Kategorie: Andy Ruhr

Daphne du Maurier | Die Vögel ♬

Daphne du Maurier | Die Vögel ♬

Als Kind war der geniale Schocker „Die Vögel“ von Alfred Hitchcock das Spannendste und Gruseligste, was ich mir vorstellen konnte. Das Meisterwerk von dem amerikanischen Filmemacher aus dem Jahr 1963, der als Klassiker des Horrorgenres gilt, bezieht sich auf eine Kurzgeschichte der englischen Autorin Daphne du Maurier. Der Kultregisseur übernahm aber nur das Motiv der mörderischen Vogelattacken und hat die Story vom regnerischen Küstenort in Cornwall an die sonnige kalifornische Küste verlegt. Auch die Charaktere und der Handlungsverlauf wurden vollständig ausgewechselt.

Ich war erst skeptisch, aber Gott sei Dank habe ich mich für das Hörbuch entschieden, denn die Bearbeitung hat mich begeistert!

Nat Hocken ist ein einfacher Landarbeiter und lebt mit Frau und Kindern an der englischen Küste. Da er im zweiten Weltkrieg verwundet wurde, bekommt er eine kleine Invalidenrente und ist an ein paar Tagen die Woche bei seinem Nachbarn auf der Farm mit leichten Arbeiten beschäftigt. So hat der ruhige, nachdenkliche Einzelgänger Nat genug Zeit, die Natur und besonders die Vögel zu beobachten.

Eines Tages im Spätherbst fällt ihm auf, dass riesige Vogelschwärme laut kreischend und pfeifend über der Küste kreisen und in ihrer Vielzahl – ähnlich einer großen Wolke – den Himmel verdunkeln. Es sind unnatürlich viele Tiere und sie erscheinen ihm rastloser und unruhiger denn je. Nat ist der erste, dem auffällt, dass die See- und Landvögel sich eigenartig, fast aggressiv benehmen. Sie scheinen sich zu sammeln und Abertausende Möwen verwandeln das Meer in ein weißes Möwenmeer.

Der Angriff

Von einem Tag zum anderen verändert sich das Wetter und es wird bitterkalt, hervorgerufen durch einen eisigen Ostwind. In der Nacht versuchen mehrere Dutzend kleiner Singvögel in das Haus einzubrechen und die beiden kleinen, im oberen Stockwerk schlafenden Kinder Jill und Johnny anzugreifen. Nur mit Mühe kann Nat die Vögel davon abbringen, den Kindern die Augen auszuhacken. Während in der Nachbarschaft noch nach Erklärungen für das Verhalten der Vögel gesucht wird und sein Chef meint, den Vögeln mit der Schrotflinte beizukommen, wird Nat immer unruhiger und beschließt am nächsten Tag, seine Tochter vom Schulbus abzuholen. Auf dem Rückweg können sie nur mühsam die Angriffe der Vögel abwehren.

Nat mutmaßt, dass die Vögel nicht verwirrt sind, sondern vorsätzlich und mit einem Killerinstinkt ausgestattet angreifen um zu töten. Er muss an die deutschen Luftangriffe im Krieg denken. Er zieht als Einziger die richtigen Schlüsse und beginnt in aller Eile sein kleines Haus zu befestigen und verbarrikadiert die Fenster und den Kamin mit Brettern. Aus dem Radio erfährt die Familie, dass der Notstand ausgerufen wurde und dass es die Angriffe im ganzen Land gab. Nat beobachtet, dass die Vögel nur bei Flut angreifen, deshalb will er die Zeit während der Ebbe nutzen um sich mit Nahrungsmitteln einzudecken. Als er und seine Familie sich daraufhin bis zum Nachbarn durchschlagen, finden sie auf der Farm alle getötet vor.

Die Apokalypse

Am nächsten Tag bleibt das Radio stumm, denn kein Radiosender sendet mehr. Jetzt greifen auch die Möwen und andere Vogelarten an und hacken erbarmungslos mit ihren Schnäbeln an den Fensterläden. Sie scheinen über eine kollektive Intelligenz zu verfügen und stoßen immer wieder in Formationen vor. Nat und seine Familie verschanzen sich in der Küche und werden Zeuge, wie nicht einmal Kampfflugzeuge der Lage Herr werden. Wie eine Phalanx attackieren sämtliche Vogelrassen in der eindeutigen Absicht zu töten und sogar den eigenen Tod in Kauf nehmend. Die Vögel schlagen zurück! Warum weiß man nicht, denn das Ende ist offen und es gibt keine Erklärung für das Verhalten der gefiederten Tiere. Nat und seine Familie können sich nur von Tag zu Tag retten.

Horror vom Feinsten

Daphne du Maurier hat hier eine wirklich düstere, literarisch anspruchsvolle Kurzgeschichte geschrieben, in dem kein Wort zu viel ist. Ohne große Effekthascherei und total auf den Punkt kreiert sie eine verstörende Stimmung, in dem sie normale Menschen im Alltagsleben in ausweglose, lebensbedrohliche Situationen bringt. Man meint fast das grauenvolle Flattern Tausender Flügel oder die erbarmungslos hackenden Schnäbel zu hören. Man spürt die unnatürliche Kälte aus Russland, den bitterkalten Wind, der die Bäume entlaubt und den schwarzen Frost bringt, den schwarzen, nicht den weißen Frost! Das beschreibt sie so beklemmend, dass ich tatsächlich an einigen Stellen vor Spannung meine Hände ins Lenkrad krampfte.

Dazu hat auch die hervorragende Inszenierung durch Jens Wawrczeck beigetragen. Der Schauspieler und Synchronsprecher, bekannt vor allen als Mitglied der Hörspielserie Die Drei ??? flüstert, schreit, poltert und bebt immer an den richtigen Stellen und schafft es auch, dem melancholischen Nat Leben einzuhauchen. Er trifft den Ton und versteht es, die Stimmung perfekt in Szene zu setzen.

Anmerkung dR: Jens Wawrczeck hat vor einigen Jahren beim Verlag Vitaphon sein eigenes Label Audoba gegründet. Darin veröffentlicht er Lesungen und Hörspiele von Werken, die ihm besonders am Herzen liegen. Da er auch ein großer Hitchcock-Fan ist, hat er in seinem Label die Reihe „Verfilmt von Alfred Hitchcock“ aufgelegt, darin veröffentlicht er die Bücher als Lesungen, die Hitchcock zu seinen Filmen inspirierten. (Quelle: hr2 Kultur) Bisher sind in dieser Reihe elf Hörbücher erschienen, Die Vögel ist das zuletzt aufgelegte.

Daphne du Maurier war eine britische Schriftstellerin, die 1989 als 72-jährige in Cornwall verstarb. Ich kannte von ihr den ebenfalls von Hitchcock verfilmten Roman Rebecca, der ein Welterfolg wurde. Auch viele anderen Werke von ihr wurden verfilmt, am bekanntesten sicher die Verfilmung der Erzählung „Dreh dich nicht um“ besser bekannt unter dem Titel Wenn die Gondeln Trauer tragen mit Donald Sutherland und Julie Christie inszeniert. Ihre Romane und Erzählungen zeichnen sich meistens durch psychologische Spannung aus, gehen oft ins Mystische und beinhalten auch immer ein bisschen Drama. 1969 wurde sie von der Queen zur „Dame“ ernannt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die Vögel | Das Hörbuch erschien am 18. Juni 2018 bei Audoba im Vitaphon Verlag
ISBN 978-3-942210-49-2
1 Audio CD | 14.95 Euro
Laufzeit: 100 Minuten
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Weiterlesen: Zur Hörbuch-Reihe „Verfilmt von Alfred Hitchcock“ von Jens Wawrczeck bei Vitaphon bzw. Audoba

Reinhören: Bei hr2 Kultur gab es einen knapp 9-minütigen Beitrag zu diesem Hörbuch.

Auch bei uns: Andy hat aus der selben Reihe bereits das Hörbuch Spellbound besprochen.

Mick Herron | Slow Horses

Mick Herron | Slow Horses

River hatte die Zielperson fast erreicht – er war eine halbe Sekunde entfernt. Aber er war nicht annähernd nahe genug. Die Zielperson zog an einer Schnur am Gürtel. Und das war’s. (Auszug Seite 22)

Fiasko am Londoner King’s Cross Bahnhof

Ohne große Einleitung finden wir uns mitten in einer missglückten Observierung wieder. Am Londoner Hauptbahnhof verfolgt der junge MI5-Agent River Cartwright aufgrund einer Verwechslung die falsche Zielperson.

Die Handlung nimmt Fahrt auf, denn es gilt einen Terroranschlag zu verhindern. Dabei gelingt es dem Autor glänzend, die Hektik und Dramatik dieses Szenarios wiederzugeben. Mit einem flotten, knackigen aber auch bildhaften Schreibstil dreht er gekonnt an der Spannungsschraube bis zum nervenzerreißenden Cliffhanger.

Nach diesem furiosen Start geht es erst mal ruhiger weiter. River Cartwright landet nach dem total missglückten Einsatz im Slough House, einem alten runtergekommenen Gebäude in London. Dieses dient als Auffangbecken für aus verschiedenen Gründen in Ungnade gefallene Agenten. Diese werden von allen nur despektierlich Slow Horses genannt. Eine bunt zusammengewürfelte Truppe von Versagern, abgeschoben vom Hauptquartier im Regent’s Park, die man einfach nicht los wird. Sie werden mit sinnlosen Aufgaben betraut, in der Hoffnung, dass sie aus lauter Frust von selbst kündigen.

Mick Herron nimmt sich viel Zeit für die Einführung seiner Figuren, was ja auch Sinn macht, denn es handelt sich um den Auftaktband einer Reihe, von der in Großbritannien bereits vier weitere Bände erschienen sind. Sein Blick auf die Charaktere ist dabei immer sachlich und distanziert. Außer vielleicht auf River Cartwright, von dem man die meisten Hintergrundinformationen erfährt.

Die lahmen Gäule

Da ist zum Beispiel Min Harper, der eine CD-ROM mit Geheimdienstinformationen im Zug liegen gelassen hat. Oder der sozial inkompetente Computer-Nerd Roderick Ho, der andere Menschen für überflüssig hält. Catherine Standish ist der gute Geist von Slough House, eine 48-jährige trockene Alkoholikerin und ehemalige Privatsekretärin eines hohen Tiers beim MI5, etwa wie Miss Moneypenny. Nur vom korpulenten und ungepflegten Teamleiter selbst weiß niemand die Gründe seiner Abservierung. Dem rätselhaften Jackson Lamb, vor langer Zeit einer Legende im Dienst ihrer Majestät, jetzt nur noch verbittert und faul, scheint es Spaß zu machen, andere Menschen zu verletzen und zu brüskieren. Er wirkt distanziert, was der Autor noch verstärkt, indem wir nur erfahren, was Lamb sagt und tut, aber nie was er denkt.

Die Truppe mag sich untereinander nicht und kommuniziert nur das Nötigste. Sie wirken wie erstarrt in ihren sinnlosen Tätigkeiten und manche hoffen auf Rehabilitierung. Andere wiederum sind völlig desillusioniert und wissen, dass die Rückkehr zum Hauptquartier noch niemandem gelungen ist. Besonders für den ehrgeizigen River erscheinen die Arbeiten besonders frustrierend, und so macht er sich ziemlich lustlos daran, den stinkenden Müll eines Journalisten zu durchsuchen. Dabei kann er noch froh sein, nicht entlassen worden zu sein. Und das auch nur wegen seines Großvaters David Cartwright, genannt OB für Old Bastard, der bis zu seiner Pensionierung eine große Nummer beim britischen Geheimdienst war.

Das ändert sich, als ein Video ins Netz gestellt wird, dass ganz London in Atem hält. Ein junger Mann pakistanischer Herkunft wurde entführt und die Entführer wollen ihn innerhalb zwei Tagen köpfen und diese Hinrichtung live im Netz zeigen. In einem weiteren Erzählstrang verfolgen wir, wie der entführte 19-jährige Hassan um sein Leben bangt. Bei den drei Entführern handelt es sich um nicht besonders clevere, britische Nationalisten. Um mit seiner Todesangst klar zu kommen, nennt Hassan sie in Gedanken Larry, Moe und Curly nach der Komikertruppe The Three Stooges. Wären es zwei, würde er sie Dick und Doof nennen.

Lambs Stimme wurde flach und ausdruckslos. Der Junge auf dem Monitor, die Kapuze über seinem Kopf. Die Zeitung in seiner Hand – es hätte ein Bildschirmschoner sein können. Er sagte: „Dachten Sie etwa, das Rote Telefon würde läuten und Lady Di alle Mann an Deck rufen? Nein, wir werden uns das im Fernsehen ansehen, wie alle anderen auch. Und wir werden nichts unternehmen. Das ist etwas für die großen Jungs, und Sie alle hier dürfen nicht mit den großen Jungs spielen. Oder haben Sie das vergessen?“ (Seite 144)

Londoner Regeln

Es stellt sich heraus, dass der britische Geheimdienst seine schmutzigen Hände mit im Spiel hat und der entführte Junge nur das Werkzeug in einem wirklich niederträchtigen Plan darstellt. Ganz langsam wachen die lahmen Gäule auf, die ja mal ausgebildete Agenten mit Karriereaussichten waren. Die Protagonisten besinnen sich auf ihre Fähigkeiten, gewinnen alte Stärken zurück und wachsen über sich hinaus. Catherine Standish übernimmt die Rolle der Anführerin und brennt auf einmal wieder mit voller Wattzahl. Und es zeigt sich, dass das überhebliche Scheusal Jackson Lamb zur Furie wird, wenn es darum gilt, seine Agenten zu beschützen, die zu Sündenböcken gemacht werden sollen. Aber nicht jeder aus Lambs Team wird es bis zum Ende hin schaffen.

Ab diesem Punkt überschlagen sich die Ereignisse und die Spannungskurve geht durch schnell wechselnde Perspektiven, die manchmal nur eine Seite dauern, und vielen unglaublichen, überraschenden Wendungen deutlich nach oben. Beim Duell mit der Vizedirektorin des MI5, der coolen, opportunen Diana Taverner, genannt Lady Di und dem abgebrühtem Schlitzohr Jackson Lamb brilliert Mick Herron mit großartigen pointierten Dialogen. Jetzt gelten Londoner Regeln, die besagen: Im Ernstfall rettet jeder seine eigene Haut.

Ich weiß nicht, ob die Darstellung der Spionage-Arbeit, im Besonderen die des britischen Geheimdienstes, besonders realistisch dargestellt wurde, aber ich wäre auf jeden Fall bei einem weiteren Band der in England mehrfach ausgezeichneten Serie dabei.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Slow Horses | Erschienen am 1. September 2018 bei Diogenes
ISBN 978-3-257-86-333-8
480 Seiten | 24.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17specials Ein langes Wochenende mit… Spionageromanen.

Olen Steinhauer | Die Kairo-Affäre

Olen Steinhauer | Die Kairo-Affäre

Später hasste sie sich dafür, dass sie den Killer angesehen hatte und nicht ihren Mann. Sie hätte Emmett ansehen, ihm einen letzten Augenblick des Mitleids, der Zärtlichkeit, der Liebe schenken müssen. Aber sie hatte es nicht getan, weil sie das nicht erwartet hatte. (Auszug Seite 37)

Emmett und Sophie

Der US-amerikanische Diplomat Emmett Kohl sitzt mit seiner Frau Sophie in einem Budapester Restaurant. Seit einigen Monaten ist er als stellvertretender Generalkonsul in Ungarn stationiert. Davor lebten sie jahrelang in Ägypten und fühlten sich da sehr wohl, bis auf die letzten Monate, in denen Emmett gereizt und nervös war. Er konfrontiert seine Frau mit dem Wissen um ihre Affäre mit einem befreundeten CIA-Mitarbeiter in Kairo. Noch bevor sie sich richtig aussprechen können, stürzt ein Fremder ins „Chez Daniel“ und erschießt Emmett kaltblütig vor den Augen seiner Frau. Die schockierte Sophie reist auf eigene Faust heimlich nach Kairo, da sie hier die Drahtzieher für den Mordauftrag an ihrem Mann vermutet. Sie nutzt auch ihre Verbindungen als Diplomatenfrau, als sie sich mit ihrem Ex-Liebhaber, dem CIA-Agenten Stan Bertolli trifft.

Olen Steinhauer hat seinen Thriller Die Kairo-Affäre mit den Ereignissen rund um den „Ägyptischen Frühling“ verknüpft. Anfang des Jahres 2011 rufen ägyptische Aktivisten zum Widerstand auf und der Tahrir-Platz wird zum Zentrum der Demonstrationen. Der langjährige Staatspräsident Mubarak tritt zurück, das Militär übernimmt die Macht und es kommt zu den ersten Unruhen in Libyen. Diese aufgeheizte Revolutionsatmosphäre mit Protesten und Aufständen erlebte das Diplomatenpaar Kohl in Kairo live mit.

Der Plan Stumbler

Die USA schauen mit Sorge auf diesen Prozess und lassen zum Wohle ihres Landes, beziehungsweise um amerikanische Wirtschaftsinteressen zu schützen, die CIA einen Plan namens „Stumbler“ entwickeln, der vorsieht, mithilfe libyscher Exilanten Diktator Gaddafi zu stürzen. In einem anderen Handlungsstrang geht es um dieses längst verworfene Vorhaben.

In Washington hat der junge CIA-Analytiker Jibril Aziz vor einiger Zeit diesen Plan für einen politischen Umsturz in seinem ehemaligen Heimatland Libyen entwickelt. Obwohl längst zu den Akten gelegt, befürchtet Aziz, aufgrund verschiedener Hinweise, dass die Amerikaner Stumbler nun doch umsetzen und die Revolution für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen. Noch kurz vor Emmett Kohls Exekution hatte Aziz Kontakt mit ihm aufgenommen, denn der Botschaftsangehörige zählte zu den erklärten Gegnern von Stumbler. Mit seinem Wunsch, die Hintergründe aufzuklären, löst der von Gewissensbissen gequälte Aziz eine Kettenreaktion aus, denn es bleibt nicht bei dem einen Todesfall. Auch ein weiteres Mitglied der Botschaft und der CIA-Mann Stan Bertolli werden ermordet und Azis verschwindet wenig später spurlos in der libyschen Wüste. Versucht der US-Geheimdienst fieberhaft und mit allen Mitteln eine aus der Kontrolle geratene Operation zu vertuschen und die Aufdeckung seiner Machenschaften zu verhindern?

Immer wieder werden Episoden aus der Vergangenheit des Ehepaares Kohls eingestreut. Vor 20 Jahren führte die Hochzeitsreise der damals schon politisch Interessierten nach Osteuropa. Sehr ausführlich werden die zum Teil grausamen Erlebnisse während des Bürgerkrieges 1991 auf dem Balkan geschildert. Erst durch die vielen Rückblenden entwirren sich so langsam die Fäden der Erzählstränge, die der Autor geschickt miteinander verwoben hat.

Durch Beschreibungen des exotischen Kairo und spannende Szenen in der libyschen Wüste schafft der amerikanische Autor eine stimmige Atmosphäre. Olen Steinhauer hat einen sehr anspruchsvollen aber auch verwirrenden Spionagethriller geschrieben mit einer sorgfältig aufgebauten Handlung. Die Spannung entsteht aufgrund ständig wechselnder Perspektiven, Zeiten und Orte, um dann, und das fand ich besonders raffiniert, das gleiche Geschehen noch mal leicht zeitversetzt aus der Perspektive einer anderen Figur zu schildern. Der Leser erhält dadurch neue Hintergrundinformationen und es ergibt sich wieder ein ganz anderes Bild. Hier muss man aber auch sehr konzentriert bei der Sache bleiben, sonst verliert man den Überblick.

Das gleiche gilt für das hervorragend dargestellte Figurenensemble. Jeder der vielen Charaktere ist mit einem Geheimnis ausgestattet, lügt und betrügt und vertraut niemanden. Freunde können schnell zu erbitterten Feinden werden. Bis zum Schluss werden noch wichtige Figuren eingeführt oder können auch wieder geopfert werden, wie zum Beispiel der große schwarze Söldner John mit einem Hang zur Lyrik oder der ältere Omar Halawi, ein kluger Mann und Mitglied des ägyptischen Geheimdienstes, mit dem noch mal richtig Fahrt in die Geschichte kommt. Es bedarf volle Konzentration, um nicht den Überblick zu verlieren, wer hier mit wem oder gegen wen arbeitet. Das ist sicher auch die Absicht des Autors, denn sein umfangreiches Personal durchschaut die Intrigen schon lange nicht mehr.

Steinhauers ambitionierter Thriller führt in die paranoide Welt der Spionage und es ist eine bittere Geschichte.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die Kairo-Affäre | Erschienen am 26. Mai 2014 im Blessing Verlag
ISBN 978-3-89667-519-4
496 Seiten | ./.
Die gebundene Ausgabe ist nur noch antiquarisch erhältlich.
Die Taschenbuchausgabe erschien am 8. September 2015 bei Heyne und kostet 9.99 Euro.
Bibliografische Angaben & Leseprobe (eBook)

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17specials Ein langes Wochenende mit… Spionageromanen.

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Olen Steinhauers Roman Der Anruf.

Simone Buchholz | Mexikoring Bd. 8

Simone Buchholz | Mexikoring Bd. 8

Dortmund, mein Herz hämmert

Am 20. September 2018 stellte Simone Buchholz ihren neuesten Kriminalroman Mexikoring vor, dem mittlerweile achten Band ihrer Reihe um die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley. Und sie las ihre eigens für Dortmund geschriebene Kurzgeschichte „Dortmund, mein Herz hämmert“ vor, die sie exklusiv für die neunte Anthologie Henkers.Mahl.Zeit geschrieben hat. Die Sammlung von regionalen Kurzkrimis wird seit neun Jahren zeitgleich zum Krimifestival Mord am Hellweg vom Grafit Verlag herausgegeben und Simone Buchholz ist eine von 23 Autorinnen und Autoren, die den Hellweg mit Leichen pflastern dürfen.

Dass der auf St. Pauli lebenden Autorin Dortmund zugewiesen wurde, hat sie sehr gefreut, denn zu Dortmund hat sie eine besondere Beziehung. Ihr guter Freund Achim Multhaupt, zuständig übrigens für die schönen Cover ihrer Hamburg-Krimis, hatte sie vor langer Zeit mal in die Industriestadt eingeladen. Und sie verlor ihr Herz in dem Moment, als sie auf der Südtribüne des Westfalenstadions einen 3:2 Sieg des BVBs mitbekam. Mitreißend schilderte sie noch mal ihre Empfindungen, als Leonardo Dedé das Siegtor schoss und die ganze Tribüne erbebte. Damit hatte sie natürlich das Publikum im Sturm erobert.

Die Kokerei Hansa in Dortmund-Huckrade am Tag der Lesung

In der Waschkaue

Simone Buchholz, die letztes Jahr einige Tage zwecks Recherchearbeiten vor Ort verbrachte, gefielen besonders das Viertel rund um das Dortmunder U und deshalb spielt das Unionsviertel neben dem Phönix-See und der Kokerei Hansa eine große Rolle in ihrem Kurzkrimi. Die Kokerei Hansa war zum ersten Mal Veranstaltungsort für Mord am Hellweg. Simone Buchholz hatte sich die Waschkaue als Lesungsort ausgesucht und das nicht nur, weil sie als bekennende Industieromantikerin die raue Industriekulisse so liebt. In ihren Romanen arbeitet sie immer mit Rhythmus. Dieser ist ihr sehr wichtig und sie zieht eine Verbindung zur Kokerei, wo Stahl auf Stahl einen ähnlichen Rhythmus erzeugt. Außerdem spielt ihre Kurzgeschichte, übrigens ein Riley-Spinoff genau hier. Denn die junge Frau, die auf ihrer Flucht in Dortmund landet, ist Aliza Anteli, einer der Nebenfiguren in Mexikoring. Die intelligente Aliza will nicht das Schicksal ihrer älteren Schwestern erleiden, die ab einem Alter von vierzehn Jahren für fünfstellige Summen verkauft wurden. Bevor dieses passiert, verschwindet sie und landet mit einem roten 7,5-Tonner in Dortmund.

Simone Buchholz verrät noch einen witzigen Funfact, und zwar, dass sie sich für die Anthologie öfter mit den Kollegen Max Anna und Franz Dobler kurzgeschlossen hat. Und dabei hatten die drei beschlossen, dass in jeder ihrer Storys ein roter 7,5 Tonner vorkommen soll.

Im ersten Teil der Lesung geht es aber um ihren aktuellen Krimi und ihre Reihe um Chastity Riley. Diese wurde seit dem fünften Band kaltgestellt und darf nur noch als ermittelnde Staatsanwältin operieren. Gut gelaunt erzählt die Autorin, dass ihr oft vorgeworfen wird, dass in ihren Büchern so viel Alkohol getrunken würde. Darauf reagiert sie dann immer ganz trotzig und lässt noch mehr Alkohol fließen. Auch in ihrem achten Hamburg-Krimi wird auf knapp 250 Seiten viel getrunken und noch mehr geraucht.

Es war einer dieser Anrufe am frühen Morgen, die einen ohne Punkt und Komma auf die Spur schicken. Ob ich da eben hin könnte. Ein brennendes Auto. Schon wieder. Wir müssten das mit den brennenden Autos langsam mal in den Griff kriegen, hieß es. Die brennenden Autors interessieren mich nicht besonders. Du weißt genau, warum deine Autos brennen, Hamburg. (Seite 12)

Romeo und Julia

Chas Riley ist permanent müde und ziemlich genervt, als sie morgens früh zu einem Tatort am Mexikoring gerufen wird. Ein brennendes Auto ist in Hamburg schon lange nichts Besonderes mehr, aber in diesem Wagen sitzt noch ein junger Mann, der wenig später an seinen Verbrennungen verstirbt. Als die Untersuchungen ergeben, dass er vorher betäubt wurde, ist klar, dass es sich definitiv um Mord handelt. Er wird als Nouri Saroukhan identifiziert und gehörte zu einer der Mhallamiye-Familien; kurdische Libanesen, die vorrangig in Bremen agieren. Nouri wollte aus dem kriminellen, von Gewalt geprägten Leben seines Clans ausbrechen und hat seine Familie Richtung Hamburg verlassen, wo sich seine Jugendfreundin Aliza Anteli versteckt hält. Schon als Kinder wollten die beiden ausbrechen und träumen nun von einem Leben in Mexiko. Es ist eine verbotene Liebesgeschichte, denn Alizas Zwangsheirat mit einem anderen ist von ihrer Familie bereits beschlossene Sache.

Riley macht sich mit einer schnell zusammengestellten Soko auf nach Bremen. Die Saroukhan-Familie verhält sich abweisend und zeigt kein Zeichen von Trauer. Sie leben abgeschottet in einer Parallelgesellschaft, halten von der Polizei gar nichts und regeln ihre Angelegenheiten intern. Sie haben Nouri, der nach einem abgebrochenem Jurastudium bei einer Versicherung arbeitete, verstoßen.

Eine Milieustudie

Buchholz greift in diesem Band ein aktuelles, politisch brisantes Thema auf und zeigt dem Leser ein Milieu, das die meisten wahrscheinlich nur aus den Medien kennen. Sie hat gut recherchiert und gibt einen faszinierenden sowie realistischen Einblick in die Welt der großen kurdischen Familienclans, die es in dieser Form in Deutschland seit den 80er Jahren gibt. Die arabischen Großclans sind eine in sich geschlossene Gesellschaft mit eigenen Gesetzen und Strukturen und das ist in der deutschen Realität viel zu spät wahrgenommen worden. Mittlerweile sind sie eng mit der organisierten Kriminalität verwoben und profitieren davon, dass sie nur auf Verwandtschaft basieren, als Preis versäumter Integration.

Fazit

Die Wahlhamburgerin erzählt die Geschichte in ihrem eigenen unverkennbaren Schreibstil mit knackigen Sätzen in kurzen Kapiteln. Spannung wird durch den Wechsel mehrerer Erzählstränge erzeugt. Der Leser begleitet die Ermittlungen auf Tritt und Schritt, ist immer ganz nah an den Figuren. Das Team der Staatsanwältin ist mit Ecken und Kanten ausgestattet und für Chas fast schon so was wie eine Ersatzfamilie. Alle haben ihr Päckchen zu tragen, kämpfen mit Zweifeln, Verunsicherung und Einsamkeit und wirken daher sehr authentisch. Chas selbst ist eine spröde aber doch coole, lässige Frau mit einem trockenen Humor. In diesem Band bewegt sie sich müde und ausgebrannt, aber nie empathielos durch die Geschichte.

Simone Buchholz habe ich tatsächlich erst vor kurzem für mich entdeckt und zunächst mal mit dem Band Eins Revolverherz angefangen. Und ich war sofort fasziniert von der unkonventionellen Ich-Erzählerin Chas Riley, dessen Vater Amerikaner ist. Das Besondere an dieser Reihe ist nicht unbedingt der Krimi-Plot, sondern eher dieser spezielle Sound, den die Autorin erschaffen hat. Der Ton ist teilweise schnoddrig und dann wieder melancholisch und voller Poesie. Herausgekommen ist ein spannender und gesellschaftskritischer Großstadtkrimi.

Es war ein sehr schöner Abend mit einer sympathischen gut gelaunten Autorin. Dazu trug auch die leckere Currywurst bei, die in der Pause serviert wurde.

 

Bericht von der Lesung, Rezension und Fotos von Andy Ruhr.

Mexikoring | Erschienen 10. September 2018 bei Suhrkamp
ISBN 978-3-518-46894-4
247 Seiten | 14.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Kurts Rezension zu Simone Buchholz‘ Roman Blaue Nacht

Joseph Knox | Dreckiger Schnee

Joseph Knox | Dreckiger Schnee

Samstag. Ultraviolette Beleuchtung in der Kabine. Ist bei allen Bars im Zentrum so, denn Drogensüchtige können bei diesem Licht ihre Venen nicht finden und sich folglich auch keinen Schuss setzen. Rubik’s war keine Ausnahme. Es gab natürlich ganz Harte, die die Stelle draußen mit einem Filzstift markierten. Wenn sie danach mit marmorierten Augäpfeln wieder rauskamen, sahen die Kreuzchen auf ihren Unterarmen aus wie blutige Küsschen auf einer Karte. (Auszug Seite 101)

Die Sirenen

Der vermeintlich korrupte Detective Aidan Waits wurde vom Dienst suspendiert, da er Drogen aus der Asservatenkammer entwendet hat. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Inoffiziell soll sich Waits undercover in den Kreis von Geschäftsmann und Drogendealer Zain Carver einschleusen. Die Polizei hat den Drogenbaron schon länger im Visier, konnte ihm aber bisher nichts nachweisen und diverse Razzien laufen ins Leere. Waits Aufgabe ist es, Carvers Kontaktmann bei der Polizei ausfindig zu machen. DC Waits hat auch nicht den besten Ruf, konsumiert selbst Drogen und ist auch dem Alkohol nicht abgeneigt, bringt also die besten Voraussetzungen für den Job mit.

Er scheint auch der perfekte Mann zu sein, um Isabelle Rossiter zu suchen. Die 17-jährige Tochter eines prominenten Politikers ist schon vor einem Monat von zu Hause ausgerissen und im Dunstkreis von Zain Carver aufgetaucht. DC Waits findet Isabelle auf Carvers Anwesen in Fairview während einer seiner wilden Partys, für die er berühmt ist.

Der DC findet heraus, dass Carver minderjährige Mädchen als Drogenkuriere einsetzt, sogenannte Sirenen, so auch der englische Originaltitel. Diese jungen Frauen werden als Eintreiberinnen auf die Straßen und in die Bars und Clubs geschickt. Vor zehn Jahren verschwand eine der Sirenen. Der Fall wurde nie aufgeklärt. Noch bevor Waits der psychisch angeschlagenen Isabelle helfen kann, stirbt sie an einer Überdosis von verunreinigtem Heroin.

Gleichzeitig drängt eine andere Drogenbande in Carvers Imperium, um das lukrative Geschäft zu übernehmen. Es kommt zu einem Bandenkrieg und Catherine, eine von Carvers Vertrauten wird entführt und als Geisel genommen. Waits, der sich ein bisschen in die junge Frau verliebt hat, tut alles um ihr Leben zu retten. Der spannende Weg bis zur Auflösung ist übersät mit Gewalt, Sex, Alkohol und Drogen.

Feierwütiges Manchester

Das Debüt von Joseph Knox entführt den Leser nach Manchester. Aber ins düstere Manchester mit den ganz bösen Jungs. Die einstige Industriestadt hat sich zu einer vergnügungssüchtigen Metropole entwickelt. Der Ich-Erzähler Aidan nimmt den Leser mit auf seinen Höllenritt durch die Unterwelt. Angefangen von der Gosse, in der er zu Beginn der Geschichte orientierungslos liegt bis zu dem Beetham Tower, das höchste Gebäude außerhalb Londons mit Glasfront, in dem die Rossiters in einem Luxus-Penthouses wohnen. Wir bekommen einen Einblick in die Feierszene mit den ganzen Bars, Clubs und Kneipen und auch ein Besuch in der schillernden Schwulenszene darf nicht fehlen. In einer der schlimmsten Szenen haben sich Jugendliche auf einer Party in einem Privathaus verunreinigtes Heroin gespritzt und die meisten müssen unter grausamen Schmerzen sterben.

Eine Hauptfigur mit Ecken und Kanten

Der Protagonist Aidan Waits ist ein unangepasster, schwieriger Polizist ohne jegliche Illusionen mit einem Hang zu Drogen und Alkohol. Er kommt aus schwierigen sozialen Verhältnissen und hat kaum Freunde. Er verbeißt sich in den Fall und man leidet und fiebert mit ihm mit. Auf der anderen Seite hat er aber auch eine empfindsame Seele und ist mitfühlend. Um die jungen Frauen ist er sehr besorgt und versucht sie zu beschützen. Er handelt oft am Rande der Legalität und steckt im Laufe der Geschichte selbst oft Prügel ein. Klar ist das alles schon mal dagewesen, aber selten wurde das bis ans Ende so perfekt durchgezogen.

In der Tür fiel mein Blick auf mein Spiegelbild. Getrockneter Schweiß und verklumptes Blut am Kopf machten meine Frisur zu einer wilden Mähne. Aber dank der Handschellen passte ich perfekt hierher. Ich gab dem schwergewichtigen Ladyboy an der Tür fünf Pfund und wurde ohne Weiteres durchgewinkt. (Seite 362)

Joseph Knox lässt in seinem Debüt Dreckiger Schnee seine Hauptfigur sehr schnell in kurzen Kapiteln und kurzen Sätzen erzählen und erzeugt damit ein großes Tempo. Dabei macht die Vielzahl an unterschiedlichen Figuren und ihre Verstrickungen untereinander es manchmal etwas schwierig, durchzusteigen. Der Schreibstil ist nicht besonders gefällig und ich stolperte am Anfang auch über einige phantasievolle Formulierungen und Beschreibungen. Da verkrampfen sich Münder zu faltigen Wutwülsten oder Augen fixieren mit Kreuzblick. Die Atmosphäre ist durchgehend düster, wird nur durch die lakonische Sprache, die sehr cool und oft auch melancholisch rüberkommt, unterbrochen und zieht sich durch das ganze Buch. Die Dialoge sind dem Milieu angepasst. Ich vermute, dass manchem Leser die eindringlichen und schockierenden Einblicke in die Drogenszene und die Gewaltexzesse ein bisschen zu viel sind. Mich hat der Thriller und die authentischen Charaktere, einmal darauf eingelassen, sehr fasziniert.

Punkmusik aus den 80ern

Die Musik von Joy Division zieht sich durch die ganze Geschichte. Die Punkband aus Manchester war berühmt für ihre traurig düstere und verstörende Musik und der depressive Charakter machte den Sound unverwechselbar. Die fünf Teile des Buches sind mit Alben der Band aus den 80er Jahren überschrieben.

Joseph Knox ist in Manchester geboren und aufgewachsen. Der ehemalige Buchhändler lebt mittlerweile in London. Dreckiger Schnee ist sein Thriller-Debüt und der Auftakt zu einer Reihe. Der zweite Teil der Aidan-Waits-Reihe ist bereits in Großbritannien erschienen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Dreckiger Schnee | Erschienen am 3. September 2018 bei Droemer Knaur
ISBN 978-3-426-522-3
432 Seiten | 14.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe