Kategorie: Gunnar Wolters

Hideo Yokoyama | 64

Hideo Yokoyama | 64

„Die Leute, die es bis an die Spitze schafften, die Durchkommer, waren die, die ihre Geheimnisse für sich behielten. In dem Moment, in dem man sie preisgab, ob nun die eigenen oder fremde, hatte man schon verloren.“ (Auszug Seite 759)

Irgendwo in der japanischen Provinz, in der Präfektur D, ist Yoshinobu Mikami Direktor der Pressestelle der Polizei. Mikami holt ein alter Fall wieder ein: Vor vierzehn Jahren gab es in D einen tragischen Kriminalfall. Ein siebenjähriges Mädchen wurde entführt. Trotz großer Polizeipräsenz gelingt dem Täter die Flucht nach der Lösegeldübergabe. Das Mädchen wird kurz darauf ermordet aufgefunden, der Täter bislang nicht ermittelt. Die Tat ereignete sich im Januar 1989, kurz vor dem Tod des Kaisers Hirohito in dessen 64. Regentschaftsjahr. Daher erhält dieser Fall den polizeiinternen Codenamen „64“. Mikami war damals Teil der riesigen Ermittlungseinheit. Nun kündigt sich kurz vor Ende der Verjährungszeit der Generalinspektor der Polizei an. Er will die Präfektur D besuchen und dem hinterbliebenen Vater des Mädchens und der Öffentlichkeit signalisieren, dass bis zuletzt intensiv an der Aufklärung gearbeitet wird. Bei der Vorbereitung auf den Besuch stößt Mikami auf einige Ungereimtheiten und ihm wird langsam klar, dass der Besuch noch zu etwas anderem genutzt werden soll.

Hegomoniestreben. Die eigene Macht auszuweiten war einer der Urinstinkte jeder Zentralautorität. Irgendwo in Tokio hatte sich ein Räderwerk in Gang gesetzt. Sie würden die Autonomie der regionalen Polizei systematisch untergraben. Den Vorhang herunterreißen, ihre Ambitionen auf ein zentralisiertes Polizeikommando durchschimmern lassen. (Seite 461)

Mikami gerät in die Mühlen von intensiven Ränkespielen innerhalb des Polizeipräsidiums. Die regional organisierte Polizei besteht im Wesentlichen aus zwei großen Einheiten: Das Kriminaluntersuchungsamt mit den Beamten, die die Ermittlungsarbeit erledigen und der Verwaltung, zu der auch die Pressestelle gehört. Beide Einheiten misstrauen sich traditionell. Die Verwaltung pflegt eine größere Nähe zur Nationalen Polizeibehörde in Tokio und offenbar gibt es Bestrebungen, auch das Kriminaluntersuchungsamt mehr auf Linie zu bringen. Ein Ansatzpunkt ist scheinbar der alte Fall „64“ und Mikami findet heraus, dass damals wohl nicht alles glatt gelaufen ist. Er begibt sich auf die Suche nach dem ominösen „Koda-Memo“, das ein Mitglied der Vor-Ort-Einheit damals geschrieben haben soll.

Das Buch ist ein wahres Epos mit mehreren Facetten. Da wäre der alte Entführungsfall „64“, der zwar über weite Strecken nicht die Hauptrolle spielt, aber immer im Hintergrung mitschwingt und so viel darf verraten werden, am Ende eine erstaunliche Aufklärung erfährt. Da sind außerdem die polizeiinterne Rivalitäten und Intrigen und die Darstellung der internen Hierarchien. Dazu gehört die besonders eindrucksvolle Beschreibung der japanischen Verhaltens- und Umgangsformen, der Bedeutung von Macht, Pflicht, Loyalität, Gesichtsverlust. Letztlich ist dieses Buch aber auch das grandiose Porträt eines gebeutelten Mannes, gefangen in Pflichtbewusstsein, einem ritualisierten Verhaltenskodex, mangelnder Empathiefähigkeit und Sorge. (Doch er gewinnt im Laufe des Buches stetig an Format.)

Er hatte seine Familie als Schutzschild benutzt. Er war Kompromisse eingegangen, sooft seine Stellung bei der Polizei gefährdet schien, und jedes Mal hatte er es auf seine Familie geschoben. Dabei lag die Wahrheit auf der Hand. Er konnte ohne seine Familie zurechtkommen, aber er würde zerbrechen, wenn er seinen Platz bei der Polizei verlor. Bevor er sich das nicht eingestand, sich nicht zu dem bekannte, was er war, würde er auch seinen wahren Platz in der Welt nicht finden. (Seite 480).

Yoshinubo Mikami ist nämlich Vater einer jugendlichen Tochter, die seit einiger Zeit von zu Hause ausgerissen und seitdem verschwunden ist. Das Verschwinden seiner Tochter und vor allem auch die Entfremdung zu seiner Frau, einer ehemaligen Polizeibeamtin, nagen an ihm, dennoch ist er kaum in der Lage, aus seinem Panzer aus Steifheit und Konvention auszubrechen. Auch beruflich steht er unter Druck. Für Mikami bergen die Rivalitäten im Präsidium besondere Brisanz. Er war lange Zeit im Kriminaluntersuchungsamt erfolgreicher Ermittler, wurde nun aber auf den Posten des Pressedirektors innerhalb der Verwaltung wegbefördert. Ein undankbarer Job, denn die Presse bedrängt die Pressestelle um Informationen. Diese erhält aber aus dem eigenen Hause oft nur die allernötigsten Informationen, in der Befürchtung, dass sie zur Presse durchsickern könnten. So wird jeden Tag aufs Neue mit der Presse gerungen und es geht oft hoch her. Mikami sitzt zwischen allen Stühlen, immer bemüht seinen Job zu erfüllen, aber in der Hoffnung, zu einem späteren Zeitpunkt in seine alte Abteilung zurückkehren zu können.

64 ist schon von ersten Eindruck ein gewaltiges, fast Respekt einflößendes Werk. Knapp unter 800 Seiten, ein schicker Farbschnitt. Der Roman wurde 2013 als bester japanischer Kriminalroman ausgezeichnet und in Folge auch in den USA und Großbritannien zu einem Bestseller. Die deutsche Übersetzung von Sabine Roth und Nikolaus Stingl erfolgte interessanterweise auch nicht aus dem Original, sondern aus der englischen Übersetzung. 64 erhielt auch im deutschsprachigen Raum direkt allerhöchstes Lob von den Kritikern, stand zwei Monate auf der Nummer 1 der Krimibestenliste und deren Jury meinte gar: „Wenn es einen Nobelpreis für Kriminalliteratur gäbe: Yokoyama hätte ihn verdient.“ Und doch gibt es im Bewertungsportal eines bekannten Onlinehändlers erstaunlich viele negative Stimmen mit dem Tenor „langweilig, langatmig, ermüdend“. Das liegt vermutlich an der falschen Erwartungshaltung, da auf dem Titel der Begriff „Thriller“ prangt (worüber man tatsächlich trefflich diskutieren kann), und auch der Inhalt so ganz anders ist als man sich den typischen Kriminalroman vorstellt. Für alle anderen Leser, die längst erkannt haben, dass Genreliteratur mehr bieten kann, ist dieser Roman aber vermutlich ein Fest. In der Tat geht Yokoyama sehr kleinschrittig mit seinem Protoganisten voran und lässt den Fall „64“ zwischendurch auf Sparflamme kochen, aber dadurch erhält der Leser auch intensive Einblicke in die Hauptfigur, in japanische Denkweisen, Formalismen und Zwänge. Und vor allem der Machtkampf im Polizeiapparat und auch die Winkelzüge mit der Presse sind mindestens so spannend wie ein Thriller. Und wie gesagt, am Ende geht es auch beim Kriminalfall nochmal richtig hoch her. Dieser Roman hat mich mit japanischen Krimis versöhnt, daher eine absolute Empfehlung.

 

Rension und Foto von Gunnar Wolters.

64 | Erschienen am 8. März 2018 im Atrium Verlag
ISBN 978-3-85535-017-9
768 Seiten | 28.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu „64“ bei Literaturreich

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Mini-Spezials Japan.

Nicolás Obregón | Schatten der schwarzen Sonne

Nicolás Obregón | Schatten der schwarzen Sonne

Japan ist momentan literarisch schwer angesagt. Nicht nur, dass der letzte und angesichts der Verhältnisse des Komitees wohl längere Zeit amtierende Literaturnobelpreisträger aus Japan kommt, auch in Sachen Kriminalliteratur gibt es einige aktuelle japanische Titel mit hoher Aufmerksamkeit. Ich muss gestehen, dass ich mit japanischen Titel immer so meine Schwierigkeiten hatte, zu sehr unterscheiden sich teilweise der westliche und japanische Kulturkreis, so dass ich mit manchen Handlungen und Figuren so meine Probleme hatte. Zuletzt ließ mich Kanae Minatos „Geständnisse“ einigermaßen ratlos zurück. Nun dachte ich mir: Probiere ich es doch mal mit einem Titel, der in Japan spielt, aber von einem europäischen Autor. Gesagt, getan.

Schatten der schwarzen Sonne von Nicolás Obregón, ein Autor mit spanisch-französischen Wurzeln, in London geboren und für ein englisches Reisemagazin lange in Japan unterwegs gewesen. Aber um es vorweg zu nehmen: So richtig überzeugt war ich am Ende auch wieder nicht.

„Max Weber hat mal gesagt, ‚der Mensch ist ein Wesen, das in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt ist‘. Der, den du suchst, ist verstrickt in dieses System der schwarzen Sonne. Es ist nicht seine Visitenkarte. Ich glaube, es ist sein ganzes Gewebe. Er lebt und atmet damit.“ (Seite 101)

Kommissar Kosuke Iwata ist neu in die Mordkommission im Tokioter Stadtbezirk Shibuya versetzt worden. Sein Vorgänger hatte kurz zuvor Selbstmord begangen und hinterlässt ihm direkt einen mysteriösen Fall: Eine koreanische Familie wurde auf grausame Weise getötet. Am Tatort die Zeichnung einer schwarzen Sonne, offenbar von einem der Opfer gezwungenermaßen geschrieben. Iwata recherchiert im Umfeld der Familie, ein psychisch gestörter Bekannter der Mutter ist der perfekte Täter. Damit ist Iwata allerdings nicht zufrieden. Da geschieht ein weiterer Mord. Eine alte Frau wurde getötet, die Witwe eines Richters. Wieder am Tatort ist das Symbol der schwarzen Sonne. Iwata versucht verzweifelt, den Zusammenhang zwischen den Taten herzustellen, um einen nächsten Mord zu verhindern. Aber gleichzeitig wird an seinem Stuhl gesägt, seine Suspendierung droht. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.

Schatten der schwarzen Sonne ist der Auftakt zu einer Reihe. Dadurch erhält die Hauptfigur Kosuke Iwata und seine Vergangenheit sehr großen Raum im Buch. Iwata ist der typische Außenseiter-Cop in seinem neuen Revier. Ein Einzelgänger, der sich auch direkt mit den Platzhirschen anlegt und dadurch in Schwierigkeiten gerät. Seine Vergangenheit, die regelmäßig in Rückblicken erzählt wird, ist außerdem traumatisch. Als Kind von der Mutter sitzengelassen, im Waisenhaus aufgewachsen. In den USA lernt er seine Frau Cleo kennen, die er nun in einer Psychiatrie besucht. Erst nach und nach offenbart sich eine weitere Familientragödie. Der englische Originaltitel „Blue Light Yokohama“ bezieht sich übrigens auf einen Song der Sängerin und Schauspielerin Ayumi Ishida, einen japanischen Nr.1-Hit aus dem Jahr 1968, auf den auch im Buch regelmäßig Bezug genommen wird.

Der Kriminalroman, der außerdem über ausgedehnte Thrillerelemente verfügt, ist grundsätzlich sehr solide, verfügt über einen guten Spannungsbogen, vielleicht sind die Rückblicke in die Vergangenheit des Kommissars manchmal etwas ausschweifend. Wichtigste Nebenfigur ist die pfiffige Kommissarsanwärterin Sakai, die anfangs Iwata zur Seite gestellt ist, später abgezogen wird, aber irgendwie in die Geschichte verwickelt ist.

Obwohl Schatten der schwarzen Sonne ein ordentlicher Krimi ist, der das Genre nicht neu erfindet, aber passabel unterhält, gab es für mich irgendwie einen faden Beigeschmack. Ich war ein wenig enttäuscht von der Geschichte und das lag für mich an deutlichen Schwächen in der Authentizität. Zunächst mal die internen Reibereien im Polizeirevier. Sexismus, Mobbing, Korruption. Das war für mich so schematisch, es hätte anstatt Shibuya auch das LAPD oder die Pariser Polizeipräfektur sein können. Des Weiteren mag Nicolás Obregón ein ausgewiesener Japan-Kenner sein, aber dann hätte er auch ein wenig mehr in die japanische Seele eintauchen können. Die Themen, die er in diesem Krimi vermischt, sind wirklich ein paar der gängigsten (kriminellen) Japan-Themen (Selbstmorde, Rassismus gegenüber Koreanern, fanatische Sekten). Das wirkt auf mich dann doch etwas sehr kalkuliert. Schade. Allerdings könnte ich mir auch vorstellen, dass das viele andere nicht stört.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Schatten der schwarzen Sonne | Erschienen am 1. März 2018 bei Goldmann
ISBN 978-3-442-31475-1
480 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Mini-Spezials Japan.

Dominique Manotti | Kesseltreiben

Dominique Manotti | Kesseltreiben

Kann das Zufall sein? Just als ich Kesseltreiben, den neuen Roman von Dominique Manotti beendet hatte, las ich folgende Nachrichtenmeldung: „Zu wenig Jobs geschaffen. Frankreich droht US-Konzern mit Geldstrafe“. Mal abgesehen davon, dass der bevorstehende Malus von bis zu 34 Mio. Euro General Electric angesichts eines Gewinns von 8,8 Mrd. Dollar nicht unbedingt beeindrucken wird, kommt mit dieser Meldung eine schon vergessene Unternehmensübernahme und ein windiges Wirtschaftsmanöver wieder in die Schlagzeilen. 2015 hatte General Electric die Energie- und Kraftwerkssparte des französischen Großkonzerns Alstom übernommen, nach anfänglich erheblichem Protest der sozialistischen französischen Regierung. Der Übernahme vorangegangen war unter anderem eine Korruptionsermittlung gegen Alstom in den USA. Zuletzt wurde nachträglich aus den Wikileaks-Dokumenten bekannt, wie stark die NSA in Frankreich Wirtschaftsspionage betrieben hatte – offenbar zugunsten amerikanischer Konzerne. Diese und einige andere Fakten nutzt Manotti, um daraus sehr frei einen eigenen Wirtschaftskrimi zu schreiben. Die Firmen im Roman sind fiktiv, allerdings sind die Parallelen zur Realität an einigen Stellen offensichtlich, an anderen frei erfunden (hofft der nicht vollends abgestumpfte Leser zumindest).

Die Kirsche auf der Torte, Nicolas, wenn Sie während der großen Wirtschaftsmanöver aufseiten der Sieger spielen, können Sie ohne Risiko viel Geld machen: Sie werden gleichzeitig am Steuer und an der Kasse sein.“
„Ich bin nicht sicher, ob ich in der Lage bin, solche Spiele zu spielen“ […]
July erhebt ihre Champagnerschale, sie neigt den Kopf, die Flut ihres schwarzen Haars gleitet zu ihrer Schulter, verleiht ihrem Lächeln Tiefe.
„Seien Sie kein Angsthase, Nicolas, setzen Sie auf Krise“. (Seite 68)

Der Roman beginnt mit einer Festnahme: François Lamblin, ein Manager des französischen Konzerns Orstam, wird am Flughafen JFK in New York vom FBI verhaftet. Vorwurf: Beteiligung an einem Korruptionsgeschäft in Indonesien. Lamblin ist entgeistert, es hatte zwar innerbetrieblich eine Reisewarnung gegeben, doch in der Rechtsabteilung der Firma hatte man seine Zweifel zerstreut. Hat man ihn ins offene Messer laufen lassen? In Frankreich unternimmt die Geschäftsführung von Orstam wenig, informiert nicht einmal die Behörden. Der Geschäftsführer beauftragt den jungen aufstrebenden Nachwuchsmanager Nicolas Barrot, die Geschichte klein zu halten. Die Belegschaft ist verstimmt, über Kontakte erfährt ein Ermittler des Nachrichtendienstes der Pariser Polizeipräfektur von der Sache.

Dort, in der Sektion Wirtschaftliche Sicherheit, bekommt man noch einen zweiten Fall auf den Tisch. Ludovic Castelvieux ist ein Krimineller, der in Montreal mit der Mafia Geldwäsche für die PE-Credit, eine Bank des US-Konzerns Power Energy (PE), betrieben hat. Ihm ist nach zwei Leichenfunden in Kanada der Boden zu heiß geworden. Sein Millionenhonorar wurde allerdings eingefroren, sein Kontaktmann in Paris hält ihn hin. So sucht er Kontakt zur Polizei, um sich als Kronzeuge anzudienen. Ein zweiter Kontakt kommt allerdings nicht zustande. Castelvieux ist spurlos verschwunden. Ermordet? Die Überraschung ist groß, als sich eine Verbindung abzeichnet: Der Kontakt Stevie Buck war Banker auf den Caymans in Diensten der PE und nun sitzt er im Management von Orstam. Was planen die Amerikaner?

Es entwickelt sich ein komplexer, aber durchweg spannender und furioser Wirtschaftskrimi. Auf der einen Seite ein amerikanisches Großunternehmen, das sich die wichtigste Sparte eines französischen Konzerns einverleiben will und alle Register zieht. Justizanklage wegen Korruptionsaffären in der dritten Welt, Industriespionage, Einschüchterung, Erpressung, sogar Mord? Der Chef der Franzosen wird unter Druck auf Linie gebracht und kooperiert. Gegner innerhalb des französischen Konzerns werden systematisch ausgebootet. Unter den französischen Wirtschaftseliten gibt es zudem weitere Unterstützer. Auf der anderen Seite ein dreiköpfiges Team des Inlandsnachrichtendienstes, angesiedelt bei der Pariser Polizei. Die sammeln Beweise, observieren, hören ab, finden nach und nach heraus, worum es in dieser Sache wirklich geht, schreiben Berichte, lancieren Dossiers. Und dringen nach oben nicht durch. Ihre Appelle verhallen ungehört bzw. werden nicht wirklich ernst genommen.

„Wir haben unsere Arbeit gemacht. Wir dürfen stolz sein.“
„Und es interessiert kein Schwein. Wir dürfen verzweifelt sein.“ (Seite 336)

Die Autorin gönnt sich, ihre zwei wiederkehrenden Protagonisten aus vorherigen Büchern in diesem Krimi aufeinandertreffen zu lassen. Hauptfigur ist aber Noria Ghozali. Die zornige Polizeianfängerin in Roter Glamour und gereifte interne Ermittlerin in Einschlägig bekannt ist inzwischen fast 50 und nach einer karrieretechnischen Fehlentscheidung in einer beruflichen Sackgasse angekommen. Als Leiterin eines Drei-Mann-Teams in der Sektion Wirtschaftliche Sicherheit des Nachrichtendienstes. Fachlich ohne echte Ahnung findet sie jedoch direkt den Draht zu ihren beiden jüngeren männlichen Kollegen und sie bilden ein gut zusammenarbeitendes Team. Diese Teamarbeit und Kollegialität wird übrigens sehr betont beschrieben. Noria holt sich außerdem Rat bei Théo Daquin. Der Kommissar aus vier früheren Büchern ist inzwischen aus dem aktiven Polizeidienst ausgeschieden und doziert nun als Elder Statesman an der Polizeihochschule. Daquin nimmt aber nur eine Nebenrolle ein.

Dominique Manotti erzählt diesen Roman wie gewohnt schnörkellos, präzise, in schnellen Ortswechseln, Perspektivwechseln und im Präsens. Trotz ihres verknappten Stils bleiben die wichtigsten Figuren aber nicht oberflächlich, sondern stets plausibel in ihren Handlungen. Der Spannungsbogen bleibt konstant hoch, obwohl der Ausgang der Geschichte erahnt wird. Es ist einfach ganz große Kunst, wie Manotti hier das Einmaleins einer feindlichen Übernahme durchspielt. Mit der Erkenntnis, dass es im Grunde nur um drei Dinge geht: Geld, Macht und Sex. Ich bin als bekennender Fan der Autorin möglicherweise voreingenommen, aber Kesseltreiben ist ein restlos überzeugender Kriminalroman.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Kesseltreiben | Erschienen am 22. Mai 2018 im Argument Verlag
ISBN 978-3-86754-231-9
398 Seiten | 20,- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezensionen zu Dominique Manottis Romanen AusbruchEinschlägig bekanntSchwarzes Gold und Das schwarze Korps

Abgehakt | Juni 2018

Abgehakt | Juni 2018

Adrian McKinty | Dirty Cops

Nordirland, 1988. Ein seltsamer Mordfall in Carrickfergus: Ein Mann wird vom einem Armbrustpfeil erschossen aufgefunden. Der Tote war ein Dealer, aber die Mordwaffe ist schon sehr ungewöhnlich. Die Ehefrau des Toten ist keine große Hilfe, war sie doch vermutlich selbst in die Deals ihres Mannes verstrickt. Über Umwege gibt sie Duffy schließlich einen entscheidenden Hinweis, das Kennzeichen eines Autos, das das Paar kurz vor dem Mord verfolgt haben soll. Duffys Vorgesetzten wollen den Fall allerdings zu den Akten legen, zumal eine IRA-nahe Gruppierung sich mehr oder weniger zu der Tat bekannt hat. Doch so leicht lässt sich Duffy nicht von einer Fährte abbringen. Er gräbt weiter und bringt damit noch gefährlichere Gegner als seine Vorgesetzten gegen sich auf.

Es sind immer noch die 80er und immer noch geht es drunter und drüber in Nordirland. Allerdings ist DI Sean Duffy doch etwas solider geworden, immerhin ist er jetzt fest liiert und Papa geworden. Aber er bleibt sich natürlich und zum Glück in vielen Dingen treu, vor allem, dass er trotz gegenteiliger Anordnungen von manchen Dingen nicht fern bleiben kann. Trotzdem wird es diesmal verdammt brenzlig für ihn, denn das Buch beginnt im Prolog damit, dass er von einem IRA-Kommando in den Wald geführt wird, um dort sein eigenes Grab zu schaufeln. Ob und wie er sich da herauswinden kann, werde ich an dieser Stelle nicht verraten. Jedoch verraten kann ich, dass mir dieser sechste Band der Reihe wieder mal ganz vorzüglich gefallen hat. Ein kniffliger Mordfall, politische/polizeiliche Verstricklungen, der gewohnte lässig-hartgesottene Schreibstil, der böse Humor und die Weiterentwicklung des Sean Duffy zum Familienvater sind die feinen Zutaten für diesen Kriminalroman.

Für alle Fans dieser Reihe gibt es auch weiterhin gute Nachrichten: Die Verträge für die Bände 7-9 sind bereits unter Dach und Fach.

 

Dirty Cops | Erschienen am 25.September 2017 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46642-5
392 Seiten | 14,95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Krimi
Wertung: 4.5 von 5.0

 

Philip Kerr | Die Hand Gottes

Play-Offs zur Champions League: London City muss bei den heißblütigen Griechen von Olympiakos Piräus antreten. Londons Offensivmann Bekim Develi schießt die Gäste aus England schnell in Führung – und bricht kurz darauf auf dem Spielfeld zusammen und stirbt. London ist geschockt, das Spiel endet 4:1 für Olympiakos. Am nächsten Morgen kommt die Polizei ins Mannschaftshotel. Am Abend vor dem Spiel war eine Frau bei Develi im Zimmer und diese ist nun tot im Hafenbecken gefunden worden. Die Polizei stellt die Mannschaft unter Verdacht und lässt sie nicht ausreisen. Trainer Scott Manson ist gefordert: Zum einen will er herausfinden, wie sein Spieler und diese Frau gestorben sind, zum anderen muss er sein Team unter diesen widrigen Bedingungen aufs Rückspiel vorbereiten.

Die Hand Gottes ist der zweite Band der dreiteiligen Reihe um Scott Manson, Cheftrainer und Gelegenheitsermittler. Auch in diesem Roman nimmt sich Philip Kerr, der leider im März mit 62 Jahren verstarb, das Fußball-Business zur Brust. Windige Investoren, Spielmanipulation, Korruption, Homophobie und Rassismus: Kerr spart kein heißes Thema aus und hat sichtlich Spaß dabei. Griechenland in der Eurokrise als Schauplatz hat einiges an Reiz, auch die Rivalität zwischen Olympiakos und Panathinaikos wird groß thematisiert. Obwohl Kerr es nicht ganz lassen kann, zu viel erklären zu wollen, anstatt auf das Fußball-Wissen des Lesers zu vertrauen, hat mir dieser Thriller insgesamt besser gefallen als Band 1, Der Winter-Transfer. Um in der Fußballsprache zu bleiben: Die Geschichte hat einfach mehr Zug zum Tor als der Vorgänger, der am Ende etwas cosy wurde. Und damit ist das Buch vielleicht die passende Lektüre zur laufenden Fußball-WM.

 

Die Hand Gottes | Erschienen am 19. März 2016 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50139-1
als Taschenbuchausgabe: 397 Seiten | 9,95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

Wallace Stroby | Fast ein guter Plan

Gerade erst hat Crissa Stone einen Teil der Beute vom legendären Lufthansa-Raub eingesackt, da bietet sich ihr ein neuer Job. Zu viert rauben sie mehr als 300.000 Dollar aus einem Drogendeal. Doch beim Aufteilen der Beute hat einer einen Hinterhalt geplant. Zwei Komplizen werden erschossen, Crissa entkommt nur knapp mit der Hälfte des Geldes. Doch die Probleme fangen erst an, denn der Drogenboss engagiert einen skrupellosen Ex-Cop, um ihm die Kohle wiederzubringen.

Nachdem der zweite Band, Geld ist nicht genug, sowas wie der Durchbruch von Wallace Strobys Heldin Crissa Stone in Deutschland war, hat der Pendragon Verlag relativ schnell den nächsten Band der Reihe nachgelegt. Crissa Stone ist aber auch ein seltener Glücksgriff als Protagonistin: Eine taffe Gangsterin, intelligent, hart, abgebrüht wenn’s um den Job geht. Aber gleichzeitig auch eine empathische, loyale Person mit Verantwortungsbewusstsein. Das könnte ihr in diesem Falle zum Verhängnis werden. Fast ein guter Plan setzt die gute Reihe nahtlos fort. Schnörkellos und rasant geschrieben und mit einer harten, aber herzlichen, verdammt coolen Heldin.

Fast ein guter Plan | Erschienen am 29. Januar 2018 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-607-2
320 Seiten | 17.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 4.0 von 5.0

Donato Carrisi | Der Nebelmann

Avechot, ein kleiner Ort in einem Nebental der italienischen Alpen. Ein Mädchen aus einer tiefreligiösen Familie verschwindet am Tag vor Weihnachten. Die Polizei schickt Sonderermittler Vogel, einen eitlen, exzentrischen Mann, der sich vor allem auf eines versteht: Manipulation. Geschickt versteht er es, die Presse und Öffentlichkeit für seine Zwecke zu nutzen, um das Interesse am Fall hoch zu halten. Denn auch nach Neujahr gibt es keine Spur der Vermissten. Doch für Vogel kristallisiert sich ein Verdächtiger heraus.

Dieser Thriller kommt höchst ungewöhnlich daher, denn so eine Figur wie diesen Vogel sieht man nicht allzu häufig in einem Thriller. Vogel paktiert mit der Presse, nutzt die Gerüchteküche des Dorfes, setzt den Verdächtigen unter Druck und schreckt nicht davor zurück, Beweise zu manipulieren. Das ist über weite Strecken ordentlich gemacht. Auch der Aufbau des Buches mit zahlreichen Brüchen in der Chronologie trägt zur Manipulation des Lesers bei. Allerdings will es Carrisi für meinen Geschmack zum Ende hin zu pfiffig machen. Nachdem er sich für den Verlauf der Geschichte zunächst viel Zeit nimmt, kommen die Wendungen am Schluss einfach zu plötzlich und etwas übertrieben daher. Das mag manchen Thrillerfan trotzdem begeistern, für mich gab es hierfür Abzüge.

Der Nebelmann | Erschienen am 4. August 2017 im Atrium Verlag
ISBN 978-3-85535-016-2
336 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezension 1 bis 4 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Charlotte Link | Das Echo der Schuld

 

Das Boot der Deutschen Nathan und Livia sinkt vor der Küste Schottlands und beide stehen plötzlich mit völlig leeren Händen da. Livia hat vorher kurzzeitig im Ferienhaus von Virginia Quentin und ihrem Mann gejobbt und sie und Nathan finden dort nun Hilfe und Unterstützung. Als Virginia in ihr Zuhause nach Norfolk zurückkehrt, erfährt sie, dass in der Gegend gerade einige Kinder vermisst werden. Nathan spürt Virginia in Norfolk auf und plötzlich verschwindet auch Virginias Tochter Kim.

Dieser Spannungsroman liest sich sehr flüssig, ohne wahnsinnig nervenaufreibend zu sein. Ich empfand ihn als gute Unterhaltung für zwischendurch. Die Geschichte ließ mich als Leser immer wieder an Personen und eventuell Verdächtigen zweifeln, außerdem konnte mich das Ende überraschen. Interessant sind auch die eingestreuten Erinnerungen an Virginias Vergangenheit, die dem Leser nicht sofort, sondern nach und nach präsentiert werden.

 

Das Echo der Schuld | Erschienen am 17. März 2014 bei Blanvalet
ISBN 978-344-238354-2
542 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Spannungsroman
Wertung: 3.5 von 5.0

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Carlo Bonini | ACAB – All Cops Are Bastards

Carlo Bonini | ACAB – All Cops Are Bastards

Als Fußballfan, der über das bloße Spiel hinausguckt, nehme ich natürlich auch das Thema Gewalt im Fußball wahr. Für Deutschland wird immer gesagt, dass es in den 1980ern am schlimmsten gewesen sei (So starb 1982 der Werder-Fan Adrian Maleika als Opfer eines Angriffs von HSV-Hooligans). Als ich ab Anfang der Neunziger begann, häufig Fußballspiele zu besuchen, bin ich selbst zwar nicht in solche Gewalttätigkeiten geraten, allerdings gab es schon brenzlige Momente. So war ich im März 1996 glückweiserweise auf der gegenüberliegenden Tribüne, als die berüchtigten Anhänger von Feyenoord Rotterdam begannen, das Düsseldorfer Rheinstadion auseinanderzunehmen. Sehr bizarr war auch auch die Situation einen Monat später. Auf der Hinfahrt zum Gelsenkirchener Parkstadion war ich mt drei Gladbachern alleine in einer Straßenbahn voller Schalker. Alles friedlich. Stunden später nach einem grandiosen Fußballspiel, das 3:3 endete und eigentlich alle Fans zufriedenstellen sollte, wurde der Einsatzbus zum Hauptbahnhof massiv von Schalker Fans bedrängt, die nur von einer Handvoll Polizisten und ihren Hunden von deutlicher Gewalt abgehalten wurden. Ich erinnere mich auch noch daran, dass ich im September 2000 nach dem Zweitligaspiel Aachen gegen Gladbach mit Freunden nach dem Spiel vor dem Tivoli-Stadion war, als uns eine etwas merkwürdige Stimmung auffiel. Wir verdrückten uns gerade rechtzeitig, bevor die ersten Steine flogen. Aber schon damals fiel auf, dass die Hools zwar noch da waren, allerdings hatten sich da die Aktivitäten bereits oft außerhalb des Stadions, in die unteren Ligen und teilweise auch außerhalb der Spieltage verlagert. Literarisch wurde dies übrigens vor zwei Jahren eindrucksvoll im Roman Hool von Philipp Winkler verarbeitet.

Der Hooliganismus als ursprünglich britisches Phänomen hatte sich schnell über den gesamten Globus verteilt. Und die Gewalttätigkeit ist andernorts oft noch viel stärker präsent als in Deutschland, nicht nur, aber auch rund ums Stadion. So beispielsweise in Italien, wo die Hooliganggruppen außerdem stark politisiert sind und oftmals beste Kontakte ins kriminelle Milieu haben. Aber die Banden haben auch einen erbitterten Gegner: Die „celerini“, die italienische Bereitschaftspolizei. Von diesen beiden Gruppen erzählt Carlo Bonini in ACAB – All Cops Are Bastards.

Carlo Bonini ist Investigativjournalist und auch in Deutschland als Co-Autor (zusammen mit Giancarlo de Cataldo) der Mafia-Thriller Suburra und Die Nacht von Rom bekannt. ACAB erschien bereits 2009 in Italien und wurde 2012 auch fürs Kino verfilmt. Als Klammer verwendet der Autor zwei Ereignisse: Die Ereignisse während des G8-Gipfels in Genua 2001, als ein Demonstrant von einem Polizisten erschossen wurde und die Bereitschaftspolizei eine Unterkunft stürmte und unbewaffnete Gipfelgegner misshandelte, und den Tod des Laziofans Gabriele Sandri im November 2007 durch einen Verkehrspolizisten. Sein Buch ist fiktionalisiert, aber es basiert auf zahlreichen Interviews, Gerichtsakten und Dokumenten. Bonini verwendet auch Original-Blogeinträge aus einem Forum für Polizisten und Hooligan-Manifeste. Der Folio Verlag hat das Buch als Thriller gelabelt, vermutlich mit einem Achselzucken, da es schwierig ist, es genau einzusortieren. Mit einem normalen Thriller hat es wenig zu tun, da es sehr auf Fakten basiert und eher episodisch aufgebaut ist. Zwar mit einem roten Faden, aber ohne Plot im eigentlichen Sinne. Aber da es doch in einigen Punkten fiktional ist, handelt es sich natürlich auch nicht um True Crime oder ein Sachbuch.

Ein Strudel der Gefühle ergreift von dir Besitz. Du teilst Schläge aus und steckst Schläge ein. Mittlerweile spürst du nichts mehr. Du kämpfst einfach und schlägst die Gewalttätigen zurück. Und in einem Winkel deines Bewusstsein genießt du das alles!!! In diesem Augenblick und nur in diesem Augenblick verstehst du vielleicht, dass du deine Arbeit, deine Mission liebst. Denn der Kriegerinstinkt unterscheidet den Bereitschaftspolizisten von allen anderen. (Seite 69)

Zum Teil verfolgen wir die Gangs der Hools und Ultras, die ein unglaubliches Maß an Brutalität erkennen lassen. Gleich zu Beginn gibt es eine Episode auf der Autostrada del Sole, als zwei Roma-Fans in ihrem Auto von Hools des SSC Neapel während der Fahrt mit einem Nietengürtel und einer Signalpistole attackiert werden. Da bleibt einem schon die Spucke weg. Später rotten sich die Gewalttäter auch zu einem Sturm auf eine Polizeikaserne zusammen, greifen Migranten mit Messern an oder helfen der Müllmafia in Neapel. Das vorangegangene Zitat lässt jedoch erahnen, dass es Bonini auch um die Kehrseite der Medaille geht.

Denn die italienische Bereitschaftspolizei ist ihrerseits längst in der Spirale der Gewalt angekommen. Sie wollen den „schwachen“ Staat gegen seine Gegner verteidigen, dabei steigern sich Frustration und Wut. Die Celerini bilden eine eigene isolierte Gruppe, voller Korpsgeist und vielfach berufen sie sich offen auf faschistische Traditionen, stehen damit den Hools näher als man meint. Von Polizeiapparat und Justiz werden Exzesse teilweise toleriert, vertuscht oder Prozesse verschleppt. Es gibt durchaus einige, die diesen Weg nicht mitgehen wollen, aber diese haben keinen einfachen Stand. Im Buch verfolgt Bonini den Weg dreier Polizisten, die alle an den Vorfällen in der Diaz-Schule beim G8-Gipfel in Genua beteiligt waren.

Eine Studie über Gewalt und Gegengewalt und wie die staatlichen Institutionen dadurch an Legitimation verlieren, das Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttert wird. Dabei erzählt Bonini eher dokumentarisch und verzichtet weitgehend darauf, explizit Stellung zu beziehen, sondern beleuchtet das Ganze aus mehreren Perspektiven. Allerdings: Wer einen klassischen Krimiplot erwartet, dem sei gesagt, dass dies hier mehr eine Narration zur gesellschaftspolitischen Debatte ist, ein Diskurs als Vorlage zur weiteren Diskussion. Dass dies aber durchaus spannend und intelligent sein kann, das beweist Bonini mit diesem Buch.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

ACAB – All Cops Are Bastards | Erschienen am 5. März 2018 im Folio Verlag
ISBN 978-3-85256-738-9
224 Seiten | 18.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Interview von Marcus Müntefering mit Carlo Bonini in „der Freitag“, Gunnars Rezension zu Suburra und Andys Rezension zu Die Nacht von Rom des Autorenduos Carlo Bonini & Giancarlo De Cataldo.