Kategorie: Aktenzeichen

Jørn Lier Horst | Wisting und der Tag der Vermissten Bd. 1 (13)

Jørn Lier Horst | Wisting und der Tag der Vermissten Bd. 1 (13)

Neben Spezialisten von der Polizei hatten unter anderem Kryptologen vom Militär die mysteriöse Mitteilung untersucht, ohne dass irgendjemand einer Lösung näher gekommen war. Der Code war sogar Experten im Ausland vorgelegt worden, doch auch sie konnten nichts anderes als eine sinnlose Zahlenkombination darin erkennen. (Auszug Seite 7)

Im Mittelpunkt dieses norwegischen Krimis steht Kommissar William Wisting, ein besonnener Mittfünfziger, der sich mit einer stoischen Beharrlichkeit in Akten verbeißen kann. Schon ein Leben lang verfolgt ihn ein Fall, der ihm keine Ruhe lässt. Vor 24 Jahren verschwand eine junge Frau namens Katharina Haugen unter mysteriösen Umständen. Sie hinterließ einen gepackten Koffer, ein paar vertrocknete Rosen und einen Zettel auf dem Küchentisch mit merkwürdigen Zeichen und Zahlen.

Der Katharina-Code

Jedes Jahr am Tag ihres Verschwindens nimmt der Kommissar sich die alten Fallakten vor und sichtet noch mal alle Hinweise um etwas zu entdecken, dass er möglicherweise übersehen hat. Er studiert wieder und wieder sämtliche Zeugenaussagen, Fotos und besonders rätselt er über die mysteriöse Skizze, an der sich schon mehrere Experten erfolglos die Zähne ausgebissen haben und die inzwischen als Katharina-Code bezeichnet wird (so auch der norwegische Original-Titel). Jedes Jahr besucht er sogar Katharinas Ehemann Martin Haugen und über die Jahre hat sich, wenn auch keine Freundschaft, aber so etwas wie eine Bekanntschaft entwickelt, mit der man schon mal zusammen zum Angeln geht.

Dieses Jahr kommt überraschend Bewegung in den Fall. Das erste Mal in all den Jahren trifft der Kommissar an diesem besonderen Tag Martin Haugen nicht zu Hause an und der Ehemann bleibt auch die nächsten Tage unauffindbar. Zeitgleich bringt Adrian Stiller, ein junger Ermittler einer neu gegründeten EU-Gruppe für Cold-Cases aus Oslo neuen Schwung in die Angelegenheit. Dieser hat Haugen in einem ebenfalls lange zurückliegenden Entführungsfall im Visier, denn mit den verbesserten technischen Möglichkeiten der heutigen Zeit hat man Haugens Fingerabdrücke festgestellt.

True Crime Podcast

Stiller hat seine ganz eigene Art zu ermitteln. Er überredet Wisting bei einer verdeckten Ermittlung den Köder zu spielen, um Haugen zu verunsichern und aus der Reserve zu locken. Außerdem arbeitet er noch mit den Medien zusammen, um den Druck auf den potenziellen Täter zu erhöhen. Ohne Wistings Wissen wählt er auch ganz gezielt dessen Tochter Line aus, eine freiberufliche Journalistin, und bittet sie, eine Artikelserie per Podcast über den alten Entführungsfall zu erstellen. Zeitgleich wird auch in einer Fernsehsendung, vergleichbar mit unserem „Aktenzeichen XY“, über die Wiederaufnahme des Kriminalfalls berichtet.

Ich habe mich noch nie mit True-Crime-Podcasts beschäftigt, aber hier wird sehr ausführlich erzählt, wie Line und ein Kollege damalige Zeugen und Angehörige befragen, wie alles aufgenommen und zusammengeschnitten wird. Durch den journalistischen Aspekt kommt noch mal eine ganz andere Perspektive dazu, die ich sehr interessant fand.

Der sich gemächlich entwickelnde Kriminalroman kommt auf ganz leisen Sohlen daher. Relativ unspektakulär und ohne große Effekthascherei verzichtet er auf große Brutalität und Blutvergießen. Stattdessen überzeugt er mit einem intelligenten Schreibstil und lebensechten Figuren. Wenn sich die beiden Männer Wisting und Haugen misstrauisch umkreisen, mutet das wie ein Kammerspiel an, bei dem sich die subtile Spannung immer mehr in die Höhe schraubt. Einen besonderen Reiz machen die gegensätzlichen Figuren und ihre unterschiedlichen Herangehensweisen aus: Auf der einen Seite der engagierte Kommissar William Wisting, ein umgänglicher, sympathischer Witwer mit einer engen Beziehung zu seinen bereits erwachsenen Kindern. Auf der anderen Seite Adrian Stiller, ein ehrgeiziger, undurchsichtiger Ermittler, der mit ungewöhnlichen Methoden wie Manipulation und Provokation ans Ziel kommen will.

Fazit

Die Verknüpfung von zwei lange zurückliegenden Kriminalfällen hat mir richtig gut gefallen und schon ewig habe ich nicht mehr derart bei der Lösung mitgerätselt. Der Fokus liegt hier auf der detailliert sowie realistisch geschilderten Polizeiarbeit. Und da kann Jørn Lier Horst, der viele Jahre als Kriminalkommissar und Ermittler bei der norwegischen Polizei tätig war, auch auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen.

Dies ist bereits der 13. Teil mit Kommissar Wisting, einer in Norwegen sehr erfolgreichen Serie. Mit diesem Band beginnt ein neuer Abschnitt, bei dem sich alles um Cold Cases dreht. Und zumindest im nächsten Band, der im März 2020 in Deutschland erscheinen wird (Wisting und der fensterlose Raum), ist auch Adrian Stiller wieder mit von der Partie. Trotz einiger schon arg bedächtiger Stellen wäre auch ich wieder gerne mit dabei. Ich mochte diesen unaufgeregten Erzählstil und der Krimi hatte für mich etwas total Entschleunigendes.

Das Cover ist typisch für einen Krimi aus dem Hohen Norden. Über eine Eisfläche steht der Name der Hauptfigur WISTING exponiert im Vordergrund. Das sorgt bei einer Reihe für einen guten Wiedererkennungswert. Das Motiv hat aber mit der Kriminalgeschichte nichts zu tun. Auf dem norwegischen Original-Cover ist zumindest noch der mysteriöse Zettel mit dem Katharina-Code abgebildet.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Wisting und der Tag der Vermissten | Erschienen am 1. Oktober 2019 bei Piper
ISBN 978-3-492-06141-4
464 Seiten | 15.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Camilla Läckberg | Schneesturm und Mandelduft

Camilla Läckberg | Schneesturm und Mandelduft

Der Duft von Mandeln. Von etwas, das es hier nicht geben durfte. Er griff nach dem Glas, das Ruben geleert hatte, und steckte die Nase hinein. Ihm schlug ein deutlicher Geruch von Bittermandeln entgegen, das bestätigte seinen Verdacht.
„Er wurde ermordet.“ (Auszug Seite 20)

Martin Molin, Polizist in Tanum, ist ein Wochenende im Dezember bei der Familie seiner Freundin Lisette auf Valö eingeladen. Noch vor dem ersten Abendessen bekommt der Großvater plötzlich Krampfanfälle am Tisch und stirbt. Martin erkennt sofort, dass es sich um einen Mord handelt und beginnt die Ermittlungen. Diese werden allerdings durch einen Schneesturm, der sie Insel von der Zivilisation abschneidet, und eine defekte Telefonverbindung erschwert, denn so kann er keine Hilfe anfordern und ist auf sich allein gestellt. Am darauf folgenden Tag passiert dann ein weiterer Mord… Kann Martin den Täter unter den Familienmitgliedern ausfindig machen?

Eine unharmonische Familie

Schneesturm und Mandelduft von Camilla Läckberg ist ein sehr kurzer und leichter Kriminalroman. Bei Martin Molin handelt es sich um den Kollegen von Patrick Hedström aus den bekannten Fjällbacka-Krimis der Autorin. Martin bekommt an dem Wochenende einen Einblick in eine Familie, die mehr als zerrüttet ist und in der sich scheinbar keiner miteinander versteht. Die Ermittlungen, die Martin mit Befragungen der Familienmitgliedern beginnt, verlaufen mehr oder weniger im Nichts, er erfährt lediglich, dass sich keiner so richtig mit irgendwem versteht und trotzdem traut keiner jemandem aus der eigenen Familie einen Mord zu. Zudem befinden sich alle auf engstem Raum zusammen, aufgrund des Wetters kann keiner vor die Tür treten; das bessert die Stimmung auch nicht gerade.

Miträtsel-Spaß inbegriffen

Die Geschichte wird hauptsächlich aus Sicht von Martin geschildert, aber auch einzelne Familienmitglieder bekommen eine Stimme, dadurch ist der Leser wissenstechnisch im Vorteil. Der Spannungsbogen ist vorhanden, denn immer wieder werden Geheimnisse angedeutet und später auch gelüftet, und es bleibt wirklich bis zu den letzten Seiten offen, wer der Mörder ist. Mir hat es Spaß gemacht mitzurätseln, denn es hätten zwar theoretisch einige ein Motiv, aber ist man deshalb so kaltblütig? Das Ende ist dann nochmal wirklich überraschend.

Fazit: Ein leichter Krimi für einen gemütlichen Winterabend.

Camilla Läckberg, Jahrgang 1974, stammt aus Fjällbacka – der kleine Ort und seine Umgebung sind Schauplatz ihrer Kriminalromane. Weltweit hat Läckberg inzwischen über dreiundzwanzig Millionen Bücher verkauft, sie ist Schwedens erfolgreichste Autorin. Heute lebt Camilla Läckberg in einer großen Patchworkfamilie in Stockholm.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Schneesturm und Mandelduft | Erschienen am 11. Oktober 2013 bei List im Ullstein Verlag
ISBN 978-3548611761
160 Seiten | 7.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Romanen Die EngelmacherinDie SchneelöwinDie Eishexe und Golden Cage von Camilla Läckberg.

Abgehakt | Dezember 2019

Abgehakt | Dezember 2019

Unsere Kurzrezensionen zum 4. Quartalsende 2019

 

Romy Hausmann | Liebes Kind

Eine Frau wird nach einem Verkehrsunfall schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert, an ihrer Seite ihre vermeintliche Tochter Hannah. Die Frau benennt sich als Lena und sofort wird die Polizei auf einen alten Vermisstenfall aufmerksam: Vor vierzehn Jahren verschwand eine Münchner Studentin spurlos. Es stellt sich heraus, das die Verletzte nicht Lena ist, aber Hannah ist Lenas Tochter. Die Frauen wurden offenbar als Gefangene gehalten und die Verletzte konnte fliehen. In einer Hütte im Wald findet die Polizei dann auch die Leiche eines Mannes und ein weiteres Kind. Doch was genau ist geschehen?

Liebes Kind ist der Debütroman der TV-Redakteurin Romy Hausmann und war dank der Platzierung des Verlags als Spitzentitel des Frühjahrs auch ein Bestseller. Der Psychothriller lebt von seinen kurzen Kapitel- und Perspektivwechseln. Drei Perspektiven werden eingenommen: Von Jasmin (zunächst als Lena identifiziert), von Hannah und Matthias, Lenas Vater und demnach Hannahs Großvater. Dabei werden die Ereignisse durch Rückblenden bei den jeweiligen Personen teilweise erhellt, wenngleich dem Leser natürlich allzu Entscheidendes vorenthalten wird und die Erzähler nicht immer ganz zuverlässig sind bzw. sich deren eigene Wahrnehmung trübt.

Das ist alles stilistisch wirklich gut gemacht, aber der Plot reißt mich nicht zu Begeisterungsstürmen hin. Zu unrealistisch erscheint mir die Polizeiarbeit und die versteckten Hinweise lassen den weiteren Verlauf der Geschichte zumindest in Teilen erahnen. Irgendwie ist das mit mir und diesen Psychothrillern keine leichte Beziehung.

 

Liebes Kind | Erschienen am 28. Februar 2019 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-26229-3
432 Seiten | 15.90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Psychothriller
Wertung: 2.5 von 5.0

 

Thomas Hoeps & Jac. Toes | Die Cannabis-Connection

Staatssekretär Marcel Kamrath gilt als Mann mit Perspektive innerhalb der Bundesregierung. Eine aktuelle Gesetzesinitiative zur Legalisierung von Cannabis ist zu großen Teilen sein Verdienst, scheint er sie doch gegen massive Widerstände der konservativen Kräfte seiner Partei durchzubringen. Doch kurz vor den entscheidenden Abstimmungen taucht ein alter (totgeglaubter) Freund von Kamrath wieder auf: Der Niederländer Sander van den Haag. Beide verbindet eine intensive Freundschaft zu Studentenzeiten in Amsterdam zu Zeiten von Studentenprotesten und Hausbesetzungen Anfang der 1980er. Außerdem ein nicht ganz so legales Geschäft mit Cannabis. Und eine tote junge Frau. Sander macht Kamrath mit wachsendem Druck klar, dass er nichts von den Legalisierungsplänen der deutschen Regierung hält. Es beginnt ein gefährliches Duell, bei dem Kamrath mehr zu verlieren hat als nur seinen Gesetzesentwurf.

Das Autoren-Duo Hoeps und Toes arbeitet seit Jahren erfolgreich zusammen. Beide schreiben abwechselnd ihre Kapitel, wobei Thomas Hoeps seine auf Deutsch verfasst und die Kapitel seines niederländischen Kollegen Jac. Toes ins Deutsche übersetzt. Mit Die Cannabis-Connection haben sie einen clever konstruierten Thriller verfasst, der zum einen interessante und für mein Empfinden realistisch wirkende Einblicke ins Politikgeschäft und zum anderen einen spannenden Plot bietet. Abwechselnd zum aktuellen Geschehen flechten die Autoren immer wieder Kapitel ein, die auf die Vorgeschichte in Amsterdam 1982/83 zurückblicken. Das ist alles sehr solide geplottet, durchweg spannend und mit überwiegend glaubhaften Figuren. Nur der kleine Bruch ab dem zweiten Teil zu einer Ich-Erzählerin, einer niederländischen Ex-Geheimdienstlerin und nun Politikberaterin für heikle Angelegenheiten, hat mich etwas irritiert. Letztendlich hat mich dieser (Polit-)Thriller aber wirklich gut unterhalten.

Die Cannabis-Connection | erschienen am 15. Juli 2019 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-00551-8
352 Seiten | 19.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

 

Tom Callaghan | Erbarmungsloser Herbst

Inspektor Akyl Borubaew wird vom nicht ganz koscheren Fall einer Drogentoten abgezogen, mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert und vom Dienst suspendiert. Doch sein spezieller „Freund“, der Minister für Staatssicherheit Tynalijew, verlangt von Borubaew, einen Spezialauftrag anzunehmen. Doch als sie bei einem geheimen Treffen plötzlich beschossen werden, gerät die Situation außer Kontrolle. Borubaew flieht und schießt auf der Flucht Tynalijew nieder. Doch dieser überlebt und der vogelfreie Borubaew sucht Kontakt zum mächtigen Drogenboss Alijew.

Die vierbändige, nach Jahreszeiten aufgebaute Thriller-Serie um den kirgisischen Inspektor Akyl Borubaew hat nun mit Erbarmungsloser Herbst ihr Ende gefunden. Diese hartgesottene Krimi/Thriller-Reihe punktete vor allem durch die interessanten Figuren und die schonungslose Darstellung der Autokratie Kirgisistans bei gleichzeitiger eindrucksvoller Beschreibung von Land und Leuten. Nach einem aus meiner Sicht unnötigen Ausflug im dritten Band (Mörderischer Sommer) nach Dubai, kehrt der Autor nun wieder in Borubaews Heimat zurück, daneben gibt es einen Abstecher nach Bangkok.

Das Setting, Spannungsaufbau und auch das Thema Drogenhandel haben mich diesmal wieder überzeugt, auch wenn für mich nicht alle Wendungen plausibel waren. Callaghan schreibt wieder mit Borubaew als Ich-Erzähler in einem rauen, zynischen, fatalistischen Ton. Natürlich taucht auch Borubaews Geliebte, die Topagentin Saltanat wieder auf. Letztendlich findet diese Reihe dann ihren passenden Abschluss in einer Showdownszene in der kirgisischen Nationalgedenkstätte Ata-Bejit.

Erbarmungsloser Herbst | Erschienen am 7. Oktober 2019 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-00124-2
352 Seiten | 12.- Euro
als E-Book: 8.99 Euro (ISBN 978-3-455-00661-2)
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

 

Frederick Forsyth | Der Fuchs

Die amerikanische Regierung ist außer sich, hat es doch ein Hacker in den am schärfsten gesicherten Geheimcomputer der NSA geschafft – ohne Schaden anzurichten. Der Hacker wird als der 18-jährige, autistische Brite Luke enttarnt, die Amerikaner verlangen die Auslieferung. Die Briten jedoch überzeugen die Amis, dass dieser Junge mit seinen unglaublichen Fähigkeiten doch viel sinnvoller genutzt werden kann. Der ehemalige zweite Mann im MI6, Sir Adrian Weston, wird reaktiviert und sucht mögliche Ziele für Hackerangriffe. Als erstes gerät der Navigationscomputer des neuesten russischen Schlachtschiffes unter Kontrolle und sorgt für eine Havarie. Die Russen schäumen vor Wut und schwören Rache. Und sie werden nicht die einzigen bleiben, denn Sir Adrian hat schon das nächste Ziel für Luke ausgemacht.

Der mittlerweile 81-jährige Frederick Forsyth ist neben seinem Landsmann John le Carré unbestritten eine lebende Legende im Genre Polit- und Spionagethriller. Seine Thriller wie „Der Schakal“ oder „Die Akte ODESSA“ wurden millionenfach verkauft. In Sachen Spannung und brisante politische Themen bleibt sich Forsysth auch beim neuen Werk Der Fuchs treu. Das Ding ist ein rasanter Pageturner. Allerdings waren die kritischen Zwischentöne noch nie so die Sache des konservativen Forsyth. Und so stößt sich der etwas kritisch denkende Leser irgendwie schon bald daran, wie locker und lässig der MI6 mit seinem Cybergenie als Glücklos hier die größten Schurkenstaaten der Welt ausmanövriert. Auch der Plot ist nur bedingt überzeugend, vielmehr hat man das Gefühl, dass Forsyth eine Liste von fiesen Gegnern (Russland, Iran, Nordkorea) abarbeitet, die unbedingt noch in die Schranken gewiesen werden müssen. Das grundlegende Handwerk beherrscht er allerdings schon noch, was letztendlich doch etwas versöhnt.

 

Der Fuchs | Erschienen am 4. November 2019 im C. Bertelsmann Verlag
ISBN 978-3-570-10385-2
352 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Spionagethriller
Wertung: 3.0 von 5.0

 

Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

 

Weitere Krimis kurz besprochen findet ihr zu jedem Quartalsende auf unserem Blog, die bisher veröffentlichten Kurzrezensionen in der Rubrik Abgehakt.

Alfred Komarek | Polt muss weinen Bd. 1

Alfred Komarek | Polt muss weinen Bd. 1

Mit der Figur des Gendarmen Simon Polt aus der Feder von Alfred Komarek möchten wir euch eine weitere Kultfigur des österreichischen Kriminalromans vorstellen. Alfred Komarek, geboren 1945 in Bad Aussee, schrieb insgesamt fünf Kriminalromane um den gemütlichen und bedachten Inspektor. Polt muss weinen ist der erste Teil dieser Kultserie. Er erschien bereits 1998.

Simon Polt wird in das Wiener Weinviertel mit einem Toten konfrontiert, der mehr Feinde hatte, als er an zwei Händen abzählen könnte. In einem Preßhaus wird die Leiche des mehr als umstrittenen Albert Hahn gefunden, todesursächlich gilt eine Vergiftung mit Gärgas, welches durchaus in Preßhäusern zu bestimmten Zeiten auftreten kann, sozusagen ein normaler Prozess des Kelterns ist, für gewöhnlich aber herausgeleitet wird bzw. die Weinbauern wissen um die Gefahren und wie man sie umgeht.

Alfred Komarek führt mit diesem ersten Polt-Fall seine Figur ein und dafür nimmt er sich genügend Spielraum, es gelingt, dass man sich als Leser einfühlen kann in den genussfreudigen, genügsamen Inspektors. Er zeichnet das Bild eines Mannes, dem man sehr gerne folgt. Dabei pflegt er einen flüssigen Schreibstil, der mit regionalen Dialektikeinschüben und Spitzfindigkeiten gespickt ist, was den besonderen Humor der Reihe ausmacht.

Neben Simon Polt lernen wir auch die Figuren des Weinviertels kennen, Weinbauern, Wirte, Geistliche und wir erfahren durch die Befragungen von Preßhausbetreibern und anderen sehr viel über den verhassten Albert Hahn, dem jeder die Pest an den Hals bzw. direkt den Tod gewünscht hat. Daraus macht auch niemand einen Hehl und man spricht sowieso über nichts anderes im Ort. Die Motive sind unterschiedlicher Natur, aber alle eint die Erkenntnis, dass sein Abgang viel zu einfach war. Und für den Leser ist dies sehr unterhaltsam!

Alfred Komareks Polt-Romane sind pointierte Regionalkrimis, die ersten vier Teile wurden bereits erfolgreich verfilmt und als Hörbücher vom ORF vertont. Komarek machte sich auch als Kinderbuchautor einen Namen und wurde vielfach für seine gesellschaftlichen Beiträge geehrt. Für Polt muss weinen erhielt der Autor 1998 den Friedrich-Glauser-Preis.

 

Rezension und Foto von Nora.

Polt muss weinen | Erstmals erschienen 1998 im Haymon Verlag
Die gelesene Ausgabe „Polt – Die Klassiker in einem Band“ erschien am 15. Februar 2012 im Haymon Verlag
552 Seiten | 26.90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Blogkooperative: Adventsspezial Österreich.

Wolf Haas | Auferstehung der Toten Bd. 1

Wolf Haas | Auferstehung der Toten Bd. 1

Den Brenner, den hast du doch bestimmt schon vermisst? Weil ein Spezial mit Krimis aus Österreich ohne den Brenner, das wäre schon merkwürdig. Um den kommst du nicht herum. Der Brenner ist ja quasi eine Instanz in Österreich. Obwohl man ja schon länger nichts mehr von dem gehört hat. Deshalb an dieser Stelle vielleicht mal ein Rückblick. Wie das damals angefangen hat mit dem Brenner. In Zell.

Von Amerika aus betrachtet, ist Zell ein winziger Punkt. Aber vom Pinzgau aus gesehen: vierzig Hotels, neun Schulen, dreißig Dreitausender, achtundfünfzig Lifte, ein See, ein Detektiv. (Auszug Seite 12)

In Zell am See wird kurz vor Weihnachten ein älteres, amerikanisches Ehepaar erfroren im Sessellift aufgefunden. Simon Brenner ist der Polizeibeamte, der die Ermittlungen leitet, aber ohne Erfolg. Die Person mit dem größten Motiv, der Schwiegersohn des Ehepaars, hat ein Alibi. Nachdem er sich mit seinem neuen Chef überworfen hat, kündigt Brenner und heuert bei einer Detektei an. Diese wird von der Versicherung der Toten beauftragt, die Hintergründe weiter zu ermitteln und so kommt es, dass Brenner nach Zell fährt und dort seine Ermittlungen wieder aufnimmt.

Wolf Haas ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten österreichischen Schriftsteller. Zwar veröffentlicht er inzwischen auch Romane abseits des Krimigenres (zuletzt Junger Mann in 2018), aber am bekanntesten ist er noch immer für seine Krimis mit dem Brenner. Die Reihe begann 1996 mit Auferstehung der Toten, als letztes bislang erschien 2014 Brennerova. Innerhalb der Reihe sind die Bände jedoch ziemlich eigenständig, was Handlung und Figuren betrifft. Protagonist ist Simon Brenner, der im ersten Roman gerade bei der Polizei aufgehört hat und sein Heil als Detektiv versucht (zwischendurch probiert er in der Reihe aber noch andere Jobs aus). Brenner ist (in Auferstehung der Toten) Mitte 40, Junggeselle, lernt aber durchaus leicht Frauen kennen. Er ist ein eher ruhiger, langsamer Typ, äußerlich auch eher durchschnittlich, beruflich nicht übermäßig ehrgeizig und nicht entschlussfreudig. Eher hartnäckig als scharfsinnig. Aber gerade dadurch vielleicht beim Leser beliebt. Die Popularität des Brenner hat auch vor der Kinoleinwand nicht Halt gemacht. Vier Romane wurden mit Joseph Hader in der Hauptrolle verfilmt und zählen zu den erfolgreichsten österreichischen Kinofilmen.

„Hier darf alles ein bisserl langsamer gehen.“
Da sind natürlich bei uns alle Leute gleich. Wir mögen es nicht, wenn ein Deutscher unseren Dialekt nachmacht. Dem Brenner ist es da nicht anders gegangen. Und dann noch das „langsam“, praktisch, also es stimmt natürlich, aber wir hören es nicht gern. (Seite 54)

Das eigentlich Originelle an dieser Reihe ist aber das allwissende Erzähler-Ich. Es trägt zwar in Hochdeutsch, aber ziemlich flapsig in einer österreichischen Sprachcharakteristik vor. Es werden Nebensätze als ganze Sätze verwendet, Satzbestandteile umgestellt, Hilfsverben unterschlagen und ähnliches. Ein wenig so wie ich es etwas plump im ersten Absatz versucht habe. Außerdem verlässt der Erzähler immer wieder für Nebensächlichkeiten den eigentlichen Handlungsstrang und lenkt ab. Müsste ich mir das Erzähler-Ich als reale Person vorstellen, käme mir ein älterer Mann im Wirtshaus in den Sinn, der einem auf die Schulter klopft und fragt, ob man die Geschichte vom Brenner kennt und diese dann ausschmückend erzählt. Mir gefällt das, könnte mir aber vorstellen, dass das nicht bei jedem Leser verfängt.

„…Das Vergessen ist eine Gnade, müssen sie wissen. Und diese Gnade hat der liebe Gott den Zellern im Übermaß erwiesen.“ (Seite 141)

Der Roman ist ziemlich kurz, nur knapp 150 Seiten, so dass der eigentliche Krimiplot nicht zu sehr in den Hintergrund rückt (dies ist bei den späteren Brenner-Krimis schon anders). Im provinziellen Zell am See geht es um eine Rachegeschichte, um alte, verdrängte (Familien-)Geheimnisse, was Brenner aber erst nach und nach klar wird. Dazu beerdigt Haas ganz nebenbei auch den Mythos von den Kapruner Stauseen als Symbol der jungen Republik Österreich nach dem 2.Weltkrieg, in dem er die Zwangsarbeiterthematik anspricht. Garniert wird das Ganze mit merkwürdigen Figuren und erzählt in lakonisch-spöttischer Manier mit einigem Schmäh. Haas war damit Vorbild für eine Reihe weitere Autoren aus seiner Heimat, doch im Original verfängt dieser amüsant-satirisch-kritische Stil immer noch am besten.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Auferstehung der Toten | Erstmals erschienen 1996
Die gelesene Taschenbuchausgabe erschien am 1. August 2000 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-22831-5
320 Seiten |  10.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Blogkooperative: Adventsspezial Österreich.