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Alexander Oetker | Retour

Alexander Oetker | Retour

Ein Krimi im Aquitaine (und in Paris)

Retour von Alexander Oetker ist ein recht schmales Buch, auf gerade 260 Textseiten wird die Geschichte um ein Verbrechen im schönen Médoc erzählt, unterteilt in 32 Kapitel, die ihrerseits zusammengefasst sind in 5 Teilen, überschrieben mit den französischen Namen der Wochentage von Lundi bis Vendredi, Montag bis Freitag, und Titeln wie „So viele Fragen“ oder „Alte Liebe“. Das letzte kurze Kapitel, „Neue Liebe?“ spielt dann am Samedi, aber dieser Samstag bietet nur noch einen friedlichen Ausklang und einen Ausblick auf den nächsten Band der Verlain-Reihe, die Gewalttat ist in den vorangegangenen fünf Tagen bereits aufgeklärt worden.

Der Plot ist folgerichtig nicht besonders kompliziert oder komplex, Oetker beschreibt einen einfachen, überschaubaren Fall, den Mord an Caroline Derval, einem jungen Mädchen, das erschlagen am Strand aufgefunden wurde. Am Strand von Lacanau-Océan in der Nähe von Bordeaux. Ein Mord, kaum dass Luc Verlain im Aquitain angekommen ist, der Commissaire der Police Nationale hat sich auf eigenen Wunsch in seine alte Heimat versetzen lassen, um bei seinem schwer kranken Vater sein zu können.

Als junger Polizist war Luc von hier geflohen, er hielt es nicht mehr aus in den Dörfern seiner Kindheit und Jugend, mit ihrer provinziellen Enge, der Spießigkeit, gegen die er sich auflehnte, die Arroganz des Bürgertums in Bordeaux, die er verachtete, ihr zur Schau gestellter Reichtum, hier hatte er nicht länger leben können. Er will auch jetzt so schnell wie möglich wieder weg, aber er wird auf unabsehbare Zeit bleiben müssen. Sein erster Weg führt ihn ins Hôtel de Police, das Hauptquartier der Police Nationale. Von den alten Kollegen ist niemand mehr da, aber sein ehemaliger Ausbilder, inzwischen Divisionsleiter, Commandant Preud´homme, nimmt ihn herzlich in Empfang und stellt ihm das Team der Brigade Criminelle Aquitaine vor, der Sondereinheit für Kapitalverbrechen: Brigadier Hugo Pannetier, der lange bei der Spezialpolizei CRS gedient hatte, Commissaire Etxeberria, ein Baske, der die Abteilung nun gleichberechtigt mit Luc leiten wird, und Commandante Anouk Filipetti.

Luc verliebt sich auf den ersten Blick in die hübsche, charmante, kluge Kollegin und es stellt sich schnell heraus, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht. Wie selbstverständlich bilden sie ein Team, während Etxeberria mit Pannetier zusammenarbeitet. Und seine Arbeitsmethoden erweisen sich als äußerst fragwürdig, und so gerät er bald mit Luc aneinander. Der Baske ist eine der wenigen unangenehmen Figuren in Oetkers Personal, das ansonsten fast durchweg mit sympathischen, ja liebenswerten Charakteren – auch bei einigen Nebendarstellern – aufwartet, die ihren klug platzierten Einsatz bekommen. Sie zu zeichnen gelingt dem Autor ausgesprochen gut, der Leser hat dank der genauen, einfühlsamen Beschreibung ein sehr lebendiges Bild der Personen und ihrer Persönlichkeit, die einigermaßen überschaubare Schar der Handelnden vermag uns Oetker vorzüglich nahe zu bringen.

Weniger zufrieden war ich mit der Erzählweise Oetkers, da hätte ich mir doch eine etwas nuanciertere Wortwahl gewünscht, einen etwas eloquenteren Stil. Es wird ständig gegrinst, nicht gefeixt, geschmunzelt, gelächelt, gekichert oder gelacht, da werden keine Mundwinkel hochgezogen, da zwinkert man sich nicht zu oder was noch alles möglich wäre, nein, man grinst. Es ist eine sehr einfache Diktion, vor allem die Dialoge bleiben in der Regel umgangssprachlich, salopp, zwang- und formlos, was immerhin gut zu den Figuren passt, die (fast) alle harmonisch und unbefangen miteinander umgehen. Das alles liest sich unkompliziert, leicht und mühelos, auch wenn es ein paar Längen gibt, langweilig wird das Buch nie.

Und das, obwohl die Ermittlungsarbeit sehr detailliert, fast akribisch genau geschildert wird, mit all ihren zeitraubenden und häufig ergebnislosen Befragungen und Verhören. Viel Energie wird verwendet auf die Verfolgung falscher Spuren, die ein wenig vorhersehbar in die Irre führen. Dabei gibt es früh einen Hauptverdächtigen, und Etxeberria, der mit Sturheit und Starrsinn seine eigene Linie im Alleingang verfolgt, lässt unter großem Aufsehen den ehemaligen Freund des Mordopfers verhaften, den jungen Algerier Hakim. Für den selbstherrlichen und selbstgerechten Basken, der nicht zum ersten Mal mit Luc aneinander gerät, steht der Täter fest, und erst recht für den Vater Caros, der in seinem kleinen Heimatort ziemlich einflussreich ist und offen seine Sympathie für den Front Nationale der Marine Le Pen bekundet. Als Hakim wieder freigelassen werden muss, organisiert er eine Art Bürgerwehr und ruft zur Lynchjustiz auf. Rassismus und Fremdenhass sind offenbar auch in dieser schönen Gegend weit verbreitet, und Luc positioniert sich offen und vehement für die gerechte Sache und gegen die Rechten. Mir gefällt gut, dass Oetker (oder seine Figuren) an dieser und nicht nur an dieser Stelle eindeutig Stellung bezieht.

So kommt es nach zwei Dritteln des Romans zum eigentlichen Höhepunkt des Plots, einer höchst spannenden, dramatischen und tragischen Szene. Aber selbst nach dem größten Tumult bleibt Oetker bei seiner Linie und Luc sich selbst treu: es ist wieder Zeit für ein wenig Müßiggang, es wird geflirtet und geschäkert, vor allem aber gegessen und getrunken. Ausführlich lässt uns der Autor, bekennender Frankreich-Liebhaber und Anhänger des Savoir-Vivre, teilhaben an den Genüssen, denen sich Luc und Anouk hingeben, beschreibt eingehend, was auf den Tisch und ins Glas kommt. Und noch etwas schafft er meisterhaft: Die wunderbaren Landschaften des Aquitaine zu schildern, vor allem das Meer, den Ozean im Golfe de Gascogne, der Biskaya, Wind und Wellen, endloser weißer Sand, kilometerweit das Grün der Bäume und das Blau des Himmels, das es so nur am Atlantik gibt. Luc freundet sich langsam wieder mit der Landschaft seiner Kindheit und mit alten Bekannten an, auch wenn die Geschäfte über Mittag geschlossen sind und kein Tabac seine geliebten Parisienne-Zigaretten führt.

Die Jagd nach dem Täter aber führt Luc zurück nach Paris, ein schöner Einfall des Autors, die stark kontrastierenden Schauplätze und neues Personal machen den Plot kurzweiliger und interessanter. Im Kommissariat Mord 2 gibt es ein Wiedersehen mit seinem Freund und Kollegen Brigadier Yacine Zitouna, eine weitere schillernde, ausgesprochen liebenswerte Figur, der keinen Hehl aus seiner Herkunft als Kleinkrimineller aus den trostlosen Banlieus macht. In diesen Kapiteln können wir eintauchen in die so ganz andere Atmosphäre der lauten, rastlosen Hauptstadt. Die beiden Ermittler bekommen es mit einer Familie der oberen Zehntausend Frankreichs zu tun, die entsprechend blasiert und hochnäsig daherkommt und alle geläufigen Klischees bedient, mit entsprechenden Reaktionen vor allem von Yacine.

Das ist vielleicht ein wenig zu schlicht erzählt, überhaupt ist der Roman sprachlich nicht in allen Teilen auf höchstem Niveau, es finden sich einige handwerkliche Mängel, der bisherige Journalist Oetker wirkt da als Romanautor noch etwas unbeholfen. So wirkt der Schluss ein wenig zusammengestoppelt, die Geschichte plätschert dem Ende entgegen, der Kriminalfall ist schon fast vergessen und im Mittelpunkt stehen Lucs Liebeleien.

Es sind nämlich seine Affären, die den Frauenschwarm charakterisieren, so wie seine Liebe zu gutem Essen, ausgezeichneten Weinen, seine unvermeidlichen Zigaretten und sein Hang zum Rasen mit dem alten blauen Jaguar XJ6 – man gönnt sich ja sonst nichts! In Paris hat er seine „offizielle“ Partnerin Hélène zurückgelassen, in seiner alten, neuen Heimat landet er bald im Bett mit Cecilia, einer Surflehrerin, die ihn nach vielen Jahren wieder auf ein Brett stellt, nachdem ein traumatisches Erlebnis (mit seiner damaligen Freundin) ihm das Surfen verleidet hatte. Und nun auch noch Anouk, und es scheint, als könnte dies eine dauerhafte Beziehung werden. Vorläufig werden die zwei ja zumindest als Ermittler ein Paar bleiben, obwohl beide nicht vorhaben, auf Dauer im Aquitaine zu bleiben. Ihren ersten gemeinsamen Fall haben sie erfolgreich gelöst, wenn auch nicht besonders souverän, und letztlich ist es ein Geistesblitz, eine Eingebung, die zum Täter führt, aber der Plot ist insgesamt stimmig und folgerichtig, die Motive der Handelnden immerhin nachvollziehbar.

Sehr gut gefallen haben mir das Cover und vor allem die schön gestalteten Karten von Stefanie Bokeloh, die die Innenseiten des Umschlags schmücken, kritisieren muss ich allerdings die Lektorin: Einige Schnitzer des Autors und mindestens ein ganz peinlicher Rechtschreibfehler sind ihr durchgegangen.

Alles in allem ein gelungenes Debüt von Alexander Oetker, der bei allen kleinen Schwächen Lust auf mehr macht.

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Retoure | Erschienen am 24. April 2018 bei Atlantik im Verlag Hoffmann & Campe
ISBN 978-3-455-00349-9
288 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

4. Mai 2018

Declan Burke | Eight Ball Boogie

Declan Burke | Eight Ball Boogie

Der Begriff „Screwball“ kommt ursprünglich aus dem Baseball und hat sich in der englische Umgangssprache durchgesetzt. Ein Screwball ist demnach eine exzentrische, skurrile Person. Auch ein Filmgenre wurde danach benannt. In der Screwball-Komödie taucht in der Regel mindestens eine solche skurrile Person als Hauptdarsteller oder Hauptdarstellerin auf und zeichnet sich laut Wikipedia „durch hohe Dialoglastigkeit, feinen und intelligenten Wortwitz, ein rasantes Tempo und eine raffiniert konstruierte Handlung aus“.

Warum ich das alles erzähle?Weil der Stil von Autor Declan Burke von vielen Rezensenten als „Screwball Noir“ bezeichnet wurde. Und das ist durchaus nachzuvollziehen. Übrigens gibt es zahlreiche Paralleln zwischen screwball comedy und film noir, beide sind ungefähr zur gleichen Zeit in den 1930ern/1940ern populär geworden.

Man stelle sich diese skurrilen Hollywood-Komödien vor, transportiere sie in den Nordwesten Irlands und füge eine nicht unerhebliche Menge Alkohol, Betäubungsmittel und Schusswaffen hinzu. Voilá! Eight Ball Boogie ist der Debütroman des irischen Autors aus dem Jahr 2003. Seine späteren Romane The Big O und Absolute Zero Cool wurden bereits ins Deutsche übersetzt. Burke betreibt übrigens auch die interessante Krimiwebsite Crime always pays. Doch worum geht’s in Eight Ball Boogie?

„Na gut“, sagte er. „Das ist Plan A. Und was ist, wenn sie nicht darauf eingehen?“
„Dann überleg ich mir was anderes.“
„Und das ist alles?“, fragte er ungläubig.
„So ziemlich.“
„Scheiße. Scheißescheißescheißescheißescheißescheiße.“ […]
„Du willst das wirklich tun?“
„Ich tu nichts, es tut mich. Ich bin bloß der Beifahrer.“ (Auszug Seite 212)

Harry Rigby ist Privatermittler und verkauft auch gerne pikante Storys an die Boulevardpresse. Er führt eine komplizierte Beziehung zu seiner Freundin Denise und seinem vierjährigen Sohn Ben, das Geschäft könnte auch besser laufen. Da wird die Ehefrau eines bekannten Politikers ermordet und Rigby erhält zeitgleich den Auftrag eines windigen einheimischen Geschäftsmannes, dessen Frau auszuspionieren. Und Rigby findet schnell heraus, dass die Ehefrau offenbar etwas mit dem verwitweten Politiker hatte.

Aber das sind nur die ersten Elemente, denn getreu dem Screwball-Genre geht es in der Folgezeit ziemlich turbulent und abwechslungsreich zu. Und Harry ist über weite Strecken tatsächlich nur ein Getriebener in diesem Plot. Irgendwann wird klar, dass es hier irgendwie um Drogen geht, aber wer wie da jetzt mit drin hängt, ist schwer zu beurteilen (ein wenig auch nach Beendigung des Buches). Die örtlichen Polizeikräfte rücken Harry auf die Pelle, die freie Journalistin Katie verdreht ihm etwas den Kopf. Zur Krönung taucht auch Harrys Bruder Gonzo nach vier Jahren Funkstille auf der Bildfläche auf. Mit seinem Bruder verbindet Harry so etwas wie eine Hassliebe, wobei die Betonung eher auf der ersten Silbe liegt.

Harry führt als Ich-Erzähler durch den Roman. Das ist ungemein praktisch, da der Leser genauso oft auf dem falschen Fuß erwischt wird wie Harry. In den besten Momenten liest sich das Buch wie die Vorlage zu einem frühen Guy-Ritchie-Film, aber es gibt auch Phasen, in denen ich einfach nur noch verwirrt war, wohin sich die Nummer jetzt wieder hin entwickelt hat. Doch alles in allem war ich schon zufrieden, wenn auch nicht begeistert. Declan Burke spart nicht an hartgesottenen Zutaten. Hier gibt es eine Menge schräger Typen in knackigen Dialogen und einem rabenschwarzen Plot. Und das sorgt auf jeden Fall nicht für Langeweile.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Eight Ball Boogie | Erschienen am 5. März 2018 bei Edition Nautilus
ISBN 978-3-96054-068-7
272 Seiten | 18.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Declan Burkes Website crimealwayspays.blogspot.de 

2. Mai 2018

Maj Sjöwall & Per Wahlöö | Der Mann, der sich in Luft auflöste

Maj Sjöwall & Per Wahlöö | Der Mann, der sich in Luft auflöste

Im selben Moment registrierte Martin Beck etwas. Keinen Schatten und auch kein Geräusch, nur eine kleine Veränderung in der Luft schräg hinter ihm. So unmerklich, dass nur die Stille der Nacht sie wahrnehmbar machte.
Er wusste, dass er nicht mehr allein auf der Mauer war. Das Auto sollte nur seine Aufmerksamkeit ablenken, während unten auf dem Kai jemand lautlos heranschlich und sich hinter ihm auf die Mauer schwang.
Und im selben Moment begriff er auch, glasklar und deutlich, dass dies keine Beschattung, kein Spiel, sondern Ernst war. Mehr als das. Es war der Tod. Dieses Mal war er hinter ihm her, und zwar nicht zufällig, sondern kalt, berechnend und vorsätzlich. (Auszug Seite 126)

Sommer in Stockholm: Kommissar Martin Beck sortiert die letzten Akten und verabschiedet sich in den Familienurlaub auf einer Schäreninsel. Doch schon nach einem Tag wird er für eine Spezialaufgabe ins Büro zurückbeordert. Der schwedische Reporter Alf Matsson ist von einer Recherchereise nach Ungarn spurlos verschwunden. Seine Zeitung droht sein Verschwinden auszuschlachten, die schwedische Regierung befürchtet diplomatische Verwicklungen. Daher reist Beck in inoffizieller Mission nach Budapest, um dort zu ermitteln.
Beck checkt im selben Hotel wie der Verschwundene ein und begibt sich auf Spurensuche. Alf Matsson hat allerdings sein ganzes Gepäck inklusive seines Passes im Hotel gelassen. Die erste Nacht hat er in einer anderen Unterkunft verbracht. Außerdem schien er Kontakt zu einer ehemaligen ungarischen Leistungsschwimmerin gehabt zu haben. Aber all dies bringt Beck nicht wirklich weiter, zudem erhält er mit Major Szluka einen ungebetenen Aufpasser. Doch die Ermittlungen haben jemanden aufgeschreckt, in einer einsamen Nacht am Donauufer spitzen sich die Ereignisse zu.

Der Schwedenkrimi oder heutzutage etwas regionaler gefasst Skandivian Noir oder Nordic Noir ist in der Kriminalliteratur ein eigenes international erfolgreiches Genre geworden, obwohl sich dort ziemlich unterschiedliche Autorenstile tummeln. Den Reiz dieses Genres macht vor allem sicherlich die Diskrepanz zwischen den Erwartungen der Leser an die gesellschaftlichen Umstände der skandivischen Musterländer und den düsteren Abgründen der Romane aus. Mehr oder weniger als Paten des Genres gelten Maj Sjöwall und Per Wahlöö mit ihrer zehnbändigen Romanreihe Roman über ein Verbrechen. Beide arbeiteten als Journalisten, heirateten 1962 und bildeten bis zum Tode Wahlöös 1975 ein kongeniales Autorenduo. 1971 erhielt der vierte Roman Endstation für neun den Edgar Award und markierte damit endgültig den internationalen Durchbruch.

Wahlöö hatte bereits vor Erscheinen des ersten Martin-Beck-Romans 1965 Die Tote im Götakanal erfolgreich Krimis veröffentlicht. Unter anderem war er (Sjöwall später auch) Übersetzer den legendären Ed McBain-Krimis, die den beiden Inspiration boten für ihr großes Romanprojekt. Sjöwall und Wahlöö waren bekennende Marxisten und wollten ihre Krimis bewusst als politisches Vehikel benutzen. Beide übten große Kritik an den sozialdemokratischen Regierungen unter Erlander und Palme des vermeintlichen Musterland Schwedens, insbesondere an der Polizeireform 1965. Sie wähnten das Land auf dem Weg in den Faschismus und dagegen wollten sie anschreiben. Dabei brachten sie ihre Kritik und politische Meinung zunächst nur in geringem Maße ein, steigerten dies aber bis zum Ende der Reihe deutlich.

Der Mann, der sich in Luft auflöste ist der zweite Band der Reihe. Das schwierige zweite Buch, „die Hölle eines jeden Autors“, wie die Autorenkollegen Anders Röslund und Börge Hellström in ihrem begeisterten Vorwort meinen. Der Roman tanzt insofern ein wenig aus der Reihe, da er über weite Strecken nicht in Schweden spielt. Die später in der Reihe deutlicher formulierte Gesellschaftskritik kommt hier auch nur in homöopathischen Dosen vor. Im Gegenteil: Die Autoren spielen die ganze Zeit mit den Erwartungen des Lesers, dass sich hier ein politisches Verbrechen verbirgt (Kalter Krieg, Eiserner Vorhang), was sich aber in der gelungenen Auflösung nicht bewahrheiten wird.

Jetzt saß er hier in Budapest mit einem Auftrag, für den er nur mit größter Mühe Interesse aufbringen konnte. (Seite 95)

Was mir an diesem Buch direkt auffiel, war die intensive Beschreibung der Figuren und der Szenen und Schauplätze. Dies ist auf der einen Seite äußerst filigran und gekonnt, sorgte bei mir aber während der Kapitel in Budapest teilweise für eine merkwürdige Stimmung. Es gibt lange Phasen, in denen eigentlich kaum etwas passiert, es fühlt sich ein wenig wie in Zeitlupe an. So wie Beck selbst, ging es mir auch hin und wieder. Bis zu dieser Szene an der Donau.

Als Fazit kann ich mich nicht völlig begeistert zeigen, aber gerade das Ende hat mich positiv versöhnt. Ich kann auch durchaus nachvollziehen, warum diese Figur des Kommissar Beck bis heute ihren Reiz hat und auch fürs Fernsehen adaptiert wurde. Beck und seine Kollegen werden als absolute Normalos präsentiert, ihre Polizeiarbeit ist gründlich und strukturiert. Das wirkt auf den Leser sehr authentisch. Ich werde mir aus Interesse auf jeden Fall auch nochmal einen der älteren Bände vornehmen, in dem Sjöwall und Wahlöö ihre Gesellschaftskritik um einiges deutlicher platziert haben.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Mann, der sich in Luft auflöste |Erstmals erschienen 1966
Die gelesene Ausgabe erschien am 1. Oktober 2008 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-24442-1
234 Seiten | 8.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

29. März 2018

Weiterlesen:
50 Jahre Martin Beck auf Deutsch – Eine Hommage von Ulrich Noller | Autorenporträt auf kaliber .38 | Interview mit Maj Sjöwall von Spiegel Online in 2005

 

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Mini-Spezials Ein langes Wochenende mit … Schwedenkrimis.

Abgehakt | März 2018

Abgehakt | März 2018

Vier neue Kurzbesprechungen von Andrea und Gunnar haben wir heute zum (fast) Abschluss des  ersten Quartals in Abgehakt, Krimis kurz besprochen. Heute mit dabei Titel aus den Genres Krimi, Regionalkrimi, Spannungsroman sowie Thriller.

 

Fred Vargas | Das barmherzige Fallbeil

Zwei scheinbare Selbstmorde werden genauer untersucht, weil sich bei beiden Toten ein undefinierbares Symbol befindet. Nach den ersten Befragungen ergibt sich die erste Spur: eine Island-Reise, bei der nicht alles mit rechten Dingen zuging. Bald kann das Symbol aber doch gedeutet werden – die Zeichnung eines Fallbeils aus der Zeit der französischen Revolution. Welches Motiv steckt hinter den Morden?

Ich werde es nicht erfahren, denn ich habe das Buch nach der Hälfte abgebrochen. Den Anfang der Geschichte fand ich noch sehr vielversprechend, doch die Ermittlungen rund um die Französische Revolution waren für mich sehr langatmig. Außerdem haben meinen Lesefluss die vielen französischen Namen und Bezeichnungen gestört.

 

Das barmherzige Fallbeil | Erschienen am 20. März 2017 als Taschenbuchausgabe im Blanvalet Verlag
ISBN 978-3-373410-416-5
512 Seiten | 10.99 Euro
Bibliographische & Leseprobe

Kategorie: Krimi
Wertung: 1.5 von 5.0

 

Elke Pupke | Tödliches Geheimnis auf Usedom

In Bansin auf Usedom wird eine junge Frau von einem Auto angefahren, der Fahrer begeht Fahrerflucht. Die Frau, Kim, findet Unterschlupf in der Pension „Kehr wieder“, die von den beiden Nichten der 74-jährigen Berta geführt wird. Kurz darauf ist Kim tot und die Taten im Ort reißen nicht ab. Wer wollte Kim loswerden und was hat das mit der ungeklärten Vaterschaft von Kims Tochter Emma zu tun?

Die gesamten „Ermittlungen“ finden in der Pension am Stammtisch statt, nämlich durch Überlegungen und Rekonstruktionen des Tathergangs von Berta, den Angestellten und Gästen. Die Polizei kommt nur ab und zu vorbei und spielt eher die Nebenrolle. Tödliches Geheimnis von Usedom von Elke Pupke ist ein leichter Krimi, der meiner Meinung nach nicht besonders spannend ist und eher so vor sich hin „plätschert“. Trotzdem liest sich die gesamte Geschichte flüssig. Es ist bereits der dritte Fall von Berta, in den vergangenen zwei Jahren ist ebenfalls ein Mord in dem kleinen Ort an der Ostsee passiert. Sympathisch finde ich, dass alle handelnden Personen dem Alkohol nicht abgeneigt sind und es immer einen Grund für ein Gläschen gibt.

 

Tödliches Geheimnis von Usedom | Erschienen am 1. September 2014 im Hinstorff Verlag
ISBN 978-3-35601-884-4
272 Seiten | 12.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Kategorie: Regionalkrimi
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezensionen und Fotos von Andrea Köster.

 

Liza Cody | Krokodile und edle Ziele

Wer erinnert sich noch an das sensationelle Lady Bag? Hier gibt es ein Wiedersehen mit der störrischen und chaotischen Obdachlosen Angela, genannt „Lady Bag“. Sie kommt frisch aus dem Gefängnis frei und manövriert sich direkt in die desaströsesten Situationen. Ihre besten Kumpels Pierre und Schmister, alias Lil Missy, und ihre Hündin Elektra leben bei Pierres neuer Flamme Cherry, einer eiskalten Frau, die absolute Kontrolle ausübt. Außerdem hat die Lady einem Mitgefangen versprochen, dass sie mal nach dem Rechten sieht, wie es ihrem kleinen Sohn Connor bei seiner Großmutter geht.

Der Vorgänger Lady Bag war schon ein irrwitziger, zynischer Spaß mit bissiger Gesellschaftskritik. Und genau da macht Liza Cody in Krokodile und edle Ziele weiter, stürzt ihre Protagonistin in groteske Situationen zwischen Kindesmissbrauch im sozialen Wohnungsbau und Psychoterror im bürgerlichen Mittelschichtshäuschen. Das ergibt vor allem völlig abgefahrene Dialoge, wenn Lady Bag mit und ohne Rotweinnachschub ins Gespräch mit ihrer Hündin, ihrer nicht anwesenden Mutter oder dem Leibhaftigen persönlich (Fürst Fiasko, Prinz der Paranoia, Don des Durcheinanders) tritt. Das knüpft über weite Strecken an den hervorragenden Vorgänger an, allerdings verpasst die Autorin für meinen Geschmack etwas das Momentum fürs richtige Ende, denn im letzten Viertel plätschert der Roman stellenweise etwas vor sich hin. Trotzdem war es insgesamt ein äußerst unterhaltsames Wiedersehen mit Lady B.

 

Krokodile und edle Ziele | Erschienen am 25. September 2017 im Argument Verlag
ISBN 978-3-86754-22-72
432 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Kategorie: Spannungsroman
Wertung: 3.5 von 5.0

Jesper Stein | Aisha

In einer schicken Wohnanlage im Kopenhagener Stadtteil Amager wird die brutal ermordete Leiche von Sten Høeck gefunden, einem ehemaligen Mitarbeiter des dänischen Geheimdienstes PET. Kommissar Axel Steen bekommt dann auch direkt einen Kollegen vom PET als Aufpasser an die Seite, damit bloß keine Staatsgeheimnisse ans Tageslicht geraten. Zwar war Høeck ein Schürzenjäger und damit ergibt sich durchaus ein Mordmotiv, aber spätestens als die Leiche eines weiteren ehemaligen PET-Mitarbeiters gefunden wird, ist Axel Steen klar, wo die Verbindung zu suchen ist. Doch der Geheimdienst blockt ab.

Eigentlich stimmen die Grundzutaten zu diesem Thriller: Ein brutaler Mord, Geheimdienst-Operationen, Kompetenzgerangel zwischen den Ermittlungsbehörden und die Hauptfigur Axel Steen, die zu Beginn zwar etwas weichgespült wirkt (zumal, wenn man die Vorgängerbände kennt), aber im Laufe des Buches zu alter Form findet. Und doch hat sich bei mir nicht die gleiche Begeisterung wie beispielsweise bei Bedrängnis eingestellt. Das letzte Viertel des Buches bestreitet etwas ausgetretene Pfade, persönliche Betroffenheit des Ermittlers und Alleingang inklusive. Auch der Täter bleibt sehr im Vagen. Aber ganz zum Schluss bietet Jesper Stein noch eine interessante Pointe, die für den Weitergang der Reihe einiges an Reiz verspricht. So werde ich Axel Steen wohl auch in Zukunft weiterverfolgen.

 

Aisha | Erschienen am 26. Januar 2018 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05078-3
560 Seiten | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Kategorie: Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

 

Weiterlesen: Abgehakt September 2017 und Abgehakt Dezember 2017, außerdem Gunnars Rezensionen zu Liza Codys Romanen Lady Bag und Miss Terry

24. März 2018

Stuart MacBride | Totenkalt

Stuart MacBride | Totenkalt

Ein schwarzer Plastik-Müllbeutel entfaltet sich knisternd und flattert einen Moment lang über ihm wie der Flügel einer riesigen Fledermaus. Dann wird er ihm mit einem Ruck über den Kopf gezogen. Das ratschende Geräusch von Paketklebeband zerreißt die Stille. Und jetzt endlich bringt er die Luft zum Schreien auf. (Auszug Seite 7)

Verbannung in die Provinz

Im zehnten Teil der Serie um den Ermittler Logan McRae ist dieser aus dem dreckigen, düsteren Aberdeen in die schottische Provinz verbannt worden. Er muss wieder in Uniform in einem kleinen, verschlafenen Nest seinen Dienst schieben. In dem Hafenstädtchen Banff wird in einem Waldgebiet eine übel zugerichtete Leiche gefunden. Nackt, gefesselt und vor dem Tod brutal misshandelt mit einer Plastiktüte über dem Kopf deutet alles auf ein Verbrechen im Gangstermilieu hin. Es ist aber nicht der seit einigen Tagen vermisste Martin Milne sondern sein Geschäftspartner. Parallelen zeigen sich zu einer ermordeten Studentin, die erschlagen im Wald aufgefunden worden war. Aus Aberdeen kommt eine Sonderermittlungsgruppe rund um DC Inspector Roberta Steel als Verstärkung. Und so trifft Sergeant Logan McRae wieder auf seine ehemalige Chefin.

Vielmehr kann man über den äußerst verflochtenen Plot gar nicht verraten. Dieser zerfällt in zahlreiche kleine Subplots, wobei der eigentliche Kriminalfall dabei in den Hintergrund rückt. Die im Klappentext erwähnte erschlagene Studentin kommt zum Beispiel erst wieder auf den letzten Seiten vor.

Private Schicksalsschläge

Das Hauptaugenmerk liegt auf Logan McRae, dem Protagonisten dieser Serie und seine privaten Dramen. Stuart MacBride entwickelt sehr viel Einfallsreichtum und lässt McRae körperlich wie seelisch einiges einstecken. Seine Freundin Samantha liegt seit fünf Jahren im Koma und die lebenserhaltenden Maschinen sollen jetzt abgeschaltet werden.

Um für die hohen Kosten ihrer Behandlung aufzukommen, hatte sich McRae mit dem Unterweltkönig Hamish Mowat eingelassen. Als dieser jetzt verstirbt und McRae als Hauptbegünstigter in dessen Testament aufgeführt wird, passt das dem potenziellen Nachfolger nicht. Der sadistische Reuben Kennedy trachtet McRae nach dem Leben, der auch noch damit beschäftigt ist, vor den Kollegen seine Beziehung zu den Kriminellen zu verschleiern.

Und dann ist da noch der Chef der Dienstaufsicht, Chief Superintendent Napier, der den Fall eines Kinderschänders untersucht und Logan um Hilfe bittet, indem er Roberta Steel ausspioniert. Zwischen Logan und seiner ehemaligen Chefin besteht so eine Art Hassliebe. Während die laute, derbe und unfassbar ordinäre Roberta mal wieder alles versucht, um den fähigen Ermittler auszunutzen, ist sie andrerseits auch diejenige, die ihm bei seiner Trauer um Samantha beisteht. Und schließlich hatte Logan durch Samenspende Roberta und ihrer Frau zu zwei Kindern verholfen.

Resümee

Totenkalt ist eine abgeschlossene Geschichte einer zehnteiligen Serie und der Schwerpunkt liegt auch hier wieder auf der überzeugenden Schilderung des Polizeialltags. Ein großes Figurenensemble tummelt sich durch die Handlung. Alle werden vom Autor mit vielen Eigenheiten überspitzt dargestellt. Neben der Überzeichnung seiner Charaktere setzt MacBride Vulgarität als Stilmittel ein. Steel putzt ihre Untergebenen ständig mit sexistischen Bemerkungen runter, die grundsätzlich im genitalen Bereich angesiedelt sind. Trotzdem wachsen einem die Figuren in ihrer individuellen Verrücktheit ans Herz.

Viele Bezüge zu vorangegangenen Teilen machen es dem Neueinsteiger nicht leicht, in die Story reinzufinden. Ich kannte die ersten beiden Bände und konnte mich allerdings an den Plot nicht mehr richtig erinnern, aber daran, dass das Wetter eine gewichtige Rolle spielte. Die Atmosphäre des nasskalten Wetters wird auch in diesem Band gut eingefangen.

Stuart MacBride glänzt in diesem Werk wieder mit vielen unkonventionellen und abgedrehten Wendungen. Ich mag auch den absurden und aberwitzigen Humor, muss aber auch gestehen, dass aufgrund der Vielzahl der Erzählebenen der Spannungsbogen fehlte und ich mich doch teilweise durch die fast 630 Seiten gequält habe.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Totenkalt | Erschienen am 17. Juli 2017 im Goldmann Verlag
ISBN 978-3-442-48566-6
640 Seiten | 9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

14. Februar 2018