Kategorie: Ermittler

Rezensent

Carlo Bonini | ACAB – All Cops Are Bastards

Carlo Bonini | ACAB – All Cops Are Bastards

Als Fußballfan, der über das bloße Spiel hinausguckt, nehme ich natürlich auch das Thema Gewalt im Fußball wahr. Für Deutschland wird immer gesagt, dass es in den 1980ern am schlimmsten gewesen sei (So starb 1982 der Werder-Fan Adrian Maleika als Opfer eines Angriffs von HSV-Hooligans). Als ich ab Anfang der Neunziger begann, häufig Fußballspiele zu besuchen, bin ich selbst zwar nicht in solche Gewalttätigkeiten geraten, allerdings gab es schon brenzlige Momente. So war ich im März 1996 glückweiserweise auf der gegenüberliegenden Tribüne, als die berüchtigten Anhänger von Feyenoord Rotterdam begannen, das Düsseldorfer Rheinstadion auseinanderzunehmen. Sehr bizarr war auch auch die Situation einen Monat später. Auf der Hinfahrt zum Gelsenkirchener Parkstadion war ich mt drei Gladbachern alleine in einer Straßenbahn voller Schalker. Alles friedlich. Stunden später nach einem grandiosen Fußballspiel, das 3:3 endete und eigentlich alle Fans zufriedenstellen sollte, wurde der Einsatzbus zum Hauptbahnhof massiv von Schalker Fans bedrängt, die nur von einer Handvoll Polizisten und ihren Hunden von deutlicher Gewalt abgehalten wurden. Ich erinnere mich auch noch daran, dass ich im September 2000 nach dem Zweitligaspiel Aachen gegen Gladbach mit Freunden nach dem Spiel vor dem Tivoli-Stadion war, als uns eine etwas merkwürdige Stimmung auffiel. Wir verdrückten uns gerade rechtzeitig, bevor die ersten Steine flogen. Aber schon damals fiel auf, dass die Hools zwar noch da waren, allerdings hatten sich da die Aktivitäten bereits oft außerhalb des Stadions, in die unteren Ligen und teilweise auch außerhalb der Spieltage verlagert. Literarisch wurde dies übrigens vor zwei Jahren eindrucksvoll im Roman Hool von Philipp Winkler verarbeitet.

Der Hooliganismus als ursprünglich britisches Phänomen hatte sich schnell über den gesamten Globus verteilt. Und die Gewalttätigkeit ist andernorts oft noch viel stärker präsent als in Deutschland, nicht nur, aber auch rund ums Stadion. So beispielsweise in Italien, wo die Hooliganggruppen außerdem stark politisiert sind und oftmals beste Kontakte ins kriminelle Milieu haben. Aber die Banden haben auch einen erbitterten Gegner: Die „celerini“, die italienische Bereitschaftspolizei. Von diesen beiden Gruppen erzählt Carlo Bonini in ACAB – All Cops Are Bastards.

Carlo Bonini ist Investigativjournalist und auch in Deutschland als Co-Autor (zusammen mit Giancarlo de Cataldo) der Mafia-Thriller Suburra und Die Nacht von Rom bekannt. ACAB erschien bereits 2009 in Italien und wurde 2012 auch fürs Kino verfilmt. Als Klammer verwendet der Autor zwei Ereignisse: Die Ereignisse während des G8-Gipfels in Genua 2001, als ein Demonstrant von einem Polizisten erschossen wurde und die Bereitschaftspolizei eine Unterkunft stürmte und unbewaffnete Gipfelgegner misshandelte, und den Tod des Laziofans Gabriele Sandri im November 2007 durch einen Verkehrspolizisten. Sein Buch ist fiktionalisiert, aber es basiert auf zahlreichen Interviews, Gerichtsakten und Dokumenten. Bonini verwendet auch Original-Blogeinträge aus einem Forum für Polizisten und Hooligan-Manifeste. Der Folio Verlag hat das Buch als Thriller gelabelt, vermutlich mit einem Achselzucken, da es schwierig ist, es genau einzusortieren. Mit einem normalen Thriller hat es wenig zu tun, da es sehr auf Fakten basiert und eher episodisch aufgebaut ist. Zwar mit einem roten Faden, aber ohne Plot im eigentlichen Sinne. Aber da es doch in einigen Punkten fiktional ist, handelt es sich natürlich auch nicht um True Crime oder ein Sachbuch.

Ein Strudel der Gefühle ergreift von dir Besitz. Du teilst Schläge aus und steckst Schläge ein. Mittlerweile spürst du nichts mehr. Du kämpfst einfach und schlägst die Gewalttätigen zurück. Und in einem Winkel deines Bewusstsein genießt du das alles!!! In diesem Augenblick und nur in diesem Augenblick verstehst du vielleicht, dass du deine Arbeit, deine Mission liebst. Denn der Kriegerinstinkt unterscheidet den Bereitschaftspolizisten von allen anderen. (Seite 69)

Zum Teil verfolgen wir die Gangs der Hools und Ultras, die ein unglaubliches Maß an Brutalität erkennen lassen. Gleich zu Beginn gibt es eine Episode auf der Autostrada del Sole, als zwei Roma-Fans in ihrem Auto von Hools des SSC Neapel während der Fahrt mit einem Nietengürtel und einer Signalpistole attackiert werden. Da bleibt einem schon die Spucke weg. Später rotten sich die Gewalttäter auch zu einem Sturm auf eine Polizeikaserne zusammen, greifen Migranten mit Messern an oder helfen der Müllmafia in Neapel. Das vorangegangene Zitat lässt jedoch erahnen, dass es Bonini auch um die Kehrseite der Medaille geht.

Denn die italienische Bereitschaftspolizei ist ihrerseits längst in der Spirale der Gewalt angekommen. Sie wollen den „schwachen“ Staat gegen seine Gegner verteidigen, dabei steigern sich Frustration und Wut. Die Celerini bilden eine eigene isolierte Gruppe, voller Korpsgeist und vielfach berufen sie sich offen auf faschistische Traditionen, stehen damit den Hools näher als man meint. Von Polizeiapparat und Justiz werden Exzesse teilweise toleriert, vertuscht oder Prozesse verschleppt. Es gibt durchaus einige, die diesen Weg nicht mitgehen wollen, aber diese haben keinen einfachen Stand. Im Buch verfolgt Bonini den Weg dreier Polizisten, die alle an den Vorfällen in der Diaz-Schule beim G8-Gipfel in Genua beteiligt waren.

Eine Studie über Gewalt und Gegengewalt und wie die staatlichen Institutionen dadurch an Legitimation verlieren, das Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttert wird. Dabei erzählt Bonini eher dokumentarisch und verzichtet weitgehend darauf, explizit Stellung zu beziehen, sondern beleuchtet das Ganze aus mehreren Perspektiven. Allerdings: Wer einen klassischen Krimiplot erwartet, dem sei gesagt, dass dies hier mehr eine Narration zur gesellschaftspolitischen Debatte ist, ein Diskurs als Vorlage zur weiteren Diskussion. Dass dies aber durchaus spannend und intelligent sein kann, das beweist Bonini mit diesem Buch.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

ACAB – All Cops Are Bastards | Erschienen am 5. März 2018 im Folio Verlag
ISBN 978-3-85256-738-9
224 Seiten | 18.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Interview von Marcus Müntefering mit Carlo Bonini in „der Freitag“, Gunnars Rezension zu Suburra und Andys Rezension zu Die Nacht von Rom des Autorenduos Carlo Bonini & Giancarlo De Cataldo.

Katrine Engberg | Krokodilwächter

Katrine Engberg | Krokodilwächter

Einen Krimi zu schreiben ist ungefähr ähnlich schwierig wie der Versuch, einen Zopf aus Spinnweben zu flechten; tausend Fäden kleben an den Fingern und reißen, wenn man sich nicht konzentriert. (Auszug Seite 333)

Krokodilwächter ist der Auftaktband einer neuen dänischen Spannungsreihe. Und der Anfang hat es schon in sich! Der betagte Gregers Hermansen wohnt in dem Haus der ehemaligen Professorin Esther de Laurenti in der Kopenhagener Innenstadt. Die leicht exzentrische Esther lebt mit zwei Möpsen zusammen und bessert mit der Vermietung der restlichen Wohnungen ihre Rente auf. Ihre Tage verbringt sie mit zu viel Rotwein und sie hat angefangen, an einem Kriminalroman zu schreiben. Eines Morgens stolpert Gregers beim Müllrausbringen buchstäblich über die Leiche der grausam ermordeten Julie in der Wohnung unter ihm. Die Studentin wurde mit zahlreichen Messerstichen im Gesicht schrecklich zugerichtet und Gregers erleidet einen Herzinfarkt.

Vom Kopenhagener Polizeihauptquartier kommen die Polizeiassistenten Jeppe Kørner und Anette Werner und beginnen mit ihren Ermittlungen. Julie war erst vor kurzem mit ihrer Freundin Caroline aus dem ländlichen Jütland in die Großstadt gezogen.

Romanvorlage für einen Mord

Die Spurensicherung ergibt, dass Julie sich gewehrt haben muss und trotz der vielen Schnitte an einem Schlag mit einem schweren Gegenstand starb. Die Hinweise deuten in verschiedene Richtungen. Da ist der junge Theatergarderobier Kristoffer, der Esther Gesangsstunden gab und sich sehr in Julie verliebt hatte. Sie hatte diese Gefühle aber nicht erwidert, sondern einen älteren Mann auf der Straße kennen gelernt, um den sie ein großes Geheimnis machte. Auch diese Spur verläuft im Sand. Die Professorin gerät in Verdacht, da die Vorgehensweise des Mordes direkt aus ihrem Romanmanuskript zu kommen scheint. Wer kannte das Manuskript, hatte es als Vorlage für den Mord benutzt und dann ein Foto der Leiche ins Netz gestellt? Esther hatte erst die ersten drei Kapitel fertiggestellt und online in einer Schreibgruppe veröffentlicht. Die alte Dame kämpft mit Schuldgefühlen, denn es war ihr erster Roman und sie hatte darin ihr Umfeld mit eingebaut und ihre jugendliche Untermieterin zum Opfer werden lassen. Grade als die Untersuchungen auf der Stelle treten, geschieht ein weiterer Mord. Dieser war für mich wie ein Paukenschlag.

Sie musste ihn fragen, wie gut er sie eigentlich gekannt hatte. Sie musste ihr ganzes Projekt neu bewerten. Sie musste sich entscheiden, ob sie der Polizei erzählen sollte, dass sie Julie ermordet hatte. (Seite 65)

Das Figurenpersonal

Als Leser bleibt man ganz nahe bei dem Ermittlungsteam und das lese ich immer wieder gerne. Ich mag es, wenn die Polizeiarbeit so detailliert beschrieben wird und man mitraten und miträtseln kann. Katrine Engberg nimmt sich viel Zeit, die beiden Hauptcharaktere zu entwickeln, was ja bei einem Serienstart durchaus Sinn macht. Auch wenn sie bei dem Versuch, die Figuren lebendig zu machen und sie als Menschen mit Stärken und Schwächen darzustellen, nicht ganz ohne Klischees auskommt.

Die beiden Polizeiassistenten, die seit acht Jahren zusammen arbeiten, sind sehr unterschiedlich und werden trotz oder vielleicht grade deswegen oft als Team zusammengestellt. Die zupackende Anette ist meistens direkter und frei heraus. Der sensible Jeppe dagegen ist diplomatischer und agiert bedächtiger. Er leidet unter der kürzlichen Trennung von seiner Ehefrau und kämpft dadurch mit vielen körperlichen Symptomen. Wobei der ständig an sich und seiner Potenz zweifelnde Polizeiassistent schon an mancher Stelle etwas zu dick aufgetragen wirkt. Da Jeppe im gesamten Handlungsverlauf mehr Raum einnimmt, könnte ich mir vorstellen, dass im nächsten Band vielleicht Anette mehr in den Vordergrund rückt. Der große Pluspunkt ist aber die Figur Esther. Die einsame Professorin, die von einer Karriere als Kriminalschriftstellerin träumt, wird in ihrer Gefühlswelt sehr einfühlsam von der Autorin beschrieben.

Dichtung und Wahrheit

Die Kapitel des Buches sind nach den Ermittlungstagen aufgeteilt, unterbrochen durch die Einschübe von Esthers Manuskriptseiten. Diese werden in einer anderen Schriftart dargestellt und der Vergleich mit dem eigentlichen Thriller lässt die Klasse der Autorin Katrine Engberg erst richtig erkennen. Sie hat eine genaue Beobachtungsgabe für die kleinen zwischenmenschlichen Szenen und zeichnet sich durch sensible Personenzeichnungen aus. Das Besondere an diesem Debüt, das mir großen Spaß gemacht hat und sich aus dem Wust an Skandinavischen Thrillern heraushebt, ist die Sprache mit fein ausgewählten Worten. Es ist kein spektakuläres Buch, sondern ein grundsolider Thriller, bei dem der ruhige Schreibstil irgendwie unaufgeregt und nie reißerisch wirkt. Die Spannung ergibt sich am Anfang durch die undurchsichtige Verquickung von Fiktion und Realität. Der gut konstruierte Plot unterhält mit raffinierten Wendungen, die viel Raum für Spekulationen lassen und einigen Humoreinschüben.

„Sag mal, befinden wir uns mitten in einem beschissenen Kriminalroman?“ „Keine Ahnung, Jeppe, ist das so?“ (Seite 276)

Erst wenn zum Ende hin alle Fäden mehr oder weniger plausibel zusammengeführt werden, macht auch der Titel einen Sinn. Ein „Krokodilwächter“ ist eine afrikanischer Vogelart, die angeblich die Mäuler der Krokodile von Parasiten freihält und daher vom Krokodil geduldet wird.

Ich muss noch etwas zu dem aufwendig gestalteten Cover sagen, weil man das auf dem Foto gar nicht so genau erkennt. Im Schutzumschlag sind tatsächlich Schlitze, die den blutroten Leineneinband durchscheinen lassen. Sehr schön gemacht!

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Krokodilwächter | Erschienen am 1. April 2018 bei Diogenes
ISBN: 978-3-257-07028-6
512 Seiten | 22.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Ursula Poznanski & Arno Strobel | Invisible

Ursula Poznanski & Arno Strobel | Invisible

„Der dritte Tod in einer Woche und ein Muster, das keines ist. Bislang mehr oder minder unbescholtene Menschen bringen völlig Fremde um. Die sie zwar nie gesehen haben, von denen sie sich aber trotzdem verfolgt, provoziert, bedroht fühlen. Sie gehen nicht hin oder stellen sie zur Rede, sie beschränken sich nicht auf eine simple Prügelei oder zeigen den Betreffenden an – sie töten ihn. Das ist so weit weg von allem, was mir in meinem Beruf bisher untergekommen ist, dass es mich völlig aus dem Tritt bringt.“ (Auszug Seite 94)

Die Kriminalkommissare Nina Salomon und Daniel Buchholz haben es bei diesem Fall mit ganz besonderen Taten zu tun: Ein Arzt sticht sein Skalpell in das Herz eines Patienten, ein Mann wird in aller Öffentlichkeit erschlagen und ein Immobilienmakler wird an seiner Haustür erstochen. Die Suche nach den Tätern ist hierbei zweitrangig, da diese sofort feststehen und verhaftet werden können. Viel schwieriger wird es bei der Suche nach den Motiven, denn keiner der Täter kannte sein Opfer persönlich. Die Täter geben nur an, dass sie von ihnen bedroht wurden. Können die beiden Kommissare die Mordserie stoppen, ohne dass es zu neuen Toten kommt?

Zwei ungleiche Partner

Nina Salomon ist vor einiger Zeit wegen eines Disziplinarverfahrens von Bremen nach Hamburg versetzt worden. Seitdem arbeitet sie mit Daniel Buchholz zusammen. Die Partner sind ein sehr unterschiedliches Gespann: Nina ist impulsiv und spontan und begibt sich auch gern mal auf einen Alleingang. Dabei nimmt sie es mit den Vorschriften nicht so genau. Daniel hingegen ist eher überlegt und erinnert Nina immer wieder daran, wo in einem Rechtsstaat die Grenzen der Polizei sind.

Buch Drei der beiden Autoren

Invisible ist der dritte gemeinsame Thriller von Ursula Poznanski & Arno Strobel. Die beiden ersten Bücher Fremd und Anonym habe ich auch bereits gelesen und war begeistert, deshalb habe ich bei dem neuen Fall um Salomon und Buchholz auch gar nicht lange gezögert. Ich bin also mit recht hohen Erwartungen in die Seiten eingestiegen und wurde nicht enttäuscht! Der Fall ist kniffelig und alle scheinbaren Indizien verlaufen in Sackgassen, dadurch bleibt es konstant spannend.

Zermürbende Ermittlungen

Die Protagonisten sind mir sympathisch, weil sie zwar sehr verschieden sind, aber im Grunde gut zusammenarbeiten. Dieser Fall zermürbt alle und der sonst so überlegte Daniel wird zusehends unbeherrschter im Umgang mit seinen Kollegen. Denn die Arbeit an dem eh schon schwierigen und nervenaufreibenden Fall wird zusätzlich erschwert durch einen neuen Kollegen, der Unruhe stiftet und durch Daniels private Probleme, die ihn nächtelang grübeln lassen.

Anfang & Ende

Am Anfang fand ich es etwas störend, dass Daniels private Probleme nicht gleich benannt wurden, sondern immer nur Andeutungen gemacht werden. Dieser ganze Handlungsstrang hätte für mich auch nicht in die Geschichte gemusst. Da die Kapitel abwechselnd aus Sicht der beiden Ermittler geschrieben sind, kam ich ab und zu durcheinander, wer denn jetzt gerade an der Reihe ist. Das Ende ist ganz anders, als ich gedacht habe und regt zum Nachdenken an.

Insgesamt ein gut zu lesender und interessanter Fall, der die beiden Protagonisten an ihre Grenzen bringt.

Ursula Poznanski wurde 1968 geboren und lebt zusammen mit ihrer Familie im Süden von Wien. Sie pflegt dort neben der Leidenschaft zum Schreiben auch die Tradition des Kaffeehausbesuches. Die Autorin ist im Jahr 2000 bei einem Drehbuchwettbewerb zum Schreiben gekommen und hat seitdem 20 Bücher veröffentlicht. Darunter befinden sich nicht nur Thriller, sondern auch Kinderbücher und Jugendthriller.

Arno Strobel wurde 1962 geboren und lebt mit seiner Frau und drei Kindern in der Nähe von Trier. Mit Anfang 40 veröffentlichte Arno Strobel seine ersten Kurzgeschichten in Internetforen. Sein erster Roman wurde im selbst gegründeten Verlag gedruckt und erst nach Verkauf der Startauflage wurden namhafte Verlage aufmerksam. Seitdem hat der Autor fünfzehn Bücher veröffentlicht, darunter zwei Jugendbücher.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Invisible | Erschienen am 27. März 2018 bei Wunderlich im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-8052-0015-8
368 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andreas Rezensionen zu den Romanen Fremd und Anonym des Autorenduos.

Christian Linker | Der Schuss

Christian Linker | Der Schuss

Das ist ja typisch, denkt Tatjana. Alle Zeitungen schreiben über den Mord an Emil, aber keiner traut sich zu schreiben, dass der Mörder Türke ist. Was die Zeitungen schreiben und was nicht, weiß sie natürlich nicht aus der Zeitung, sie ist ja nicht blöd. So was zu lesen wäre Schwachsinn, wo doch da nur Lügen drinstehen. Presse, Radio,Fernsehen, die sind ja alle von der Regierung gesteuert. Gott sei dank gibt es Facebook. (Auszug Seite 73)

Meine Straße, mein Zuhause, mein Block

In dem spannenden Jugendroman Der Schuss geht es um den siebzehnjährigen Robin Fuchs, der zufällig Zeuge eines Mordes wird. Der Teenager lebt mit seiner jüngeren Schwester Mel und seiner Mutter in einem Block in einer Hochhaussiedlung am Rande einer deutschen Großstadt. Nach dem Tod des Vaters hat er die Schule geschmissen und für den gleichaltrigen Hakan Topal gedealt. Er wurde straffällig und bekam eine Bewährungsstrafe. Um diese nicht zu gefährden, versucht er sich aus allem rauszuhalten und will eigentlich auch aus dem Drogengeschäft aussteigen.

Eines Abends sieht er, wie Emil Becker, ein Anhänger der „Deutschen Alternativen Partei“, bei dem Versuch, einem Journalisten belastendes Material zu übergeben, von rechtsextremen Mitgliedern der Partei erstochen wird. Auch der Journalist und Blogger, Magnus Mahlmann wird bei dem Gerangel in der Garage schwer verletzt, kann aber flüchten. Robin hilft dem Schwerverletzten, indem er Erste Hilfe leistet und anonym einen Krankenwagen ruft. Bevor er sich aus dem Staub macht, kann ihm der Journalist aber noch einen Stick geben.

Blogger im Koma

Während Magnus im Krankenhaus in einem künstlichen Koma liegt, gelingt es den Rechtsextremen, den Mord Hakan Topal in die Schuhe zu schieben und der Drogendealer wird als Tatverdächtiger verhaftet. Fast alle Bewohner des Blocks sind der Meinung, dass Hakan, dem nie etwas nachgewiesen werden konnte, endlich seine gerechte Strafe bekommt. Fred Kuschinski ist ein etwas älterer Freund aus Kindertagen, der mittlerweile mit der DAP für den Bundestag kandidiert. Der charismatische Politiker nutzt die Situation aus, um Fremdenhass zu schüren und initiiert tägliche Mahnwachen. Diese werden von vielen Anwohnern und auch von Robins Schwester Mel besucht. Robin ist in einem Zwiespalt. Soll er sich weiter raushalten oder die Wahrheit ans Licht bringen?

Meine Mutter wäre sicher stolz auf mich. Sich raushalten und bloß nicht die Klappe aufmachen, das ist bei uns nämlich so eine Art Familienmotto.  (Seite 6)

Indem Autor Christian Linker sein zumeist jugendliches Figurenpersonal abwechselnd von Kapitel zu Kapitel berichten lässt, werden verschieden Blickwinkel beleuchtet und man kann die Gedankenwelt von fast zehn Charakteren gut nachvollziehen. Robin als Protagonist erzählt als Einziger in der Ich-Form und das bringt besonders seine Beweggründe nahe. Am Beispiel Mel wird deutlich, wie grade junge Menschen mit Hetzkampagnen und Halbwahrheiten für die rechte Szene begeistert werden können. Der jugendliche Leser kann sich leicht mit den Figuren identifizieren. Der Autor erzählt authentisch und hat einen leicht lesbaren, hochaktuellen Krimi geschaffen, indem auch die Trostlosigkeit der wohnlichen Gegebenheiten gut wiedergegeben wird.

Plädoyer für Zivilcourage

Die DAP hat mit der AFD nicht nur das Wort alternativ im Namen gemeinsam. Teilweise geraten Linkers Warnungen etwas zu plakativ, denn ich glaube, dass die AFD viel subtiler und damit gefährlicher agiert. Die Figur des Schlägers „Schädel“ war mir etwas zu eindimensional gelungen. Er wird als gnadenloser Glatzkopf beschrieben, der keine Empathie oder Impulskontrolle zeigt und mit einem Stacheldraht verstärktem Baseballschläger auftrumpft. Mit der Figur des Fred hat Linker allerdings einen ambivalenten Charakter geschaffen. Dieser führt mitreißende Reden, er spricht die Leute an und ist clever und gerissen genug, andere für seine Zwecke zu manipulieren. Der sympathische Robin dagegen ist orientierungslos und auf der Suche nach Identität und Sinn, hat aber sein Gefühl für Richtig und Falsch noch nicht verloren. Es wird ganz deutlich, dass es ihm an Vorbildern oder Identifikationsfiguren fehlt. Da er sich im Laufe der Geschichte entwickelt, handelt es sich bei dem Krimi auch um einen Coming-of-Age-Roman und ein Plädoyer für Zivilcourage.

Über den Autor

Der Roman „Der Schuss“ kam kurz vor der Bundestagswahl 2017 raus und so muss man Christian Linker mit Blick auf die Ergebnisse der AFD schon prophetisches Talent bescheinigen. Die Figur des Magnus Mahlmann kam übrigens bereits 2005 in seinen Roman Das Heldenprojekt vor, in dem der investigative Journalist sich mit einer kleinen rechtsextremen Partei anlegte. Und jetzt war einfach mal wieder Zeit, dieses Thema aufzugreifen, befand der studierte Theologe.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Schuss | Erschienen am 8. September 2017 bei dtv
ISBN 978-3-423-74027-2
320 Seiten | 14.95 Euro
ab 14 Jahren
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Kinder- und Jugendkrimis.

Philip Kerr | Friedrich der große Detektiv

Philip Kerr | Friedrich der große Detektiv

„Gib es her“, sagte Rolf. „Gib mir das Buch.“
„Es ist mir ganz egal, was du sagst: Du kriegst mein ‚Emil und die Detektive‘ nicht, du kannst machen, was du willst!“, schrie Friedrich. […]
„Es ist nur zu deinem Besten, Friedrich, kapierst du das nicht? Es sind Leute wie Kästner und ihre verdrehten Bücher, die dieses Land kaputt machen. Wenn wir Deutschland je wieder stark machen wollen, dann müssen wir über solche wichtigen Dingen dasselbe denken.“
Friedrich starrte seinen Bruder wütend an. „Hast du eigentlich jemals gern ein Buch gelesen, Rolf? Ich glaube nicht. Ich glaube, ich habe dich nie mit einem Buch in der Hand gesehen.“ […] „Vielleicht bist du deshalb so versessen darauf, dieses Buch zu verbrennen, weil du Bücher einfach nicht magst. Du verstehst gar nicht, warum jemand bloß aus Freude liest.“ (Auszug Seiten 85-87)

Der 13-jährige Friedrich Kissel ist ein begeisterter Fan des Kinderbuchs „Emil und die Detektive“ und das Beste ist: Er wohnt in Berlin in der Nachbarschaft von Erich Kästner, der ein Freund von Friedrichs Vater ist. In seiner Freizeit spielt Friedrich selbst gerne mit seinen drei Freunden Detektiv und hilft der Polizei bei Kleinigkeiten. Doch im Berlin des Jahres 1933 wird aus dem Spaß böser Ernst. Kästners Bücher werden verbrannt und plötzlich wird Friedrichs Bande von einem Polizisten beauftragt, Kästner auszuspionieren.

Die Geschichte wird aus Friedrichs Perspektive erzählt. Die Figuren sind durchaus glaubhaft arrangiert. Friedrichs Vater ist Kulturredakteur des liberalen Berliner Tageblatts und daher beruflich und nachbarschaftlich bekannt mit Erich Kästner. Über diesen lernt Friedrich weitere Künstler kennen, die das neue Regime ablehnen. Aber in Friedrichs Familie gibt bereits einen Konflikt: Sein Bruder Rolf ist überzeugter Anhänger der Nationalsozialisten und führt erbitterte Diskussionen mit seinem Vater. Auch Friedrich ist anfangs durchaus fasziniert von den Inszenierungen des neuen Regimes. Doch allmählich spürt er die Veränderungen im Alltag, die Ausgrenzung der Juden und Andersdenkenden. Sein Freund Leo, ein Jude, verlässt mit seinen Eltern die Stadt. Am allerdeutlichsten ist sein Unverständnis in Bezug auf die zunehmende Ablehnung, die sein Lieblingsautor Erich Kästner erfährt. So ist er völlig verwirrt, als er und seine Freunde den Auftrag erhalten, Kästner zu beschatten. Doch er macht im Glauben mit, seinen Freund vom Vorwurf der Spionage befreien zu können.

Philip Kerr ist vielen Lesern bekannt als Autor der Bernie-Gunther-Reihe über einen Privatdetektiv, ehemaligen Kommissar und Nazi-Gegner, der sich durch die Nazizeit schlägt. Aber Kerr ist auch Autor von Kinder- und Jugend-Fantasy-Büchern. Kerr verstarb am 23.März diesen Jahres an einem Krebsleiden. Im letzten Jahr veröffentlichte er noch Friedrich der große Detektiv. Die Idee zu diesem Buch hatte Philip Kerr nach eigenen Angaben, nachdem er auf Youtube die Verfilmung von „Emil und die Detektive“ aus dem Jahre 1931 gesehen hatte. Er fragte sich, was wohl aus den jugendlichen Schauspielern geworden sei und recherchierte, dass diese alle als junge Soldaten im zweiten Weltkrieg gestorben waren.

Das Buch wird auch als Hommage an Erich Kästner und seinen Roman „Emil und die Detektive“ bezeichnet. „Emil“ taucht an vielen Stellen im Buch auf, es beginnt sogar mit der Filmpremiere. Auch der große deutsche Autor und Pazifist Kästner spielt tatsächlich eine zentrale Rolle in diesem Roman als Mahner, Freund und Ratgeber für Friedrich. Allerdings habe ich zu dieser „Hommage“ auch eine kritische Stimme gefunden, denn im Blog Literaturgarage wird eine Szene, in dem Kästner vor Friedrich ein Loblied auf Friedrich den Großen singt, sehr kritisiert und auch mit Quellen belegt, dass Kästner den Preußenkönig nicht unbedingt als Vorbild sah.

Aber nicht nur Kästner taucht als Person der Zeitgeschichte in diesem Buch auf. Ebenfalls Auftritte haben beispielsweise Walter Trier, Billy Wilder, Max Liebermann oder Christopher Isherwood. Kerr versucht sehr verdichtet, Fakten und Fiktion miteinander zu vermischen. Er lässt seine Hauptfigur die Ereignisse von 1933 hautnah miterleben. Friedrich ist beim Fackelzug am 30. Januar, seine Klassenlehrerin wird aus dem Dienst suspendiert, sein Bruder ist an der Bücherverbrennung beteiligt. Nach etwa 165 Seiten ist der erste Plotstrang vorbei, bis hierhin war ich ziemlich zufrieden. Doch dann wurde es aus meiner Sicht weniger stringent, Kerr baut hier noch Episoden ein, die wie nachträglich eingefügt wirken inklusive einer abschließenden Traumsequenz, die mich nicht so recht überzeugen konnte. Und schließlich gibt es ja noch den Ausgangspunkt Kerrs für diese Geschichte („Was ist aus diesen Jungen geworden?“), die dem Buch letztlich ein etwas abruptes und auch ein bitteres Ende verschafft, womit man bei Jugendbüchern über diese Epoche aber zwangsläufig rechnen sollte.

Der Verlag empfiehlt das Buch ab 11 Jahren, was ich für durchaus früh halte, denn trotz mancher Erläuterungen (auch im Anhang) müssen manche Zusammenhänge erkannt werden. Trotz der oben genannten kritische Anmerkungen hat mich das Buch über weite Strecken gut unterhalten. Kerr gelingt eine durchaus lehrreiche, aber auch spannende Geschichte. Lediglich im letzten Drittel des Buches will der Autor aus meiner Sicht zu viel und kann das Niveau nicht ganz halten.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Friedrich der große Detektiv | Erschienen am 22. September 2017 bei Rotfuchs im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-21791-3
256 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Kinder- und Jugendkrimis.

 

Weiterlesen: Interview zum Buch mit Philip Kerr aus der Frankfurter Rundschau sowie Noras Rezension zu Erich Kästners Buch Emil und die Detektive