Stephen King | Der Anschlag

Stephen King | Der Anschlag

„Glückliches neues Jahr, G…“ Sie wich stirnrunzelnd einen halben Schritt zurück. „Was hast du?“
Vor meinem inneren Auge stand plötzlich das Texas School Book Depository, ein hässlicher Klinkerkasten mit Fenstern wie Augen. Es war das Jahr angebrochen, in dem das Schulbuchlager ein geschichtsträchtiger Ort werden würde.
Das wird es nicht. So weit lasse ich dich nicht kommen, Lee. Du gelangst nie an dieses Fenster im fünften Stock. Das ist mein guter Vorsatz. (Auszug Seite 663)

Der Englischlehrer Jake Epping lebt ein ereignisarmes Leben in Lisbon Falls. Eines Tages offenbart ihm sein guter Bekannter Al Templeton, Besitzer eines Imbiss-Trailers, dass er unheilbar krank ist und in Kürze verstirbt. Gleichzeitig zeigt Al Jake ein großes Geheimnis: Im Hinterzimmer seines Imbisses gibt es ein Zeitportal. Man gelangt in den September des Jahres 1958 und auch wieder zurück. Al selbst hat dieses Portal regelmäßig benutzt, unter anderem, um sich mit günstigem Burgerfleisch zu versorgen. Doch Al hat auch eine Mission: Er will das Attental auf John F. Kennedy am 22.11.1963 in Dallas verhindern. Dafür hat er eine Menge Material über Lee Harvey Oswald gesammelt. Doch aufgrund seiner Erkrankung kann er die Mission nicht mehr ausführen. Deshalb will Al Jake dafür gewinnen.

Doch der schreckt natürlich erstmal zurück vor so einer gewaltigen Aufgabe. Will sich erst mal hereintasten in die Vergangenheit. Ausprobieren, ob so etwas überhaupt gelingen kann. Denn Al warnt durchaus: So leicht lässt sich die Vergangenheit nicht verändert, sie wehrt sich und wird widerspenstig. So sucht sich Jake zunächst eine kleinere Mission aus. Vor einiger Zeit hatte Jake in einem Englischkurs für Erwachsene einen Aufsatz mit dem Thema „Der Tag, der mein Leben veränderte“ schreiben lassen. Darunter war der Aufsatz des Schulhausmeisters Harry Dunning, der mit erheblichen Rechtschreib- und Grammatikschwächen zu kämpfen hatte, aber eine unglaublich traurige Geschichte über den Tag an Halloween 1958 schrieb, als sein Vater seine Mutter und seine Geschwister erschlug und ihn schwer verletzte. Jake nimmt sich vor, diese Tragödie zu verhindern und reist in die Vergangenheit nach Derry, Maine.

Derry lässt King-Fans sicherlich wissend aufhorchen. Die fiktive Stadt ist Schauplatz mehrerer King-Romane und hinterlässt das Gefühl eines feindseligen, bösen Ortes. Ich mag gar nicht zu viel verraten, was Jake Epping in Derry widerfährt, allerdings wird auch hier schnell klar, dass es nicht so leicht ist, die Vergangenheit zu ändern und selbst wenn man es schaffen sollte, was sind die weiteren Auswirkungen? Erreicht man in der Folge überhaupt das Beabsichtigte? Der berühmt-berüchtigte Schmetterlingseffekt. Diesen lernt Jake in Derry zum ersten Mal kennen und er wird auch in der weiteren Geschichte in Dallas eine große Rolle spielen.

Ohne zu viel vorweg zu nehmen: Jake nimmt Als Mission schließlich an. Allerdings ist bis zum 22. November 1963 noch einiges an Zeit herumzubringen und so erzählt King die Geschichte von Jake, wie er sich langsam Richtung Texas aufmacht, mit Geld einen Abschluss erkauft und schließlich auch in der Vergangenheit als Lehrer arbeitet. Er landet in der Kleinstadt Jodie, wo er freundschaftlich aufgenommen wird und sich schließlich in die von ihrem psychisch gestörten Mann getrennt lebende Schulbibliothekarin Sadie Dunhill verliebt. Doch irgendwann rückt das Datum immer näher und Jake will die Mission weiterführen, muss allerdings schon bald erkennen, dass sie aufs Schmerzlichste mit seinem glücklich verlaufenden Leben in der Vergangenheit kollidiert.

Wollte ich Jahre in der Vergangenheit verbringen? Nein. Aber ich wollte dorthin zurück. Und wenn auch nur, um zu hören, wie Little Richard geklungen hatte, als er noch Top of the Pops gewesen war. Oder um an Bord einer Maschine der Trans World Airlines zu gehen, ohne meine Schuhe ausziehen und durch einen Ganzkörperscanner und einen Metalldetektor gehen zu müssen.
Und ich wollte noch ein Root Beer. (Seite 71)

Die Ermordung Kennedys durch Lee Harvey Oswald ist immer noch ein nationales Trauma der Vereinigten Staaten. Stephen King selbst hatte die Idee zu diesem Roman schon Anfang der 1970er, ließ aber dann davon ab, weil er meinte, dass es noch zu frisch war für eine solche Darstellung. Interessant ist, was Al und auch Jake glauben, durch die Verhinderung des Attentats positiv beeinflussen zu können: Der Vietnamkrieg und die Rassenunruhen in den USA. Doch, ob sich der alternative Geschichtsverlauf sich wirklich so positiv auswirken würde? Was die Ermordung Kennedys betrifft, verzichtet King übrigens auf irgendwelche Verschwörungstheorien, sondern hält sich an die Fakten bezüglich der Täterschafts Oswalds (wobei er einige unklare Stellen schon erwähnt). Dies hat mich zunächst etwas enttäuscht, im Nachhinein muss ich aber zugeben, dass es richtig war, die Konstruktion dieser Zeitreisegeschichte nicht noch mit alternativen Theorien zu überfrachten.

Wie so häufig bedient sich der Autor eines Ich-Erzählers, der rückblickend diese Geschichte erzählt. Jake Epping ist ein typischer Durchschnittstyp, Lehrer, noch nicht allzu alt, dennoch bereits von seiner alkoholkranken Ehefrau getrennt. Ein intelligenter, aber gutmütiger, nicht allzu ambitionierter Mann. Er schreckt vor der Aufgabe ein wenig zurück, bringt es aber auch nicht fertig, seinem Kumpel Al den Wunsch auszuschlagen. Aber Jake wächst mit seiner Aufgabe, geht immer zielstrebiger und auch hartgesottener vor. Bis die Liebe zu Sadie Dunhill ihn auf eine harte Probe stellt.

King erzählt die Vergangenheit über weite Strecken in einem fröhlichen Ton: Die Luft ist frischer, das Gras ist grüner, das Bier schmeckt besser. Aber er ist weit davon entfernt, einen „früher war alles besser“-Ton zu vermitteln. Dafür reicht ein kurzer Blick an einem Rastplatz, wo es eine Damen- und Herrentoilette gibt und einen Hinweispfeil „für Schwarze“, der zu einem Donnerbalken über einem stinkenden Bach führt. Was man in diesem Roman natürlich auch vorfindet, sind die zahlreichen Querverweise zu Kings Gesamtwerk – etwa ein weiß-roter Plymouth Fury, der regelmäßig vorkommt, oder Verweise auf ES in Derry.

Der Anschlag beinhaltet viele Elemente aus Thriller, historischem Roman, Sci-Fi und daneben eine große Lovestory. Das alles beherrscht King ziemlich souverän und erweist sich als begnadeter Erzähler, der 1000 Seiten scheinbar mühelos zu füllen vermag. Dabei zeigt er sich als guter Beobachter, der die Zeiten und Verhältnisse beschreibt, dabei aber nicht das große Ganze, sondern den Einzelnen im Blick behält. Denn bei allen nationalen Traumata – die wahren Tragödien erfährt doch jeder im Privaten. Insgesamt für mich ein sehr vielseitiger und trotz des Umfangs kurzweiliger Roman.

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Anschlag | Erschienen am 23. Januar 2012 im Heyne Verlag
Die aktuelle Taschenbuchausgabe erschien am 10. Juni 2013 ebenfalls im Heyne Verlag
ISBN: 978-3-453-43716-6
1072 Seiten | 12.99 Euro
Originaltitel: 11/22/63
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Mini-Spezials Stephen King.

 

Zum Bild von Lee Harvey Oswald (aus Wikipedia/Public Domain):
Photo of Lee Harvey Oswald with rifle, taken in Oswald’s back yard, Neely Street, Dallas Texas, March 1963. Originated from the report of the Warren Commission, a US Government report. From WH Vol.16 page 510.

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