Jake Hinkson | Die Tochter des Predigers

Jake Hinkson | Die Tochter des Predigers

Als er den Gürtelclip endlich entfernt hat, schiebt er die Pistole ins Holster und legt beides zurück in die geräumige Mittelkonsole. „Ich wusste nicht, dass Sie eine Waffe haben“, sagte Lily. „Ich bin ein schwuler Mann in Arkansas“, antwortete er. „Selbstverständlich habe ich eine gottverdammte Waffe.“ (Auszug E-Book Pos. 1901 von 3703)

Die 18-jährige Lily Stevens lebt mit ihrer Familie in Arkansas in einer kleinen Gemeinde. Sie sind nicht nur Mitglieder der Oneness-Kirche, sogenannte Pfingstkirchler, die einen strengen Glauben leben, ihr Vater David ist auch der Prediger der kleinen Gemeinde. Das macht die aktuelle Situation noch schwieriger, denn Lily ist im 5. Monat schwanger und ihr Verlobter und Vater des Kindes, Peter Cutchin ist seit einigen Tagen spurlos verschwunden. Während jeder in der Gemeinde vermutet,  der 19-Jährige hätte wegen der Verantwortung kalte Füße bekommen und wäre kurz vor der Hochzeit einfach abgehauen, will Lily das nicht glauben. Für die eingeschworene Gemeinde ist eine sitzengelassene und hochschwangere Braut eine Katastrophe und Lilys Vater David Stevens wird dafür verantwortlich gemacht, seine Tochter nicht hart genug im Zaum gehalten zu haben. Er droht seinen Posten zu verlieren. Das Verhältnis zu Peters Mutter Cynthia ist schwierig, sie sieht Lily als Schuldige in Bezug auf die Schwangerschaft und dass Peter abgehauen ist. Sie legt die Heilige Schrift besonders streng aus und Handys sind für sie beispielsweise das Tor zur Sünde.

Außer an den Herrn und Sagrotan glaubt sie nur an die Unantastbarkeit der Mutterschaft, aber sie ist bei diesem Thema genauso unflexibel wie bei den anderen. (Auszug E-Book Position 604 von 3703)

Nachdem auch der Sheriff die Sache nicht ernst nimmt, wendet sich Lily hilfesuchend an Allan Woodson, einem Arbeitskollegen von Peter. Beide arbeiten an der Rezeption des Hotels Corinthian Inn. Es stellt sich heraus, dass Allan auch noch ihr Onkel ist, das Ergebnis einer lang verschwiegenen Affäre von Lilys Opa, ebenfalls Pfingstprediger vor über 40 Jahren. Lily bekommt mit, dass die Kriminellen Chance Berryman und Eli Buck ebenfalls auf der Suche nach  Peter sind und zu gewalttägigen Methoden greifen. Allan versucht anfangs noch, Lily von den beiden fernzuhalten, erkennt aber, dass er sich nicht länger raushalten darf. Im Corinthian Inn geht es um Prostitution Minderjähriger und Menschenhandel. Er kann Lily nicht alleine ziehen lassen, die zum ersten Mal in ihrem Leben die behütete Gemeinde der Pfingstler, Richtung Little Rock verlässt. Eine Spur führt sie in das von Eli geführte Bordell. In der Hauptstadt Arkansas wird Lily mit ihr bislang unbekannter brutaler Gewalt und niederen Abscheulichkeiten konfrontiert.

Bei dem Roman handelt es sich mehr um ein Sozialdrama als um einen Thriller. Die im Präsens gehaltene Handlung mit wechselnden Erzählperspektiven schreitet gemächlich dahin, kommt mit gezügelter Action aus und weiß mit einigen Wendungen zu überraschen. Es kommt dann zu einer eskalierenden Gewaltszene, die aber nicht im Detail geschildert wird, die ich aber trotzdem zu heftig und übertrieben fand. Der Erzählstil ist leicht zugänglich, ich fand es von Anfang an sprachlich ohne jegliche Raffinesse.

Positiv zu bewerten sind die Protagonisten Lily und Allan. Den Weg, den die bisher gehorsame Predigertochter Lily, die sich weder schminken noch die Haare schneiden oder Hosen tragen darf, zur mutigen Frau, die sich von niemandem aufhalten lässt, geht, ist glaubhaft geschildert. Sie zweifelt zunehmend an Gott, den sie in ihrer verzweifelten Lage vermisst, gibt aber ihren Glauben nicht auf. Auch Allan, ihr hühnenhafter, schwuler Onkel ein absoluter Sympathieträger, der zu Hause seinen Stiefvater pflegt, ist kein Superheld, hält sich mit Sarkasmus im Hintergrund und guckt oft weg, kann aber im entscheidenden Moment über seinen Schatten springen. Die Dialoge zwischen Lily und Allan sind lebendig und unterhaltsam, unterbrechen das Düstere. Alle anderen Figuren waren mir zu blass gestaltet. Die Kriminellen Chance Berryman und Eli Buck stehen sinnbildlich für White Trash, agieren aber sehr hirnlos und dämlich.

Mit „Die Tochter des Predigers“, im Original „Find him“, hat der amerikanische Autor Jake Hinkson eine Geschichte in einem religiös geprägten Landstrich der USA angesiedelt. Man merkt, dass er weiß, wovon er spricht. 1975 in Arkansas geboren, wuchs er in einer frommen Familie auf. Sein Vater war Diakon einer evangelischen Kirche, mehrere Onkel Pastoren. Seit seinem 14. Lebensjahr lebte er in einer von seiner Familie geleiteten religiösen Gemeinschaft in einer abgelegenen Gegend, dem sogenannten Bibelgürtel der USA. In seinen Romanen behandelt er immer wieder die religiösen Strukturen im amerikanischen Bible Belt und kritisiert die heuchlerische und scheinheilige Gottesfurcht der Gemeinden.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Tochter des Predigers | Erschienen am 07. Oktober 2025 im Polar Verlag
ISBN 978-3-910-91832-0
352 Seiten | 17,- Euro
Originaltitel: Find him | Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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