Kategorie: Andy Ruhr

Joe R. Lansdale | Moon Lake

Joe R. Lansdale | Moon Lake

Wir waren in unserem klapprigen Buick unterwegs, der noch aus einer Zeit stammte, in der die Autos groß gewesen waren und der amerikanische Traum für jeden erreichbar schien, der weiß, männlich, heterosexuell und gewillt war, ihn zu träumen. Alle anderen mussten eine Nummer ziehen und warten. (Auszug Seite 6)

Daniel Russell ist 14 Jahre alt und lebt alleine mit seinem Vater in Ost-Texas. Seit seine Mutter die Familie vor ein paar Monaten ohne eine Nachricht verließ, hat sein Vater nicht nur seine Arbeit, sondern auch den Boden unter den Füßen verloren. Eines Nachts fährt der verzweifelte und total überforderte Mann mit Daniel zum nahegelegenen Stausee nach New Long Lincoln und hält auf einer klapprigen Brücke. Die Stadt unter dem See, ehemals Long Lincoln war vor Jahren überschwemmt worden. Dannys Vater erzählt ihm, dass er hier aufgewachsen ist und hier auch Daniels Mutter, seine große Liebe kennengelernt hat. Der Ort wurde damals evakuiert, als das Wasser in die Stadt geleitet wurde, befanden sich jedoch noch Menschen in den Gebäuden, von denen viele elendig ertranken. Plötzlich gibt er Gas und lenkt den alten Buick über das Geländer ins eisige Wasser. Während sein Dad mitsamt Wagen in der Tiefe verschwindet, gelingt es dem Jungen, sich zu befreien. Er wird von der etwa gleichaltrigen Ronnie Candles ans Ufer gezogen, die ganz in der Nähe mit ihrem Vater angelte.
Danny kann einige Monate bei den Candles verbringen, die sich liebevoll um ihn kümmern. Die Familie fängt ihn auf und lässt ihn an ihrem Leben teilhaben. So lernt Danny zum ersten Mal in seinem Leben Geborgenheit kennen, aber auch den nach wie vor existenten tagtäglichen Rassismus, dem die schwarze Familie ausgesetzt ist. Schließlich wird eine Tante ausfindig gemacht und er muss zu ihr ziehen.

Leichen auf dem Seegrund
Zehn Jahre später trocknet der Moon Lake aufgrund einer Hitzeperiode komplett aus und legt nicht nur den überfluteten Ort frei, sondern auch den Buick seines Vaters. Im Wagen kann die Polizei nicht nur dessen Überreste sondern auch eine weibliche Leiche im Kofferraum bergen. Chief Dudley vermutet, dass es sich um Daniels Mutter handelt. Dieser, inzwischen Journalist und Autor, kehrt nach New Long Lincoln zurück, um der Sache auf den Grund zu gehen. Zusammen mit Ronnie Candles, die mittlerweile bei der örtlichen Polizei arbeitet, besucht er die überraschend gut erhaltene Stadt auf dem Seegrund. Die beiden stoßen nicht nur auf einige Fahrzeuge, in denen sich weitere Leichen finden, sondern auch auf große Widerstände seitens der Stadt. Diese wird seit Jahrzehnten von einer totalitären Elite-Clique beherrscht, die skrupellos und mit grenzenlosem Egoismus regieren. Was ist dran an den Gerüchten, dass der Rat der Stadt damals aus Gier den Tod der Bewohner billigend in Kauf genommen hatte?

Der fast volle Mond schien auf dem Wasser zu treiben. Ich erinnere mich an seinen Glanz und die Art, wie sich die Schatten der Bäume am Seeufer zu ihm hinstreckten wie Finger aus Schokolade, die nach einem Silberteller greifen. (Auszug Seite 6)

Lansdales Schreibstil besticht gleichermaßen durch Poesie, knackige Metaphern sowie eindringliche Formulierungen für Gewalt, Brutalität und Tod. Der Roman wechselt zwischen verschiedenen Genres hin und her, ist Crime Noir, Coming-of-Age und Mystery gewürzt mit Horrorelementen. Dabei schießt er auch das ein oder andere Mal über das Ziel hinaus und die gruselige Verschwörungstheorie, die hier gesponnen wird, driftet zumindest im Finale ins Absurde ab. Für mich tat das dem Vergnügen jedoch keinen Abbruch und ich genoss die entfesselte Geschichte mit wirklich sehr vielen Leichen und mit einem teilweise abstrusen Plot. Der Roman bietet eine packende Handlung in einer durchweg schaurigen Stimmung, ist gespickt mit überraschenden Wendungen, knochentrockenen Dialogen und ungewöhnlichen Figuren. Die übernatürlichen Sequenzen und menschlichen Abgründe lassen den Lesenden gruseln, der lakonische Humor aber auch oft schmunzeln.

Gesellschaftskritik in trashigen Sequenzen
„Moonlake“ spielt wie so oft in Lansdales Heimat Ost-Texas und geht zurück in die 60er und 70er Jahre. Wobei das Cover scheinbar auch aus dieser Zeit stammt. Der Altmeister teilt gerne aus gegen die stockkonservativen Einwohner der Südstaaten und zeichnet ein wenig positives Bild dieses Landstrichs. Dabei transportiert er fast beiläufig seine Gesellschaftskritik wie Rassismus, Kapitalismuskritik, Fremdenfeindlichkeit und soziale Ungerechtigkeiten mit Horrorelementen in trashiger hardboiled Tradition. Seine Stärken liegen für mich in der Erschaffung lebendiger Charaktere. Seine Figuren bilden stets das Zentrum der Ereignisse, ihre Hintergründe und Beziehungen zueinander sind ihm allzeit wichtig. Das gilt im Besonderen für Daniel, aus dessen Perspektive erzählt wird, dessen Entwicklung wir verfolgen und der seine Menschlichkeit nie verliert.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Moon Lake | Erschienen am 08.11.2022 im Festa Verlag
ISBN 978-3-9867-6030-4
464 Seiten | 26,99 €
Originaltitel: Moon Lake | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Patrick Baumann
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezension zu „Ein feiner dunkler Riss“ von Joe R. Lansdale

Matt Query & Harrison Query | Old Country – Das Böse vergisst nicht

Matt Query & Harrison Query | Old Country – Das Böse vergisst nicht

Es war ein fremdartiges Gefühl von Furcht, wie eine Ansteckung, ein Panikvirus, der nicht aus dir selbst kommt, sondern sich von außen einen Weg in dein Bewusstsein bahnt. Ich spürte einen Druck auf meinen Ohren. (Auszug Seite 309)

Eine eigene kleine Farm in der weiten Natur, Ruhe in der ländlichen Abgeschiedenheit. Für das junge Paar Harry und Sasha Blakemore geht ein Lebenstraum in Erfüllung, als sie den Zuschlag für eine Ranch in Idaho bekommen. Voller Vorfreude machen sie sich mit Jagdhund Dash auf den Weg in die Abgeschiedenheit, weit weg von ihren Familien. In den Bergen angekommen sind sie überwältigt von der traumhaft schönen Landschaft direkt vor den Ausläufern der Rocky Mountains. Die nächsten Nachbarn Dan und Lucy Steiner wohnen einige Meilen entfernt. Das ältere Ehepaar steht mit Rat und Tat zur Seite und hilft den Neuankömmlingen, sich in das Leben als Farmer einzufinden.

Das Grauen in der Idylle
Als sie die Blakemores allerdings mit einem uralten Geist konfrontieren, der in jeder Jahreszeit in unterschiedlicher Manifestation die Bewohner des Tals heimsucht, sind Harry und Sasha mehr als skeptisch. Es gibt genaue, auch schriftlich fixierte Anleitungen, um den Geist in Schach zu halten. Wenn die beiden Neufarmer sich an diese Anweisungen halten und die Rituale genauestens befolgen, würde ihnen nichts passieren. Besonders Harry weist die bevorstehenden Heimsuchungen brüsk als abwegige Spinnerei ab und fühlt sich veräppelt. Doch während Harry und Sasha sich langsam einrichten, zum Reiten, Fischen und zur Moorhuhnjagd gehen, bricht das Grauen über die Idylle herein.

Die Handlung ist in 5 Abschnitte unterteilt und folgt der Dramaturgie der Jahreszeiten. Die Perspektive, die kapitelweise zwischen Harrys und Sashas Sicht hin und her wechselt, ist in der Ich-Form verfasst. Dadurch entsteht eine dichte Psychologisierung des jungen Paares. Die Figuren sind sympathisch und authentisch, nahbar und mit Hintergrund gezeichnet. Harry ist ein Afghanistan-Veteran, in Rückblenden erfahren wir viel über die traumatischen Geschehnisse, die er auch noch nicht endgültig verarbeitet hat. Selbst mit seiner Frau, zu der er eine sehr innige und intensive Beziehung pflegt, spricht er nicht über seine Zeit als Marine in den Kriegsgebieten. So liebevoll Harry zu seiner Frau und dem Golden Retriever ist, kann er aber auch schon mal sehr hitzig und impulsiv handeln und wenn er Gefahr für seine Liebsten wittert, fühlt er sich schnell provoziert.

„Ich habe bereits Menschen erschossen, Lucy. Echte Menschen. Dass dieser verdammte … Geist echt ist, beunruhigt mich weit mehr, als einen Kerl abzuknallen, der meine Frau und mein Zuhause bedroht.“ (Auszug Seite 158)

Old Country ist ein mystischer Spannungsroman mit Gruselelementen, wobei die gruseligen Abschnitte doch überschaubar waren. Dabei schleichen sich die schaurigen Szenen langsam an und waren für mich eher skurril als gänsehauterzeugend. Das vorhersehbare Regelwerk konterkariert unweigerlich den Spannungsbogen. Das liegt daran, dass wir aufgrund der Anleitung von Dan und Lucy ja immer schon genau wissen, was passiert. Auch wenn durch Harrys teilweise ungestümes Verhalten das ein oder andere Unvorhergesehene passiert, werden die Gefahren allzu gleichförmig erzählt. Die Zeit zwischen den übernatürlichen Ereignissen war mit detaillierten Beschreibungen des alltäglichen Lebens, traumatischen Erinnerungen und Rückblenden gefüllt.

Horror im Winter
Im letzten Drittel wächst die Bedrohung und das Tempo zieht an. Die Horror-Momente im Winter werden sehr bildhaft und plastisch geschildert und zumindest meine Nackenhaare stellten sich auf. Als klar wird, dass kein Entkommen möglich ist, die Farm verlassen und irgendwo anders neu anzufangen, keine Option darstellt, spitzt sich alles zu.

Old Country ist gradlinig in einer gefälligen Sprache und einer fast heimeligen Erzählweise geschrieben. Der weitläufige Schauplatz wird anschaulich geschildert, die Verbundenheit zur Natur ist omnipräsent. Die Brüder Matt und Harrison Query nehmen sich viel Zeit für Setting und Charaktere. Ich habe immer wieder gerne zum Buch gegriffen, auch wenn es sich eher um eine gemütliche, zurückhaltende Spannung mit einer subtil bedrohlichen Aura handelt. Eine Verfilmung kann ich mir gut vorstellen und das Erfolgsteam Shawn Levy und Dan Cohen, die Macher von Stranger Things, sollen schon ihr Interesse bekundet haben.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Old Country – Das Böse vergisst nicht | Erschienen am 15. Februar 2023 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-45332-231-8
432 Seiten | 15.- Euro
Originaltitel: Old Country | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Michael Pfingstl
Bibliografische Angaben & Leseprobe

 

Erin Flanagan | Dunkelzeit

Erin Flanagan | Dunkelzeit

Erin Flanagans Debüt führt uns ins ländliche Nebraska in ein kleines beschauliches Örtchen. Gunthrum wird Mitte der 80er Jahre zum Schauplatz eines tragischen Ereignisses, als die junge Peggy Ahern spurlos verschwindet. Mit Hal, einem 25-jährigen, geistig beeinträchtigtem Mann ist schnell ein Verdächtiger gefunden. Der junge Mann ist mit routinierten Arbeiten auf der Farm von Alma und Clyle Costagan beschäftigt und war zum ersten Mal mit Freunden zum Jagen gewesen. Sehr zum Leidwesen von Alma, die befürchtet, dass Hal von den anderen nur verarscht wird. Alma und Clyle hatten den jungen Mann eingestellt und kümmern sich auch sehr liebevoll um ihn, fast wie um das eigene Kind, das ihnen bisher verwehrt blieb.

Wie befürchtet war auf dem Fußboden im Haus ein hässlicher rosa Fleck. Clyle stemmte die Hände in die Hüften. „Wo ist sie?“ „Wer?“ „Die Hirschkuh.“ Hal biss sich auf die Unterlippe. „Ich hab sie zum Müllplatz gebracht.“ … „Wie hast du sie dort hinbekommen?“ „Mit der Schubkarre.“ Clyle seufzte. „Die müssen wir also auch noch sauber machen.“ (Auszug S. 40- 41)

Nachdem Hal ohne seine Kumpels mit einem blutverschmierten und verbeulten Pick-Up von der Jagdtour zurückkehrt, erzählt er eine nicht ganz schlüssige Geschichte mit einer illegal erlegten Hirschkuh. Unfähig die Konsequenzen seines Handelns nachzuvollziehen, verstrickt er sich immer mehr in Widersprüche. Im alkoholisierten Zustand neigte er in der Vergangenheit auch schon mal zu Gewaltausbrüchen und schwärmte für die hübsche Peggy. Als dann rauskommt, dass die 17-Jährige letztmalig in der Kneipe „Castle Farm“ gesehen wurde und auch Hal sich angeblich an dem Abend da aufgehalten haben soll, ist für die Anwohner die Sache klar. Gerüchte verbreiten sich wie ein Lauffeuer und Hal sieht sich ersten Vorwürfen und offenen Anfeindungen ausgesetzt.

Alma und Clyle werden mit einer unbequemen Realität konfrontiert und fragen sich, ob Hal tatsächlich in der Lage wäre, einem Mädchen etwas anzutun. Trotzdem versuchen sie alles, um Hal zu schützen und vor Unrecht zu bewahren. Die beiden sind vor 14 Jahren aus Chicago nach Gunthrum gezogen, um nach dem Tod von Clyles Eltern die Farm zu übernehmen. Clyle bewirtschaftet die Farm einschließlich Schweinezucht und die ehemalige Sozialarbeiterin Alma fährt den Schulbus.

Clyle beugte sich vor und kraulte eines der Ferkel hinter dem Ohr, und die anderen kamen herbeigelaufen. Sie schnüffelten wie eine Hundemeute an seiner Hand und hofften auf seine Zuneigung. „Immer noch unglaublich niedlich“, sagte er, und sie fragte sich, wie zwei Menschen so unterschiedliche Sichtweisen haben konnten. (Auszug S. 7)

Erin Flanagan konzentriert sich in ihrem Debüt-Roman auf die Ehe zwischen Alma und Clyle, die durch lang verdrängte Probleme und eine große Kommunikationslosigkeit gekennzeichnet ist. Alma ist nur Clyle zuliebe aufs Land gezogen. Es sollte nur für eine Saison sein und obwohl die Landwirtschaft sich immer weniger rentiert, sind sie geblieben. Während Clyle sich sehr wohl fühlt, ist Alma todunglücklich. Sie findet hier keinen Anschluss, eckt mit ihrer schroffen, mürrischen Art oft an und kommt mit den kleinstädtischen Strukturen und den Geschlechterrollen nicht zurecht. Alma ist verbittert und hat sich in eine aggressive Sturheit geflüchtet, wenn es um ihren geliebten Hal geht. In einer weiteren Erzählperspektive erfahren wir von Milo, dem 12-jährigen Bruder von Peggy. Der introvertierte Junge hofft, dass seine lebenslustige Schwester einfach mal abgehauen ist und schnell wieder auftauchen wird. Er ist sogar erst sauer, dass die allseits beliebte Peggy mal wieder alle Aufmerksamkeiten bekommt. Dabei entgeht ihm nichts und in seiner ruhigen Art blickt er hinter die Fassade der Erwachsenen.

Eigentlich ein Roman, der vom Setting und Plot genau meins ist. Dass der Kriminalfall nur untergeordnet und polizeiliche Ermittlungen nur am Rande stattfinden, stört mich gar nicht. Flanagan, eine Professorin für Englische Sprache und Literatur betreibt mehr eine Milieu- und Sozialstudie über eine typische Kleinstadtidylle in den 80ern, in der jeder über jeden Bescheid weiß und Gerüchte sich schnell herumsprechen. Aber der mehrfach ausgezeichnete Roman konnte mich nicht richtig packen und irgendwie sprang der Funke nicht über. Ich habe das einfach schon zu oft gelesen und vor allen Dingen besser.

In vielen Dialogen offenbart die Autorin die Vergangenheit einzelner Dorfbewohner und wir erfahren von ihren Sorgen und Nöten, ihren Geheimnissen, Sehnsüchten und Affären. Die persönlichen Dramen lesen sich wie aus dem Leben gegriffen und sind weniger spektakulär als vielmehr banal. Dabei vernachlässigt sie die Spannungskurve und versäumt es, die Situation sich zuspitzen und eskalieren zu lassen. Es plätschert einfach so vor sich hin und endet in einer beliebigen Überführung des Täters.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Dunkelzeit | Erschienen am 18. Mai 2023 im Atrium Verlag
ISBN 978-3-85535-145-9
368 Seiten | 25,- Euro
Originaltitel: Deer Season | Übersetzung aus dem Englischen von Cornelius Hartz und Stefanie Kremer
Bibliografische Angaben und Leseprobe

Sara Paretsky | Schiebung (Band 19)

Sara Paretsky | Schiebung (Band 19)

Ich ließ die Nachrichten im Radio laufen, falls eine Meldung über Felix kam. Schon wieder Schießereien an der South Side und an der West Side – Applaus für eine Regierung, die es jedem schießwütigem Bürger ermöglicht, sich ein Waffenarsenal zuzulegen, mit dem er uns alle fünf- bis sechsmal umbringen kann. Nichts über Felix. (Auszug S.180)

„Schiebung“ ist der neunzehnte von inzwischen einundzwanzig veröffentlichten Romanen von Sara Paretsky mit der auf Wirtschaftskriminalität spezialisierten Chicagoer Privatdetektivin Victoria Iphigenia Warshawski. Und der erste, den ich las. In Schiebung hat es die von ihren Freunden Vic genannte Schnüfflerin weniger mit geldeinbringenden Aufträgen als mit privaten Turbolenzen zu tun.
Felix Herschel, der Großneffe ihrer besten Freundin Lotty Herschel ist in Schwierigkeiten. Der junge Kanadier wurde zu einem Tatort in einem abgelegenen Waldstück zitiert, um eine männliche Leiche zu identifizieren. Felix bestreitet, das Opfer zu kennen und kann nicht erklären, wie sein Name und Telefonnummer in der Hosentasche des grausam Ermordeten landete. Er wird zum Hauptverdächtigen, selbst V.I. hat das Gefühl, er verschweigt etwas. Schnell findet sie heraus, dass der Student mit einer jungen Frau aus dem Nahen Osten befreundet ist, deren Vater sich illegal in den Vereinigten Staaten aufhält und deshalb automatisch als Terrorist gilt.

Überraschend bekommt V.I. Besuch von Harmony Seale, die sich um ihre Schwester Reno sorgt. Beide sind die Nichten ihres Ex-Mannes Richard Yarborough. Die Ehe mit dem Wirtschaftsanwalt ging schon vor Jahren in die Brüche und seither hatte Vic keinen Kontakt mehr zu den beiden Mädchen. Reno hatte in Chicago in einem Finanzunternehmen namens „Rundum sorglos“ gearbeitet. Nach einem Betriebsausflug in der Karibik wirkte sie sehr aufgewühlt und als ihre Schwester sie jetzt besuchen will, ist sie spurlos verschwunden. Bei „Rundum sorglos“ handelt es sich um eine Kredit-Hai-Firma, die mit Kreditgeschäften nicht finanzkräftigen Menschen hinterhältig ausplündert. Für Vic verhärtet sich der Verdacht, dass ihr Ex, der Reno den Job besorgt hatte, seine Finger mit im Spiel hat. Reno misstraut der Polizei, so macht sich unsere Heldin alleine auf die Suche nach Harmony. Ihre Ermittlungen ergeben, dass es nicht nur um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz geht, anscheinend war die junge Frau auch noch auf diverse Machenschaften ihrer Firma gestoßen und hatte Unterlagen an sich gebracht, die mächtigen Leuten gefährlich werden können.

Ich raste die Stufen hinab. Etwas traf mich von hinten, schleuderte mich die zweite Treppe hinunter. Das Jaulen hörte ich eine Nanosekunde später. Kugel im Rücken. Lag auf dem Treppenabsatz, rang nach Luft. Noch ein Ruf von oben: Bundesagenten, stehen bleiben oder wir schießen. (Auszug S.98)

Beide Fälle bringen Vic mächtig auf Trab und ähnlich Superwoman flitzt sie gehetzt durch ihre Stadt Chicago, fast ohne Schlaf und Erholung sowie seitenlang mit einer Kugel im Rücken. Sie ist notorisch überarbeitet, aber unterbezahlt. Trotzdem danken es ihr die „Familienmitglieder“ nicht besonders, sondern halten mit der Wahrheit hinterm Berg und verschwinden tagelang (Felix) oder misstrauen ihr und überschütten sie mit Vorwürfen (Harmony). Vic hat aber nun mal ein Herz für die Schwachen der Gesellschaft und riskiert bei der Aufklärung oft Kopf und Kragen. Sie sieht in den beiden jungen Frauen, die sich als sehr anstrengend, fordernd und unverschämt zeigen, überforderte, misstrauische weil immer wieder betrogene Menschen.

Der Kriminalroman erfordert beim Lesen höchste Konzentration. In über 500 Seiten und vielen kleinen Kapiteln gibt es keinen Handlungsstillstand und der Plot schlägt immer neue Kapriolen. V.I. ist Sara Paretskys politisches Statement, das sollte man bei der Lektüre bedenken. Die Detektivin, selbst aus einer Immigrantenfamilie stammend, kämpft stets gegen die Reichen, im Besonderen gegen die Mächtigen und Gierigen, die meinen, über Gesetz und Moral zu stehen. Es geht um Menschen, die durch das kapitalistische System in Not und Gefahr geraten sind, um Geflüchtete, die verfolgt und schikaniert werden.

Die Superreichen sind nicht wie du und ich. Nicht, wie Hemingway angeblich zu Fitzgerald sagte, weil sie mehr Geld haben, sondern weil das Geld sie glauben macht, all ihre Wünsche, ganz gleich wie abartig, müssten unverzüglich befriedigt werden. (Auszug S.405)

In „Schiebung“ wird deutlich, wie tief der ICE, die Einwanderungsbehörde der US-Regierung den Rassismus und die Angst vor Terror mit Hilfe von Überwachungen und Drangsalierungen im Alltagsleben der USA verstärkt hat. Im Lauf der Geschichte gerät Warshawski in einen Strudel aus Gewalt und Handel mit begehrenswerten Artefakten aus Syrien und dem Irak sowie mit Kreditgeschäften. Mir war es manchmal ein Schlenker zu viel und aufgrund der zahlreichen Themen, die in der Geschichte einfließen, leidet der Spannungsbogen. Die beiden Fälle sind in eine gut recherchierte Hintergrundgeschichte eingebettet, entwickeln nach und nach Gemeinsamkeiten und finden sich zu einem Gesamtfall zusammen, was keineswegs aufgesetzt, aber an der ein oder anderen Stelle nicht ganz plausibel wirkt.

Sara Paretsky legendäre Schnüfflerin V. I. Warshawski ist schon lange eine Klassikerin und kaum wegzudenken in der feministischen Krimilandschaft. Sie ist immer noch eine Idealistin, selbstbewusst und taff, lebt seit zwanzig Jahren allein und hat mit ihrer besten Freundin, der Ärztin Lotty eine Klinik im Rücken. Und mit ihrem alten Nachbarn, Mr. Contreras einen Freund, der sich um die beiden Hunde kümmert und ihr immer Unterschlupf gewährt.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Schiebung | Erschienen am 24. Oktober 2022 bei Ariadne im Argument Verlag
ISBN 978-3-86754-264-7
544 Seiten | 25.- Euro
Originaltitel: Shell Game | Übersetzung aus dem Englischen von Else Laudan
Bibliografische Angaben und Leseprobe

Weiterlesen I: Rezension von Gunnar zu „Altlasten“ (Band 18)

Don Winslow | City Of Dreams (Band 2)

Don Winslow | City Of Dreams (Band 2)

Er ist auf den Knien, hat eine Pistole am Kopf. Die anderen sind an Händen und Füßen gefesselt, blicken ihn flehend und in Todesangst an. In der Wüste ist es bei Tagesanbruch kalt, und Danny kniet zitternd im Sand, während die Sonne aufgeht und der Mond zur bloßen Erinnerung verblasst. … Ein stechender Geruch durchdringt die frische, klare Luft. Benzin. Dann hört Danny: „Erst siehst du zu, wie sie bei lebendigem Leib verbrennen. Danach bist du selbst dran.“ (Auszug S.12)

Mit „City of Dreams“ geht Bestsellerautor Don Winslow in seiner auf drei Bänden angelegten, letzten großen Trilogie in die zweite Runde. Und knüpft genau am Ende des ersten Teils an, als sich der irisch-amerikanische Mafiosi Danny Ryan nach dem missglückten Coup in Rhode Island mit seiner restlichen Ostküsten-Gang, seinem an zunehmender Demenz leidenden Vater Marty und dem kleinen Sohn Ian auf der Flucht Richtung Kalifornien befindet. Um nach dem Krebstod seiner Frau endlich Schluss zu machen mit dem organisierten Bandenkrieg zwischen den Italienern und Iren hatte Danny die erbeuteten Drogen im Meer versenkt. In San Diego angekommen, will man erst mal untertauchen und unter dem Radar bleiben. Doch Danny kann seiner kriminellen Vergangenheit nicht entfliehen, Gegenspieler Peter Moretti sinnt in Providence auf Rache, Gangster sowie die Polizei sind hinter ihnen her und auch das FBI lässt nicht locker. Ein letzter Coup gegen einen mexikanischen Drogenchef soll das Geld für einen Neuanfang liefern.

Verfilmung in Hollywood
Unauffällig bleiben ist gar nicht so einfach, als man in Hollywood damit beginnt, einen Film über die Ostküsten-Mafia und die realen Ereignisse in Dogtown zu drehen. Als sich zwei Mitglieder von Dannys Truppe, ausgerechnet die als „Messdiener“ bekannten Kevin Coombs und Sean South als Berater beim Filmdreh verdingen, gerät einiges aus den Fugen. Danny, der sich derweil bei seiner Mutter Madeleine in Las Vegas versteckt, sieht sich gezwungen, am Set von „Providence“ aufzutauchen um den immer gieriger werdenden Mobstern auf die Finger zu klopfen.

„Was ist mit Danny Ryan?“ „Ach ja, sagt Kevin. „Den kennen wir auch.“ Ist allerdings ein heikles Thema. Sich mit der Brechstange Zugang zu den Dreharbeiten eines großen Hollywoodfilms zu verschaffen, ist nicht unbedingt das, was Danny mit unauffälligem Verhalten meint. (Auszug S.192)

Es gelingt ihm, die beiden zur Räson zu bringen und Teilhaber der Filmproduktion zu werden. Doch dann verliebt er sich in die Hauptdarstellerin des Films. Ausgerechnet in den großen Filmstar Diane Carson, berühmt-berüchtigt für ihre Alkohol- und Drogenexzesse. Das Liebespaar gerät schnell in den Fokus der Presse, wodurch seine Feinde in Providence und Mexico aufmerksam werden. Der verliebte Danny benimmt sich mehr als unklug, aber das macht ihn ja so nahbar, und das tragische Ende scheint vorprogrammiert. Dabei zeigt der amerikanische Bestseller-Autor auch einen Einblick in die Traumfabrik von Hollywood, wo ehrgeizige Mütter ihre Kinder mit allen Mitteln zum Erfolg pushen wollen.

Meine Meinung
„City of Dreams“ ist ein typischer Mittelteil, kann nicht ganz mit dem Tempo und der Fulminanz des ersten Teils mithalten. Band 2 kommt ruhiger daher, es geht mehr darum, dass die Helden ihre Wunden lecken, zur Ruhe kommen und sich neu orientieren. Im Mittelpunkt steht wieder Danny Ryan, ein Mafiosi mit moralischem Kompass, der um seine verstorbene Ehefrau trauert, seinem Sohn ein guter Vater sein will und stets Verantwortung für seine Leute trägt. Es gibt wenig Berührungspunkte zu den italienischen Morettis an der Ostküste, deren Schicksale in der harten Gangsterwelt Winslow sehr anschaulich skizziert.

Die Fortsetzung enthält für mich all die die bekannten und geliebten Winslow-Zutaten, wie knackige Dialoge, schnörkellose Prosa, einem präzisen Schreibstil und scharfe Schnitte. Dabei erzählt er gewohnt gradlinig und unverblümt im Präsenz, ohne die Gewalttaten groß auszuschlachten.

Insgesamt ist „City of Dreams“ für mich die gelungene Fortsetzung eines Gangster-Epos, welches mich mit nie vorhersehbaren Wendungen bis zum Finale fesseln konnte und die Vorfreude auf den Nachfolger weckt. Zum besseren Verständnis empfehle ich, „City on Fire“ vorher zu lesen, obwohl der Autor den Inhalt durch einige Rückblenden auch in diesem Band zusammenfasst.

Der trojanische Krieg
Die Trilogie basiert lose auf Homers „Ilias“, in der die Geschichte des Trojanischen Krieges erzählt wird. Im zweiten Band nimmt Winslow Anleihen bei Virgils „Aeneis“. Nach dem Untergang Trojas flieht der Trojaner Aeneis zusammen mit seinem Vater und seinem Sohn und landet nach langer Irrfahrt schließlich an die Küste Karthagos. Dort sorgte seine Mutter Venus dafür, dass er sesshaft wird, indem sie ihn mit Hilfe des Liebesgottes Amor mit der karthagischen Königin Dido verkuppelt. Deren Stelle übernimmt bei Winslow eine Hollywood-Schönheit, Griechen und Trojaner werden durch italienische Mafia und irische Gangster ersetzt.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

City of Dreams | Erschienen am 23.05.2023 bei HarperCollins
ISBN 978-3-36500-169-1
368 Seiten | 24,- €
Originaltitel: City of Dreams | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Conny Lösch
Bibliografische Angaben und Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezension zu Band 1 der Trilogie – „City On Fire“