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Solveig Engel | Neondunkel

Solveig Engel | Neondunkel

„Während ich meinen Kaffee schlürfe, habe ich das Gefühl, die Antwort könnte in Georges Todesursache liegen. Wahrscheinlich gibt es eine völlig harmlose Erklärung, eine, die alle Anschuldigungen, vor allem auch die nicht ausgesprochenen, entkräftet und jeden Klaus-Peter entwaffnet.“ (Auszug Seite 95)

Dr. Melanie Glanz arbeitet als Astrophysikerin in Bochum. Gerade haben die drei Professoren, mit denen sie eng zusammengearbeitet und geforscht hat einen Nobelpreis erhalten. Kurze Zeit nach der Preisverleihung sterben zwei der Professoren und immer mehr Zweifel schleichen sich ein, ob es wirklich eine natürliche Todesursache war, da es zu vielen merkwürdigen Zufällen kommt. Aber wer hätte ein Motiv gehabt?

Einblick in die Forschung

Neondunkel von Solveig Engel ist selfpublished und als ich in der Romanbeschreibung gelesen habe, dass es sich um einen Wissenschaftsthriller handelt, war für mich schnell klar, dass das nicht zu meinen Genres zählt. Dann habe ich aber einige Rezensionen gelesen, in denen stand, dass es nicht vordergründig um die Wissenschaft und speziell Physik geht und nicht mit Fachbegriffen um sich geworfen wird, und wurde neugierig. Ich habe mich entschieden, dem Buch eine Chance zu geben.

Nach dem Lesen kann ich bestätigen, dass die Forschung eher den Hintergrund bildet und interessant geschildert ist. Ich hatte vorher keine Vorstellung davon, wie es in einem Labor zugeht und fand diesen Einblick wirklich gut. Da die Autorin selbst Physikerin ist, gehe ich davon aus, dass es auch der Wahrheit entspricht. Die Fachbegriffe werden außerdem für Laien gut erklärt.

Zwei Sichtweisen

Die Geschichte wird aus zwei Sichtweisen erzählt, jeweils in Ich-Form. Einmal beschreibt Mel ihre Erlebnisse und ihr Leben, zum anderen kommt Anni zu Wort. Hier wird es interessant, denn Anni ist ein achtjähriges Mädchen, das keiner sieht, sondern zu Mel gehört. Sie folgt Mel auf Schritt und Tritt und hat die Möglichkeit auf sie Einfluss zu nehmen. Mel bekommt es anfangs nur unbewusst mit, später immer stärker. Das klingt jetzt vielleicht spooky, geht aber eher in die psychologische Richtung.

Dr. Melanie Glanz

Die Protagonistin ist 35 Jahre alt, liebt ihr Fachgebiet und die Forschung und ist ein wahrer Kaffeejunkie. Ihre Mutter ist früh gestorben und seitdem hat sie ihr Vater unter den Fittichen, der ebenfalls Professor der Physik ist. Beide haben kein sehr gutes Verhältnis, da er sie oft mit Leistungsdruck und Schuldgefühlen lenkt.

Spannungsbogen bleibt flach

Am Anfang war der Thriller wirklich interessant und ich habe das Leben von Mel gern gelesen. Nach zweihundert Seiten beginnen dann endlich die ersten wirklichen Zweifel an den Todesursachen der beiden Professoren, es gibt einen weiteren Anschlag und die Polizei beginnt zu ermitteln. Diese beginnende Spannung kann sich leider nicht halten, es geht weiterhin mehr um das aktuelle Projekt, um Anni und um ein bisschen Liebe. Im letzten Drittel hat das Buch wirkliche Längen und mich verließ etwas die Motivation weiterzulesen, da es kaum noch um die vermutlichen Morde ging. Zum Ende hin wird es wieder etwas besser und ich als Leser habe langsam eine Ahnung bekommen, worauf die Geschichte abzielt.

Insgesamt ein interessantes Buch, wenn man noch nie mit Forschung in Berührung gekommen ist, aber der Spannungsbogen ist nicht geglückt. Sehr nett fand ich die Geste der Autorin, mir eine persönliche Widmung ins Buch zu schreiben, in der sie mir schauriges Lesevergnügen wünscht. Nur hat sich das leider nicht eingestellt.

Solveig Engel ist das Pseudonym von Sabine Engel. Sabine Engel hat Physik studiert, an der Bochumer Uni und am TRIUMF-Lab promoviert und nebenbei für Spektrum der Wissenschaft geschrieben. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren Kindern bei Berlin. 2013 erschien ihr Kinderbuch Mission mit Schwein im Baumhaus Verlag.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Neondunkel | Erschienen am 10. Januar 2018 als Self-Publishing bei epubli
ISBN 978-3-74507978-4
524 Seiten | 15.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Uwe Wilhelm | Die 7 Kreise der Hölle

Uwe Wilhelm | Die 7 Kreise der Hölle

„Er wusste, soeben hatte er das vierte Kapitel der sieben Kreise der Hölle beschrieben. Er würde es ausformulieren und aufschreiben. Es sollte den Titel Wut tragen.“ (Auszug Seite 274)

Helena Faber tritt gerade aus der Tür, als sie gerade noch sieht, wie ihre beiden Töchter in einen Transporter einsteigen, der anschließend wegfährt. Sie versucht noch, den Wagen zu stoppen, aber vergeblich. Was hat das zu bedeuten? Warum steigen ihre Kinder in ein fremdes Auto und wo werden sie hingebracht? Helena und ihr Mann Robert setzen sofort alle Hebel in Bewegung, um die Entführung zu verhindern.

Helena Faber wohnt in Berlin, ist Staatsanwältin und ist von ihrem Mann Robert seit vier Jahren getrennt. Robert arbeitet bei der Polizei. Die beiden gemeinsamen Töchter Katharina und Sophie sind dreizehn und elf Jahre alt.

Teil zwei der Trilogie

Die 7 Kreise der Hölle von Uwe Wilhelm ist der zweite Krimi um die Staatsanwältin Helena Faber. Im ersten Buch, Die 7 Farben des Blutes, verfolgt sie einen Serienmörder. Diese Geschichte baut stark auf den ersten Teil auf. Ich habe mit dem zweiten Fall begonnen und fand es schwer, die gesamten Vorgänge aus dem ersten zu erfassen, die für das Verständnis der Entführung notwendig gewesen wäre. Meiner Meinung nach wurde die Vorgeschichte hier nicht ausreichend beleuchtet und nur häppchenweise zur Verfügung gestellt, sodass ich empfehle, mit dem Anfang der Serie zu beginnen.

Pädophilie in Istanbul

Die Spur der Mädchen führt Helena und Robert in die Türkei. Hier geht es um Kindesmissbrauch und Kinderhandel. Die Details dazu kamen mir gut recherchiert vor, aber sie werden auch genauso unbarmherzig beschrieben, wie sie sind. Außerdem geht es viel um Korruption und dass dieser Ring, deren Mitglieder sich als Kunsthändler und Kunstkenner ausgeben, überall seine Kontakte hat und Helena und Robert selbst ihren engsten Kollegen bei der Polizei nicht mehr trauen können. Für meinen Geschmack ist mir die Geschichte zu politisch.

Ein konstanter Spannungsbogen

Der Thriller ist in vier Abschnitte unterteilt und die kurz gehaltenen Kapitel in Tage gegliedert. Der Text liest sich grundsätzlich flüssig, mich haben aber die türkischen Passagen gestört. Diese sind zum Glück übersetzt worden und ich habe diese Zeilen dann überflogen und habe gleich die Übersetzung gelesen. Der Autor arbeitet mit vielen kurzen Sätzen und dieser Schreibstil hat mich an Bernhard Aichner erinnert. Das mochte ich, denn dadurch wird die Geschichte rasanter. Der Spannungsbogen ist über viele Seiten präsent, denn immer wenn die Protagonisten das Gefühl haben, sie sind nur noch eine Handbreit von ihren Kindern entfernt, passiert etwas, so dass die beiden doch nicht gerettet werden können. Als Helena dann auch noch in Gefahr gerät und ebenfalls gerettet werden muss, wurde es mir ein bisschen zu dramatisch.

Abgebrochen

Ich habe mich entschieden, die letzten einhundert Seiten nicht mehr zu lesen, da das Buch im Großen und Ganzen nicht meinem Geschmack entspricht. Ich lese nicht gern politische Romane und leider war das Thema so nicht auf dem Klappentext erkennbar. Zudem bin ich mit Helena nicht richtig warm geworden. Sie ist zwar mutig und tut wirklich alles, um ihre Mädchen zu retten, lässt sich aber auch immer wieder mit Männern ein, die ihr am Ende schaden.

Uwe Wilhelm wurde 1957 in Hanau geboren, hat Germanistik und Schauspiel studiert und anschließend Drehbücher (unter anderem Polizeiruf und Tatort), Theaterstücke und Sachbücher geschrieben. Nach einem Schicksalsschlag ist der Autor mehrere Monate durch die Welt gereist und hat begonnen Romane zu schreiben. Mit Helena Faber hat er seine erste Trilogie begonnen. Auf der Homepage des Autors gibt es einen Videoblog der Protagonistin zu ihrem ersten Fall, der auf jeden Fall einen Besuch wert ist und den ich sehr gut finde.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Die 7 Kreise der Hölle | Erschienen am 21. Mai 2018 bei Blanvalet
ISBN 978-3-734-10345-2
480 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

A. J. Finn | The Woman in the Window ♬

A. J. Finn | The Woman in the Window ♬

Agoraphobie ist die übertriebene Angst, die durch bestimmte Orte oder Situationen, wie das Überqueren eines Marktplatzes ausgelöst wird. Im Extremfall können die Betroffenen die eigene Wohnung nicht mehr verlassen. Tatsächlich ist diese grundlose, unrealistisch starke Furcht die am häufigsten vorkommende Angststörung. Das Wort bildet sich aus dem Altgriechischen: Agora = der Marktplatz und Phobie = die Furcht. Die in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommene Platzangst meint ganz etwas anderes und beschreibt eher das Gegenteil.

Mord am Fenster

Unter dieser Angststörung leidet Anna Fox, die nach einem traumatischen Erlebnis ihr großes Haus in Harlem in New York seit circa zehn Monaten nicht mehr verlassen hat. Sie lebt von ihrer Familie getrennt und ist mit ihrem Mann Ed und Tochter Olivia nur telefonisch in Kontakt. Die Souterrain-Wohnung hat sie an den gutaussehenden David untervermietet, der ihr mit handwerklichem Geschick zur Seite steht. Die ehemalige Kinderpsychologin hat nicht viele soziale Kontakte und verbringt ihre Zeit mit Online-Schach, alten Schwarz-Weiß-Filmen und dem Beobachten ihrer Nachbarn, vorzugsweise durch ihre Nikon. Außerdem chattet sie mit Gleichgesinnten in einem Online-Forum, in dem sie psychologische Ratschläge gibt und mit ihrem Fachwissen zur Verfügung steht. Anna selbst ist in ärztlicher Behandlung und bekommt regelmäßig Besuch von ihrem Psychiater Dr. Fielding und ihrer Physiotherapeutin Bina.

Eines Tages beobachtet sie, wie gegenüber eine neue Familie einzieht. Jane und Alistair Russel mit ihrem schlaksigen Teenagersohn Ethan, die sie auch alle nacheinander kennenlernt. Mutter und Sohn sind ihr sofort sympathisch und das bringt ein bisschen Abwechslung in das Leben der einsamen Frau.

Kurz darauf wird Anna Zeuge, wie ihre Nachbarin Jane überfallen wird und blutend vor dem Fenster zusammen bricht. Sie ruft die Polizei und versucht zu helfen. Als sie sich tatsächlich überwindet, das Haus zu verlassen, bricht sie zusammen und wacht im Krankenhaus wieder auf. Niemand glaubt ihr, da keine Leiche gefunden wird. Und man präsentiert ihr eine Jane Russel, die sie aber nicht kennt. Anna ist auch keine besonders glaubwürdige Zeugin, da sie aufgrund ihrer Erkrankung täglich Unmengen an Psychopharmaka nimmt, die sie mit literweisem Rotwein runterspült. Auch Anna selbst zweifelt und weiß nicht, ob sie sich nicht alles nur eingebildet hat.

Im letzten Drittel des Romans stellt eine überraschende Enthüllung, die ich als pfiffiger Krimileser schon auf dem Plan hatte, noch mal Annas Glaubwürdigkeit total auf den Kopf.

Das Fenster zum Hof

Man denkt natürlich sofort an „Das Fenster zum Hof“, den Hitchcock-Klassiker mit James Stewart von 1954, in dem ein Fotograf wegen eines gebrochenen Beines ans Haus gefesselt ist und aus Langeweile seine Nachbarn beobachtet. Oder die Jüngeren unter uns vielleicht an Disturbia, dem US-amerikanischen Remake von 2007 mit Shia LaBeouf. Auch wenn man zugeben muss, dass es sämtliche Storykomponenten schon mal so oder ähnlich gab, finde ich nicht, dass A. J. Finn hier phantasielos abkupfert. Mit seiner Schilderung von Annas großer Liebe zu den Filmklassikern sehe ich es eher als eine Art Verbeugung. Finn erfindet das Genre nicht neu, er spielt mit den einzelnen bekannten Formen wie der unzuverlässigen Erzählerin, falschen Wahrnehmungen, dem gutmütigen Polizisten und einigen anderen zwielichtigen Figuren.

Mädchen und Frauen kommen ja zur Zeit inflationär in Buchtiteln vor und in dieser Tradition der Girl/Women-Thriller setzt der Autor die Protagonistin Anna perfekt in Szene. A. J. Finn nimmt sich in seinem Debüt viel Zeit, um den Tagesablauf der psychisch Kranken minutiös zu beschreiben. Man schlüpft in Annas Haut, da aus ihrer Perspektive erzählt wird und begleitet sie durch das große Haus. Zum Schluss zieht die Spannungskurve noch mal an und es kommt zu einem dramatischen Showdown mit überraschender Auflösung.

Trotz ausführlicher Darstellungen und detaillierter Beschreibungen hatte ich nie ein Gefühl von Langeweile. Das kann aber auch daran liegen, dass es sich bei dem Hörbuch um eine gekürzte Version handelt, wobei auch der hervorragende Vortrag der Schauspielerin Nina Kunzendorf maßgeblich ihren Anteil hat.

Der Autor A. J. Finn ist tatsächlich ein Mann, womit ich nicht gerechnet hatte. Als der in New York lebende Journalist 2015 erfuhr, dass er an einer bipolaren Störung leidet, fing er mit dem Schreiben an dieser Story an. Er verarbeitet mit seinem Debüt The Woman in the Window seine eigenen Depressionen. Dabei gelingt es ihm sehr glaubwürdig und präzise, die inneren Ängste zu beschreiben. Die Panik vor der Welt außerhalb der eigenen vier Wänden ist jederzeit greifbar und ich konnte sie regelrecht nachempfinden. Er schreibt flüssig, in kurzen Kapiteln und mit trockenen Humoreinschüben.

Ich bin sicher, dass die Verfilmung nicht lange auf sich warten lässt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

The Woman in the Window | Erschienen am 19. März 2018 bei Random House Audio
ISBN 978-3-8371-4148-1
gekürzte Lesung von Nina Kunzendorf
Laufzeit 9 Stunden 15 Minuten
2 mp3-CDs
Bibliografische Angaben & Hörprobe | Trailer

Greer Hendricks & Sarah Pekkanen | The Wife Between Us

Greer Hendricks & Sarah Pekkanen | The Wife Between Us

„Doch Richard hatte noch etwas gesagt, und das erschien ihr jetzt besonders bedeutsam: Sie war nicht die, für die ich sie gehalten hatte.“ (Auszug Seite 114)

Vanessa wurde gerade von ihrem Mann Richard verlassen. Er hat sich in seine jüngere Assistentin verliebt und die beiden wollen heiraten. Vanessa möchte das verhindern, da sie weiß, dass ihre Nachfolgerin in der Ehe unglücklich werden wird. Mit aller Macht versucht Emma die Hochzeit zu verhindern…

Vanessa ist Mitte dreißig und war sieben Jahre mit Richard verheiratet. Richard ist ebenfalls Mitte dreißig und Hedgefondsmanager. Durch seinen Beruf ist er oft verreist. Nach der Hochzeit hat Richard ein großes Haus in einem Vorort gekauft, in dem Vanessa nach und nach vereinsamt ist. Außerdem wollten beide ein Kind bekommen, was trotz medizinischer Behandlung nicht geglückt ist. Dann kam Richards neue Assistentin.

Der erste Eindruck täuscht

Als ich die ersten Seiten von The Wife between us von Greer Hendricks und Sarah Pekkanen gelesen habe, dachte ich, dass es eine psychische und vielleicht etwas ausufernde Geschichte einer verlassenen Frau wird. Der Titel des Buches lässt so etwas ebenfalls vermuten. Wer ist die Frau, die sich zwischen uns gedrängt hat? Die Geschichte ist aber viel tiefgründiger. Es geht im Grunde um drei Frauen, die mit Richard zusammen sind oder waren: Nellie, Emma und Vanessa. Und das eigentliche Geheimnis ist Richard.

Eine Wendung, die verpufft

Teil eins des Romans wird abwechselnd aus Sicht von Nellie und Vanessa erzählt. In Teil zwei „platzt die Bombe“ und ich musste kurz innehalten, um die Geschehnisse zu sortieren und mich zu fragen, was gerade passiert. Leider war hier die angedeutete Wendung im Nachhinein doch nicht so spektakulär, wie ich gedacht und gehofft hatte. Zusammengefasst wird nur das Geheimnis um Nellie gelüftet. Die zweite Hälfte des Buches wird ausschließlich aus Sicht von Vanessa berichtet. Dabei kommt sie mir keineswegs als die „durchgeknallte Ex“ vor, sondern wird mir von Seite zu Seite sympathischer. Ich konnte mich gut in sie hineinversetzen und mitfühlen. Hier wird der Leser trotzdem weiterhin in Verwirrung gebracht und ich habe mich immer wieder gefragt, was denn jetzt echt ist und was inszeniert wurde. Das Ende plätschert für mich so dahin, obwohl auch hier nochmals mit Täuschung gearbeitet wurde und weder der Leser noch die Protagonistin sich in allem wirklich sicher sein konnten. Der Epilog weiß dann aber nochmal zu überraschen.

Fazit: Insgesamt liest sich die Geschichte flüssig und mir wurde zu keiner Zeit langweilig, aber ich hatte eine dramatischere Wendung und noch mehr Spannung erwartet.

Greer Hendricks arbeitete über zwei Jahrzehnte als Lektorin und tat dies auch für Sarah Pekkanen. Greer lebt mit ihrem Ehemann und zwei Kindern in Manhattan. Dieses Buch ist ihr erster Roman.
Sarah Pekkanen ist eine internationale Bestsellerautorin und hat bereits sieben Romane veröffentlicht. Als investigative Journalistin und Autorin schrieb sie unter anderem für die Washington Post und USA Today. Sie ist Mutter von drei Söhnen und lebt außerhalb von Washington, D.C.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

The Wife Between Us | Erschienen am 15. Mai 2018 bei Rowohlt
ISBN 978-3-499-29117-3
448 Seiten | 12.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Simon Beckett | Totenfang ♬

Simon Beckett | Totenfang ♬

„Der menschliche Körper, selbst zu über sechzig Prozent aus Wasser bestehend, ist nicht von sich aus schwimmfähig. Er treibt nur so lange an der Wasseroberfläche, wie Luft in den Lungen vorhanden ist. Sobald sie den Körper verlässt, sinkt er langsam auf den Grund. Wenn das Wasser warm genug ist, um Bakterien Lebensraum zu bieten, verwest er. In den Eingeweiden entstehen Gase, die dem Körper Auftrieb geben, so dass er an die Oberfläche zurückkehrt. Dann erheben sich ganz buchstäblich die Toten.“ (Anfang des Romans)

Im fünften Fall der Reihe um den Anthropologen Dr. David Hunter ist dieser immer noch an einer Londoner Uni angestellt. Der Witwer hat den Verlust seiner Frau und Tochter durch einen Unfalltod einigermaßen überwunden, aber um seine sozialen Kontakte ist es immer noch nicht gut gestellt. Beruflich eine Koryphäe, hat sein Ruf Schaden durch den Fall im letzten Band genommen, so dass er erst mal nicht mehr als Forensiker zu Rate gezogen wird. Deshalb freut er sich, als er einen Anruf von der Ostküste Englands von einem ihm unbekannten Detective bekommt. DI Bob Lundy bittet ihn um Mithilfe bei der Bergung einer Wasserleiche in einem abgelegenen Küstengebiet nördlich der Themsemündung, den sogenannten Backwaters. Überrascht und neugierig macht sich Hunter sofort auf in das von Kanälen und Prielen durchsetzte Mündungsgebiet von Essex, da der den Gezeiten ausgesetzte Körper bei unsachgemäßer Behandlung schnell in Einzelteile auseinanderfallen könnte.

In den Backwaters

Weit draußen im Sumpfgebiet gelingt es mit Hunters Hilfe die auf einer Sandbank angespülte, stark verweste Leiche zu heben. Unter den Schaulustigen, die sich auf dem Gelände einer ehemaligen Austernfischerei eingefunden haben, befindet sich auch Sir Stephen Villiers. Der vermögende, einflussreiche Gutsherr aus der Gegend befürchtet, der Tote könnte sein seit mehreren Wochen verschwundener Sohn Leo sein. Und obwohl Hände und Füße fehlen, wird anhand der Kleidung und der Uhr des Toten schnell vermutet, dass es sich tatsächlich um den vermissten Leo Villiers handelt. Eine Schussverletzung am Kopf deutet auf einen Selbstmord des jungen Lokalpolitikers hin, der aufgrund seines lockeren Lebenswandels auch das schwarze Schaf der Familie war. Eine Obduktion am nächsten Tag, zu der auch Hunter geladen ist, soll genauere Erkenntnisse liefern.

Auf dem Weg zurück verliert Dr. Hunter in dem unübersichtlichen Labyrinth aus Wasserwegen die Orientierung und bleibt mit seinem Fahrzeug in einer Furt stecken. Ein vorbeikommender Autofahrer hilft ihm aus seiner misslichen Lage. Da sein Wagen schweren Schaden genommen hat, kann er in dem Bootshaus seines Retters unterkommen. Trotzdem wirkt Andrew Trask abweisend und verbittert. Er lebt mit seinen beiden Kindern und seiner Schwägerin Rachel in einem einsamen Haus in den Backwaters. Seine Frau Emma, eine Fotografin und Innenarchitektin, wird nach einer lautstarken Auseinandersetzung mit Leo Villiers, mit dem ihr ein Verhältnis nachgesagt wird, auch seit einiger Zeit vermisst. Als Hunter kurz darauf einen Turnschuh mitsamt Fuß aus dem Treibgut im Flussbett angelt, ist er sich ziemlich sicher, dass dieser zu einer anderen Leiche gehört. Am nächsten Tag wird in einem Flussarm, eingewickelt in Stacheldraht, eine zweite Leiche entdeckt, und Dr. Hunter vermutet hier, dass  es sich höchstwahrscheinlich nicht um den gesuchte Villiers handelt.

Die Männergrippe

Simon Beckett punktet auch hier wieder mit seinem sympathischen Protagonisten David Hunter, der einfach ein netter Kerl ist. Der zurückhaltende, schicksalsgebeutelte Mann mittleren Alters ist gesundheitlich angeschlagen und hat sich auf See ziemlich erkältet. Fortan kämpft er mit Fieber und anderen Wehwehchen und denkt gleich an eine schlimme tödlich verlaufende Krankheit. Aufgrund der ständigen Hinweise auf seinen Gesundheitszustand konnte ich mir ein Augenrollen oft nicht verkneifen. Aber zumindest grübelt der schwermütige David nicht ganz so stark wie in anderen Bänden vorher und bändelt sogar mit der attraktiven Rachel an.

Hervorragend sind Becketts atmosphärisch dichten Beschreibungen des rauen Küstenstrichs. Eine unwirtliche Gegend, in der ständiger Regen und Sturmböen, sowie das Auf und Ab der Gezeiten eine bedrohliche, düstere Stimmung erzeugen. Das Marschland wird durch ein Gewirr von Kanälen und Bächen durchzogen, die bei Ebbe leerlaufen und dann Schlick und Schlamm freilegen. Nachdem die Austernfischerei nicht mehr das Leben der Bewohner in dem kleinen Küstenort bestimmt, bildet die menschenleere Einöde einen bedrückenden und deprimierenden Anblick. Die Beschreibungen von Land und Leuten sind einfach stimmig und erzeugen entsprechend passende Bilder.

Der erste bereits 2006 erschienene Band Die Chemie des Todes um Dr. David Hunter hatte mich damals sehr begeistert. Aber bereits bei den nachfolgenden Bänden waren die ersten Abnutzungserscheinungen nicht zu übersehen. Den fünften Teil verfolgte ich als Hörbuch auf meinem Arbeitsweg. Und dabei stört es mich meistens nicht sonderlich, wenn die Geschichte so ein bisschen dahin plätschert. Beckett glänzt in Totenfang nicht mit atemlosen Thrill oder actiongeladener Spannung. Es ist ein solider, spannender Plot mit einigen überraschenden Wendungen, den der britische Autor hier routiniert erzählt, vielleicht etwas behäbig aber immer noch besser als viele andere Autoren.

Seine Geschichten sind natürlich auch immer ein bisschen unappetitlich, obwohl so viele Beschreibungen der forensischen Details in Totenfang gar nicht vorkommen. Allerdings bin ich mit den gefundenen Leichenteilen auch ein wenig durcheinander gekommen. Erst ganz zum Schluss wird die Spannungsschraube noch angezogen und der temporeiche Showdown in einem verfallenen Wehrturm auf hoher See wartet mit einer unerwarteten Lösung auf.

Kino im Kopf

Johannes Steck hat sämtliche Krimis von Simon Beckett eingelesen und wurde dafür mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Mit seiner wohlmodulierenden Stimme gibt er allen Stereotypen wie dem gutmütigen Polizisten Lundy, dem mürrischen Trask oder dem arroganten Großgrundbesitzer eine individuelle Note. Man hat die Situationen und Figuren stets vor Augen und so entsteht Kino im Kopf.

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Totenfang | Als Hörbuch am 14. Oktober 2016 im Argon Verlag erschienen
ISBN: 978-3-8398-1535-9
ungekürzte Lesung von Johannes Steck
12 Audio-CDs
Laufzeit: 12 Stunden, 47 Minuten
Die Buchausgabe erschien bei Rowohlt
Bibliografische Angaben & Hörprobe | Trailer zu Totenfang | 55 Minuten XXL-Hörprobe

Weiterlesen: Andreas Rezensionen zu Simon Becketts Romanen Der Hof und Voyeur