht versucht Emma die Hochzeit zu verhindern…

Vanessa ist Mitte dreißig und war sieben Jahre mit Richard verheiratet. Richard ist ebenfalls Mitte dreißig und Hedgefondsmanager. Durch seinen Beruf ist er oft verreist. Nach der Hochzeit hat Richard ein großes Haus in einem Vorort gekauft, in dem Vanessa nach und nach vereinsamt ist. Außerdem wollten beide ein Kind bekommen, was trotz medizinischer Behandlung nicht geglückt ist. Dann kam Richards neue Assistentin.

Der erste Eindruck täuscht

Als ich die ersten Seiten von The Wife between us von Greer Hendricks und Sarah Pekkanen gelesen habe, dachte ich, dass es eine psychische und vielleicht etwas ausufernde Geschichte einer verlassenen Frau wird. Der Titel des Buches lässt so etwas ebenfalls vermuten. Wer ist die Frau, die sich zwischen uns gedrängt hat? Die Geschichte ist aber viel tiefgründiger. Es geht im Grunde um drei Frauen, die mit Richard zusammen sind oder waren: Nellie, Emma und Vanessa. Und das eigentliche Geheimnis ist Richard.

Eine Wendung, die verpufft

Teil eins des Romans wird abwechselnd aus Sicht von Nellie und Vanessa erzählt. In Teil zwei „platzt die Bombe“ und ich musste kurz innehalten, um die Geschehnisse zu sortieren und mich zu fragen, was gerade passiert. Leider war hier die angedeutete Wendung im Nachhinein doch nicht so spektakulär, wie ich gedacht und gehofft hatte. Zusammengefasst wird nur das Geheimnis um Nellie gelüftet. Die zweite Hälfte des Buches wird ausschließlich aus Sicht von Vanessa berichtet. Dabei kommt sie mir keineswegs als die „durchgeknallte Ex“ vor, sondern wird mir von Seite zu Seite sympathischer. Ich konnte mich gut in sie hineinversetzen und mitfühlen. Hier wird der Leser trotzdem weiterhin in Verwirrung gebracht und ich habe mich immer wieder gefragt, was denn jetzt echt ist und was inszeniert wurde. Das Ende plätschert für mich so dahin, obwohl auch hier nochmals mit Täuschung gearbeitet wurde und weder der Leser noch die Protagonistin sich in allem wirklich sicher sein konnten. Der Epilog weiß dann aber nochmal zu überraschen.

Fazit: Insgesamt liest sich die Geschichte flüssig und mir wurde zu keiner Zeit langweilig, aber ich hatte eine dramatischere Wendung und noch mehr Spannung erwartet.

Greer Hendricks arbeitete über zwei Jahrzehnte als Lektorin und tat dies auch für Sarah Pekkanen. Greer lebt mit ihrem Ehemann und zwei Kindern in Manhattan. Dieses Buch ist ihr erster Roman.
Sarah Pekkanen ist eine internationale Bestsellerautorin und hat bereits sieben Romane veröffentlicht. Als investigative Journalistin und Autorin schrieb sie unter anderem für die Washington Post und USA Today. Sie ist Mutter von drei Söhnen und lebt außerhalb von Washington, D.C.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

The Wife Between Us | Erschienen am 15. Mai 2018 bei Rowohlt
ISBN 978-3-499-29117-3
448 Seiten | 12.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Emily Elgar | Schweige nun still

Emily Elgar | Schweige nun still

Sie hält sich mit beiden Händen am Ende meines Betts fest und sagt ein leises Mantra: „Sie wird dafür bezahlen, sie wird dafür bezahlen.“ Mit geschlossenen Augen schüttelt sie den Kopf. „Niemand hat es gesehen, niemand weiß es. Es war nicht seine Schuld.“ (Auszug Seite 396)

Alice ist Stationsschwester auf der Intensivstation des St. Catherine’s Hospital und in ihrer Obhut sind gerade Frank, der nach einem Schlaganfall am Locked-In-Syndrom leidet, und seit kurzem Cassie, die nach einem Unfall mit Fahrerflucht im Koma liegt. Frank bekommt alles mit, was in seiner Umgebung passiert, kann sich aber nicht mitteilen. Und irgendetwas ist mit Cassies Unfall nicht so, wie alle vermuten. Mit aller Macht muss er versuchen, Alice mitzuteilen, was er über Cassie mit angehört hat…

Hätte ich den Klappentext nicht gekannt und einfach begonnen zu lesen, hätte ich mich wahrscheinlich gefragt, worauf diese Geschichte hinaus läuft. Im ersten Drittel werden vor allem die drei Protagonisten ausführlich vorgestellt, was durchaus interessant ist, aber eben für den Leser nicht beschreibt, worum es eigentlich geht.

Schweige nun still von Emily Elgar wird abwechselnd von Alice und Frank im Jetzt geschildert und von Cassie in der Zeit vor ihrem Unfall. Franks Krankengeschichte wird sehr ausführlich beleuchtet, was ich ziemlich informativ finde und auch emotional. Seine Diagnose empfand ich als beängstigend: Man bekommt alles um sich herum bei klarem Verstand mit, jede Berührung und jedes Wort, kann sich aber nicht bewegen oder sprechen. Besonders ergriffen hat mich, wenn Frank Schmerzen oder Beschwerden hatte und nichts dagegen tun konnte, es einfach nur aushalten.

Alice ist mir sehr sympathisch, denn sie identifiziert sich zu einhundert Prozent mit ihrer Arbeit und nimmt sich Zeit für die Patienten. Frank sieht sie als eine Art Therapeut, dem sie alles anvertraut. Seit einigen Jahren ist sie mit David verheiratet und beide versuchen schon lange Eltern zu werden. Bis jetzt erlitt Alice acht Fehlgeburten, was sie verständlicherweise sehr deprimiert. Auch ihre Erfahrungen fand ich sehr bewegend und habe sie gern gelesen.

Dreiviertel des Buches sind meiner Meinung nach eher typisches Drama und kein Psychothriller. Für einen Psychothriller habe ich mehr Spannung und Nervenkitzel erwartet und keine seichte und emotionale Geschichte. Das, was auf dem Buchrücken angekündigt wird, kommt erst ziemlich zum Schluss, aber auch eher seicht. Das Ende kann nicht überraschen, nicht mal mit einem Happy End, oder nur mit einem kleinen. Die Themen dieses Romans sind gut gewählt und keine, die in vielen Büchern behandelt werden, die Umsetzung liegt aber unter meinen Erwartungen.

Nach ihren Studienjahren in Edinburgh verbrachte die in Südengland geborene und aufgewachsene Emily Elgar mehrere Jahre als Reiseschriftstellerin in Südafrika. Später arbeitete sie von New York und Istanbul aus für eine internationale Nichtregierungsorganisation. Inzwischen ist sie in ihre Heimat zurückgekehrt und lebt mit ihrem Mann in der Nähe von London, wo sie für eine Wohltätigkeitsorganisation tätig ist, die sich für Frauen in Not einsetzt. Dieses Buch ist der Debütroman der Autorin.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Schweige nun still | Erschienen am 19. Februar 2018 bei Goldmann
ISBN 978-3-442-48686-1
448 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Inspector Barnaby | Fan-Favoriten

Inspector Barnaby | Fan-Favoriten

Seit nunmehr 21 Jahren, seit 1997, flimmert Inspector Barnaby in unterschiedlichen Besetzungen über die heimischen Fernsehapparate. Insgesamt wurden 19 Staffeln gedreht und die Serie, die auf den preisgekrönten Romanen der Bestsellerautorin Caroline Graham basiert, ist so populär, dass sie in 204 Länder verkauft wurde, 2004 war sie unter den drei meistverkauften britischen TV-Shows weltweit. Wir sprechen also von einer wirklich sehr erfolgreichen britischen Serie.

Am populärsten dürfte die ursprünglich besetzte Figur des DCI Inspector Tom Barnaby sein, dargestellt von John Nettles, der wohl für immer mit dieser Rolle in Verbindung gebracht werden wird, auch wenn er in Folge 8 der 13. Staffel das Zepter an seinen Filmcousin John Barnaby (Neil Dudgeon) übergeben hat, der nun im fiktiven Causton nach Toms Ruhestand die Fäden in der Hand hält.

Üblicherweise bleiben die Ermittler im idyllischen Midsomer County und Causton; die vielen verschlafenen und doch so pittoresken Dörfer boten noch immer ausreichend Nachbarschaftszwist, Affären, Erbstreitigkeiten und viele weitere – zum Teil absurde – Motive die Mord und Totschlag rechtfertigen. Denn um Mord geht es immer. Und zumindest zu Zeiten Tom Barnabys hatte seine Familie – Frau Joyce und Tochter Cully – eigenartigerweise immer eine Art Bezug zu den Geschehnissen. Es war ein cleverer Zug, John Barnaby als Nachfolger seines Cousins Tom Barnaby in der Serie zu installieren. So konnte der Titel bestehen bleiben und die familiären Elemente der Serie wurden ebenfalls berücksichtigt. Aber trotz des Verwandtschaftsverhältnisses: John agiert anders als Tom. Es sind eben zwei unterschiedliche Charaktere.

Nach bisher 28 DVD-Boxen wurde dieses Jahr eine umfangreichere Box mit Fan-Favoriten herausgegeben. Diese umfasst 10 Episoden der Serie, wobei diese nicht chronologisch und Staffel übergreifend ausgesucht wurden. Die Filme im Einzelnen:

  • Tod in Badger’s Drift (Vol. 1)
  • Treu bin in den Tod (Vol. 9)
  • Der Mistgabel-Mörder (Vol. 2)
  • Glockenschlag zum Mord (Vol. 4)
  • Die Blumen des Bösen (Vol. 15)
  • Tief unter der Erde (Vol. 16)
  • Mord mit Groove (Vol. 8)
  • Köpfen ist auch keine Lösung (Vol. 19)
  • Das Biest muss sterben (Vol. 22)
  • Barnaby muss reisen (Vol. 25)

Mich hat es besonders gefreut, dass die Pilotfolge „Tod in Badger’s Drift“ (Erstausstrahlung in Deutschland erst am 26. Juni 2005 im ZDF) in diese Edition aufgenommen wurde, da sie noch immer meine Lieblingsfolge der Serie ist. Es gab viele gute Folgen, doch diese habe ich am häufigsten gesehen und meines Erachtens spiegelt sie das Böse und die Niedertracht im Menschen – dargestellt durch einen jungen Bestatter und dessen Mutter – besonders gut wider.

Offensichtlich ging es anderen ebenso, denn es ist keine Best-of-Box, sondern es sind gewählte Fan-Favoriten, die in Deutschlands größer Krimi-Community Krimi-Kollegen bestimmt wurden. Sie bietet einen schönen Überblick über die Entwicklung und den Wechsel der Ermittler und ihrer Assistenten. Und da es inzwischen schon 28 DVD-Boxen gibt, kann diese Edition ebenso ein Einstieg sein für zukünftige Fans als auch eine schöne zusätzliche Box für bereits überzeugte Wiederholungstäter.

Die Box enthält ein Booklet mit Infos zu den einzelnen Folgen sowie zwei Kühlschrankmagnete mit den Konterfeis der beiden Ermittler Tom und John Barnaby.

 

Inspector Barnaby Fan-Favoriten | Erschienen am 2. März 2018 bei Edel Germany
ASIN: B0791VZ8X3
10 DVDs | 14.99 Euro
Laufzeit: 952 Minuten
FSK 12
Trailer zur 1. Staffel

Dominique Manotti | Kesseltreiben

Dominique Manotti | Kesseltreiben

Kann das Zufall sein? Just als ich Kesseltreiben, den neuen Roman von Dominique Manotti beendet hatte, las ich folgende Nachrichtenmeldung: „Zu wenig Jobs geschaffen. Frankreich droht US-Konzern mit Geldstrafe“. Mal abgesehen davon, dass der bevorstehende Malus von bis zu 34 Mio. Euro General Electric angesichts eines Gewinns von 8,8 Mrd. Dollar nicht unbedingt beeindrucken wird, kommt mit dieser Meldung eine schon vergessene Unternehmensübernahme und ein windiges Wirtschaftsmanöver wieder in die Schlagzeilen. 2015 hatte General Electric die Energie- und Kraftwerkssparte des französischen Großkonzerns Alstom übernommen, nach anfänglich erheblichem Protest der sozialistischen französischen Regierung. Der Übernahme vorangegangen war unter anderem eine Korruptionsermittlung gegen Alstom in den USA. Zuletzt wurde nachträglich aus den Wikileaks-Dokumenten bekannt, wie stark die NSA in Frankreich Wirtschaftsspionage betrieben hatte – offenbar zugunsten amerikanischer Konzerne. Diese und einige andere Fakten nutzt Manotti, um daraus sehr frei einen eigenen Wirtschaftskrimi zu schreiben. Die Firmen im Roman sind fiktiv, allerdings sind die Parallelen zur Realität an einigen Stellen offensichtlich, an anderen frei erfunden (hofft der nicht vollends abgestumpfte Leser zumindest).

Die Kirsche auf der Torte, Nicolas, wenn Sie während der großen Wirtschaftsmanöver aufseiten der Sieger spielen, können Sie ohne Risiko viel Geld machen: Sie werden gleichzeitig am Steuer und an der Kasse sein.“
„Ich bin nicht sicher, ob ich in der Lage bin, solche Spiele zu spielen“ […]
July erhebt ihre Champagnerschale, sie neigt den Kopf, die Flut ihres schwarzen Haars gleitet zu ihrer Schulter, verleiht ihrem Lächeln Tiefe.
„Seien Sie kein Angsthase, Nicolas, setzen Sie auf Krise“. (Seite 68)

Der Roman beginnt mit einer Festnahme: François Lamblin, ein Manager des französischen Konzerns Orstam, wird am Flughafen JFK in New York vom FBI verhaftet. Vorwurf: Beteiligung an einem Korruptionsgeschäft in Indonesien. Lamblin ist entgeistert, es hatte zwar innerbetrieblich eine Reisewarnung gegeben, doch in der Rechtsabteilung der Firma hatte man seine Zweifel zerstreut. Hat man ihn ins offene Messer laufen lassen? In Frankreich unternimmt die Geschäftsführung von Orstam wenig, informiert nicht einmal die Behörden. Der Geschäftsführer beauftragt den jungen aufstrebenden Nachwuchsmanager Nicolas Barrot, die Geschichte klein zu halten. Die Belegschaft ist verstimmt, über Kontakte erfährt ein Ermittler des Nachrichtendienstes der Pariser Polizeipräfektur von der Sache.

Dort, in der Sektion Wirtschaftliche Sicherheit, bekommt man noch einen zweiten Fall auf den Tisch. Ludovic Castelvieux ist ein Krimineller, der in Montreal mit der Mafia Geldwäsche für die PE-Credit, eine Bank des US-Konzerns Power Energy (PE), betrieben hat. Ihm ist nach zwei Leichenfunden in Kanada der Boden zu heiß geworden. Sein Millionenhonorar wurde allerdings eingefroren, sein Kontaktmann in Paris hält ihn hin. So sucht er Kontakt zur Polizei, um sich als Kronzeuge anzudienen. Ein zweiter Kontakt kommt allerdings nicht zustande. Castelvieux ist spurlos verschwunden. Ermordet? Die Überraschung ist groß, als sich eine Verbindung abzeichnet: Der Kontakt Stevie Buck war Banker auf den Caymans in Diensten der PE und nun sitzt er im Management von Orstam. Was planen die Amerikaner?

Es entwickelt sich ein komplexer, aber durchweg spannender und furioser Wirtschaftskrimi. Auf der einen Seite ein amerikanisches Großunternehmen, das sich die wichtigste Sparte eines französischen Konzerns einverleiben will und alle Register zieht. Justizanklage wegen Korruptionsaffären in der dritten Welt, Industriespionage, Einschüchterung, Erpressung, sogar Mord? Der Chef der Franzosen wird unter Druck auf Linie gebracht und kooperiert. Gegner innerhalb des französischen Konzerns werden systematisch ausgebootet. Unter den französischen Wirtschaftseliten gibt es zudem weitere Unterstützer. Auf der anderen Seite ein dreiköpfiges Team des Inlandsnachrichtendienstes, angesiedelt bei der Pariser Polizei. Die sammeln Beweise, observieren, hören ab, finden nach und nach heraus, worum es in dieser Sache wirklich geht, schreiben Berichte, lancieren Dossiers. Und dringen nach oben nicht durch. Ihre Appelle verhallen ungehört bzw. werden nicht wirklich ernst genommen.

„Wir haben unsere Arbeit gemacht. Wir dürfen stolz sein.“
„Und es interessiert kein Schwein. Wir dürfen verzweifelt sein.“ (Seite 336)

Die Autorin gönnt sich, ihre zwei wiederkehrenden Protagonisten aus vorherigen Büchern in diesem Krimi aufeinandertreffen zu lassen. Hauptfigur ist aber Noria Ghozali. Die zornige Polizeianfängerin in Roter Glamour und gereifte interne Ermittlerin in Einschlägig bekannt ist inzwischen fast 50 und nach einer karrieretechnischen Fehlentscheidung in einer beruflichen Sackgasse angekommen. Als Leiterin eines Drei-Mann-Teams in der Sektion Wirtschaftliche Sicherheit des Nachrichtendienstes. Fachlich ohne echte Ahnung findet sie jedoch direkt den Draht zu ihren beiden jüngeren männlichen Kollegen und sie bilden ein gut zusammenarbeitendes Team. Diese Teamarbeit und Kollegialität wird übrigens sehr betont beschrieben. Noria holt sich außerdem Rat bei Théo Daquin. Der Kommissar aus vier früheren Büchern ist inzwischen aus dem aktiven Polizeidienst ausgeschieden und doziert nun als Elder Statesman an der Polizeihochschule. Daquin nimmt aber nur eine Nebenrolle ein.

Dominique Manotti erzählt diesen Roman wie gewohnt schnörkellos, präzise, in schnellen Ortswechseln, Perspektivwechseln und im Präsens. Trotz ihres verknappten Stils bleiben die wichtigsten Figuren aber nicht oberflächlich, sondern stets plausibel in ihren Handlungen. Der Spannungsbogen bleibt konstant hoch, obwohl der Ausgang der Geschichte erahnt wird. Es ist einfach ganz große Kunst, wie Manotti hier das Einmaleins einer feindlichen Übernahme durchspielt. Mit der Erkenntnis, dass es im Grunde nur um drei Dinge geht: Geld, Macht und Sex. Ich bin als bekennender Fan der Autorin möglicherweise voreingenommen, aber Kesseltreiben ist ein restlos überzeugender Kriminalroman.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Kesseltreiben | Erschienen am 22. Mai 2018 im Argument Verlag
ISBN 978-3-86754-231-9
398 Seiten | 20,- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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