Kategorie: Ermittler

Rezensent

Katharina Peters | Todeswoge Bd. 3

Katharina Peters | Todeswoge Bd. 3

„Wir hatten in den letzten Jahren nur noch unregelmäßig Kontakt, aber es gibt immer einen Termin, den Ingo nie vergisst – meinen Geburtstag. Das klingt pathetisch, vielleicht sogar albern, doch so war es, und zwar seit ungefähr zwanzig Jahren. In diesem Jahr meldete er sich allerdings nicht, auch später ließ er nichts von sich hören.“ (Auszug Seite 14)

Emma Klar, Privatdetektivin in Wismar, bekommt einen Auftrag von einer besorgten Frau, die ungewöhnlicherweise keinen Geburtstagsgruß von ihrem Schulfreund erhalten hat und ihn als vermisst meldet. Emma beginnt sofort mit der Recherche und braucht nicht lange, um die ersten Hinweise zu finden. Der vermisste Ingo Beyer stand vor einigen Jahren wegen Kindesmordes vor Gericht, wurde aber freigesprochen. Hat sein Verschwinden damit etwas zu tun? Schnell spitzt sich der Fall zu und Emma erkennt, dass es hier um viel mehr geht und sie Hilfe von der Polizei, speziell von ihrer Freundin vom BKA, benötigt.

Ein komplexer Fall

Todeswoge von Katharina Peters ist der dritte Ostsee-Krimi um Emma Klar und der zweite Fall, in dem sie als Privatdetektivin arbeitet. Diese Geschichte liest sich durchgängig so flüssig und gleichbleibend interessant, dass ich die gut dreihundert Seiten an einem Sonntag verschlungen habe. Aus einer einfachen Suchauftrag ergibt sich schnell ein komplexer Fall, der seinen Ursprung schon vor fast zwanzig Jahren hatte und jetzt aktuell wieder aufbrandet. Dabei verhält es sich keineswegs, wie alle Involvierten zunächst annehmen, der Lauf der Ermittlungen ändert sich immer wieder.

Eine ehemalige LKA-Mitarbeiterin…

Der Krimi wird relativ seicht beschrieben, es kommt zu keinen blutigen Vorkommnissen. Emma Klar wird ihrer Rolle als ehemalige LKA-Mitarbeiterin, die auch gern mal Grenzen übertritt und nicht immer ganz besonnen agiert, am Ende aber doch den richtigen Riecher hatte, gerecht. Als Privatdetektivin entzieht sie sich vielen Regeln, die sie im Polizeiapparat beachten müsste, hat aber auch nicht den vollen Zugriff auf alle Hilfsmittel, um schnell Informationen zu erhalten. Dafür kennt sie eine Menge Leute, auch noch von früher, die ihr dabei helfen.

…und die Liebe

Die Protagonistin hat in diesem Buch eine neue Liebe, die sie bereits in ihrem ersten Buch kennengelernt hat und die ihr bei den Ermittlungen hilft. Die beiden wirken auf mich wie ein eingespieltes Team und sehr sympathisch.

Mir persönlich hätte die Ostsee in der Genre-Bezeichnung noch etwas mehr Programm sein können. Der Krimi spielt sich hauptsächlich in den Hansestädten Wismar und Rostock ab, es geht aber auch weiter ins Innere von Mecklenburg und bis nach Berlin.

Lesung in Rostock

Am 11. September 2018 war ich zu einer Lesung der Autorin in Rostock. Sie hat dort etwa eine Stunde vorgelesen, was allein schon ein Highlight war, da sie das Gelesene und die Dialoge sehr gut betont hat und mit Mimik und Gestik war es fast wie im Theater. Das Vorlesen hat sie bei ihren Söhnen perfektioniert, denn denen hat sie immer lieber vorgelesen als zu puzzeln oder Laternen zu basteln. Außerdem hat die Autorin erzählt, dass ihr Pseudonym Katharina Peters der Mädchenname ihrer Mutter ist, die selbst gern an der Ostsee und auf Rügen war. Ihre Ideen zu den neuen Büchern entnimmt sie allen möglichen Alltagssituationen. Aktuell schreibt die Autorin drei Reihen beim Aufbau-Verlag, von denen jeweils jährlich ein neuer Fall erscheint. Der neue Emma Klar-Krimi ist bereits geschrieben und wird im nächsten Jahr veröffentlicht.

Katharina Peters ist das Pseudonym für die Autorin Manuela Kuck. Sie wurde 1960 in Wolfsburg geboren und hat Germanistik und Kunstgeschichte studiert. Heute lebt Manuela Kuck mit ihrer Partnerin, zwei Hunden und vier Katzen als freie Autorin im südöstlichen Berliner Umland und veröffentlicht Regionalkrimis, Romane, Frauenliteratur und Kurzgeschichten. Außerdem ist sie zehnfache Berlin-Marathon-Finisherin und begeistert sich für Aikido, eine japanische Kriegskunst.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Todeswoge | Erschienen am 15. Juni 2018 bei
ISBN 978-3746634159
317 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Katharina Peters Romanen Todesstrand Bd. 2, Leuchtturmmord und Herztod.

Luis Sellano | Portugiesische Tränen

Luis Sellano | Portugiesische Tränen

Portugiesische Tränen von Luis Sellano, ein Lissabon-Krimi mit viel Action

Der Roman spielt nicht nur und ausschließlich in Lissabon, er handelt auch hauptsächlich von Lissabon, die Stadt am Tejo ist Hauptdarsteller und stets präsent. Auf Schritt und Tritt begleiten wir Henrik Falkner auf seinen Wegen durch die unterschiedlichsten Stadtteile, vorbei an mancher Sehenswürdigkeit und hinein in außergewöhnliche Gebäude. Sellano (das Pseudonym eines deutschen Autors) hat es sich ganz offensichtlich zur Aufgabe gemacht, dem Leser die Schönheiten und Besonderheiten Lissabons näher zu bringen. Und dieser Städtetrip der besonderen Art macht auch wirklich Spaß, selbst wenn die Stationen der Rundgänge etwas übertrieben genau verortet werden. Ich muss nicht unbedingt jede Straße und Gasse, jede Kreuzung und jeden noch so kleinen Platz mit Namen kennenlernen. Das besondere Flair, die Stimmung der Frühlingsabende, die einzigartige Atmosphäre in den historischen Vierteln der Stadt mit ihren alten, kleinen und dunklen Häusern, den engen, steilen und verwinkelten Gassen. Die Alfama, Mouraria und Graça, sozusagen die Altstadt, geben die Kulisse ab für die aufregenden Abenteuer des ehemaligen Polizisten Henrik Falkner.

Sellano liefert einen soliden Krimi ab, gut strukturiert, mit einem schlüssigen Plot, der folgerichtig voranschreitet, mit ordentlichem Tempo, das fast über den gesamten Roman beibehalten wird und sich zum Ende hin wie es sich gehört noch einmal ordentlich steigert, mit jeder Menge Action und durchweg beträchtlichem Nervenkitzel, dazwischen der richtigen Dosis Entspannung und auch unerwartet heiteren oder humorvollen Abschnitten. Dabei schreibt Sellano sehr gefällig, mühelos und mit Genuss kann man seinen schönen Milieustudien der Stadt und ihrer Einwohner folgen, wobei wir seltsamerweise kaum einen Portugiesen kennenlernen, aber das ist vermutlich dem Thema dieses Romans geschuldet.

Es geht nämlich um die Jagd nach einem gestohlenen Koi, nicht irgendeinem Koi, sondern einem Purachinagoi, einem platinfarbenen Koi, der ein vollendetes Ebenbild des Gottfisches darstellt. Einer japanischen Legende zufolge verleiht er seinem Besitzer nicht nur besonderen Mut, sondern letztlich Unsterblichkeit, im übertragenen Sinn. So jedenfalls erklärt es Hitomi Tadokoro, die für eine Versicherungsgesellschaft hinter dem verschwundenen Karpfen herjagt. Henrik hat für derlei Aberglauben nur ein Achselzucken übrig. Er erkennt, dass es vielmehr um Macht und Kontrolle geht, basierend auf Reichtum und Besitz.

Auf die Spur der geheimnisvollen Japanerin hatte ihn eine Telefonnummer geführt, gefunden auf einem schmalen Stück Papier, das eine Flasche mit kostbarem Hibiki versiegelte, einem japanischen Whisky. Die war versteckt in einer verstaubten Kiste in seinem Antiquariat, das ihm sein Onkel Martin vererbt hat, zusammen mit einer Unmenge geheimnisvoller Hinweise auf ungeklärte Verbrechen, die er dokumentiert hat, seit sein Lebensgefährte ums Leben kam, getötet von einem Unbekannten. Martin Falkner hatte eine steile Karriere bei der Staatsanwaltschaft vor sich, zog es aber vor, seiner Liebe João de Castro, einem Künstler, nach Lissabon zu folgen. In Diensten der Bundesregierung im konservativen deutschen Justizapparat hätte er sich wohl kaum zu seiner Homosexualität bekennen können. Bei seiner Suche nach dem Mörder seines Lebenspartners stößt er auf weitere Verbrechen, an deren Aufklärung die Behörden wohl kein Interesse hatten, offenbar auf Druck korrupter Politiker, wichtiger Wirtschaftsbosse und einflussreicher Industrieller, denen seine Recherchen sicher ein Dorn im Auge waren. Als er schließlich einem Herzinfarkt erliegt, bezweifeln einige Freunde und Bekannte die Todesursache, auch Henrik glaubt nicht an diese Version.

Er will die Wahrheit herausfinden, und er geht den versteckten Zeichen seines Onkels auf ungesühnte Gewalttaten nach und führt so dessen Suche nach Gerechtigkeit fort. Damit bringt er sich ebenso in Gefahr, und immer wieder auch Personen in seinem Umfeld. Catia, seine einzige Angestellte, ist vor ein paar Monaten entführt worden. Schließlich kam eine Karte von ihr, auf der sie kurz mitteilte, sie sei bald wieder freigelassen worden und lebe nun bei einer Freundin auf São Miguel und solange Henriks Feinde auch sie im Visier hätten, wünsche sie keinerlei Kontakt. Henrik glaubt die Geschichte nicht recht, ebenso wenig wie sein Freund Renato Fernandez, ein Travestiekünstler und einer aus dem buntgemischten Völkchen seiner meist säumigen Mieter. Er hat schon Henriks Onkel im Antiquariat geholfen und bringt sich mehrfach durch unbedachte und leichtsinnige Aktionen in größte Gefahr und zieht sich gleichzeitig den Ärger von Inspetora Helena Gomes von der Divisão de Investigação Criminal der Lissabonner Polizei zu. Die beiden sind ineinander verliebt und mittlerweile heimlich ein Paar, aber mit seinen gegenwärtigen Aktivitäten auf eigene Faust bringt er seine Freundin gegen sich auf, zumal er für sich behält, was er bei seinen Recherchen herausfindet.

Henrik hat seinen Onkel nie kennengelernt. Die mysteriösen Umstände der beiden Todesfälle, das Verschwinden von Catia und nun der gestohlene, äußerst wertvolle Fisch. Henrik hat eine Menge Arbeit vor sich, da bleibt keine Zeit für das Antiquariat. Die aktuelle Jagd nach dem Koi führt ihn schließlich zu Professor Makoto Udagawa, einem hochrangigen Diplomaten der japanischen Botschaft, dessen Tochter vor einem Jahr verschwunden ist. Er ist es, der zur gleichen Zeit den sagenumwobenen Fisch stehlen ließ, offenbar mit Hilfe von Martin Falkner. Nun ist ihm das Tier seinerseits geraubt worden, und Henrik soll sowohl den Koi als auch das Mädchen finden. Bei seinen Nachforschungen ahnt Henrik, auf was er sich da eingelassen hat. Hitomi Tadokoro ist nicht die erste, die wegen des Wunderfisches gestorben ist, und sie wird nicht die letzte bleiben. Das hindert Henrik nicht daran, sich mit gefährlichen und mächtigen Gegnern anzulegen, selbst als er auf offener Straße von einem alten Gegenspieler bedroht und von einem anderen zusammengeschlagen wird. Unverdrossen rappelt er sich nach allen Rückschlägen und auch nachdem er mehrfach knapp mit dem Leben davongekommen ist wieder auf, büxt sogar schwer verletzt aus dem Krankenhaus aus, um seine Mission zu erfüllen. Immer wieder wagt er sich auf höchst gefährliches Terrain, und Sellano hat sich wahrlich beeindruckende Schauplätze und imposante Kulissen ausgedacht für die turbulenten Aktionen und heiklen Situationen, die sein Held überstehen muss. Das mitzuerleben macht richtig Spaß, denn Sellano schafft es hervorragend, den Akteuren die ganz große Bühne für ihre Auftritte zu bereiten, in vielen Momenten ist die Spannung greifbar, eine knisternde Atmosphäre begleitet die Szenen, in denen es für Henrik um Leben oder Tod geht. Aber auch in den eher ruhigen, gemächlichen Passagen gelingen schöne Dialoge und stimmungsvolle Milieustudien.

Zum einigermaßen glücklichen Ende ist zumindest das Rätsel um den verschwundenen Koi gelöst, andere Fragen bleiben weiter offen, und auch hinter der Beziehung von Henrik und Helena steht ein Fragezeichen. Dass Sellano diese Handlungsfäden im folgenden Roman weiterspinnen will, ist offensichtlich und legitim. Dass er aber nach dem Schlusspunkt noch zwei ganze Kapitel weiterschreibt, deren Inhalt bereits zu diesem nächsten Buch der Reihe gehört, nervt den Leser mit allzu dreisten Cliffhangern. Bedauerlicherweise finden sich im Text außerdem einige auffällige und ärgerliche Fehler. Dass der bekennende Lissabon- und Portugal-Liebhaber Sellano mit der portugiesischen Sprache (noch?) auf Kriegsfuß steht, sei verziehen, aber dass er die Saudade ständig „der Saudade“ nennt, das tut weh! Und warum der Koreanische Arbeiter in einer Fischfabrik einen vietnamesischen Namen hat, bleibt auch sein Geheimnis. Aber einige schludrige Formulierungen hätte Sellano durchaus vermeiden können. „Anziehsachen“ ist ein Ausdruck, den heute leider viele Menschen, und nach meiner Wahrnehmung alle Jugendlichen verwenden, ein Schriftsteller sollte noch die schönen Worte „Kleidung“ oder „Kleider“ kennen. Ein einigermaßen sorgfältiger Lektor hätte auch etliche Grammatikfehler, Patzer in der Wortwahl und auch mehrere Druckfehler entdeckt.

Wenn ich diese vermeidbaren Ausrutscher nicht zu hoch bewerte, verdient Portugiesische Tränen in der Wertung 4.0 von 5.0.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Portugiesische Tränen | Erschienen am 10. April 2018 bei Heyne
ISBN 978-3-453-41946-9
352 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Volker Klüpfel & Michael Kobr | Kluftinger Bd. 10

Volker Klüpfel & Michael Kobr | Kluftinger Bd. 10

Einen Kluftinger-Krimi im wahrsten Sinne des Wortes kredenzen uns die beiden Autoren Volker Klüpfel und Michael Kobr zum Jubläum: zum zehnten Mal ermittelt der Allgäuer Kommissar auf seine unnachahmliche Art, diesmal sogar in eigener Sache.

Kommissar Kluftinger aus Altusried im Allgäu hat mittlerweile reichhaltige Erfahrungen in der Ermittlungsarbeit vorzuweisen. So scharfsinnig er seine Fälle löst , so tollpatschig ist er oft, technischen Neuerungen nicht gerade aufgeschlossen gegenüber und immer bereit, in so manches Fettnäpfchen zu treten. Gegen die gut gemeinten Bevormundungen seiner Eltern und seiner Frau kommt er nicht wirklich an, obwohl er mittlerweile stolzer Opa ist. Sein spezieller „Freund“ ist der stets allwissende und sich einmischende Dr. Langhammer (in diesem Buch auch noch Besitzer eines aufdringlichen Hundes), den er immer wieder versucht, außen vorzulassen – was ihm allerdings auch nicht gelingt. In Kluftiger erfahren wir sogar seinen bisher unbekannten vollen Vornamen. In seiner Freizeit spielt er die große Trommel in der örtlichen Musikkapelle und wirkt bei einem Laienspieltheater mit. Eine besondere Vorliebe hat er für die Kässpatzen seiner Frau Erika und seinen uralten VW Passat.

Kluftinger wird beim alljährlichen Friedhofsrundgang mit seiner Familie zu Allerheiligen auf eine immer größer werdende Menschenansammlung aufmerksam; eine sich aus der Menge lösende Frau stößt bei seinem Anblick einen spitzen Schrei aus. Natürlich will er nun wissen, was da los ist. Als er es endlich bis zu dem frisch angelegten Grab geschafft hat, wird ihm ganz anders: auf dem Holzkreuz steht sein eigener Name. Ist das nun ein dummer Streich oder hat es jemand auf ihn abgesehen?

Eine erste Spur tut sich auf, als er einen Anruf von Heinz Rösler erhält, einem ehemals legendären Seriendieb, der ihm bei der Aufklärung bei einem seiner spektakulärsten Fälle, einem Kunstraub, geholfen hatte. Rösler teilt ihm mit, dass der an diesem Kunstraub beteiligte Albert Mang, genannt der Schutzpatron, wieder in der der Nähe ist und eventuell hinter der Sache stecken könnte. Als Kluftinger von Dr. Langhammer (natürlich) darauf aufmerksam gemacht wird, dass es sich bei dem Spruch auf dem Kreuz um ein Zitat von Albertus Magnus handelt, ist Kluftiger sich ziemlich sicher, dass Rösler ihn auf die richtige Spur gebracht hat. Dazu passt auch, dass in einem Museum oberhalb des Kochelsees ein wertvolles Gemälde, das den Friedhof (!) von Kochel darstellt, trotz hochmoderner Sicherheitsvorkehrungen gestohlen wurde.

Kurz darauf taucht in der Zeitung eine Todesanzeige mit seinem Namen und dem Spruch „We’ll fly you to the promised land“ auf, ein Spruch, der ihn an ein Ereignis in seiner Jugend erinnert, ein dunkles Kapitel, dass er bisher erfolgreich verdrängt hatte.

Die anderen fünf erhoben sich, bildeten einen Kreis, und jeder streckte die rechte Hand so in die Mitte, dass sie sich alle über der Glut trafen. Ich schwöre, über die Sache heute abend mit niemandem außer der Clique zu sprechen, egal, was kommt. Für immer und ewig. Auf Leben und Tod“, sagte Hotte eindringlich, und alle sprachen die Worte murmelnd nach. (Seite 151)

Das damals erlebte war wohl für Kluftinger auch mit einer der Gründe, später in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und ebenfalls Polizist zu werden. Im weiteren Verlauf der Handlung taucht noch ein weiterer Hinweis des Täters auf: in der Kirche findet seine Mutter beim Rosenkranzgebet Sterbebildchen, darauf ein ca. dreißig Jahre altes Foto von Kluftinger.

Das Bild sah aus, als habe man es von einem anderen kopiert. Er stutzte. War das nicht das Portrait, das er beim Fotografen hatte machen lassen, für seinen ersten Dienstausweis als Steifenpolizist? Es war auch einmal in einer Zeitung veröffentlicht worden, damals, bei seinem ersten großen Fall am Funkensonntag. Dieser grauenvollen Geschichte, in die er nur durch Zufall hineingeraten war und die doch so viel verändert hatte. (Seite 279)

Kluftinger hat es somit gleich mit Spuren zu drei alten Fällen zu tun, die einen eventuellen Täter veranlassen könnten, ihm nach dem Leben zu trachten.

In Kluftinger, dem mittlerweile zehnten dieser Reihe, geben die Autoren auch Einblick in die Jugendzeit von Kommissar Kluftinger, sowohl in negative (mit seiner alten Clique) als auch in positive Ereignisse; sehr schön der mit Augenzwinkern geschilderte erste Besuch seiner damaligen Freundin Erika (seiner jetzigen Ehefrau) bei seinen Eltern, aber auch die erste Begegnung mit seinem späteren, damals noch jugendlichen, Intimfeind Dr. Langhammer. Man erfährt auch, wie Kluftinger durch seine Mitarbeit in einem spektakulären Mordfall vom einfachen Steifenpolizisten zum Kripobeamten wird und dass er einstmals die Bewerbung eines mittlerweile auch berühmten Kommissars (ein wunderbarer Seitenhieb der Autoren, gemeint ist der Garmisch-Partenkirchener Kommissar Jennerwein, Alpenkrimilesern wahrscheinlich ebenfalls bestens bekannt) als neuer Mitarbeiter für sein Team abgelehnt hat. Auch die bisher bekannten Sticheleien unter den Kollegen sind wieder dabei, allerdings muss sich Eugen Strobl bei den Autoren irgendwie unbeliebt gemacht haben. Der kommt diesmal ziemlich schlecht weg, andererseits spielt er aber auch eine bedeutende Rolle, als es für Kluftinger gefährlich wird.

Was den Plot besonders auszeichnet, ist die Verknüpfung von bisherigen Fällen des Kommissars, sowohl von uns Lesern bisher unbekannten Mordfällen als auch dem aus Band sechs (Schutzpatron) bekannten Kunstraub. Mit dieser genialen Idee, die Kluftingers neuen Fall zwischen Vergangenheit und Gegenwart ansiedelt und nicht nur den Kommissar, sondern auch uns Leser immer wieder von einer augenscheinlich sicheren Spur abbringt, haben die Autoren etwas besonderes für den Jubiläumsfall geschaffen.

Die auch in der Vergangenheit unterschiedlichen Handlungsstränge sind in einem sich stetig steigernden Spannungsbogen verknüpft. Aber auch der aus den bisherigen Romanen bekannte Humor kommt nicht zu kurz. Etwas, was mir immer sehr gut gefällt, weil er Kluftinger auch sehr sympathisch macht: ein gewiefter Kommissar mit Fehlern und Schwächen, die er nicht so gerne zugibt (zum Beispiel die Schwierigkeiten des Enkelhütens, denen er versucht, mit technischen Möglichkeiten Herr zu werden), ihn aber sehr menschlich rüberkommen lassen.

Fazit: Alles in allem ein sehr gelungener Roman, Lesevergnügen pur. Für mich mit einer der besten der Reihe und auf jeden Fall empfehlenswert. Ob der Schlussabsatz bereits auf den nächsten Fall hinweist? Ich bin gespannt!

Volker Klüpfel, Jahrgang 1971, stammt wie der Kommissar aus Altusried und lebt mit seiner Familie im Allgäu, studierte in Bamberg Politikwissenschaft und Geschichte. Nach einer Tätigkeit bei einer Zeitung in den USA, der Augsburger Allgemeinen und beim Bayrischen Rundfunk entschied er sich jedoch endgültig für die Schriftstellerei.
Michael Kobr, Jahrgang 1973, geboren in Kempten/Allgäu, lebt mit seiner Familie im Unterallgäu, studierte in Erlangen Germanistik und Romanistik und arbeitete zunächst als Realschullehrer, diese Tätigkeit gab er (zum Glück) zugunsten der Schriftstellerei auf.

Die bisherigen Bücher brachten ihnen bereits mehrfach Auszeichnungen ein; mittlerweile halten sie an unterschiedlichsten Orten stets gut besuchte Lesungen mit schauspielerischem Einsatz, vor kurzem lieferten sie sich sogar in SAT 1 ein Krimi-Duell mit einem tatsächlichen Ermittler, das sie – wenn auch knapp – gewannen. Man darf auf Weiteres gespannt sein.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Kluftinger | Erschienen 27. April 2018 bei Ullstein
ISBN 978-3-550-08179-8
480 Seiten | 22.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezensionen zu Grimmbart, dem 8. Band dieser Reihe, auf krimirezensionen.de

Claudia Piñeiro | Der Privatsekretär

Claudia Piñeiro | Der Privatsekretär

Wieder wäre ich am liebsten mit den Fäusten auf ihn losgegangen. Aber damit hätte ich mir keinen Gefallen getan. Das Spiel um die Macht, das zwischen uns ausgetragen wurde,entschied sich auf einem anderen Feld und bei einer anderen, womöglich kaum wahrnehmbaren Gelegenheit. Irgendwann würde es so weit sein, dass er, der Herr, seinem Knecht unterlegen wäre. Aber wie würde ich merken, dass dieser Augenblick gekommen wäre. Nun – er war es, jetzt. (Auszug Seite 211).

Der junge Román Sabaté bewirbt sich mehr durch Zufall für einen Job bei „Pragma“, einer aufstrebenden populistischen Partei in Argentinien. Der Parteichef Fernando Rovira ist ein charismatischer Mann, der nur ein Ziel kennt: Das Präsidentenamt. Román schafft es bis in den innersten Zirkel um Rovira und erkennt irgendwann das Ausmaß der Polittricks, Lügen und Manipulationen. Doch sein Versuch, aus diesem Netz auszubrechen, wird für Román höchstgefährlich.

Der Roman beginnt mit einer Flucht: Román wartet im Busbahnhof auf einen Bus, der ihn aus Buenos Aires herausbringen soll. Aber er tritt die Flucht nicht alleine an: Er hat Joaquín bei sich, Fernando Roviras kleinen Sohn. Die Geschichte wird nun abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven erzählt und mit Rückblicken wird offenbart, wie es so weit kommen konnte.

Román Sabate ist gerade erst nach Buenos Aires gezogen, benötigt dringend Geld, um sich über Wasser zu halten und probiert es einfach mal bei dem Vorstellungsgespräch bei dieser Partei „Pragma“, zu dem ihn sein Zimmergenosse Sebastián Petit mitgeschleppt hat. Anders als sein Kumpel, der Politikwissenschaft studiert, hat Román mit Politik nicht viel am Hut, trotzdem erhält überraschend er den Job und nicht Sebastián (der allerdings später über Román in die Partei kommt). Der Parteichef Fernando Rovira hält von Anfang an große Stücke auf Román, obwohl dieser nicht unbedingt ein politischer Stratege ist. Román wird Privatsekretär und Fitnesstrainer von Rovira und erhält auch Zugang zu dessen Frau und später zu dessen Sohn. Doch nach und nach wird in dieser Geschichte Unglaubliches aufgedröselt, eine Manipulation ungeheuren Ausmaßes, in der Rovira Román verwickelt hat und die diesen schließlich veranlasst, sich Rovira entgegenzustellen. Dabei erhält er Unterstützung durch die Journalistin Valentina Sureda (wegen ihrer asiatischen Augen „China“ genannt), in die sich Román verguckt hat (und umgekehrt). China ist Reporterin eines TV-Senders und schreibt gerade ein Buch, durch das sie Kontakt zu Rovira und Román hat. Dieses Buch (das in Skizzenform auch als Kapitel in diesem Roman vorkommt) handelt vom sogenannten Alsina-Fluch. Ein hartnäckiger Fluch, der von allen Politikern in Argentinien bestritten wird und doch im Verborgenen durch den verbreiteten Aberglauben das Handeln bestimmt. Dieser Fluch besagt, dass es keinem Gouverneur der Provinz Buenos Aires (zu dem die Hauptstadt wegen eines Sonderstatus nicht gehört) gelingt, argentinischer Präsident zu werden. Besondere Bedeutung erlangt dabei die Planstadt und Provinzhauptstadt La Plata, um deren Gründung sich ebenfalls merkwürdige Gerüchte ranken.

Fernando Rovira war erfolgreicher Bauunternehmer, bevor er dann in die Politik ging, eine Bürgerbewegung gründete und bei der Wahl des Gouverneurs gewann. Doch Rovira weiß um diesen Fluch, er hat einen umtriebigen Spin-Doctor und eine Mutter, die so etwas wie eine Seherin ist, die ebenfalls darauf hinarbeiten, diesen Fluch zu bezwingen. Und so arbeitet Rovira verbissen auf sein Ziel, das Präsidentenamt, hin und ist sich dabei keiner Täuschung und poltischen Instrumentalisierung zu schade. Sein wichtigstes politisches Projekt aktuell: Die Teilung der Provinz Buenos Aires in zwei neue Provinzen, um damit den Fluch zu brechen.

Sehr faszinierend ist der Einblick in die Mechanismen der Macht, den die Autorin hier bietet. Eine sklavische Unterordnung an Umfragewerte, Meinungsbilder und Statistiken, garniert mit einer großen Portion Aberglaube. Fernando Rovira ist eine dieser skrupellosen, populistischen, aber charismatischen Politaufsteiger, die ohne große eigene Visionen sich allerlei Tricks und Lügen (und Schlimmeres) zu Nutze machen. Dies fällt irgendwann auch Román auf, der dann auf einer Busfahrt ein Aha-Erlebnis hat. Er kommt ins Gespräch mit einer Philosophielehrerin, die ihn auf Hegels Dialektik von Herr und Knecht aufmerksam macht. Obwohl das Verhältnis eindeutig scheint, sich der Knecht untergeordnet hat, ist der Herr in Wirklichkeit ebenfalls von seinem Knecht abhängig.

Autorin Claudia Piñeiro ist eine der erfolgreichsten argentinischen Autoren. Sie schreibt auch Kinder- und Jugendbücher, arbeitet als Regisseurin und beim Theater. Piñeiro ist studierte Wirtschaftswissenschaftlerin und arbeitete vor ihrer schriftstellerischen Karriere als Rechnungsprüferin. Ihr Debütroman „Ganz die Deine“ erschien 2003. Ihre Romane sind zumeist Dramen mit aktuellen gesellschaftlichen Themen, oftmals verpackt in eine Kriminalgeschichte.

Der Privatsekretär ist ein wirklich exzellent komponierter Roman. Die ganzen Perspektivwechsel, Rückblenden und Buchauszüge fügen sich sehr gekonnt zu einer starken Geschichte zusammen. Auch die Figuren überzeugen in ihren jeweiligen Rollen. Was ich bemerkenswert fand: Der Roman zeigt den Niedergang einer demokratischen politischen Kultur und kommt gleichzeitig ohne politische Themen aus. Wofür Rovira und „Pragma“ eigentlich stehen, bleibt völlig offen. Entscheidend ist die entblößende Darstellung und Analyse eines Politikstils der Täuschung und Machtgier ohne Inhalte. Trotz der anspruchsvollen Konzeption des Romans gelingt Claudia Piñeiro auch noch ein gelungener Spannungsbogen. Lediglich das Ende fühlte sich (ohne zu spoilern) relativ unspektakulär an, bietet aber dafür eines der großartigsten Schlussbilder, die ich bisher in einem Thriller gelesen habe. Das Buch ist definitiv ein Highlight in diesem Jahr!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Privatsekretär | Erschienen am 1. Februar 2018 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-31014-8 (EPUB)
eBook: 288 Seiten | 18.99 Euro
ISBN 978-3-293-00534-1 (Hardcover)
320 Seiten | 22. Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Karen Ellis | Die im Dunkeln

Karen Ellis | Die im Dunkeln

„Als er die Augenbinde abnimmt, kann sie zuerst gar nichts erkennen. Die undurchdringliche Dunkelheit ist finsterer als alles, was sie je erlebt hat, und nichts zu sehen, verwirrt sie. Von irgendwoher muss jedoch ein wenig Helligkeit kommen, denn allmählich gewöhnen sich ihre Augen an die Lichtverhältnisse ihrer Umgebung.“ (Auszug Seite 255)

Elsa Myers wird zu dem Fall der vermissten Ruby gerufen. Als FBI-Expertin für verschwundene Kinder und Jugendliche soll sie dem örtlich zuständigen Detective Lex bei der Suche helfen. Nach einigen Befragungen findet sich schnell eine Spur und Ruby ist anscheinend nicht das einzige Opfer. Zudem wird der Fall persönlich für Elsa. Kann sie die Mädchen retten?

Elsa ist Anfang vierzig und muss ihre volle Aufmerksamkeit nicht nur auf den aktuellen Vermisstenfall lenken, sondern trauert ebenfalls um ihren Vater, der im Sterben liegt. Mit der Trauer um den Vater und dem Verkauf des einstigen Elternhauses kommen auch die Erlebnisse ihrer Kindheit wieder hoch und Elsa kämpft dagegen an, dass sie übermächtig werden.

Leider nichts Neues

Die im Dunkeln von Karen Ellis ist meiner Meinung nach ein solider Thriller, in dem es um die Suche nach den vermissten Jugendlichen und Elsas Vergangenheit geht. Diese Konstellation ist leider nichts Neues. Die Geschichte liest sich jedoch flüssig und ich konnte alle Zusammenhänge gut erfassen. Das Buch wird in Tage untergliedert, die jeweils in weitere Kapitel geteilt sind. Vorrangig wird aus jetziger Sicht von Elsa geschildert, ab und zu bekommen die Opfer oder der Täter eine Stimme oder es werden Episoden aus Elsas Kindheit beschrieben.

Vergangenheitsbewältigung

Die Protagonistin ist mir grundsätzlich sympathisch. Was die Suche nach Ruby angeht, konnte ich mich gut in sie hineinversetzen und Entscheidungen nachvollziehen. Zum Ende hin wurde mir ihre Kindheit allerdings etwas zu viel, denn dieser Part mit all seinen Erinnerungen und Überlegungen nimmt gut ein Drittel der Geschichte ein.

Lesefluss und Spannung

In dem Buch werden einige Pressestimmen zitiert, die von Hochspannung und einer fesselnden Geschichte berichten. Das entspricht nicht meinem Leseempfinden. Diesen Thriller kann man durchaus in einem Rutsch lesen, aber der Spannungsbogen ist meiner Meinung nach zu flach gehalten und die Handlung hat mich nicht vollständig gepackt. Eine der Stimmen verrät, dass es sich hier um den Start einer neuen Serie handelt, Teil zwei werde ich vermutlich aber nicht lesen.

Fazit: Ein solider Thriller, der aber grundsätzlich nichts Neues ist und dem die Spannung etwas fehlt.

Karen Ellis hat unter dem Namen Kate Pepper bereits zahlreiche Thriller veröffentlicht, u. a. 5 Tage im Sommer. Sie ist Mitglied der Mystery Writers of America und der International Thriller Writers. Mit ihrer Familie lebt sie in Brooklyn, New York. (Verlagsinfo)

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Die im Dunkeln | Erschienen am 24. Juli 2018 bei Rowohlt
ISBN 978-3-499-27309-4
336 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe