Kategorie: Gunnar Wolters

Declan Burke | Eight Ball Boogie

Declan Burke | Eight Ball Boogie

Der Begriff „Screwball“ kommt ursprünglich aus dem Baseball und hat sich in der englische Umgangssprache durchgesetzt. Ein Screwball ist demnach eine exzentrische, skurrile Person. Auch ein Filmgenre wurde danach benannt. In der Screwball-Komödie taucht in der Regel mindestens eine solche skurrile Person als Hauptdarsteller oder Hauptdarstellerin auf und zeichnet sich laut Wikipedia „durch hohe Dialoglastigkeit, feinen und intelligenten Wortwitz, ein rasantes Tempo und eine raffiniert konstruierte Handlung aus“.

Warum ich das alles erzähle?Weil der Stil von Autor Declan Burke von vielen Rezensenten als „Screwball Noir“ bezeichnet wurde. Und das ist durchaus nachzuvollziehen. Übrigens gibt es zahlreiche Paralleln zwischen screwball comedy und film noir, beide sind ungefähr zur gleichen Zeit in den 1930ern/1940ern populär geworden.

Man stelle sich diese skurrilen Hollywood-Komödien vor, transportiere sie in den Nordwesten Irlands und füge eine nicht unerhebliche Menge Alkohol, Betäubungsmittel und Schusswaffen hinzu. Voilá! Eight Ball Boogie ist der Debütroman des irischen Autors aus dem Jahr 2003. Seine späteren Romane The Big O und Absolute Zero Cool wurden bereits ins Deutsche übersetzt. Burke betreibt übrigens auch die interessante Krimiwebsite Crime always pays. Doch worum geht’s in Eight Ball Boogie?

„Na gut“, sagte er. „Das ist Plan A. Und was ist, wenn sie nicht darauf eingehen?“
„Dann überleg ich mir was anderes.“
„Und das ist alles?“, fragte er ungläubig.
„So ziemlich.“
„Scheiße. Scheißescheißescheißescheißescheißescheiße.“ […]
„Du willst das wirklich tun?“
„Ich tu nichts, es tut mich. Ich bin bloß der Beifahrer.“ (Auszug Seite 212)

Harry Rigby ist Privatermittler und verkauft auch gerne pikante Storys an die Boulevardpresse. Er führt eine komplizierte Beziehung zu seiner Freundin Denise und seinem vierjährigen Sohn Ben, das Geschäft könnte auch besser laufen. Da wird die Ehefrau eines bekannten Politikers ermordet und Rigby erhält zeitgleich den Auftrag eines windigen einheimischen Geschäftsmannes, dessen Frau auszuspionieren. Und Rigby findet schnell heraus, dass die Ehefrau offenbar etwas mit dem verwitweten Politiker hatte.

Aber das sind nur die ersten Elemente, denn getreu dem Screwball-Genre geht es in der Folgezeit ziemlich turbulent und abwechslungsreich zu. Und Harry ist über weite Strecken tatsächlich nur ein Getriebener in diesem Plot. Irgendwann wird klar, dass es hier irgendwie um Drogen geht, aber wer wie da jetzt mit drin hängt, ist schwer zu beurteilen (ein wenig auch nach Beendigung des Buches). Die örtlichen Polizeikräfte rücken Harry auf die Pelle, die freie Journalistin Katie verdreht ihm etwas den Kopf. Zur Krönung taucht auch Harrys Bruder Gonzo nach vier Jahren Funkstille auf der Bildfläche auf. Mit seinem Bruder verbindet Harry so etwas wie eine Hassliebe, wobei die Betonung eher auf der ersten Silbe liegt.

Harry führt als Ich-Erzähler durch den Roman. Das ist ungemein praktisch, da der Leser genauso oft auf dem falschen Fuß erwischt wird wie Harry. In den besten Momenten liest sich das Buch wie die Vorlage zu einem frühen Guy-Ritchie-Film, aber es gibt auch Phasen, in denen ich einfach nur noch verwirrt war, wohin sich die Nummer jetzt wieder hin entwickelt hat. Doch alles in allem war ich schon zufrieden, wenn auch nicht begeistert. Declan Burke spart nicht an hartgesottenen Zutaten. Hier gibt es eine Menge schräger Typen in knackigen Dialogen und einem rabenschwarzen Plot. Und das sorgt auf jeden Fall nicht für Langeweile.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Eight Ball Boogie | Erschienen am 5. März 2018 bei Edition Nautilus
ISBN 978-3-96054-068-7
272 Seiten | 18.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Declan Burkes Website crimealwayspays.blogspot.de 

2. Mai 2018

Jordan Harper | Die Rache der Polly McClusky

Jordan Harper | Die Rache der Polly McClusky

„Das ist kein Spiel, Polly. Da sind Männer mit Pistolen, die kein Problem damit haben, einem kleinen Mädchen weh zu tun.“ […]
„Du hast gesagt, für uns ist es überall gefährlich. Also sollten wir zusammenbleiben. Ich will helfen.“
Eine Weile lang sagte er nichts. Er warf ihr einen Blick von der Seite zu, atmete lange ein und langsam aus.
„Dann hilf mir.“
„Okay“, sagte Polly. „Aber du musst mir sagen, was ich machen soll. Ich hab noch nie was überfallen.“ (Auszug Seite 147)

Kurz vor seiner Entlassung bringt Nate McClusky mehr oder weniger in Notwehr einen Mitgefangenen im Gefängnis um und hat sich damit mit der mächtigen Gang „Aryan Steel“ angelegt. Ein Kopfgeld wird auf ihn ausgesetzt und nicht nur auf ihn, sondern auch auf seine Exfrau und ihre gemeinsame Tochter Polly. Polly ist ein schüchternes elfjähriges Mädchen und hat ihren Vater seit Jahren nicht mehr gesehen, bis dieser sie plötzlich von der Schule abholt und mit ihr die Flucht antritt.

Allerdings wird dies eine Flucht nach vorne, denn Nate merkt bald, dass er sich kaum noch verstecken kann. Pollys Mutter und ihr neuer Partner wurden bereits ermordet. Nate glaubt, dass er einen Waffenstillstand erreichen kann, wenn er zum Gegenschlag ausholt. Doch dafür braucht er Polly als echte Hilfe. So trainiert er seine Tochter zu einer Fighterin und legt damit einen Schalter bei dem intelligenten Mädchen um.

Obwohl das Buch aus mehreren Perspektiven erzählt wird, ist Polly das Zentrum dieses Romans, der eine Mischung aus Rache-Thriller, Road Movie und Coming-of-Age-Geschichte ist. Polly ist ein scheues Mädel, das in der Schule sehr in sich gekehrt ist und noch mit ihrem Teddybär herumläuft. Dieser ist ihr ständiger Begleiter, sie spricht mit ihm wie mit einem Familienangehörigen und lässt ihn sich pantomimisch erklären (Laut Autor eine Hommage an dessen eigenen Teddybär). Doch sie ist hochintelligent, was ein Schultest bewiesen hat. Zunächst fremdelt sie verständlicherweise mit ihrem Vater, der sich ebenfalls mit seiner Rolle noch anfreunden muss. Aber Polly wird der Ernst der Lage spätestens mit dem Tod ihrer Mutter bewusst und sie lernt schnell die Lektionen in Fitness, Selbstverteidigung und Ganoventum, die sich ihr Vater ausdenkt. Aber es dauert nicht lange, bis bei Tochter und Vater nicht so ganz klar ist, wer wen stärker beeinflusst.

In einem Interview mit dem Autor, das der Verlag dem Rezensionsexemplar beigefügt hat, erklärt Jordan Harper, dass er sich für Menschen interessiert, die schwach erscheinen, aber eigentlich recht stark sind. Daher seine Entscheidung für Polly als Hauptfigur und für diesen Rache-Plot. In meiner Generation sieht man natürlich sofort eine Parallele zum jungen Mädchen Mathilda aus Léon – Der Profi, dargestellt von der damals 13-jährigen Natalie Portman. Auch „Polly“ ist auf dem Weg zur Verfilmung (ob diesem dem Vergleich zu Léon standhalten kann, bleibt abzuwarten). Jordan Harper ist erfolgreicher Drehbuchautor und hat mit diesem Thriller sein Romandebüt vorgelegt. Er arbeitet zurzeit auch am Drehbuch. Und das alles verwundert nicht, denn das Buch ist von vornherein filmisch angelegt: Kurze Kapitel, schnelle Wechsel, rasante Action. Das liest sich problemlos weg und ist damit auch keineswegs langweilig. Und doch hatte ich am Ende das Gefühl, nicht wirklich etwas gelesen zu haben, was mir noch lange im Gedächtnis bleibt.

So bleibt mir am Ende für Die Rache der Polly McClusky nur eine sehr durchschnittliche Bewertung. Der Plot, Action und Spannung sind solide bis ordentlich, wenngleich oft etwas kalkuliert wirkend. Was mich allerdings wenig überzeugt hat, waren zum einen die Figur der Polly, deren Entwicklung vom scheuen Einzelkind zur knallharten Kämpferin, die in Sachen Rachedurst und Kampfeswillen sogar ihren Vater in den Schatten stellt, mir einfach zu glatt und nicht plausibel genug vorkommt. Zum anderen hat mir die Sprache und der Erzählstil nicht gefallen. Einmal haut Jordan Harper knallharte Sprache raus, um dann wenig später (oft in Pollys Perspektive) ein wenig Poesie versprühen zu wollen (Mädchen von der Venus, Wassermelonenhaare) oder er bringt Lautmalerei. Das passt nicht so richtig zusammen. Außerdem nervt dieser Teddybär!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Die Rache der Polly McClusky | Erschienen am 23. Februar 2018 im Ullstein Verlag
ISBN 978-3-550-08150-7
288 Seiten | 12.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension dieses Buches auf dem Schurkenblog | Beitrag von Sonja Hartl über „Verbrecherische Mädchen“

17. April 2018

Ian McGuire | Nordwasser

Ian McGuire | Nordwasser

„Es ist wirklich ungeheuerlich“, sagt Brownlee. „Haben Sie jemals so etwas gehört? Ein kleines Mädchen ist eine Sache. Ein kleines Mädchen, das könnte ich noch halbwegs verstehen. Aber doch keinen verdammten Schiffsjungen, Herrgott, nein. Wir leben in bösen Zeiten, Campbell, das dürfen Sie mir glauben. Böse und widernatürlich.“
Campbell nickt.
„Ich nehme an, der liebe Gott verbringt nicht viel Zeit hier oben im Nordwasser“, sagt er mit einem Lächeln. „Höchstwahrscheinlich mag er die Kälte nicht.“ (Auszug Seite 143)

Hull, Nordengland, 1859: Im Hafen wird das Walfangschiff „Volunteer“ auslaufbereit gemacht. An Bord gehen unter anderem der in sich gekehrte irische Arzt Patrick Sumner und der raue und gefährliche Harpunier Henry Drax. Das Ziel sind die eisigen Gefilden des Nordwassers nordöstlich von Grönland. Schon bald ist klar, dass diese Fahrt unter keinem guten Stern steht, denn ein Schiffsjunge wird zunächst brutal missbraucht und schließlich ermordet. Doch das ist nur der Auftakt zu einer wahren Höllenfahrt.

Reise unter keinem guten Stern

Schon vor dem Auslaufen ist klar, dass es mit der Fahrt der „Volunteer“ kein gutes Ende nehmen wird. Seit einigen Jahren beginnt das Petroleum den Waltran als Brennstoff abzulösen, zudem ist die Überfischung an vielen Stellen der Weltmeere bereits spürbar. So hat der skrupellose Eigner der „Volunteer“ denn auch mit dem Kapitän Brownlee ausgeheckt, dass das Schiff von der Reise nicht zurückkehren soll, um damit die Versicherungssumme zu kassieren. Die Mannschaft erfährt davon freilich nichts. Bis dahin soll aber durchaus der Laderaum gefüllt werden. Ein Schwesterschiff ist in der Nähe, um Ladung und Mannschaft bei der geplanten Havarie im Eismeer aufzunehmen.

So beginnt die Reise zunächst wie gewohnt. Die Crew geht auf Robben- und Waljagd. Die Stimmung an Bord ist rau, allerdings ist das auf einem Walfänger Normalität. Patrick Sumner verarztet die üblichen Kleinigkeiten, bis auf einmal ein Schiffsjunge ihn um Schmerzmittel bittet. Sumner besteht auf einer genauen Untersuchung und entdeckt rektale Verletzungen durch eine Vergewaltigung. Sumner ist entsetzt, doch der Junge schweigt aus Angst und redet von einem Unfall. Der Kapitän will den Fall nicht weiter verfolgen. Kurze Zeit später ist der Junge verschwunden und wird schließlich erdrosselt und erneut missbraucht aufgefunden. Rasch wird ein vermeintlicher Täter ermittelt. Dieser gesteht seine Homosexualität, doch er bestreitet, sich je an Knaben vergangen zu haben. Doch das überzeugt den Kapitän nicht. Sumner allerdings hat von Beginn an Zweifel an der Täterschaft. Er verdächtigt einen anderen, den Harpunier Drax.

Diese beiden Männer bilden die beiden Antipoden dieser Geschichte. Patrick Sumner ist ein Arzt, bei dem sich einige fragen, warum er auf einem Walfänger anheuert. Doch Sumner hat quasi keine andere Wahl. Er war bei der Armee in Indien, hat sich dort während kämpferischer Handlungen auf eine Dummheit eingelassen. Daher wurde er unehrenhaft entlassen, aber was ihm viel schlimmer zusetzt, ist, dass ein kleiner Junge, der ihm dort das Leben rettete, durch seinen Fehler getötet wurde. Nun ist Sumner am Ende, hält sich vorwiegend mit Laudanum über Wasser und hofft, mit der Reise auf dem Walfänger Zeit zu überbrücken. Trotz all seiner Selbstzweifel und seiner Drogenabhängigkeit, ist jedoch von Beginn klar, dass Sumner die Moral in dieser Geschichte verkörpert, denn obwohl sein Glaube und auch seine Zuversicht in Indien abhanden gekommen scheint, ist die tief sitzende Moralität ungebrochen. Ganz im Gegensatz dazu ist Henry Drax die dunkle Seite. Der Harpunier ist ein ruppiger, gewissenloser Mann, gewalttätig, ohne Skrupel. Schon zu Beginn beobachtet der Leser ihn bei einem eiskalten Mord an einem Mann, der ihm im Pub beleidigt hat, und bei einem Missbrauch an einem Jungen. McGuire bescheibt ihn im Abgang zu diesen Szenen als „wilden, unheiligen Machinisten“. Drax ist selbstbewusst und geübt darin, mit seinen Taten ungestraft davon zu kommen. Er glaubt nicht daran, dass Sumner eine Bedrohung für ihn darstellt.

Überlebenskampf

Sie werfen die letzten Holztrümmer in die Flammen und warten gespannt darauf, dass ihre Retter eintreffen. Sie rauchen ihre Pfeifen und blicken erwartungsvoll in die halbdunkle Ferne. Sie reden über Frauen und Kinder, über Häuser und Felder, die sie wiedersehen, wenn sie überleben. Während das Feuer niederbrennt und der Tag anbricht, rechnen sie jeden Moment mit einem Boot, doch es kommt keines. Nach einer Stunde vergeblichen Wartens gerinnt ihr Optimismus, etwas Ranziges und Bitteres nimmt seinen Platz ein. (Seite 201)

Ich mag gar nicht zu viel vom Plot verraten, denn der Mord an dem Schiffsjungen bleibt nur ein Textaspekt dieses Romans. Es geht in die eisigen Gefilden östlich von Grönland, wo das Nordwasser auch im Winter keine geschlossene Eisdecke bildet. Trotzdem bietet es eine eindrucksvolle Kulisse für diesen Roman, in dem das Eis, Eisbären und einheimische Inuit ebenfalls noch ein wichtige Rolle spielen und wo es letztlich, so viel sei verraten, auch auf einen Überlebenskampf hinausläuft.

Autor Ian McGuire stammt aus Hull, ist Literaturwissenschaftler und unter anderem auf Hermann Melville spezialisiert, den Autor von Moby-Dick. Daher ist es nicht verwunderlich, dass er den Walfang zum Sujet seines zweiten Romans machte. Nordwasser war 2016 auf der Longlist zum Man Booker Prize. Die sehr gelungene Übersetzung übernahm Joachim Körber, Autor, Übersetzer (vor allem von Stephen King) und Verleger der „Edition Phantasia“.

Dieses Buch birgt vielerlei Facetten. Es ist ein historischer Roman, ein Thriller, ein Abenteuerroman, ein Roman mit philosophischen und psychologischen Elementen. Es ist definitiv nichts für schwache Gemüter, es fließt eine Menge Blut, es gibt viel rohe Gewalt. Aber es gehört definitiv zum Besten, was ich in letzter Zeit gelesen habe. Ein Roman über den Kampf von Gut und Böse, sprachlich eindrucksvoll, dazu äußerst spannend geplottet. Unbedingt lesen!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Nordwasser | Erschienen am 13. Februar 2018 im Mare Verlag
ISBN 978-3-86648-267-8
304 Seiten | 22.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Für den Bildhintergrund verwendete Gunnar ein Foto des NASA Goddard Space Flight Centers.

7. April 2018

Henning Mankell | Mittsommermord

Henning Mankell | Mittsommermord

Vor zwei Wochen hatten sie beschlossen, wo sie sich treffen wollten. Da war er ihnen schon seit einigen Monaten dicht auf den Fersen. Schon am Tag, nachdem sie ihren Beschluss gefaßt hatten, suchte er die Stelle. […]
Als er dann die Stelle fand, die sie für ihre Mittsommernachtsfeier ausgesucht hatten, dachte er sofort, daß es der ideale Ort war.
Er lag in einer Senke. Darum herum wuchs dichtes Gebüsch, und es gab ein paar Baumgruppen.
Sie hätten keine bessere Stelle wählen können.
Weder für ihre eigenen Zwecke noch für seine. (Auszug Seiten 9-10)

Sommer in Schonen: Kommissar Wallander und seine Kollegen müssen einen Vermisstenfall bearbeiten, der aus ihrer Sicht vermutlich gar keiner ist. Drei junge Menschen sind seit Mittsommer verschwunden, als sie gemeinsam eine Feier geplant hatten. Allerdings schicken sie seitdem in regelmäßigen Abständen Ansichtskarten aus europäischen Städten. Die jungen Leute sind volljährig, es gibt keinen Anhaltspunkt für ein Verbrechen, Wallander würde vermutlich gar nicht ermitteln, wenn nicht besonders eine Mutter immer wieder die Polizei bedrängen würde. Doch dann werden die Polizisten von einem Mord erschüttert: Ihr Kollege Svedberg wurde in seiner Wohnung von einem unbekannten Täter erschossen.

Zunächst hat Wallander wenig Anhaltspunkte, bis er zwei Dinge herausfindet. Svedberg hatte offenbar eine Beziehung zu einer Frau, von der niemand etwas wusste. Er findet ein Foto und einen Namen, „Louise“. Außerdem bemerkt Wallander, dass Svedberg das Verschwinden der drei jungen Leute offenbar ernst nahm und während seines Urlaubs eigene Ermittlungen anstellte. Doch warum teilte er diese nicht mit seinen Kollegen? Mitten während der Mordermittlungen findet ein Wanderer im Wald die Leichen der Vermissten, die offenbar schon länger tot waren und nun arrangiert in festlichen Kostümen platziert wurden. Ein unfassbares Verbrechen, dass Wallander und seine Kollegen unter noch größeren Erwartungsdruck setzt. Aber Wallander hat schnell das Gefühl, dass beide Taten zusammenhängen. Die Frage ist nur: Wird der Täter wieder zuschlagen?

Mehr als 25 Jahre nach seinem ersten Auftritt in Mörder ohne Gesicht ist die Figur des Kurt Wallander ein fester Bestandteil des internationalen Kanons der Kriminalliteratur. Der Kommissar aus Ystad wirkte in insgesamt zwölf Bänden, war Protagonist in zahlreichen Verfilmungen, die zum Teil auf den Romanen beruhen, teils Figuren und Setting mit neuem Stoff adaptieren. 1991 erschien Mördare utan ansikte. Der Roman gewann auf Anhieb den schwedischen und skandinavischen Krimipreis. Der internationale Durchbruch ließ aber noch ein wenig auf sich warten. In Deutschland entschied sich der Rowohlt Verlag gegen eine Veröffentlichung. Die ersten drei Bücher erschienen ab 1993 beim kleinen Berliner Verlag edition q, der zum Quintessenz Verlag gehörte, einem Fachverlag für Zahnheilkunde. Erst 1999 übernahm der Paul Zsolnay Verlag die Erstveröffentlichungen.

Vor allem hofft ein guter Polizist, daß die Kriminalität abnimmt. Aber ein guter Polizist weiß gleichzeitig, daß dies kaum eintreten wird. Solange die Gesellschaft ist, wie sie ist. Solange Ungerechtigkeit der Motor des gesellschaftlichen Fortschritts ist. (Seite 400)

Nachdem es nach den Kommissar-Beck-Romanen international mit schwedischen oder skandivanischen Krimis relativ ruhig wurde, erlebte das später Scandinavian Noir getaufte Genre in den 1990ern international eine Renaissance (einer der herausragenden initiierenden Romane war Peter Høegs Fräulein Smillas Gespür für Schnee). Dabei wurde Henning Mankell mit Wallander zum bedeutenden Vertreter. Mankell sah sich in direkter Tradition von Sjöwall/Wahlöö: Beck und Wallander weisen durchaus ähnliche Züge auf und Mankell kritisiert Entwicklungen in der schwedischen Gesellschaft. Maj Sjöwall grenzte sich in einem Interview mit dem Spiegel jedoch auch deutlich von Mankell ab: „Mankells Bücher beschreiben nur den Zustand der Gesellschaft. Die Missstände, die er aufzeigt, sind so deutlich, dass jeder sie erkennt. Außerdem gibt er vor, realistisch zu schildern. Aber er überzieht stark, ist sehr brutal und schreibt ohne Humor.“ Dennoch ist Mankell sicherlich ein ausgewiesen politischer Autor, der vor allem für sein Engagement für die Palästinenser und für Afrika bekannt wurde. Er lebte auch jahrelang in Afrika, insbesondere in Mosambik. 2015 erlag Mankell einem Krebsleiden.

Mittsommermord erschien im Original 1997 als siebter Wallander-Roman. Es ist ein klassischer Polizeikrimi mit Fokus auf der Ermittlungsarbeit und dabei insbesondere auf der Figur Wallander. Mankell verwendet einen personalen Erzähler, der ausführlich auch das Innenleben des Kommissars beschreibt. Doch neben Wallanders Perspektive gibt es auch Kapitel oder Abschnitte aus Sicht des Täters, womit der Leser den Ermittlern oft (aber nicht immer) einen Schritt voraus ist. Der Täter ist ein psychisch gestörter Mann, ein Serienmörder mit bizarrem Modus, allerdings verzichtet Mankell auf Blutrünstigkeit, die Monstrosität der Taten genügt völlig. Die Polizeiarbeit wird als mühsam und energieraubend, aber auch akribisch und systematisch beschrieben.

Vor etwa fünfzehn Jahren habe ich begeistert Mankells Wallander-Krimis verschlungen und wollte nach langer Zeit überprüfen, ob mich die Werke immer noch begeistern können. Immerhin hat sich mein Krimigeschmack ja doch etwas weiterentwickelt. Ich habe dann Mittsommermord ausgewählt, weil ich noch dunkel im Hinterkopf hatte, dass dies der beste Teil der Reihe gewesen war. Und wie fällt mein Fazit nach dem Wiederlesen aus? Ich war aufs Neue absolut begeistert!

Das liegt weniger am eher soliden Schreibstil Mankells mit vielen, pragmatischen Hauptsätzen. Sondern am fast perfekten Plot mit großartigem Spannungsbogen, der immer wieder kleine Höhepunkte bereithält. Und letztlich vor allem an der Figur des Kurt Wallander. Der ist jetzt nicht so der absolute Sympathiebolzen, aber auch nicht das klischeehafte Wrack, das sich sonst so gerne in den nordischen Krimis einschleicht. Aber Mankell verlieht ihm etwas ganz Wichtiges: Authentizität. Ein Mann kurz vor der 50, geschieden, allein lebend. Ein gewissenhafter, intelligenter Polizist, allerdings manchmal auch etwas grantig und griesgrämig. Er kann durchaus im Team spielen, doch wagt auch riskante Alleingänge. Bei Wallander machen sich Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Der Fall geht total an seine Substanz. Rastlos, wenig Schlaf, ungesundes Essen, eine Diabetes wird ihm diagnostiziert. Doch er beißt sich durch alle Widrigkeiten und macht seinen Job. Kein strahlender Held, sondern ein Normalo, der zwar gut in seinem Beruf ist, den privat aber so einiges bedrückt.

Insgesamt war es ein absolut erfreuliches Wiedersehen mit Kommissar Wallander. Mittsommermord ist immer noch ein absolut spannender, hervorragend geplotteter Krimi, der außerdem über eine sehr wichtige Eigenschaft für einen guten Roman verfügt: Eine exzellent konzipierte, authentische Hauptfigur.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Mittsommermord | Erstmals erschienen 1997
Die gelesene Ausgabe erschien 2005 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-08607-6
aktuelle Taschenbuchausgabe des dtv Verlag vom 1. Mai 2010:
ISBN 978-3-423-21218-2
608 Seiten | 9.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

1.April 2018

Weiterlesen: Tobias Gohlis über Henning Mankell und seine Figur Wallander

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Schwedenkrimis.

Maj Sjöwall & Per Wahlöö | Der Mann, der sich in Luft auflöste

Maj Sjöwall & Per Wahlöö | Der Mann, der sich in Luft auflöste

Im selben Moment registrierte Martin Beck etwas. Keinen Schatten und auch kein Geräusch, nur eine kleine Veränderung in der Luft schräg hinter ihm. So unmerklich, dass nur die Stille der Nacht sie wahrnehmbar machte.
Er wusste, dass er nicht mehr allein auf der Mauer war. Das Auto sollte nur seine Aufmerksamkeit ablenken, während unten auf dem Kai jemand lautlos heranschlich und sich hinter ihm auf die Mauer schwang.
Und im selben Moment begriff er auch, glasklar und deutlich, dass dies keine Beschattung, kein Spiel, sondern Ernst war. Mehr als das. Es war der Tod. Dieses Mal war er hinter ihm her, und zwar nicht zufällig, sondern kalt, berechnend und vorsätzlich. (Auszug Seite 126)

Sommer in Stockholm: Kommissar Martin Beck sortiert die letzten Akten und verabschiedet sich in den Familienurlaub auf einer Schäreninsel. Doch schon nach einem Tag wird er für eine Spezialaufgabe ins Büro zurückbeordert. Der schwedische Reporter Alf Matsson ist von einer Recherchereise nach Ungarn spurlos verschwunden. Seine Zeitung droht sein Verschwinden auszuschlachten, die schwedische Regierung befürchtet diplomatische Verwicklungen. Daher reist Beck in inoffizieller Mission nach Budapest, um dort zu ermitteln.
Beck checkt im selben Hotel wie der Verschwundene ein und begibt sich auf Spurensuche. Alf Matsson hat allerdings sein ganzes Gepäck inklusive seines Passes im Hotel gelassen. Die erste Nacht hat er in einer anderen Unterkunft verbracht. Außerdem schien er Kontakt zu einer ehemaligen ungarischen Leistungsschwimmerin gehabt zu haben. Aber all dies bringt Beck nicht wirklich weiter, zudem erhält er mit Major Szluka einen ungebetenen Aufpasser. Doch die Ermittlungen haben jemanden aufgeschreckt, in einer einsamen Nacht am Donauufer spitzen sich die Ereignisse zu.

Der Schwedenkrimi oder heutzutage etwas regionaler gefasst Skandivian Noir oder Nordic Noir ist in der Kriminalliteratur ein eigenes international erfolgreiches Genre geworden, obwohl sich dort ziemlich unterschiedliche Autorenstile tummeln. Den Reiz dieses Genres macht vor allem sicherlich die Diskrepanz zwischen den Erwartungen der Leser an die gesellschaftlichen Umstände der skandivischen Musterländer und den düsteren Abgründen der Romane aus. Mehr oder weniger als Paten des Genres gelten Maj Sjöwall und Per Wahlöö mit ihrer zehnbändigen Romanreihe Roman über ein Verbrechen. Beide arbeiteten als Journalisten, heirateten 1962 und bildeten bis zum Tode Wahlöös 1975 ein kongeniales Autorenduo. 1971 erhielt der vierte Roman Endstation für neun den Edgar Award und markierte damit endgültig den internationalen Durchbruch.

Wahlöö hatte bereits vor Erscheinen des ersten Martin-Beck-Romans 1965 Die Tote im Götakanal erfolgreich Krimis veröffentlicht. Unter anderem war er (Sjöwall später auch) Übersetzer den legendären Ed McBain-Krimis, die den beiden Inspiration boten für ihr großes Romanprojekt. Sjöwall und Wahlöö waren bekennende Marxisten und wollten ihre Krimis bewusst als politisches Vehikel benutzen. Beide übten große Kritik an den sozialdemokratischen Regierungen unter Erlander und Palme des vermeintlichen Musterland Schwedens, insbesondere an der Polizeireform 1965. Sie wähnten das Land auf dem Weg in den Faschismus und dagegen wollten sie anschreiben. Dabei brachten sie ihre Kritik und politische Meinung zunächst nur in geringem Maße ein, steigerten dies aber bis zum Ende der Reihe deutlich.

Der Mann, der sich in Luft auflöste ist der zweite Band der Reihe. Das schwierige zweite Buch, „die Hölle eines jeden Autors“, wie die Autorenkollegen Anders Röslund und Börge Hellström in ihrem begeisterten Vorwort meinen. Der Roman tanzt insofern ein wenig aus der Reihe, da er über weite Strecken nicht in Schweden spielt. Die später in der Reihe deutlicher formulierte Gesellschaftskritik kommt hier auch nur in homöopathischen Dosen vor. Im Gegenteil: Die Autoren spielen die ganze Zeit mit den Erwartungen des Lesers, dass sich hier ein politisches Verbrechen verbirgt (Kalter Krieg, Eiserner Vorhang), was sich aber in der gelungenen Auflösung nicht bewahrheiten wird.

Jetzt saß er hier in Budapest mit einem Auftrag, für den er nur mit größter Mühe Interesse aufbringen konnte. (Seite 95)

Was mir an diesem Buch direkt auffiel, war die intensive Beschreibung der Figuren und der Szenen und Schauplätze. Dies ist auf der einen Seite äußerst filigran und gekonnt, sorgte bei mir aber während der Kapitel in Budapest teilweise für eine merkwürdige Stimmung. Es gibt lange Phasen, in denen eigentlich kaum etwas passiert, es fühlt sich ein wenig wie in Zeitlupe an. So wie Beck selbst, ging es mir auch hin und wieder. Bis zu dieser Szene an der Donau.

Als Fazit kann ich mich nicht völlig begeistert zeigen, aber gerade das Ende hat mich positiv versöhnt. Ich kann auch durchaus nachvollziehen, warum diese Figur des Kommissar Beck bis heute ihren Reiz hat und auch fürs Fernsehen adaptiert wurde. Beck und seine Kollegen werden als absolute Normalos präsentiert, ihre Polizeiarbeit ist gründlich und strukturiert. Das wirkt auf den Leser sehr authentisch. Ich werde mir aus Interesse auf jeden Fall auch nochmal einen der älteren Bände vornehmen, in dem Sjöwall und Wahlöö ihre Gesellschaftskritik um einiges deutlicher platziert haben.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Mann, der sich in Luft auflöste |Erstmals erschienen 1966
Die gelesene Ausgabe erschien am 1. Oktober 2008 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-24442-1
234 Seiten | 8.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

29. März 2018

Weiterlesen:
50 Jahre Martin Beck auf Deutsch – Eine Hommage von Ulrich Noller | Autorenporträt auf kaliber .38 | Interview mit Maj Sjöwall von Spiegel Online in 2005

 

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Schwedenkrimis.