Kategorie: Gunnar Wolters

Abgehakt | Juni 2018

Abgehakt | Juni 2018

Adrian McKinty | Dirty Cops

Nordirland, 1988. Ein seltsamer Mordfall in Carrickfergus: Ein Mann wird vom einem Armbrustpfeil erschossen aufgefunden. Der Tote war ein Dealer, aber die Mordwaffe ist schon sehr ungewöhnlich. Die Ehefrau des Toten ist keine große Hilfe, war sie doch vermutlich selbst in die Deals ihres Mannes verstrickt. Über Umwege gibt sie Duffy schließlich einen entscheidenden Hinweis, das Kennzeichen eines Autos, das das Paar kurz vor dem Mord verfolgt haben soll. Duffys Vorgesetzten wollen den Fall allerdings zu den Akten legen, zumal eine IRA-nahe Gruppierung sich mehr oder weniger zu der Tat bekannt hat. Doch so leicht lässt sich Duffy nicht von einer Fährte abbringen. Er gräbt weiter und bringt damit noch gefährlichere Gegner als seine Vorgesetzten gegen sich auf.

Es sind immer noch die 80er und immer noch geht es drunter und drüber in Nordirland. Allerdings ist DI Sean Duffy doch etwas solider geworden, immerhin ist er jetzt fest liiert und Papa geworden. Aber er bleibt sich natürlich und zum Glück in vielen Dingen treu, vor allem, dass er trotz gegenteiliger Anordnungen von manchen Dingen nicht fern bleiben kann. Trotzdem wird es diesmal verdammt brenzlig für ihn, denn das Buch beginnt im Prolog damit, dass er von einem IRA-Kommando in den Wald geführt wird, um dort sein eigenes Grab zu schaufeln. Ob und wie er sich da herauswinden kann, werde ich an dieser Stelle nicht verraten. Jedoch verraten kann ich, dass mir dieser sechste Band der Reihe wieder mal ganz vorzüglich gefallen hat. Ein kniffliger Mordfall, politische/polizeiliche Verstricklungen, der gewohnte lässig-hartgesottene Schreibstil, der böse Humor und die Weiterentwicklung des Sean Duffy zum Familienvater sind die feinen Zutaten für diesen Kriminalroman.

Für alle Fans dieser Reihe gibt es auch weiterhin gute Nachrichten: Die Verträge für die Bände 7-9 sind bereits unter Dach und Fach.

 

Dirty Cops | Erschienen am 25.September 2017 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46642-5
392 Seiten | 14,95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Krimi
Wertung: 4.5 von 5.0

 

Philip Kerr | Die Hand Gottes

Play-Offs zur Champions League: London City muss bei den heißblütigen Griechen von Olympiakos Piräus antreten. Londons Offensivmann Bekim Develi schießt die Gäste aus England schnell in Führung – und bricht kurz darauf auf dem Spielfeld zusammen und stirbt. London ist geschockt, das Spiel endet 4:1 für Olympiakos. Am nächsten Morgen kommt die Polizei ins Mannschaftshotel. Am Abend vor dem Spiel war eine Frau bei Develi im Zimmer und diese ist nun tot im Hafenbecken gefunden worden. Die Polizei stellt die Mannschaft unter Verdacht und lässt sie nicht ausreisen. Trainer Scott Manson ist gefordert: Zum einen will er herausfinden, wie sein Spieler und diese Frau gestorben sind, zum anderen muss er sein Team unter diesen widrigen Bedingungen aufs Rückspiel vorbereiten.

Die Hand Gottes ist der zweite Band der dreiteiligen Reihe um Scott Manson, Cheftrainer und Gelegenheitsermittler. Auch in diesem Roman nimmt sich Philip Kerr, der leider im März mit 62 Jahren verstarb, das Fußball-Business zur Brust. Windige Investoren, Spielmanipulation, Korruption, Homophobie und Rassismus: Kerr spart kein heißes Thema aus und hat sichtlich Spaß dabei. Griechenland in der Eurokrise als Schauplatz hat einiges an Reiz, auch die Rivalität zwischen Olympiakos und Panathinaikos wird groß thematisiert. Obwohl Kerr es nicht ganz lassen kann, zu viel erklären zu wollen, anstatt auf das Fußball-Wissen des Lesers zu vertrauen, hat mir dieser Thriller insgesamt besser gefallen als Band 1, Der Winter-Transfer. Um in der Fußballsprache zu bleiben: Die Geschichte hat einfach mehr Zug zum Tor als der Vorgänger, der am Ende etwas cosy wurde. Und damit ist das Buch vielleicht die passende Lektüre zur laufenden Fußball-WM.

 

Die Hand Gottes | Erschienen am 19. März 2016 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50139-1
als Taschenbuchausgabe: 397 Seiten | 9,95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

Wallace Stroby | Fast ein guter Plan

Gerade erst hat Crissa Stone einen Teil der Beute vom legendären Lufthansa-Raub eingesackt, da bietet sich ihr ein neuer Job. Zu viert rauben sie mehr als 300.000 Dollar aus einem Drogendeal. Doch beim Aufteilen der Beute hat einer einen Hinterhalt geplant. Zwei Komplizen werden erschossen, Crissa entkommt nur knapp mit der Hälfte des Geldes. Doch die Probleme fangen erst an, denn der Drogenboss engagiert einen skrupellosen Ex-Cop, um ihm die Kohle wiederzubringen.

Nachdem der zweite Band, Geld ist nicht genug, sowas wie der Durchbruch von Wallace Strobys Heldin Crissa Stone in Deutschland war, hat der Pendragon Verlag relativ schnell den nächsten Band der Reihe nachgelegt. Crissa Stone ist aber auch ein seltener Glücksgriff als Protagonistin: Eine taffe Gangsterin, intelligent, hart, abgebrüht wenn’s um den Job geht. Aber gleichzeitig auch eine empathische, loyale Person mit Verantwortungsbewusstsein. Das könnte ihr in diesem Falle zum Verhängnis werden. Fast ein guter Plan setzt die gute Reihe nahtlos fort. Schnörkellos und rasant geschrieben und mit einer harten, aber herzlichen, verdammt coolen Heldin.

Fast ein guter Plan | Erschienen am 29. Januar 2018 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-607-2
320 Seiten | 17.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 4.0 von 5.0

Donato Carrisi | Der Nebelmann

Avechot, ein kleiner Ort in einem Nebental der italienischen Alpen. Ein Mädchen aus einer tiefreligiösen Familie verschwindet am Tag vor Weihnachten. Die Polizei schickt Sonderermittler Vogel, einen eitlen, exzentrischen Mann, der sich vor allem auf eines versteht: Manipulation. Geschickt versteht er es, die Presse und Öffentlichkeit für seine Zwecke zu nutzen, um das Interesse am Fall hoch zu halten. Denn auch nach Neujahr gibt es keine Spur der Vermissten. Doch für Vogel kristallisiert sich ein Verdächtiger heraus.

Dieser Thriller kommt höchst ungewöhnlich daher, denn so eine Figur wie diesen Vogel sieht man nicht allzu häufig in einem Thriller. Vogel paktiert mit der Presse, nutzt die Gerüchteküche des Dorfes, setzt den Verdächtigen unter Druck und schreckt nicht davor zurück, Beweise zu manipulieren. Das ist über weite Strecken ordentlich gemacht. Auch der Aufbau des Buches mit zahlreichen Brüchen in der Chronologie trägt zur Manipulation des Lesers bei. Allerdings will es Carrisi für meinen Geschmack zum Ende hin zu pfiffig machen. Nachdem er sich für den Verlauf der Geschichte zunächst viel Zeit nimmt, kommen die Wendungen am Schluss einfach zu plötzlich und etwas übertrieben daher. Das mag manchen Thrillerfan trotzdem begeistern, für mich gab es hierfür Abzüge.

Der Nebelmann | Erschienen am 4. August 2017 im Atrium Verlag
ISBN 978-3-85535-016-2
336 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezension 1 bis 4 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Charlotte Link | Das Echo der Schuld

 

Das Boot der Deutschen Nathan und Livia sinkt vor der Küste Schottlands und beide stehen plötzlich mit völlig leeren Händen da. Livia hat vorher kurzzeitig im Ferienhaus von Virginia Quentin und ihrem Mann gejobbt und sie und Nathan finden dort nun Hilfe und Unterstützung. Als Virginia in ihr Zuhause nach Norfolk zurückkehrt, erfährt sie, dass in der Gegend gerade einige Kinder vermisst werden. Nathan spürt Virginia in Norfolk auf und plötzlich verschwindet auch Virginias Tochter Kim.

Dieser Spannungsroman liest sich sehr flüssig, ohne wahnsinnig nervenaufreibend zu sein. Ich empfand ihn als gute Unterhaltung für zwischendurch. Die Geschichte ließ mich als Leser immer wieder an Personen und eventuell Verdächtigen zweifeln, außerdem konnte mich das Ende überraschen. Interessant sind auch die eingestreuten Erinnerungen an Virginias Vergangenheit, die dem Leser nicht sofort, sondern nach und nach präsentiert werden.

 

Das Echo der Schuld | Erschienen am 17. März 2014 bei Blanvalet
ISBN 978-344-238354-2
542 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Spannungsroman
Wertung: 3.5 von 5.0

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Carlo Bonini | ACAB – All Cops Are Bastards

Carlo Bonini | ACAB – All Cops Are Bastards

Als Fußballfan, der über das bloße Spiel hinausguckt, nehme ich natürlich auch das Thema Gewalt im Fußball wahr. Für Deutschland wird immer gesagt, dass es in den 1980ern am schlimmsten gewesen sei (So starb 1982 der Werder-Fan Adrian Maleika als Opfer eines Angriffs von HSV-Hooligans). Als ich ab Anfang der Neunziger begann, häufig Fußballspiele zu besuchen, bin ich selbst zwar nicht in solche Gewalttätigkeiten geraten, allerdings gab es schon brenzlige Momente. So war ich im März 1996 glückweiserweise auf der gegenüberliegenden Tribüne, als die berüchtigten Anhänger von Feyenoord Rotterdam begannen, das Düsseldorfer Rheinstadion auseinanderzunehmen. Sehr bizarr war auch auch die Situation einen Monat später. Auf der Hinfahrt zum Gelsenkirchener Parkstadion war ich mt drei Gladbachern alleine in einer Straßenbahn voller Schalker. Alles friedlich. Stunden später nach einem grandiosen Fußballspiel, das 3:3 endete und eigentlich alle Fans zufriedenstellen sollte, wurde der Einsatzbus zum Hauptbahnhof massiv von Schalker Fans bedrängt, die nur von einer Handvoll Polizisten und ihren Hunden von deutlicher Gewalt abgehalten wurden. Ich erinnere mich auch noch daran, dass ich im September 2000 nach dem Zweitligaspiel Aachen gegen Gladbach mit Freunden nach dem Spiel vor dem Tivoli-Stadion war, als uns eine etwas merkwürdige Stimmung auffiel. Wir verdrückten uns gerade rechtzeitig, bevor die ersten Steine flogen. Aber schon damals fiel auf, dass die Hools zwar noch da waren, allerdings hatten sich da die Aktivitäten bereits oft außerhalb des Stadions, in die unteren Ligen und teilweise auch außerhalb der Spieltage verlagert. Literarisch wurde dies übrigens vor zwei Jahren eindrucksvoll im Roman Hool von Philipp Winkler verarbeitet.

Der Hooliganismus als ursprünglich britisches Phänomen hatte sich schnell über den gesamten Globus verteilt. Und die Gewalttätigkeit ist andernorts oft noch viel stärker präsent als in Deutschland, nicht nur, aber auch rund ums Stadion. So beispielsweise in Italien, wo die Hooliganggruppen außerdem stark politisiert sind und oftmals beste Kontakte ins kriminelle Milieu haben. Aber die Banden haben auch einen erbitterten Gegner: Die „celerini“, die italienische Bereitschaftspolizei. Von diesen beiden Gruppen erzählt Carlo Bonini in ACAB – All Cops Are Bastards.

Carlo Bonini ist Investigativjournalist und auch in Deutschland als Co-Autor (zusammen mit Giancarlo de Cataldo) der Mafia-Thriller Suburra und Die Nacht von Rom bekannt. ACAB erschien bereits 2009 in Italien und wurde 2012 auch fürs Kino verfilmt. Als Klammer verwendet der Autor zwei Ereignisse: Die Ereignisse während des G8-Gipfels in Genua 2001, als ein Demonstrant von einem Polizisten erschossen wurde und die Bereitschaftspolizei eine Unterkunft stürmte und unbewaffnete Gipfelgegner misshandelte, und den Tod des Laziofans Gabriele Sandri im November 2007 durch einen Verkehrspolizisten. Sein Buch ist fiktionalisiert, aber es basiert auf zahlreichen Interviews, Gerichtsakten und Dokumenten. Bonini verwendet auch Original-Blogeinträge aus einem Forum für Polizisten und Hooligan-Manifeste. Der Folio Verlag hat das Buch als Thriller gelabelt, vermutlich mit einem Achselzucken, da es schwierig ist, es genau einzusortieren. Mit einem normalen Thriller hat es wenig zu tun, da es sehr auf Fakten basiert und eher episodisch aufgebaut ist. Zwar mit einem roten Faden, aber ohne Plot im eigentlichen Sinne. Aber da es doch in einigen Punkten fiktional ist, handelt es sich natürlich auch nicht um True Crime oder ein Sachbuch.

Ein Strudel der Gefühle ergreift von dir Besitz. Du teilst Schläge aus und steckst Schläge ein. Mittlerweile spürst du nichts mehr. Du kämpfst einfach und schlägst die Gewalttätigen zurück. Und in einem Winkel deines Bewusstsein genießt du das alles!!! In diesem Augenblick und nur in diesem Augenblick verstehst du vielleicht, dass du deine Arbeit, deine Mission liebst. Denn der Kriegerinstinkt unterscheidet den Bereitschaftspolizisten von allen anderen. (Seite 69)

Zum Teil verfolgen wir die Gangs der Hools und Ultras, die ein unglaubliches Maß an Brutalität erkennen lassen. Gleich zu Beginn gibt es eine Episode auf der Autostrada del Sole, als zwei Roma-Fans in ihrem Auto von Hools des SSC Neapel während der Fahrt mit einem Nietengürtel und einer Signalpistole attackiert werden. Da bleibt einem schon die Spucke weg. Später rotten sich die Gewalttäter auch zu einem Sturm auf eine Polizeikaserne zusammen, greifen Migranten mit Messern an oder helfen der Müllmafia in Neapel. Das vorangegangene Zitat lässt jedoch erahnen, dass es Bonini auch um die Kehrseite der Medaille geht.

Denn die italienische Bereitschaftspolizei ist ihrerseits längst in der Spirale der Gewalt angekommen. Sie wollen den „schwachen“ Staat gegen seine Gegner verteidigen, dabei steigern sich Frustration und Wut. Die Celerini bilden eine eigene isolierte Gruppe, voller Korpsgeist und vielfach berufen sie sich offen auf faschistische Traditionen, stehen damit den Hools näher als man meint. Von Polizeiapparat und Justiz werden Exzesse teilweise toleriert, vertuscht oder Prozesse verschleppt. Es gibt durchaus einige, die diesen Weg nicht mitgehen wollen, aber diese haben keinen einfachen Stand. Im Buch verfolgt Bonini den Weg dreier Polizisten, die alle an den Vorfällen in der Diaz-Schule beim G8-Gipfel in Genua beteiligt waren.

Eine Studie über Gewalt und Gegengewalt und wie die staatlichen Institutionen dadurch an Legitimation verlieren, das Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttert wird. Dabei erzählt Bonini eher dokumentarisch und verzichtet weitgehend darauf, explizit Stellung zu beziehen, sondern beleuchtet das Ganze aus mehreren Perspektiven. Allerdings: Wer einen klassischen Krimiplot erwartet, dem sei gesagt, dass dies hier mehr eine Narration zur gesellschaftspolitischen Debatte ist, ein Diskurs als Vorlage zur weiteren Diskussion. Dass dies aber durchaus spannend und intelligent sein kann, das beweist Bonini mit diesem Buch.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

ACAB – All Cops Are Bastards | Erschienen am 5. März 2018 im Folio Verlag
ISBN 978-3-85256-738-9
224 Seiten | 18.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Interview von Marcus Müntefering mit Carlo Bonini in „der Freitag“, Gunnars Rezension zu Suburra und Andys Rezension zu Die Nacht von Rom des Autorenduos Carlo Bonini & Giancarlo De Cataldo.

Philip Kerr | Friedrich der große Detektiv

Philip Kerr | Friedrich der große Detektiv

„Gib es her“, sagte Rolf. „Gib mir das Buch.“
„Es ist mir ganz egal, was du sagst: Du kriegst mein ‚Emil und die Detektive‘ nicht, du kannst machen, was du willst!“, schrie Friedrich. […]
„Es ist nur zu deinem Besten, Friedrich, kapierst du das nicht? Es sind Leute wie Kästner und ihre verdrehten Bücher, die dieses Land kaputt machen. Wenn wir Deutschland je wieder stark machen wollen, dann müssen wir über solche wichtigen Dingen dasselbe denken.“
Friedrich starrte seinen Bruder wütend an. „Hast du eigentlich jemals gern ein Buch gelesen, Rolf? Ich glaube nicht. Ich glaube, ich habe dich nie mit einem Buch in der Hand gesehen.“ […] „Vielleicht bist du deshalb so versessen darauf, dieses Buch zu verbrennen, weil du Bücher einfach nicht magst. Du verstehst gar nicht, warum jemand bloß aus Freude liest.“ (Auszug Seiten 85-87)

Der 13-jährige Friedrich Kissel ist ein begeisterter Fan des Kinderbuchs „Emil und die Detektive“ und das Beste ist: Er wohnt in Berlin in der Nachbarschaft von Erich Kästner, der ein Freund von Friedrichs Vater ist. In seiner Freizeit spielt Friedrich selbst gerne mit seinen drei Freunden Detektiv und hilft der Polizei bei Kleinigkeiten. Doch im Berlin des Jahres 1933 wird aus dem Spaß böser Ernst. Kästners Bücher werden verbrannt und plötzlich wird Friedrichs Bande von einem Polizisten beauftragt, Kästner auszuspionieren.

Die Geschichte wird aus Friedrichs Perspektive erzählt. Die Figuren sind durchaus glaubhaft arrangiert. Friedrichs Vater ist Kulturredakteur des liberalen Berliner Tageblatts und daher beruflich und nachbarschaftlich bekannt mit Erich Kästner. Über diesen lernt Friedrich weitere Künstler kennen, die das neue Regime ablehnen. Aber in Friedrichs Familie gibt bereits einen Konflikt: Sein Bruder Rolf ist überzeugter Anhänger der Nationalsozialisten und führt erbitterte Diskussionen mit seinem Vater. Auch Friedrich ist anfangs durchaus fasziniert von den Inszenierungen des neuen Regimes. Doch allmählich spürt er die Veränderungen im Alltag, die Ausgrenzung der Juden und Andersdenkenden. Sein Freund Leo, ein Jude, verlässt mit seinen Eltern die Stadt. Am allerdeutlichsten ist sein Unverständnis in Bezug auf die zunehmende Ablehnung, die sein Lieblingsautor Erich Kästner erfährt. So ist er völlig verwirrt, als er und seine Freunde den Auftrag erhalten, Kästner zu beschatten. Doch er macht im Glauben mit, seinen Freund vom Vorwurf der Spionage befreien zu können.

Philip Kerr ist vielen Lesern bekannt als Autor der Bernie-Gunther-Reihe über einen Privatdetektiv, ehemaligen Kommissar und Nazi-Gegner, der sich durch die Nazizeit schlägt. Aber Kerr ist auch Autor von Kinder- und Jugend-Fantasy-Büchern. Kerr verstarb am 23.März diesen Jahres an einem Krebsleiden. Im letzten Jahr veröffentlichte er noch Friedrich der große Detektiv. Die Idee zu diesem Buch hatte Philip Kerr nach eigenen Angaben, nachdem er auf Youtube die Verfilmung von „Emil und die Detektive“ aus dem Jahre 1931 gesehen hatte. Er fragte sich, was wohl aus den jugendlichen Schauspielern geworden sei und recherchierte, dass diese alle als junge Soldaten im zweiten Weltkrieg gestorben waren.

Das Buch wird auch als Hommage an Erich Kästner und seinen Roman „Emil und die Detektive“ bezeichnet. „Emil“ taucht an vielen Stellen im Buch auf, es beginnt sogar mit der Filmpremiere. Auch der große deutsche Autor und Pazifist Kästner spielt tatsächlich eine zentrale Rolle in diesem Roman als Mahner, Freund und Ratgeber für Friedrich. Allerdings habe ich zu dieser „Hommage“ auch eine kritische Stimme gefunden, denn im Blog Literaturgarage wird eine Szene, in dem Kästner vor Friedrich ein Loblied auf Friedrich den Großen singt, sehr kritisiert und auch mit Quellen belegt, dass Kästner den Preußenkönig nicht unbedingt als Vorbild sah.

Aber nicht nur Kästner taucht als Person der Zeitgeschichte in diesem Buch auf. Ebenfalls Auftritte haben beispielsweise Walter Trier, Billy Wilder, Max Liebermann oder Christopher Isherwood. Kerr versucht sehr verdichtet, Fakten und Fiktion miteinander zu vermischen. Er lässt seine Hauptfigur die Ereignisse von 1933 hautnah miterleben. Friedrich ist beim Fackelzug am 30. Januar, seine Klassenlehrerin wird aus dem Dienst suspendiert, sein Bruder ist an der Bücherverbrennung beteiligt. Nach etwa 165 Seiten ist der erste Plotstrang vorbei, bis hierhin war ich ziemlich zufrieden. Doch dann wurde es aus meiner Sicht weniger stringent, Kerr baut hier noch Episoden ein, die wie nachträglich eingefügt wirken inklusive einer abschließenden Traumsequenz, die mich nicht so recht überzeugen konnte. Und schließlich gibt es ja noch den Ausgangspunkt Kerrs für diese Geschichte („Was ist aus diesen Jungen geworden?“), die dem Buch letztlich ein etwas abruptes und auch ein bitteres Ende verschafft, womit man bei Jugendbüchern über diese Epoche aber zwangsläufig rechnen sollte.

Der Verlag empfiehlt das Buch ab 11 Jahren, was ich für durchaus früh halte, denn trotz mancher Erläuterungen (auch im Anhang) müssen manche Zusammenhänge erkannt werden. Trotz der oben genannten kritische Anmerkungen hat mich das Buch über weite Strecken gut unterhalten. Kerr gelingt eine durchaus lehrreiche, aber auch spannende Geschichte. Lediglich im letzten Drittel des Buches will der Autor aus meiner Sicht zu viel und kann das Niveau nicht ganz halten.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Friedrich der große Detektiv | Erschienen am 22. September 2017 bei Rotfuchs im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-21791-3
256 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Kinder- und Jugendkrimis.

 

Weiterlesen: Interview zum Buch mit Philip Kerr aus der Frankfurter Rundschau sowie Noras Rezension zu Erich Kästners Buch Emil und die Detektive

Denise Mina | Blut Salz Wasser

Denise Mina | Blut Salz Wasser

„Wissen Sie, was ich an diesem Land so abstoßend finde?“, fragte Susan und ließ ihren Akzent in einen anderen übergehen. „Diese scheiß Scheinheiligkeit.“
Der Ladenbesitzer war überfordert. „Was? Heiligkeit?“
„Scheinheiligkeit. Selbstgerechtigkeit.“ Der Akzent klang jetzt sehr viel amerikanischer. […]
Der Ladenbesitzer war entschlossen, nicht zuzugeben, dass er im Unrecht war. Er zuckte die Achseln. „So sind Menschen eben, oder nicht?“
„Nein“, sagte die echte Susan. So ist es hier.“ (Auszug Seite 263)

Alles beginnt mit einem Mord. Einem brutalen Mord an einer Frau am Ufer des Loch Lomond. Der Mörder Iain Fraser übt diese Tat etwas widerwillig, aber letztlich effizient aus. Sein Boss Mark Barratt hat die Befehle gegeben und er führt sie aus, um eine Schuld zu tilgen, auch noch eine Schuld für jemand anderen. Der Leser begleitet anschließend Iain immer wieder durch diese Geschichte und ist überrascht, dass dieser Mann, dieser brutale Mörder, die traurigste Gestalt der ganzen Geschichte ist. Ein Mann mit verkorkster Vergangenheit, voller Schwermut und noch nicht mal sein Mord bringt letztlich etwas. Zwei Menschen sterben bei einem Brand und das stürzt ihn noch tiefer in den Abgrund.

Gleichzeitig hat DI Alex Morrow einen verdammt unangenehmen Fall auf dem Tisch. Eine großangelegte Polizeiaktion der Londoner Polizei und der Police Scotland. Roxanna Fuentecilla ist eine Geldwäscherin eines Drogenrings. Schon lange von der Polizei in London observiert, ist sie vor kurzem nach Glasgow gekommen und hat hier eine windige Versicherungsagentur übernommen. Die Observation geht weiter und die Polizeibehörden belauern sich: Wer am Ende das Drogengeld sicherstellt, darf davon den Löwenanteil dem eigenen Budget zuteilen. Das Problem nun ist jedoch: Fuentecilla ist verschwunden, hat die Verfolger abgehängt. Die letzte Handyortung der Vermissten führt Alex nach Helensburgh. In der Nähe wird schließlich die Leiche im Loch gefunden. Wie sich herausstellt, ist es nicht die Vermisste. Dennoch hatten beide Frauen miteinander zu tun, eine Verbindung zeichnet sich ab.

Die dritte Erzählperspektive nimmt Boyd Fraser ein. Er ist der Besitzer eines Cafés in Helensburgh, wo er auf Bio und nachhaltig macht und seine Speisen und Getränke zu gesalzenen Preisen an den Kunden bringt. Boyd ist ein Getriebener, unzufrieden und unglücklich, ohne recht zu wissen warum. Da kommt eines Tages eine Frau in sein Café. Susan Grierson, eine ehemalige Pfadfinderleiterin, die offenbar nach zwanzig Jahren nach Helensburgh zurückgekehrt ist. Irgendwie umgibt sie allerdings ein Geheimnis, dass jedoch weder Boyd noch Iain am Anfang bemerken und sich von ihr in die weiteren Ereignisse hereinziehen lassen.

Vor knapp einem Jahr habe ich Monika Geiers Alles so hell da vorn gelesen und war schwer begeistert. Nun habe ich mich während der Lektüre von Blut Salz Wasser wieder daran erinnert, da ich schon glaube, einige Gemeinsamkeiten entdeckt zu haben. Beide richten den Fokus auf die Mikroebene, auf das Lokale/Regionale – hier das kleine Örtchen Helensburgh – ohne aber dabei das große Ganze zu vernachlässigen. Hier spielen die ganzen Ereignisse vor dem bevorstehenden schottischen Unabhängigkeitsreferendum, was zusätzlichen Diskussionsstoff birgt. Trotzdem sind es vor allem die kleinen Szenen, die mich begeistert haben, weil sie realistisch und doch voller Finesse geschildert werden. So zum Beispiel die Befragung des versnobten Anwalts Delahunt in dessen Haus oder die Szene, in der sich Morrow und die örtliche Polizeichefin Simmons misstrauisch beäugen, nur um dann festzustellen, dass sie beide Reste von Erbrochenem auf ihrer Kleidung haben – Simmons von ihrer pflegebedürftigen Mutter, Morrow von ihren Zwillingen.

Blut Salz Wasser ist der fünfte Teil der Reihe um die Ermittlerin Alex Morrow. Trotz der spürbaren Vorgeschichte ist dieser Band aber problemlos auch ohne die Vorgänger zu lesen. Teil 3 ist übrigens noch unübersetzt und soll bald nachgeschoben werden. Übersetzerin von diesem Band ist übrigens Zoë Beck, auch keine Unbekannte in der deutschen (Krimi-)Literaturszene. Autorin Denise Mina hat nach dem Jurastudium angefangen, Kriminalromane zu schreiben. Gleich ihr Debüt Garnethill gewann sie 1998 den Dagger Award. Inzwischen wird ihr inoffiziell der Titel „Queen of Tartan Noir“ zugeschrieben. „Tartan Noir“ ist dabei die oftmals sehr gedehnte Klammer für die realistische und dunkle schottische Kriminalliteratur. In einem Interview bekannte Mina aber, das unscharfe Label inzwischen zu akzeptieren („Wir machen alle ganz unterschiedliche Bücher, es gibt kein Tartan Noir als Genre, aber die Bezeichnung hilft uns, bekannter zu werden“, Interview Culturmag 2010).

DI Alex Morrow ist übrigens eine sehr gelungene Protagonistin. Ihre private Seite wird in diesem Band nur ab und zu angeschnitten; sie ist Mutter von zwei kleinen Zwillingen. Doch familiär ist nicht alles im Lot. Immer wieder trübt sich ihr Gemüt, wenn ihre Gedanken um ihren kriminellen Stiefbruder Danny kreisen, der aktuell einsitzt. Beruflich ist sie eine gewissenhafte und durchsetzungsstarke Polizistin. Eine Frau aus der Arbeiterklasse, die es durch Fleiß und Beharrlichkeit zu etwas gebracht hat, die sich aber trotzdem keine Illusionen über ihren Platz macht. Doch am besten lasse ich sie selbst zu Wort kommen:

Sie sind nicht loyal, sagte Iain. Sie wissen nicht, zu wem sie gehören.
Da sah sie ihn direkt an, und sie lächelte, aber sie war wütend. Sie sagte: Nein, Mr. Fraser, ich weiß genau, zu wem ich gehöre. Und ich weiß, wer ich bin: Ich bin die Person, die die Wahrheit sagt, auch wenn sie mir nicht gefällt. Auch wenn sie mir wehtut. (Seite 336)

Der Plot von Blut Salz Wasser ist durchaus komplex, aber absolut virtuos erzählt. Der Roman lebt vor allem auch von den hervorragenden und authentischen Figuren, die ihr Innerstes offenbaren. Gleichzeitig haben wir hier einen definitiv verzwickten Kriminalfall, der am Ende zwar gelöst werden wird, aber einen bitteren Geschmack hinterlässt. Es war mein erstes Buch von Denise Mina und ich habe bislang vermutlich einiges verpasst. Glückwunsch an den Argument Verlag (der ohnehin nicht für Lückenbüßer bekannt ist), eine solche Autorin neu im Verlagsprogramm zu haben!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Blut Salz Wasser | Erschienen am 16. April 2018 im Argument Verlag
ISBN 978-3-86754-230-2
362 Seiten | 19.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezension zu Denise Minas Roman Die tote Stunde sowie Interview von Zoë Beck mit Denise Mina (aus dem Jahr 2010) und Interview mit Denise Mina bei krimiscout.de

Declan Burke | Eight Ball Boogie

Declan Burke | Eight Ball Boogie

Der Begriff „Screwball“ kommt ursprünglich aus dem Baseball und hat sich in der englische Umgangssprache durchgesetzt. Ein Screwball ist demnach eine exzentrische, skurrile Person. Auch ein Filmgenre wurde danach benannt. In der Screwball-Komödie taucht in der Regel mindestens eine solche skurrile Person als Hauptdarsteller oder Hauptdarstellerin auf und zeichnet sich laut Wikipedia „durch hohe Dialoglastigkeit, feinen und intelligenten Wortwitz, ein rasantes Tempo und eine raffiniert konstruierte Handlung aus“.

Warum ich das alles erzähle?Weil der Stil von Autor Declan Burke von vielen Rezensenten als „Screwball Noir“ bezeichnet wurde. Und das ist durchaus nachzuvollziehen. Übrigens gibt es zahlreiche Paralleln zwischen screwball comedy und film noir, beide sind ungefähr zur gleichen Zeit in den 1930ern/1940ern populär geworden.

Man stelle sich diese skurrilen Hollywood-Komödien vor, transportiere sie in den Nordwesten Irlands und füge eine nicht unerhebliche Menge Alkohol, Betäubungsmittel und Schusswaffen hinzu. Voilá! Eight Ball Boogie ist der Debütroman des irischen Autors aus dem Jahr 2003. Seine späteren Romane The Big O und Absolute Zero Cool wurden bereits ins Deutsche übersetzt. Burke betreibt übrigens auch die interessante Krimiwebsite Crime always pays. Doch worum geht’s in Eight Ball Boogie?

„Na gut“, sagte er. „Das ist Plan A. Und was ist, wenn sie nicht darauf eingehen?“
„Dann überleg ich mir was anderes.“
„Und das ist alles?“, fragte er ungläubig.
„So ziemlich.“
„Scheiße. Scheißescheißescheißescheißescheißescheiße.“ […]
„Du willst das wirklich tun?“
„Ich tu nichts, es tut mich. Ich bin bloß der Beifahrer.“ (Auszug Seite 212)

Harry Rigby ist Privatermittler und verkauft auch gerne pikante Storys an die Boulevardpresse. Er führt eine komplizierte Beziehung zu seiner Freundin Denise und seinem vierjährigen Sohn Ben, das Geschäft könnte auch besser laufen. Da wird die Ehefrau eines bekannten Politikers ermordet und Rigby erhält zeitgleich den Auftrag eines windigen einheimischen Geschäftsmannes, dessen Frau auszuspionieren. Und Rigby findet schnell heraus, dass die Ehefrau offenbar etwas mit dem verwitweten Politiker hatte.

Aber das sind nur die ersten Elemente, denn getreu dem Screwball-Genre geht es in der Folgezeit ziemlich turbulent und abwechslungsreich zu. Und Harry ist über weite Strecken tatsächlich nur ein Getriebener in diesem Plot. Irgendwann wird klar, dass es hier irgendwie um Drogen geht, aber wer wie da jetzt mit drin hängt, ist schwer zu beurteilen (ein wenig auch nach Beendigung des Buches). Die örtlichen Polizeikräfte rücken Harry auf die Pelle, die freie Journalistin Katie verdreht ihm etwas den Kopf. Zur Krönung taucht auch Harrys Bruder Gonzo nach vier Jahren Funkstille auf der Bildfläche auf. Mit seinem Bruder verbindet Harry so etwas wie eine Hassliebe, wobei die Betonung eher auf der ersten Silbe liegt.

Harry führt als Ich-Erzähler durch den Roman. Das ist ungemein praktisch, da der Leser genauso oft auf dem falschen Fuß erwischt wird wie Harry. In den besten Momenten liest sich das Buch wie die Vorlage zu einem frühen Guy-Ritchie-Film, aber es gibt auch Phasen, in denen ich einfach nur noch verwirrt war, wohin sich die Nummer jetzt wieder hin entwickelt hat. Doch alles in allem war ich schon zufrieden, wenn auch nicht begeistert. Declan Burke spart nicht an hartgesottenen Zutaten. Hier gibt es eine Menge schräger Typen in knackigen Dialogen und einem rabenschwarzen Plot. Und das sorgt auf jeden Fall nicht für Langeweile.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Eight Ball Boogie | Erschienen am 5. März 2018 bei Edition Nautilus
ISBN 978-3-96054-068-7
272 Seiten | 18.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Declan Burkes Website crimealwayspays.blogspot.de 

2. Mai 2018