Deepti Kapoor | Zeit der Schuld

Deepti Kapoor | Zeit der Schuld

Was sie erkennen, ist Folgendes: Er ist kein reicher Mann, beileibe kein reicher Mann, eher ein Faksimile, er erinnert nur an den Wohlstand, dient ihm. […]
Ja, er ist ein Dienstbote, ein Chauffeur, ein Fahrer, ein „Boy“.
Eine wohlgenährte, stubenreine Version dessen, was da tot auf der Straße liegt.
Und der Mercedes gehört ihm nicht.
Man kann also mit ihm machen, was man will. (Auszug S.11)

Der Roman beginnt mit einer Situation nach einem verheerenden Verkehrsunfall. Fünf tote Obdachlose liegen neben einer Straße in Delhi und die Polizei greift einen jungen Mann am Steuer des Tatwagens auf. Es ist Ajay. Im Anschluss erfahren wir seine Lebensgeschichte. Unter ärmsten Bedingungen in einem Dorf in Uttar Pradesh geboren, wird er mit acht Jahren an ein kinderloses Ehepaar verkauft. Dort wird er nicht schlecht behandelt, aber wächst in seine spätere Rolle als Lakai und Bediensteter hinein. Später als Kellner in einem Lokal erlangt er die Aufmerksamkeit von Sunny Wadia. Sunny ist Sohn von Bunty Wadia, einflussreicher Geschäftsmann in verschiedenen Geschäftsfelder, eng verwoben mit der Politik und dem organisierten Verbrechen. Ajay wird loyaler Handlanger von Sunny, der sich am liebsten weitestgehend aus den schmutzigen Geschäften des Vaters heraushalten will. Sunny tritt als Mäzen auf, umgibt sich mit den schönen Dingen, interessiert sich für Stadtplanungsprojekte. Er lernt die Journalistin Neda kennen und lieben, die kritisch über Machtmissbrauch und Korruption berichtet. Doch der dunkle Einfluss von Bunty Wadia zieht Sunny und Neda in einen Abgrund aus Macht, Gier, Gewalt und Tod – und Ajay schließlich an das Steuer dieses Mercedes.

Indien ist seit letztem Jahr das Land mit den meisten Einwohnern auf der Erde. Überhaupt gilt das Land aufgrund der günstigen Demographie als das Land der Zukunft, auch geopolitisch. Allerdings ist dieses riesige, so heterogene Land voller Gegensätze für viele im Westen noch ein Mysterium. Die Autorin Deepti Kapoor ist 1980 im Bundesstaat Utter Pradesh geboren worden, hat zehn Jahre in der Hauptstadt als Journalistin gearbeitet. Sie ist mit einem Briten verheiratet und lebt mittlerweile in Portugal. „Age of Vice“ ist ihr zweiter Roman und nichts weniger als ein Epos, das offensichtlich auf mehrere Teile angelegt ist.

Der Roman beginnt mit der Geschichte von Ajay, einem Jungen aus den unteren Kasten, seine Jugend gekennzeichnet von Armut, Gewalt, Unterdrückung und harter Arbeit. Sunny entdeckt sein Potenzial als treuer Diener, das Ajay ergeben erfüllt. Sunny hingegen ist ein reicher Sprößling, dem alles zufliegt und dem alle Türen offenstehen, durchaus weltoffen und modern, der sich aber insgeheim vor allem eines wünscht: Die Zuneigung seines skrupellosen Vaters. Doch er als er diese erreicht, führt es zu Selbsthass und Depression. Schließlich Neda, eine junge, moderne Frau aus fortschrittlichem Haus, die das Potenzial in Sunny erkennt, die aber seiner Selbstzerstörung letztlich nichts entgegen setzen kann.

„[…] Ich dachte, dieser Mensch könnte ich für immer bleiben. Aber sieh mich an. Ich kann es nicht. Ich schaffe es nicht mehr. Es geht nicht. Es war alles gelogen… ich liebe Schönheit. Ich möchte schöne Dinge schaffen. Aber das ist das Letzte, was die kapieren. Sie wollen, dass ich an der Oberfläche schön und innen völlig verdorben bin, so wie sie.“ (Auszug S.424)

Die Story ist breit angelegt, mit Orts- und Zeitwechseln. Das Buch ist in drei Teile geteilt, die einen Wechsel der Perspektive zwischen den drei Hauptfiguren beinhaltet. Manche Szenen werden doppelt aus zwei Perspektiven erzählt. Die Autorin hat den Roman überwiegend im Präsens und meist in kurzen, knappen Sätzen verfasst. Dadurch wird der Leser unmittelbar in die Geschichte hereingezogen. Die Struktur des Romans, aber auch sein Thema von Macht, Gewalt, Korruption, Liebe und Verrat – das alles erinnerte mich ungemein an eines meines Lieblingsbücher: „Tage der Toten“. Wie Winslow zeichnet Kapoor ein brutales Bild einer gnadenlosen, brutalen Welt und mehrerer Personen, die vergeblich versuchen, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Bei „Zeit der Schuld“ ist es der Schauplatz Indien, auf dem Papier die größte Demokratie der Welt und die Nation mit dem größten Potenzial, die sich allerdings durch Korruption, Vetternwirtschaft und Kasten- und Klassendenken immer wieder selbst behindert. Das alles ist spannend und zielstrebig erzählt, lediglich im dritten Abschnitt lässt die Autorin für meinen Geschmack etwas die Stringenz vermissen. Nichtsdestotrotz gelingt Deepti Kapoor mit diesem Roman ein schillerndes, aufregendes und mitreißendes Epos. Unbedingt lesenswert.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Zeit der Schuld | Erschienen am 01.03.2023 im Blessing Verlag
ISBN 978-3-89667-707-5
688 Seiten | 28,- €
Originaltitel: Age of Vice | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Astrid Finke
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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