Kategorie: Gunnar Wolters

Jakob Arjouni | Ein Mann, ein Mord

Jakob Arjouni | Ein Mann, ein Mord

Das Eros-Center Elbestrasse hatte vier Stockwerke mit jeweils zwanzig bis fünfundzwanzig Zimmern, einer Dusche und einer Toilette. Erdgeschoß und erster Stock wurden jeden Tag gefegt, waren am unsatzstärksten und fest in deutscher Hand. Nach oben hin wurden die Flure dunkler, die Frauen billiger und farbiger. Im dritten Stock Asiatinnen, im vierten Afrikanerinnen; die Putzfrau kam einmal die Woche. (Auszug Seite 24)

Ein etwas schrulliger Künstler und Autor namens Weidenbusch engagiert Kemal Kayankaya, um seine Freundin Sri Dao zu finden. Diese ist Thailänderin und arbeitete als Prostituierte in einem Club der lokalen Größe Charly Köberle. Weidenbusch bezahlte 5.000 Mark, um Sri Dao freizukaufen. Bei einem Treffen mit einem Kontakt, um falsche Papiere zur Verhinderung von Sri Daos Abschiebung bekommen, wurde Sri Dao in ein Auto gezerrt und Weidenbusch mit einer Waffe bedroht. Seitdem ist die Frau verschwunden.

Kayankaya begibt sich direkt ins Frankfurter Milieu ins Eroscenter des Charly Köberle. Dort trifft er überraschend auf seinen Kumpel Slibulsky, der offenbar jetzt Handlangerdienste für Köberle erledigt. Doch Kayankaya erreichts zunächst nichts. Auch ein Besuch beim Ausländeramt und der Ausländerpolizei gerät zum Desaster, da Kayankaya dort nicht gerade mit offenen Armen empfangen wird. Doch dann erhält er unerwartet von einem Polizisten doch noch einen Tipp: In einer Villa in Gellersheim sollen in letzter Zeit häufiger Gruppen von Ausländern einquartiert worden sein.

Ein Mann, ein Mord ist der dritte Roman um den inzwischen legendären Frankfurter Privatdetektiv Kemal Kayankaya. 1985 tauchte Kayankaya mit Happy Birthday, Türke! das erste Mal auf der Bildfläche auf. Verkatert und abgeranzt löste er seinen ersten Fall im Rotlichtmilieu der Mainmetropole. Dieser Privatdetektiv steht ganz in der Tradition amerikanischer Hardboiled-Krimis, mehr als einmal wurden von verschiedener Seite Parallelen zu Raymond Chandlers Marlowe gezogen. Jedenfalls waren sowohl Leser als auch Kritiker von dieser Figur begeistert. Maxim Biller schrieb damals im Magazin „Tempo“ euphorisch: „Eine literarische Figur […], die man nie mehr vergißt. Eine Gestalt, die es, jawohl, in der deutschen Literatur seit Oskar Matzerath nicht mehr gab.“ Insgesamt fünf Krimis mit Kayankaya schrieb Autor Jakob Arjouni, der 2013 schon mit 48 Jahren an einem Krebsleiden verstarb.

Arjouni hat diese Figur Kayankaya aber auch äußerst trickreich angelegt. Als Kind türkischer Eltern wurde er als Kleinkind von einem deutschen Ehepaar adoptiert, nachdem die Eltern tödlich verunglückt waren. Nun hat Kayankaya unzweifelhaft einen türkischen Namen und einen türkischen Teint, ist ansonsten aber ein waschechter Hesse, beherrscht nicht einmal die türkische Sprache. Das macht ihn zur Zielscheibe des alltäglichen Rassismus, bei den Vermietern, bei der Polizei, bei den Passanten auf der Straße. Doch Kayankaya hat eigentlich immer eine ironisch-schlagfertige Replik parat. Das macht auch den Charme dieses Privatdetektivs aus: Immer etwas heruntergekommen, immer klamm, immer ein schneller Spruch, er geht keiner Konfrontation aus dem Weg, überquert die Grenzen der Legalität, aber Kayankaya ist im Inneren ein Typ mit viel Herz, Sensibilität und Empathie.

Die Kayankaya-Krimis und seine Hauptfigur nutzt Jakob Arjouni, um neben dem hartgesottenen Krimiplot auch gesellschaftspolitische Statements unterzubringen. Hier in diesem Plot um Menschenhandel und korrupte Behörden, zeigt der Autor klar den gesellschaftlichen und auch behördlichen Rassismus auf. Die Ausländer und Asylsuchenden werden in dieser Geschichte nur ausgenutzt und ausgebeutet, ansonsten sind sie nicht weiter willkommen. Arjouni lässt Kayankaya gegen Ende ein wütendes und resigniertes Selbstgespräch führen, in dem er sich beklagt, wie mit diesen Menschen umgegangen wird und diese als „Schmarotzer“ abgestempelt werden, die auf unsere Kosten leben,

„obwohl diese Kosten seit Jahrhunderten er getragen hat, und der heute nur dahin geht, wo mit dem Reichtum seines Landes unsere Fußgängerzonen, unsere Fliegerstaffeln und unsere Opernhäuser aufgebaut wurden“. (Seite 116)

„Und auch wenn es manchmal so aussieht, als wäre die freie Meinungsäußerung ausschließlich für Republikaner und Leute, die keine Meinung haben, erfunden, sie gilt auch noch für andere.“ (Seite 67)

Kemal Kayankaya ist einfach ein Typ, den man gern haben muss. Ein Ritter der Gerechtigkeit, der durchs Frankfurter Rotlichtviertel und bundesdeutschen Mief und Scheinheiligkeit stampft. Hinzu kommt der lässige Schreibstil von Arjouni mit großartigen Dialogen und viel Sinn fürs Detail, etwa wie Kayankaya und sein Kumpel Slibulsky ein Tennismatch im Fernsehen anschauen. Insgesamt ist Ein Mann, ein Mord ein großartiger Hardboiled-Großstadt-Krimi, der zudem nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat. Wer diesen Kemal Kayankaya noch nicht kennt, hat definitiv etwas verpasst!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Ein Mann, ein Mord | Erstveröffentlichung 1991
Die aktuelle Taschenbuchausgabe erschien am 1. September 2012 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-22563-1
192 Seiten | 9.90 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Adventsspezials Privatdetektive.

Auch bei uns: Gunnars Rezension zu Kemal Kayankayas erstem Fall Happy Birthday, Türke!

James Lee Burke | Flucht nach Mexiko Bd. 14

James Lee Burke | Flucht nach Mexiko Bd. 14

Im Staat Louisiana ist systematische Korruptionsanfälligkeit selbstverständlich. Die Kultur, die Denkart, die religiösen Einstellungen und die Wirtschaft unterscheiden sich in nichts von einem karibischen Staat. Wer glaubt, im Staat Louisiana zu Reichtum und Macht zu kommen, ohne mit dem Teufel Geschäfte zu machen, weiß höchstwahrscheinlich nichts vom Teufel und noch viel weniger über Louisiana. (Auszug Seiten 142-143)

Im Sommer 1958 arbeiten der blutjunge Dave Robicheaux und sein Halbbruder Jimmie in Galveston, Texas. Als die beiden ein wenig weit aufs Meer hinausschwimmen und auf einer Sandbank von einem Hai umkreist werden, kommt ihnen eine junge Frau zur Hilfe. Die Frau heißt Ida Durbin und arbeitet als Prostituierte in einem Stundenhotel. Jimmie verknallt sich in sie und ist entgegen Daves Rat wild entschlossen, sie aus der Prostitution herauszuholen. Dafür legt er sich sogar mit ihrem Zuhälter an. Doch als Jimmie am vereinbarten Treffpunkt eintrifft,um mit Ida aus der Stadt nach Mexiko zu verschwinden, ist Ida nicht da und taucht auch nicht wieder auf. Doch Jahrzehnte später holt Dave das Verschwinden von Ida Durbin wieder ein.

Dave besucht im Krankenhaus seinen Bekannten Troy Bordelon, der ihn im Sterbebett beichtet, dass er damals als Junge gesehen hat, wo Ida Durbin gefangen gehalten wurde. Aber auch er weiß nicht, was mit ihr anschließend passiert ist. Auf dem Weg nach draußen wird Dave von zwei Deputys angesprochen, die ihm auf den Zahn fühlen wollen, was Bordelon ihm verraten haben könnte. Dave ist alarmiert, denn die Deputys stehen auf der Gehaltsliste der einflussreichen Familie Chalon. Diese war bzw. ist neben zahlreichen legalen Geschäften auch an Bordellen beteiligt, unter anderem in Galveston, Texas. Nun ist es an Dave, der nun angestachelt ist, bei den Chalons aufzutauchen und unangenehme Fragen zu stellen. Dabei zieht er den Zorn von Valentine Chalon auf sich, Sohn des Patriarchen Raphael Chalon. Val Chalon, ein bekannter Fernsehjournalist, versucht daraufhin, Dave mit einer Schmutzkampagne aus dem Weg zu räumen.

Gleichzeitig benötigt noch ein anderer Fall Daves Aufmerksamkeit. Ein Serienmörder verschleppt im Bundesstaat Frauen und ermordet sie anschließend äußerst brutal. Auch in Daves Zuständigkeitsbereich als Deputy in New Iberia geschieht ein solcher Mord, zudem wird eine Zeugin, die Dave kurz zuvor in Sachen Familie Chalon befragt hatte, ermordet. Könnte es tatsächlich eine Verbindung von dieser Mordserie zu den Chalons geben?

„Sie sind unser ortsansässiger Attila. Ein bisschen Lagerfeuerrauch und Tierfett in ihren Haaren und Sie wären perfekt. Sie sind der letzte Dreck, Dave Robicheaux. Genauso wie ihre Frau. Sie ist ein Poser und eine Fotze. Das haben Sie nur noch nicht begriffen.“
Schluck den Köder nicht ermahnte ich mich. Doch es gibt Augenblicke, da ist dieser altmodische Rock ’n‘ Roll die einzige Musik in der Jukebox. (Seite 352)

Nicht nur die Kenner der Robicheaux-Reihe werden ahnen, was hier mit Rock ’n‘ Roll gemeint ist. Der gute alte Dave Robicheaux: Unbeherrscht, unvernünftig, aber immer auf der Seite der Gerechtigkeit – und sei auch ein Gesetzesbruch nötig, um diese herzustellen. Flucht nach Mexiko ist der vierzehnte Band der Reihe und endlich wieder eine deutsche Erstausgabe. Der Bielefelder Pendragon Verlag arbeitet sukzessive daran, die ganze Reihe mit Neuauflagen und Neuübersetzungen an den deutschen Leser zu bringen. Immerhin elf Bände und damit die Hälfte sind geschafft – in den Staaten erscheint bald Band 22 „The New Iberia Blues“. Der inzwischen über 80-jährige Altmeister James Lee Burke ist produktiv wie eh und je.

Auch in diesem Roman spielt Burke seine Fähigkeiten gekonnt aus. Flucht nach Mexiko ist ein souverän geplotteter Hardboiled-Krimi im reizvollen Schauplatz des Südens Louisianas, den der Autor wie üblich wortgewaltig in Szene setzt. Im Roman wird die allgegenwärtige Bigotterie des amerikanischen Südens behandelt, die sich in Korruption, Unterdrückung und Gewalt niederschlägt. Dave Robicheaux muss dabei wie üblich einiges einstecken. Verleumdungen durch Valentine Chalon, er steht unter Mordverdacht und wird wieder einmal von seinem Dämon, dem Alkohol, heimgesucht. Doch es gibt Hoffnung, neben seinem treuen, aber ähnlich unkontrollierbaren Kumpel Clete Purcel, erhält Dave eine neue Stütze: Die ehemalige Ordensschwester Molly wird in diesem Roman seine neue Partnerin.

In Flucht nach Mexiko wird die Reihe und das Genre nicht neu erfunden. Es gibt keine Extravaganzen, sondern Altbewährtes. Und das heißt bei James Lee Burke gewohnte Qualität, auf die sich der Leser blind verlassen kann. Harte Gewalt, Gesellschaftskritik und gleichzeitig ein feines Gespür und ein großes Herz für seine Figuren sowie einen warmen Blick für die atemberaubenden Landschaften Louisianas.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Flucht nach Mexiko | Erschienen am 4. Oktober 2018 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-621-8
480 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Weitere Rezensionen zu Romanen von James Lee Burke

Lesung: Mord am Hellweg „Finnische Nacht“ mit Antti Tuomainen und Jan Costin Wagner

Lesung: Mord am Hellweg „Finnische Nacht“ mit Antti Tuomainen und Jan Costin Wagner

Es war zwar noch nicht wirklich dunkel, trotzdem luden die Veranstalter von Mord am Hellweg am 21. Oktober 2018 zur Finnischen Nacht in den Alten Schlachthof in Soest. Durch den Abend führte Hörfunkredakteurin und -moderatorin Lore Kleinert, aber die eigentlichen Protagonisten waren Antti Tuomainen und Jan Costin Wagner. Ersterer erfolgreicher finnischer Autor aus Helsinki, zweiterer erfolgreicher Autor von Krimis mit dem Schauplatz Finnland und seit dem letzten Werk auch Übersetzer von Tuomainen.

Zunächst begann Jan Costin Wagner. Er verriet seine Verbindung zu Finnland: Vor 26 Jahren war er das erste Mal dort. Kurz zuvor hatte er seine spätere Frau auf einer Interrailreise kennengelernt. Dann war er das erste Mal in Finnland, fühlte sich direkt heimisch. Das Land wurde zu seiner zweiten Heimat. Als er die Idee zu seinem Protagonisten Kimmo Joentaa hatte, verortete er diese Figur aufgrund dessen Eigenschaften direkt in Finnland. Joentaa ist ein empathischer Ermittler, fast ein Seelsorger. Ein Mensch, der Halt gibt. Für Joentaa liegt ein erfolgreicher Abschluss eines Falles nicht unbedingt in den Ermittlungsergebnissen, sondern er möchte auch, dass er den beteiligten Menschen helfen. Wagner beschreibt Joentaa als seinen Begleiter im Schreiben. Neben der Schriftstellerei ist Jan Costin Wagner auch Musiker. Für ihn seien Musik und Schreiben eng verwandt, er suche in seinem Schreiben nach einer Melodie, nach einem perfekten Satz.

Sein aktuellster Roman Sakari lernt, durch Wände zu gehen beginnt mit dem Tod eines jungen Mannes. Der junge Sakari steigt auf dem Marktplatz in Turku in einen Brunnen, nackt, offenbar verwirrt und mit einem Messer. Der Polizist Petri Grönholm steigt ebenfalls in den Brunnen. Durch eine merkwürdige Bewegung des Jungen erschreckt, fühlt sich Petri bedroht und schießt. Sakari stirbt an seinen Verletzungen. Kimmo Joentaa besucht die Familie von Sakari und stößt auf eine große Tragödie, in der zwei Nachbarsfamilien miteinander verbunden sind.

Ein äußerst melancholischer Roman, gleichzeitig auch sehr poetisch. Damit bewegt sich Wagner am äußersten Rand des Krimigenres. Der Autor gab im Gespräch mit Lore Kleinert zu, seiner Hauptfigur bislang in dieser Reihe auch viel zugemutet zu haben. In diesem Band allerdings durchlebt Joentaa eine Phase großen Glücks mit seiner heranwachsenden Tochter Sanna. Dies sei auch der Ansatzpunkt des Romans gewesen, das Glück des Kommissars stünde im Kontrast zum Unglück der anderen Familie und die entscheidende Frage sei: Wie gelingt ein Weiterleben? .
Anschließend war Antti Tuomainen an der Reihe, wobei zunächst Jan Costin Wagner zur Übersetzung gefragt wurde. Tatsächlich kannten sich beide Autoren bis vor einigen Wochen nicht. Wagner und seine Frau Niina Kathariina wurden vom Rowohlt Verlag gefragt und haben sich sehr gefreut. Sie hatten direkt das Gefühl, eine ähnliche Wellenlänge wie Tuomainen zu haben und Wagner glaubt daher, dass es Ihnen gut gelungen sei,den Wortwitz zu übertragen. Er bemerkte, dass ein Übersetzer immer freien Raum benötigt, etwas Eigenes fließe immer ein, aber in diesem Fall sei man nicht weit auseinander gewesen.

Die letzten Meter bis zum Friedhof hatte ich im März bereits besprochen. Darin wird Pilz-Fabrikant Jaakko Kaunismaa nicht nur von einem neuen aggressiven Konkurrenzunternehmen bedroht und von seiner Frau betrogen, sondern er erfährt von seinem Arzt, dass er aufgrund einer schleichenden Vergiftung nicht mehr lange zu leben hat. Jaakko beschließt, in der ihm noch verbleibenden Zeit die Dinge zu ordnen, herauszufinden, wer ihn vergiftet hat und seine Firma zu retten. Doch dabei geschehen einige merkwürdige und unerwartete Dinge. Der Roman ist eine angenehme Mischung aus viel schwarzem Humor, aber auch Ernst und Melancholie mit einer ordentlichen Prise Spannung und einigen ungewöhnlichen Einfällen im Plot.

Tuomainen las auch eine Passage aus seinem Buch auf finnisch und fasste den Roman mit „mushroom business is a bloody business“ lakonisch zusammen. Er bezeichnete diesen Roman als „turning point“ seiner Schriftstellerkarriere. Seine fünf bis dahin geschriebenen Bücher waren alle düster und ernsthaft. Er wollte etwas einbringen, was auch ihn als Person ausmacht und was bislang in seinen Büchern gefehlt hat: Humor. Toumainen beschreibt es selbst als typisch finnisch, die Extreme in der Story und den Charakteren auszuloten. Das trifft auch auf seinen Protagonisten zu. Der Autor mochte an seiner Hauptfigur aber gerade diesen Aspekt, dass er sich vielen verschiedenen Herausforderungen stellen muss, da alle Aspekte seines Lebens behandeln. Tuomainen versprach, dass sein nächster Roman Palm Beach Finland, der im Januar 2019 in deutscher Übersetzung erscheint, ähnlich schwarzhumorig daherkommt. Hinter dem Titel verbirgt sich eine geniale, typisch finnische Geschäftsidee: „tropical holiday without the heat“.

Beide Autoren waren sympathisch. Jan Costin Wagner war zurückhaltender, war aber sehr engagiert bei den Vorleseparts. Antti Toumainen wirkte immer ein wenig verschmitzt und humorvoll. In der Pause und am Ende standen sie für Autogramme und Widmungen zur Verfügung. Leider habe ich es versäumt, Antti Toumainen zu fragen, was er mir da auf finnisch hinterlassen hat. Insgesamt war diese Finnische Nacht ein gelungener, unterhaltsamer Abend.

 

Text und Fotos von Gunnar Wolters.

Sakari lernt durch Wände zu laufen | Erschienen am 9. November 2017 im Galiani Verlag
ISBN 978-3-86971-018-1
240 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Die letzten Meter bis zum Friedhof | Erschienen am 24. Januar 2018 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-06552-2
320 Seiten | 19.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Gunnars Rezension zum Roman Die letzten Meter bis zum Friedhof von Antti Tuomainen.

Stewart O’Nan | Stadt der Geheimnisse

Stewart O’Nan | Stadt der Geheimnisse

Während seine Papiere – wie sein gegenwärtiges Leben, könnte er sagen – passable Fälschungen waren, war seine Taxilizenz eine an der vorderen Stoßstange befestigte Metallplakette, die viel schwerer zu bekommen war als die Papiere, völlig echt. Und dennoch, da er schon einmal verhaftet worden war – als er in Riga an seinem Tisch in seinem Lieblingscafé gesessen hatte -, wusste er, dass man als Jude nirgends sicher war. (Auszug Seite 16)

Der lettische Jude Brand hat seine ganze Familie im zweiten Weltkrieg und Holocaust verloren und kommt 1946 als illegaler Flüchtling nach Palästina. Dort wird er vom jüdischen Widerstand gegen die britische Besatzungsmacht mit gefälschten Papieren und einer Taxilizenz ausgestattet. Brand, der sich nun Jussi nennt, wird Teil einer Widerstandszelle. Es werden erste Anschläge verübt, zunächst ohne Menschen zu gefährden. Doch der Widerstand wird radikaler und Brand muss sich klar machen, ob dies auch sein Kampf ist.

Brand lernt in Jerusalem die Witwe Eva kennen. Ehemals Schauspielerin und eine bildhübsche Frau, ist bei ihr nun die Mimik einer Gesichtshälfte durch eine Narbe zerstört. Sie verdient ihren Lebensunterhalt als Prostituierte, zu ihren Terminen bringt Brand sie mit seinem Taxi. Auch Eva ist Teil der Widerstandszelle, zu der noch eine Handvoll weitere Personen gehören. Chef der Zelle ist der undurchsichtige Asher. Zu Beginn begehen sie nur kleinere Anschläge, etwa gegen die Stromversorgung. Doch Brand bemerkt die zunehmende Radikalisierung. Die der Untergrundorganisation Hagana zugeordnete Gruppe kommt in Kontakt zu Leuten der radikalen Irgun. Die Radikalisierung verunsichert Brand. Der Kampf um „Eretz Israel“ scheint ihm gerecht, aber mit welchen Mitteln?

Autor Stewart O’Nan ist dem Leser eigentlich als Porträteur der amerikanischen Gesellschaft bekannt. Sein letztes Buch „Westlich des Sunset“ handelt von Schriftsteller Francis Scott Fitzgerald und vom Hollywood der 1930er Jahre. Insofern ist Stadt der Geheimnisse als Spionagegeschichte eine bemerkenswerte Anomalie im sonstigen Werk des Autors.

Das Buch spielt im Jahr 1946 vor dem Hintergrund des israelisch-jüdischen Kampfes um einen unabhängigen Staat. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts durch die zionistische Bewegung die Bildung eines jüdischen Staates im alten Siedlungsgebiet in Palästina wieder stark betrieben wurde, kam es zu verstärkten Auswanderungswellen von Juden. 1917 hatte die Briten in der Belfour-Deklaration die Forderung der Zionisten unterstützt, unter starkem Protest der Araber der Region. Nach dem ersten Weltkrieg erhielt Großbritannien das Völkerbundsmandat über Palästina. In der Folgezeit kam es weiterhin zu einer starken Einwanderung nach Palästina und einer größeren Gewaltbereitschaft jüdischer und arabischer Bevölkerungsgruppen. Die Juden gründeten paramilitärische Einheiten wie die gemäßigte Hagana oder die radikalere Irgun. Durch die Ereignisse des zweiten Weltkriegs verschärfte sich die Situation zudem. Der jüdische Widerstand richtete sich nun verstärkt gegen die Briten, die das Mandatsgebiet räumen und einen jüdischen Staat ermöglichen sollten.

Sein altes Leben war vorbei, sein neues ein Scherbenhaufen und Schwindel. Zur Feier des Tages ging er mit einem Glas Johnnie Walker in seiner Wohnung auf und ab, drückte die Nase ans kalte Fenster und hinterließ einen schmierigen Fleck. Die brummende, taumelnde Schwermut einsamer Betrunkener. (Seite 92)

Dennoch bleibt sich der Autor treu, indem er eine Figur, nämlich Brand, in den Vordergrund stellt und die Ereignisse vollständig aus dessen Sicht durch einen personalen Erzähler beschreibt. O’Nan geht es dabei konkret um das Innenleben seines Protagonisten, eine Figur voller Schwermut, der vor den Scherben seines Lebens steht und dem nun mit seiner Beteiligung an der Widerstandsgruppe eine neue Aufgabe zugeteilt wurde. Doch „die Erinnerung gärte in ihm wie eine Krankheit“ (Seite 58). Er verliebt sich in Eva und doch bleibt die nur eingeschränkt erwiderte Liebe schal im Vergleich zu den Erinnerungen an seine verstorbene Frau Katja. Er war nie wirklich ein gläubiger Jude, nun kämpft er für die Unabhängigkeit Israels.

Ein wenig schade ist es, dass sich der Autor durch die eingeschränkte Erzählperspektive einer gewissen Dynamik beraubt. Eine nähere Betrachtung der Ereignisse durch verschiedene Figuren hätte für mich noch mehr Reiz gehabt. So kann man diesen Roman meines Erachtens dann auch nur eingeschränkt als Spionageroman einordnen, da Reaktionen der Gegenseite kaum eine Rolle spielen. So hinkt der Vergleich der New York Times zu Le Carrés „Der Spion, der aus der Kälte kam“ auf der Rückseite des Buches dann doch ein wenig.

Der Roman überzeugt dafür an anderer Stelle. Die unruhige, brodelnde Atmosphäre des dennoch florierenden Jerusalem wird sehr überzeugend in Szene gesetzt. Daneben ist diese Geschichte eines gebrochenen Mannes, der mit sich um den letzten Rest Liebe, Moral und Anstand ringt, durchaus fesselnd. So bleibt am Ende ein positives Fazit, obwohl die Winkelzüge, Manöver und Suspense eines klassischen Spionageromans etwas zu kurz kommen.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Stadt der Geheimnisse | Erschienen am 23. Oktober 2018 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-05044-3
224 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmens unseres .17specials Ein langes Wochenende mit… Spionageromanen.

Gerald Seymour | Vagabond

Gerald Seymour | Vagabond

„Ich kenne keinen Besseren als Vagabond. Er ist so erfolgreich, weil er durchs Feuer geht, um seine Zielperson zu kriegen. Der ruft nicht bei der Gesundheitsbehörde an, wenn’s mal brenzlig wird, oder beschwert sich wegen Überstunden. Dieser Mann wäre von den Toten auferstanden, um meiner Anweisung zu folgen. Hatte ich das Recht, ihn aus dem Ruhestand zu holen? Diese Bürde muss ich tragen.“ (Auszug Seite 449-450)

Nordirland, 2000er Jahre: Nach dem Friedensschluss ist verhältnismäßig Ruhe eingekehrt im zerrissenen Land. Die meisten der ehemaligen Kämpfer haben sich dem Prozess unterworfen. Doch es gibt sie noch, die Frustrierten, ewig Gestrigen. Doch sie sind weitgehend isoliert, haben nur noch wenig direkte Unterstützung und nur noch sehr begrenzte finanzielle Mittel. Mit frischen, modernen Waffen könnte man vielleicht wieder ins Spiel kommen. Und so bemüht sich eine IRA-Splittergruppe um Waffen von einem russischen Waffenhändler. Doch der Deal steht im Visier des Geheimdienstes, der Mittelsmann ist ein Informant. Die Aktion wird geleitet von Gaby Davies, doch ihr Vorgesetzter beim MI5, Matthew Broderick, hat besondere Anforderungen, so dass er einen zusätzlichen Agenten reaktiviert: Danny Curnow, ehemaliger Deckname: Vagabond.

Danny war jahrelang Agentenführer beim FRU, einer verdeckten Geheimdiensteinheit in Nordirland, die sich auf die Infiltration von republikanischen Terroristengruppen spezialisiert hatte. Vagabond war einer der erfolgreichsten Führungsoffiziere, sorgte für die Festnahme oder für den Tod von IRA-Kämpfern, aber war ebenso mitbeteiligt, wenn Informanten getötet wurden oder sogar Unbeteiligte geopfert wurden, um die Glaubwürdigkeit von wichtigen Spitzeln zu erhalten. Irgendwann wurde es Danny zu viel und er ist einfach gegangen, ohne offiziell zu kündigen. Er hat sich mit seinem engen Kollegen Dusty neu orientiert. Die beiden sind nach Nordfrankreich gezogen und haben sich dort als Touristenführer für die Schauplätze des Zweiten Weltkriegs etabliert. Dort wird Danny von Broderick aufgespürt und mit leichtem Zwang rekrutiert.

Schauplatz des Deals wird Tschechien sein. Dort, in einer Villa in Karlovy Vary, residiert Timofei Simonow, ehemaliger russischer Geheimdienstler, der sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Waffenhandel und anderen kriminellen Geschäften etablierte. Der Mittelsmann und Informant Ralph Exton ist ein alter Freund von Simonow, ein Lügner und Opportunist. Von Seiten der IRA ist ein alter Bekannter von Danny Curnow beteiligt, Malachy Riordan. Vagabond hatte vor Jahrzehnten dessen Vater liquidieren lassen. In Prag warten die meisten der Beteiligten auf den Abschluss des Deals, belauern sich und nähren ihre Zweifel, Ängste, Nervosität oder gar Vorfreunde.

Autor Gerald Seymour arbeitete lange Jahre als politischer Journalist. 1975 veröffentlichte er seinen ersten Politthriller „Harry’s Game“ („Das tödliche Patt“ in der deutschen Übersetzung). Seitdem brachte Seymour fast jährlich ein neues Buch heraus und etablierte sich insbesondere in seiner britischen Heimat in der ersten Riege der Politthrillerautoren. Mehrere seiner Romane wurden fürs britische Fernsehen verfilmt. In Deutschland wurde Seymours Thriller bis zum Ende der 1990er regelmäßig übersetzt. Danach tat sich allerdings fast zwanzig Jahre oder vierzehn Romane lang nichts, bevor Thomas Wörtche ihn in seiner Reihe bei Suhrkamp wieder hervorholte. Übersetzt wurde „Vagabond“ übrigens von den in der deutschen Krimiszene auch nicht ganz unbekannten Zoë Beck und Andrea O´Brien.

Danny Curnow hatte vor all den Jahren, als Hanna ihn vor die Wahl stellte, geschwiegen, weil er nichts anderes gewagt hatte. Er war vergiftet. Mit den Toten zu marschieren war die Schuld, die er zu begleichen hatte. (Seite 70)

Müsste ich Gerald Seymours Stil in Vagabond mit einem Wort beschreiben, würde ich vermutlich „präzise“ wählen. Oder „minutiös“. Seymour sammelt von Beginn an ein üppiges Personal an und wechselt auch sehr häufig die Perspektive. Dadurch wird es durchaus komplex, aber man hat trotzdem das Gefühl, dass der Autor alles im Griff hat. Das Buch ist durchaus ein Polit- oder Spionagethriller, es geht um die IRA und um einen Waffenhändler und um die schmutzige Arbeit der Geheimdienste. Aber keine Angst vor politischen Referaten, denn Seymour nähert sich der Thematik über seine Figuren. Diese werden intensiv beschrieben und aufs Engste durch diese Geschichte begleitet.

Fast alle haben eine Schuld auf sich geladen, sind Verräter, Opportunisten, Karrieristen, doch ihre Beschreibung bleibt nicht eindimensional. Sehr eindrucksvoll gelingt dem Autor auch die Skizzierung eines Nordirland, in dem die Grenzen zwischen Informanten, Verrätern, Terroristen und Friedensgewinnern sehr diffus sind und die Vergangenheit nicht so einfach unter den Teppich gekehrt werden kann. Denn dafür gab es zu viele Ungerechtigkeiten, zu viele Personen auf beiden Seiten wurden vereinnahmt, unter Druck gesetzt, gebrochen und dann wieder allein gelassen. Oder der Rache der Gegenseite überlassen.

Der Leser darf hier kein Actionfeuerwerk erwarten. Es gibt keinen wilden Ritt durch mehrere Länder mit großem Waffenarsenal. Stattdessen bietet Vagabond in bester Le-Carré’scher Tradition einen unverfälschten Blick in die deprimierende Arbeit der Geheimdienste, präzise Psychogramme der beteiligten Figuren und darüber hinaus einen manchmal etwas tempoarmen, aber dennoch spannenden Plot, bei dem der Leser irgendwann ahnt, dass hinter der ganzen Aktion noch mehr steckt, als es zunächst den Anschein hat. Und recht behält (eigentlich unnötig, dass der Klappentext dies auch andeutet).

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Vagabond | Erschienen am 12. Dezember 2017 im Suhrkamp Verlag
ISBN 987-3-518-46742-8
498 Seiten | 14.95 Euro
Bibliografischer Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17specials Ein langes Wochenende mit… Spionageromanen.