Inga Vesper | In Aufruhr

Inga Vesper | In Aufruhr

„Ich meine“, fährt der Detective fort, „wir haben keine Leiche gefunden, und so viel Blut war da nicht. Sie könnte noch am Leben sein. Es könnte eine Entführung oder ein Raubüberfall sein, aber ansonsten war das Haus ja unangetastet. Vielleicht war es ein Irrer, aber selbst Irre sind normalerweise nicht so dumm. Wer würde eine Hausfrau am helllichten Tag entführen?“ Komm du mal nach South Central, dann weißt du, wer so etwas tun würde. (Auszug E-Book Pos. 522)

Inga Vesper führt uns in ihrem Krimidebüt ins sonnige Kalifornien Ende der 50er Jahre. In einen fiktiven Vorort von Los Angeles namens Sunnylakes wohnen weiße, gutsituierte Mittelstandsfamilien in makellosen, fast identisch aussehenden Einfamilienhäusern mit adretten Gärten samt Pool und perfekt getrimmten Gärten.

Die junge Ruby Wright fährt täglich mit dem Bus von South Central nach Sunnylakes, um sich ein paar Dollar als Haushaltshilfe zu verdienen. Als sie an einem sehr heißen Augusttag bei den Haneys ihren Putzjob antritt, stolpert sie fast in den blutigen Schauplatz eines Verbrechens. Neben einer Blutlache in der Küche findet sie nur die beiden kleinen Kinder weinend und total verstört vor, von der Hausherrin Joyce Haney keine Spur. Die herbeigerufene Polizei nimmt Ruby vorübergehend fest. Denn diese ist als Schwarze zunächst einmal verdächtig. Zwar gilt seit Mitte der 1950er Jahre die politische und soziale Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung, doch in den Köpfen der Amerikaner ist das noch nicht so richtig angekommen und in der Praxis werden Schwarze weiter systematisch benachteiligt. Gewöhnlicher Rassismus, Polizeigewalt und Misogynie sind an der Tagesordnung. Alles Themen, die bis heute nichts an Aktualität verloren haben.

Schwarze Putzfrau und weißer Cop
Nach einer Nacht im Gefängnis wird die verängstigte Ruby vom ermittelnden Detective Mick Blanke vom Santa Monica Police Department aus der Zelle geholt. Blanke wurde erst vor kurzem aus Brooklyn an die Westküste strafversetzt. Er kämpft mit dem ungewohnten Klima und gilt im Dezernat auch aufgrund seiner ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden als Außenseiter. Erste Recherchen führen ihn in die Nachbarschaft, aber bei den Frauen stößt er auf eine Mauer des Schweigens. Nach einem weiteren Mord bittet der Cop Ruby um Unterstützung, denn er erkennt ihr Potential. Als Putzhilfe hat sie auch Zugang zu den anderen Häusern und da sie praktisch unsichtbar für die weiße Mittelschicht ist, erhofft er sich wertvolle Informationen. Nach einigem Zögern sagt sie zu. Dabei lockt sie auch die ausgesetzte Belohnung. Denn Ruby möchte aufs College gehen und spart darauf jeden Cent. Trotz der Warnungen ihrer Familie kann sie unbemerkt einige Geheimnisse im gar nicht so idyllischen Sunnylakes aufdecken und begibt sich dabei in große Gefahr.

Die Menschen in Sunnylakes kreisen nur um sich selbst, sie haben keine Ahnung von dem Leben in dem nur wenige Kilometer entfernten South Central, in dem die schwarze Community in heruntergekommenen Wohnblöcken lebt. Die Atmosphäre wird durch die täglichen Ungerechtigkeiten, Diskriminierungen, Armut und Polizeigewalt aufgeheizt und es formieren sich Widerstände gegen die weiße Oberschicht.

Es gibt drei Erzählperspektiven, neben Mick und Ruby gibt es auch Passagen aus der Vergangenheit Joyce.

„Und deshalb müssen wir weiterkämpfen. Die Sklaverei ist abgeschafft, sagen sie, die Rassentrennung auch. Aber bekommst du einen Krankenwagen für deine Mutter? Gibt es hier gemischte Schulen? Siehst du schwarze Männer mit Krawatten und Karrieren ins Büro gehen? Hä? Siehst du das?“ (Auszug E-Book Pos. 724)

Inga Vesper ist es wirklich gut gelungen, die Zeit Ender der 50er Jahre in den USA einzufangen und ich habe es wirklich sehr gerne gelesen. Dabei stört es wenig, dass die deutsche Autorin sich Stereotypen bedient, denn sie beschreibt sie mit großer Empathie. Die unterdrückte schwarze Frau und ihr persönlicher Kampf um höhere Bildung und Freiheit. Der altmodisch wirkende Cop, der zwischen allen Stühlen sitzt, das Herz aber am rechten Fleck hat. In ihrem Bestreben, die Zeit, in der schwarze Frauen doppelte Diskriminierung erfahren und die Rassenunruhen und Konflikte, die in dieser Zeit zum Alltag gehörten sowie die verlogene Vorstadtidylle, in der die Ehefrauen nur schmückendes Beiwerk ihrer Ehemänner sind, uns nahezubringen, hat sie nicht so viel Sorgfalt beim Krimiplot angewandt. Er scheint ihr in erster Linie nur dazu zu dienen, ein Gesellschafts- und Zeitporträt Kaliforniens in den fünfziger Jahren zu zeigen. Aber das macht sie hervorragend in einer lebendigen, bildreichen Sprache mit einigen fast lyrischen Beschreibungen und erfrischenden Dialogen.

Die Journalistin Inga Vesper arbeitete in Syrien und Tansania, kehrte aber immer wieder nach London zurück, weil es für sie keinen besseren Ort als das Oberdeck eines Omnibusses gibt, um gute Geschichten zu erfinden. Und ich kann mir richtig gut vorstellen, wie sie hier einige Ideen für ihren ersten Roman entwickelt hat. Denn nirgendwo wurde die Rassentrennung und Diskriminierung so deutlich sichtbar wie in den Bussen.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

In Aufruhr | Erschienen am 21. April 2021 bei Kindler im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-463-00022-0
384 Seiten | 22,-€
Originaltitel: The long, long afternoon (Übersetzung aus dem Englischen von Katharina Naumann und Silke Jellinghaus)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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