Kategorie: Andy Ruhr

Amy McCulloch | Der Aufstieg

Amy McCulloch | Der Aufstieg

Atmen, Cecily. Eisige Luft strömte in ihre Lunge. Als sie sich ausgemalt hatte, wie es wäre, hier oben zu atmen, hatte sie angenommen, es würde sich anfühlen wie Ersticken. Wie wenn sich ihr die Kehle zuschnürte. Vielleicht irgendwie noch wie Ertrinken. Aber so war es nicht. (Auszug Anfang)

Charles McVeigh ist der absolute Star und eine lebende Legende in der internationalen Bergsteiger-Community. Sein spektakulärer Plan, die „Mission Fourteen Clean“, bei der er innerhalb eines Jahres alle vierzehn Achttausender besteigen möchte und zwar im traditionellen Alpinstil ohne Flaschensauerstoff und Fixseile, steht kurz vor der Vollendung. Nur der Manaslu in Nepal, mit einer Höhe von 8163 m der achthöchste Berg der Erde, fehlt ihm noch zu seinem Rekord.

Die junge Journalistin Cecily Wong ist nicht besonders bergsteigerfahren. Eigentlich hatte erst ihr Ex-Freund James, ein ausgebildeter sowie erfahrender Bergführer sie aus ihrer Komfortzone geholt und zum Bergsteigen gebracht. Umso überraschender, dass McVeigh ausgerechnet ihr ein Exklusiv-Interview anbietet, unter der Bedingung, dass sie mit ihm zusammen den Gipfel besteigt. Bekannt wurde Wong durch ihren eigenen Blog, und die emotionale Geschichte über ihren größten Misserfolg beim Klettern hatte die Aufmerksamkeit der Bergsteiger-Legende auf sich gezogen. James, der sein Geld als Reisereporter verdient, hatte nicht verwunden, dass Cecily die Story an Land gezogen hatte und die Beziehung war zerbrochen. Nach der Trennung will sie es sich, ihrer Familie und ihrem Arbeitgeber beweisen, dass sie es drauf hat.

Sie hatte immer geglaubt, die leere Seite wäre ihre Angstgegnerin. Doch dank Charles McVeigh hatte sie jetzt etwas noch viel Furchterregenderes vor sich. Die Todeszone am achthöchsten Berg der Welt.  (Auszug Seite 11)

Das kleine Team, dass sich neben dem Expeditionsleiter aus einer Influencerin, einem Selfmade-Millionär und einem Filmemacher zusammensetzt, wird auf den sogenannten Expeditionsstil setzen und jegliche Hilfe, wie mit Fixseilen und Leitern gesicherte Pisten, Essenszelte und Sauerstoffflaschen in Anspruch nehmen. Dazu gehören neben einer gründlichen Akklimatisierung auch die einheimischen Sherpas, die jedem Teilnehmer zur Seite gestellt werden und unter anderem als Lastenträger helfen.

Vom Basislager in die Todesszone
Noch vor Erreichen des Basislagers kommt es zu einem tragischen Todesfall. Auch auf dem weiteren Weg zum Gipfel häufen sich die tödlichen Unfälle. Und es ist nur Cecily, die sich mit den Todesfällen beschäftigt und von Anfang an nicht an Unfälle glaubt. Das verstärkt sich noch, als sie eine Nachricht erhält: „Ein Mörder ist am Berg, bring dich in Sicherheit!“  Sie vermutet einen Mörder unter ihren Kamerad* innen im Camp oder bei einem anderen Expeditionscamp. Dabei zweifelt sie aber auch an ihrem eigenen Verstand, denn jenseits der siebentausend Höhenmeter, der  Todesszone, reicht  der Sauerstoff kaum noch zum Atmen.

Zu Beginn fand ich die Geschichte absolut packend mit einem atemberaubenden Schauplatz. Ich habe mit Extrem-Sport gar nichts am Hut und auch keine Ahnung vom Klettern, aber die kanadischen Autorin Amy McCulloch, selbst begeisterte Bergsteigerin, die den Aufstieg auf den Manaslu 2019 schon gemeistert hat, versteht es , die Euphorie, die man verspürt, das Gipfelfieber – den Willen, um jeden Preis bis ganz nach oben zu kommen, oder die Vorfreude, wenn sich aufgrund der Wettervorhersage ein Fenster zur Gipfelerstürmung ergibt, anschaulich mit einem angemessenen Maß an Fachwissen zu vermitteln. Die geschilderten Anforderungen an Körper und Geist sowie die technischen Aspekte des Bergsteigens werden realistisch dargestellt und viele interessante Details nahegebracht. Die Bedeutung der Climbing-Sherpas oder dass zum Beispiel die komplette Ausrüstungspalette für Extremtouren für Männer gemacht ist und sie erst für Wong an ihre Bedürfnisse angepasst werden musste.

Die tödlichen Gefahren durch das Ausgeliefertsein gegenüber der gnadenlosen Natur, eisige Schneestürme, Gletscherspalten und Lawinengefahr  haben mich fasziniert. Obwohl man sich im Team kaum kennt, muss man sich blind vertrauen. Auch was passiert, wenn Menschen an ihre Grenzen gehen und diese überwinden müssen, die männlichen Egos, das Gefühl unbezwingbar zu sein, wird nachvollziehbar thematisiert.

Meine Meinung
Vieles wird aus der Sicht des Nicht-Profis Cecily dargestellt. Die Angst und Panik der unerfahrenen und von Selbstzweifeln geplagten Journalistin sind omnipräsent. Und haben mich ob ihrer Fülle irgendwann ein wenig genervt. Auf gefühlt jeder Seite erschrickt sie, wenn ihr nur jemand auf die Schulter tippt oder in ihrem Zelt erscheint. Es wird ihr schlagartig angst und bange und es läuft ihr eiskalt den Rücken hinunter, ihr Herz rast wie wild, ihr Magen rebelliert und sie muss sich fast übergeben, sie erschaudert, es verschlägt ihr den Atem, sie zittert, sie quiekt laut auf, ihr Atem geht stoßweise und sie hat ein Schrillen in den Ohren, ihr Mund ist knochentrocken, sie hat ein flaues oder mulmiges Gefühl im Bauch oder er rumort vor Angst wie ein wildes Tier, das Geräusch eines Pfiffes geht ihr durch Mark und Bein, ihr stellen sich die Nackenhaare auf, sie ist von bis Kopf bis Fuß angespannt und ich weiß nicht, wie oft sie vor Schreck auf keucht.

Durch einen möglichen Mörder am Berg werden die Gefahren intensiviert und die Spannung erhöht. Dabei gaben die Thriller-Elemente des Romans nicht viel Neues her und wirkten teilweise unrealistisch sowie die Auflösung sehr weit hergeholt. Zum Schluss überschlagen sich die Ereignisse und werden etwas hastig abgehandelt.  Trotzdem hat mich der  Thriller mit seinem eiskalten Setting in diesen heißen Tagen über weite Strecken gut unterhalten.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Der Aufstieg | Erschienen am 28.07.2022 im Piper Verlag
ISBN 978-3-49206-343-2
496 Seiten | 17,- €
Originaltitel: Breathless | Übersetzung aus dem amerikanischem Englisch von Leena Flegler
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diane Cook | Die neue Wildnis

Diane Cook | Die neue Wildnis

In ihrem Debüt-Roman versetzt uns die in Brooklyn lebende Autorin Diane Cook in eine nicht allzu weit entfernte Zukunft in Amerika. Klimawandel, Überbevölkerung und Smog erschweren das Leben in der Stadt und aufgrund der immensen Luftverschmutzung leiden besonders die Kinder zunehmend unter lebensbedrohlichen Atemwegserkrankungen. Aus Sorge um ihre 5-jährige todkranke Tochter Agnes nimmt Bea mit ihrem Mann Glen an einem Regierungsprojekt teil. Zwanzig Pioniere dürfen in einem staatlich geschützten Nationalpark vor den Toren der Stadt leben. Bei dem Experiment müssen sie sich mit Hilfe eines Handbuchs an strenge Verhaltensregeln halten und sich regelmäßig an bestimmten Posten einfinden. Sie dürfen sich keine Heimat aufbauen sondern müssen autark in der unberührten Wildnis ein nomadisches Leben führen. Besonderes Augenmerk wird darauf gelegt, dass die Gruppe nicht zu viel in die Natur eingreift oder Spuren hinterlässt. Abgeschnitten von jeglichen Annehmlichkeiten der Zivilisation sind die Ranger die einzige Verbindung zur Außenwelt, die die Einhaltung der strengen Regeln überwachen oder neue Anweisungen geben.

Zurück zur Natur
Zu Beginn der Geschichte sind wir bereits seit vier Jahren in der Wildnis. Das hat mich überrascht, denn ich hätte mir ausführlichere Beschreibungen über die Situation in den Städten gewünscht. Die Welt außerhalb der Wildnis bleibt aber während des ganzen Buches nur vage fassbar. Bei dem dramatischen und verstörenden Einstieg begleiten wir Bea bei einem sehr intimen Moment wobei mich ihr raues Verhalten mit dieser erbarmungslosen Situation erschreckt hat. Es wird klar, dass während des Überlebenskampfes die Grenzen zwischen Tier und Mensch zu verschwimmen scheinen. Die Rückbesinnung sowie die überlebensnotwendige Anpassung an die Natur lassen eher archaische Empfindungen und Sichtweisen hervortreten. Als bei einer gefährlichen Flussüberquerung eine Mitstreiterin in den reißerischen Fluten ertrinkt, wird nur um das wertvolle Seil getrauert. Oder als ein Mitstreiter von der Klippe stürzt, wird nicht nachgesehen, ob man ihm noch helfen kann, es wird weitermarschiert. Mich hat irritiert, dass diese Abstumpfung offenbar schon nach vier Jahren und nicht nach Generationen eintritt.

Nur daran erkannte Bea, dass der Unfall sie erschreckt hatte. Wie ein Tier erstarrte Agnes, wenn sie Angst hatte, und rannte bei Gefahr weg. Bea stellte sich vor, dass sich das ändern würde, wenn Agnes größer wurde. Möglicherweise fühlte sie sich dann weniger wie Beute und mehr wie ein Raubtier. (Auszug Seite 17/18)

Der Autorin geht es in ihrem Roman nicht so sehr um die drohende Katastrophe von außen durch das Klima, Umwelt und den Staat oder um die Gefahren, die ein Leben in der wilden Natur mit sich bringt. Es geht ihr primär um die Dynamik zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern und die Entwicklung des sozialen Machtgefüges. Das Verhalten der Gemeinschaft erinnert an das Verhalten wilder Tiere. Hinzu kommt eine komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung zwischen Bea und Agnes. Das hätte auch spannend werden können, war es aber leider für mich nicht. Der Erzählstil ist passend zum Setting emotionslos und distanziert und dieser Ton bleibt das ganze Buch über bestehen. Dadurch fühlte ich mich die ganze Zeit nur wie ein unbeteiligter Beobachter einer Studie und war nie nah an den Charakteren. Ein großer Kritikpunkt meinerseits ist, dass diese allesamt sehr blass und mir bis zum Schluss vollkommen fremd blieben. Ihre Handlungen konnte ich nur partiell nachvollziehen und dann war es teilweise sehr abstoßend und auch schmerzhaft den Geschehnissen zu folgen.
Ein weiteres Manko war für mich der Umgang der Autorin mit der Zeitabfolge. Während man manchmal über mehrere Kapitel nur einen Tag abhandelt, erfährt man an anderen Stellen in einen kurzen Nebensatz, dass die letzten Seiten einen Zeitraum von mehreren Jahren umfassen, da die Gruppe Monate braucht, um von einem Ort zum anderen zu kommen. Das verdeutlicht, dass für ein Leben im Einklang mit der wilden Natur lediglich der Tag-Nacht-Zyklus und die Jahreszeiten relevant sind. Für mich war das total verwirrend, denn das Gespür für die Zeit, wie wir es gewohnt sind, geht völlig verloren.

Spielfiguren auf einem unbekannten Spielfeld
Trotz ihrer literarischen Fähigkeiten, die ich der Autorin nicht absprechen möchte, denn sie erzeugt beklemmende Bilder, hatte sie mich irgendwann in dieser zähen Story verloren und ich habe nur noch quer gelesen. Über weite Strecken kommt die Geschichte nicht voran und tritt auf der Stelle. Leider bietet auch das Ende auf meine zahlreichen Fragen und Vermutungen, die mich beschäftigten, keine zufriedenstellenden Antworten. Durch das völlige Ausbleiben von Informationen erfährt die Leser*in genau wie die umherwandernde Gemeinschaft nichts über die Geschehnisse in den übervölkerten Städten, über die Hintergründe oder die Erkenntnisse des wissenschaftlichen Forschungsprojekt oder das merkwürdige Verhalten der Ranger. Die Gruppe wirkt auf mich wie Spielfiguren, die von den Rangern auf ein unbekanntes Spielfeld gesetzt werden um dort nach unbekannten Regeln agieren sollen. Warum denkt niemand daran, das Projekt abzubrechen und in die Zivilisation zurückzukehren? Agnes ist ja inzwischen wieder gesundet, da die gute Luftqualität sich positiv auf ihren Gesundheitszustand ausgewirkt hat. Und wie groß ist dieses Areal?

Nominierung für den Booker Prize 2022
Die edle Aufmachung des Buches mit der goldenen Schrift auf dunkelgrünem Grund war für mich sehr vielversprechend. Die alles verschlingenden Blätter auf dem Cover lassen an Lebensadern aber auch an einen tropischen Urwald denken. Ich hatte dadurch ganz falsche Erwartungen, denn die Geschichte spielt mehr in einem Wüstenszenario. Ich lese eigentlich gerne Dystopien, aber ich brauche immer einen kleinen Hoffnungsschimmer, ein Licht am Ende des Tunnels. Der Überlebenskampf der Gemeinschaft wird emotional eher kühl und sachlich geschildert. Diane Cook romantisiert nicht in ihrem für den renommierten Booker Prize 2022 nominierten Roman und vielleicht war das auch mein Hauptproblem.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Die neue Wildnis | Erschienen am 09.05.2022 im Heyne Verlag
ISBN 978-3 45332-158-8
544 Seiten | 16,- €
Originaltitel: The New Wilderness | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Astrid Finke
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Max Korn | Talberg 2022 (Band 3)

Max Korn | Talberg 2022 (Band 3)

Laut Wettervorhersage war das Orkantief, das eine Schneise der Verwüstung durch den Hirschberger Wald gezogen hatte, nur die Vorhut. Der meteorologische Dienst warnte vor einer weiteren Superzelle, die in ihre Richtung unterwegs war. Ein zweiter, anhaltend rotierender Aufwind, der noch heftiger sein sollte als der Zyklon, den sie im Moment zu spüren bekamen. So weit wird’s kommen, dass wir evakuieren müssen … Und dass er sich beeilen solle mit dem Skelett, bevor es noch den ganzen Hang fortschwemmt. (Auszug Seite 11)

Das niederbayerische Dorf Talberg wird von einem verheerenden Unwetter heimgesucht. Es regnet schon seit Tagen ohne Unterlass, das Wasser steigt unaufhaltsam und die Verbindungen zur Außenwelt sind komplett abgebrochen. Während die Feuerwehr versucht, ein Neubaugebiet vor einem Erdrutsch zu bewahren, wird in dem Wurzelwerk einer umgestürzten Eiche das Skelett eines Kindes gefunden. Adam Wegebauer, ein ehemaliger Kripobeamter aus München, der kürzlich in sein Heimatdorf Talberg versetzt worden war, unternimmt während der tobenden Naturgewalten die ersten Untersuchungen. Obwohl klar ist, dass die Knochen schon sehr lange unter der Erde vergraben gewesen sein müssen, verspürt er sofort eine unerklärliche Betroffenheit und trotz vieler persönlicher Probleme ist es ihm ein dringendes Anliegen, den Fall so schnell wie möglich zu lösen, bevor das LKA übernehmen wird. Unter schwersten Bedingungen sichert er die Knochen und bringt sie zu einem pensionierten Arzt, der eine erste Einschätzung vornimmt. Trotz der Orkanböen gelingt es jedoch der LKA-Beamtin Eva Engler sich zu Fuß ins Dorf vorzukämpfen, da sie bei dem Skelettfund eine Verbindung zu einem aktuellen Fall vermutet.
Eva ist der Typ, durchsetzungsstarke und ehrgeizige Ermittlerin und sie will unbedingt den Kindsmörder finden. Doch dazu braucht sie Adam, der sich im Dorf und seinen Bewohnern besser auskennt. Während sich die beiden unterschiedlichen Polizisten langsam aneinander gewöhnen und schließlich zusammen arbeiten, um das Geheimnis der Kinderknochen zu entschlüsseln, nehmen die Naturgewalten immer mehr zu. Dabei führen die Ermittlungen tief in Adam Wegebauers Vergangenheit.

Gleich der Beginn glänzt mit fesselnden sowie plastischen Beschreibungen des Sturmes. Es war mir dann aber fast schon zu ausführlich, da es öfter zu Wiederholungen kam. Die Geschichte lässt sich aufgrund eines flüssigen, gefälligen Schreibstils und sehr kurzen Kapiteln (Fitzek lässt grüßen) problemlos lesen. Mit einem gemächlichen Erzähltempo treibt Korn seinen Plot voran. Der Fall ist nicht superspannend, aber sehr undurchsichtig und macht von Anfang an neugierig. Die Umsetzung fand ich dann jedoch nur mäßig unterhaltsam. Das lag zum einen an dem ständigen Hin- und Hergerenne während des Sturmes und nicht komplett nachvollziehbarer Handlungen der Protas. Adams nasse Klamotten und die daraus resultierenden ‚Halsschmerzen bis zu den Ohren‘ nehmen viel zu viel Raum ein. Zum anderen bremsen ständige Rückblicke in Adams und noch einiger anderer Vergangenheiten die Geschichte aus. Für Adam und seine Schwester Elke war es keine leichte Kindheit, die immer wieder durch die Alkoholsucht und die permanenten Gewaltausbrüche des Vaters bestimmt wurde.

Dies ist der dritte Teil einer Trilogie, die alle in dem abgelegenen Bergdorf Talberg nahe der österreichischen Grenze spielen, allerdings zu unterschiedlichen Zeiten. Ich habe die Vorgängerbände nicht gelesen, dies ist auch nicht unbedingt nötig, da es sich jeweils um abgeschlossene Geschichten handelt. Das Titelbild deutet bereits eine düstere, beklemmende Atmosphäre an und tatsächlich liegt jederzeit eine große Trostlosigkeit über der kleinen Dorfgemeinschaft. Vorne auf dem Einband befindet sich eine Übersicht der handelnden Figuren. Das Buch ist in zwei Teile unterteilt und zwar in ‚Das Buch Adam‘ und ‚Das Buch Eva‘. Das Auftauchen von Eva belebt die Geschichte auf jeden Fall und sie bekommt mehr Dynamik, bevor es zum Schluss noch mal durch einige überraschende Wendungen und menschliche Abgründe spannend wird.

Ich finde die Charaktere einschließlich des traumatisierten, alkoholkranken Polizisten, der mit Dämonen aus der Vergangenheit kämpft ziemlich stereotyp gezeichnet. Auch bei weiteren Dorfbewohnern, der taffen LKA-Beamtin oder den Zugezogenen aus Warnemünde wird kein Klischee ausgelassen. Dialoge in urbayerisch sollen die Lebendigkeit steigern, als Ruhrpöttler habe ich nicht alles verstanden, konnte es mir aber aus dem Zusammenhang erklären.

Max Korn ist ein deutscher Schriftsteller, der seine Romane unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlicht. U.a. verfasst er als Luis Sellano seine Lissabon-Krimi-Reihe. Seine Jugend verbrachte er oft in dem kleinen Ort Thalberg im Bayerischen Wald, was ihn zu seiner Trilogie über den fiktiven Ort Talberg inspirierte.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Talberg 2022 | Erschienen am 09.05.2022 im Heyne Verlag
ISBN 978-3 45342-461-6
361 Seiten | 15,- €
Bibliografische Angaben und Leseprobe

Brian Selfon | Nachtarbeiter

Brian Selfon | Nachtarbeiter

„Du kennst einen Menschen erst, wenn du deine Nase in seine Kohle gesteckt hast.“ (Auszug E-Book Pos. 46 von 4643)

New Yorks Szeneviertel Brooklyn ist Schauplatz von Brian Selfons Krimidebüt. Hier im Schmelztiegel zwischen der hippen Kunstszene und dem Untergrund hat sich Shecky Keenan ein florierendes Unternehmen aufgebaut, das sich mit Geldwäsche im großen Stil beschäftigt. Eine Dienstleistung, die er für alle möglichen Kunden, die ihr Schwarzgeld waschen möchten, das organisierte Verbrechen aber auch normale Brooklyner Ladenbesitzer, anbietet. Dabei hat er sich darauf spezialisiert die Gelder über mehrere Konten und Scheinfirmen in aller Welt zu transferieren.

Die perfekte kleine Gaunerfamilie
Sein ganzes Wissen hat er an seinen Neffen Henry Vek weitergegeben, der mit 10 Jahren als Vollweise dastand. Onkel Shecky gab ihm ein neues Zuhause und führte ihn ins Familiengeschäft ein. Seit mittlerweile 12 Jahren bringt er ihm alles über Durchlauf- und Offshore-Konten, variable und tilgungsfreie Darlehen bei. Das ausgeklügelte System funktioniert auch so reibungslos, weil es strenge Regeln gibt, dessen Grundprinzip eine strikte Arbeitsteilung und Henry für die Anwerbung und Koordination der Kuriere zuständig ist.

Kerasha Brown, die erst vor einem Monat dazu stieß, komplettiert die dreiköpfige Gaunerfamilie. Die 23-jährige geborene Kleptomanin und begabte Fassadenkletterin kommt nach 6 Jahren auf Bewährung aus dem Knast. Sie muss regelmäßig Termine bei dem Psychiater Dr. Andrew Xu wahrnehmen um ein psychologisches Gutachten zu erhalten, dass ihr die Freiheit sichert. Schon als Kind war Kerasha die Dealerin ihrer Mutter und inzwischen ist sie selbst drogensüchtig. Shecky ist der Bewährungsbetreuer für die Tochter seiner verstorbenen Cousine und wirft sich vor, sich nicht eher um Kerasha gekümmert zu haben. Für ihn sind die drei Außenseiter eine absolut perfekte Brooklyner Familie und er kümmert sich liebevoll um seine Schützlinge, gibt ihnen Halt und setzt auf ein klassisches Familienleben mit regelmäßigen gemeinsamen Mahlzeiten.

Der Geldwäscher und der Künstler
Auf einer Vernissage in Bushwick, dem neuesten Brooklyn-Treff für Künstler und Möchtegerns lernt Henry den jungen Künstler Emil Scott kennen. Scott ist ein angesagter Maler, dessen Bilder auf der Metropolitan Avenue und in jedem zweiten Coffeeshop hängen. Neben seiner Kunst verkauft der ewig klamme Emil auch Drogen. Die beiden freunden sich an und Henry mit einer gewalttätigen sowie einer künstlerischen Ader, liebt es mit Emil nächtelang zu fachsimpeln. Die Verbindung zu einem aufstrebenden Künstler bereichert sein Leben, deshalb setzt er Emil auch gegen den ausdrücklichen Rat seines Onkels als neuen Kurier für Bargeldtransporte ein. Er verrät ihm alle Codewörter, bringt ihm bei, wie man anonym telefoniert und selbstlöschende Nachrichten verschickt, zeigt ihm die versteckten Einwurfkästen und Unterschlüpfe mit den darin befindlichen Nottaschen bepackt mit Revolvern, falschem Geld und Pässen.

Am nächsten Tag soll Emil wieder eine Tüte Bargeld befördern, sein erstes Schwergewicht. Doch er kommt an der Abgabestelle, dem MoneyGram in der Jay Street, nie an, und als Henry ihn endlich findet, ist seine Leiche längst kalt. (Auszug E-Book Pos. 154 von 4643)

Als Emil nach einem Kurierauftrag mit einer Tasche voll Schwarzgeld verschwindet und später ermordet aufgefunden wird, geraten die drei erstmalig in Bedrängnis. „Red Dog“, der neue Großkunde, dem jetzt die 250.000 Dollar fehlen, ist hinter der Familie her. Außerdem fühlt sich Shecky immer mehr verfolgt, das Haus wird beobachtet, die Schwarzgeldkonten eingefroren und Transaktionen können nicht mehr getätigt werden. Endgültig aus den Fugen gerät das friedliche Familienleben, als Henrys durchgeknallte Freundin Lipz sich einschaltet, die angeblich die Verbindung zu „Red Dog“ hergestellt hatte. Sie verlangt vehement ihren Anteil und wendet sich damit auch direkt an das Oberhaupt Shecky und bedrängt ihn.

Geldwäsche, Drogenhandel und Menschenhandel
Der wendungsreiche Plot beginnt mit dem Kennenlernen Henrys und Emils während der Vernissage. Davon ausgehend erfahren wir immer wieder in Zeitsprüngen vor, während und nach der Tat von den Hintergründen, die zur Ermordung Emils führten. Ständig wechselt der Autor die Perspektive, erzählt aus Sicht von Henry, Shecky, Kerasha oder Emil und zeichnet ihre Abhängigkeiten und Abgründe auf. Dazu kommt noch eine weitere Perspektive. Die Polizistin Zera wurde als Kind aus Montenegro in die USA verschleppt, konnte aus der Zwangsprostitution fliehen und hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, als Sonderermittlerin gegen Menschenhandel vorzugehen.

Die nicht chronologisch aufgebaute Handlung und die Sprünge in der Zeit und in den Perspektiven machen „Nachtarbeiter“ zu einer anspruchsvollen Lektüre und keinesfalls etwas für zwischendurch. Man muss schon konzentriert dabei bleiben um die Hintergründe und die mannigfaltigen Verstrickungen der Figuren geordnet zu bekommen. Jeder der drei Protagonisten zieht sein eigenes Ding durch und kocht sein eigenes Süppchen. Sie sind in dieses Milieu hineingeboren, für sie ist es selbstverständlich ihren Lebensunterhalt mit krimineller Energie zu verdienen. Das verbindet sie innerhalb der Familie und sie halten zusammen, es bleibt aber immer ein Rest Misstrauen bestehen. Die liebevolle Charakterisierung der facettenreichen Figuren nimmt einen breiten Raum ein. Das hat mich von Anfang an für die Geschichte eingenommen, auch wenn es an einigen Stellen etwas sperrig zu lesen war. Dafür wird man belohnt mit einer literarischen Sprache, einem warmherzigen und oft humorvollen Erzählstil und einer für mich völlig unerwarteten Auflösung.

Der Autor
Brian Selfons detaillierter Blick auf die Schattenseiten Brooklyns und ihre ungewöhnlichen Bürger wirkt sehr realistisch. Es zahlt sich aus, dass der Autor, der fast 20 Jahre in der Strafjustiz, davon rund 15 Jahre bei New Yorker Strafverfolgungsbehörden gearbeitet hat, weiß wovon er schreibt. Als leitender Ermittlungsanalytiker war er für das Büro des Brooklyner Bezirksstaatsanwalts für die Bereiche Geldwäsche und Mord zuständig. Aktuell lebt er mit seiner Familie in Seattle, wo er als Ermittler für die öffentliche Verteidigung tätig ist. Sein Debüt wechselt mühelos zwischen den Genres, ist ein intelligent geplotterter Kriminalroman Noir, eine dramatische Familiengeschichte, hat mich blendend unterhalten und gefordert.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Nachtarbeiter | Erschienen am 16.03.2022 bei Jumbo
ISBN 978-3 83374-425-9
368 Seiten | 22,- €
Originaltitel: The Nightworkers | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Sabine Längsfeld
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Don Winslow | City On Fire (Band 1)

Don Winslow | City On Fire (Band 1)

Danny Ryan sieht die Frau dem Wasser entsteigen, sie taucht auf wie ein Bild aus einem Traum vom Meer, wie eine Vision. Nur dass sie real ist und es wegen ihr Ärger geben wird. Wie meistens mit schönen Frauen. (Auszug Anfang)

Mitte der 80er Jahre regieren in Providence im US-Bundesstaat Rhode Island zwei lokale Mafiaclans fast friedlich nebeneinander. Den irischstämmigen Murphys gehören die Docks und die Gewerkschaften, die italienischstämmigen Morettis kontrollieren die Restaurants, das Glücksspiel und die Prostitution. Bei Unstimmigkeiten trifft man sich zum Bier im Hinterzimmer des örtlichen Pubs. Skrupel hatte man bisher nur beim Drogenhandel und überlässt dieses Geschäftsfeld lieber noch den Afro-Amerikanern. In „Dogtown“, einem ärmeren Viertel, benannt nach den Rudeln wilder Hunde, die hier vor langer Zeit nach Schlachtabfällen suchten, müssen alle zusehen, wie sie zurechtkommen. Die Fischerei bringt nicht mehr viel ein und auch die Werften und Fabriken sichern immer weniger die Einkommen. Schon seit Generationen haben sich die ehemaligen Einwanderer gegen die verhassten Yankees verbündet.

Eklat bei Strandparty
Der alte italienische Clanboss Pasco Ferri veranstaltet immer am Labor-Day-Wochenende ein großes Grillfest am Strand. Natürlich sind bei diesem Clambake auch die irischen Mobster eingeladen und lassen es sich bei gegrillten Meeresfrüchten und Bier am Goshen Beach gutgehen. Ausgerechnet hier bekommt die fragile Koexistenz der beiden Clans Risse und eine Spirale der Gewalt setzt sich in Gang. Paulie Moretti, Bruder des angehenden Clanbosses Peter Moretti präsentiert stolz seine neue Eroberung, Pam, eine Ostküstenschönheit, die jedem den Kopf verdreht. Als Liam Murphy, nichtsnutziger Sohn des irischen Paten und Weiberheld sich an Pam heranmacht, führt gekränkte männliche Eitelkeit zur Katastrophe. Der Zwischenfall löst eine Lawine der Gewalt aus und es kommt zu einem erbitterten tödlichen Bandenkrieg.

Immer wieder versucht der kluge, umsichtige Danny Ryan, Hauptfigur in Winslows neuem Thriller und Sohn des früheren irischen Clanchefs Marty Ryan die Wogen zu glätten. Aber seine tiefe Verbundenheit zu den Murphys bringt ihn immer wieder dazu, mitzumischen. Seine Mutter hatte ihn als Baby im Stich gelassen, sein Vater ist dem Alkohol verfallen und so verbrachte er einen Großteil seiner Kindheit bei den Murphys. Pat Murphy ist für ihn wie ein Bruder und mit dessen Schwester Terri ist er glücklich verheiratet. In Gewissenskonflikte kommt er auch durch das Auftreten des FBI in Gestalt des Agenten Jardine, der ihm einen Deal anbietet: Zeugenschutz, wenn er kooperiert. Danny will eigentlich schon lange das Business verlassen und träumt davon, nach Kalifornien zu ziehen. Aber soll er deshalb zum Verräter werden? Als die blutigen Revierkämpfe immer weiter eskalieren, muss Danny widerwillig selbst das Zepter übernehmen. Er steigt vom Handlanger zum vollwertigen Mitglied des Clans auf und findet sich schlussendlich an der Spitze wieder.

Dass mal jemand erschossen wird, ist das eine – die Öffentlichkeit erwartet das praktisch. Aber Autobomben? Durch die Unschuldige verletzt werden könnten? Das ist was ganz anderes – das ist Nordirland-Scheiße, und die Leute werden das nicht einfach hinnehmen. (Auszug Seite 206)

Winslow lässt die 80er Jahre in einem fast greifbaren Setting wieder aufleben und zeigt uns dabei ein authentisches Bild der Mafia in dieser Zeit. Die alternden Mafiabosse, die den Friedenspakt ausgehandelt hatten, müssen um ihre Macht kämpfen. Auf der anderen Seit ist die junge, hitzige Generation unzufrieden, hat ihre eigenen Vorstellungen und trifft immer wieder weitreichende Fehlentscheidungen.

Klassischer Thriller, Epos und Drama
Winslow erzählt die Geschichte in dem für ihn so typisch mitreißenden Sound im Präsenz mit kurzen, markanten Sätzen. Die tempo- und wendungsreiche Erzählweise des Autors, die er einfach perfekt beherrscht, löste bei mir ein Kopfkino aus und ich konnte den eng getakteten Thriller nicht mehr aus der Hand legen. Ganz nüchtern, ohne zu urteilen schildert er die Intrigen und Bündnisse, die geschmiedet werden und die immer wieder zu neuen Gewalttaten führen. Man ist immer ganz nah an den allzu menschlichen Charakteren, mit denen man mitfiebert und bangt, man vergisst mitunter, dass es sich um das organisierte Verbrechen handelt. Neben Protagonist Danny Ryan stattet Winslow auch seine zahlreichen Nebencharaktere mit einer eigenen Geschichte aus, und sorgt damit für viele emotionale Noten. Eine gut konstruierte, ganz klassische Geschichte, in der Macht, Loyalität, Familie, Freundschaft und Verrat eine große Rolle spielen.

Heimkehr zum Karriere-Ende
City on Fire ist der erste Teil einer Trilogie, die Don Winslow bereits komplett fertig gestellt hat. Inspiration holte er sich bei den großen Klassikern, die seiner Ansicht nach, alle Themen der modernen Kriminalliteratur wie Macht, Gewalt, Rache, Korruption und Wiedergutmachung abdecken. Den drei Teilen des Thrillers ist jeweils ein Vers aus der Ilias von Homer vorangestellt. Winslow hat den Stoff, bei dem aus der fatalen Liebesgeschichte um die schöne Helena ein Krieg, der berühmte Kampf um Troja entstand, in die Mafiazeit der 80er Jahre transferiert. Winslow ist an der Küste von Rhode Island aufgewachsen, viele seiner Erfahrungen mit dem kriminellen Milieu flossen in die Geschichte ein und zum ersten Mal ist seine Heimatstadt Schauplatz eines Romans. Praktisch eine Heimkehr zum Karriere-Ende! Denn der Ausnahmeschriftsteller verkündete nach Abschluss der Trilogie das Ende seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Alle Geschichten wären erzählt und der 68-Jährige, der immer schon politisch sehr engagiert war, will fortan eigenfinanziert mit digitalen Kampagnen eine mögliche Wiederwahl Donald Trumps verhindern.

City on Fire ist kein weiterer monumentaler Meilenstein wie ‚Tage der Toten‘ doch sehe ich hier Winslow in Bestform, auf dem Höhepunkt seines Schaffens und ich kann den zweiten Band ‚City of Dreams‘ kaum erwarten. Und die Filmrechte wurden schon verkauft.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

City on Fire | Erschienen am 24.05.2022 bei HarperCollins
ISBN 978-3-74990-320-7
400 Seiten | 22,- €
Originaltitel: City on Fire | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Conny Lösch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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