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Klaus-Peter Wolf | Ostfriesennacht Bd. 13

Klaus-Peter Wolf | Ostfriesennacht Bd. 13

Sie hob die Bettdecke ein Stückchen an und sog die Luft tief durch die Nase. Der Mann in ihrem Bett roch sauer, nach Schweiß und einem Hauch von Maiglöckchen.
Sie bäumte sich in ihrem Bett auf. Ein hoffnungsvoller Schrei entfuhr ihr: „Florian!?“
Eine kräftige Hand legte sich über ihren Mund und drückte sie ins Kissen zurück. (Auszug Seite 14)

Eine Frau wird in ihrer Ferienwohnung tot aufgefunden, nachdem sie sich mit ihrem Freund gestritten hat. Alles deutet erst auf eine Beziehungstat hin, doch dann kommt es zu einem zweiten Tötungsdelikt, wieder eine Frau in ihrer Ferienwohnung. Das Auffällige an beiden Opfern ist, dass sie ein Tattoo trugen, das ihnen der Täter herausgeschnitten hat. Liegt hier das Motiv? Mitten in den Ermittlungen schaltet sich das BKA ein, denn es gab außerhalb von Ostfriesland schon weitere Morde mit diesem Muster. Ann Kathrin Klaasen hat es nun nicht nur mit einem Tatverdächtigen zu tun, sondern auch mit dem BKA, das ihre Theorien zum Fall durchsetzen will und außerdem noch mit ihrem Mann Frank Weller, der glaubt, dass seine Tochter mit ihrem neuen Freund in Gefahr ist. Plötzlich droht alles in einer Katastrophe zu enden.

Der dreizehnte Fall

Ostfriesennacht von Klaus-Peter Wolf ist bereits der dreizehnte Fall für Ann Kathrin Klaasen. Die Protagonistin ist bekannt dafür, dass sie außergewöhnliche Ermittlungsmethoden hat, mit denen sie im gesamten Land bekannt geworden ist und die sie zuverlässig zum Erfolg führen. Ich persönlich kann mich in einige Vorgehensweisen nicht so hineinversetzen und finde sie eher albern und bin froh, dass es in diesem Fall nicht so ausufert. Sie besucht ausschließlich die Tatorte, nachdem der erste Trubel vorüber ist, und versucht die Stimmung zu erfassen.

Spannung bis zur letzten Seite

Dieser Kriminalroman liest sich meiner Meinung nach sehr flüssig und ich habe ihn in kürzester Zeit verschlungen. Ich konnte gut in die Geschichte hineinfinden und auch nach einer Lesepause hatte ich keine Probleme mich an die Handlung zu erinnern. Man kann das Buch unabhängig von allen anderen Fällen davor lesen. Und das besonders Spannende an der Geschichte ist, dass der Täter wirklich erst auf den letzten zehn Seiten bekannt wird. Charmant finde ich immer wieder, dass der Autor echte Personen mit in die Handlung einbezieht, unter anderem seine Frau Bettina Göschel. Und dass handelnde Personen die eigenen Romane des Autors im Buch kaufen und lesen.

Durchwachsene Mitte

In der Mitte der Geschichte fand ich die Handlung etwas absurd, da es auf einmal gleich zwei Tatverdächtige gab: einen, den das BKA präsentiert und einen den Ann Kathrin Klaasen und ihr Team verfolgen und bei beiden konnte ich nicht wirklich glauben, dass es einer davon sein soll. Immer wieder gab es auch Passagen, in denen der Täter zu Wort kommt und wenn ich das mit den Ermittlungen verglichen habe, war ich gespannt, wie die Geschichte dann endet. Zu allem Überfluss hat Wellers Tochter einen neuen Freund, ausgerechnet der Versicherungsmakler, mit dem Weller auch schon zur Schule gegangen ist und der ihm vor Jahren eine Versicherung für seine Tochter verkauft hat, die jetzt, wo er sie dringend in Anspruch nehmen muss, völlig unnütz ist. Das schaukelt sich so hoch, dass er den Freund nicht nur missbilligt, sondern seine Tochter in regelrechter Gefahr sieht und um sie zu schützen, setzt er sich über sämtliche Dienstvorschriften hinweg, bringt sie gegen sich auf und ist am Ende kurz davor eine wirkliche Dummheit zu begehen. Auch das fand ich etwas übertrieben und Frank Weller kam mir in dieser Phase mehr als verrückt vor.

Fazit: Es gibt Höhen und Tiefen, wer aber leichten Lesegenuss mit Nordsee-Flair sucht, wird belohnt.

Klaus-Peter Wolf wurde 1954 geboren und lebt als freier Schriftsteller und Drehbuchautor in Norden (Ostfriesland). Er schreibt nicht nur Regionalkrimis, sondern auch Romane und Kinder- und Jugendbücher. Außerdem hat er unter anderem Beiträge für die Reihen „Polizeiruf 110“ und „Tatort“ geschrieben. Der Autor ist mit Bettina Göschel, einer Kinderliedermacherin, verheiratet.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Ostfriesennacht | Erschienen am 20. Februar 2019 bei Fischer Buchverlage
ISBN 978-3-596-29921-8
480 Seiten | 10.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Weitere Rezensionen zu Klaus-Peter Wolfs Ostfriesenkrimis.

Michael Farris Smith | Desperation Road

Michael Farris Smith | Desperation Road

Scheiße, ich muss hier weg, dachte sie. Und ging wieder auf und ab.
Es war einfach zu viel. […] Sie war es nicht gewohnt, dass Dinge so gehandhabt wurden. Zu bekommen, ohne zu geben. Nicht in ihrer Welt. Und in dieser stillen und leeren Nacht beschloss sie zu verschwinden, bevor das Blatt sich wendete. Egal, was sie dir zu essen geben, wie süß sie lächeln, egal, wie oft er Kopf und Kragen riskiert, um dir zu helfen, so wird es nicht bleiben, und das weißt du genau. (Auszug Seiten 203-204)

Russell Gaines kehrt nach 11 Jahren Knast zurück in seine Heimatstadt in Mississippi. Doch am Busbahnhof erwartet ihn ein unangenehmes Begrüßungskommando. Die zwei Brüder Walt und Larry lauern ihm auf und verprügeln ihn. Offensichtlich sind sie der Auffassung, dass Russells Gefängnisstrafe noch nicht ausreichend als Sühne war, und kündigen weitere Besuche an.

Gleichzeitig nähert sich Mabel mit ihrer Tochter zu Fuß der Stadt. Die letzte Habseligkeiten in einem Müllsack hinter sich herziehend. Mit den letzten Dollars leistet sie sich ein Motelzimmer. Als ihre Tochter schläft, geht sie auf den Parkplatz, mit sich ringend, ob sie sich prostituieren soll, um Geld zu verdienen. Da taucht der Deputy auf und nimmt Mabel fest, ist sich sicher, mit ihr leichtes Spiel zu haben. Er fährt mit ihr an einen abgelegenen Weg und vergewaltigt sie. Mabel fleht ihn an, sie zu ihrer Tochter zurückzubringen, doch er ruft Freunde an und bietet auch ihnen Mabel an. In ihrer Not und Verzweiflung gelangt sie an die Dienstwaffe und erschießt ihn.

In Gedanken verfolgte sie den Weg zurück, den sie gegangen war, um herauszufinden, was sie hergeführt hatte, in diese Nacht, mit diesem schlafenden Kind, für das sie nicht sorgen konnte, und mit den Wölfen, die da draußen lauerten. Doch es war, als versuche sie beliebige Teile verschiedener Puzzles zusammenzusetzen. Es gab keine logische Reihenfolge, kein Muster und keinen Grund, warum ein Teil zum anderen passen sollte. (Seite 66)

Mabel entkommt unentdeckt, doch einen Tag später wird die Waffe bei ihr entdeckt. Erneut sind sie und ihre Tochter auf der Flucht. Vor einer Bar bedroht sie den Fahrer eines Pickups, damit dieser sie aus der Stadt bringt. Der Fahrer ist Russell. Nach und nach wird beiden (dem Leser etwas eher) klar, dass sie beide ein schreckliches Ereignis verbindet, das Russell in den Knast und Mabel auf die schiefe Bahn brachte. Nun treffen beide wieder aufeinander, beide wieder mehr oder weniger mit dem Rücken zur Wand.

Noch eher ein Geheimtipp (zumindest in Deutschland) unter den Südstaatenautoren ist Michael Farris Smith. Der Autor lebt in Oxford, Mississippi. Sein zweiter Roman Nach dem Sturm (Rivers im Original), eine dystopische Südstaatengeschichte, wurde bereits in Deutsche übersetzt. Nun folgt sein dritter Roman Desperation Road. Ein grundsätzlich durchaus ansprechender Plot, beste Zutaten für einen gepflegten Noir – der es aber nicht so richtig wird, dafür wird letztlich (entgegen des Buchtitels) zu viel Hoffnung verbreitet. Sehr angetan war ich von den Dialogen, die sehr authentisch und lakonisch rüberkommen. Außerdem sind die verschiedenen Figuren ansprechend. Allen voran Russell als stoischer Typ, der zwar mit seinem Schicksal ein Stück weit hadert, sich aber ansonsten nicht aus der Ruhe bringen lässt und seinem Gewissen folgt. Und zum anderen die zähe, aber aufgrund ihrer Vergangenheit pessimistisch-fatalistische Maben.

Und dennoch sprang bei mir der letzte Funke nicht über. Das liegt an mehreren Dingen. Zum einen baut der Autor hier eine Reihe von Zufällen ein, anstatt auf einen natürlich-realistischen Ablauf zu setzen. Zum anderen war mir sein Schreibstil etwas zu bedächtig, er beschreibt viele Details. Dadurch gibt es für meinen Geschmack etwas langatmige Passagen, wo die Story mehr Zug benötigt hätte. So bleibt mir letztlich nur das Fazit, dass Desperation Road ein solider Südstaaten-Roman um Gewalt, Sühne, Rache und die Macht des Schicksals ist, der aber den Vergleich mit anderen ähnlichen Büchern (z.B. von Tom Franklin oder Larry Brown) für mich nicht ganz standhält.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Desperation Road | Erschienen am 27. November 2018 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 987-3-86913-972-2;
280 Seiten | 22.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Abgehakt | Dezember 2018

Abgehakt | Dezember 2018

Zum Jahresende 2018 haben wir noch ein paar Kurzrezensionen des vergangenen Quartals für euch. Mit diesem Beitrag beenden wir unser Blogjahr, wir melden uns im Januar mit frischen Texten zurück. Dankeschön fürs Lesen und Kommentieren, hier und auf den drei Social Media Kanälen Facebook, Instagram und Twitter!

Kommt gut ins neue Jahr und bleibt uns auch in 2019 treu; das würde uns sehr freuen!

Kurzrezensionen des 4. Quartals 2018

Wolfgang Schorlau | Der große Plan

Ein neuer Auftrag führt Privatdetektiv Georg Dengler ins Auswärtige Amt: Eine hochrangige Mitarbeiterin ist spurlos verschwunden und Dengler soll sie finden. Anna Hartmann arbeitete für die Troika bei der Griechenland-Rettung, möglicherweise ist dies ein Ansatz. Doch es gibt keine Lösegeldforderung, nur ein Überwachungsvideo deutet eine Entführung an. Eventuell liegt die Lösung auch im Privaten. Oder ist Anna Hartmann gar aus freien Stücken untergetaucht? Dengler macht sich auf die Suche und wie immer fördert er politischen Sprengstoff zu Tage.

Die äußerst erfolgreiche Reihe um Georg Dengler ist inzwischen beim neunten Fall angelangt. Autor Wolfgang Schorlau sucht sich immer wieder brisante politische Themen als Fälle für seinen Ermittler aus. Dieses Mal ist es das große Thema Euro-Krise, Griechenland-Rettung, aber auch deutsche Kriegsverbrechen in Griechenland während des zweiten Weltkriegs.

Schorlau hat in seinen Krimis immer auch einen pädagogischen Auftrag. Seine Gesellschaftskritik oder Kritik an der Politik kommt selten subtil, sondern meist offen und oft auch dozierend daher. Ich lese diese Reihe gerne, aber stilistisch gelingt der Spagat zwischen Krimi und journalistischem Aufsatz manchmal nur bedingt. So sehr ich auch mit der Meinung des Autors übereinstimme, dass Griechenland übel mitgespielt wurde, so bin ich aber auch nur bedingt zufrieden, dass er volkswirtschaftliche Proseminare als Teamsitzungen seines Detektivs tarnt. Das wäre doch auch geschmeidiger gegangen. Ansonsten ist Der große Plan ein temporeicher Krimi zwischen Stuttgart, Berlin und Athen, bei dem sich für mich das Motiv aber schon früh abzeichnete. Insgesamt ordentlich, aber sicher nicht der Beste der Reihe.

Der große Plan | Erschienen am 8. März 2018 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-04667-0
448 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 3.0 von 5.0

Auch bei uns: Gunnars Rezension zu Die schützende Hand des Autors Wolfgang Schorlau.

 

Olivier Guez | Das Verschwinden des Josef Mengele

Josef Mengele, der Todesarzt von Auschwitz, in den letzten Monaten des Krieges untergetaucht, emigriert unter falschem Namen nach Argentinien. Dort kann er sich auf ein funktionierendes Netzwerk alter Nazis und auf die Protektion der peronistischen Regierung verlassen. Auch die Familie hält Kontakt. Doch die Zeiten ändern sich, es wird irgendwann doch noch nach den Verbrechern gesucht. Der Mossad entführt Eichmann. So beginnt eine jahrzehntelange Flucht durch Südamerika, in der Mengele zunehmend isoliert, aber dennoch nicht gefunden wird.

Autor Olivier Guez hat mit Das Verschwinden des Josef Mengele einen Zwitter geschrieben, einen Tatsachenroman, beginnend mit der Ankunft Mengeles in Argentinien 1949 bis zu seinem Tod an einem brasilianischen Strand dreißig Jahre später. Der Autor hat brillant recherchiert, zeichnet das Leben des SS-Arztes präzise nach. Das Buch ist an vielen Stellen hochinformativ: Die Rattenlinien und die alten Seilschaften, die Untätigkeit deutscher und einheimischer Behörden, die vergebliche Suche des Mossad und das Porträt eines unbeirrbaren, fanatischen Rassisten, der bis zuletzt an die Richtigkeit seiner verbrecherischen Taten glaubte.

Das Problem für mich war nur: Es funktioniert nicht als Roman. Guez erzählt dreißig Jahre teilweise zeitraffend, verharrt zu selten im Moment, verzichtet im Wesentlichen auf Dialoge. Das alles macht das Buch nicht mitreißend, nicht spannend, sondern es bleibt eher dokumentarisch. Gleichzeitig verharrt der Autor beim lamentierenden, selbstmitleidigen Mengele und es wird nicht ganz klar, was am Ende davon vielleicht doch nur Fiktion war.

Das Verschwinden des Josef Mengele | Erschienen am 10. August 2018 im Aufbau Verlag
ISBN 978-3-351-03728-4
224 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: True Crime
Wertung: 2.5 von 5.0

 

Martin Krist | Freak City 1: Hexenkessel

New York City: Patsy und Milo haben einen todsicheren Tipp bekommen, wo bei einem Einbruch eine Menge zu holen ist. Doch plötzlich steht nicht nur der Hausbesitzer im Raum, sondern auch ein Mörder, der schon seit Wochen die Stadt in Angst versetzt. Gleichzeitig bekommt Pearl, ein freischaffender Ermittler, einen neuen Auftrag: Er soll eine vermisste aufstrebende Theaterschauspielerin suchen. Und wie es so kommt, werden sich irgendwann die Wege der Beteiligten kreuzen.

Martin Krist ist ein vielschreibender Thrillerautor und Verfechter des Sulfpublishing. Stetig und sympathisch im Netz präsent, außerdem ein Krimiliebhaber mit beeindruckender Bibliothek. Von daher hatte ich mir schon längst vorgenommen, ein Buch des Autors zu lesen. Dieser hat sich nach eigenen Angaben mit seiner neuen Serie Freak City einen Lebenstraum erfüllt, eine Thrillerserie mit Schauplatz New York zu schreiben.

Eine durchaus interessante Hauptfigur hat dieser Roman auf jeden Fall. Pearl, ein Halbblut, Geldeintreiber und Spürhund, trägt seine Narben mit sich herum, äußerlich wie innerlich. Was dieser erste Thriller der Reihe – Hexenkessel – ebenfalls erfüllt: Tempo, Tempo, Tempo. Keine Atempause, es geht immer voran. Die erzählte Zeit beträgt noch nicht mal 24 Stunden. Das müsste mir eigentlich gefallen, allerdings hatte ich das Gefühl, dass hier doch zu sehr aufs Gaspedal gedrückt wurde. Der Plot wirkt noch nicht rund, Wendungen sind auf Zufall aufgebaut, weitere Figuren, selbst Patsy, bleiben für mich etwas blass. So ziehe ich ein zwiespältiges Fazit, aber habe durchaus die Hoffnung auf eine Steigerung in dieser Reihe.

 

Freak City 1: Hexenkessel | Erschienen am 14. November 2018 als Selfpublisher im Verlag R&K
ISBN 978-3-746-77975-1
220 Seiten | 9.99 Euro (als E-Book 0.99 Euro)
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Thriller
Wertung: 2.5 von 5.0

Auch bei uns: Monikas Rezension zu Martin Krists Thriller Märchenwald.

 

Tom Franklin | Krumme Type, krumme Type

Larry Ott fristet ein Dasein als Verstoßener in Chabot, Mississippi. Vor 25 Jahren hatte er ein Mädchen mit auf ein Date genommen, das hinterher spurlos verschwand. Larry beteuerte seine Unschuld, ihm konnte auch nie etwas nachgewiesen werden, so dass er nicht verurteilt wurde. Fortan war er ein Paria, lebte allein im abgelegenen Elternhaus. Nun wird erneut eine 19-Jährige vermisst und Larry steht natürlich sofort unter Verdacht. Er wird eines Abends mit schweren Schussverletzungen aufgefunden, liegt seitdem im Koma. Der ermittelnde Detective ist sich relativ sicher, dass Ott sich aus Schuldgefühlen die Verletzungen selbst zugefügt hat. Doch der schwarze Constable Silas Jones ist sich dessen nicht so sicher. Was niemand im Ort weiß, ist, dass Silas und Larry eine gemeinsame Vergangenheit verbindet.

Krumme Type, krumme Type ist eine absolut sensationelle Südstaatengeschichte, die abwechselnd aus der Sicht von Larry und Silas erzählt wird und regelmäßig in Rückblicken die Vergangenheit aufrollt. Denn die Geschichte von damals spielt natürlich in die Gegenwart hinein: Eine Freundschaft zweier ungleicher Jungen, die unter keinem guten Stern steht und nur einen Sommer lang überdauert. Es ist ein pralle Geschichte, in der alles steckt: Crime, Coming of Age, Freundschaft, Verrat, Schuld, Reue, Rassismus, Gewalt. Ein intensives Porträt des ländlichen amerikanischen Südens und dazu zwei wunderbar beschriebene, tragische Hauptfiguren.

Und allen, die meinen, dass ich da wieder einen düsteren Noir empfehlen will, denen sei gesagt, dies ist mitnichten ein Noir, denn man spürt die Sympathie des Autors Tom Franklin für seine Figuren, so dass er diese nicht ohne Hoffnung aus der Geschichte entlassen will. Eigentlich hätte dieses Buch eine viel ausführliche Besprechung verdient, aber es gibt bereits die ultimative Lobhudelei. Die Besprechung von Philly auf ihrem Blog Wortgestalt ist absolut umwerfend, ich kann mich da nur anschließen!

 

Krumme Type, krumme Type | Erschienen am 27. Juli 2018 bei Pulp Master
ISBN 978-3-927734-99-9
406 Seiten | 15.80 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Spannungsroman
Wertung: 5.0 von 5.0

Auch bei uns: Gunnars Rezension zu Tom Franklins Roman Die Gefürchteten.

Weiterlesen: Philly’s Rezension zu Krumme Type, krumme Type

 

Rezensionen 1 bis 4 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Klara Holm | Krähennest

In einem Krähennest, also einer Aussichtsplattform auf einem Schiff, wird der abgetrennte Kopf eines Mannes gefunden. Luka Kroczek übernimmt die Ermittlungen und findet schnell heraus, dass der Tote ein Kollege seiner Freundin Teresa ist. Als eine zweite Leiche auftaucht, wird der Fall immer undurchsichtiger und auch Teresa gerät in Gefahr.

Krähennest von Klara Holm ist ein flüssig zu lesender Küsten-Krimi, der auf der Insel Rügen spielt und mit echten Schauplätzen punktet. Die typische Ermittlungsarbeit steht im Vordergrund, aber auch einige Anekdoten aus dem Privatleben der Protagonisten kommen nicht zu kurz. Zum Ende hin wird es dann nochmal spannend und für mich war das Ende nicht vorhersehbar. Durchaus eine Empfehlung als leichten Krimi für zwischendurch.

 

Kurzrezension und Foto von Andrea Köster.

Krähennest | Erschienen am 26. März 2016 bei rororo im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-27071-0
352 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Genre: Regionalkrimi
Wertung: ausstehend

 

Hier geht es zu den bisherigen Beiträgen der Kategorie: Abgehakt – Krimis kurz besprochen

Jobst Schlennstedt | Lübeck im Visier

Jobst Schlennstedt | Lübeck im Visier

Längst war ihm klar, dass er Arne John angelogen hatte. Denn diese Angelegenheit gehörte ihm ganz allein. Niemand anderes sollte sich darum kümmern. Alles passte genau. Ein vermeintlicher Mord auf einer Frachtfähre und ein Toter, den niemand vermisste. Die Konstellation erschien ihm aussichtslos genug, um ihn endlich wieder zu motivieren, einen Fall anzunehmen. (Auszug Seite 33)

Simon Winter hat sich vor einiger Zeit aus seiner Tätigkeit als Privatermittler zurückgezogen und leitet seit Herbst letzten Jahres den Campingplatz, auf dem er auch wohnt, zusammen mit Anna, der Tochter der Besitzerin. Bei einer Ballonausfahrt wird Simon zugetragen, dass kürzlich auf einer Fähre ein Mann über Bord befördert wurde, es aber nur einen Zeugen gibt, keine Leiche und keinen Vermissten. Diese Geschichte nimmt den Privatermittler so gefangen, dass er doch wieder zu recherchieren beginnt und schon bald merkt, dass er damit viele unangenehme Fragen stellt. Dann gerät Anna in Gefahr und schlussendlich geht es nicht nur um einen Fall, der weit älter ist als der vermeintliche Mord, sondern auch um Minuten!

Simon Winter ist vierzig Jahre alt und wohnt in einem Camper auf dem Campingplatz am Pönitzer See. Als er acht war, musste er mit ansehen, wie seine Eltern erschossen wurden. Nachdem er seine Lehre als Restaurantfachmann abgebrochen hat, begann er sich seine Karriere als Privatdetektiv aufzubauen und gilt jetzt als einer der Besten, wenn nicht sogar als der Beste in der Gegend.

Ein Schauplatz mitten auf der Ostsee

Ich freue mich, dass ich zum Thema des diesjährigen Adventsspezials einen Küsten-Krimi gefunden habe, der größtenteils mitten auf der Ostsee spielt. Weitere Schauplätze sind Lübeck und Travemünde. Die Geschichte ist in einigermaßen kurze Kapitel gegliedert und liest sich sehr flüssig. Das Buch besteht aus gut zweihundert Seiten, kann man also durchaus an einem Wochenende lesen. Die Handlung ist undurchsichtig gestrickt, so dass für mich als Leser nicht sofort zu erkennen war, wie alles zusammenhängt. Also genau so, wie es sein soll. Bis zum Schluss ist es spannend geblieben und erst dann gab es auch die Auflösung aller Verstrickungen.

Ein gewaltbereiter Protagonist

Bei dem Protagonisten Simon Winter bin ich zwiegespalten geblieben. Einerseits macht er meiner Meinung nach einen guten Job, denn er befragt auch unangenehme Menschen und lässt sich nicht so leicht abschütteln. Andererseits ist er mir etwas zu gewaltbereit, denn um seinen Anliegen Nachdruck zu verleihen, scheut er auch nicht davor zurück, mit Fäusten zu agieren. Außerdem bringt er seine Geschäftspartnerin Anna mehr oder weniger wissentlich in Gefahr.

Unter dem Strich

Wie mir Lübeck im Visier von Jobst Schlennstedt am Ende nun wirklich gefallen hat, kann ich gar nicht so genau beschreiben. An sich hat mir der Aufbau der Geschichte gefallen, unter dem Strich ist sie mir aber zu Action geladen und hätte auch Potenzial für einen Action-Film. Außerdem herrschen fast Mafia artige Zustände, die auch nicht meinem Geschmack entsprechen. Wen das nicht stört, findet hiermit aber einen kurzweiligen und interessanten Krimi.

Jobst Schlennstedt, 1976 in Herford geboren und dort aufgewachsen, studierte Geografie an der Universität Bayreuth. Seit Anfang 2004 lebt er in Lübeck. Hauptberuflich ist er Geschäftsführer eines Beratungsunternehmens für die Hafen- und Logistikwirtschaft. 2006 erschien sein erster Kriminalroman. 

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Lübeck im Visier | Erschienen am 17. September 2015 bei Emons
ISBN 978-3-95451-691-9
224 Seiten | 9.90 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Adventsspezials Privatdetektive.

Stewart O’Nan | Stadt der Geheimnisse

Stewart O’Nan | Stadt der Geheimnisse

Während seine Papiere – wie sein gegenwärtiges Leben, könnte er sagen – passable Fälschungen waren, war seine Taxilizenz eine an der vorderen Stoßstange befestigte Metallplakette, die viel schwerer zu bekommen war als die Papiere, völlig echt. Und dennoch, da er schon einmal verhaftet worden war – als er in Riga an seinem Tisch in seinem Lieblingscafé gesessen hatte -, wusste er, dass man als Jude nirgends sicher war. (Auszug Seite 16)

Der lettische Jude Brand hat seine ganze Familie im zweiten Weltkrieg und Holocaust verloren und kommt 1946 als illegaler Flüchtling nach Palästina. Dort wird er vom jüdischen Widerstand gegen die britische Besatzungsmacht mit gefälschten Papieren und einer Taxilizenz ausgestattet. Brand, der sich nun Jussi nennt, wird Teil einer Widerstandszelle. Es werden erste Anschläge verübt, zunächst ohne Menschen zu gefährden. Doch der Widerstand wird radikaler und Brand muss sich klar machen, ob dies auch sein Kampf ist.

Brand lernt in Jerusalem die Witwe Eva kennen. Ehemals Schauspielerin und eine bildhübsche Frau, ist bei ihr nun die Mimik einer Gesichtshälfte durch eine Narbe zerstört. Sie verdient ihren Lebensunterhalt als Prostituierte, zu ihren Terminen bringt Brand sie mit seinem Taxi. Auch Eva ist Teil der Widerstandszelle, zu der noch eine Handvoll weitere Personen gehören. Chef der Zelle ist der undurchsichtige Asher. Zu Beginn begehen sie nur kleinere Anschläge, etwa gegen die Stromversorgung. Doch Brand bemerkt die zunehmende Radikalisierung. Die der Untergrundorganisation Hagana zugeordnete Gruppe kommt in Kontakt zu Leuten der radikalen Irgun. Die Radikalisierung verunsichert Brand. Der Kampf um „Eretz Israel“ scheint ihm gerecht, aber mit welchen Mitteln?

Autor Stewart O’Nan ist dem Leser eigentlich als Porträteur der amerikanischen Gesellschaft bekannt. Sein letztes Buch „Westlich des Sunset“ handelt von Schriftsteller Francis Scott Fitzgerald und vom Hollywood der 1930er Jahre. Insofern ist Stadt der Geheimnisse als Spionagegeschichte eine bemerkenswerte Anomalie im sonstigen Werk des Autors.

Das Buch spielt im Jahr 1946 vor dem Hintergrund des israelisch-jüdischen Kampfes um einen unabhängigen Staat. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts durch die zionistische Bewegung die Bildung eines jüdischen Staates im alten Siedlungsgebiet in Palästina wieder stark betrieben wurde, kam es zu verstärkten Auswanderungswellen von Juden. 1917 hatte die Briten in der Belfour-Deklaration die Forderung der Zionisten unterstützt, unter starkem Protest der Araber der Region. Nach dem ersten Weltkrieg erhielt Großbritannien das Völkerbundsmandat über Palästina. In der Folgezeit kam es weiterhin zu einer starken Einwanderung nach Palästina und einer größeren Gewaltbereitschaft jüdischer und arabischer Bevölkerungsgruppen. Die Juden gründeten paramilitärische Einheiten wie die gemäßigte Hagana oder die radikalere Irgun. Durch die Ereignisse des zweiten Weltkriegs verschärfte sich die Situation zudem. Der jüdische Widerstand richtete sich nun verstärkt gegen die Briten, die das Mandatsgebiet räumen und einen jüdischen Staat ermöglichen sollten.

Sein altes Leben war vorbei, sein neues ein Scherbenhaufen und Schwindel. Zur Feier des Tages ging er mit einem Glas Johnnie Walker in seiner Wohnung auf und ab, drückte die Nase ans kalte Fenster und hinterließ einen schmierigen Fleck. Die brummende, taumelnde Schwermut einsamer Betrunkener. (Seite 92)

Dennoch bleibt sich der Autor treu, indem er eine Figur, nämlich Brand, in den Vordergrund stellt und die Ereignisse vollständig aus dessen Sicht durch einen personalen Erzähler beschreibt. O’Nan geht es dabei konkret um das Innenleben seines Protagonisten, eine Figur voller Schwermut, der vor den Scherben seines Lebens steht und dem nun mit seiner Beteiligung an der Widerstandsgruppe eine neue Aufgabe zugeteilt wurde. Doch „die Erinnerung gärte in ihm wie eine Krankheit“ (Seite 58). Er verliebt sich in Eva und doch bleibt die nur eingeschränkt erwiderte Liebe schal im Vergleich zu den Erinnerungen an seine verstorbene Frau Katja. Er war nie wirklich ein gläubiger Jude, nun kämpft er für die Unabhängigkeit Israels.

Ein wenig schade ist es, dass sich der Autor durch die eingeschränkte Erzählperspektive einer gewissen Dynamik beraubt. Eine nähere Betrachtung der Ereignisse durch verschiedene Figuren hätte für mich noch mehr Reiz gehabt. So kann man diesen Roman meines Erachtens dann auch nur eingeschränkt als Spionageroman einordnen, da Reaktionen der Gegenseite kaum eine Rolle spielen. So hinkt der Vergleich der New York Times zu Le Carrés „Der Spion, der aus der Kälte kam“ auf der Rückseite des Buches dann doch ein wenig.

Der Roman überzeugt dafür an anderer Stelle. Die unruhige, brodelnde Atmosphäre des dennoch florierenden Jerusalem wird sehr überzeugend in Szene gesetzt. Daneben ist diese Geschichte eines gebrochenen Mannes, der mit sich um den letzten Rest Liebe, Moral und Anstand ringt, durchaus fesselnd. So bleibt am Ende ein positives Fazit, obwohl die Winkelzüge, Manöver und Suspense eines klassischen Spionageromans etwas zu kurz kommen.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Stadt der Geheimnisse | Erschienen am 23. Oktober 2018 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-05044-3
224 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmens unseres .17specials Ein langes Wochenende mit… Spionageromanen.