Kategorie: Andy Ruhr

A.K. Turner | Wer mit den Toten spricht (Band 2)

A.K. Turner | Wer mit den Toten spricht (Band 2)

Der Thriller „Wer mit den Toten spricht“ von A.K. Turner ist der zweite Teil der Serie um Cassie Raven, die Assistentin in der Londoner Rechtsmedizin ist. Der erste Teil endete mit einer verblüffenden Enthüllung und wer diesen noch nicht gelesen hat und nicht gespoilert werden möchte, sollte nicht weiterlesen.

Tragische Familiengeschichte

Cassie hatte immer geglaubt, ihre Eltern wären bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen. Erst nach einem Schlaganfall enthüllt ihre polnische Großmutter, bei der sie aufgewachsen ist, die schreckliche Wahrheit. Ihr Vater saß jahrelang im Gefängnis, weil er ihre Mutter im betrunkenen Zustand zu Tode geprügelt haben soll. Er hatte die Anschuldigungen immer bestritten und war nach 17 Jahren aus dem Knast entlassen worden. Cassie wird von der Offenbarung ihrer Babica völlig aus der Bahn geworfen. Die wenigen Erinnerungen an ihre Eltern, besonders an ihren Vater sind durchaus liebevoll. Vier Jahre nach seiner Haftentlassung meldet er sich bei Cassie und beteuert weiter seine Unschuld. Mit dem einstigen Bild des starken Mannes hat der gebrochene alte Mann vor ihr keine Ähnlichkeit und Cassie beginnt zu zweifeln. Sie bittet DS Phyllida Flyte, mit der sie bereits bei einem Mordfall zusammen gearbeitet hat, um Unterstützung. Die Polizistin hat Zugang zu der alten Polizeiakte und mit deren Hilfe versucht Cassie die wahre Geschichte ihrer Eltern herauszufinden und den Mord an ihrer Mutter aufzuklären. Zusammen mit DS Phyllida Flyte stellt sie Recherchen zu ihrer tragischen Vergangenheit an und betrachtet die damaligen polizeilichen Untersuchungen mit immer mehr Skepsis.
Dabei taucht der Thriller immer wieder in die 80er Jahre ein und gibt die Atmosphäre und Stimmung der Musikszene mit ihren Rockbands überzeugend und unterhaltsam wieder.

In der Leichenhalle

Bei der Arbeit in der Leichenhalle hat die 25-Jährige es mit dem Strangulationstod eines Jugendlichen zu tun. Cassie kann nicht Recht daran glauben, dass der 15-Jährige Suizid begangen haben soll, doch aufgrund ihrer eigenen persönlichen Probleme scheint sie zumindest anfangs die Fähigkeit eingebüßt zu haben, Zwiesprache mit den Verstorbenen zu halten.

Cassie hoffte inständig, dass Mrs Appleton ihren Sohn gerade mit fünf oder sechs Jahren vor sich sah, lachend auf einem Fahrrad – alles, nur nicht jenes Bild des fünfzehnjährigen Bradley, das ihr für immer bleiben würde: auf seinem Bett liegend, das Kabel seines Laptops fest um den Hals gezurrt, das halb von der Wandleuchte über seinem Kopf herabhing. (Auszug Seite 7)

Insgesamt ist auch der zweite Teil ein kurzweiliger Thriller mit einer stimmigen Geschichte und einer unkonventionellen Protagonistin. Wobei Thriller? Dafür fehlt es vielleicht an durchgehendem Thrill. Anstatt atemberaubendem Nervenkitzel haben wir es eher mit einem geringen Spannungsbogen zu tun. Trotzdem will man immer wissen, wie es weitergeht und wird mit einigen ungewöhnlichen Twists entlohnt. Dazu die leicht mystischen Elemente, wenn Cassie mit ihren „Gästen“ spricht. Die Stärke des Romans sind auf jeden Fall der eingängige Schreibstil und die gut gezeichneten Charaktere.

Zwei Protagonistinnen wie Feuer und Wasser

Die beiden Protagonistinnen könnten unterschiedlicher nicht sein, hier die überkorrekte, fast zwanghafte Polizistin, dort die nach außen toughe aber trotzdem äußerst sensible Sektionsassistentin im krassen Goth-Look, die im Gegensatz zu manchen Kollegen immer respektvoll mit den Leichen, ihren „Gästen“ umgeht. Emotional wird es immer, wenn Cassie auf die traumatisierten Hinterbliebenen trifft, aus Achtung Piercings abnimmt, Undercut und Tattoos versteckt und das als den schwersten Teil ihres Jobs empfindet. Bei den Ermittlungen ergänzen die beiden sich und das Zusammenspiel sorgt für einen großen Lesefluss. Abwechselnd werden die Kapitel aus Sicht von Cassie Raven und Phyllida Flyte erzählt, wobei Cassie einen größeren Anteil hat. Sie ist ja auch wieder, wie im ersten Teil, als plötzlich ihre ehemalige Lehrerin als Leiche vor ihr lag, persönlich involviert. Der Love Interest der beiden wird nur angedeutet und ist auf jeden Fall noch ausbaufähig. Zumindest nennt man sich jetzt beim Vornamen.

Positiv anzumerken ist auch die Liebe zum Detail bei den Beschreibungen von Cassies Arbeit in der Pathologie. Die Fülle anschaulicher Erläuterungen der Forensik und anatomischer Details zeugt von umfassender Recherche der Autorin, werden aber interessant eingearbeitet, ohne zu langweilen.

Das Buch wurde mir von der Verlagsgruppe Droemer Knaur ungefragt zugesandt, worüber ich mich sehr gefreut habe. Überrascht war ich, dass es, im Gegensatz zum Auftaktband nicht als Hardcover erschienen ist. Allerdings ist auch das Paperback wieder wunderschön mit floralen Elementen und Hervorhebungen gestaltet und sticht mit den blau-roten Farbakzenten aus dem üblichen Cover-Einerlei bei Thrillern hervor. Eine gelungene Fortsetzung, die man problemlos ohne Vorkenntnisse des ersten Teils lesen kann.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Wer mit den Toten spricht | Erschienen am 01.09.2022 bei Droemer
ISBN 978-3-426-28249-6
384 Seiten | 15,99 Euro
Originaltitel: Life Sentence | Übersetzung aus dem Englischen von Marie-Luise Bezzenberger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Besprechung zu Band 1 der Reihe

Jahreshighlights 2022

Jahreshighlights 2022

Andys Top 3 in 2022

 

Ich liebe es, am Ende des Jahres einen Blick zurückzuwerfen und zu schauen, was habe ich gelesen, was hat mir gefallen, was nicht so. Obwohl es genauso viele Besprechungen wie vergangenes Jahr waren, hätten es noch mehr sein können, hätten mir Netflix und Amazon Prime nicht dazwischen gegrätscht. Aber die sieben Staffeln Bosch wollten halt auch gesehen werden. Viele gute Bücher, einige Abbrüche und drei Mal die Höchstwertung, Bücher, die mir auch nach der Lektüre lange im Gedächtnis bleiben werden. Und hier sind meine Top 3 des Jahres 2022 (Link in der Überschrift führt zur ausführlichen Rezension):

Elizabeth Wetmore | Wir sind dieser Staub

Elizabeth Wetmores Debüt führt uns ins ländliche Texas der 70er Jahre, ein raues Setting, in dem Männer auf Ölfeldern arbeiten und Frauen zusehen müssen, wie sie ohne jede Perspektive auf Veränderung klarkommen. Es geht brutal und sexistisch zu. Als eine minderjährige Mexikanerin in einem kleinen Kaff brutal vergewaltigt wird, kann sie sich am anderen Morgen schwer misshandelt und mehr tot als lebendig durch die unwirtliche Wüste zu einer Ranch flüchten. Die hochschwangere Besitzerin hilft ihr, wird danach von allen schikaniert und zieht traumatisiert in die Stadt. Fernab von allen Genreschubladen erkundet Wetmore eine trostlose Landschaft, die vom Ölboom bestimmt wird, empathisch erkundigt sie die Menschen, erzählt aus der Perspektive verschiedener Frauen und ihrem hilflosen Ausgeliefertsein, aber auch vom erstmaligen Aufbegehren gegen den Sexismus und Rassismus. Der poetische aber auch drastische Sprachstil hat mich mitgerissen und ich kann diesen großartigen, eindrücklichen Roman unbedingt empfehlen.

Don Winslow | City on Fire

Der erste Teil einer geplanten Trilogie ist eine nostalgische Reise in die 80er. Es geht um einen Bandenkrieg zwischen der italienischen Mafia und dem irischen Mob in Winslows Heimatstadt Providence. Wegen einer schönen Frau bekommt die fragile Koexistenz der beiden Familienclans Risse und löst eine Lawine der Gewalt aus. Der kluge, umsichtige Danny Ryan, Hauptfigur in Winslows neuem Thriller, der schon lange davon träumt, das Business zu verlassen, muss widerwillig das Zepter übernehmen. Wie Danny vom Handlanger zum Anführer aufsteigt, ist tempo- und wendungsreich mit großer visueller Sogkraft erzählt. Eine gut konstruierte, ganz klassische Geschichte, in der Macht, Loyalität, Familie, Freundschaft und Verrat eine große Rolle spielen. Inspiration holte Winslow sich bei den großen Klassikern, denn City on Fire ist auch Epos und Drama. Ein Thriller, wie er sein muss, ein Pageturner im besten Sinne, extremspannend, emotional mit ambivalenten Helden. Dieses Jahr konnte ich den charismatischen Ausnahmeschriftsteller auch bei einer Lesung kennen lernen. Deshalb hoffe ich, dass die Trilogie nicht wie geplant, das Ende seiner Karriere einläutet.

Rumaan Alam | Inmitten der Nacht

Eine ganz typische New Yorker Familie des weißen Mittelstandes hat ein luxuriöses, allerdings ziemlich abgelegenes Ferienhaus auf Long Island gemietet, um mit den beiden pubertierenden Kindern eine unbeschwerte Woche zu verbringen. Die Idylle wird schon in der ersten Nacht gestört, als ein älteres, schwarzes Ehepaar um Einlass bittet. Sie stellen sich als die Besitzer des Domizils vor und erzählen von einem großflächigen Blackout in New York. Aus dieser Ausgangssituation entwickelt sich ein immer bedrohlicher werdendes Szenario. Unaufhaltsam verdichten sich die Hinweise darauf, dass sich eine Katastrophe unbekannten Ausmaßes ereignet hat. Die anspruchsvolle Lektüre hat mich von der ersten Seite mitgenommen und nicht mehr losgelassen. Das lag zum einen an der Sprachgewalt des Autors, der genüsslich jedoch mit feinem Humor seine Figuren seziert und ihre Charaktere und teilweise irrationalen Verhaltensweisen ambivalent aber durchaus menschlich zeichnet. Zum anderen wird durch die dystopischen Andeutungen eine permanent unterschwellige Spannung generiert. Für mich eine verstörende Lesereise, die mich gefesselt hat und sich schwer einem bestimmten Genre zuordnen lässt. Ein Psycho- und Katastrophenthriller, Kammerspiel und Sozialsatire, in dem der Autor wie nebenbei soziale Themen wie Klimawandel, Alltagsrassismus und Konsumgesellschaft einbindet.

 

Gunnars Top 3 in 2022

 

82 Bücher mit knapp 30.000 Seiten habe ich in 2022 gelesen, sagt zumindest meine Goodreads-Statistik. Die große Mehrzahl waren natürlich Krimis, dabei habe ich viele ordentliche und gute Krimis gelesen, mit Höchstnoten war ich aber sparsam. Bei den älteren Krimis war mein absolutes Highlight „Wahrheit“ von Peter Temple. Bei den aktuellen Titeln hätte ich zusätzlich ebenfalls wie Andy auf Don Winslows „City on Fire“ verwiesen, sehr stark finde auch meine aktuelle Lektüre: Attica Locke mit „Pleasantville“. Aber letztlich habe ich mich für diese drei Titel entscheiden:

Oliver Bottini | Einmal noch sterben

„Curveball“ war der legendäre Informant des BND, der den USA den Vorwand für den Irakkrieg lieferte. Wie sich später herausstellte, waren die Information falsch. Was aber, wenn dem BND (und den Amerikanern) das durchaus bewusst war? Oliver Bottini ist der Meister des deutschen Politthrillers und liefert hier ein realistisches Szenario unter der Prämisse, dass Curveball bewusst als falsche Quelle aufgebaut wurde und das Ganze von einer geheimen Gruppe, einem Staat im Staate, gedeckt und zur Not auch gegen offizielle Ermittler der deutschen Sicherheitsbehörden verteidigt wird. Ein faszinierender und zugleich beklemmender Plot, gepaart mit Bottinis üblichem literarischem Anspruch.

Garry Disher | Stunde der Flut

Was wäre ein Rückblick auf meine Jahreshighlights ohne Garry Disher? Ich durfte den sympathischen, bodenständigen Australier im Herbst beim Krimifestival „Mord am Hellweg“ auch live erleben. Als Krimiautor spielt er weltweit in der absolut obersten Liga mit und das mit einer eindrucksvollen Konstanz. „Stunde der Flut“ ist diesmal ein Stand-Alone mit dem suspendierten Polizistin Charlie Deravin, der immer noch dem Verschwinden seiner Mutter von vor zwanzig Jahren nachspürt. Eine sehr komplizierte Familiensituation, denn Hauptverdächtiger ist nach wie vor sein eigener Vater, was Charlie allerdings nicht glaubt. Der Plot hat noch weitere Stränge, es geht um toxische Männlichkeit damals wie heute und wie immer bringt Disher alles gewohnt routiniert auf den Punkt zusammen. Ich hatte es schon in der ausführlichen Besprechung erwähnt: Garry Disher bleibt Goldstandard der Kriminalliteratur.

Ann-Helén Laestadius | Das Leuchten der Rentiere

Ein Roman, der für mein Empfinden noch mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt hätte. Den deutschen Titel hat der Verlag möglicherweise mit einem Hintergedanken auf „Der Gesang der Flusskrebse“ gewählt. Dieser Titel war für mich echt enttäuschend, aber bei den Rentieren war ich wirklich begeistert. Im Zentrum steht die Sámi Elsa, ihre Familie betreibt die traditionelle Rentierwirtschaft. Als Neunjährige beobachtet sie einen Wilderer, der sie bedroht, sodass sie über den Vorfall schweigt. Zehn Jahre später als junge Erwachsene findet Elsa endlich den Mut, ihr Schweigen zu durchbrechen, und bringt sich damit in starke Gefahr. Der Roman handelt von Fragen der Identität, von Zukunftsängsten der Samen, von der Ignoranz und dem Rassismus der schwedischen Mehrheitsgesellschaft, aber auch von den internen Problemen der samischen Gemeinschaft. Er verbindet sehr eindrucksvoll verschiedene Elemente wie Familiendrama, Gesellschaftsroman und Krimi. Ein echtes Jahreshighlight.

 

Weiterlesen I: Die Gewinner des Deutschen Krimipreises 2022

Weiterlesen II: Die Jahres-Top Ten 2022 der Jury der Krimibestenliste

Greg Buchanan | Sechzehn Pferde

Greg Buchanan | Sechzehn Pferde

Sechzehn Pferde, hatte Alec berichtet. Und die Schweife – alle abgetrennt. Sie liegen auf einem Haufen. Die Art, wie die Schweife, nun regennass, ineinander verstrickt waren. Die Art, wie die Augen immer noch vom Boden aufsahen. Und ihre Anordnung … diese groben Kreise … Er hatte nicht den Eindruck, dass dies der Ort eines Verbrechens war. Es wirkte eher wie der Ausdruck eines Wunsches. (Auszug Seite 35)

In dem englischen Küstenstädtchen Ilmarch werden 16 Tierkadaver gefunden. Die Pferde wurden nachts auf einer Farm unbemerkt abgeschlachtet und ihre abgetrennten Köpfe in eigenartiger Weise arrangiert. Dem ermittelnden Polizisten Alec Nichols bietet sich ein bizarrer Anblick: Nur die Köpfe der grausam getöteten Pferde wurden kreisförmig in den Ackerboden eingegraben, während ein Auge in den Himmel blickt. Von den Körpern der Tierleichen keine Spur, lediglich die Schweife werden in der Nähe gefunden. Die schockierte örtliche Polizeidienststelle ist überfordert und die Veterinärforensikerin Dr. Cooper Allen wird hinzugezogen. Durch ihre Erfahrung als ehemalige Tierärztin versucht sie zusammen mit Detective Sergeant Nichols die Botschaft zu entschlüsseln, versucht rauszufinden, was mit den Pferden geschehen sein könnte.

Dr. Cooper Allen, eine verschlossen und unterkühlt wirkende Person, geht bei den Befragungen behutsam und zurückhaltend vor. Trotzdem halten sich die Bauern bedeckt, wollen nichts gesehen oder gehört haben. Auch DS Nichols wirkt oft abwesend und in sich gekehrt. Er kämpft nach dem Tod seiner Frau als alleinerziehender Vater eines Sohnes gegen Depressionen und wirkt teilweise überfordert.

Der düstere Kriminalroman ist in einem ehemaligen Urlaubsort an der Ostküste Englands angesiedelt, der mittlerweile durch Globalisierung und Rezession wirtschaftlich abgehängt wurde. Die Hotels werden inzwischen entweder als Sozialwohnungen genutzt oder Obdachlosen überlassen. Die jungen Leute wandern ab, denn es gibt keine Arbeit mehr, Betriebe und Geschäfte schließen, Straßen und Gebäude verfallen. Ilmarch ist am Ende, das wirklich Bedrückende ist aber, dass die verbliebenen Menschen einfach weiter machen, in unheimlicher Stille dahin vegetieren und in Verbitterung und Hass versinken.

Der Klappentext hatte mich enorm angefixt und der Ansatz, eine Ermittlung von Tierleichen aus aufzuziehen, neugierig gemacht. Ohne Vorwarnung wird man sofort in die Geschichte hineingezogen, und es geht gleich spannend los. Durch die kurzen Kapitel und die damit einhergehenden Sprünge muss man allerdings dranbleiben und aufpassen, nicht den Faden zu verlieren. Aufgrund der Kadaver in der Erde entwickelt sich ein hochansteckender Krankheitserreger. Als der Ort unter Quarantäne gestellt wird, damit sich die Infektion nicht weiter ausbreitet, überschlagen sich die Ereignisse. Es kommt zu weiteren Todesfällen und Nichols Sohn Simon verschwindet urplötzlich.

Und hier wird die ohnehin schon krude Handlung richtig verworren. Den Erzählstil empfand ich sehr anstrengend und nicht leicht konsumierbar. Ständig wird irgendwohin gesprungen, auch auf der Zeitebene, hier eine Traumsequenz, dort ein Gespräch. Es ist schwierig, der Story zu folgen, man verliert den Überblick, dazu die schrägen Figuren, die teilweise sehr übertrieben agieren und sich in ihrem Weltschmerz verlieren. Es gibt auch keine zielgerichtete Ermittlung, die zu einer schlüssigen Lösung führt. Die beiden Protagonisten Nichols und Allen werden wie zwei verlorene Seelen, die einen bizarren Fall aufklären wollen, mehr durch das Geschehen getrieben als es zu bestimmen. Obwohl man ihre innere Zerrissenheit und Verzweiflung jederzeit spürt, baute ich keine Bindung zu ihnen auf. Dazu ist die Geschichte voller Gewalt, besonders gegen Tiere und die detaillierten Beschreibungen von Tierquälereien muss man aushalten. Trotzdem ist es bis zum Schluss fesselnd und ich wollte wissen, wie es zu Ende geht. Leider war die Auflösung dann für mich eher unbefriedigend.

Greg Buchanan, ein Drehbuchautor für Videospiele hat mit seinem Debütroman einen Krimi von hoher literarischer Qualität über den Untergang eines fiktiven, entlegenen Kaffs an der Ostküste Englands vorgelegt, für die er eindringliche Bilder findet. Ein Roman, der grade wegen seiner Gewalt gegen Tiere nichts für schwache Nerven ist und eine bedrohliche und verstörende Atmosphäre kreiert. Einen roten Handlungsfaden sucht man vergebens, der Autor ist nicht vordergründig an dem Krimiplot interessiert, setzt mehr auf Melodramatik und Schwermut. „Sechzehn Pferde“ ist ein Roman mit Tiefgang über den Niedergang eines englischen Dorfes, der Einblicke in die Abgründe menschlicher Seelen bietet.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Sechzehn Pferde | Erschienen am 23. Februar 2022 im S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-103-97488-1
448 Seiten | 22,00 Euro
Originaltitel: Sixteen Horses | Übersetzung aus dem Englischen von Henning Ahrens
Bibliografische Angaben & Leseprobe

William McIlvanney & Ian Rankin | Das Dunkle bleibt

William McIlvanney & Ian Rankin | Das Dunkle bleibt

In Städten wimmelt es von Verbrechen. In allen. Das ist einfach so. Kommen genügend böse Menschen an einen Ort zusammen, macht sich das Böse in irgendeiner Form bemerkbar. Liegt in der Natur der Sache. Und ist den Bürgern meist nur unterschwellig bewusst. (Auszug Anfang)

Anfang der Siebziger in Glasgow. Seit drei Tagen liegt Bobby Carter erstochen in einer Gasse hinter einem Pub. Der korrupte Anwalt war die rechte Hand von Cam Colvin, einer Glasgower Unterweltgröße, die einen Großteil der Arbeiterstadt managt. Sein Konkurrent ist John Rhodes, ein weiterer gefürchteter Gangsterboss und dass der Leichnam in seinem Revier liegt, gerät schnell zu einem Problem. Colvin, ein raubeiniger, ruppiger Schläger betrachtet den Mord als Anschlag seines größten Rivalen auf sein Herrschaftsgebiet. Ein dritter Gangsterboss, Matt Mason mischt auch noch mit, so dass das Glasgow Crime Squad einen erbitterten Bandenkrieg befürchtet. Detective Constable Jack Laidlaw wird mit den Ermittlungen betraut. Der schlaue Einzelgänger im Polizeidienst ist für sein besonderes Gespür für die Straße bekannt, wird aber auch trotz großer kriminalistischer Erfolge aufgrund seiner unangepassten Art gefürchtet. Der Enddreißiger ist ein unkonventioneller Charakter, der aus seiner Verachtung für Intimfeind DI Ernie Milligan, der seiner Meinung nach die falschen Fährten verfolgt, keinen Hehl macht. Sein neuer Partner DS Bob Lilley bekommt dies direkt zu spüren.

„Er ist ein Unikat in einer Welt der Massenproduktion. Kein Polizist, der zufällig auch Mensch ist. Er ist ein Mensch, der zufällig auch Polizist ist, und die Bürde schleppt er überall mit sich herum.“ Auszug Seite 279

Laidlaw nutzt seine Verbindungen zur Glasgower Unterwelt, dessen Machtverhältnisse und Geschäfte ihm vertraut sind, um den ausgesprochen verwickelten Fall zu lösen. Als Ermittler alter Schule löst man seiner Meinung nach Kriminalfälle nicht am Schreibtisch, sondern auf der Straße. Trotz der relativen Kürze der Geschichte tauchen viele Figuren auf, die einen beim Lesen fordern und schnell den Überblick verlieren lassen. Die Ermittlungen halten einige Überraschungen bereit, bis Laidlaw schlussendlich durch seine unorthodoxe Arbeitsweise eine völlig unerwartete, aber schlüssige Lösung für Bobby Carters Ermordung gefunden hat.
Zeitlich spielt die Handlung innerhalb weniger Tage, bietet solide Spannung à la Whodunit aber noch mehr stimmige Milieustudien und eine fesselnde Zeitreise. Es sind die 70er Jahre, Hochzeit des Glasgower Gangstermilieus mit mafiösen Strukturen. Frauen werden bei der Polizei höchstens als Hilfskräfte sprich Tippsen eingesetzt. Das düstere Grundszenario wird durch kurze Kapitel, viele knackige Dialoge mit Sprachwitz zu den Lesenden transportiert.

Laidlaw ist eine sehr widersprüchliche Figur. Aus einer Arbeiterfamilie stammend, beschäftigt er sich gerne mit den großen Philosophen, dessen Bücher in seinem Schreibtisch liegen und die er gerne zitiert. Er liebt es Bus zu fahren, um Menschen und Umgebung zu studieren. Den Tätern gegenüber häufig verständnisvoll und mitfühlend aber ohne große Illusionen, werden seine Ehefrau Ena und die drei kleinen Kinder dagegen sträflich vernachlässigt. Anstatt nach Hause zu seiner Familie zu gehen, trifft er sich nach Dienstschluss lieber mit seinem neuen Partner auf ein Guinness im Pub und sinniert über Recht und Gerechtigkeit. Wenn er über den Verfall der Stadt spricht, blitzt auch immer eine leise Sozialkritik durch. Sobald er an einem großen Fall arbeitet, übernachtet er oft im Burleigh Hotel in der Innenstadt, um mit dem Kopf bei der Sache zu bleiben. Und bei seiner Geliebten, der Empfangsdame Jen vom Burleigh. Die Ehe scheint zerrüttet, aber Ena versucht zumindest verzweifelt, noch irgendwas zu retten und eine Verbindung zum neuen Kollegen Lilley und dessen Ehefrau aufzubauen.

William McIlvanney wurde mit seiner Laidlaw-Trilogie über die schottischen Grenzen hinweg bekannt. Er hat mit der Figur des Jack Laidlaw 1977 den modernen schottischen Kriminalroman begründet und Laidlaw wurde als erster Roman dem schottischen Noir oder besser dem Tartan Noir zugerechnet. Die allgemeine Hochachtung seiner Werke gründet dabei auf der literarischen Sprache und dass immer große moralische und soziale Fragen angegangen sowie ein realistisches Bild einer von sozialen Umbrüchen gekennzeichneten Großstadt der 70er gezeigt wurde. „Das Dunkle bleibt“ ist ein Manuskript aus dem Nachlass des 2015 Verstorbenen, welches von Ian Rankin vollendet wurde. Der schottische Starautor, ein großer Bewunderer seines Landmanns und Autorenkollegen bekennt, ohne das Vorbild Laidlaw hätte es seinen Inspektor Rebus nie gegeben. So entstand ein Prequel, dem man nicht anmerkt, dass hier zwei unterschiedliche Autoren-Ikonen am Werk waren.

Ich kannte die Kult-Trilogie nicht, habe aber im Anschluss den ersten Band gelesen und auch wenn mir „Das Dunkle bleibt“ gut gefallen hat, war „Laidlaw“ sprachlich noch mehr auf den Punkt, strukturierter und die Gangsterbosse und die Figur des Inspektors Jack Laidlaw noch griffiger.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Das Dunkle bleibt | Erschienen am 24. August 2022 im Antje Kunstmann Verlag
ISBN 978-3-956-14508-7
288 Seiten | 25,00 Euro
Originaltitel: The Dark Remains | Übersetzung aus dem Englischen von Conny Lösch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu „Laidlaw

Val McDermid | 1979 – Jägerin und Gejagte (Band 1)

Val McDermid | 1979 – Jägerin und Gejagte (Band 1)

Die junge Reporterin Allie Burns fängt 1979 frisch bei einer Glasgower Zeitung an. Sie ist ehrgeizig und voller Ambitionen, aber Ende der 70er Jahre haben es Frauen in der männerdominierten Journalistenszene noch schwer. Bei dem fiktiven Boulevardblatt Clarion regiert der „Boys Club“ und die wenigen weiblichen Angestellten sind für die eher leichten Frauenthemen, Familiendramen oder das undankbare Witwenschütteln zuständig.

„Die Kleine hat recht. Wenn wir es auf diese Weise angehen, wird jede Frau in Dundee Gänsehaut bekommen. Ich mag das. Seht ihr, ich hab’s euch doch gesagt, Jungs. Die weibliche Perspektive mit einzubeziehen hat seine Vorteile.“ (Auszug Pos. 1211)

Allie findet in ihrem jungen Kollegen Danny Sullivan einen Verbündeten. Dieser recherchiert in einem brisanten Fall von Steuerbetrug und Geldwäsche im großen Stil, in deren Machenschaften ausgerechnet sein eigener Bruder verwickelt zu sein scheint. Er bittet Allie um Unterstützung und sie hilft ihm nicht nur mit ihren brillanten Formulierungskünsten. Auf einer Scottish National Party kommt Allie dann zufällig einer potenziellen Separatistengruppe auf die Spur, die mit logistischer Hilfe der IRA Anschläge planen, um die Unabhängigkeit Schottlands von Großbritannien voranzutreiben. Als Danny sich als angeblicher Finanzier in die Gruppe einschleust, geraten die beiden aufstrebenden Journalisten in Lebensgefahr.

Allie und Danny bilden ein gutes investigatives Team und betreiben ihre Recherchen typisch für die damalige analoge Welt noch mit Telefonbüchern und Straßenkarten. Mit großem Engagement wollen sie politische und gesellschaftliche Missstände aufdecken und nach den ersten Erfolgen fühlen sie sich schon auf den Spuren der „Watergate«-Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward.

Nostalgische Zeitreise in die 1970er Jahre
1979 ist der erste Band einer 5-teiligen Reihe über die Journalistin Allie Burns, die über 5 Jahrzehnte geplant ist und die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen Schottlands aufzeigt. Da die schottische Autorin selbst in dieser Zeit einige Jahre als Reporterin bei einer Lokalzeitung in Glasgow tätig war, kann sie wunderbar ihre persönlichen Erfahrungen aus der Welt der Medien einbringen. Auch wenn tatsächlich noch ein Mord passiert, steht in dem historischen Kriminalroman die journalistische Arbeit im Vordergrund und hat im Krimiteil schon seine Schwächen. So hatte ich noch mit einem Plottwist zum Ende gerechnet, der dann ausblieb. Der Erzählstil ist betont langsam, die Geschichte plätschert auch so vor sich hin, aber es ist dem Können der Bestseller-Autorin zu verdanken, dass ich es sehr genossen habe. 1979 ist vielmehr eine Zeitreise in ein Schottland, das neben wochenlangen Minusgraden, Schneestürmen sowie Stromausfällen auch mit immensen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat. Die gesellschaftspolitischen Ereignisse dieser Zeit werden gekonnt wiedergegeben. Dabei wird Glasgow als eine Stadt der Gegensätze skizziert, in der extreme Armut neben unverhältnismäßigen Reichtum und Schönes neben Hässlichem existiert.

Speckbrötchen und klappernde Schreibmaschinen
Das erzählt Val McDermid sehr kleinteilig mit viel Nostalgie, wenn es um die tägliche Arbeit in den verrauchten Büros der Redaktion mit klappernden Schreibmaschinen und vielen fetttriefenden Speckbrötchen geht. Aber auch Homophobie, Frauenfeindlichkeit und andere Formen von Sexismus werden lebensnah beschrieben. 1979 steht Homosexualität in Schottland noch unter Strafe. Das erschwert die Lebensumstände des nicht offen schwul lebenden Danny erheblich und er steht auch privat unter permanentem Druck. Retro-Flair entsteht auch durch die Musik, die aus den Radios plärrt (es gibt eine Playlist am Ende des Buches) und Literatur, denn Val McDermid streut immer wieder Referenzen an Glasgows Literaten ein, zum Beispiel William McIlvanney, dessen legendärer Roman „Laidlaw“ 1977 den modernen schottischen Krimi begründete.

Der fesselnde Roman war für mich eine Wohltat in unserer schnelllebigen Zeit, in der sich alles verändert und vieles beängstigend oder zumindest unübersichtlich erscheint und man sich gerne der bereits abgeschlossenen Vergangenheit zuwendet. Die Geschichte, von McDermid souverän mit trockenem Humor erzählt, hat mich glänzend unterhalten und ich bin sehr neugierig auf nachfolgende Titel der Reihe, um zu sehen, wie Allie Burns sich weiterentwickelt, ihren eigenen Stil findet und sich in der männerdominierten Journalistenszene durchsetzt.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

1979 – Jägerin und Gejagte | Erschienen am 01.06.2022 bei Knaur
ISBN 978-3-426-52882-2
432 Seiten | 12,99 €
Als E-Book: ISBN B09KX9TTMT | 9,99 €
Originaltitel: 1979 | Übersetzung aus dem Englischen von Dr. Kirsten Reimers
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezension zu Val McDermids Roman „Das Grab im Moor