Rezensionsdoppel Surf Noir: Don Winslow & Daniel Faßbender

Rezensionsdoppel Surf Noir: Don Winslow & Daniel Faßbender

Im März 2026 stand auf einmal ein Roman an der Spitze der Krimibestenliste, der frischen Wand in der deutschen Krimilandschaft versprach: „Heaven’s Gate“ von Daniel Faßbender spielt auf den Philippinen in der Surferszene. Es gab ein paar sehr wohlwollende Besprechungen und mit „Surf Noir“ hatte man direkt ein Subgenre parat.

Bei „Surf Noir“ habe ich dann aufgemerkt und gedacht, da gibt es doch schon was. Erwähnt sei hier zum einen der legendäre Thriller „Gefährliche Brandung“ („Point Break“ im Original) von Kathryn Bigelow mit Keanu Reeves und Patrick Swayze in den Hauptrollen. Vorlage für den Film war übrigens der Roman „Tapping The Source“ (dt. „Wellenjagd“) von Kem Nunn aus dem Jahr 1984, sowas wie der Ursprung des Surf Noir. Und dann ist mir aufgefallen, dass ich auch noch auf meinem SuB-Stapel etwas dazu habe: „Pacific Private“ von Don Winslow, der erste Roman mit Surfer und Privatdetektiv Boone Daniels in San Diego. Und damit ergab sich doch direkt die Gelegenheit für eine Doppelrezension.

Don Winslow | Pacific Private

Boone Daniels ist ein ehemaliger Cop, der aufgrund eines alten Falles um ein nie gefundenes Kind, das vermutlich in den Fängen eines Kinderschänders war und dessen Schicksal ihm immer noch nachhängt, den Dienst quittierte. Stattdessen schlägt er sich als Privatdetektiv und als Besitzer eines Surfshops durch, vor allem aber surft er jeden Tag morgens mit seinen Freunden, einer eingefleischten Surfgang – der Dawn Patrol.

Eines Tages sucht ihn die Anwältin Petra Hall auf, damit Boone eine Zeugin für einen Versicherungsbetrug findet. Das kommt Boone allerdings ziemlich ungelegen, macht sich die ganze Surfszene doch für die vermeintlich besten Wellen aller Zeiten in den kommenden Tagen bereit. Doch er kann die attraktive wie durchsetzungsstarke Petra nicht abwimmeln und ein bisschen leichte Kohle verdienen ist auch nicht verkehrt. Doch als Boone auf der Suche nach der Stripperin Tammy Roddick einen Hinweis auf ein Motel findet und beim Eintreffen dort feststellt, dass eine Kollegin von Tammy dort vom Balkon in den Tod gestürzt wurde, dämmert ihm, dass der Auftrag deutlich komplizierter und gefährlicher wird.

„Wissen Sie, wann Mr. Daniels hier sein wird?“
„Nein. Sie?“
Petra schüttelt den Kopf. „Deshalb frage ich Sie.“
Cheerful blickt von seiner Abrechnung auf. Das Mädchen lässt sich keinen Scheiß bieten. Cheerful gefällt das, deshalb sagt er: „Ich will Ihnen was erklären, Boone hat keine Armbanduhr, er richtet sich nach dem Sonnenstand.“
„Darf ich daraus schließen, dass Mr. Daniels zu den eher entspannten Zeitgenossen gehört?“
„Wäre Boone noch entspannter“, sagt Cheerful, „könnte er nicht mehr aufrecht stehen.“ (Auszug S. 26-27)

„Pacific Private“ („The Dawn Patrol“ im Original) ist der erste von zwei Romanen mit Boone Daniels als Hauptfigur. Wie häufig schreibt Winslow schnell, in kurzen Sätzen, kurzen Kapiteln, im Präsens, mit vielen Perspektivwechseln und einer allwissenden Erzählstimme, die uns direkt in die Figuren eintauchen lässt. Die Schauplätze sind neben dem Pazifischen Ozean zahlreiche Orte im San Diego County, zumeist in Strandnähe entlang des Highway 101. Neben des eigentlichen Kriminalfalls spielt bis zum Schluss die große Wellenfront und die freundschaftlichen Beziehungen innerhalb der Dawn Patrol eine große Rolle im Roman.

Boone Daniels‘ Auftrag führt ihn letztlich nicht nur zu einem schnöden Versicherungsbetrug, sondern wird deutlich düsterer und gewalttätiger, als man es vielleicht von der Surferszene erwartet. Autor Don Winslow gelingt es auch in diesem Roman, seinem Thriller einen enormen Sog zu verleiten. Und damit ist nicht nur die Strömung im Ozean gemeint, der Einzig kritisch möchte ich anmerken, dass der Autor es manchmal etwas übertreibt und durch den plaudernden Erzähler fast jeder Figur und einigen Schauplätzen ein paar Seiten Hintergrundinfos und eine Anekdote gönnt. Auch sind einige der Figuren mit ziemlich skurrilen Biografien ausgestattet. Dennoch wird der Lesefluss für mich nicht nachhaltig gestört, sondern die durchgehende Spannung wird kurz danach wieder aufgegriffen. Insgesamt verkörpert der Roman eine sehr gelungene Mischung aus Coolness, Humor, Ernsthaftigkeit und Gewalt.

Daniel Faßbender | Heaven’s Gate

Der frühere deutsche Profisurfer Caruso lebt inzwischen auf Surogao, eine Insel der Philippinen. Dort stürzt er sich regelmäßig in die Wellen dieses Surfspots und verdingt sich mehr schlecht als recht als Gelegenheitsprivatdetektiv, fristet allerdings ein Leben von der Hand in den Mund. Die attraktive und reiche Spanierin Ángel will allerdings ausgerechnet ihn verpflichten, ihren vermissten Sohn Juan zu finden, da die korrupte Polizei keine Hilfe zu sein scheint. Caruso nimmt die Aufgabe an, ermittelt zunächst im Surfermilieu, in dem sich Juan wohl auch bewegte. Allerdings ist die Insel Surogao nicht nur bei Surfern ein Hot Spot, sondern auch zunehmend im internationalen Drogenhandel. Und so gerät Caruso schnell in eine äußerst gefährliche Situation.

Währenddessen ist in Deutschland Dietmar „Diego“ Miehle, ehemaliger Zuhälter und Kokskönig auf St. Pauli nach langer Haft wieder auf freiem Fuß. Der alternde Ex-Gangster glaubt nun, mit einer (Auto-)Biographie ein gutes Auskommen erreichen zu können, muss allerdings feststellen, dass ein Verlag abspringt und auch sonst kaum jemand auf ihn gewartet zu haben scheint. Da meldet sich Caruso bei ihm, denn er ist einer der letzten Kontakte auf Juans Handy. Juan ist Diegos Sohn, er hatte allerdings bis vor einigen Wochen keinen Kontakt. Diego hat eine Ahnung, was sein Sohn auf Surogao vorhatte und kann Caruso einige Insidertipps geben.

Ich schlief bis in den Nachmittag und träumte von Hawaii, dem Gecko im Wasserspender und Fuerteventura. Ein wirrer Alptraum, vielleicht auch mehrere, die flirrend ineinander übergingen. Die Angst, alles zu verlieren, was wir etwas bedeutete, ließ mich mit rasendem Herzen aufwachen. Als mir einfiel, dass ich bereits alles verloren hatte, beruhigte es sich wieder. (Auszug S. 120)

„Heaven’s Gate“ ist Daniel Faßbenders erster Krimi. Der Autor debütierte 2018 mit seinem Roman „Die weltbeste Geschichte vom Fallen“. Im Nachwort dankt er unter anderem Horst Eckert und … Das könnte auch durchaus aufgehen, denn dieser Surfer-Krimi bringt frischen Wind in die deutsche Krimiszene, die sich bei den Schauplätzen in der Regel nicht so weit von der Heimat entfernt. Die (fiktive) philippinische Insel und vor allem die Surfspots sind reizvoll beschrieben. Auch die Themen Gewalt, Korruption, Drogenhandel werden angemessen und spannend behandelt.

Nicht ganz optimal fand ich allerdings die Figuren des Romans. Schon Caruso als Hauptfigur gefiel mir eigentlich auf dem Surfbrett am besten, an Land hatte der Privatdetektiv für meinen Geschmack Mühe, sich aus den Reminiszenzen an andere hardboiled detectives (finanziell klammer Einzelgänger, dem Alkohol sehr zugeneigt, begibt sich voller Naivität in den Fall (obwohl er es besser wissen müsste), schläft mit der schönen Auftraggeberin usw.) zu befreien. Zudem gibt es aus meiner Sicht nicht allzu sehr ausgereifte Nebenfiguren, die nur kaum aus der Eindimensionalität hervortreten wie der russische Oligarchensohn, die korrupte Politik und Polizei, die schöne, reiche Mutter des Vermissten und andere. Auch Diego kommt mir oftmals eher als „Comic relief“ vor, denn als ernsthafte Figur.

„Heaven’s“ Gate lässt mich etwas hin- und hergerissen zurück. Einerseits sicherlich ein ordentliches Krimidebüt. Lässig-flüssiger Stil, liest sich locker weg. Kann mit glaubwürdiger Surfer Attitude punkten. Bringt ein unverbrauchtes, tropisches Setting, aber verschweigt nicht die Schattenseiten und das zu bestimmten Jahreszeiten miese Wetter. Andererseits werden hier an einigen Stellen die Klischees bemüht, die Figuren bleiben manchmal flach und im Plot wird zum actionhaften Schluss für meinen Geschmack manches zu hopplidahopp und nicht mehr ganz glaubhaft forciert.

Der Roman stand – wie gesagt – im März an der Spitze der auch von mir gern als Hinweis genutzten Krimibestenliste. Winslows Surfer-Cop Boone Daniels wurde in der Kritik als Referenz genannt. Faßbender selbst verweist in einem Verlagsinterview auf Hammett und Fauser als Vorbilder. Nun, der Roman war wirklich ganz gut, sicherlich über dem Krimi-Einheitsbrei. Aber auf der „Hardboiled & Noir Road“ zu diesen Vorbildern sind noch einige Schritte zu laufen.

 

Fotos & Rezensionen von Gunnar Wolters.

Pacific Private | Erschienen 2009 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46096-2
396 Seiten | 9,99 € (aktuell nur antiquarisch lieferbar)
Originaltitel: The Dawn Patrol | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Conny Lösch
Wertung: 4,5 von 5

Heaven’s Gate | Erschienen am 17.02.2026 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-7099-7981-5
336 Seiten | 14,95 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Wertung: 3,5 von 5

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