Kategorie: Andy Ruhr

Fred Vargas | Der Zorn der Einsiedlerin

Fred Vargas | Der Zorn der Einsiedlerin

„Nehmen wir an, unser Mörder hat sich eine kleine Sammlung von Einsiedlerspinnen zugelegt. Er packt zwei oder vier davon in einen Schuh, in eine Hose – Hose ist gut, denn da bleiben sie hängen -, in eine Socke oder in das Bett des Alten, und es gibt große Chancen, dass der Mann sie quetscht und sie ihn beißen.“
„Das Problem ist nur“, sagte Adamsberg, „dass man bei zwei von den Todesfällen weiß, dass der Biss der Spinne draußen im Freien erfolgte.“ „Scheiße“, sagte Voisenet. (Auszug Seite 172)

Mord durch Spinnenbisse

Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg genießt eine Auszeit in Island und es passt ihm gar nicht, als er offiziell nach Paris zurück beordert wird. Ein ungeklärter Mordfall, bei dem eine Frau überfahren wurde, wird dann auch ziemlich schnell im Vorbeigehen geklärt. Vielmehr interessiert den Kommissar die zufällig aufgeschnappte Nachricht vom Tode mehrerer Senioren in Südfrankreich. Dass die alten Männer aufgrund von Spinnenbissen der braunen Einsiedlerspinne verstarben, lässt ihn nicht mehr los. Ja es packt den verschrobenen Kommissar eigenartigerweise am Nacken und versetzt ihn in unerklärliche Unruhe. Der wunderbar versponnene Adamsberg, der statt rational lieber mit psychologischem Gespür an die Fälle herangeht, beobachtet noch kleinste Details, ermittelt hauptsächlich intuitiv und zieht daraus die richtigen Schlüsse. Er vermutet eine Mordserie mittels Spinnenbissen. Dabei ist das schon rein statistisch gar nicht möglich. Außerdem ist die braune Einsiedlerspinne, wie der Name schon vermuten lässt, ein sehr scheues Wesen, das sich in dunklen Ecken versteckt.

Adamsberg gegen die Brigade

Adamsberg recherchiert die Umstände erst mal hinter den Kulissen, da er von den Mitarbeitern der Brigade criminelle im 13. Arrondissement von Paris kaum Unterstützung erfährt. Er kann nur einige wenige Kollegen, wie Louis Veyrenc mit den rostroten Haarspitzen, der wie Adamsberg aus einem kleinen Pyrenäendorf stammt und ihn noch am besten versteht, auf seine Seite ziehen. Ausgerechnet sein Stellvertreter Adrien Danglard versucht einen Keil ins Team zu treiben, in dem er immer wieder die Ermittlungen blockiert und seinen Chef der Lächerlichkeit preisgibt. Die Stimmung im Kommissariat ist in diesem elften Band dadurch sehr angespannt. Die Zwietracht zwischen Adamsberg und seinem Freund und engstem Vertrauten Commandant Danglard mit dem enzyklopädischen Wissen fand ich sehr betrüblich, sorgt aber auch für einen realistischen Anstrich und bringt einen weiteren spannenden Aspekt ins Spiel.

Mobbing mit schlimmen Folgen

Während im Internet hitzige Diskussionen um die zunehmende Gefährlichkeit von Spinnen entbrennen und man beunruhigt über die Häufung der Todesfälle spekuliert, nimmt Adamsberg Kontakt zu einem Arachnologen auf. Er verbeißt sich in den Fall, gräbt immer tiefer und muss sich auch seiner eigenen Vergangenheit stellen. Die Spur führt in ein längst geschlossenes Waisenhaus in der Nähe von Nîmes, in dem in den 40er Jahren eine Bande grausamer Jugendlicher andere Kinder mit sadistischen Spielchen quälte, die lebenslange Schäden zur Folge hatten. Doch die Spur einer verspäteten Rache entpuppt sich als Sackgasse.

„1944 bis 1947. Das heißt zweiundsiebzig Spinnengenerationen vor den heutigen.“ „ Rechnen wir die Zeit jetzt in Spinnengenerationen?“, fragte Danglard. „ Und warum nicht?“ (Seite 226)

Als Lieutenant Froissy, die Computerexpertin der Brigade von einem Nachbarn sexuell belästigt wird, aber aus Scham keine Anzeige erstattet, zieht Adamsberg den Vergewaltiger aus dem Verkehr. Mit welcher Lässigkeit er diesen zur Strecke bringt und dass es ihm so wichtig ist, dass Froissy davon nichts mitbekommt, hat mich sehr berührt und für ihn eingenommen. Überhaupt die Brigade. Die schrulligen Gestalten werden so liebenswert mit allerlei Skurrilitäten gezeichnet, ich hatte das Gefühl alte und liebgewonnene Bekannte wiederzutreffen. Das hat mit der Realität natürlich nicht viel zu tun. Ich kann mir jedenfalls keine Dienststelle vorstellen, in dem das Maskottchen der Brigade, ein lebensuntüchtiger fetter Kater namens Die Kugel ständig auf dem Kopierer liegt, in dem eine Kollegin unverhältnismäßig viel Nahrung hortet oder ein anderer alle paar Stunden in den Tiefschlaf fällt. Aber alle haben auch ihre Stärken und werden genau dort eingesetzt, wo sie diese am besten entfalten können.

Und wenn dann die Ermittlungen stocken, und das tun sie oft, dann geht man ins Restaurant und isst erst mal Gabure, ein traditionelles Arme-Leute-Eintopfgericht aus den Pyrenäen und wenn dann noch mit einer Ernsthaftigkeit eine Amselfamilie gerettet wird, würde ich in jedem anderen Kriminalroman die Augen verdrehen. Aber hier ist alles stimmig, wird mit so viel absurdem Charme erzählt und ich kann nur jubilieren und Beifall klatschen!

Bis zum zugegeben etwas konstruierten Schluss wirft die französischen Autorin noch mit verschiedenen Nebelkerzen und führt den Leser sowie Adamsberg auf Irrwege während seines unkonventionellen Weges der Ermittlung.

Mystik und Zoologie

Wer einen realistischen Polizeiroman lesen will und viel Wert auf Plausibilität und Logik legt, ist mit der Schriftstellerin Fred Vargas nicht gut bedient. Aber wer ein Faible für phantasievolle Fabulierlust fernab vom Mainstream und Dutzendware mit wunderbar pointierten Dialogen hat, der sollte zugreifen. Vargas hat einen ganz eigenen literarischen Schreibstil. Die Historikerin, Mittelalterarchäologin und Archäozoologin verbindet den spannenden Kriminalfall mit mystischen Elementen und in diesem speziellen Fall auch noch mit Zoologie, denn es kommen außer Spinnen auch noch Totenkäfer, Tauben und Amseln vor. Sie bietet dem Leser einige Details zur Historie in dem sie die Geschichte der Einsiedlerinnen im Mittelalter streift. Dabei verliert sie nie ihren scharfen Blick auf die gesellschaftliche Realität, denn es geht um Gewalt gegen Frauen, um Vergewaltigung, um Kindesmissbrauch und die damit zusammenhängende Sprachlosigkeit, alles ohne große Effekthascherei geschildert.

Vargas unterhält mit poetischer Sprache und nicht zuletzt mit augenzwinkerndem Humor, der oft in den schrägen Dialogen aufblitzt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Zorn der Einsiedlerin | Erschienen am 29. Oktober 2018 bei Limes
ISBN 978-3-8090-2693-8
512 Seiten | 23.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Kurzrezension zu Fred Vargas Roman Das barmherzige Fallbeil

Jahresrückblick 2018 | Gunnar, Andy und Andrea

Jahresrückblick 2018 | Gunnar, Andy und Andrea

Gunnars beste Krimis des Jahres 2018

Da sich in diesem Jahr mein Computer mit meiner Jahresstatistik verabschiedet hat, ohne dass ich eine Kopie gezogen hätte, komme ich diesmal direkt zur Sache und küre meine Lieblingskrimis 2018 (in die Auswahl kommen wie immer nur die, die in 2018 veröffentlicht wurden).

Sehr zu empfehlen, aber nicht auf dem Treppchen:

André Georgi | Die letzte Terroristin

Deutschland 1991: Der Treuhandchef hat nicht nur einen undankbaren Job, sondern nährt eine Schlange an seiner Brust, denn seine persönliche Assistentin gehört zur RAF. Deutsche Geschichte mit eigenem Blick clever erzählt und mit scharfem Blick für die Figuren und die damaligen deutsch-deutschen Realitäten.

Claudia Piñeiro | Der Privatsekretär

Argentinien: Ein junger Mann heuert bei einer populistischen Partei an und wird ohne es zu merken, Teil eines perfiden Plans. Sehr überzeugend konzipierter Thriller, mit Einblick in die Mechanismen der Macht und Hegels Dialektik von Herr und Knecht. Am Ende gibt es die argentinische Version vom Manneken Pis – großartig!

Antti Tuomainen | Die letzten Meter bis zum Friedhof 

Finnische Provinz: Jaakko ist am Ende, sein Betrieb von Konkurrenten bedroht, von der Frau betrogen, von irgendjemand schleichend tödlich vergiftet. Doch noch ist nicht aller Tage Abend und Jaakko schlägt zurück. „Mushroom Business is a bloody business“: Skurriler, melancholischer, feinsinniger Krimihumor aus Finnland.

Hideo Yokoyama | 64

Japan, Präfektur D: Ein alter Vermisstenfall wird kurz vor der Verjährung wieder aus der Versenkung geholt und damit die Machtspiele innerhalb des Präsidiums befeuert. Mittendrin der Pressedirektor Mikami. Üppiges, beeindruckendes Epos über Macht, Pflicht, Loyalität und Verhaltensrituale in Japan. Und fast nebenbei ein kniffliger Kriminalfall.

Dominique Manotti | Kesseltreiben

Paris: Ein Topmanager wegen Korruption in den USA verhaftet, ein verschwundener Kronzeuge, eine sich anbahnende feindliche Unternehmensübernahme, eine unterbesetzte Ermittlungseinheit. Frei basierend auf der Übernahme Alstoms durch General Electric. So geht Wirtschaftskrieg heute. Gewohnt präzise und schnörkellos.

Thomas Mullen | Dark Town

Atlanta, 1948: Die ersten acht schwarzen Polizisten im Atlanta Police Department. Von den weißen Kollegen geschnitten und verhöhnt. Dazu ein Mord ein einer jungen Schwarzen, der niemanden interessiert. Ein starker historischer Polizeiroman, allerdings schwer verdaulich. Der Rassismus trieft aus allen Poren dieser Geschichte.

Tom Hillenbrand | Hologrammatica

London, 2088: Ein moderner „Private Eye“ ermittelt in der holografisch renovierten Zukunft. Sehr starker Sci-Fi-Thriller über KI. Alles weitere dazu bei Andy.

Und nun meine drei Favoriten für 2018:

Ian McGuire | Nordwasser

Hull/Nordwestatlantik 1859: Ein Walfänger auf seiner letzten Fahrt, ohne dass die Crew davon weiß. Ein Schiffsjunge wird missbraucht, ermordet. Der Schiffarzt ahnt, wer es wer, doch der Maschinist ist ein skrupelloser Gegner. Ein knallharter Roman über den Kampf zwischen Gut und Böse. Joseph Conrad trifft Herman Melville. Eindrucksvoll.

Denise Mina | Blut Salz Wasser

Helensburgh/Glasgow: Schottland vor dem Unabhängigkeitsreferendum. Ein Mord am Loch Lomond, eine verschwundene Geldwäscherin und der Kampf der Polizeibehörden um Drogengelder. Ein Mörder als traurigste Gestalt der Geschichte. Ein verzwickter Fall, dessen Auflösung am Ende bitter schmeckt. Faszinierend komponierter Krimi und Gesellschaftsroman, virtuos erzählt.

Tom Franklin | Krumme Type, krumme Type

Chabot, Mississippi: Der Außenseiter Larry Ott wird 25 Jahre nach Verschwinden seines Dates erneut für ein vermisstes Mädchen verantwortlich gemacht. Doch der schwarze Constable glaubt nicht daran, weil ihn ein kurzer Sommer der Freundschaft (die bitter zerbrach) mit Ott verbindet. Eine wunderbarer Plot, behutsam erzählt, großartige, tragische Protagonisten. Sensationelle Südstaatengeschichte. Mein Buch des Jahres!

 

Andys Top 3 des Jahres 2018

2018 war das Jahr der Serien für mich. Ich habe einige Reihen kennen gelernt, die ich unbedingt komplettieren möchte. Da ist zum Beispiel Simone Buchholz und ihre Krimi-Reihe um die Hamburger Staatsanwältin Chastitiy Riley. Nach der Lektüre von Mexikoring, dem 8. Band habe ich mir gleich die ersten Teile besorgt.

Die Amerikanerin von Deon Meyer brachte mir die Reihe um Bennie Griessel und Vaughn Cupido näher, die ich tatsächlich noch nicht kannte und gleich den Wunsch weckte, alle Teile zu lesen.

Im November war ich bei einer Lesung von Volker Kutscher, der den 7. Band seiner Gereon-Rath-Reihe vorstellte. „Marlow“ liegt hier noch ungelesen und dafür habe ich mir erst mal einige ältere Teile als Hörbücher geholt. Und zum Jahresende entdeckte ich beim Lesen von „Der Zorn der Einsiedlerin“, dass Fred Vargas nichts von ihrer Faszination verloren hat. Das hatte ich ein wenig aus den Augen verloren und so habe ich mir den Vorgängerband als Hörbuch besorgt.

Wenn man so viel liest und hört, reicht Spannung und Unterhaltungswert schon lange nicht mehr aus und so sind meine drei Top-Bücher 2018 etwas ganz Besonderes:

Mick Herron | Slow Horses

Ich war wirklich begeistert von dem Auftaktband des britischen Autors Mick Herron, welchen ich während unseres langen Spionagewochenendes las. Die lahmen Gäule, das ist eine Truppe ausgemusterter Geheimdienstler in London. Die in einem heruntergekommenen Gebäude abgeschobenen Looser werden nur noch mit langweiligen Routinearbeiten betraut. Das ändert sich, als ein junger Pakistani entführt wird, dessen Enthauptung live im Netz gezeigt werden soll. Die Geschichte, die immer wieder überraschende Volten schlägt, wird mit so viel trockenem Witz und großartig pointierten Dialogen erzählt, dass ich bei einem weiteren Band auf jeden Fall wieder dabei wäre. In Großbritannien sind bereits fünf Teile der mehrfach ausgezeichneten Spionageserie erschienen.

Keigo Higashino | Unter der Mitternachtssonne

Ich war schlichtweg begeistert von diesem raffiniert konstruierten Thriller, der ganz ohne große Action oder Blutvergießen auskommt. Auch nach dem Lesen während unseres Mini-Spezials Japan habe ich diese außergewöhnliche Geschichte nicht so schnell vergessen. Am Anfang steht der Mord an einem Pfandleiher an dem sich der ehrgeizige Kommissar Sasagaki die Zähne ausbeißt. In den nächsten Kapiteln ist dann von dem Kommissar nicht mehr die Rede. Stattdessen schildert der Autor sehr ausführlich und detailliert die Lebenswege von Ryo Kirihara, dem 11-jährigen Sohn des Pfandleihers und der gleichaltrigen, hübschen Yukiho über einen Zeitraum von fast 20 Jahren. Dabei ist jedes Kapitel eine kleine, abgeschlossene Kurzgeschichte und ermöglicht einen Einblick in die japanische Kultur. Erst ganz langsam fügen sich die Puzzlestücke um zwei rücksichtslose Intriganten zu einem Bild zusammen.

Tom Hillenbrand | Hologrammatica

Hillenbrand hat eine rasante Zukunftsvision erschaffen, die ich verschlungen habe. Der Autor überraschte schon vor einiger Zeit mit seinem futuristischen Krimi Drohnenland. Nun legte er mit Hologrammatica nach und schuf mit großem Einfallsreichtum und überbordender Phantasie ein absolut glaubhaftes Setting im Jahr 2088, dem man anmerkt, wie sehr ihm die von ihm kreierte Welt am Herzen liegt. Große Völkerwanderungen und die Möglichkeit seinen Körper zu wechseln ermöglichen es vielen Menschen zu verschwinden. Ein gutes Geschäft für Privatdetektive. Ein solcher ist Galahad Singh, ein sympathischer und kluger Mann mit indischen Wurzeln und der Ich-Erzähler dieses Romans. Er soll eine verschwundene Computerexpertin suchen und begibt sich dabei in große Gefahr. Ich liebe diese komplexe Story, die Hillenbrand rasant mit vielen überraschenden Wendungen sowie trockenen Humoreinschüben erzählt. Dabei ist es nicht nur eine klassische Detektivgeschichte eingebettet in einen abgefahrenen Si-Fi-Thriller. Es geht auch um die ganz großen Themen, wie den uralten Traum der Menschheit nach Unsterblichkeit.

 

Andreas Top Titel 2018

Megan Miranda | Tick Tack – Wie lange kannst du lügen

Nicolette kümmert sich um den Verkauf ihres Elternhauses, als eine Frau spurlos verschwindet. So einen Fall gab es vor zehn Jahren schon mal, damals ist Nics beste Freundin verschollen. Wiederholt sich die Geschichte nun? Das besondere an diesem Buch ist, dass es von hinten nach vorne erzählt wird. Dadurch hatte ich ein völlig neues Leseerlebnis, bei dem ich manchmal ganz schön umdenken musste.

Brenda Novak | Ich töte dich

Evelyn Talbot arbeitet in Alaska in einem Gefängnis mit Psychopathen, die sie erforscht. Dann werden Leichenteile gefunden und Evelyn befürchtet, dass ihr Ex-Freund Jasper, der sie vor Jahren eingesperrt und vergewaltigt hat, zurückgekehrt ist und sie nun endgültig töten will. Spannung wird durch die erschwerten Bedingungen der Ermittlung in Alaska aufgebaut. Außerdem kann das Ende punkten, in dem das „Ruder erneut herumgerissen“ wird, nachdem ich als Leser schon geglaubt habe, dass alles gut werden wird.

Ellen Sandberg | Die Vergessenen

Die Nichte von Vera erleidet einen Schlaganfall und Vera erfährt von geheimen Unterlagen, die ein Verbrechen aus dem zweiten Weltkrieg aufdecken. Auch Manolis Lefteris, ein Mann für besondere Aufträge, wurde auf diese Akten angesetzt. Kann das Geheimnis nach so langer Zeit gelüftet werden? Ein wahrer Pageturner, der nicht nur spannend, sondern auch interessant ist. Unterhaltungsliteratur trifft Geschichte.

Tim Herden | Schwarzer Peter

Der Unternehmer Werner Gilde stirbt und Witwe und Sohn beschuldigen sich gegenseitig dafür verantwortlich zu sein. Dann kommt es zu einem weiteren Todesfall. Stefan Rieder und Ole Damp ermitteln, ob es sich in beiden Fällen um Mord handelt. Ich liebe die wahren Schauplätze auf der Insel Hiddensee und habe die Geschichte auch deshalb verschlungen. Leider scheint das der letzte Fall der beiden Ermittler gewesen zu sein.

Dashiell Hammett | Der Malteser Falke

Dashiell Hammett | Der Malteser Falke

Unter Schmerzen preßte Cairo durch die Zähne: „Ich hätte Sie erschießen können, Mr. Spade!“ „Sie hätten es versuchen können“, räumte Spade ein. „Ich habe es nicht versucht.“ „Ich weiß.“ „Warum haben Sie mich dann geschlagen, nachdem ich entwaffnet war?“ „Tut mir leid“, sagte Spade mit einem wölfischen Grinsen, das seine Backenzähne sehen ließ, „aber stellen Sie sich meine Bestürzung vor, als ich feststellen mußte, daß ihr Fünftausend-Dollar-Angebot nur aus Luft besteht.“ „Da irren Sie sich, Mr. Spade. Das war und ist weiterhin ein ehrliches Angebot.“ (Auszug Seite 55)

Ende der 20er Jahre betreibt Samuel Spade zusammen mit seinem Partner Miles Archer in San Francisco eine Privatdetektei. Eines Tages werden sie von der attraktiven Miss Wonderley konsultiert, die sich Sorgen um ihre Schwester macht, da diese angeblich mit einem ziemlich windigen Typen namens Fred Thursby durchgebrannt sei. Das hört sich nach einem harmlosen aber gut bezahlten Routinefall an und so übernimmt Archer noch am gleichen Abend die Observierung von Thursby. Mitten in der Nacht erfährt Sam Spade durch die Polizei, dass sein Partner erschossen wurde. Noch während Spade am Fundort der Leiche eintrifft, wird auch Thursby ermordet aufgefunden.

Was führt die schöne Rothaarige im Schilde?

Sam verärgert die Polizei, da er nicht kooperieren und den Namen der Auftraggeberin verraten will. Währenddessen befürchtet Miles‘ Witwe Iva Archer, mit der Sam hinter Miles Rücken ein Verhältnis hatte, er habe Miles umgebracht, um mit ihr zusammen sein zu können.

Spade sucht seine Klientin im Hotel auf, die ihm sofort gesteht, die Geschichte mit ihrer Schwester erfunden zu haben. Ihr richtiger Name wäre Brigid O’Shaughnessy und sie wäre vor kurzem mit Thursby aus Hongkong gekommen. Die attraktive Rothaarige scheint vor irgendetwas Angst zu haben, rückt aber nicht richtig mit der Sprache raus und macht Spade schöne Augen, damit er ihr hilft.

In seinem Büro erhält Spade Besuch von dem geheimnisvollen, halbseidenen Joel Cairo. Dieser bietet ihm 5.000 US-Dollar für die Beschaffung einer gestohlenen circa 30 cm großen Figur eines schwarzen Vogels an, die Cairo im Besitz von Brigid O’Shaughnessy vermutet.

Wo ist der Vogel ?

Spade wird schon seit einiger Zeit von einem jungen Mann beschattet. Er stellt den Verfolger zur Rede und wird kurz darauf von dessen Boss angerufen und um ein Treffen ins Hotel Alexandria gebeten. Caspar „ G“ Gutman ist ebenfalls hinter der offenbar sehr wertvollen Vogelstatuette her. Nach kurzem Zögern verrät G ihm die Geschichte hinter dem Falken. Es handelt sich um ein Geschenk des Malteserordens im 16. Jahrhundert an den damaligen König von Schweden. Die mit kostbaren Edelsteinen und Juwelen verzierte Goldstatue wurde mit schwarzer Emailleschicht bedeckt, um den Wert zu verbergen. Gutman jagt schon seit 17 Jahren wie besessen hinter dem Malteser Falken her und verspricht Spade die hohe Summe von 10.000,00 US-Dollar für das Auftreiben des Falken. Und der gewiefte Detektiv blufft, spielt mit und lässt sich nicht in die Karten schauen.

Während aus einer anfangs harmlos scheinenden Observation eine mörderische Jagd nach einer wertvollen Statue wird, verirrt sich der Erzählfaden teilweise im Gewirr der undurchschaubaren Figuren. Am Schluss kommt es bei der Aufklärung der Morde noch zu einigen Überraschungen.

Der unterhaltsame Krimi ist kurzweilig aber nicht rasend spannend, dafür fehlt es an Dramatik. Er lebt von dem kontroversen Aufeinandertreffen seiner Figuren und der Fokussierung auf seine Hauptfigur. Die trockenen, sprachlich knappen Dialoge ziehen sich teilweise in die Länge. Obwohl Hammett sich nicht in ausschweifenden Beschreibungen verliert, wird die Atmosphäre der 30er Jahre gut eingefangen.

Wer ist Sam Spade?

Dashiell Hammett erzählt die Geschichte komplett aus der Perspektive seines Helden Sam Spade. Trotzdem wird dem Leser kein Einblick in die Gefühlswelt des Detektivs präsentiert, so dass man dem Protagonisten nie wirklich nahe kommt. Man weiß nicht, was man von ihm halten soll. Die Ermordung seines Partners scheint ihn nicht zu kümmern, mit Miss O’Shaughnessy beginnt er eine Affäre, aber ob er ihr glaubt, kann man nur vermuten. Dagegen nimmt die Beschreibung der äußerlichen Kennzeichen wie zum Beispiel Gestik und Mimik übertrieben viel Raum ein. Sam wird als umgänglicher, blonder Satan beschrieben, dessen Gesicht aus lauter V’s besteht und der mit gelbgrauen Augen ein wölfisches Lächeln zeigt, dagegen wechselt seine Hautfarbe ins Gelbliche, wenn er wütend wird. Ich hatte beim Lesen die ganze Zeit Humphrey Bogart vor Augen. Dabei ist die kongeniale Kinoversion von John Huston aus dem Jahre 1931 bereits die dritte Verfilmung des Stoffes. Und für Bogart war es die Rolle, die ihn zum Kultstar machte.

Mit der Figur des Samuel Spade hat Dashiell Hammett eine unvergessliche Figur erschaffen, praktisch den Archetyp des hartgesottenen, coolen Privatdetektivs in Literatur und Film. Ein zynischer Einzelgänger ohne Illusionen, der niemandem traut. Er ist viel zu schlau, um sich manipulieren zu lassen und laviert opportun zwischen den Parteien.

Heute wirkt das vom Autor kreierte Figurenpersonal klischeehaft, aber zu seiner Zeit hat Hammett Maßstäbe gesetzt, denn zum ersten Mal waren die Charaktere alle rücksichtslos und konnten nicht einfach in Gut und Böse aufgeteilt werden. In einer skrupellosen Gesellschaft sind die habgierige Figuren in Der Malteser Falke nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht, lügen und betrügen. Die düstere Bild- und Figurenwelt sowie die pessimistische Grundstimmung als Unterschied zum klassischen englischen Krimi revolutionierte in den 30er Jahren den Detektivroman. Ein Klassiker mit knapp 230 Seiten, den ich gerne gelesen habe!

Dashiell Hammett wurde 1894 in Maryland geboren. Mit 13 Jahren arbeitete er bereits in einer Detektivagentur, kann also aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen. Er gilt neben Raymond Chandler als stilbildend für das Genre des Detektivromans und als Begründer der hardboiled Novel. Aufgrund seiner Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei geriet er in die Mühlen der McCarthy-Ära. Seine Aussagen vor dem McCarthy-Ausschuss 1953 wurden im Fernsehen übertragen. Er saß im Gefängnis und verstarb verarmt im Jahre 1961.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Malteser Falke | Erstveröffentlichung …
Die aktuelle Ausgabe erschien am 1. Mai 2004 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-20131-4
240 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Adventsspezials Privatdetektive.

Daphne du Maurier | Die Vögel ♬

Daphne du Maurier | Die Vögel ♬

Als Kind war der geniale Schocker „Die Vögel“ von Alfred Hitchcock das Spannendste und Gruseligste, was ich mir vorstellen konnte. Das Meisterwerk von dem amerikanischen Filmemacher aus dem Jahr 1963, der als Klassiker des Horrorgenres gilt, bezieht sich auf eine Kurzgeschichte der englischen Autorin Daphne du Maurier. Der Kultregisseur übernahm aber nur das Motiv der mörderischen Vogelattacken und hat die Story vom regnerischen Küstenort in Cornwall an die sonnige kalifornische Küste verlegt. Auch die Charaktere und der Handlungsverlauf wurden vollständig ausgewechselt.

Ich war erst skeptisch, aber Gott sei Dank habe ich mich für das Hörbuch entschieden, denn die Bearbeitung hat mich begeistert!

Nat Hocken ist ein einfacher Landarbeiter und lebt mit Frau und Kindern an der englischen Küste. Da er im zweiten Weltkrieg verwundet wurde, bekommt er eine kleine Invalidenrente und ist an ein paar Tagen die Woche bei seinem Nachbarn auf der Farm mit leichten Arbeiten beschäftigt. So hat der ruhige, nachdenkliche Einzelgänger Nat genug Zeit, die Natur und besonders die Vögel zu beobachten.

Eines Tages im Spätherbst fällt ihm auf, dass riesige Vogelschwärme laut kreischend und pfeifend über der Küste kreisen und in ihrer Vielzahl – ähnlich einer großen Wolke – den Himmel verdunkeln. Es sind unnatürlich viele Tiere und sie erscheinen ihm rastloser und unruhiger denn je. Nat ist der erste, dem auffällt, dass die See- und Landvögel sich eigenartig, fast aggressiv benehmen. Sie scheinen sich zu sammeln und Abertausende Möwen verwandeln das Meer in ein weißes Möwenmeer.

Der Angriff

Von einem Tag zum anderen verändert sich das Wetter und es wird bitterkalt, hervorgerufen durch einen eisigen Ostwind. In der Nacht versuchen mehrere Dutzend kleiner Singvögel in das Haus einzubrechen und die beiden kleinen, im oberen Stockwerk schlafenden Kinder Jill und Johnny anzugreifen. Nur mit Mühe kann Nat die Vögel davon abbringen, den Kindern die Augen auszuhacken. Während in der Nachbarschaft noch nach Erklärungen für das Verhalten der Vögel gesucht wird und sein Chef meint, den Vögeln mit der Schrotflinte beizukommen, wird Nat immer unruhiger und beschließt am nächsten Tag, seine Tochter vom Schulbus abzuholen. Auf dem Rückweg können sie nur mühsam die Angriffe der Vögel abwehren.

Nat mutmaßt, dass die Vögel nicht verwirrt sind, sondern vorsätzlich und mit einem Killerinstinkt ausgestattet angreifen um zu töten. Er muss an die deutschen Luftangriffe im Krieg denken. Er zieht als Einziger die richtigen Schlüsse und beginnt in aller Eile sein kleines Haus zu befestigen und verbarrikadiert die Fenster und den Kamin mit Brettern. Aus dem Radio erfährt die Familie, dass der Notstand ausgerufen wurde und dass es die Angriffe im ganzen Land gab. Nat beobachtet, dass die Vögel nur bei Flut angreifen, deshalb will er die Zeit während der Ebbe nutzen um sich mit Nahrungsmitteln einzudecken. Als er und seine Familie sich daraufhin bis zum Nachbarn durchschlagen, finden sie auf der Farm alle getötet vor.

Die Apokalypse

Am nächsten Tag bleibt das Radio stumm, denn kein Radiosender sendet mehr. Jetzt greifen auch die Möwen und andere Vogelarten an und hacken erbarmungslos mit ihren Schnäbeln an den Fensterläden. Sie scheinen über eine kollektive Intelligenz zu verfügen und stoßen immer wieder in Formationen vor. Nat und seine Familie verschanzen sich in der Küche und werden Zeuge, wie nicht einmal Kampfflugzeuge der Lage Herr werden. Wie eine Phalanx attackieren sämtliche Vogelrassen in der eindeutigen Absicht zu töten und sogar den eigenen Tod in Kauf nehmend. Die Vögel schlagen zurück! Warum weiß man nicht, denn das Ende ist offen und es gibt keine Erklärung für das Verhalten der gefiederten Tiere. Nat und seine Familie können sich nur von Tag zu Tag retten.

Horror vom Feinsten

Daphne du Maurier hat hier eine wirklich düstere, literarisch anspruchsvolle Kurzgeschichte geschrieben, in dem kein Wort zu viel ist. Ohne große Effekthascherei und total auf den Punkt kreiert sie eine verstörende Stimmung, in dem sie normale Menschen im Alltagsleben in ausweglose, lebensbedrohliche Situationen bringt. Man meint fast das grauenvolle Flattern Tausender Flügel oder die erbarmungslos hackenden Schnäbel zu hören. Man spürt die unnatürliche Kälte aus Russland, den bitterkalten Wind, der die Bäume entlaubt und den schwarzen Frost bringt, den schwarzen, nicht den weißen Frost! Das beschreibt sie so beklemmend, dass ich tatsächlich an einigen Stellen vor Spannung meine Hände ins Lenkrad krampfte.

Dazu hat auch die hervorragende Inszenierung durch Jens Wawrczeck beigetragen. Der Schauspieler und Synchronsprecher, bekannt vor allen als Mitglied der Hörspielserie Die Drei ??? flüstert, schreit, poltert und bebt immer an den richtigen Stellen und schafft es auch, dem melancholischen Nat Leben einzuhauchen. Er trifft den Ton und versteht es, die Stimmung perfekt in Szene zu setzen.

Anmerkung dR: Jens Wawrczeck hat vor einigen Jahren beim Verlag Vitaphon sein eigenes Label Audoba gegründet. Darin veröffentlicht er Lesungen und Hörspiele von Werken, die ihm besonders am Herzen liegen. Da er auch ein großer Hitchcock-Fan ist, hat er in seinem Label die Reihe „Verfilmt von Alfred Hitchcock“ aufgelegt, darin veröffentlicht er die Bücher als Lesungen, die Hitchcock zu seinen Filmen inspirierten. (Quelle: hr2 Kultur) Bisher sind in dieser Reihe elf Hörbücher erschienen, Die Vögel ist das zuletzt aufgelegte.

Daphne du Maurier war eine britische Schriftstellerin, die 1989 als 72-jährige in Cornwall verstarb. Ich kannte von ihr den ebenfalls von Hitchcock verfilmten Roman Rebecca, der ein Welterfolg wurde. Auch viele anderen Werke von ihr wurden verfilmt, am bekanntesten sicher die Verfilmung der Erzählung „Dreh dich nicht um“ besser bekannt unter dem Titel Wenn die Gondeln Trauer tragen mit Donald Sutherland und Julie Christie inszeniert. Ihre Romane und Erzählungen zeichnen sich meistens durch psychologische Spannung aus, gehen oft ins Mystische und beinhalten auch immer ein bisschen Drama. 1969 wurde sie von der Queen zur „Dame“ ernannt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die Vögel | Das Hörbuch erschien am 18. Juni 2018 bei Audoba im Vitaphon Verlag
ISBN 978-3-942210-49-2
1 Audio CD | 14.95 Euro
Laufzeit: 100 Minuten
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Weiterlesen: Zur Hörbuch-Reihe „Verfilmt von Alfred Hitchcock“ von Jens Wawrczeck bei Vitaphon bzw. Audoba

Reinhören: Bei hr2 Kultur gab es einen knapp 9-minütigen Beitrag zu diesem Hörbuch.

Auch bei uns: Andy hat aus der selben Reihe bereits das Hörbuch Spellbound besprochen.

Mick Herron | Slow Horses

Mick Herron | Slow Horses

River hatte die Zielperson fast erreicht – er war eine halbe Sekunde entfernt. Aber er war nicht annähernd nahe genug. Die Zielperson zog an einer Schnur am Gürtel. Und das war’s. (Auszug Seite 22)

Fiasko am Londoner King’s Cross Bahnhof

Ohne große Einleitung finden wir uns mitten in einer missglückten Observierung wieder. Am Londoner Hauptbahnhof verfolgt der junge MI5-Agent River Cartwright aufgrund einer Verwechslung die falsche Zielperson.

Die Handlung nimmt Fahrt auf, denn es gilt einen Terroranschlag zu verhindern. Dabei gelingt es dem Autor glänzend, die Hektik und Dramatik dieses Szenarios wiederzugeben. Mit einem flotten, knackigen aber auch bildhaften Schreibstil dreht er gekonnt an der Spannungsschraube bis zum nervenzerreißenden Cliffhanger.

Nach diesem furiosen Start geht es erst mal ruhiger weiter. River Cartwright landet nach dem total missglückten Einsatz im Slough House, einem alten runtergekommenen Gebäude in London. Dieses dient als Auffangbecken für aus verschiedenen Gründen in Ungnade gefallene Agenten. Diese werden von allen nur despektierlich Slow Horses genannt. Eine bunt zusammengewürfelte Truppe von Versagern, abgeschoben vom Hauptquartier im Regent’s Park, die man einfach nicht los wird. Sie werden mit sinnlosen Aufgaben betraut, in der Hoffnung, dass sie aus lauter Frust von selbst kündigen.

Mick Herron nimmt sich viel Zeit für die Einführung seiner Figuren, was ja auch Sinn macht, denn es handelt sich um den Auftaktband einer Reihe, von der in Großbritannien bereits vier weitere Bände erschienen sind. Sein Blick auf die Charaktere ist dabei immer sachlich und distanziert. Außer vielleicht auf River Cartwright, von dem man die meisten Hintergrundinformationen erfährt.

Die lahmen Gäule

Da ist zum Beispiel Min Harper, der eine CD-ROM mit Geheimdienstinformationen im Zug liegen gelassen hat. Oder der sozial inkompetente Computer-Nerd Roderick Ho, der andere Menschen für überflüssig hält. Catherine Standish ist der gute Geist von Slough House, eine 48-jährige trockene Alkoholikerin und ehemalige Privatsekretärin eines hohen Tiers beim MI5, etwa wie Miss Moneypenny. Nur vom korpulenten und ungepflegten Teamleiter selbst weiß niemand die Gründe seiner Abservierung. Dem rätselhaften Jackson Lamb, vor langer Zeit einer Legende im Dienst ihrer Majestät, jetzt nur noch verbittert und faul, scheint es Spaß zu machen, andere Menschen zu verletzen und zu brüskieren. Er wirkt distanziert, was der Autor noch verstärkt, indem wir nur erfahren, was Lamb sagt und tut, aber nie was er denkt.

Die Truppe mag sich untereinander nicht und kommuniziert nur das Nötigste. Sie wirken wie erstarrt in ihren sinnlosen Tätigkeiten und manche hoffen auf Rehabilitierung. Andere wiederum sind völlig desillusioniert und wissen, dass die Rückkehr zum Hauptquartier noch niemandem gelungen ist. Besonders für den ehrgeizigen River erscheinen die Arbeiten besonders frustrierend, und so macht er sich ziemlich lustlos daran, den stinkenden Müll eines Journalisten zu durchsuchen. Dabei kann er noch froh sein, nicht entlassen worden zu sein. Und das auch nur wegen seines Großvaters David Cartwright, genannt OB für Old Bastard, der bis zu seiner Pensionierung eine große Nummer beim britischen Geheimdienst war.

Das ändert sich, als ein Video ins Netz gestellt wird, dass ganz London in Atem hält. Ein junger Mann pakistanischer Herkunft wurde entführt und die Entführer wollen ihn innerhalb zwei Tagen köpfen und diese Hinrichtung live im Netz zeigen. In einem weiteren Erzählstrang verfolgen wir, wie der entführte 19-jährige Hassan um sein Leben bangt. Bei den drei Entführern handelt es sich um nicht besonders clevere, britische Nationalisten. Um mit seiner Todesangst klar zu kommen, nennt Hassan sie in Gedanken Larry, Moe und Curly nach der Komikertruppe The Three Stooges. Wären es zwei, würde er sie Dick und Doof nennen.

Lambs Stimme wurde flach und ausdruckslos. Der Junge auf dem Monitor, die Kapuze über seinem Kopf. Die Zeitung in seiner Hand – es hätte ein Bildschirmschoner sein können. Er sagte: „Dachten Sie etwa, das Rote Telefon würde läuten und Lady Di alle Mann an Deck rufen? Nein, wir werden uns das im Fernsehen ansehen, wie alle anderen auch. Und wir werden nichts unternehmen. Das ist etwas für die großen Jungs, und Sie alle hier dürfen nicht mit den großen Jungs spielen. Oder haben Sie das vergessen?“ (Seite 144)

Londoner Regeln

Es stellt sich heraus, dass der britische Geheimdienst seine schmutzigen Hände mit im Spiel hat und der entführte Junge nur das Werkzeug in einem wirklich niederträchtigen Plan darstellt. Ganz langsam wachen die lahmen Gäule auf, die ja mal ausgebildete Agenten mit Karriereaussichten waren. Die Protagonisten besinnen sich auf ihre Fähigkeiten, gewinnen alte Stärken zurück und wachsen über sich hinaus. Catherine Standish übernimmt die Rolle der Anführerin und brennt auf einmal wieder mit voller Wattzahl. Und es zeigt sich, dass das überhebliche Scheusal Jackson Lamb zur Furie wird, wenn es darum gilt, seine Agenten zu beschützen, die zu Sündenböcken gemacht werden sollen. Aber nicht jeder aus Lambs Team wird es bis zum Ende hin schaffen.

Ab diesem Punkt überschlagen sich die Ereignisse und die Spannungskurve geht durch schnell wechselnde Perspektiven, die manchmal nur eine Seite dauern, und vielen unglaublichen, überraschenden Wendungen deutlich nach oben. Beim Duell mit der Vizedirektorin des MI5, der coolen, opportunen Diana Taverner, genannt Lady Di und dem abgebrühtem Schlitzohr Jackson Lamb brilliert Mick Herron mit großartigen pointierten Dialogen. Jetzt gelten Londoner Regeln, die besagen: Im Ernstfall rettet jeder seine eigene Haut.

Ich weiß nicht, ob die Darstellung der Spionage-Arbeit, im Besonderen die des britischen Geheimdienstes, besonders realistisch dargestellt wurde, aber ich wäre auf jeden Fall bei einem weiteren Band der in England mehrfach ausgezeichneten Serie dabei.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Slow Horses | Erschienen am 1. September 2018 bei Diogenes
ISBN 978-3-257-86-333-8
480 Seiten | 24.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17specials Ein langes Wochenende mit… Spionageromanen.