Kategorie: Ermittler

Rezensent

Jo Nesbø | Ihr Königreich

Jo Nesbø | Ihr Königreich

„Du und ich, wir sind aus demselben Holz geschnitzt, Roy. Wir sind härter als Mama oder Carl. Deshalb müssen wir auf sie aufpassen. Immer. Verstehst du?“ (Auszug Seite 11)

Auf einem abgelegenen Hof im Hochgebirge Norwegens wachsen die Brüder Roy und Carl Opgard auf. Nach dem frühen Unfalltod Ihrer Eltern bleiben die beiden Jugendlichen auf sich allein gestellt in der Abgeschiedenheit zurück. Bis Carl, der jüngere der beiden Brüder zum Studium in die USA zieht. Roy richtet sich auf dem kargen Land ein und führt das zurückgezogene Leben eines Einzelgängers. Sein Geld verdient er erst in der Autowerkstatt seines Onkels und leitet später die Tankstelle des kleinen Ortes Os.

15 Jahre später kehrt Carl zurück, zusammen mit seiner aus der Karibik stammenden Ehefrau Shannon und einem ganz großen Plan: Das Grundstück der Opgards ist nicht viel wert, Landwirtschaft kann man auf diesem Boden nicht betreiben, auch wenn der Vater es immer als Königreich bezeichnet hat. Carl, der als Unternehmer angeblich erfolgreich in Kanada gearbeitet hat, plant oben auf dem Berg ein Luxushotel zu bauen. Als Geldgeber sollen die Einwohner aus dem Dorf fungieren. Carl setzt seinen ganzen Charme und Überredungsgeschick ein, um die Einheimischen zu überzeugen, sich zu beteiligen und damit allen zu Wohlstand zu verhelfen. Aber der Hotelbau, für dessen Entwicklung sich Carls Ehefrau Shannon als Architektin verantwortlich zeigt, geht nicht so wie gewünscht voran. Es kommt zu diversen Problemen, auch weil Carl nicht in allen Belangen die Wahrheit gesagt hat. Roy hilft seinem kleinen Bruder immer wieder aus der Patsche und scheint dabei keine Grenzen zu kennen. Erschwerend kommt hinzu, dass ausgerechnet jetzt alte Gerüchte um den Unfalltod der Eltern und das rätselhafte Verschwinden des Dorfpolizisten die Runde machen.

Sie waren einander Spiegelbild. Obgleich Carl selbst groß und breit, blond und blauäugig war, erkannte ich ihre Seelenverwandtschaft sofort. Das Lebensbejahende. Den Optimismus. Die Bereitschaft, das Beste in jedem Menschen zu sehen, in sich selbst und in anderen. Wobei – ich kannte die Frau eigentlich ja noch gar nicht. (Auszug Seite 15)

Der norwegische Autor lässt den verschlossenen, älteren Bruder aus der Ich-Perspektive erzählen. Der wortkarge Roy hat seinen kleinen Bruder immer schon abgöttisch geliebt und es als seine Pflicht angesehen, ihn zu beschützen. Dabei haben die beiden so gegensätzlichen Geschwister stets zusammen gehalten. Carl war der weichere von Ihnen, ein hübscher Junge, der bei den Mädels gut ankam. Ich empfand ihn in seiner Hilfsbedürftigkeit aber oft als manipulativ. Roy beschreibt die aktuellen Geschehnisse und gibt dabei immer wieder Einblicke in das raue Leben auf dem Hof. In diversen Rückblenden kommt auch das ausgesprochen düstere Schicksal ans Licht, dass die beiden teilen.
Der Einstieg in den Roman überzeugt nicht mit Tempo oder Action, sondern glänzt mit interessanten Charakterstudien. Die Spannung ist eher subtil, man spürt einfach instinktiv, dass hier Unheil aufzieht. Der Kriminalroman ist über weite Teile ein Familiendrama. Auch gibt er einen Einblick in den Mikrokosmos des verschlafenen Örtchens und die Dorfbewohner wirken absolut authentisch und werden durch ihre Geschichten und Nesbøs pointierten Blick sehr lebendig.

Ich bin ein großer Fan des Autors, seiner Harry-Hole-Reihe, aber auch seiner Stand-Alones. Für mich ist er einer der besten Thriller-Autoren, dessen intensiver Schreibstil mich meistens begeistert durch die Seiten fliegen lässt. Und auch hier war ich anfänglich gefesselt und neugierig auf die Geschichte. Doch der Sog stellte sich dann im weiteren Verlauf leider nicht ein, fast widerwillig nahm ich später die Lektüre zur Hand. Natürlich versteht der Autor sein erzählerisches Handwerk und wir werden auf die eine oder andere falsche Fährte gelockt. Im Verlauf der Geschichte kommen nach und nach schockierende Ereignisse ans Tageslicht, einige wirklich überraschend, andere wiederum absolut vorhersehbar, wie zum Beispiel dass Roy sich in die Ehefrau seines Bruders verliebt. Es gelang mir aber nicht, wirklich daran Anteil zu nehmen. Immer weitere Morde und Gewalttaten geschahen und wurden völlig emotionslos und stoisch aus Roys Sicht geschildert. Ich konnte keine Beziehung zu den Figuren, auch nicht zu den Brüdern aufbauen, die zwar ausführlich geschildert, mir aber trotzdem fremd blieben.

Zum Ende waren mir einige Twist zu unglaubwürdig und die Geschichte rutscht fast ins Absurde ab. Ein solider Kriminalroman, aber für mich kein Highlight.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Ihr Königreich | Erschienen am 02. September 2020 im Ullstein Verlag
ISBN 978-3-550-05074-9
592 Seiten | 24,99 Euro
Originaltitel: Kongeriket
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Büchern von Jo Nesbø von Andy und Gunnar

Anja Behn | Jasmunder Geheimnisse (Band 4)

Anja Behn | Jasmunder Geheimnisse (Band 4)

„Es war kurz vor neun, erst wenige Menschen waren am Fuß der Kreideküste unterwegs. Richard Gruben spazierte entlang der Uferlinie. Neben ihm spülten flache Wellen an den steinigen Strand. Der Geruch von Tang und Salz durchzog die Luft, und über der Ostsee zierten dünne Wolkenbänder den morgendlichen Himmel. Nach der schlaflosen Nacht hatte Richard dringend frische Luft gebraucht. Einen klaren Kopf, um das Gedankenchaos zu entwirren.“ (Seite 190)

Kunsthistoriker Richard Gruben besucht seine Freundin in einem kleinen Dorf auf der Ostseeinsel Rügen und nimmt bis dorthin die Denkmalpflegerin Susanne Ortlepp mit. Am nächsten Tag findet er auf dem Gelände eines ehemaligen Kreidewerks ihre Leiche. Auf der Fahrt hatte Susanne Ortlepp ihn noch zu einem Termin eingeladen, zu dessen Thema sie sich allerdings nur vage geäußert hat. Richard beginnt herauszufinden, worum es dabei gehen mochte und stößt auf Schweigen, Lügen und Geheimnisse…

Fall Vier
„Jasmunder Geheimnisse“ von Anja Behn ist der vierte Kriminalroman um den Kunsthistoriker Richard Gruben. Man braucht hierfür keine Vorkenntnisse aus den vorherigen Büchern, es wird kaum Bezug auf diese genommen und wenn, dann kurz der Zusammenhang beschrieben. Jasmund ist eine Halbinsel im Nordosten der Insel Rügen mit Nationalpark und Kreidefelsen. Das Dorf Hollvitz, in dem der Mord geschieht, ist fiktiv.

Unaufgeregte Ermittlungen
Die Geschichte wird aus der Perspektive von mehreren handelnden Personen geschildert. Der Spannungsbogen beginnt meiner Meinung nach eher seicht, steigert sich dann aber kontinuierlich. Richard Gruben kommt zu seinen Ermittlungsergebnissen, in dem er die Leute, mit denen er redet, sehr genau beobachtet, viel überlegt und schlussfolgert, um sich dann erneut mit Personen zu treffen und ihnen auf den Zahn zu fühlen. Dabei bleibt er immer besonnen und unaufgeregt.

Sympathischer Protagonist
Richard Gruben ist Ende vierzig, wohnt in Dortmund, hat einen vierjährigen Sohn, lebt von dessen Mutter getrennt und hat bei seinem letzten Fall seine Freundin Jette Herbusch kennengelernt, die Kirchenrestauratorin ist und nun für einen Auftrag sieben Monate auf Rügen arbeitet. Gruben zeichnet sich durch seine stets korrekte Kleidung aus, seine ruhige Handlungsweise und dass er am liebsten seine Ruhe hat und Menschenansammlungen meidet. Was ihn mir durchaus sympathisch erscheinen lässt.

Fazit: Sympathischer Protagonist mit unaufgeregten , aber spannenden Ermittlungen auf der Ostseeinsel Rügen.

Anja Behn, geboren 1972 in Rostock, studierte Bauingenieurwesen und arbeitet in einer Rostocker Baufirma. Sie lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf in Mecklenburg.

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Jasmunder Geheimnisse | Erschienen am 23. Juli 2020 im Emons Verlag
ISBN: 978-3-74080-771-9
256 Seiten | 12,00 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezensionen von Andrea zu Band 1, Band 2 und Band 3 der Reihe.

Christof Weigold | Die letzte Geliebte (Band 3)

Christof Weigold | Die letzte Geliebte (Band 3)

In diesem Jahr starb – neben vielen anderen Menschen – der größte Star Hollywoods und einige Zeit später auch der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten, unter dubiosen Umständen. Bis heute kursieren wilde Gerüchte darüber, wie er zu Tode kam. Man erzählt sich jede Menge baren Unsinn, aber ich weiß ja, was damals geschehen ist. Ich wollte, ich wüsste es nicht. Andererseits wäre ich sonst niemals ein so guter Koch geworden. Lassen Sie mich Ihnen die Geschichte erzählen. (Auszug E-Book Pos. 77 von 8780)

Die ersten beiden Bände der historischen Krimi-Reihe, die in Hollywood der Stummfilmzeit spielen und die authentische Morde und Skandale behandeln, haben mich total begeistert. Umso neugieriger war ich auf Band 3, der zeitlich nahtlos an die vorherigen Bände anknüpft. Hardy Engel, der ehemalige Berliner Polizist, der Anfang der 1920er Jahre in die USA immigrierte, hat sich inzwischen in Hollywood als Privatdetektiv etabliert. Endlich mit eigenem Büro und Automobil, dass ihm die  klassischen Ermittlertätigkeiten wie zum Beispiel Observierungen vereinfacht.

Es ist das Jahr 1923, als sich Dorothy Reid, die Witwe des kürzlich verstorbenen Hollywood-Superstars Wallace Reid mit einem neuen Auftrag an Engel wendet. Dorothy Reid macht die Filmindustrie für den frühen Tod ihres Mannes verantwortlich. Der Schauspieler war zu der Zeit ein richtiger Actionstar und hatte sich bei einem Autounfall schwere Verletzungen zugezogen. Da das Filmstudio nicht auf seinen Star verzichten wollte, wurden die Schmerzen mit Morphin behandelt. Reid musste ohne Unterlass weiter drehen, worauf er von der starken Droge abhängig wurde und sich sein Gesundheitszustand stark verschlechterte, bevor er dann elendig verstarb.

Der Saubermann und Strippenzieher
Dorothy Reid sieht Will Hays, den Chef der Filmproduzenten als Hauptverantwortlichen. Ausgerechnet den mächtigsten Mann Hollywoods beschuldigt sie als Heuchler und wird dabei von ihrem guten Freund Herbert Somborn unterstützt. Somborn kämpft nach der Trennung von Superstar Gloria Swanson um das Recht seine Kinder zu sehen. Zusammen wollen sie Will Hays zu Fall bringen. Hays gilt als Saubermann; es ist schwierig etwas Skandalöses zu finden und Engel beschattet ihn ständig. Unter anderem reist er auch in Hays Heimat nach New York, um ihn und seine Familie auszuspionieren. Er findet schnell heraus, dass der unscheinbare, kleine Hays sich im Hintergrund hält, aber hinter den Kulissen der Filmstudios alle Strippen zieht. Tatsächlich entdeckt er Verwicklungen von Hays mit dem wieder aufkommenden Ku-Klux-Klan und er pflegt Kontakt mit einer jungen, attraktiven Frau.

Diesmal geht es nicht um einen klassischen Hollywoodskandal. Die Grundidee fand ich nicht ganz so spektakulär wie in den anderen beiden Bänden. Dass man jemanden ausspioniert, um ihm was anzuhängen, gefiel mir einfach nicht. Die Story baut sich langsam auf, der Spannungsbogen war anfänglich, durch die ausschweifenden Schilderungen und Wiederholungen einiger Szenen nicht so hoch. Dafür tauchte ich sofort wieder in die Welt des schillernden Hollywoods und auch hinter die gar nicht so glitzernden Kulissen der Traumfabrik der 20er Jahre ein, die gar nicht so golden waren, sondern grausam, brutal und korrupt.

Rote Fußnägel und weiße Tiger
Wir treffen alte Bekannte wieder, zum Beispiel Polly Brandeis, die grade für Paramount Pictures ein Drehbuch für Gloria Swanson schreibt. Die kecke, extrovertierte Freundin von Hardy Engel ist ein richtiges Flappergirl. So nannte man in den 20er Jahren junge Frauen, die selbstbewusst und emanzipiert, mit modischen Kurzhaarfrisuren rauchten und Alkohol tranken. Auch Hardys bester Freund Buck Carpenter, Wirt des Jail Cafés in Los Angeles, in dem die Drinks in Sträflingskluft serviert werden, ist wieder mit von der Partie. Buck betreibt mittlerweile einen Radiosender, über den er mit Hilfe von Gedichten Codes an seine Alkoholschmuggler durchgibt und damit vor Straßensperren warnt.

Die Fehde der großen Filmdiven Gloria Swanson und Pola Negri wird thematisiert; die eine gilt als Erfinderin der rot lackierten Fußnägel, die andere trat immer mit weißen Tigern auf. Auch die Errichtung des Hollywood-Monuments spielt eine Rolle. Und wenn unser lakonischer Held und Ich-Erzähler im Voisin rumfährt, dann springt im Kopf ein Film mit viel Hollywood-Flair an. Das gelingt durch die mit viel Liebe zum Detail ausgestatteten Szenen. Die Atmosphäre dieser Zeit wird spürbar und bildhaft vorstellbar.

Die Spur führt ins Weiße Haus
Im letzten Drittel wird das Tempo deutlich angezogen, einige überraschende Wendungen sorgen für Rasanz und Spannung. Engel kommt einer Verschwörung auf die Spur. Im korrupten Hollywood wimmelt es nur so von Erpressung und Schmiergeldzahlungen. Diesmal geht es neben der Filmbranche auch um die große Politik, denn Hardy verfolgt mehrere Spuren und eine führt bis ins Weiße Haus und geht in Richtung des amerikanischen Präsidenten. Warren G. Harding war ein Bild von einem Mann und sah so aus wie man sich einen amerikanischen Präsidenten vorstellte. Das schien aber seine einzige Qualifikation zu sein, denn nach seinem Tod wurden einige Skandale öffentlich und Harding galt lange als einer der schlechtesten Präsidenten der USA. Währenddessen lernt Hardy Engel den neuen Chef des LAPD, Gus Vollmer kennen, der neue Ermittlermethoden einführt mit dem Wunsch die allgegenwärtige Korruption einzudämmen. Der „Vater der modernen Polizeiarbeit“ ist auch eine reale Figur, dessen Verbindung mit der fiktiven Story ich mir aber vielleicht etwas geschmeidiger gewünscht hätte.

Der Ku-Klux-Klan
Die Beschreibungen der grausamen Taten des Ku-Klux-Klan waren für mich tatsächlich schwer zu ertragen. Der rassistische und gewalttätige Geheimbund, dessen Ziel die Unterdrückung der Schwarzen und eine weiße Vorherrschaft ist, versuchte seine politischen Ziele mit Terrorakten und Lynchaktionen im ganzen Land zu erreichen. Eigentlich schon 1870 aufgelöst, kam es nach dem Stummfilm „The Birth of a Nation“ 1915 zu einer Neugründung der Bewegung. Der rassistische Inhalt des sehr erfolgreichen Historienfilms trug maßgeblich zur Popularität und gesellschaftlichem Einfluss des Ku-Klux-Klan bei. Die Rituale und Initiationsriten des Ku-Klux-Klan, aber auch wie generell in der Bevölkerung mit Schwarzen umgegangen oder wie über sie gedacht wurde, ließen mich während der Lektüre einige Male zusammen zucken.

Der Aufstieg des Klans in Hollywood, die rassistischen Vorurteile der Roaring Twenties und die Macht des Mediums Film sind die großen, erschreckenden Themen des historischen Kriminalromans, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Wie hochaktuell und brisant konnte der Autor bestimmt nicht erahnen, als er „Die letzte Geliebte“ schrieb.
Eine gelungene Fortsetzung, in der Christof Weigold es wieder meisterhaft versteht, historische Ereignisse mit fiktiven Figuren und Vorkommnissen zu verweben.

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die letzte Geliebte | Erschienen am 20. August 2020 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05326-5
656 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben und Leseprobe

Max Annas | Morduntersuchungskommission. Der Fall Melchior Nikoleit (Band 2)

Max Annas | Morduntersuchungskommission. Der Fall Melchior Nikoleit (Band 2)

Als sie die Tür geschlossen hatten und wieder mit Thomas Schuster allein waren, stellte sich Rolf vor den Tisch, beide Hände aufgestützt, und ließ sich etwas Zeit. Er fletschte die Zähne, als er anfing zu reden. „Und wie stehst du zur Deutschen Demokratischen Repubik?“
Der Junge öffnete den Mund, atmete schnell, formte ab und zu die Lippen, um einen Ton zu sagen, und sprach dann trotzdem kein Wort. Als er in Tränen ausbrach, verließen sie den Raum wieder. (S.145)

Jena, Bezirk Gera, Deutsche Demokratische Republik, 1985: Melchior, Sohle, Biber und Julia sind vier junge Leute, die sich als „blank generation“ fühlen und gebannt auf die Punk-Kultur des Westens blicken. Sie wollen sich auch ein wenig abheben von der angepassten Gesellschaft der DDR und gründen ihre eigene Punkband mit dem Namen „Ernteeinsatz“. Doch wenig später wird Melchior ermordet in einem Möbellager seines Vaters aufgefunden. Die Morduntersuchungskommission ermittelt zunächst in Melchiors direktem Umfeld. Neben seinen Bandkollegen erscheint auch Melchiors Vater verdächtig.

Michael Nikoleit ist Antiquitätenhändler, der regelmäßig in den Westen fahren darf, um dort seine Waren zu verkaufen und der DDR Devisen einzubringen. Dennoch oder gerade deswegen ist er der DDR-Obrigkeit suspekt. Hinzu kommt, dass er und sein Sohn heftige Auseinandersetzungen hatten. Aber noch andere Dinge kommen im Laufe der Ermittlungen zu Tage. Eine Einbruchsserie rund um Jena hat offenbar einen Bezug zum Fall. Bei einem Einbruch in eine Datsche von Erich Marder, Bibers Vater und hoher Offizier der Volksarmee, wurde eine Fotografie entwendet, die eine unrühmliche Vergangenheit Marders enthüllen könnte. Und über allem schwebt die Staatssicherheit, die die jungen Punker überwacht und offenbar Melchior als IM angeworben hatte.

„Aber was mache ich mit dem Marder?“
„Was ist denn die Maßgabe in der Morduntersuchungskommission Gera?“
„Dass es der Marder nicht gewesen sein kann.“
„Dann kann er es eben nicht gewesen sein. Das ist eine Frage der politischen Erfahrung. Vielleicht sollte ich besser sagen: der politischen Weisheit.“
Otto ballte die rechte Hand zur Faust. Er verspürte große Lust, sie dem Bruder ins Gesicht zu schlagen. (S.276)

Auf vier Bände ist die Reihe um Oberleutnant Otto Castorp der Volkspolizei angelegt. Castorp ist ein gewissenhafter Beamter, der sich mit der DDR zwar insgesamt arrangiert hat, aber bei Fehlern und Heuchelei im System nicht unbedingt wegsieht. Dies wurde bereits im ersten Band klar, als er am Ende zu einem Akt der Selbstjustiz griff und nun in diesem Band feststellen muss, dass seine Tat nicht unbeobachtet geblieben ist. Er spürt das Damoklesschwert über sich und muss fürchten, an irgendeinen beliebigen Zeitpunkt für seine Tat belangt zu werden. Privat war er im ersten Band fremdgegangen und dabei an eine IM der Stasi geraten. Nun verdächtigt Castorp seine Frau des Ehebruchs, ohne dies beweisen zu können. Insgesamt bleibt die familiäre Situation angespannt. Sein Bruder Bodo ist ein hohes lokales Tier bei der Stasi, grundsätzlich linientreu, aber hier und da für Otto hilfreich.

Sehr gut hat mir die Gliederung des Romans gefallen. Hauptsächlich wird aus zwei Perspektiven erzählt: Otto Castorp als personaler Erzähler in der 3.Person und Julia Frühauf aus der Ich-Perspektive. Dabei begleiten wir Castorp durch die Ermittlungen, seine privaten Probleme und die schwierige Lage im Team der Morduntersuchungskommission mit unterschiedlichen Charakteren (auch im Bezug zur DDR), den unterschiedlichen polizeilichen Herangehensweisen und der stetigen Anpassung an politische Gegebenheiten. Julia, eine Pfarrerstochter, hingegen erzählt in Rückblicken von der Band, von ihrer Liebe zu Melchior, von dem diffusen Gefühl des Abgehängtseins, den kleinen Momenten des Aufbegehrens bis hin zur harten Gegenreaktion der Staatsmacht.

Überhaupt ist dies erneut ein zentrales Motiv des Romans: Die Allgegenwärtigkeit des Staates bis hin in die Familien. Nichts ist privat, alles ist politisch. Max Annas beschreibt ein interessantes Porträt der DDR-Gesellschaft in den 1980ern, das sehr stimmig wirkt. Ingesamt setzt dieser zweite Band das hohe Niveau des Auftakts fort.

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Morduntersuchungskommission. Der Fall Melchior Nikoleit | Erschienen am 21.07.2020 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-00133-9
336 Seiten | 20,- €
Bibliografische Angaben und Leseprobe

Weiterlesen: Noras Rezension zu Band 1 „Morduntersuchungskommission“

Martina Aden | Der falsche Friese (Band 2)

Martina Aden | Der falsche Friese (Band 2)

„Ich stieg auf den Deich und sah dem Spiel der Wellen zu, die träge an Land schwappten. Ich schloss die Augen und genoss die wärmenden Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Die Nordsee ist wie eine alte Freundin für mich. Ich muss nicht ständig bei ihr auf der Matte stehen, aber ich weiß, dass sie da ist.“ (Seite 196)

Elli Vogel ist Autorin, da sich ihre eBooks aber nicht sehr gut verkaufen, nimmt sie einen Job beim „Ostfriesland-Reporter“ an. Bei der Recherche für ihren ersten Artikel trifft sie auf das Schicksal von Andreas Kalski, der vor vierzig Jahren plötzlich spurlos verschwunden ist. Ellis Neugierde ist geweckt und sie beginnt nach neuen Hinweisen zu suchen. Dabei wird es nicht nur für sie gefährlich…

Fall zwei für Elli
„Der falsche Friese“ von Martina Aden ist der zweite Fall um die Schriftstellerin und Hobby-Detektivin Elli Vogel. In dieser Geschichte wird zum ersten Fall immer wieder Bezug genommen. Ich konnte auch ohne Vorkenntnisse gut folgen, trotzdem empfehle ich mit Teil eins zu beginnen. Die Handlung liest sich sehr flüssig, ich empfand keinerlei Längen.

Sehr sympathische Protagonistin
Die Protagonistin Elli ist 32 Jahre alt, wohnt mit ihrer Katze O’Malley in einer Wohnung in Aurich, hat gerade ihr zweites Buch veröffentlicht und ist mit dem Münchner Polizisten Phil zusammen. Der Roman ist in Ich-Form aus Sicht von Elli geschrieben, was ich persönlich sehr mag, weil man sich einfach gleich viel mehr mit der Person identifiziert. Besonders toll finde ich die teilweise ironischen Gedanken zu allem, was Elli passiert. Ich konnte einige Male schmunzeln und das lockert die gesamte Handlung auf, ohne dass es lächerlich wird. Mir ist Elli sehr sympathisch.

Manchmal etwas dick aufgetragen
Die Ermittlungen haben sich für mich realistisch gelesen, auch wenn die Polizei kaum eine Rolle dabei spielt und es mir manchmal so vorkam, als wenn diese nur auf Ellis Ergebnisse wartet. An einigen Stellen, auch in Bezug auf den ersten Fall, fand ich die Geschehnisse etwas dick aufgetragen. Für die Spannung hätte es nicht so viel Gefahr und Action gebraucht.

Fazit: Eine frische, selbstironische Protagonistin und eine interessante Ermittlung in Ostfriesland.

Martina Aden, Jahrgang 1982, lebt mit ihrem Mann, ihrem Sohn, ihren Pferden und Katzen im Herzen Ostfrieslands. Sie ist Mitglied bei den Mörderischen Schwestern und im Syndikat. (Verlagsinfo)

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Der falsche Friese | Erschienen am 23. Juli 2020 im Emons Verlag
ISBN: 978-3-740-80756-6
288 Seiten | 13,00 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe