Kategorie: Thriller

Karen Ellis | Die im Dunkeln

Karen Ellis | Die im Dunkeln

„Als er die Augenbinde abnimmt, kann sie zuerst gar nichts erkennen. Die undurchdringliche Dunkelheit ist finsterer als alles, was sie je erlebt hat, und nichts zu sehen, verwirrt sie. Von irgendwoher muss jedoch ein wenig Helligkeit kommen, denn allmählich gewöhnen sich ihre Augen an die Lichtverhältnisse ihrer Umgebung.“ (Auszug Seite 255)

Elsa Myers wird zu dem Fall der vermissten Ruby gerufen. Als FBI-Expertin für verschwundene Kinder und Jugendliche soll sie dem örtlich zuständigen Detective Lex bei der Suche helfen. Nach einigen Befragungen findet sich schnell eine Spur und Ruby ist anscheinend nicht das einzige Opfer. Zudem wird der Fall persönlich für Elsa. Kann sie die Mädchen retten?

Elsa ist Anfang vierzig und muss ihre volle Aufmerksamkeit nicht nur auf den aktuellen Vermisstenfall lenken, sondern trauert ebenfalls um ihren Vater, der im Sterben liegt. Mit der Trauer um den Vater und dem Verkauf des einstigen Elternhauses kommen auch die Erlebnisse ihrer Kindheit wieder hoch und Elsa kämpft dagegen an, dass sie übermächtig werden.

Leider nichts Neues

Die im Dunkeln von Karen Ellis ist meiner Meinung nach ein solider Thriller, in dem es um die Suche nach den vermissten Jugendlichen und Elsas Vergangenheit geht. Diese Konstellation ist leider nichts Neues. Die Geschichte liest sich jedoch flüssig und ich konnte alle Zusammenhänge gut erfassen. Das Buch wird in Tage untergliedert, die jeweils in weitere Kapitel geteilt sind. Vorrangig wird aus jetziger Sicht von Elsa geschildert, ab und zu bekommen die Opfer oder der Täter eine Stimme oder es werden Episoden aus Elsas Kindheit beschrieben.

Vergangenheitsbewältigung

Die Protagonistin ist mir grundsätzlich sympathisch. Was die Suche nach Ruby angeht, konnte ich mich gut in sie hineinversetzen und Entscheidungen nachvollziehen. Zum Ende hin wurde mir ihre Kindheit allerdings etwas zu viel, denn dieser Part mit all seinen Erinnerungen und Überlegungen nimmt gut ein Drittel der Geschichte ein.

Lesefluss und Spannung

In dem Buch werden einige Pressestimmen zitiert, die von Hochspannung und einer fesselnden Geschichte berichten. Das entspricht nicht meinem Leseempfinden. Diesen Thriller kann man durchaus in einem Rutsch lesen, aber der Spannungsbogen ist meiner Meinung nach zu flach gehalten und die Handlung hat mich nicht vollständig gepackt. Eine der Stimmen verrät, dass es sich hier um den Start einer neuen Serie handelt, Teil zwei werde ich vermutlich aber nicht lesen.

Fazit: Ein solider Thriller, der aber grundsätzlich nichts Neues ist und dem die Spannung etwas fehlt.

Karen Ellis hat unter dem Namen Kate Pepper bereits zahlreiche Thriller veröffentlicht, u. a. 5 Tage im Sommer. Sie ist Mitglied der Mystery Writers of America und der International Thriller Writers. Mit ihrer Familie lebt sie in Brooklyn, New York. (Verlagsinfo)

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Die im Dunkeln | Erschienen am 24. Juli 2018 bei Rowohlt
ISBN 978-3-499-27309-4
336 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Jane Harper | Ins Dunkel Bd. 2

Jane Harper | Ins Dunkel Bd. 2

Später waren sich die vier Frauen nur in zwei Dingen einig. Erstens: Niemand hatte gesehen, wie die Wildnis Alice Russell verschluckte. Und zweitens: Alice hatte eine so scharfe Zunge, dass man sich daran schneiden konnte. (Auszug Seite 7)

Teambildende Maßnahmen

Mehrere Mitarbeiter einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft machen eine Trecking-Tour in den australischen Busch und folgen einer Route durch ein Wandergebiet.

Teambuilding heißt das Stichwort und die Firma praktiziert das jedes Jahr. Es werden zwei nach Geschlechtern getrennte Gruppen gebildet und ausgerüstet mit Rucksäcken, Kompass und Landkarten geht es ab in die australische Wildnis. Während die Männer drei Tage später pünktlich am vereinbarten Treffpunkt erscheinen, fehlt von den fünf Frauen jede Spur. Schnell wird ein Suchtrupp gebildet, denn vermutlich stoßen die Outback unerfahrenen Frauen in der unerbittlichen Natur fernab jeglicher Zivilisation und auf sich alleine gestellt schnell an ihre physischen wie psychischen Grenzen. Als sie viel später verletzt und am Ende ihrer Kräfte aus der Wildnis auftauchen, fehlt eine von ihnen und zwar Alice Russell. Und hier kommt Aaron Falk von der Bundespolizei ins Spiel, den mancher Leser vielleicht noch aus dem Vorgängerband The Dry kennt. Er arbeitet in Melbourne bei der Steuerfahndung und Russell war sein Verbindungsglied. Als Informantin sollte sie für ihn Firmengeheimnisse aus dem Archiv der Kanzlei besorgen. Denn gegen die Firma wird wegen des Verdachts der Geldwäsche ermittelt.

Zickenkrieg in der Wildnis

Parallel werden zwei Erzählstränge geschildert. In der Gegenwart begleiten wir Aaron Falk und seine Kollegin Carmen Cooper auf der Suche nach Alice Russell. Diese hatte Falk mit einem Handy, das sie trotz Verbotes mit auf die Tour geschmuggelt hatte, versucht zu erreichen und einen kryptischen Hilferuf abgesetzt. Auch die Presse stürzt sich auf den Fall, denn Alice verschwand in einem Gebiet, in dem vor Jahren ein Serienmörder sein Unwesen trieb. Dieser wurde gefasst, aber sein letztes Opfer wurde nie gefunden und sein Sohn gilt seit einiger Zeit als verschollen.

In einem weiteren Erzählstrang wird in chronologischen Rückblenden das tatsächliche Geschehen, die Wanderung der Frauen geschildert. Die von Beginn an schwelenden Konflikte, in der aus verschiedenen Hierarchien zusammengesetzten Truppe verstärken sich noch, als sie vom Weg abkommen, sich verlaufen und die Vorräte knapp werden. Besonders die dominante Alice weiß eigentlich alles besser und als die Kolleginnen beschließen, während der Dunkelheit und beißenden Kälte in einer Hütte zu rasten, macht sie sich schließlich gegen den Widerstand der anderen alleine auf den Weg. Die australische Autorin beschreibt sehr präzise, wie der Ton langsam rauer wird, die Umgangsformen sich verabschieden und schlussendlich die Gewalt eskaliert. Das harmlose Trekking-Abenteuer läuft aus dem Ruder und entwickelt sich zum Alptraum. Die unterschiedlichen Persönlichkeiten kooperieren nicht wirklich und tragen lieber Machtkämpfe aus, sodass die Gruppe sehr schnell instabil wird.

In dem Chaos, in der Dunkelheit, war es unmöglich zu sagen, welche der vier sich nach Alice‘ Befinden erkundigt hatte. Hinterher, als alles noch schlimmer wurde, sollte jede behaupten, sie wäre es gewesen. (Seite 9)

In kurzen Kapiteln springt Jane Harper immer hin und her. Sie streut falsche Fährten, arbeitet mit Cliffhangern und setzt das gefahrvolle Setting des australischen Dschungels gekonnt in Szene. Das ist spannend und fesselnd geschrieben, über weite Strecken unterhaltend und lässt sich schnell weg lesen. Wie schon in ihrem mit dem CWA Golden Dagger ausgezeichneten Debüt The Dry spielt die australische Landschaft eine gewichtige Rolle und Harper nimmt sich sehr viel Zeit für die Beschreibung des undurchdringlichen Dickichts.

Trotzdem kann dieser zweite Band um Aaron Falk nicht an die Atmosphäre und Komplexität ihres ersten Thrillers heranreichen. Manche Finten waren mir auch zu offensichtlich und durchscheinend, glichen eher einem Budenzauber. Auf die kriminellen Aktivitäten der Kanzlei hätte man noch genauer eingehen können, denn man erfährt über die schmutzigen Geschäfte sehr wenig. Während der Protagonist Falk gut ausgearbeitet und ein grundsolider, zurückhaltender Sympathieträger ist, waren mir die anderen Figuren alle ein bisschen zu blass gezeichnet, sodass man nicht richtig mit ihnen mitfiebert.

Überrascht war ich von der Häufigkeit der Tippfehler, die sich eingeschlichen haben und meinen Lesegenuss minderten.

Alles in allem ist Ins Dunkel leichtgängige, spannende Unterhaltung, die zum Miträtseln einlädt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Ins Dunkel | Erschienen am 24. Juli 2018 bei Rowohlt
ISBN 978-3-499-27473-2
416 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezension zu Jane Harpers Roman The Dry

Daan Heerma van Voss & Thomas Heerma van Voss | Zeuge des Spiels

Daan Heerma van Voss & Thomas Heerma van Voss | Zeuge des Spiels

Die Leute glauben, dass ein Mord nur eine Tat ist. Das ist ein Irrtum. Mord ist in erster Linie ein Gedanke. Ein Gedanke, den man anfangs noch von sich weist. Was man aber auch tun mag, der Gedanke wird immer zu einem zurückfinden, es ist die permanente Einflüsterung von etwas Sublimem. Täglich werden Hunderte Mörder geboren, sie warten auf den einen überspringenden Funken. (Auszug Seite 115)

Während der Feiern am Mardi Gras wird in den Sümpfen vor New Orleans die junge Natalie Underwood brutal ermordet. Ein Fall mit hoher öffentlicher Aufmerksamkeit. An die Spitze der Verdächtigen rückt schnell der Freund der Toten, der Niederländer Alexander van Zandt. Hat er aus Eifersucht gemordet? Die Ermittlerin Hanna Vincennes bleibt skeptisch, doch als sich viele Indizien auf van Zandt verdichten, wird Anklage erhoben.

Da wird Aron Mulder, der Vater des Angeklagten, auf den Fall aufmerksam. Er lebt seit einigen Jahren in einer Feriensiedlung, hat sich dort regelrecht verkrochen. Vor fünf Jahren wurde seine Frau Nora ermordet, der Fall wurde nie aufgeklärt, Aron war sogar selbst kurzzeitig festgenommen worden. Nach seiner Freilassung war sein altes Leben vorbei, sein Sohn Alexander reiste in die USA aus und brach jeglichen Kontakt zu seinem Vater ab. Nun ist sein Sohn in Haft, in der gleichen Situation wie er damals. Aron reist in die Staaten, fest entschlossen, seinen Sohn vor der Verurteilung zu bewahren. Doch in New Orleans gibt es jemanden, der alles daran setzt, dass Alexander verurteilt wird.

Die beiden Brüder Daan & Thomas Heerma van Voss sind in ihrer Heimat Niederlande bereits seit einigen Jahren etablierte Autoren. Von Thomas erschien bereits der 2013 im Original veröffentlichte Roman Stern geht in deutscher Übersetzung (ebenfalls bei Schöffling), von Daan erscheint Ende 2018 Abels letzter Krieg (bei dtv). 2015 taten sich beide Brüder erstmals zusammen und veröffentlichten diesen literarischen Thriller (mit dem Titel „Ultimatum“ im Original).

Zeuge des Spiels beginnt mit der Schilderung des brutalen Mordes an Natalie Underwood und führt anschließend mit Detective Hanna Vincennes und Aron Mulder die beiden Protoganisten ein. Die Autoren erzählen im Folgenden die Geschichte im Wesentlichen aus diesen beiden Perspektiven. Der Spannungsbogen flacht nach dem Start allerdings merklich ab und steigt dann wieder erst langsam an. Die Identität des Mörders bleibt offen, es kristallisieren sich mehrere Verdächtige heraus, für die Polizei vor allem Alexander van Zandt, der sich zunächst sogar einer Befragung durch Flucht entzieht. Dennoch hat man als Leser schnell Zweifel an der Täterschaft van Zandts (genährt auch durch die Polizistin Hanna), doch ausschließen kann man ihn nicht. Weitere Fahrt nimmt die Story auf, als Aron in New Orleans einen Privatermittler auf den Mord ansetzt.

Großen Reiz erfährt dieser Roman aus der Konstellation zwischen Vater und Sohn, die beide eines Mordes (zu Unrecht?) beschuldigt werden oder wurden. Dieses nach dem Tod der Mutter/der Ehefrau zerrüttete Vater-Sohn-Verhältnis wird von den Autoren überzeugend in Szene gesetzt. Der eine flieht in die Staaten, lässt seinen Namen ändern und die Heimat hinter sich, der andere verkauft Haus und Hof, zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück (die ihm immer noch zurückhaltend begegnet, der Mörder seiner Frau ist schließlich noch nicht gefasst) und findet selbst über eine neue Beziehung nur langsam wieder Antrieb.

Der Plot ist durchaus reizvoll, Suspense vorhanden, die Figurenkonstellation interessant. Dennoch ist bei mir der Funke nicht komplett übergesprungen. Das liegt zum einen an der aus meiner Sicht langweiligen zweiten Hauptfigur Hanna Vincennes. Die Polizistin, die sich eigentlich nach einem Burnout in den Innendienst versetzen lassen will, bekommt hier ihren vermutlich letzten großen Fall auf den Tisch. Zunächst auch durchaus engagiert und mit Zweifeln, ob es von ihren Vorgesetzten richtig ist, van Zandt so schnell als Mörder anzuklagen, macht sie einfach zu viele Fehler in ihren Ermittlungen und erweist sich zu schnell in diesem Spiel (und dazu wird es tatsächlich) als eindeutig Unterlegene. Zum anderen bin ich mit dem Plot an einigen Stellen einfach unzufrieden, insbesondere wenn der Klappentext mit dem Begriff des „perfekten Verbrechens“ spielt. Das war es aus meiner Sicht nämlich nicht, mehr darf ich aber auch nicht sagen, ohne zu spoilern. Aber es trübt halt meinen Gesamteindruck dieses ambitionierten Thrillers.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Zeuge des Spiels | Erschienen am 7. August 2018 im Verlag Schöffling & Co.
ISBN 978-3-89561-208-4
302 Seiten | 18.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Uwe Wilhelm | Die 7 Kreise der Hölle

Uwe Wilhelm | Die 7 Kreise der Hölle

„Er wusste, soeben hatte er das vierte Kapitel der sieben Kreise der Hölle beschrieben. Er würde es ausformulieren und aufschreiben. Es sollte den Titel Wut tragen.“ (Auszug Seite 274)

Helena Faber tritt gerade aus der Tür, als sie gerade noch sieht, wie ihre beiden Töchter in einen Transporter einsteigen, der anschließend wegfährt. Sie versucht noch, den Wagen zu stoppen, aber vergeblich. Was hat das zu bedeuten? Warum steigen ihre Kinder in ein fremdes Auto und wo werden sie hingebracht? Helena und ihr Mann Robert setzen sofort alle Hebel in Bewegung, um die Entführung zu verhindern.

Helena Faber wohnt in Berlin, ist Staatsanwältin und ist von ihrem Mann Robert seit vier Jahren getrennt. Robert arbeitet bei der Polizei. Die beiden gemeinsamen Töchter Katharina und Sophie sind dreizehn und elf Jahre alt.

Teil zwei der Trilogie

Die 7 Kreise der Hölle von Uwe Wilhelm ist der zweite Krimi um die Staatsanwältin Helena Faber. Im ersten Buch, Die 7 Farben des Blutes, verfolgt sie einen Serienmörder. Diese Geschichte baut stark auf den ersten Teil auf. Ich habe mit dem zweiten Fall begonnen und fand es schwer, die gesamten Vorgänge aus dem ersten zu erfassen, die für das Verständnis der Entführung notwendig gewesen wäre. Meiner Meinung nach wurde die Vorgeschichte hier nicht ausreichend beleuchtet und nur häppchenweise zur Verfügung gestellt, sodass ich empfehle, mit dem Anfang der Serie zu beginnen.

Pädophilie in Istanbul

Die Spur der Mädchen führt Helena und Robert in die Türkei. Hier geht es um Kindesmissbrauch und Kinderhandel. Die Details dazu kamen mir gut recherchiert vor, aber sie werden auch genauso unbarmherzig beschrieben, wie sie sind. Außerdem geht es viel um Korruption und dass dieser Ring, deren Mitglieder sich als Kunsthändler und Kunstkenner ausgeben, überall seine Kontakte hat und Helena und Robert selbst ihren engsten Kollegen bei der Polizei nicht mehr trauen können. Für meinen Geschmack ist mir die Geschichte zu politisch.

Ein konstanter Spannungsbogen

Der Thriller ist in vier Abschnitte unterteilt und die kurz gehaltenen Kapitel in Tage gegliedert. Der Text liest sich grundsätzlich flüssig, mich haben aber die türkischen Passagen gestört. Diese sind zum Glück übersetzt worden und ich habe diese Zeilen dann überflogen und habe gleich die Übersetzung gelesen. Der Autor arbeitet mit vielen kurzen Sätzen und dieser Schreibstil hat mich an Bernhard Aichner erinnert. Das mochte ich, denn dadurch wird die Geschichte rasanter. Der Spannungsbogen ist über viele Seiten präsent, denn immer wenn die Protagonisten das Gefühl haben, sie sind nur noch eine Handbreit von ihren Kindern entfernt, passiert etwas, so dass die beiden doch nicht gerettet werden können. Als Helena dann auch noch in Gefahr gerät und ebenfalls gerettet werden muss, wurde es mir ein bisschen zu dramatisch.

Abgebrochen

Ich habe mich entschieden, die letzten einhundert Seiten nicht mehr zu lesen, da das Buch im Großen und Ganzen nicht meinem Geschmack entspricht. Ich lese nicht gern politische Romane und leider war das Thema so nicht auf dem Klappentext erkennbar. Zudem bin ich mit Helena nicht richtig warm geworden. Sie ist zwar mutig und tut wirklich alles, um ihre Mädchen zu retten, lässt sich aber auch immer wieder mit Männern ein, die ihr am Ende schaden.

Uwe Wilhelm wurde 1957 in Hanau geboren, hat Germanistik und Schauspiel studiert und anschließend Drehbücher (unter anderem Polizeiruf und Tatort), Theaterstücke und Sachbücher geschrieben. Nach einem Schicksalsschlag ist der Autor mehrere Monate durch die Welt gereist und hat begonnen Romane zu schreiben. Mit Helena Faber hat er seine erste Trilogie begonnen. Auf der Homepage des Autors gibt es einen Videoblog der Protagonistin zu ihrem ersten Fall, der auf jeden Fall einen Besuch wert ist und den ich sehr gut finde.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Die 7 Kreise der Hölle | Erschienen am 21. Mai 2018 bei Blanvalet
ISBN 978-3-734-10345-2
480 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Keigo Higashino | Unter der Mitternachtssonne

Keigo Higashino | Unter der Mitternachtssonne

Die Frau schritt nun zögernd auf die Leiche zu. Vor dem Sofa blieb sie stehen und schaute auf den Toten hinab. Sasagaki merkte, dass ihr Kinn zitterte. „Ist das Ihr Mann?“, fragte Nagatsuka. Ohne zu antworten, legte die Frau die Hände auf die Wangen und bedeckte mit ihnen schließlich ihr ganzes Gesicht. Ihre Knie gaben nach, und sie sank zu Boden. Netter Auftritt, dachte Sasagaki. (Auszug Seite 12)

Am Anfang steht ein Mord

1973 entdecken spielende Kinder in einem leerstehenden Gebäude zufällig die Leiche des erstochenen Pfandleihers Yosuke Kirihara. Die Ermittlungen unter Kommissar Junzo Sasagaki ergeben, dass das Opfer an diesem Tag einen großen Geldbetrag von der Bank abgeholt hatte und auf dem Weg zu einer Kundin war. Mit dieser Fumiyo Nishimoto, einer alleinerziehenden Witwe, wird ihm ein Verhältnis nachgesagt, was diese bestreitet. Das Geld bleibt verschwunden und trotz großer Bemühungen des ehrgeizigen Kommissars verlaufen auch alle anderen Spuren im Sand. Ein Jahr später stirbt Fumiyo in ihrer Wohnung an einer Gasvergiftung, ob Unfall oder Suizid, wird nie ganz geklärt, und hinterlässt eine zwölfjährige Tochter namens Yukiho.

In den nächsten Kapiteln ist dann von Kommissar Sasagaki erst mal nicht mehr die Rede. Stattdessen werden die Lebenswege von Ryo Kirihara, dem damals elfjährigen Sohn des Pfandleihers und der gleichaltrigen, bildhübschen Yukiho beleuchtet.

Die Wächtergrundel und der Knallkrebs

In diesen Kapiteln erzählt Keigo Higashino sehr ausführlich und detailliert über einen Zeitraum von fast zwanzig Jahren. So wird jedes Kapitel fast zu einer kleinen abgeschlossenen Kurzgeschichte, in der sich die Lebenswege vieler Menschen schneiden. Ein gewiefter Schachzug, denn als Leser grübelt man die ganze Zeit über den großen Zusammenhang und kann ihn nur schwer erahnen. Erst ganz langsam fügen sich die einzelnen Puzzlestücke zu einem Bild zusammen. Das habe ich in dieser Raffinesse noch nicht gelesen. Die Verbindungen und Hintergründe beim Lesen nachzuvollziehen macht einen besonderen Reiz dieses Thrillers aus. Dazu passt, dass der Autor die einzelnen Episoden zuerst für eine Zeitschrift konzipiert und dann diese für seinen 1999 in Japan erschienenen Thriller überarbeitet hatte.

Yukiho investiert viel in Bildung und gutes Benehmen und wird zu einer auffallend schönen und erfolgreichen Geschäftsfrau. Auch Ryo, den immer eine düstere Aura umgibt, ist sehr umtriebig und nutzt die Wirtschaftsblase der 80er Jahre, um mit dubiosen sowie illegalen Geschäften wie zum Beispiel Erpressung, Bankenbetrug oder Wirtschaftsspionage sein Geld zu verdienen. Beide haben an sozialen Kontakten nur soweit Interesse, wenn sie ihre Mitmenschen benutzen können und sind Meister der Manipulation. Beide verstehen es, Menschen in ihren Bann zu ziehen, aber wo sie auftauchen, geschieht ein Unglück. Der subtile Thrill entsteht durch die Betrachtung dieser beiden rücksichtslosen Intriganten.

Obwohl sie in den Kapiteln nie aufeinander treffen, ahnt man irgendwann, dass Yukiho und Ryo eine besondere Verbindung haben. Der Kommissar vergleicht das mit einem Beispiel aus dem Tierreich: Grundel und Knallkrebs gehen eine Art Symbiose ein, indem sie sich zum Beispiel vor Gefahren warnen. Diese Kapitel sind auch eine Zeitreise in die 80er Jahre und ermöglichen einen Einblick in die japanische Gesellschaft und fremde Kultur. Es ist der Beginn des Computerzeitalters und man nimmt teil an den Anfängerjahren der Videospiele wie das bekannte Super Mario Bros. oder das Benutzen der ersten Geldkarten. Man lernt dabei auch einiges über die Mentalität der Japaner.

Cold Case

Zwanzig Jahre nach dem Tod des Pfandleihers sind die Ermittlungen natürlich schon lange eingestellt. Der Kommissar ist inzwischen in Rente, aber der Fall hat ihn nie losgelassen. Und so verfolgt er beharrlich weitere Spuren, ermittelt auf eigene Faust und engagiert sogar einen Detektiv. Als Leser hat man inzwischen eine Ahnung, aber das Motiv wird erst auf den letzten Seiten enthüllt. Der Autor überrascht mit einer stimmigen Auflösung, wenn zum Schluss alle Handlungsfäden zusammengeführt werden. Es erfordert eine große Aufmerksamkeit, damit man kein Detail überliest.

Higashino bedient sich einer klaren, fast emotionslosen Sprache. Sein Figurenpersonal ist immens, aber er verzichtet darauf, seine Charaktere psychologisch zu analysieren. Stattdessen berichtet er distanziert und fast dokumentarisch von außen wie ein Beobachter aus der Ferne.

Eine große Herausforderung waren die vielen japanischen für europäische Ohren ähnlich klingenden Namen für mich. Ohne das beiliegende Namensverzeichnis einschließlich Kurzbiographien der wichtigsten Personen wäre ich verloren gewesen.

Keigo Higashino hat mit Unter der Mitternachtssonne einen außergewöhnlichen, brillant konstruierten Thriller auf über 700 Seiten kreiert, den ich auch nach dem Lesen nicht so schnell vergessen werde, ganz großes Kino, auch ohne große Action und viel Blutvergießen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Unter der Miternachtssonne | Erschienen am 10. März 2018 bei Tropen im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-50348-7
720 Seiten | 25.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Mini-Spezials Japan.