Helena Falke | Noch fünf Tage

Helena Falke | Noch fünf Tage

Wäre es nicht fairer, wäre es nicht Karma, wenn ich mein Leben behalte? Spontanheilungen gab es doch schon immer. Ich fühle mich gesund, so gesund, dass die Idee nicht abwegig scheint. Viel abwegiger ist es, dass jemand, der auf westfälische Pumpernickel Appetit hat, bald nicht mehr da sein soll. Das ist kein Essen für Kranke. Vielleicht kann ich mir meine Gesundheit zurückholen. Erarbeiten, so wie ich es immer tat. (Auszug Seite 152)

Als die Spitzenköchin Lis Castrop in den frühen Morgenstunden des 1. Januars in einem Rettungswagen zu Bewusstsein gelangt, bekommt sie von den Sanitätern unbemerkt mit, dass sie aufgrund einer Vergiftung sterben wird und maximal noch fünf Tage zu leben hat. Die Fünfundvierzigjährige wird in eine Klinik in den Davoser Bergen gebracht. Hier erfährt sie, dass man Polonium-210 in den Speisen des von ihr zubereiteten Silvesterdinners fand. Der Unternehmer und Milliardär John Harman, für den Lis seit Jahren arbeitet, überlebte den Giftanschlag eben so wenig wie seine Frau und die beiden Kinder. Die Köchin scheint eine kleinere Dosis Gift erwischt zu haben, dennoch bleiben ihr nur wenige Tage. Lis wird als wichtige Zeugin von der Schweizer Polizei befragt und obwohl sie gleichzeitig Opfer des rätselhaften Verbrechens ist, gilt sie als Hauptverdächtige der Tat.

Wir erleben wie Lis verzweifelt, mit ihrem Schicksal hadert und resigniert. Das Wichtigste in ihrem Leben ist aber ihre Tochter Cosima und deren Zukunft hat oberste Priorität. Lis bleiben nur fünf Tage, um die Zwölfjährige auf ihren Tod und auf ein Leben ohne Mutter vorzubereiten. Die Köchin beginnt, von ihrem Sterbebett zu ermitteln, auch um sich zu rehabilitieren. Unerwartete Unterstützung erhält sie dabei von ihrer Pflegerin Esme. Die todgeweihte Ich-Erzählerin erzählt der Palliativschwester alles über die Stationen ihrer Karriere und ihre Erlebnisse mit ihren ehemaligen Arbeitgebern. Sieben Jahre lang arbeitet Lis Castrop für die Industriellenfamilie, nachdem sie in einem angesagten Londoner Gourmettempel als Spitzenköchin tätig war.

Um für ihre Arbeitgeber jederzeit verfügbar zu sein, lebte Lis mit ihrer Tochter auch mit in der prunkvollen Villa in Davos. Dabei war sie nicht nur die kreative Köchin der Schweizer Familie, sondern auch Vertraute, intelligente Ratgeberin und loyale Freundin. Um den Mörder zu finden, durchleuchtet sie ihre Beziehungen zu den Opfern nach möglichen Hinweisen und reflektiert Ereignisse. Dabei sind ihre Mittel natürlich begrenzt und ihre Kräfte schwinden, aber verzweifelt sucht sie in ihren Erinnerungen nach Anhaltspunkten, die als Mordmotiv gelten könnten. Alle Familienmitglieder waren sehr ambitioniert und verfügten über großes Potenzial, haben Lis über die Jahre aber auch ausgenutzt und gedemütigt. Die Köchin kennt ihre Stärken und Schwächen, ihre Verflechtungen sowie das Umfeld und hatte sich im Lauf der Zeit einen gewissen Einfluss erarbeitet. Lis‘ verbleibende Lebenszeit wird zu Anfang jedes Kapitels mit Tages- und Uhrzeiten detailliert angegeben.

Esme hat den Ausflug in die glamouröse Welt der Harmans und Monmouths genossen, fand es nett, ein bisschen Detektivin zu spielen, aber jetzt ist es ihr zu viel. Jetzt bin ich ihr zu viel und sie will mich sedieren. Ihre Ermittlungen lenken sie nicht mehr von ihrem eigenen Leben ab, sondern erinnern sie daran, dass es an das Leben dieser Leute nie herankommen wird. Esme hat aufgegeben. Ich nicht. Ich habe keine Wahl. Und ich will kein Schlafmittel. (Auszug Seite 201/202)

Wir tauchen tief ein in die Welt der gehobenen Sterneküche. Die extravaganten Kochkünste und kulinarischen Vorlieben, besonders der verwöhnter Milliardäre nehmen viel Raum ein, was beim Lesen schon mal den Appetit anregt. Auch die Einblicke in die Welt der Reichen und Schönen sorgen für interessante Facetten. Unterbrochen werden diese Überlegungen von den wenigen Besuchern im Krankenhaus, deren Charakterisierungen eher blass ausfallen. Helena Falke, übrigens das Pseudonym einer preisgekrönten, deutschsprachigen Autorin, die sich das erste Mal im Krimi-Genre versucht, hat einen fesselnden Roman mit einem etwas konstruierten Plot erschaffen, der feine Gesellschaftskritik an der Welt der Superreichen und Sterneköche bietet.

Die Idee, dass ein Opfer, das nur noch wenig Zeit zu leben hat, seinen eigenen Mörder sucht, ist nicht neu. Zuletzt las ich den Jugendthriller „Not Quite Dead Yet“ von Holly Jackson. Aber im Gegensatz zu der jungen britischen Autorin verzichtet Helena Falke in „Noch fünf Tage“ auf Effekthascherei und bietet etwas mehr Tiefgang. Neben der Tätersuche geht es auch um existentielle Fragen, wie die Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterbeprozess. Dazu tragen die Gespräche mit der Pflegerin und der Sterbebegleiterin, einer sogenannten Death Dula bei, auch wenn die Themen nur angerissen werden. Die Geschichte einer Mutter, die, mit dem Wissen, dass sie sterben wird, ein letztes Mal für ihre Tochter kämpft, berührt. Der Roman ist dialoglastig, bietet keinen atemlosen, actionreichen Thrill, dafür verdichtet der gnadenlos runterzählende Countdown die Spannung. Weniger Thriller als Whodunnit lässt er den Leser miträtseln, wer diesen perfiden Tod der Industriellenfamilie und der Köchin zu verantworten hat.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Noch fünf Tage | Erschienen am 21. April 2026 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-78579-9
308 Seiten | 20,00 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

 

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