Henrik Siebold | Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder

Henrik Siebold | Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder

Siebold wartet in Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder, dem dritten Roman der Reihe um den japanischen Austauschpolizisten, mit einem mitreißenden und höchst vertrackten Fall auf und präsentiert erneut sein ungewöhnliches und spannendes Ermittlerduo Claudia Harms und Kenjiro Takeda. Das Aufeinandertreffen dieser beiden so unterschiedlichen Charaktere ist schon ein gehöriger Kulturclash, mit allen daraus entstehenden manchmal komischen Missverständnissen und Kontroversen. Dabei kommen die zwei grundsätzlich ausgesprochen gut miteinander klar, sie hegen sogar große Sympathie füreinander und bilden für gewöhnlich ein bestens funktionierendes Team, vor allem wenn sie gemeinsamen dem ungeliebten und unsympathischen weil ungerechten Chef Holger Sauer die Stirn bieten. Manche Eigenheiten oder Eigenarten Takedas nerven Claudia, der wiederum bestaunt und bewundert seine Kollegin für die eine oder andere Verhaltensweise. Darüber hinaus besteht aber ein herzliches Verhältnis zwischen den beiden, die mitunter fast den Eindruck eines Liebespaares vermitteln, und tatsächlich hat jeder für sich schon mit dem Gedanken an ein engeres Verhältnis gespielt, beide wollen aber ihre gute Beziehung nicht durch eine Affäre gefährden.

Im Moment allerdings richtet sich ihre gesamte Aufmerksamkeit auf den aktuellen Fall, der eigentlich klar zu sein scheint. Am S-Bahnsteig des Dammtor-Bahnhofs ist eine Frau vor den einfahrenden Zug gestürzt, augenscheinlich gestoßen von einem Schüler, der sich mit seiner Klasse auf Exkursion befindet. Simon Kallweit, 17 Jahre alt, gibt die Tat unumwunden zu, außerdem stehen zahlreiche Zeugen zur Verfügung, seine Mitschüler, andere Reisende, ebenso Bilder der Überwachungskamera und etliche Handyfilme, dieses abscheuliche Verbrechen dürfte demnach wohl bald aufgeklärt sein. Aber so einfach ist es nicht: Noch bevor sie den mutmaßlichen Täter vernehmen können, taucht der schmierige Anwalt Lothar Röhler auf, im Schlepptau Simons Eltern. Der alte Kallweit ist Hamburgs Justizsenator, das bedeutet, Claudia und Ken werden bei der Aufklärung eine Menge Fingerpitzengefühl brauchen. Hartmut Kallweit tut den Verdacht, dass sein Sohn ein kaltblütiger Mörder ist, als Unsinn ab und behauptet, dass man ihm persönlich etwas anhängen will um ihn politisch kaltzustellen und seinen Rücktritt zu erzwingen. Auch die Mutter Astrid Kallweit ist von der Unschuld ihres Sohnes überzeugt und bricht zusammen, als ihr klar wird, dass der vorläufig in Untersuchungshaft bleiben muss.

Die wird allerdings nicht lange andauern. Simon widerruft sein Geständnis und die Zeugenbefragungen bringen kein Ergebnis. Es stellt sich heraus, dass niemand wirklich gesehen hat, wie die Frau gestoßen wurde und auch die Videoaufnahmen zeigen den entscheidenden Moment nicht eindeutig. Also kommt der Verdächtige frei und das Ermittlerteam steht am Beginn langwieriger und schwieriger Untersuchungen. Während sie mühsam versuchen, Beweismaterial zusammenzutragen, geschieht ein weiterer Mord an einem scheinbar zufälligen Opfer. In einem Kino wird ein Besucher während der Spätvorstellung mit einer Drahtschlinge erwürgt. Wieder gibt es keine Augenzeugen, aber diesmal finden Claudia und Ken einen Hinweis auf dem Band einer Überwachungskamera des nahen U-Bahnhofs. Simon Kallweit hat sich zum Tatzeitpunkt in der Nähe des Kinos aufgehalten. Ist er also doch ein Mörder, der zwei willkürlich ausgewählte Opfer auf dem Gewissen hat, plant er womöglich weitere Taten? Claudia glaubt nicht an Zufall, sie hält auch nichts von der Theorie einer Intrige gegen den Senator, obwohl inzwischen klar ist, dass er in einen Bauskandal verwickelt ist.

Nicht nur hier ist die Geschichte sehr realistisch und aktuell, sie thematisiert unter anderem eine Affäre um Flüchtlingsunterkünfte, nimmt Bezug auf Wohnungsnot und Mietwucher und spielt an auf Auswüchse wie die Auto-Raserszene oder die zunehmende Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen. Vor allem aber gibt Siebold, der eigentlich Daniel Bielenstein heißt, an dieser Stelle tiefe Einblicke in die hanseatische Politik und ihre Kehrseite, die versteckten Machtstrukturen, die Seilschaften und Netzwerke im Senat und in den Parteien, den Filz und die Intrigen.

Er kennt sich aus, ist Journalist und Wahl-Hamburger seit vielen Jahren, er macht uns auch bekannt mit den vielen Facetten der Stadt, von Alsterdorf bis Poppenbüttel, vom Schanzenviertel zum Ohlsdorfer Friedhof und durch manch anderen Vorort geht die Reise, Siebold lässt keinen Kiez und kein Viertel aus. Aber er setzt nicht nur „sein“ Hamburg mit einer Art Hassliebe in Szene, er ist auch bemüht, den Blick zu öffnen für die japanische Kultur und Lebensart abseits von gängigen Klischees. Mit den Eigenheiten dieser weitgehend fremden Gesellschaft die einen Spagat versucht zwischen Tradition und Fortschritt ist er bestens vertraut, verbrachte einige prägende Jahre seiner Kindheit und Schulzeit in Tokio und beherrscht perfekt Schrift und Sprache des Landes, für das er weiterhin eine große Faszination verspürt und das er regelmäßig besucht. Klar, dass in seinen Krimi an passender Stelle immer wieder einmal japanische Vokabeln und Begriffe einfließen, vor allem, wenn er uns den Menschen Ken, seine Persönlichkeit, sein Wesen näher bringen will. Der Liebhaber teurer Designer-Anzüge ist geschieden, begeht manchmal feierlich die Teezeremonie, beherrscht die Kampfkunst Takeda-ryū und ist häufig schlaflos. Dann geht er hinaus in die Nacht und ans Elbufer, um Jazz zu spielen. Ken ist ein großartiger Saxofonist und tritt manchmal in Hamburger Clubs auf, er hat aber auch Spaß daran, in Karaoke-Bars zu singen. Hin und wieder findet man ihn aber auch in seinem Stammlokal bei einer Flasche Whisky, wenn er das Bedürfnis hat, sich in Stresssituationen oder in Momenten von Heimweh oder Zweifeln zu betrinken.

Und Zweifel tauchen im aktuellen Fall immer häufiger auf, mehr als einmal müssen Claudia und Ken ihre Thesen widerrufen und feststellen, dass sie sich offenbar verrannt haben und ihrer Sache zu sicher waren. So gibt es ein paar Misstöne zwischen den beiden Ermittlern, denn während Ken mehr denn je das Gefühl hat, dass sie bei Simon auf der richtigen Fährte sind, verfolgt Claudia andere mögliche Spuren. Beide versuchen in immer neuen Ansätzen, ihre unterschiedlichen Theorien zu untermauern und erleben dabei, wie sich ein ums andere Mal die Dinge nicht so entwickeln, wie es zu erwarten war. Der Plot wartet mit etlichen überraschenden Kehrtwendungen auf und die Ermittler bleiben mehrmals irritiert und ratlos zurück. Ken versucht in intensiven Gesprächen Simon aus der Reserve zu locken und lernt dabei einen hochintelligenten, aber undurchschaubaren Jungen kennen, von dem man nie weiß, wann er lügt und wann er die Wahrheit sagt. Ganz sicher aber verbirgt er etwas, auch wenn er sich dem Japaner, für den er offensichtlich Sympathien hegt, ein wenig geöffnet hat. Mit einer rätselhaften Bemerkung allerdings weiß Ken zunächst nichts anzufangen: „Ore wa Ghouru da!“, „Ich bin ein Ghoul!“ erklärt ihm der Junge.

Ghoule sind eine Mischung aus Zombie und Vampir, die Menschen töten, um sich von deren Fleisch zu ernähren, sie manchmal aber auch aus purer Mordlust umbringen. Tokyo Ghoul ist ein Manga, dessen Hauptfigur Ken Kaneki ist, ein junger Student, der durch einen Unfall in einen Halb-Ghoul verwandelt wird und fortan mordet. Dabei ist er eigentlich ein nachdenklicher Einzelgänger, der sich für Literatur interessiert und mit dem sich viele Teenager identifizieren können. Manga können dazu führen, dass sich junge Leser völlig von der Außenwelt abwenden und nur noch in der Welt der Zeichengeschichte leben, dabei den Bezug zur Wirklichkeit verlieren. Sollte das auch bei Simon der Fall sein?

Bis dieses Rätsel gelöst wird und der Roman ein überraschendes aber durchaus passendes Ende findet, erfahren wir noch eine Menge mehr über eher unbekannte japanische Zustände wie auch über deutsche Befindlichkeiten. Dieser sehr aktuelle Krimi wirkt nur zu Beginn etwas betulich, erweist sich dann aber als „moderner“ Roman mit viel Tempo, clever erdacht und hervorragend erzählt. Daneben gibt es immer wieder auch eher ruhige, nachdenkliche, fast meditative Sequenzen. Für die sorgt in der Regel der tiefgründige, fast philosophische Ken, aber manchmal scheint es, als ob seine japanische Lebensart auch auf Claudia bereits abfärbt. Das Thema lässt wenig Raum für Scherze, aber wenn es ab und zu witzig wird, ist der Humor absolut treffend. Dabei sorgt vor allem Kens häufig überraschendes, unvorhersehbares Verhalten für ungewollte Komik. Es gibt wenig auszusetzen an diesem Roman, der auch dank der ständigen Kehren und Wenden bis zum Schluss die Spannung hält, daher für diesen Fall des Japanischen Inspektors fünf Sterne.

 

Rezension und Foto Kurt Schäfer.

Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder | Erschienen am 13. April 2018 im Aufbau Verlag
ISBN 978-3-7466-3385-5
352 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Mini-Spezials Japan.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.