Autor: Nora

Jørn Lier Horst | Wisting und der fensterlose Raum Bd. 2

Jørn Lier Horst | Wisting und der fensterlose Raum Bd. 2

Wisting verstärkte den Griff um das Lenkrad. Geld war meistens die Ursache von allem, was nach Korruption, Habgier und Machtmissbrauch roch. Die Ermittlungen würden sich auf einem Niveau abspielen, das Wisting bislang nicht näher kannte. Aber dafür hatte er den besten Ausgangspunkt: Er hatte das Geld. Geld hinterließ immer Spuren. Sie mussten nur bis zum Ursprung zurückverfolgt werden. (Auszug Seite 14/15)

Im zweiten Band der Cold-Cases-Reihe um William Wisting wird der norwegische Kommissar vom Generalstaatsanwalt mit einem brisanten Fall betraut. Der ehemalige Außen- sowie Gesundheitsminister Bernhard Clausen ist im Alter von 68 Jahren einem plötzlichen Herztod erlegen. Nichts deutet auf Fremdeinwirkung hin. Clausen hatte keine direkten Angehörigen mehr. Nach dem Krebstod seiner Frau vor vielen Jahren hatten er und sein Sohn sich voneinander entfernt und das hatte sich bis zum Unfalltod seines Sohnes auch nicht geändert. Dieser hinterließ eine schwangere Freundin und Clausen hatte auch zu ihr und seinem Enkelkind keinerlei Kontakt gehabt.

Millionenfund im Ferienhaus
Im Wochenendhäuschen des pensionierten Spitzenpolitikers findet ein Parteifreund eine große Menge Bargeld. In mehrere Kartons liegen Geldscheine in unterschiedlichen Währungen im Wert von umgerechnet 80 Millionen Kronen. Es ist fast undenkbar, dass der angesehene Politiker Parteigelder unterschlagen hat. Die Ermittlungen nach der Herkunft der Banknoten sollen erst mal vor der Öffentlichkeit geheim gehalten werden. Kommissar Wisting wird verdeckt ermitteln und installiert eine Sonderkommission in seinem Privathaus. Kurz nachdem er zusammen mit Kriminaltechniker Espen Mortensen das Geld aus dem fensterlosen Raum geholt und bei sich im Keller deponiert hat, geht die Holzhütte in Flammen auf. Wisting bittet auch seine Tochter Line, eine freischaffende Journalistin und alleinerziehende Mutter zu dem kleinen Team zu stoßen. Für sie ist es leichter, ohne großes Aufsehen das soziale Umfeld von Bernhard Clausen zu durchleuchten und so bei den Recherchen zu helfen.

Der Flugzeugraub
Es ergeben sich Hinweise darauf, dass das Geld möglichweise aus einem fast 20 Jahre stammenden Flugzeugraub stammen könnte. Bei einem Überfall auf einen Geldtransport am Osloer Flughafen im Jahr 2003 war das dabei erbeutete Geld nie wieder aufgetaucht. Und hier kommt wieder Adrian Stiller ins Spiel. Der Ermittler der Osloer Cold-Case-Unit, den der Leser schon aus Band 1 „Wisting und der Tag der Vermissten“ kennt, befasst sich mit dem ungeklärten Verschwinden von Simon Meier. Der junge Angler war genau an dem Tag des Überfalls 2003 an einem See spurlos verschwunden.

Die Krimis von Jørn Lier Horst sorgen bei mir immer für eine völlige Entspannung. Und das ist gar nicht negativ gemeint, auch wenn sich das für einen Spannungsroman erst mal befremdlich anhört. Als Leser verfolgt man die schrittweisen Ermittlungen. Man ist hautnah dabei, wenn Spuren und Informationen ausgewertet werden und man sich langsam der Auflösung nähert und kann miträtseln und sich fast wie ein Mitglied des Teams fühlen. Auch weil man nie mehr weiß als die Protagonisten. Der norwegische Autor war früher selbst als Hauptkommissar tätig und die geschilderte Polizeiarbeit wirkt realistisch und die Ermittlungen werden nachvollziehbar und schlüssig dargestellt. Insbesondere die Recherchen zum Ursprung der Geldnoten sind ausgesprochen interessant, aber natürlich auch sehr kleinteilig und detailliert beschrieben. Das muss man mögen. Liebhaber von Actionszenen werden nicht auf ihre Kosten kommen.
Zum Schluss steigert sich das Tempo und es kommt zu einer dramatischen Situation, aber da konnte ich nur den Kopf schütteln, denn wirklich jeder Leser bemerkt im Gegensatz zu Wisting, dass Line sich mit Volldampf in eine offensichtlich lebensgefährliche Situation begibt.

Charaktere wie aus dem richtigen Leben
Durch die Möglichkeit einer Sonderkommission im eigenen Haus, gelingt es, die Betreuung der kleinen Enkeltochter besser zu organisieren. So kann auch Line tiefer in die Nachforschungen einsteigen, während sich William Wisting um Amalie kümmert. Das wirkt alles sehr menschlich und sympathisch, war mir aber in der Häufigkeit der beschriebenen Alltagssituationen zu viel. Die Protagonisten wie der bodenständige Kommissar Wisting und seine intelligente Tochter Line wirken lebensecht sowie authentisch und prägen diesen Krimi sehr. Das weitere Figurenpersonal blieb diesmal blass und farblos. Ein wenig enttäuscht war ich von Adrian Stiller und hatte mir hier mehr Entwicklung und Tiefgang erhofft. Im vorherigen Band noch eine undurchsichtige Figur, ehrgeizig und durchtrieben, ist er hier durchweg sympathisch, nett und dadurch total austauschbar und unwichtig.

Fazit
„Wisting und der fensterlose Raum“ ist für mich durchaus ein lesenswerter Krimi, in dem wieder mehrere, lange zurückliegende, ungelöste Kriminalfälle miteinander verknüpft werden und handfeste Polizeiarbeit im Vordergrund steht. Die Begegnung mit den bekannten Figuren hat mir wieder Freude gemacht. Aus den vorgenannten Gründen hat es mich nicht ganz so überzeugt wie Band 1 der norwegischen Krimireihe. Der zweite Band ist nicht ganz so vielschichtig und die Erzählweise noch bedächtiger.

Wisting und der fensterlose Raum | Erschienen am 3. Januar 2020 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06142-1
432 Seiten | 15,- Euro
Originaltitel: Det innerste rommet
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension von Andy zu Band 1 der Cold-Cases-Reihe um Kommissar Wisting, „Wisting und der Tag der Vermissten“

Nina Ohlandt | Dünengeister Bd. 6

Nina Ohlandt | Dünengeister Bd. 6

„Zwischen den Wolken kam der Mord hervor, und Haie trieb sein Pferd an. Es trabte durch den tiefen Sand der Großen Düne, die auf der Insel nur als die „Geisterdüne“ bekannt war. Der Legende nach hatten an diesem Ort in früheren Jahrhunderten die Einheimischen ihre wilden Orgien und Besäufnisse gefeiert, nachdem sie die gestrandeten Schiffe ausgeraubt, die Besatzung, sofern sie nicht ersoffen war, erschlagen und die Beute in Sicherheit gebracht hatten.“ (Seite 9)

Hauptkommissar John Benthien von der Kripo Flensburg ist gerade mit seiner Freundin und Kollegin Lilly Velasco auf Sylt bei Benthiens Vater zu Besuch, als ein Jugendlicher eine Hand in einer Düne entdeckt. Nach den ersten Ermittlungen stellt sich heraus, dass dort auch noch eine zweite Leiche liegt, die beide Jahrzehnte alt sind. Kurze Zeit später gibt es in der Familie, zu dessen Grundstück diese Düne gehört, zwei weitere Todesfälle. Benthien ist das etwas zu viel Zufall und er gräbt sich tief in die Vergangenheit der Familie…

Fall 6 für Benthien
„Dünengeister“ von Nina Ohlandt ist der sechste Fall um Kommissar Benthien. Dieses Buch kann man problemlos auch ohne Vorkenntnisse der Reihe lesen, es wird wenig Bezug auf die vorherigen Fälle genommen und wenn, dann so ausgeführt, dass man die Zusammenhänge gut begreift. Im Fokus der Geschichte stehen absolut die Ermittlungen und die Aufklärung des Falles. Nur hin und wieder kommen auch private Aspekte der Kommissare, was ich angenehm finde.

Sehr komplexer Fall
Da es sich hier um drei Mordfälle aus unterschiedlichen Zeitepochen handelt, ist die Geschichte sehr komplex. Hinzu kommen viele handelnde Personen und Namen aus mehreren Generationen, da kann man leicht mal durcheinander kommen. Damit der Leser aber nicht den Überblick verliert, gibt es im Buch ein Personenregister, das ich allerdings nicht brauchte, da auch im Text immer wieder beschrieben wird, in welchem Zusammenhang diese oder jene Person nochmal steht.

Protagonist bleibt flach
Lange tappen die Hauptermittler, die aus Benthien, Lilly und Tommy Fitzen, einem Kollegen aus Flensburg, bestehen, im Dunkeln. Viele haben Gelegenheit, aber keiner so ein wirkliches Motiv. Die Spannung um die Täter bleibt bis zum Schluss erhalten, erst auf den letzten Seiten werden diese gelüftet und konnten mich überraschen. Benthien, der Protagonist, hat mich persönlich nicht sehr angesprochen, er ist ein Kommissar der ermittelt, ohne Ecken und Kanten oder irgendetwas spezielles, das mich für ihn einnimmt, das finde ich etwas schade.

Agatha lässt grüßen
Das Buch besitzt über fünfhundert Seiten, aber keine davon ist zu viel. Am Ende schreibt die Autorin, dass dieser Roman eine „kleine, augenzwinkernde Hommage an Agatha Christie und ihr Werk“ sein soll, was ich sehr schön finde, denn am Ende bringt Lilly, die in jeder freien Minute die Krimis von Agatha Christie liest, den entscheidenden Hinweis.

Nina Ohlandt wurde in Wuppertal geboren, wuchs in Karlsruhe auf und machte in Paris eine Ausbildung zur Sprachlehrerin, daneben schrieb sie ihr erstes Kinderbuch. Später arbeitete sie als Übersetzerin, Sprachlehrerin und Marktforscherin, bis sie zu ihrer wahren Berufung zurückfand: dem Krimischreiben im Land zwischen den Meeren, dem Land ihrer Vorfahren. (Verlagsinfo)

 

Foto und Rezension von Andrea Köster.

Dünengeister | Erschienen am 29.03.2019 bei Bastei Lübbe
ISBN 978-3-404-17780-6
544 Seiten | 10,– €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Garry Disher | Hope Hill Drive

Garry Disher | Hope Hill Drive

Noch einige Zeit nach der Veröffentlichung von „Bitter Wash Road“, dem ersten Auftritt von Constable Paul Hirschhausen, genannt Hirsch, Gewinner des Deutschen Krimi Preises, war sich Garry Disher sicher: Dieser Roman war ein Stand-Alone. Im Rahmen einer Lesung in Deutschland Ende 2016 äußerte der Autor Zweifel, ob Hirsch zu einer Serienfigur tauge. Schon verständlich, denn schließlich hat(te) Disher mit Hal Challis und Wyatt zwei langjährige Serienfiguren aufgebaut und mit Alan Auhl (aus „Kaltes Licht“) damals eine ganz neue Figur im Kopf. Aber irgendwie war es schade um diesen Hirsch, den wackeren Cop aus dem Outback, der gegen korrupte Kollegen ausgesagt hatte und dabei selbst angezählt, degradiert und in die Provinz geschickt wurde, wo er als Neubürger ganz schön zu kämpfen hatte und quasi vom Regen in die Traufe kam. Und auch Dishers selbst scheint dieser Polizist nicht aus dem Kopf gegangen zu sein. „Hirsch hat mich nicht allein gelassen. Er hat mir immer gesagt, dass ich mit ihm noch nicht fertig bin“, so Disher in einem Interview mit Alf Mayer im Crimemag von September 2020. Zum Glück, denn fünf Jahre nach „Bitter Wash Road“ erschien dann doch ein neuer Roman mit Constable Hirschhausen: „Peace“, so der Originaltitel, in der deutschen Übersetzung „Hope Hill Drive“ als Anlehnung an den Erstling.

Ein knappes Jahr nach den Vorkommnissen in „Bitter Wash Road“ scheint Hirsch endlich so ein wenig in Tiverton angekommen zu sein. Er ist inzwischen fest liiert mit der Lehrerin Wendy und auch im Gemeindeleben inzwischen so weit integriert, dass man ihm die (allerdings nur bedingt prestigeträchtige) Rolle des Weihnachtsmanns andient. Beruflich hat er kurz vor Weihnachten allerhand zu tun: Kupferdiebstahl, verschwundene Hunde, Trunkenheit am Steuer, obszöne Graffitti oder ein Kleinkind in einem überhitzten Auto. Das ganz normale Leben eines Landpolizisten. Doch dann werden einige Ponys auf dem Hof von Nan Washburn von einem Unbekannten verletzt und sogar getötet. Das sorgt für Aufruhr in Tiverton, sogar die überregionale Polizei kommt vorbei. Das Massaker auf dem Ponyhof ist aber nur der Auftakt für weitere Gewalt im vermeintlich beschaulichen Outback.

Es machte keinen Spaß, eine Weihnachtswaise zu sein, dachte er plötzlich, keinen Spaß, ein Kleinstadtbulle am Weihnachtstag zu sein. Er stampfte zur Revier zurück und fragte sich, wann der Ärger so richtig losgehen würde. Das mulmige Gefühl ließ keine Sekunde nach und legte sich über ihn wie eine Decke in sengender Hitze. (S.142)

Bei der oben bereits erwähnten Lesung meinte Garry Disher auch, dass er der üblichen Krimiregel, dass nach wenigen Seiten eine Leiche präsentiert werden müsse, nicht viel abgewinnen könne („True Crime is something darker“). Diese Herangehensweise treibt er dann in „Hope Hill Drive“ auch ein wenig auf die Spitze. Die ersten (menschlichen) Leichen tauchen nämlich erst etwa auf der Hälfte des Romans auf. Und danach wird die Suspense-Schraube auch immer enger gedreht. Die Ereignisse spitzen sich immer mehr zu und der „Kleinstadtbulle“ ist natürlich mittendrin, statt nur dabei. Allerdings heißt das nicht, dass es vorher langweilig gewesen wäre. Im Gegenteil. Disher zeichnet zunächst ein unglaublich präzises Panorama einer Kleinstadt mit all diesen Leuten, die man auch als deutscher Leser zu kennen glaubt. Armut, Verwahrlosung, gekränkte Eitelkeiten, Furcht und Misstrauen. Authentische Figuren und ein plausibler Plot, fein erzählt aus der Perspektive von Hirsch. Und fast nebenbei die weite Landschaft Südaustraliens: Weizenfelder, heruntergekommene Farmhäuser, Wellblechscheunen, rumpelige Straßen, Staubteufel. Nicht touristisch in Schale geworfen, sondern so, wie es halt ist. Übrigens stammt Disher selbst aus der Gegend.

Kurze Zeit später kam er an einem Staubecken vorbei, in dem Bob Muir und anderen im Ort zufolge ein Kleinkind ertrunken war. Eine vom Tod geprägte Landschaft, fand Hirsch. Hoffnungen starben, Menschen starben. […] Hier draußen konnte ein Mord geschehen und unentdeckt bleiben, dachte er. Nirgendwo hier draußen ist es neutral. Die Landschaft ist aufgeladen, mitschuldig. (S.114)

Im Crimemag-Beitrag verrät selbst sein Übersetzer Peter Torberg, dass Disher sein Favorit sei, dass er „mit jedem Buch etwas auf die Schippe drauflegt, dass er immer noch besser wird“. Genau so kommt es mir auch vor. Disher hat sein hohes Niveau nicht nur gehalten, sondern noch gesteigert. „Hope Hill Drive“ ist einfach ein restlos überzeugender, literarischer Kriminalroman, bei dem Garry Disher alles richtig macht: ein bodenständiger, aber nicht langweiliger Protagonist, glaubwürdige weitere Figuren, ein fein komponierter Plot, ausreichend Spannung sowie ein anregendes Setting. Und als ob das noch nicht alles wäre, hört Hirsch bei seinen Patrouillen durch den Busch auch noch einen verdammt guten Soundtrack. „Hope Hill Drive“ war in Australien ein Bestseller, Dishers bislang größter Erfolg. Möge er dies im deutschsprachigen Raum wiederholen, für mich ist der Roman der heiße Anwärter auf den Krimi des Jahres.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Hope Hill Drive | Erschienen am 24.08.2020 im Unionsverlag
ISBN: 987-3-293-00563-1
336 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Peace
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen:
Interview von Alf Mayer mit Garry Disher
Gunnars Bericht von der Lesung mit Garry Disher in Hamm 2016
Gunnars Rezensionen zu Dishers Romanen „Kaltes Licht & Hitze“, „Bitter Wash Road“ und „Drachenmann“

Susanne Goga | Der Ballhausmörder Bd. 7

Susanne Goga | Der Ballhausmörder Bd. 7

Die korpulente Gerda Wohlleben errötete und zeigte ihrer Freundin Irmgard kichernd das Zettelchen, das der Kellner mit der Saalpost gebracht hatte. Ick bin so jalant, nehm Ihnen bei der Hand. Wenn Se nicken, lass ick mir blicken. Bei Clärchen gab es keine Telefone, diese neue, kostspielige Mode machte sie nicht mit. Papier erfüllte den Zweck genauso gut und war auch romantischer als ein Apparat, der auf dem Tisch stand und kaum Platz für Sekt und andere Erfrischungen ließ. (Auszug Seite 11)

An einem heißen Abend im Sommer 1928 wird das Tanzvergnügen in Clärchens Ballhaus in Berlin jäh unterbrochen. Während im Saal der Witwenball stattfindet, wird die Garderobiere Adele Schmidt im Hinterhof tot aufgefunden. Alles deutet auf eine Gewalttat hin und Leo Wechsler, Oberkommissar im Berliner Morddezernat, der sich gerade auf einer Feier der Kripo im Lunapark befindet, wird informiert. Es ist Wochenende und es herrscht natürlich Hochbetrieb in dem Amüsierviertel. Leo hat die schwierige Aufgabe, in der unübersichtlichen Lage die Befragungen aller Gäste und Angestellten zu organisieren. Ausgerechnet jetzt fehlt Freund und Kollege Robert Walther unentschuldigt. Zur kurzfristigen Unterstützung stößt ein Kollege von der Politischen Polizei hinzu. Adele Schmidt wurde offenbar erstickt, nachdem sie zuvor mit Chloroform betäubt wurde.

Das Phantom von Frankfurt

Die Ermittlungen gehen in verschiedene Richtungen, zunächst führen aber alle Spuren in Sackgassen. Die bei allen beliebte Adele lebte in einfachen Verhältnissen, wie konnte sie sich das teure Seidenkleid leisten, dass sie am Tage ihrer Ermordung trug? Verdächtig macht sich auch ihr kommunistischer Exfreund, der mit der Trennung nicht gut zu Recht kam und ein kurz nach der Tat nicht mehr aufzufindender Pianist sorgt für ordentliche Verwirrung. Die patente Clara Bühler kann sich keinen Anschlag von Konkurrenten vorstellen, zu sehr halten sie und ihre „Saalschwestern“ zusammen.

Erst als kurz darauf ein junges Mädchen in einem Berliner Park vergewaltigt wird, kommt Bewegung in die Ermittlungen. Das Opfer wurde ebenfalls vorher mit Chloroform betäubt und Wechsler findet einen Hinweis auf eine einige Jahre zurückliegende Vergewaltigungsserie in Frankfurt. Der Täter wurde nie gefasst und in der Öffentlichkeit „Das Phantom von Frankfurt“ genannt.

Meine Meinung

Im bereits siebten Band der Reihe entführt Susanne Goga den Leser in die schillernde Welt der Tanzpaläste und Amüsierbetriebe der damaligen Zeit, auch die Schilderung der Verhältnisse der ärmeren Bevölkerung kommt nicht zu kurz. Die privaten Probleme der Ermittler drängen sich nicht in den Vordergrund, aber Susanne Goga nutzt hauptsächlich in Nebensträngen das Alltagsleben ihrer Figuren, die Lebensumstände der damaligen Zeit oder die Situation der Frauen in der Gesellschaft darzustellen. Auch die politische und gesellschaftliche Lage wird durch die Nebenfiguren illustriert. Und wenn man die Serie von Anfang an verfolgt, will man natürlich wissen, wie die vertrauten Charaktere sich entwickeln, was sie erleben. Zum Beispiel wenn Wechslers Sohn Georg von Hitlerjungen verprügelt wird oder seine naturwissenschaftlich interessierte Tochter Marie eine Ausbildungsstelle für medizinisch-technische Assistentinnen besucht. Den Streit zwischen Leo und seinem Freund Robert fand ich etwas konstruiert. Dieser wird in eine kleine Außenstelle strafversetzt und lernt hier national gesinnte Kollegen kennen. Das könnte in einem weiteren Band noch interessant werden.

Der Mord ist recht unspektakulär und könnte auch in einer anderen Zeit spielen. Der gut konstruierte Krimiplot ist eher verzwickt als atemlos spannend und kommt ohne große Actionszenen aus, bietet aber durchaus fesselnde Unterhaltung. Es macht einfach Spaß, Wechsler und seine Kollegen bei ihren akribischen Ermittlungen über die Schulter zu schauen. Die Krimihandlung wird in eine atmosphärische, authentische Schilderung des Lebens im Berlin der 1920er Jahre eingebettet, und was die Reihe so lesenswert macht, ist dass man über die zeitspezifischen Verhältnisse der gar nicht so goldenen Jahre wie nebenbei erfährt.

Seit 1913 wird in Clärchens Ballhaus in Berlin getanzt. Noch heute steht der Tanzpalast, benannt nach seiner Betreiberin Clara Bühler, fast unverändert mit Livemusik und Spiegelsaal in der Auguststraße. Neben Abendveranstaltungen fanden auch immer Tanzkurse statt. Seit Ende 2019 ist das Ballhaus allerdings geschlossen, der neue Besitzer will das Kultlokal nach Sanierungen wieder eröffnen.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Der Ballhausmörder | Erschienen am 21. Februar 2020 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-21808-5
320 Seiten | 10.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Anja Eichbaum | Letzte Hoffnung Meer

Anja Eichbaum | Letzte Hoffnung Meer

„Die positiven Dinge waren das Meer. Die Ostsee, die sie schon als Kind so geliebt hatte. Und ihre Strandbude. Die der Himmel hierhin gesetzt haben mochte. Ein Ort, an dem sich die Gesunden und Kranken trafen, einander beäugten, als kämen sie von unterschiedlichen Planeten. Ein Ort, an dem die Urlauber demütig wurden. An dem die Kranken manchmal verzweifelten, aber genauso oft Hoffnung schöpften. Mal sehen, ob es dort schon einen Kaffee gab.“ (Seite 12)

Im Ostseebad Boltenhagen wird eine tote Frau mit durchtrennter Kehle gefunden. Nach der ersten Untersuchung steht fest, dass die Frau Patientin einer Klinik war, die sich auf Krebstherapie spezialisiert hat und als geheilt galt. Der Kommissar Dr. Ernst Bender von der Schweriner Mordkommission nimmt sich dem Fall an, denn er glaubt nicht wie seine Kollegen, dass dieser Mord zu einer anderen Serie in Schwerin passt. Am Tatort trifft Bender dann durch Zufall auf Polizeipsychologin Ruth Keiser und den Norderneyer Polizisten Martin Ziegler, die beide eigentlich nur Urlaub an der Ostsee machen wollten, sich aber schneller in den Ermittlungen verstricken, als ihnen lieb sein mochte.

Diagnose Krebs
„Letzte Hoffnung Meer“ von Anja Eichbaum ist der zweite Fall um Polizeipsychologin Ruth Keiser und Polizist Martin Ziegler. Die Geschichte liest sich sehr flüssig und ich fand das Thema der Krebs-Patienten und ihre Therapien sehr interessant. Dabei schlugen mir die Schilderungen aber nicht zu sehr aufs Gemüt. So schockierend die Diagnose auch sein muss, waren die beschriebenen Personen überwiegend hoffnungsvoll und den Umständen entsprechen positiv aufs Leben eingestellt.

Keine reine Ermittlung
Beim Lesen war mir zuerst nicht ganz klar, wer hier eigentlich der Protagonist ist. Im Laufe der Geschichte kristallisiert sich Ruth heraus, Martin Ziegler tritt in diesen Ermittlungen aber eher nebenbei auf, Dr. Ernst Bender ist mehr im Vordergrund. In diesem Krimi steht auch nicht komplett die Ermittlung im Fokus, sondern es werden viele weitere Szenen beschrieben, die nicht unmittelbar mit dem Mord zu tun haben. Am Ende wird dann trotzdem alles rund und jede handelnde Person hatte seine Berechtigung, außerdem wurde es mir auch zu keiner Zeit zu langatmig.

Flacher Spannungsbogen
Den Spannungsbogen habe ich insgesamt etwas vermisst, die gesamte Geschichte liest sich doch eher gemächlich. Zum Ende hin kommt dann doch noch ein kleines bisschen Nervenkitzel dazu, was mir persönlich allerdings schon fast wieder zu gewollt dramatisch ist. Gut gefielen mir aber die detaillierten Beschreibungen der Schauplätze und besonders toll finde ich, wenn es diese dann auch im wirklichen Leben gibt und man sie besuchen kann, was hier der Fall ist.

Fazit: Interessantes Thema mit Ostsee-Schauplatz, das für meinen Geschmack aber noch etwas mehr Spannung vertragen kann. Trotzdem lesenswert.

Anja Eichbaum stammt aus dem Rheinland, wo sie bis heute mit ihrer Familie lebt. Als Diplom-Sozialarbeiterin ist sie seit vielen Jahren leitend in der Kinder- und Jugendhilfe tätig. Frühere biographische Stationen wie eine Krankenpflegeausbildung und ein „halbes“ Germanistikstudium bildeten Grundlage und Füllhorn zugleich für ihr literarisches Arbeiten. Aus ihrer Liebe zum Meer entstand ihr erster Norderney-Krimi, denn ihre Bücher verortet sie gerne dort, wo sie am liebsten selber ist: am Strand mit einem Kaffee in der Hand. (Verlagsinfo)

 

Foto und Rezension von Andrea Köster.

Letzte Hoffnung Meer | Erschienen am 13.02.2019 im Gmeiner Verlag
ISBN 978-3-8392-2374-1
472 Seiten | 14,– €
Bibliografische Angaben & Leseprobe