Kategorie: Ermittler

Rezensent

Diane Cook | Die neue Wildnis

Diane Cook | Die neue Wildnis

In ihrem Debüt-Roman versetzt uns die in Brooklyn lebende Autorin Diane Cook in eine nicht allzu weit entfernte Zukunft in Amerika. Klimawandel, Überbevölkerung und Smog erschweren das Leben in der Stadt und aufgrund der immensen Luftverschmutzung leiden besonders die Kinder zunehmend unter lebensbedrohlichen Atemwegserkrankungen. Aus Sorge um ihre 5-jährige todkranke Tochter Agnes nimmt Bea mit ihrem Mann Glen an einem Regierungsprojekt teil. Zwanzig Pioniere dürfen in einem staatlich geschützten Nationalpark vor den Toren der Stadt leben. Bei dem Experiment müssen sie sich mit Hilfe eines Handbuchs an strenge Verhaltensregeln halten und sich regelmäßig an bestimmten Posten einfinden. Sie dürfen sich keine Heimat aufbauen sondern müssen autark in der unberührten Wildnis ein nomadisches Leben führen. Besonderes Augenmerk wird darauf gelegt, dass die Gruppe nicht zu viel in die Natur eingreift oder Spuren hinterlässt. Abgeschnitten von jeglichen Annehmlichkeiten der Zivilisation sind die Ranger die einzige Verbindung zur Außenwelt, die die Einhaltung der strengen Regeln überwachen oder neue Anweisungen geben.

Zurück zur Natur
Zu Beginn der Geschichte sind wir bereits seit vier Jahren in der Wildnis. Das hat mich überrascht, denn ich hätte mir ausführlichere Beschreibungen über die Situation in den Städten gewünscht. Die Welt außerhalb der Wildnis bleibt aber während des ganzen Buches nur vage fassbar. Bei dem dramatischen und verstörenden Einstieg begleiten wir Bea bei einem sehr intimen Moment wobei mich ihr raues Verhalten mit dieser erbarmungslosen Situation erschreckt hat. Es wird klar, dass während des Überlebenskampfes die Grenzen zwischen Tier und Mensch zu verschwimmen scheinen. Die Rückbesinnung sowie die überlebensnotwendige Anpassung an die Natur lassen eher archaische Empfindungen und Sichtweisen hervortreten. Als bei einer gefährlichen Flussüberquerung eine Mitstreiterin in den reißerischen Fluten ertrinkt, wird nur um das wertvolle Seil getrauert. Oder als ein Mitstreiter von der Klippe stürzt, wird nicht nachgesehen, ob man ihm noch helfen kann, es wird weitermarschiert. Mich hat irritiert, dass diese Abstumpfung offenbar schon nach vier Jahren und nicht nach Generationen eintritt.

Nur daran erkannte Bea, dass der Unfall sie erschreckt hatte. Wie ein Tier erstarrte Agnes, wenn sie Angst hatte, und rannte bei Gefahr weg. Bea stellte sich vor, dass sich das ändern würde, wenn Agnes größer wurde. Möglicherweise fühlte sie sich dann weniger wie Beute und mehr wie ein Raubtier. (Auszug Seite 17/18)

Der Autorin geht es in ihrem Roman nicht so sehr um die drohende Katastrophe von außen durch das Klima, Umwelt und den Staat oder um die Gefahren, die ein Leben in der wilden Natur mit sich bringt. Es geht ihr primär um die Dynamik zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern und die Entwicklung des sozialen Machtgefüges. Das Verhalten der Gemeinschaft erinnert an das Verhalten wilder Tiere. Hinzu kommt eine komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung zwischen Bea und Agnes. Das hätte auch spannend werden können, war es aber leider für mich nicht. Der Erzählstil ist passend zum Setting emotionslos und distanziert und dieser Ton bleibt das ganze Buch über bestehen. Dadurch fühlte ich mich die ganze Zeit nur wie ein unbeteiligter Beobachter einer Studie und war nie nah an den Charakteren. Ein großer Kritikpunkt meinerseits ist, dass diese allesamt sehr blass und mir bis zum Schluss vollkommen fremd blieben. Ihre Handlungen konnte ich nur partiell nachvollziehen und dann war es teilweise sehr abstoßend und auch schmerzhaft den Geschehnissen zu folgen.
Ein weiteres Manko war für mich der Umgang der Autorin mit der Zeitabfolge. Während man manchmal über mehrere Kapitel nur einen Tag abhandelt, erfährt man an anderen Stellen in einen kurzen Nebensatz, dass die letzten Seiten einen Zeitraum von mehreren Jahren umfassen, da die Gruppe Monate braucht, um von einem Ort zum anderen zu kommen. Das verdeutlicht, dass für ein Leben im Einklang mit der wilden Natur lediglich der Tag-Nacht-Zyklus und die Jahreszeiten relevant sind. Für mich war das total verwirrend, denn das Gespür für die Zeit, wie wir es gewohnt sind, geht völlig verloren.

Spielfiguren auf einem unbekannten Spielfeld
Trotz ihrer literarischen Fähigkeiten, die ich der Autorin nicht absprechen möchte, denn sie erzeugt beklemmende Bilder, hatte sie mich irgendwann in dieser zähen Story verloren und ich habe nur noch quer gelesen. Über weite Strecken kommt die Geschichte nicht voran und tritt auf der Stelle. Leider bietet auch das Ende auf meine zahlreichen Fragen und Vermutungen, die mich beschäftigten, keine zufriedenstellenden Antworten. Durch das völlige Ausbleiben von Informationen erfährt die Leser*in genau wie die umherwandernde Gemeinschaft nichts über die Geschehnisse in den übervölkerten Städten, über die Hintergründe oder die Erkenntnisse des wissenschaftlichen Forschungsprojekt oder das merkwürdige Verhalten der Ranger. Die Gruppe wirkt auf mich wie Spielfiguren, die von den Rangern auf ein unbekanntes Spielfeld gesetzt werden um dort nach unbekannten Regeln agieren sollen. Warum denkt niemand daran, das Projekt abzubrechen und in die Zivilisation zurückzukehren? Agnes ist ja inzwischen wieder gesundet, da die gute Luftqualität sich positiv auf ihren Gesundheitszustand ausgewirkt hat. Und wie groß ist dieses Areal?

Nominierung für den Booker Prize 2022
Die edle Aufmachung des Buches mit der goldenen Schrift auf dunkelgrünem Grund war für mich sehr vielversprechend. Die alles verschlingenden Blätter auf dem Cover lassen an Lebensadern aber auch an einen tropischen Urwald denken. Ich hatte dadurch ganz falsche Erwartungen, denn die Geschichte spielt mehr in einem Wüstenszenario. Ich lese eigentlich gerne Dystopien, aber ich brauche immer einen kleinen Hoffnungsschimmer, ein Licht am Ende des Tunnels. Der Überlebenskampf der Gemeinschaft wird emotional eher kühl und sachlich geschildert. Diane Cook romantisiert nicht in ihrem für den renommierten Booker Prize 2022 nominierten Roman und vielleicht war das auch mein Hauptproblem.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Die neue Wildnis | Erschienen am 09.05.2022 im Heyne Verlag
ISBN 978-3 45332-158-8
544 Seiten | 16,- €
Originaltitel: The New Wilderness | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Astrid Finke
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Peter Grandl | Turmschatten

Peter Grandl | Turmschatten

Ephraim Zamir hat als kleiner Junge Auschwitz überlebt. Nun hat er sich, 65 Jahre nach Kriegsende, wieder in Deutschland, in der süddeutschen Heimatstadt seiner Mutter niedergelassen, einen alten Wehrturm zu einer luxuriösen Wohnung ausbauen lassen. An seiner Seite die junge Esther Goldstein als seine Haushälterin. Die junge, gehörlose Frau ist Opfer eines terroristischen Anschlags in Israel geworden und Ephraim möchte sie in der Bewältigung ihrer Traumata unterstützen, gleichwohl er selbst die Erlebnisse an der Todesrampe in Auschwitz nie ganz überwunden hat. Ephraim engagiert sich zudem in der jüdischen Gemeinde, stellt eine großzügige Spende für den Bau der neuen Synagoge in Aussicht.

Dieses Vorhaben ist der wieder erstarkten rechte Szene natürlich ein Dorn im Auge. Die Rechten sind bestens vernetzt und nehmen Ephraim ins Visier. Vier von Ihnen, darunter ein Minderjähriger, sollen einen Überfall auf Ephraims Wohnung unternehmen. Trotz diverser Schutzmaßnahmen können sie sich Zutritt zum Wehrturm verschaffen, in dem sie aber nur Esther Goldstein antreffen. Der Überfall geht gründlich schief. Als Ephraim kurze Zeit später eintrifft, kann er noch drei der Angreifer überwältigen. Diese müssen feststellen, dass Ephraim kein harmloser, alter Jude ist, wie sie geglaubt haben.

Ephraim, voller Wut und Entschlossenheit, hat sich entschlossen, ein Tribunal über die drei Nazis Steiner, Udo und Karl abzuhalten, denen er noch weitere Verbrechen beweisen kann. Er beginnt mit Verhören und streamt diese live im Internet. Dort ruft er die Menschen zur Abstimmung auf, ob die Nazis leben oder sterben sollen. Bei einer Millionen Klicks für „Sterben“ verspricht er die Liquidation. Das Verfahren wird binner kürzester Zeit zur Mediensensation und digitalem Hype. Derweil hat die Polizei den Wehrturm umstellt und versucht mit aller Macht, dieses Tribunal zum Stoppen zu bringen. Doch auch hierfür hat Ephraim Vorkehrungen getroffen.

Mit jedem Stockwerk, das er die steinerne Treppe im Turm hinabstieg, wurde es kälter. Es war eine Kälte, die nicht nur von dem alten Gemäuer kam, sondern auch aus seinem Inneren. […] Der Turm zog ihn herab in einen Sog aus Blut und Gewalt. Zamir war nun bereit, der Welt das wahre Gesicht dieser Barbaren zu zeigen – und er war sich sicher, dass die friedliebenden Menschen ihn zum Vollstrecker ernennen würden. (Auszug Pos. 2679)

Die Geschichte spielt im Hauptstrang im Oktober 2010, wird aber immer wieder mit Rückblenden unterbrochen. Der Autor lässt hier ein üppiges Personal auffahren, wechselt immer wieder den Blick auf das Geschehen, erzählt auch einige Hintergründe der Figuren. Im Mittelpunkt stehen vor allem Ephraim und noch mehr die drei Nazis, vor allem Karl Rieger, der wohl intelligenteste und widersprüchlichste von Ihnen. Daneben der Einsatzleiter der Polizei, Karl Riegers Bewährungshelferin und ein skrupelloser Programmchef eines Fernsehsenders sowie weitere Personen. Trotz des hohen Personenauflaufs hat Peter Grandl das Ensemble gut im Griff, treibt den Plot voran und behält den Spannungsbogen konstant hoch.

Bereits vor knapp zehn Jahren als Drehbuchentwurf angelegt, hat Autor Peter Grandl mangels anfänglichem Interesse der Filmwirtschaft diesen Stoff zu seinem Debütroman verarbeitet. Dieser erschien 2020 im kleinen Label „Das neue Berlin“ der Eulenspiegel Verlagsgruppe und nun als Taschenbuchausgabe im Piper Verlag. Die Filmrechte sind inzwischen verkauft und die Dreharbeiten waren fürs letzte Jahr geplant.

Die Grundzutaten dieses Thrillers sind wohlbekannt – es geht um Schuld, Sühne, Rache, Gewissen, Reue und um Ignoranz, Sensationsgier, Verantwortungslosigkeit. Das Interessante an diesem Roman ist, dass mir immer wieder kleine Hakler auffallen, Unklarheiten im Plot, Figuren am Rande des Klischees (und drüber hinaus), Recherchefehler (Degowski erschoss Emanuele De Giorgi, nicht Rösner)  – und trotzdem funktioniert er ausgesprochen gut. Dieser Thriller verbindet rasante Action mit zahlreichen gebrochenen Figuren und fügt nebenbei historische Ereignisse aus der bundesdeutschen Geschichte als wichtige tragende Elemente der Figuren in die Story ein. Das liest sich dann wie eine Chronologie des Rechtsradikalismus, etwa die oftmals unbehelligt gebliebenen Wehrsportgruppen, den rechtsradikalen Terror und die Verwebungen von rechten Schlägern und rechten, den Schein wahrenden Parteien. Allles in allem ein rasanter, spannungsreicher Thriller, der in seiner szenischen, multiperspektiven Anlage eine Vielfalt an Themen aufgreift, dies aber zumeist sehr überzeugend beherrscht.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Turmschatten | Die Taschenbuchausgabe erschien am 15.07.2022 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06321-0
592 Seiten | 18,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Max Korn | Talberg 2022 (Band 3)

Max Korn | Talberg 2022 (Band 3)

Laut Wettervorhersage war das Orkantief, das eine Schneise der Verwüstung durch den Hirschberger Wald gezogen hatte, nur die Vorhut. Der meteorologische Dienst warnte vor einer weiteren Superzelle, die in ihre Richtung unterwegs war. Ein zweiter, anhaltend rotierender Aufwind, der noch heftiger sein sollte als der Zyklon, den sie im Moment zu spüren bekamen. So weit wird’s kommen, dass wir evakuieren müssen … Und dass er sich beeilen solle mit dem Skelett, bevor es noch den ganzen Hang fortschwemmt. (Auszug Seite 11)

Das niederbayerische Dorf Talberg wird von einem verheerenden Unwetter heimgesucht. Es regnet schon seit Tagen ohne Unterlass, das Wasser steigt unaufhaltsam und die Verbindungen zur Außenwelt sind komplett abgebrochen. Während die Feuerwehr versucht, ein Neubaugebiet vor einem Erdrutsch zu bewahren, wird in dem Wurzelwerk einer umgestürzten Eiche das Skelett eines Kindes gefunden. Adam Wegebauer, ein ehemaliger Kripobeamter aus München, der kürzlich in sein Heimatdorf Talberg versetzt worden war, unternimmt während der tobenden Naturgewalten die ersten Untersuchungen. Obwohl klar ist, dass die Knochen schon sehr lange unter der Erde vergraben gewesen sein müssen, verspürt er sofort eine unerklärliche Betroffenheit und trotz vieler persönlicher Probleme ist es ihm ein dringendes Anliegen, den Fall so schnell wie möglich zu lösen, bevor das LKA übernehmen wird. Unter schwersten Bedingungen sichert er die Knochen und bringt sie zu einem pensionierten Arzt, der eine erste Einschätzung vornimmt. Trotz der Orkanböen gelingt es jedoch der LKA-Beamtin Eva Engler sich zu Fuß ins Dorf vorzukämpfen, da sie bei dem Skelettfund eine Verbindung zu einem aktuellen Fall vermutet.
Eva ist der Typ, durchsetzungsstarke und ehrgeizige Ermittlerin und sie will unbedingt den Kindsmörder finden. Doch dazu braucht sie Adam, der sich im Dorf und seinen Bewohnern besser auskennt. Während sich die beiden unterschiedlichen Polizisten langsam aneinander gewöhnen und schließlich zusammen arbeiten, um das Geheimnis der Kinderknochen zu entschlüsseln, nehmen die Naturgewalten immer mehr zu. Dabei führen die Ermittlungen tief in Adam Wegebauers Vergangenheit.

Gleich der Beginn glänzt mit fesselnden sowie plastischen Beschreibungen des Sturmes. Es war mir dann aber fast schon zu ausführlich, da es öfter zu Wiederholungen kam. Die Geschichte lässt sich aufgrund eines flüssigen, gefälligen Schreibstils und sehr kurzen Kapiteln (Fitzek lässt grüßen) problemlos lesen. Mit einem gemächlichen Erzähltempo treibt Korn seinen Plot voran. Der Fall ist nicht superspannend, aber sehr undurchsichtig und macht von Anfang an neugierig. Die Umsetzung fand ich dann jedoch nur mäßig unterhaltsam. Das lag zum einen an dem ständigen Hin- und Hergerenne während des Sturmes und nicht komplett nachvollziehbarer Handlungen der Protas. Adams nasse Klamotten und die daraus resultierenden ‚Halsschmerzen bis zu den Ohren‘ nehmen viel zu viel Raum ein. Zum anderen bremsen ständige Rückblicke in Adams und noch einiger anderer Vergangenheiten die Geschichte aus. Für Adam und seine Schwester Elke war es keine leichte Kindheit, die immer wieder durch die Alkoholsucht und die permanenten Gewaltausbrüche des Vaters bestimmt wurde.

Dies ist der dritte Teil einer Trilogie, die alle in dem abgelegenen Bergdorf Talberg nahe der österreichischen Grenze spielen, allerdings zu unterschiedlichen Zeiten. Ich habe die Vorgängerbände nicht gelesen, dies ist auch nicht unbedingt nötig, da es sich jeweils um abgeschlossene Geschichten handelt. Das Titelbild deutet bereits eine düstere, beklemmende Atmosphäre an und tatsächlich liegt jederzeit eine große Trostlosigkeit über der kleinen Dorfgemeinschaft. Vorne auf dem Einband befindet sich eine Übersicht der handelnden Figuren. Das Buch ist in zwei Teile unterteilt und zwar in ‚Das Buch Adam‘ und ‚Das Buch Eva‘. Das Auftauchen von Eva belebt die Geschichte auf jeden Fall und sie bekommt mehr Dynamik, bevor es zum Schluss noch mal durch einige überraschende Wendungen und menschliche Abgründe spannend wird.

Ich finde die Charaktere einschließlich des traumatisierten, alkoholkranken Polizisten, der mit Dämonen aus der Vergangenheit kämpft ziemlich stereotyp gezeichnet. Auch bei weiteren Dorfbewohnern, der taffen LKA-Beamtin oder den Zugezogenen aus Warnemünde wird kein Klischee ausgelassen. Dialoge in urbayerisch sollen die Lebendigkeit steigern, als Ruhrpöttler habe ich nicht alles verstanden, konnte es mir aber aus dem Zusammenhang erklären.

Max Korn ist ein deutscher Schriftsteller, der seine Romane unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlicht. U.a. verfasst er als Luis Sellano seine Lissabon-Krimi-Reihe. Seine Jugend verbrachte er oft in dem kleinen Ort Thalberg im Bayerischen Wald, was ihn zu seiner Trilogie über den fiktiven Ort Talberg inspirierte.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Talberg 2022 | Erschienen am 09.05.2022 im Heyne Verlag
ISBN 978-3 45342-461-6
361 Seiten | 15,- €
Bibliografische Angaben und Leseprobe

Brian Selfon | Nachtarbeiter

Brian Selfon | Nachtarbeiter

„Du kennst einen Menschen erst, wenn du deine Nase in seine Kohle gesteckt hast.“ (Auszug E-Book Pos. 46 von 4643)

New Yorks Szeneviertel Brooklyn ist Schauplatz von Brian Selfons Krimidebüt. Hier im Schmelztiegel zwischen der hippen Kunstszene und dem Untergrund hat sich Shecky Keenan ein florierendes Unternehmen aufgebaut, das sich mit Geldwäsche im großen Stil beschäftigt. Eine Dienstleistung, die er für alle möglichen Kunden, die ihr Schwarzgeld waschen möchten, das organisierte Verbrechen aber auch normale Brooklyner Ladenbesitzer, anbietet. Dabei hat er sich darauf spezialisiert die Gelder über mehrere Konten und Scheinfirmen in aller Welt zu transferieren.

Die perfekte kleine Gaunerfamilie
Sein ganzes Wissen hat er an seinen Neffen Henry Vek weitergegeben, der mit 10 Jahren als Vollweise dastand. Onkel Shecky gab ihm ein neues Zuhause und führte ihn ins Familiengeschäft ein. Seit mittlerweile 12 Jahren bringt er ihm alles über Durchlauf- und Offshore-Konten, variable und tilgungsfreie Darlehen bei. Das ausgeklügelte System funktioniert auch so reibungslos, weil es strenge Regeln gibt, dessen Grundprinzip eine strikte Arbeitsteilung und Henry für die Anwerbung und Koordination der Kuriere zuständig ist.

Kerasha Brown, die erst vor einem Monat dazu stieß, komplettiert die dreiköpfige Gaunerfamilie. Die 23-jährige geborene Kleptomanin und begabte Fassadenkletterin kommt nach 6 Jahren auf Bewährung aus dem Knast. Sie muss regelmäßig Termine bei dem Psychiater Dr. Andrew Xu wahrnehmen um ein psychologisches Gutachten zu erhalten, dass ihr die Freiheit sichert. Schon als Kind war Kerasha die Dealerin ihrer Mutter und inzwischen ist sie selbst drogensüchtig. Shecky ist der Bewährungsbetreuer für die Tochter seiner verstorbenen Cousine und wirft sich vor, sich nicht eher um Kerasha gekümmert zu haben. Für ihn sind die drei Außenseiter eine absolut perfekte Brooklyner Familie und er kümmert sich liebevoll um seine Schützlinge, gibt ihnen Halt und setzt auf ein klassisches Familienleben mit regelmäßigen gemeinsamen Mahlzeiten.

Der Geldwäscher und der Künstler
Auf einer Vernissage in Bushwick, dem neuesten Brooklyn-Treff für Künstler und Möchtegerns lernt Henry den jungen Künstler Emil Scott kennen. Scott ist ein angesagter Maler, dessen Bilder auf der Metropolitan Avenue und in jedem zweiten Coffeeshop hängen. Neben seiner Kunst verkauft der ewig klamme Emil auch Drogen. Die beiden freunden sich an und Henry mit einer gewalttätigen sowie einer künstlerischen Ader, liebt es mit Emil nächtelang zu fachsimpeln. Die Verbindung zu einem aufstrebenden Künstler bereichert sein Leben, deshalb setzt er Emil auch gegen den ausdrücklichen Rat seines Onkels als neuen Kurier für Bargeldtransporte ein. Er verrät ihm alle Codewörter, bringt ihm bei, wie man anonym telefoniert und selbstlöschende Nachrichten verschickt, zeigt ihm die versteckten Einwurfkästen und Unterschlüpfe mit den darin befindlichen Nottaschen bepackt mit Revolvern, falschem Geld und Pässen.

Am nächsten Tag soll Emil wieder eine Tüte Bargeld befördern, sein erstes Schwergewicht. Doch er kommt an der Abgabestelle, dem MoneyGram in der Jay Street, nie an, und als Henry ihn endlich findet, ist seine Leiche längst kalt. (Auszug E-Book Pos. 154 von 4643)

Als Emil nach einem Kurierauftrag mit einer Tasche voll Schwarzgeld verschwindet und später ermordet aufgefunden wird, geraten die drei erstmalig in Bedrängnis. „Red Dog“, der neue Großkunde, dem jetzt die 250.000 Dollar fehlen, ist hinter der Familie her. Außerdem fühlt sich Shecky immer mehr verfolgt, das Haus wird beobachtet, die Schwarzgeldkonten eingefroren und Transaktionen können nicht mehr getätigt werden. Endgültig aus den Fugen gerät das friedliche Familienleben, als Henrys durchgeknallte Freundin Lipz sich einschaltet, die angeblich die Verbindung zu „Red Dog“ hergestellt hatte. Sie verlangt vehement ihren Anteil und wendet sich damit auch direkt an das Oberhaupt Shecky und bedrängt ihn.

Geldwäsche, Drogenhandel und Menschenhandel
Der wendungsreiche Plot beginnt mit dem Kennenlernen Henrys und Emils während der Vernissage. Davon ausgehend erfahren wir immer wieder in Zeitsprüngen vor, während und nach der Tat von den Hintergründen, die zur Ermordung Emils führten. Ständig wechselt der Autor die Perspektive, erzählt aus Sicht von Henry, Shecky, Kerasha oder Emil und zeichnet ihre Abhängigkeiten und Abgründe auf. Dazu kommt noch eine weitere Perspektive. Die Polizistin Zera wurde als Kind aus Montenegro in die USA verschleppt, konnte aus der Zwangsprostitution fliehen und hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, als Sonderermittlerin gegen Menschenhandel vorzugehen.

Die nicht chronologisch aufgebaute Handlung und die Sprünge in der Zeit und in den Perspektiven machen „Nachtarbeiter“ zu einer anspruchsvollen Lektüre und keinesfalls etwas für zwischendurch. Man muss schon konzentriert dabei bleiben um die Hintergründe und die mannigfaltigen Verstrickungen der Figuren geordnet zu bekommen. Jeder der drei Protagonisten zieht sein eigenes Ding durch und kocht sein eigenes Süppchen. Sie sind in dieses Milieu hineingeboren, für sie ist es selbstverständlich ihren Lebensunterhalt mit krimineller Energie zu verdienen. Das verbindet sie innerhalb der Familie und sie halten zusammen, es bleibt aber immer ein Rest Misstrauen bestehen. Die liebevolle Charakterisierung der facettenreichen Figuren nimmt einen breiten Raum ein. Das hat mich von Anfang an für die Geschichte eingenommen, auch wenn es an einigen Stellen etwas sperrig zu lesen war. Dafür wird man belohnt mit einer literarischen Sprache, einem warmherzigen und oft humorvollen Erzählstil und einer für mich völlig unerwarteten Auflösung.

Der Autor
Brian Selfons detaillierter Blick auf die Schattenseiten Brooklyns und ihre ungewöhnlichen Bürger wirkt sehr realistisch. Es zahlt sich aus, dass der Autor, der fast 20 Jahre in der Strafjustiz, davon rund 15 Jahre bei New Yorker Strafverfolgungsbehörden gearbeitet hat, weiß wovon er schreibt. Als leitender Ermittlungsanalytiker war er für das Büro des Brooklyner Bezirksstaatsanwalts für die Bereiche Geldwäsche und Mord zuständig. Aktuell lebt er mit seiner Familie in Seattle, wo er als Ermittler für die öffentliche Verteidigung tätig ist. Sein Debüt wechselt mühelos zwischen den Genres, ist ein intelligent geplotterter Kriminalroman Noir, eine dramatische Familiengeschichte, hat mich blendend unterhalten und gefordert.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Nachtarbeiter | Erschienen am 16.03.2022 bei Jumbo
ISBN 978-3 83374-425-9
368 Seiten | 22,- €
Originaltitel: The Nightworkers | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Sabine Längsfeld
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Peter Temple | Wahrheit

Peter Temple | Wahrheit

Als er sich zurücklehnte, den Adrenalinschub spürte, hatte er kurz das Gefühl, auf Singos Platz zu gehören: Stephen Villani, Chef des Morddezernats. Jemand, der es verdient hatte, Chef des Morddezernats zu sein.

Kurz. (Auszug S. 162)

Ich habe schon immer viel gelesen, überwiegend im Krimigenre. Seit etwa zehn Jahren als Amateurrezensent nochmal mehr als vorher. Dadurch habe ich eine gewisse Routine entwickelt, welches Buch mir denn gefallen könnte. Durch Wälzen von Vorschauen, Informationen über den Autor und Vorgängerbüchern, durch Meinungen anderer Rezensenten ist die Trefferquote dann eigentlich sehr hoch. Ich greife kaum noch zu Flops, weil ich schon vorher erahne, was mir nicht so passen könnte. Was ich auf der anderen Seite aber auch feststelle: Ich bin sehr zurückhaltend bei Superlativen geworden. Ich lese viele wirklich gute Bücher, aber dass ich die Höchstnote vergebe, kommt inzwischen sehr selten vor. In den letzten 18 Monaten nur drei Mal. Damit ich die 5 von 5 vergebe, muss inzwischen viel zusammenkommen: Setting, Figuren, Thema und ein sprachlich-literarischer Anspruch. Ich muss von Beginn an merken: Oha, hier will es der Autor oder die Autorin wissen. Und den hatte ich bei „Wahrheit“ direkt im ersten Absatz:

Sie fuhren über die West Gate Bridge, hinter Ihnen lag eine Wohnung in Altona, eine tote Frau, eigentlich noch ein Teenager, schmutzige, rot gefärbte Haare, ausgebleichte Tätowierungen, Stichverletzungen in Bauch, Brustkorb, Rücken, Gesicht, zu viele, um sie zu zählen. Dem Kind, männlich, zwei oder drei Jahre alt, hatte man den Kopf eingetreten. Überall war Blut. Auf dem Nylonteppich in Pfützen, eine Kette klebriger schwarzer Pfützen. (Auszug S.7)

Die beiden Männer, die eben an diesem grausigen Tatort waren, sind Kripochef Villani und sein Kollege Birkerts aus dem Morddezernat in Melbourne. Der grausige Doppelmord ist zwei Seiten weiter schon geklärt, aber er setzt den Ton für den weiteren Roman. Denn schon werden die Mordermittler zum nächsten Tatort gerufen. In einem Luxusapartment eines neu erbauten Hochhauskomplexes (inklusive Casino) wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Von Beginn an werden die Mordermittler um Stephen Villani nur unzureichend unterstützt. Die Security vor Ort ist keine Hilfe, auch bei den Vorgesetzten scheint der Fall keine Priorität zu besitzen. Da gerät ein zweiter Fall in den Fokus: In einer Gewerbeimmobilie wurden drei Kriminelle zum Teil brutal gefoltert und ermordet. Hier wird schnelle Aufklärung verlangt. Der Fall scheint eine Abrechnung im Milieu gewesen zu sein, hier ist zur Beruhigung der Bevölkerung ein rascher Erfolg vonnöten.
Nebenbei hat Inspector Villani auch privat einige Baustellen: Seine Ehe kriselt, er hat eine Geliebte, eine Journalistin eines lokalen Fernsehsenders. Seine minderjährige Tochter ist verschwunden und hängt offenbar mit Drogenabhängigen ab. Als Polizisten die Tochter aufgreifen, lässt Villani sie einige Stunden in Polizeigewahrsam schmoren und verschärft damit die familiäre Situation noch. Derweil hockt sein Vater im Hinterland auf seiner Farm, während gerade gewaltige Buschbrände toben. Villanis Versuche, ihn dort wegzulocken, sind vergeblich.

Orong winkte sie näher. Gillam und Barry neigten sich zu ihm hin.
„Ein Beispiel ist Prosilio“, sagte er und sah dabei Villani an, „man will nicht, dass irgendeine Nuttengeschichte ein Multimillionen-Dollar-Projekt beschädigt, ein Vorzeigeprojekt, ein Kronjuwel dieses Bezirks.“ […]
„Man findet jeden Tag tote Schlampen, stimmt’s, Inspector?“, sagte Orong. (Auszug S. 126)

Autor Peter Temple wurde 1946 in Südafrika geboren, arbeitete als Journalist. Er verlies bewusst 1977 das Apartheidregime, lebte einige Jahre in Deutschland und emigrierte dann 1980 nach Australien. Er arbeitete dort als Literaturdozent. Erst 1996 erschien „Bad Debts“, sein Debütroman und erster Band der vierteiligen Serie um den Privatermittler Jack Irish. Leider verstarb Temple bereits 2018 an Krebs. Er gilt aber weiterhin als einer der besten Krimiautoren Australiens. Fünfmal gewann er Australiens wichtigsten Krimipreis, den Ned Kelly Award, 2007 für „The Broken Shore“ auch als erster Australier den Gold Dagger, 2012 den Deutschen Krimipreis für „Wahrheit“. Und eigentlich reicht sein Ruf auch übers Genre hinaus, denn „Wahrheit“ ist einfach sensationell starke Literatur. In seiner Heimat gewann er mit dem Roman überraschend als Genreautor den allgemeinen Literaturpreis „Miles Franklin Award“.

Was den Roman so herausragend macht, ist das Zusammenspiel aller Zutaten. Schon allein sprachlich ist der Roman aus meiner Sicht außergewöhnlich gut, weil er dem Leser einiges abverlangt. Hier wird nichts nebenbei erklärt, keine Erklärdialoge geführt. Alles ist sprachlich höchst authentisch, verknappt, salopp, lakonisch. Die Stimmung ist düster und explosiv. Inspector Villani wird hier auf einer wahren Tour de Force begleitet, sowohl beruflich als auch privat. Dabei werden nebenbei große gesellschaftliche Probleme Australiens wie Machtmissbrauch und Korruption eingebettet und ein äußerst spannendes Bild von Polizeiarbeit gegeben. Temple bleibt aber permanent beim Protagonisten Villani und dessen Konflikten um Liebe, Ehe, Familie, das Verhältnis zum eigenen Vater und beruflich um die Loyalität im eigenen Team, das schwierige Agieren im Polizeiapparat und der Umgang mit den eigenen Leichen im Keller. Ein großartiger Roman.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Wahrheit | Erstmals erschienen 2009
Aktuell in der deutschen Übersetzung nur als E-Book verfügbar:
ISBN 978-3-641-06681-9 | 8,99 €
Originaltitel: Truth | Übersetzung aus dem Englischen von Hans M. Herzog
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Peter Temples Roman „Die Schuld vergangener Tage“