Autor: Nora

Volker Kutscher | Märzgefallene ♬

Volker Kutscher | Märzgefallene ♬

Im März 1933 nutzt der Berliner Kriminalkommissar Gereon Rath ein paar freie Tage und stürzt sich mit falscher Gumminase, schwarzer Brille und Schnurrbart in den Kölner Karnevalstrubel. Der Ex-Rheinländer muss seinen Kurzurlaub jedoch abbrechen, als in Berlin der Reichtstag brennt und alle verfügbaren Mitglieder der Polizei bei der Politischen eingesetzt werden. Der frisch zum Reichskanzler ernannte Adolf Hitler nutzt den Reichstagsbrand, um politische Gegner auszuschalten, besonders die Anhänger der kommunistischen Partei.

Obdachlose und minderjährige Brandstifter

In Berlin hat sich Raths ungeliebter Vorgesetzter Oberkommissar Wilhelm Böhm ins politische Abseits manövriert und so erbt Rath den Fall eines am Nollendorfplatz ermordeten Obdachlosen. Dieser wurde mit einem Grabendolch erstochenen. Der Wehrpass in seinem Mantel weist den im Gesicht schlimm entstellten Toten als Kriegsveteran des Ersten Weltkriegs aus. Eine Spur führt zu einer jungen Brandstifterin. Charly Ritter befragt Hanna Singer, die in einem Irrenhaus untergebracht ist, bekommt aber aus dem sechzehnjährigen verstörten Mädchen nichts heraus. Am nächsten Tag bricht Hanna aus der Anstalt aus.

Operation Alberich

Es meldet sich ein Zeuge, der angibt mit dem Ermordeten im Krieg gekämpft zu haben. Leutnant a.D. Achim Graf von Roddeck hat ein Buch über seine Erlebnisse geschrieben, das kurz vor der Veröffentlichung steht. In seinem Roman „Märzgefallene“ geht es um die schrecklichen Ereignisse während der letzten Kriegstage des ersten Weltkrieges. Im Besonderen um die unrühmlichen Taten der abziehenden Wehrmacht in Frankreich sowie um die schändlichen Verbrechendes des jüdischen Hauptmannes Benjamin Engel.

Viele markante Ereignisse hat Volker Kutscher in die Handlung eingebaut, die diese Zeit prägten, wie den Reichstagsbrand, die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler oder die Bücherverbrennung im nationalsozialistischen Deutschland. Der Autor versteht es wieder hervorragend, die politische und gesellschaftliche Realität jener Jahre mit der fiktiven Geschichte in Einklang zu bringen. Langsam aber sicher beeinflusst das NS-System das Alltagsleben. Die detailgenaue und authentische Gestaltung des zeitgenössischen Hintergrundes macht einen großen Reiz dieses spannenden Kriminalromans aus.

Rath bewegt sich in diesem fünften Kriminalroman wieder am Rande der Legalität und darüber hinaus. Er lässt Leichen verschwinden, vertuscht Morde, belügt Vorgesetzte und Verlobte, nimmt die Hilfe von Unterweltbossen an und wacht am Karnevalsmorgen mit einer fremden Frau im Bett auf. Er ist eine eigensinnige Figur, dem Gerechtigkeit oft wichtiger ist als Recht. Volker Kutscher hat hier eine Person mit Grautönen geschaffen. Rath ist intelligent genug, die Ereignisse um ihn herum wahrzunehmen. Aber er ist auch ein bisschen bequem und redet sich ein, so schlimm wird es schon nicht werden.

David Nathan ist ein deutscher Hörbuch- und Hörspielsprecher und für mich einer der Besten seines Fachs, besonders bei den Interpretationen in den Genres Thriller- und Horrorliteratur. Nathan hat auch viele Romane des amerikanischen Schriftstellers Stephen King eingelesen. Er lebt in Berlin und ist die deutsche Stimme von u.a. Johnny Depp und Christian Bale. Ich habe bei Nathan nie das Gefühl, das mir jemand etwas vorliest, sondern ich bin immer mitten in der jeweiligen Geschichte drin.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Märzgefallene | Das Hörbuch erschien am 27. September 2018 im Argon Verlag
ISBN 978-3-8398-9397-5
1 mp3-CD | 10.- Euro
Laufzeit der ungekürzten Lesefassung: 9 Stunden 41 Minuten
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Volker Kutscher.

Auch bei uns: Rezensionen zu Volker Kutschers Romanen Der nasse Fisch, Der stumme Tod, LunaparkGoldstein und Die Akte Vaterland.

Volker Kutscher | Die Akte Vaterland ♬

Volker Kutscher | Die Akte Vaterland ♬

Schnapsbrennerei und indianisches Pfeilgift

Der vierte Teil der Gereon-Rath-Reihe führt uns in den Sommer von 1932. Im Lastenaufzug von Haus Vaterland, einer riesigen Vergnügungsstätte am Potsdamer Platz in Berlin, wird ein Spirituosenhändler tot aufgefunden. Alle Ermittlungen deuten darauf hin, dass er ertrunken ist. Zwei weitere ähnlich gelagerte Todesfälle ergeben, dass die Opfer durch ein indianisches Pfeilgift gelähmt wurden. Kommissar Gereon Rath ist frustriert, denn seine Ermittlungen gegen einen mysteriösen Auftragsmörder, genannt „Phantom“ treten auf der Stelle und er muss die Ermittlungen abgeben. Charlotte Ritter kommt von einem Studienjahr aus Paris zurück und fängt als Kommissaranwärterin bei der Weiblichen Kriminalpolizei am Alex an. Sie wird ausgerechnet Gereons Mordkommission zugeteilt und endlich machen die beiden durch eine Verlobung ihre Beziehung öffentlich. Charly wird undercover als Küchenhilfe in Haus Vaterland eingeschleust und nicht nur hier ist sie mehrfach frauenfeindlichen Übergriffen ausgesetzt.

Die Spur führt nach Ostpreußen

Da alle Spuren in eine Spirituosenbrennerei nach Ostpreußen führen, macht sich Rath in die masurische Kleinstadt Treuburg auf. Die wortkargen Einwohner erweisen sich als nicht besonders auskunftsfreudig und sind Fremden gegenüber erst mal misstrauisch. Einige Bewohner versuchen sogar, den Kommissar bewusst ins Moor zu leiten und hoffen, dass er nie wieder auftaucht. Der Reiz entsteht hier durch den absoluten Gegensatz zwischen der pulsierenden, aufgeklärten Weltstadt Berlin und dem vermeintlich idyllischen Treuburg. Mittels Volksabstimmung war Masuren grade wieder deutsch geworden und der Hass auf alles was polnisch oder katholisch ist, immer noch spürbar.

Ich kann die vielschichtige Handlung hier nur anreißen. Volker Kutscher nimmt sich viel Zeit und entwickelt langsam und ruhig seinen Plot mit mehreren miteinander verwobenen Fällen. Der Autor schafft es wieder, Zeitgeschichte in einen unterhaltsamen Kriminalroman zu transportieren ohne die Spannungskurve zu vernachlässigen. Kutscher glänzt nicht mit temporeichen atemlosen Thrill, sondern mit ausgefeilter Dramaturgie. Seinen immensen Einfallsreichtum kann ich nur wieder bewundern. Es geht um organisierte Schnapsbrennerei und ein in den Wäldern lebenden Ostpreußen. Vom Staatsputsch im Juli 1932 gegen die demokratische Regierung bekommt der Berliner Kommissar aufgrund seiner Ermittlungen in der Wildnis von Masuren gar nichts mit. Dabei gerät Rath dadurch ganz schön in Bedrängnis, da auch die Spitze der Berliner Polizei ausgetauscht wird und er damit den Schutz des Polizeivizepräsidenten verliert. Nach wie vor haben die Menschen keine Ahnung vom bevorstehenden Untergang und der politisch eher uninteressierte Gereon Rath, beispielhaft für einen Teil der Bevölkerung, verabscheut zwar die Nazis, versucht sich aber mit den Gegebenheiten zu arrangieren.

David Nathan ist der perfekte Interpret für diese Zeitreise in eine ganz andere Welt. Er benötigt nur wenige Minuten und man kann sich dem Kopfkino nicht mehr entziehen. Bei dem Hörbuch handelt es sich um eine gekürzte Version.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die Akte Vaterland | Das Hörbuch erschien am 26. September 2018 im Argon Verlag
ISBN 978-3-8398-9394-4
1 mp3-CD | 10.- Euro
Laufzeit der ungekürzten Lesefassung: 7 Stunden 21 Minuten
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Volker Kutscher.

Auch bei uns: Rezensionen zu Volker Kutschers Romanen Der nasse Fisch, Der stumme Tod, Lunapark und Goldstein.

Martin von Arndt | Sojus

Martin von Arndt | Sojus

Würde ihm ein Gespräch mit Sarkis dabei helfen, seine Fragen zu klären? Oder waren diese Fragen im Grunde nichtig? Ging es ihm nicht vielmehr um seine quälend werdende Sinnfrage… um das Verlangen, seine Ruhe, die er in Würzburg gefunden hatte, zu tauschen gegen – ja, wogegen denn? Vielleicht gegen etwas Vertrautes, etwas Ähnliches wie – Heimat.
Oder bürdete er diesem Unbekannten, den er biologisch seinen Sohn nennen durfte, damit eine Last auf, die der unmöglich tragen konnte? (Auszug Seite 95)

Ex-Kommissar Andreas Eckart hat sich im Jahr 1956 eigentlich zur Ruhe gesetzt, als er von Dan Vanuzzi, seinem ehemaligen Partner beim amerikanischen Militärgeheimdienst CIC, kontaktiert wird. Vanuzzi, wie Eckart bei den Amerikanern in Ungnade gefallen, arbeitet neuerdings für den britischen MI6. Er hat Kontakt zu einer Quelle beim ungarischen Geheimdienst, die ihm ein brisantes Dossier über sowjetische Agenten anbietet. Vanuzzi muss nach Budapest, um an das Dossier zu kommen. Doch dort spitzt sich die Lage gerade zu, der Volksaufstand ist im Gange und alles wartet auf die Reaktion der Sowjets. Um Eckart zum Mitkommen zu überreden, verrät Vanuzzi ihm den Namen eines in Ungarn operierenden Sowjetagenten: Sarkis, Eckarts Sohn mit der armenischen Rebellin und Terroristin Aghawni, den er nie kennengelernt hat. So begeben sich die beiden über Umwege nach Ungarn und bewegen sich dort im Untergrund.

Sojus ist der dritte Teil der Reihe um den Psychoanalytiker und Kommissar Andreas Eckart. Interessant an dieser Reihe sind die großen Zeitsprünge zwischen den Bänden. Band 1, Tage der Nemesis, spielt Anfang der 1920er vor dem Hintergrund des Völkermords der Türken an den Armeniern und der instabilen Weimarer Republik. In Band 2, Rattenlinien, ist Eckart nach dem zweiten Weltkrieg auf der Suche nach sich absetzenden Ex-Nazis. Der vorliegende dritte Band greift zunächst einen Strang aus dem zweiten Band wieder auf und beginnt 1948.

Eckart wurde von den Amerikanern in einer Psychiatrie interniert, da sie befürchten, diese könnte schmutzige Deals mit Ex-Nazis an die Öffentlichkeit bringen. Seine ehemaligen Partner Rosenberg und Vanuzzi, inzwischen in Diensten des neu gegründeten israelischen Geheimdienstes, wollen ihn dort herausholen. Die nun folgende Befreiungsaktion ist zwar durchaus spannend, aber wirkt auf mich wie ein Fremdkörper im Rest des Buches, das acht Jahre später spielt. Außer Vanuzzi taucht keine Figur im weiteren Verlauf mehr auf und der Aufenthalt in der Psychiatrie scheint Eckart acht Jahre später kaum noch zu beeinträchtigen.

Ansonsten greift Autor von Arndt allerdings wieder den ersten Teil der Reihe auf: Eckart hatte damals eine Liebesbeziehung zu einer Armenierin. Dieser Liebe war keine gemeinsame Zukunft vergönnt, doch es entstand ein Sohn aus dieser Beziehung. Mehr als dreißig Jahre später ist Sarkis in Diensten des KGB. In Ungarn agiert er als Agent provocateur. Er versucht den Volksaufstand zu radikalisieren, um einen Vorwand für ein sowjetisches Eingreifen zu liefern. Sarkis ist ein kommunistischer Kader geworden. Kann die Begegnung mit seinem Vater ihn ideologisch erschüttern?

Sojus hat seine besten Szenen, wenn Eckart und Vanuzzi das Geheimversteck verlassen und durch die umkämpften Straßen der ungarischen Hauptstadt streifen. Diese Abschnitte sind sehr intensiv und das Setting authentisch. Was ich ein wenig schade finde: Die beiden Hauptfiguren (die ansonsten gut „harmonieren“) kommen von außerhalb, so dass sie irgendwie nur dabei, statt mittendrin sind. Ein detaillierter ungarischer Blick fehlt. Die Ereignisse werden von Dritten wiedergegeben. Trotzdem wird gut deutlich, wie die Ungarn von den Westmächten im Stich gelassen wurden. Einen Konflikt mit den Sowjets wollte niemand riskieren, allerdings sagte man dies den Ungarn nicht so deutlich. Stattdessen sorgten sich Großbritannien und Frankreich um den Zugang zum Suezkanal und intervenierten lieber in Ägypten militärisch. Was der Autor im Nachwort nochmal als durchaus traumatisch beschreibt und nach seiner Ansicht das schwierige Verhältnis der Ungarn zum Westen bis heute teilweise beeinflusst.

Insgesamt ist Sojus ein solider, durchaus spannender Spionage-/Politthriller mit unverbrauchtem Setting. Ein wenig Luft nach oben ist aber vorhanden, zumal auch der Vater-Sohn-Konflikt noch schärfer hätte beleuchtet werden können, die Figur Sarkis bleibt zudem insgesamt zu unscharf. Dennoch gehört die Reihe zu den interessanteren historischen Krimis/Thrillern aus deutscher Feder.

Sojus | Erschienen am 26. Februar .2019 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 978-3-86913-974-6
296 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension von Gunnar zu Tage der Nemesis bei Lovelybooks, Rezension von Anne Kuhlmeyer zu Rattenlinien im Crimemag

Jörg Maurer | Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt

Jörg Maurer | Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt

Im elften Band der Jennerwein-Reihe geht Autor Jörg Maurer die Sache mal ganz anders an; kein: wer war der Täter? Sondern: wie können wir die Tat verhindern? Der Plot von Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt ist typisch Maurer, mit hohem Spannungsfaktor, aber auch jeder Menge kabarettreifer Szenen ausgestattet.

Jennerwein hat zu Weihnachten sein gesamtes Team – verstärkt durch die im Rollstuhl sitzende, von ihrem anscheinen neuen Freund begleitete Gerichtsmedizinerin Verena Vitzthum sowie Polizeioberrat Dr. Rosenberger, der auch noch einen Überraschungsgast ankündigt – in seine Berghütte eingeladen. Die Gäste treffen nach und nach ein, teilweise mit Autos (wobei Nicole Schwattke ihren Jeep fast zum Absturz bringt), andere per Pedes auf unterschiedlichen Routen. Jennerweins Kollege Stengele kann es sogar nicht lassen, aus Sicherheitsgründen klettertechnisch die steile Felswand hinter der Hütte abzuchecken. Allerdings sind auch noch weitere Gestalten auf der verschneiten Strecke unterwegs: u.a. eine dunkle, leicht mitgenommene Gestalt mit Fernglas und Waffe, mehrere Snowboarder (die uns Lesern die Kunst des Snowboardens näher bringen und zum Ende hin durchaus eine bedeutsame Rolle spielen) und eine Informantin, die aufgeflogen und daher äußerst misstrauisch ist. Außerdem spielt eine Drohne, die Spurensicherer Becker in der Nähe von Jennerweins Haus gefunden und zu der Hütte mitgebracht hat, eine wichtige Rolle, ebenso wie die Familie Grasegger (diesmal zwar eine untergeordnete, trotzdem bedeutsame).

In der Hütte steigt mittlerweile die Stimmung, insbesondere, seit Jennerwein seine (in der Handlung immer wieder eingestreuten) Storys aus seiner Schulzeit zum Besten gibt, in denen in einer Adventszeit täglich u.a. Stinkbomben zum Einsatz kamen und in denen bereits der detektivische Spürsinn des noch jungen Jennerwein erkennbar ist. Doch plötzlich empfängt Jennerwein von einem seiner Gäste eindeutige Signale und auf einmal geht es um Leben und Tod, wobei Sprengstoff eine Rolle spielt. Jennerwein versucht verzweifelt, sein gesamtes Team unbemerkt vom Täter zu informieren; die Spannung steigt! Hilft dem Team seine jahrelange Erfahrung, um aus der Sache unbeschadet herauszukommen?

Jörg Maurer hat es auch diesmal auf seine unnachahmliche Art wieder geschafft, sowohl Spannung als auch Humor in seinem Plot zu verarbeiten. Seiner Phantasie hat er dabei augenzwinkernd den Lauf gelassen. Besonders gut zu erkennen in den Storys aus Jennerweins Schulzeit (ein Schelm, der Böses dabei denkt) und bei der Erwähnung der intergalaktischen Schmetterlinge, die 40.000 Jahre später auf einer sehr veränderten Erde die mittlerweile versteinerte Drohne (s.o.) in einer Felsspalte entdecken und daraus auf die Art der heutigen Weltbevölkerung schließen.

Alles in allem wieder ein spannendes Lesevergnügen, geeignet für alle, die in Kriminalromanen nicht nur Realität und tödlichen Ernst bevorzugen. Maurers Romane sind für mich immer wieder ein absolutes Muss. Hoffentlich geht es noch lange so weiter. Hierzu noch ein Hinweis: auch die Danksagung hat es „in sich“.

Jörg Maurer, geboren 1953 in Garmisch-Partenkirchen, studierte Germanistik, Anglistik und Theaterwissenschaften. Nach seiner Arbeit als Gymnasiallehrer für Deutsch und Dozent für Theatergeschichte an der Uni München kamen später eigene Produktionen an Kleintheatern sowie Radio- und Fernsehbeiträge hinzu, in zahlreichen Tourneen entwickelte er sein kultursatirisches Musikkabarett. Ab 2002 schrieb er Kurzgeschichten und Krimis, für die er bereits zahlreiche Preise erhielt, ab 2009 kamen dann die Kriminalromane um Hubertus Jennerwein und sein Team zum Zuge, für die er 2013 den Radio-Bremen-Krimipreis erhielt.

 

Rezension und Foto von Monika Röhrig.

Im Schnee wird nur dem Tod nicht kalt | Erschienen am 24. Oktober 2018 im S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-651-02573-8430
430 Seiten | 16.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu fünf vorherigen Jörg-Maurer Alpenkrimis.

James Sallis | Willnot

James Sallis | Willnot

Kurz darauf machten wir eine Kaffeepause, und als wir auf den Betonbänken vor dem gelben Bzzzy Bee Café saßen und Richard eindeutig immer noch über das Nummernschild nachdachte, fragte er mich, an was ich wirklich glaubte.
Wir stiegen wieder in den Wagen und fuhren weiter.
„An die Fähigkeit des Menschen“, sagte ich ihm, „unter erheblichen Anstrengungen geringfügig besser zu sein als seine ureigenen Instinkte und Neigungen.“ (Auszug Seite 60)

Normalerweise gebe ich an dieser Stelle einen kurzen Abriss zur Handlung. Dieser könnte in etwa lauten: In der amerikanischen Kleinstadt Willnot wird eine Grube voller Leichen gefunden. Auch der Arzt Lamar Hale ist an den Untersuchungen beteiligt. Kurze Zeit später kommt ein alter Bekannter in seine Praxis, der lange Zeit nicht mehr in Willnot war. Der Ex-Marine und Scharfschütze Brandon Lowndes wird von einer FBI-Agentin gesucht. Aber um ganz ehrlich zu sein: Autor James Sallis kam es eher weniger auf seinen Plot an. Er versandet vielmehr, stattdessen werden eine Menge Fragen aufgeworfen, ohne wirklich beantwortet zu werden.

Ich-Erzähler dieses Romans ist Lamar Hale. Ein älterer Arzt, der sowohl in einer Praxis als auch im Krankenhaus praktiziert und von der Polizei bei Bedarf herangezogen wird. Ein Mann, der sehr respektiert wird und diesen Respekt mit Gewissenhaftigkeit und Einsatz verdient. Hale lebt in einer Partnerschaft mit dem Lehrer Richard. Das Besondere an Dr. Hale: Im Alter von zwölf Jahren war er für einen längeren Zeitraum im Koma, dessen Ursachen nie diagnostiziert wurden. Er beschreibt, dass während des Komas und seitdem „Besucher“ zu ihm kommen. Menschen, deren Seelenleben er spürt und die sich „durch ihn hindurchbewegen“, zumeist in seinen Träumen. Für Hale eine ständige psychische Belastung. Hale versucht auch seine eigene Vergangenheit zu ergründen, vor allem seine Beziehung zu seinem Vater, einem Science-Fiction-Autor.

Somit bewegt sich der Roman sehr schnell weg von einer Krimihandlung zu psychologischen, philosophischen Fragen. Dabei kommen zahlreiche Figuren aus Lamar Hales Umgebung ins Spiel, wie etwa der Sheriff Hobbes, FBI-Agentin Ogden oder ein Junge aus Richards Schule. Sallis kommt über seine Figuren zu existentiellen Überlegungen über Leben, Krankheit, Ohnmacht und Tod.

„Wie ich schon sagte – wir nennen es Landung. Und zwar eine harte. Man kommt von einer Mission, alles war so fokussiert, und jetzt hängt alles nur noch lose zusammen, ohne Verbindung, und flattert im Wind. Man bekommt es nicht in den Griff und kann auch nicht begreifen, wieso alles so blass ist. Weil die Farbe fehlt.“ (Seite 119)

Willnot ist wieder so ein Buch, bei dem selbst ein sehr aufgeschlossener Leser wie ich ins Grübeln kommt, ob das hier überhaupt noch Kriminalliteratur ist. Es ist zwar schon in der Krimibestenliste gelistet, aber ich für mich würde es verneinen. James Sallis hat sich hier für meinen Geschmack schon sehr weit vom Genre entfernt. Ich hatte mir schon gewünscht, dass ein wenig mehr Thriller oder Noir drin gewesen wäre. Bitte nicht falsch verstehen, es handelt sich hier um keinen schlechten Roman. Sallis schreibt gute Dialoge, hat ein gutes Gespür für seine Figuren. Ich denke, wer von vornherein weiß, dass er hier eher etwas Existentialistisches als einen Thriller zu erwarten hat, kann sich besser auf diesen Roman einlassen. Ich habe mich aber von Anfang an schwer getan und muss daher feststellen, dass es bei mir nicht gezündet hat.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Willnot | Erschienen am 18. Februar 2019 in der Verlagsbuchhandlung Liebeskind
ISBN 987-3-95438-102-9
224 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe