Kategorie: Gunnar Wolters

Arne Dahl | Stummer Schrei

Arne Dahl | Stummer Schrei

Von einer Anhöhe wid durch ein Fernglas das zweite Überholmanöver verfolgt. Vor allem, was mit dem Wagen auf der linken Spur passiert. Er fängt Feuer, der Fahrer verliert die Kontrolle und schert in der Kurve in die falsche Richtung aus, rast von der Autobahn und pflügt wie ein Feuerball durch das goldgelbe Rapsfeld. […]
Das Fernglas senkt sich in der einen Hand, der Fernzünder in der anderen.
Das Universum hört einen tiefen Atemzug.
Es hat begonnen. (Auszug E-Book Pos.77-85)

Es beginnt mit zwei Sprengstoffanschlägen. Zum einen auf den Wagen eines hohen Managers eines Stahlkonzerns, zum anderen eine Paketbombe auf den Chef einer renommierten Werbeagentur, der gerade eine Kampagne für mehrere Konzerne mit dem Schwerpunkt auf fossile Energien vorbereitete. Dann erhält Eva Nyman, Leiterin der kleinen Spezialeinheit NOVA in der schwedischen Kriminalpolizei, eine Art Bekennerbrief. In diesem wird auf die Zerstörung der Umwelt und des Klimas hingewiesen, verklausuliert sich der beiden Anschläge bekannt und weitere angekündigt. Doch was Eva Nyman sofort stutzig macht, ist der Duktus des Schreibens und eine bestimmte Formulierung. „Die Ruinen des Verfalls“ war eine der Lieblingsformulierungen ihres ehemaligen Vorgesetzten Lukas Frisell.

Frisell war bis vor etwa 15 Jahren im Dienst der Kripo, doch im Zuge eines fehlgeschlagenen Einsatzes, bei dem eine Geisel aufgrund seiner falschen Entscheidungen verstarb, hatte er den Dienst quittiert. Frisell arbeitete später als Dozent für Umwelt- und Klimaforscher an einer Fachhochschule, bevor er dann als Prepper in die Wälder ging und seitdem von der Bildfläche verschwunden ist. Nyman und ihr vierköpfiges Team fragen sich, ob Frisell sich weiter radikalisiert hat und nun als Klimaterrorist aktiv wird. Sie nehmen seine Spur auf und müssen tief in die schwedischen Wälder, um seiner habhaft zu werden. Doch gerade als sie ihn zur Verhör haben und er alles von sich weist, geschieht ein dritter Anschlag auf eine Serverfarm eines globalen Versandhändlers.

Arne Dahl ist schon einer der Veteranen der schwedischen Krimiszene. 1999 begann er seine Karriere als Krimiautor mit dem ersten Band der Serie um die Sondereinheit „A-Gruppe“ mit insgesamt elf Romanen, an die er auch in seiner zweiten Reihe um eine Europol-Ermittlungsgruppe anknüpfte. Nun beginnt er mit „Stummer Schrei“ wieder eine Reihe mit einer kleinen, hochintelligenten Ermittlungseinheit. Im Zentrum steht neben Eva Nyman und ihrer Einheit vor allem der ehemalige Polizist, ehemalige Forscher und Dozent, Spezialist für Überlebenstraining und Prepper Lukas Frisell. Ein undurchsichtiger Typ, intelligent, ignorant, Einzelgänger, lebt einerseits als Eremit im Wald, hat schon immer gegen den Raubbau an der Natur doziert, aber entsagt keinesfalls aller Technologie oder sonstigen Bedürfnissen. Was hat er mit den Anschlägen zu tun? Für meinen Geschmack kann der erfahrene Leser zu schnell seine Rolle in dem Ganzen erraten.

Ansonsten bietet Dahl eine souveräne Vorstellung. Die Figuren sind interessant (auch wenn das NOVA-Team schon übertrieben gute Polizisten sind), der Spannungsaufbau stimmt, das Ganze liest sich gut weg. Auch die Schauplätze sind gut gewählt, neben Stockholm geht der Autor auch in die Provinz und in die Tiefe der schwedischen Wälder. Dieses „Zurück zur Natur“ als eines der zentralen Themen des Romans ist gut gemacht, führt aber auch zu meinem größten Kritikpunkt am Roman. Das eigentliche Motiv (Vorsicht Spoiler) der Anschläge führt wieder von diesem Thema weg und ist für meinen Geschmack viel zu übertrieben und aufgeblasen. So gibt es von mir doch noch am Ende ein paar Abzüge. Insgesamt erhält der Leser aber souveräne Krimikost aus dem hohen Norden.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Stummer Schrei | Erschienen am 01.02.2023 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-07241-0
464 Seiten | 17,- €
Als E-Book: EAN 978-3-492-60641-7 | 14,99 €
Originaltitel: I cirkelns mitt | Übersetzung aus dem Schwedischen von Kerstin Schöps
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Les Edgerton | Primat des Überlebens

Les Edgerton | Primat des Überlebens

Das Wörtchen „Noir“ wird manchmal dann doch im Genre etwas inflationär gebraucht, leider auch von mir. Doch nicht alle Romane mit permanentem Nieselregen in heruntergekommenen Großstadtkulissen, in denen für die Hauptfigur ein paar Dinge schiefgehen, sind gleich ein Noir. Man sollte doch etwas engere Maßstäbe anlegen, doch wie genau definiert man „noir“? Im (übrigens sehr zu empfehlenden) Podcast „Abweichendes Verhalten“ (von Sonja Hartl) zitiert Pulp Master-Verleger Frank Nowatzki seinen Autor Jim Nisbet wie folgt: „Noir ist, wenn man auf Seite 1 schon am Arsch ist und dann geht’s nur noch bergab“.

Sehr angenehm natürlich, wenn sich der Verleger dann auch an diese Maxime hält, denn selten passte eine Beschreibung so gut wie auf die aktuelle Neuerscheinung aus dem Hause Pulp Master. Wobei ganz zu Beginn ist Jake Bishop, Ich-Erzähler von „Primat des Überlebens“, noch nicht am Boden. Er ist vielmehr resozialisiert, nach einigen Jahren im Gefängnis wegen Raub und Diebstahls hat er geheiratet. Seine Frau Paris ist schwanger, er arbeitet erfolgreich als Friseur und plant bereits konkret den Aufbau eines eigenen Salons. Seine Knastvergangenheit kennen jedoch nur wenige. Bereits im ersten Kapitel erfolgt der erste Schlag in die Magengrube: Jake erhält einen Telefonanruf von Joy Walker, seinem ehemaligen Zellengenossen, der inzwischen auch draußen ist und ihn zu einem Drink treffen will. Jake schwant Übles und er soll so was von Recht behalten.

Er hielt inne, wandte den Blick von mir weg, starrte hinüber zu den Typen am Pooltisch. „Ich könnte einen Gefallen gebrauchen.“
Ein Gefallen… ich dachte an was Drolliges, was ich mal von jemandem gehört hatte. „Ein Gefallen“, hatte dieser Jemand gesagt, „ist im Französischen ein Ausdruck für ‚lass mich dich ficken‘.“ (S.14)

Aufgrund diverser Umstände im Gefängnis hat Walker noch was gut bei Jake, doch dieser wäre noch bereit, seinem Knastbruder dies auszuschlagen. Dummerweise hat Walker bei seinem neuen Boss, dem zwielichtigen Juwelier Sydney Spencer, einige Anekdoten über sich und Jake ausgeplaudert – Anekdoten, die Jake erneut ins Gefängnis bringen könnten. Das wäre dann zum dritten Male – und dann wäre es beim unbarmherzigen US-Justizsystem lebenslänglich. Zudem kennt Spencer eine weitere Schwachstelle von Jake – dessen kleinen, noch nicht volljährigen Bruder Bobby. So wird Jake in einen Einbruch im Haus eines anderen Juweliers gezwungen. Vermeintlich ein einfacher Job. Ein guter Witz, denn der Leser bekommt nun Murphy’s Law in Reinkultur zu lesen: Der Job geht natürlich nicht glatt und alles, was Jake nun tut, um den Schaden zu begrenzen, reitet ihn nur noch tiefer in den Abgrund.

Dieses verschissene Lebenslänglich beeinflusste alles, was ich tat. Oder nicht tat. (S.124)

Diese Bedrohung, die permanent über Jake schwebt, ist der Knackpunkt für den Lauf der Geschichte. Er wie tausende weitere Verurteilte in den USA stehen unter permanenter Anspannung, dass das kleinste, weitere Delikt sie für ewig hinter Gittern bringen kann. Diese Unfreiheit und Angst macht ihr Leben zu einem Tanz auf der Rasierklinge. Jake treibt dies in einen Zustand, in dem er am Ende Dinge tut, die er zu Beginn weit von sich gewiesen hätte.

Autor Les Edgerton war selbst einmal inhaftiert, ehe er später eine Karriere als Autor einschlug. Bei Pulp Master erschien bislang „Der Vergewaltiger“ von ihm, ein weiterer Roman ist in Vorbereitung. Edgerton starb im August letzten Jahres. In diesem Roman erweist er sich als Meister des Noirs. Durch die Perspektive als Ich-Erzähler bleibt der Leser eng bei Jake Bishop. Anfangs noch durch Rückblenden unterbrochen, wird die Story letztlich erbarmungslos, kompromisslos, zynisch bis zum bitteren Ende in kurzen Kapitel vorangetrieben. Vielleicht packt er die eine oder andere böse Wendung zu viel aus, aber geschenkt. Les Edgerton serviert dem Leser hier noir pur. Kein Kitsch, kein Geplauder, kein Happy End, reiner Noir bis zum wahrhaft-wahnhaft blutigen Ende. Das mag nicht jedem schmecken, ich goutiere das hingegen sehr. Pulp Master bleibt bei Noir das Maß der Dinge.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Primat des Überlebens | Erschienen am 06.12.2023 bei Pulp Master
ISBN 978-3-927734-93-7
342 Seiten | 16,- €
Originaltitel: The Bitch | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Ango Laina und Angelika Müller
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Doug Johnstone | Eingefroren (Band 2)

Doug Johnstone | Eingefroren (Band 2)

„Wenn man immer in dem Universum endet, in dem man überlebt, bedeutet das nicht, dass man alles tun kann, was man will?“
„Ich glaube, das bringt uns nicht weiter.“
„Vielleicht ist es das, was mein Dad dachte“, sagte Hannah. „Vielleicht glaubte er, er könnte einfach alles tun, worauf er Bock hätte, und käme damit durch.“
Rita seufzte. „Männer brauchen keine Quantenphysik, um zu meinen, sie kämen mit allem durch.“ (Auszug S.21)

Beim letzten Mal sind sie noch gerade davongekommen, die Skelfs. Dorothy, die Großmutter, Jenny, die Mutter und Hannah, die Enkelin. Bestattungsunternehmerinnen in Edinburgh und gleichzeitig – interessante Kombination – Inhaberinnen einer Detektei. Im ersten Band „Eingeäschert“ (Vorsicht: Spoiler) werden die drei Frauen von Craig, Jennys Ex und Hannahs Vater und ein Mörder und Psychopath, attackiert und teilweise schwer verletzt. Jetzt, ein halbes Jahr später ist zumindest oberflächlich etwas Ruhe eingekehrt, doch sie haben noch ganz schön dran zu knapsen. Doch die Ruhe ist nicht von langer Dauer, denn auch aus dem Gefängnis heraus, kann Craig das Seelenleben der Frauen attackieren.

Daneben belastet sich dieses Frauen-Trio aber auch noch mit anderen Dingen. Direkt der Beginn ist spektakulär, als während einer Bestattung sich ein Auto auf dem Friedhof mit der Polizei eine Verfolgungsjagd liefert, Dorothy beinahe überfährt und schließlich in ein offenes Grab stürzt. Der Fahrer, ein Autodieb, überlebt nicht, allerdings sein Hund auf der Rückbank. Dorothy nimmt sich des Tieres an und recherchiert nach dessen verstorbenen Herrchen, den niemand identifizieren kann und den scheinbar niemand vermisst. Gleichzeitig macht sie sich Sorgen um eine ihrer Schülerinnen beim Schlagzeug-Unterricht, die offenbar von zuhause ausgerissen ist. Hannah hingegen ist noch stark von den Ereignissen aus „Eingeäschert“ angegriffen und gerät erneut aus dem Tritt, als sich ein Professor an der Uni das Leben nimmt und sich keiner das so recht erklären kann. Somit will Hannah überdingt die Hintergründe aufklären.

„Ich muss es einfach verstehen.“
Edward gestikulierte über den leeren Hörsaal. „Es gibt so vieles, was wir nicht verstehen.“
„Was das Universum betrifft. Aber was ist mit hier?“ Hannah klopfte auf ihre Brust. „Sicher müssen wir uns doch verstehen, oder nicht?“ (Auszug S.188)

Die verschiedenen Handlungsstränge werden parallel erzählt und immer wieder mischt sich Craig ein, der die Frauen in der Familie immer noch nicht in Ruhe lassen will. Dieser Strang bedient die vertikale Erzählweise in dieser Serie und dient immer wieder als Bindeglied zwischen den anderen kleinen Dramen, die die Skelfs umgeben. Doug Johnstone wechselt von Kapitel zu Kapitel die Perspektiven zu Dorothy, Jenny und Hannah und nimmt uns mit in ihr Seelenleben. Drei starke Frauen, vom Leben angeknockt, aber nicht gebrochen, sondern eine warme Menschlichkeit aussendend. Johnstone versteht es, seinen Figuren eine enorme Tiefe und Authentizität zu geben, auch den Nebenfiguren, wie etwa Hannahs Partnerin Indy, die sich bei den Skelfs zur Bestatterin ausbilden lässt, der Polizist Thomas, der zu der verwitweten Dorothy eine enge Beziehung aufzubauen scheint, oder Archie, Angestellter mit großem Talent, versehrte Leichen wieder zur Bestattung ansehnlich herzurichten und dabei unter dem Cotard-Syndrom leidend, d.h. dass er nicht an die eigene Existenz glaubt.

Auch Anspielungen auf die moderne Physik kommen hier nicht zu kurz, schließlich ist der Autor von normalem Beruf Atomphysiker. Der Originaltitel „The Big Chill“ verweist dann auch auf eine Theorie zum Ende des Universums. Jetzt steht natürlich die Frage im Raum, ob das hier überhaupt noch ein Krimi ist. Es ist auch ein Krimi, schon allein mit der Story um Craig, die hier in diesem Roman weiter eskaliert. Aber es ist vor allem auch ein starkes Buch über komplexe Familiensituationen, um den Umgang mit dem Tod und über drei starke Frauen. Und das lässt mich auf den nächsten Band mit den Skelfs freuen.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Eingefroren | Erschienen am 01.11.2023 im Polar Verlag
ISBN 978-3-948392-87-1
384 Seiten | 26,- €
Originaltitel: The Big Chill | Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezensionen zu Doug Johnstones „Eingeäschert“ und „Der Bruch“

S.A. Cosby | Der letzte Wolf

S.A. Cosby | Der letzte Wolf

Kleinstädte sind wie die Menschen, die sie bevölkern. Beide sind voller Geheimnisse. Geheimnisse des Fleisches, Geheimnisse des Bluts. Versteckte Schwüre und geflüsterte Versprechen, die sich so schnell in Lügen verwandeln wie Milch in der heißen Sommersonne sauer wird. (S. 215)

Titus Crown ist der erste schwarze Sheriff der Geschichte in Charon County, Virginia, und erlebt den wohl schwierigsten Tag seiner noch jungen Amtszeit, als ein junger schwarzer Mann mit einem Gewehr in die High School stürmt und dort einen beliebten Lehrer erschießt. Auf dem Weg nach draußen wird er von der Polizei umstellt. Er weigert sich, seine Waffe abzulegen, macht noch einige seltsame Andeutungen und wird dann nach einer verdächtigen Bewegung von den Beamten erschossen. Die Gemeinde ist bestürzt und trauert um den Lehrer Mr. Spearman. Doch von den Andeutungen des Täters aufgeschreckt, lässt Titus das Haus des Lehrers durchsuchen und stellt fest, dass der Alptraum noch weiter geht.

Offenbar war der Lehrer und auch der junge Schwarze in einen Abgrund von Kinderpornographie, Missbrauch und Mord verwickelt. Die Polizei findet zudem Videomaterial, auf denen eine dritte Person zu sehen – mit einer Wolfsmaske. Außerhalb der Stadt auf einer Lichtung unter einer Trauerweide findet Titus schließlich ein Massengrab mit mehreren verscharrten Leichen der Missbrauchsopfer. Er will nun unbedingt den noch frei herumlaufenden Serienmörder fassen – doch der beginnt bereits damit, rücksichtslos seine Spuren weiter zu verwischen.

Autor S.A. Cosby ist seit spätestens nach Erscheinen seines zweiten Romans „Blacktop Wasteland“ im Jahr 2020 in die obere Riege der amerikanischen Kriminalautoren aufgestiegen. Cosby ist selbst als Afro-Amerikaner im ländlichen Virginia unter ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und musste sich vor dem späten Durchbruch mit zahlreichen verschiedenen Jobs über Wasser halten. Die nach wie vor bestehende (soziale) Segregation zwischen weißem und schwarzem Amerika und der latente Rassismus bildet einen zentralen Kern in seinen Romanen. In „Der letzte Wolf“ wird dies in der Hauptfigur Titus Crown angelegt.

Titus ist in Charon County aufgewachsen, war dann einige Zeit beim FBI. Er ist nun in der Lebensmitte wieder zurückgekehrt und lebt wieder in seinem Elternhaus mit seinem Vater zusammen. Der krankheitsbedingte Tod der Mutter, als Titus erst 13 war, hat tiefe Spuren bei ihm, seinem jüngeren Bruder und seinem Vater hinterlassen. Sein Vater versank in Trauer, er musste sich um seinen Bruder kümmern. Als Titus nun zurückkommt, bewirbt er sich um das Sheriffsamt, weil der alteingesessene, rassistische Sheriff seinen Hut nehmen muss, und unerwartet wird Titus erster schwarzer Sheriff des Countys. Dieses ist allerdings ein Spiegelbild des heutigen ländlichen Amerika: Ein hoher Anteil an schwarzer Bevölkerung, die immer noch nicht gleichberechtigt partizipiert, ein großer Teil der Weißen ist nach wie vor arg konservativ, einige sogar ewiggestrig und wieder mit der Konförderalisten-Romantik kokettierend. Zudem ein altbekanntes Netzwerk aus Beziehungen, Gefälligkeiten, Geheimnissen und Abhängigkeiten.

“ […] Diese Idee, dass du alles retten musst – das ist Hochmut. Und du weißt ja, was man über Hochmut und Fall sagt. Noch mal: Du schuldest niemandem etwas. […]“
Titus nahm das leere Weckglas und beobachtete, wie das Licht der Außenlampe über seine Oberfläche tanzte. „Und was, wenn mein Versuch, die Welt zusammenzuhalten, genau das ist, was verhindert, dass ich zerbreche?“ (S.319)

Die Darstellung dieser Verhältnisse und die Zerrissenheit der Hauptfigur sind die großen Stärken dieses Romans. Titus Crown ist ein ehrbarer Mann, der alles richten und Neutralität wahren will, der allerdings zerrieben wird zwischen den Erwartungen der schwarzen Community, den Anfeindungen der Rassisten, Einmischungen seitens des Gemeinderats und nicht zuletzt seiner eigenen Unruhe, über den Tod seiner Mutter und einer Schuld, die er in seinem letzten Einsatz für das FBI auf sich geladen hat. Cosby zeichnet ein beeindruckendes Porträt einer zerrissenen Kleinstadt und eines Sheriffs, der sich das Wohlergehen der Gemeinde auf seinen Schultern aufbürdet. Er verbindet das zudem mit einer brutalen, gleichwohl spannenden Jagd auf einen Serienmörder, dem er aber – aus meiner Sicht zurecht – nicht zu viel psychologischer Aufmerksamkeit widmet. Alles in allem ein sehr starker, moderner und gesellschaftlich-politisch relevanter amerikanischer Kriminalroman.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Der letzte Wolf | Erschienen am 01.11.2023 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 978-3-7472-0518-1
384 Seiten | 24,- €
Originaltitel: All The Sinners Bleed | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu „Blacktop Wasteland“

Best Of 2023

Best Of 2023

Wieder ist ein Krimijahr vorbei und es war kein so schlechter Jahrgang. Insgesamt 60 Romane (und zwei Filme) haben wir auf diesem Blog besprochen (ein paar ausschließlich über unsere Social Media-Kanäle). Es ist also mal wieder Zeit für unsere Jahreshighlights. Andy und Gunnar haben ihre drei Lieblingsbücher aus diesem Jahr zusammengestellt. Anders als in den letzten Jahren gab es aber diesmal eine Übereinstimmung, sodass es diesmal so etwas wie „unseren“ Krimi des Jahres gibt. Beginnen wir mit Andys Top 3.

Andys Top 3 in 2023

Zurückblickend auf das scheidende Jahr 2023, stelle ich fest, dass es viele gute Bücher im Bereich Crime waren, aber auch viel Durchschnittliches. Meine Begeisterung für den skandinavischen Thriller hat etwas nachgelassen, zu auserzählt wirken mittlerweile Plots und Charaktere. Der zweite Band von Don Winslow „City of Dreams“ glänzt mit den typischen Winslow-Zutaten, konnte aber nicht ganz mit der Brillanz des ersten Teils mithalten. Steve Cavanagh war eine neue Entdeckung im Bereich Gerichtskrimi und unterhaltsam für zwischendurch und Michael Connelly geht eigentlich immer. Irgendwie bin ich unaufhörlich auf der Jagd nach dem Besonderen. Höchstpunktzahl gab es für die folgenden Highlights, die auch noch Sieger des diesjährigen Deutschen Krimipreises wurden:

James Kestrel – Fünf Winter
Der Protagonist namens Joe McGrady ist ein Detective des Honolulu PD. Bei der Aufklärung eines brutalen Doppelmordes an einem jungen Paar folgt er einer Spur, die ihn nach Hongkong führt. Das wird allerdings kurz nach seiner Ankunft von den Japanern besetzt. McGrady wird verhaftet und nach Japan deportiert. Ganze fünf Jahre kann er sich bei einem japanischen Diplomaten und dessen Tochter verstecken. Fünf Jahre, in denen er nur in der Dunkelheit an die frische Luft kann und die schwere Bombardierung Tokios durch seine Landsleute erlebt, bis er sich wieder der Morduntersuchung widmen kann. Kestrel begeisterte mich in diesem Mix aus Thriller, historischem Kriminalroman, Kriegsdrama und Romanze durch bildhafte Erzählweise, düstere Atmosphäre, feine Figurenzeichnungen, ein Held im Noir-Stil und exotische Settings. Episch!

Andreas Pflüger – Wie sterben geht
Mit einer großen Vorliebe für Spionagegeschichten waren meine Erwartungen sehr hoch und wurden noch übertroffen. Nina Winter, eigentlich eine Schreibtischagentin, begibt sich Anfang der Achtzigerjahre auf ein Himmelfahrtskommando als Verbindungsoffizierin nach Moskau. Wir sind live dabei, wenn Winter in einem Intensivkurs lernt, wie man tote Briefkästen anlegt, Verfolger abschüttelt oder sich in Moskau unauffällig verhält, z.B. wie jeder Russe ins Leere zu blicken, um nicht als Westlerin erkannt zu werden. Vom ersten Satz des Thrillers entwickelt Pflüger ein mitreißendes Kopfkino, wenn der spektakuläre Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke maximal schief läuft. „Wie sterben geht“ hat alles was ein guter Thriller braucht. Einen spannungs- und actionreichen Plot, eine lyrisch verdichtete Sprache mit lakonischen Dialogen, ambivalente Figuren und eine Heldin, mit der man mitzittert. Das Besondere ist der zeithistorische Kontext. Die Bedrohungsszenarien des Kalten Krieges sind jederzeit spürbar. Recherche-Junkie Pflüger war schon mitten in der Arbeit an diesem Thriller, als 2022 Russland die Ukraine überfiel und er überlegte, abzubrechen. Gottseidank hat er es nicht getan. Perfekt!

Robert Harris – Vaterland
Zum Ende des Jahres noch ein älterer Thriller, den ich im Rahmen unseres Themenspecials „Alternativweltgeschichten“ entdeckte. In dem Debüt des englischen Autors von 1992 hat Deutschland den Krieg gewonnen. Es ist mittlerweile 1964 und Xaver March, ein Berliner Kriminalkommissar und SS-Obersturmbannführer soll den Tod eines ehemaligen hochrangigen Parteifunktionärs aufklären. Als weitere Ex-Parteibonzen zu Tode kommen, die Gestapo den Fall, mit der offensichtlichen Absicht etwas zu vertuschen, an sich reißt, ermittelt March heimlich unter Lebensgefahr weiter. Mit Hilfe einer amerikanischen Journalistin verfolgt er eine Spur nach Zürich und deckt eine gefährliche Wahrheit auf. Harris beeindruckt mit einem überzeugenden Bild eines authentisch anmutenden, düsteren Nachkriegsdeutschlands, in der tatsächliche Geschichte und Fiktion geschickt zusammengefügt werden. Ein unheilvolles Gedankenspiel, rasant und spannend in Form eines Polizeiromans erzählt. Bestimmt nicht mein letztes Buch von Robert Harris, von dem ich noch nichts gelesen hatte. Beklemmend!

Gunnars Top 3 in 2023

Traditionell nehme ich ja nur Neuerscheinungen aus dem ausgelaufenen Jahr in meine Jahresbestenliste auf. Dabei fiel mir auf, dass ich dieses Jahr etwas zurückhaltend mit der Höchstnote war. Erst im November habe eine 5,0 vergeben und war mir mit Andy da sowas von einig, dass der Roman das Jahreshighlight war (und damit waren wir nicht allein). Neben den gleich genannten Titeln mochte ich außerdem sehr: „Alles schweigt“ von Jordan Harper, „Zeit der Schuld“ von Deepti Kapoor, „Fünf Winter“ von James Kestrel, „Seventeen“ von John Brownlow und „Antoniusfeuer“ von Monika Geier. Aber nun meine Top 3:

Andreas Pflüger – Wie sterben geht
Andy hat oben ja schon ausführlich Lobeshymnen verbreitet. Dem kann ich mich einfach nur anschließen. Ein ziemlich perfekter Spannungsroman mit Spionage, Verrat, Täuschung, Liebe, Loyalität, 80er, Kalter Krieg, Moskau, Berlin. Dazu wie immer ein auch literarisch gut aufgelegter Autor, der uns zudem bei seiner Lesung Anfang November in Dortmund mit äußerst interessanten Anekdoten rund um sein Buch zu unterhalten wusste. Es ist ja fast schon unheimlich, wie ausnahmslos der Roman von Bloggern und Kritikern gefeiert wird. Aber völlig zurecht. Der Thriller des Jahres!

Percival Everett – Die Bäume
Eine Plotidee, an der man sich eigentlich nur verheben kann. Percival Everett aber gelingt das Unmögliche. Er schreibt einen politisch-satirischen Zombie-Horror-Krimi-Mix, der gleichzeitig urkomisch ist und bei dem einem andererseits das Grinsen aber sofort wieder erstirbt. Der Plot in aller Kürze: In Money, Mississippi, werden White-Trash-Männer ermordet, die familiär im Zusammenhang mit rassistischen Tätern aus der Vergangenheit stehen. Neben den Leichen wird zudem die Leiche eines jungen, schwarzen Mannes gefunden, die verdächtig nach Emmett Till aussieht, ein vor 60 Jahren gelynchter Schwarzer. Doch diese Leiche verschwindet kurz darauf wieder spurlos – die Untoten gehen um in Money! Herrlich, wie Everett die ewig gestrigen Rednecks, den KKK und andere Rassisten hier durch den Kakao zieht und bestürzend, wie er das Augenmerk nochmal auf all die Opfer von Rassismus und Hass lenkt. Aberwitzig, aber grandios!

Joe Wilkins – Der Stein fällt, wenn ich sterbe
Um das Genre „Country Noir“ ist es in Deutschland nach einem Hype von einigen Jahren inzwischen etwas ruhiger geworden. Dass es aber immer noch herausragende Romane aus diesem Genre gibt, beweist für mich in diesem Jahr Joe Wilkins mit diesem Roman, der im Osten Montanas spielt. Wir begleiten Wendell, einen jungen Mann, der allein in seinem Trailer lebt und sich nun um den siebenjährigen Sohn seiner inhaftierten Cousine kümmern soll. Wendell ist außerdem der Sohn von Verl, einem Redneck, der vor fast zwanzig Jahren einen Ranger erschoss, in die Berge floh und seitdem als vermisst gilt. Auf ihn berufen sich nun wieder einige Aufrührer und bereiten sich auf einen gewaltsamen Widerstand gegen den Staat vor. Wilkins nimmt sich sehr viel Zeit für Figuren, Setting und Stimmungen und lässt das Ganze dann in einem Höhepunkt kulminieren. Ein Roman, dem ich mehr Aufmerksamkeit gegönnt hätte. Eindringlich!

Weiterlesen I: Die Preisträger des Deutschen Krimipreises 2023

Weiterlesen II: Die Krimijahresbestenliste 2023