S.A. Cosby | Die Rache der Väter

S.A. Cosby | Die Rache der Väter

Es gab kein Zurück. Es gab keinen Weg, der irgendwohin führte, nur eine lange Straße in den Abgrund, so finster wie die erste Nacht in der Hölle und gepflastert mit schlechten Absichten. Sie konnten das, was sie suchten, Gerechtigkeit nennen, aber richtiger wurde es dadurch nicht. Es war unstillbare, unversöhnliche Rache. Und das Leben hatte ihn gelehrt, dass Rache immer Konsequenzen nach sich zog. (Auszug Seite 125)

Ein schwules Paar wird in Richmond, Virginia auf offener Straße mit mehreren Schüssen geradezu hingerichtet. Nachdem die Polizei schon nach wenigen Wochen die Ermittlungen einstellt, sind es die Väter der beiden, die sich von Trauer, Wut und schlechtem Gewissen zerfressen, gemeinsam auf die Suche nach den Tätern machen. Der schwarze Ike Randolph saß lange im Knast, hat sich aber inzwischen mit einem gutgehenden Gartenunternehmen eine neue Existenz aufgebaut. Die Homosexualität seines Sohnes Isiah hat er nie wirklich akzeptiert. Er blieb auch der Hochzeit vor wenigen Monaten fern, genauso wie der weiße Buddy Lee Jenkins, der Vater von Derek, der ebenfalls eine kriminelle Karriere hinter sich hat und sich jetzt in einem heruntergekommenen Trailerpark zu Tode säuft.

Nach dem Tod ihrer Söhne wollen sie jetzt das, in ihren Augen, Richtige tun und einen Teil ihrer Schuld begleichen. Es geht um Wiedergutmachung aber auch das eigene Versagen als Vater und die damit verbundenen Vorurteile zu korrigieren. Die beiden homophoben Väter, die außer ihrer kriminellen Vergangenheit und der Liebe zu ihren toten Söhnen wenig gemeinsam haben, verbünden sich in einem verzweifelten Rachefeldzug. Hier ist der Roman ein ganz klassisches buddy movie mit zwei unterschiedlichen, Charakteren, die mit ihren moralischen Verfehlungen und eigenen Vorurteilen gegenüber ihren Söhnen und einander konfrontiert werden. Ihre Streits sind sehr unterhaltsam und ihre Beziehung wandelt sich vorhersehbar im Laufe der Geschichte von einer widerwilligen Partnerschaft zu einer echten Freundschaft.

In einer LGBTQ-Bar treffen sie auf ehemalige gute Freunde ihrer Söhne. Diese wollen aus verständlichen Gründen nicht mit der Polizei reden. Auch Ike und Buddy Lee müssen erkennen, dass sie weder mit toxischer Männlichkeit noch mit Männlichkeitsdominanzgebaren weiter kommen. Eine Spur führt sie zu einem gewaltbereiten Motorradclub, der mit Waffen und der Herstellung und Verteilung von Meth sein Geld verdient. Die „Rare Breed“ übernehmen für Geld auch Mordaufträge und zeichnen sich durch einen abgrundtiefen Hass auf Schwarze und Homosexuelle aus. Ike und Buddy Lee tappen lange im Dunkeln, wer der mysteriöse Auftraggeber im Hintergrund ist. Bis sie dies herausfinden, haben sie bereits eine ordentliche Blutspur und Tote hinterlassen.

„Wirklich? Wo war denn diese Liebe, als er morgens, mittags und abends in der Schule drangsaliert wurde? Oh, genau, da hast du ja gesessen. Damals hat er deine Liebe gebraucht. Jetzt, wo er unter der Erde liegt, nicht mehr.“ (Auszug Seite 18)

„Die Rache der Väter“, übrigens auf der Sommerleseliste von Barack Obama, ist eine brutale, filmreife und actiongeladene Geschichte über den Rachefeldzug zweier fehlerhafter Antihelden, die von Beginn an rasant Fahrt aufnimmt und mit explizierten Gewaltdarstellungen nicht geizt. Cosby hat ein besonderes Talent für lebendige Bilder, die für Kopfkino sorgen und mich an einen Actionfilm aus den 90er Jahren erinnert. Viele gesellschaftlich aktuelle Themen wie systematischer Rassismus, Homophobie, Diskriminierung und familiäre Entfremdungen werden facettenreich und empathisch, wenn auch nicht besonders subtil mit harter Action verbunden.

Es war mir an einigen Stellen etwas übertrieben, beispielsweise der pathetische Sinneswandel der beiden Oldies, dass Schwule auch Menschenrechte besitzen. Ausführlich werden ihre Qualen und Reuegefühle geschildert und ihre Trauer um die Beziehung, die sie mit mehr Toleranz zu ihren Kindern hätten haben können, verständlich gemacht. Während Ike und Buddy Lee viel Raum erhalten, erfahren wir von ihren toten Söhnen fast nichts. Sie bleiben blass, dienen nur als Auslöser für die gewalttätigen Ausbrüche ihrer nach Erlösung suchenden Väter.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Rache der Väter | Erschienen am 31. Mai 2022 bei ars vivendi
ISBN 978-3-747-20349-1
344 Seiten | 24,00 Euro (inzwischen auch als Taschenbuch erhältlich)
Originaltitel: Razorblade Tears | Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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