Kategorie: Gunnar Wolters

Michael Farris Smith | Desperation Road

Michael Farris Smith | Desperation Road

Scheiße, ich muss hier weg, dachte sie. Und ging wieder auf und ab.
Es war einfach zu viel. […] Sie war es nicht gewohnt, dass Dinge so gehandhabt wurden. Zu bekommen, ohne zu geben. Nicht in ihrer Welt. Und in dieser stillen und leeren Nacht beschloss sie zu verschwinden, bevor das Blatt sich wendete. Egal, was sie dir zu essen geben, wie süß sie lächeln, egal, wie oft er Kopf und Kragen riskiert, um dir zu helfen, so wird es nicht bleiben, und das weißt du genau. (Auszug Seiten 203-204)

Russell Gaines kehrt nach 11 Jahren Knast zurück in seine Heimatstadt in Mississippi. Doch am Busbahnhof erwartet ihn ein unangenehmes Begrüßungskommando. Die zwei Brüder Walt und Larry lauern ihm auf und verprügeln ihn. Offensichtlich sind sie der Auffassung, dass Russells Gefängnisstrafe noch nicht ausreichend als Sühne war, und kündigen weitere Besuche an.

Gleichzeitig nähert sich Mabel mit ihrer Tochter zu Fuß der Stadt. Die letzte Habseligkeiten in einem Müllsack hinter sich herziehend. Mit den letzten Dollars leistet sie sich ein Motelzimmer. Als ihre Tochter schläft, geht sie auf den Parkplatz, mit sich ringend, ob sie sich prostituieren soll, um Geld zu verdienen. Da taucht der Deputy auf und nimmt Mabel fest, ist sich sicher, mit ihr leichtes Spiel zu haben. Er fährt mit ihr an einen abgelegenen Weg und vergewaltigt sie. Mabel fleht ihn an, sie zu ihrer Tochter zurückzubringen, doch er ruft Freunde an und bietet auch ihnen Mabel an. In ihrer Not und Verzweiflung gelangt sie an die Dienstwaffe und erschießt ihn.

In Gedanken verfolgte sie den Weg zurück, den sie gegangen war, um herauszufinden, was sie hergeführt hatte, in diese Nacht, mit diesem schlafenden Kind, für das sie nicht sorgen konnte, und mit den Wölfen, die da draußen lauerten. Doch es war, als versuche sie beliebige Teile verschiedener Puzzles zusammenzusetzen. Es gab keine logische Reihenfolge, kein Muster und keinen Grund, warum ein Teil zum anderen passen sollte. (Seite 66)

Mabel entkommt unentdeckt, doch einen Tag später wird die Waffe bei ihr entdeckt. Erneut sind sie und ihre Tochter auf der Flucht. Vor einer Bar bedroht sie den Fahrer eines Pickups, damit dieser sie aus der Stadt bringt. Der Fahrer ist Russell. Nach und nach wird beiden (dem Leser etwas eher) klar, dass sie beide ein schreckliches Ereignis verbindet, das Russell in den Knast und Mabel auf die schiefe Bahn brachte. Nun treffen beide wieder aufeinander, beide wieder mehr oder weniger mit dem Rücken zur Wand.

Noch eher ein Geheimtipp (zumindest in Deutschland) unter den Südstaatenautoren ist Michael Farris Smith. Der Autor lebt in Oxford, Mississippi. Sein zweiter Roman Nach dem Sturm (Rivers im Original), eine dystopische Südstaatengeschichte, wurde bereits in Deutsche übersetzt. Nun folgt sein dritter Roman Desperation Road. Ein grundsätzlich durchaus ansprechender Plot, beste Zutaten für einen gepflegten Noir – der es aber nicht so richtig wird, dafür wird letztlich (entgegen des Buchtitels) zu viel Hoffnung verbreitet. Sehr angetan war ich von den Dialogen, die sehr authentisch und lakonisch rüberkommen. Außerdem sind die verschiedenen Figuren ansprechend. Allen voran Russell als stoischer Typ, der zwar mit seinem Schicksal ein Stück weit hadert, sich aber ansonsten nicht aus der Ruhe bringen lässt und seinem Gewissen folgt. Und zum anderen die zähe, aber aufgrund ihrer Vergangenheit pessimistisch-fatalistische Maben.

Und dennoch sprang bei mir der letzte Funke nicht über. Das liegt an mehreren Dingen. Zum einen baut der Autor hier eine Reihe von Zufällen ein, anstatt auf einen natürlich-realistischen Ablauf zu setzen. Zum anderen war mir sein Schreibstil etwas zu bedächtig, er beschreibt viele Details. Dadurch gibt es für meinen Geschmack etwas langatmige Passagen, wo die Story mehr Zug benötigt hätte. So bleibt mir letztlich nur das Fazit, dass Desperation Road ein solider Südstaaten-Roman um Gewalt, Sühne, Rache und die Macht des Schicksals ist, der aber den Vergleich mit anderen ähnlichen Büchern (z.B. von Tom Franklin oder Larry Brown) für mich nicht ganz standhält.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Desperation Road | Erschienen am 27. November 2018 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 987-3-86913-972-2;
280 Seiten | 22.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

André Georgi | Die letzte Terroristin

André Georgi | Die letzte Terroristin

Oben auf dem Brief prangen der rote Stern und das Sturmgewehr. Darunter bekennt sich das Kommando Holger Meins zu dem Attentat. Kawert lässt den Brief sinken und schaut zurück auf das Desaster hinter ihm, auf den völlig zerstörten Wagen, auf Wegners halb von Kawerts Mantel bedeckte Leiche. Noch nie in seinem Leben – noch nie – hat Kawert sich so sehr wie ein Versager gefühlt wie heute. (Auszug Seite 30)

Das frisch vereinte Deutschland im Jahr 1991: Treuhand-Chef Hans-Georg Dahlmann hat den undankbarsten Job im Land: Er muss die ostdeutsche Staatsbetriebe privatisieren und dabei versuchen, genügend Jobs im Osten zu erhalten. Doch die westdeutsche und ausländische Wirtschaft wollen im Osten eher Schnäppchen machen. So wird Dahlmann zwischen den Positionen zerrieben und angefeindet. Er steht bereits auf der Liste der Roten Armee Fraktion.

In dieser Situation bewirbt sich eine junge Frau bei ihm um eine Assistentenstelle, Sandra Wellmann. Eine ehemalige Kommillitonin seiner Tochter, begabt und strebsam. Dahlmann stellt sie ein und sie wird schnell seine rechte Hand. Doch was er nicht weiß: Wellmann ist während des Studium von der RAF rekrutiert worden. Sie soll ihn ausspionieren, einen Anschlag vorbereiten. Doch ihre Entschlossenheit wird auf eine harte Probe gestellt, denn Dahlmann ist kein Raubtierkapitalist. Er kennt Marx und Engels besser als sie, er kämpft gegen andere, um den totalen Ausverkauf zu verhindern, er protegiert sie.

Währenddessen versucht BKA-Abteilungsleiter Andreas Kawert die dritte Generation der RAF aufzuspüren. Anders als die vorherigen RAF-Generationen hinterlässt diese kaum Spuren. Kawert hat viel Mühe investiert, um ein V-Mann-Netz aufzubauen, um die RAF zu infiltrieren. Doch den Anschlag auf den Bankchef Wegner konnte Kawert nicht verhindern. Nun steht er unter enormen Druck. Denn er ahnt, dass Hans-Georg Dahlmann der nächste auf der Todesliste der RAF ist.

Autor André Georgi ist vor allem als Drehbuchautor tätig und hat für zahlreiche TV-Reihen und Fernsehfilme die Vorlage verfasst. 2014 gab er sein Debüt als Autor mit dem starken Thriller Tribunal über den Bosnienkrieg und die Kriegsverbrecherprozesse in Den Haag. Und auch mit seinem zweiten Buch bleibt er dem Sujet des Politthrillers treu. Wer sich in der Geschichte der Bundesrepublik ein wenig auskennt, der wird erkennen, was Georgi hier zu einem fiktiven Politthriller zusammenbraut. Das Attentat auf Alfred Herrhausen, der Mord an Detlev Rohwedder, der Polizeizugriff in Bad Kleinen. Alles mehr als 25 Jahre her, von einigen sicherlich längst vergessen (wie die RAF) – ist das heutzutage noch der richtige Stoff für einen spannenden Thriller?

Das kann ich absolut bejahen. Das gilt auch für die vielen, die die Ereignisse von damals kaum noch präsent haben dürften. Georgi schreibt spannend, mit dem richtigen Gespür für Tempo und Dialoge. Aber es funktioniert genauso für jemanden wie mich, den die Geschichte der RAF schon immer faszinierte, seitdem ich als Neunjähriger in den Fernsehnachrichten die Bilder vom Tatort des Mordes an Gerold von Braunmühl gesehen hatte. Ich kenne die Fakten, dementsprechend das grobe Gerüst des Plots bis hin zum Ende – und trotzdem war es für mich nicht langweilig, sondern ich fühlte mich gut unterhalten. Zum einen durch die fiktiven Parts, die alternativen Erklärungsansätze, manche nennen es Verschwörungstheorien (der Mord an Rohwedder wird offiziell immer noch der RAF zugeschrieben und die Spuren weisen auch eindeutig in diese Richtung, doch es gab immer mal wieder Zweifel an der Version). Zum anderen an dem präzisen Blick des Autors für die verschiedenen Figuren und den deutschen Realitäten Anfang der Neunziger, die er mit teilweise spitzer Feder beschreibt.

Wo sind die Erben des Sozialismus, die uns beistehen und den Anschluss rückgängig machen? Denen wir gezeigt haben, dass wir bereit sind, alles aufzugeben? Eine satte, selbstzufriedene Landschaft verweigert den Ausnahmezustand. Eine Partisanin sticht den Leviathan mit einer Tannennadel in den Fuß, der Leviathan spürt ein Kitzeln, lacht ein frühlingsblaues Lachen und holt die Fliegenklatsche. Zehn Minuten noch oder zehn Wochen, dann klebe ich als zermatschtes Insekt an der Windschutzscheibe von DaimlerAudiBMWOpelVWPorscheland. (Seiten 249-250)

Der Roman wurde nach einem Drehbuchs des Autors auch als Zweiteiler verfilmt. Am 5.und 7. November 2018 lief im ZDF „Der Mordanschlag“. Nach dem zweiten Teil folgte dann noch eine 45-minütige Dokumentation. Die Hauptrollen spielen Petra Schmidt-Schaller als Sandra Wellmann, Ulrich Tukur als Hans-Georg Dahlmann, Jenny Schily als Terroristin Bettina Pohlheim und Maximilian Brückner als Andreas Kawert. Der Film ist bis in die Nebenrollen hochkarätig besetzt worden (u.a. Susanne von Borsody, Stefanie Stappenbeck, Christoph Bach, Alexander Held). Ein exzellenter Cast, bei dem – wieder einmal – Tukur als harter, aber herzlicher Macher mit Augenmaß herausragt. Dagegen bleibt Schmidt-Schaller etwas blass, was auch daran liegen könnte, dass man als Zuschauer lange rätselt, warum sie überhaupt bei der RAF mitmacht, wirkt sie doch über weite Strecken eher wenig kämpferisch.

Dadurch, dass Drehbuch und Buch aus einer Hand kommen, sind Buch und Film auch nahe beieinander. Das Spiel, dass Georgi um Fakten und Fiktion treibt, ist im Film noch einen Tick extremer, da einige Szenen (insbesondere beim Attentat auf Wegner/Herrhausen) sehr eng an den tatsächlichen Ereignissen angelehnt inszeniert wurden und die alten Bilder dem Zuschauer wieder ins Gedächtnis kommen. Um die Verschwörungstheorien jedoch nicht allzu sehr ins Kraut schießen zu lassen, wird die Täterschaft der RAF in der anschließenden Dokumentation noch mal deutlich betont. Ansonsten verfolgt diese eher die Person Rohwedder und sein Wirken in der Treuhand und weniger der RAF. Das fand ich ein wenig schade, aber neue Erkenntnisse beim Mord an Rohwedder sind wohl nicht mehr zu erwarten. Die RAF hat sich zum Mord bekannt, Haarspuren des in Bad Kleinen getöteten Terroristen Wolfgang Grams wurden am Tatort gefunden, die genauen Täter sind bis heute nicht ermittelt und werden es wohl auch nie.
Insgesamt war der Fernsehfilm durchaus passabel, allerdings gelingt es ihm – anders als dem Buch – zu selten, die Tiefe der Figuren auszuloten. Insofern gibt es von mir eine klare Empfehlung für das Buch für alle Freunde des gepflegten Politthrillers.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Die letzte Terroristin | Erschienen am 13. August 2018 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46780-0
362 Seiten | 14.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weitersehen: Der Fernsehfilm „Der Mordanschlag“ ist noch bis Anfang Mai 2019 und „Der Mordanschlag – Die Dokumentation“ bis November 2023 in der Mediathek des ZDF abrufbar.

Mara Pfeiffer | Im Schatten der Arena

Mara Pfeiffer | Im Schatten der Arena

Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis Jo in der Lage ist, die Worte aus ihrem Mund zu drängen, die in ihrem Kopf wild umeinanderrasen. Schließlich deutet sie schluchzend auf den flackernden Monitor, der das Aufmacherfoto der dritten Lokalseite zeigt: einen völlig zertrümmerten Corsa, so eng an einem Baum geschmiegt, als wolle er ihn zum Abschied umarmen.
„Das ist Jonas‘ Auto!“ (Auszug Seite 45)

Journalistin Johanna, genannt Jo, lebt als alleinerziehende Mutter in Mainz und arbeitet bei der lokalen Zeitung. Ihr bester Kumpel und Kollege Jonas kommt bei einem Autounfall ums Leben. Doch Jo glaubt nicht an einen Unfall. Sie glaubt, dass Jonas an einer brisanten Geschichte gearbeitet hat, die ihm schließlich das Leben gekostet hat. Sie verschafft sich Zugang zu seinen Dateien und Unterlagen und versucht, die Geschichte zu rekonstruieren. Der Polizist Hans, dem Jo im Laufe der Geschichte immer näher kommt, übergibt ihr Unterlagen, die nahelegen, das Jonas bedroht wurde. Auch sie könnte unter Beobachtung stehen. Ein unbekannter Mann spricht ihren sechsjährigen Sohn vor ihrer Haustür an. Sie durchforstet fieberhaft die Recherchen von Jonas – bis sie auf ein mögliches Motiv stößt: Homophobie im Profifußball.

Autorin Mara Pfeiffer arbeitet als freiberufliche Journalistin, Autorin und Lektorin. Im Schatten der Arena ist ihr erster Roman. Zuvor hat sie Sachbücher und Kurzgeschichten für Anthologien verfasst. Sie betreibt außerdem den Blog Wortpiratin. In ihrem ersten Roman verbindet sie Fußball und Lokalkolorit mit gesellschaftlichen Themen im Rahmen einer Kriminalhandlung.

Ich habe leider zwei größere Kritikpunkte bei diesem Roman. Zum einen die Krimihandlung. Die kommt für meinen Geschmack etwas kurz, denn die Handlung wird auf vielen Seiten von Jo und ihrem Leben dominiert: Trauer, Wut, Erziehungsfragen, Beziehungsstress oder normaler Alltag. Nichts gegen eine gut beschriebene Hauptfigur, aber wenn nur 250 Seiten vorhanden sind, hätte ich mir mehr Krimihandlung gewünscht. Diese besteht nämlich zu einem großen Teil in eher mäßig spannender Recherche. Als sich dann das Motiv offenbart, geht alles ein wenig hopplidahopp. Das wirkte auf mich etwas unrund und auf zu wenig Seiten gebracht. Hier komme ich zu dem seltenen Eindruck, dass ein wenig mehr Seiten dem Buch gut getan hätten.

Zum anderen geht es mir um eines der zentralen Themen des Buches: Homophobie (im Fußball). Natürlich hat das Buch mehr Facetten, aber dieses Thema ist auch entscheidend für den Kriminalfall. Ein wichtiges, interessantes Them – aber die Art der Behandlung hat mich nicht überzeugt. Es gibt im Buch im Rahmen der Recherche zu Jonas‘ Tod ein Interview mit Musiker Marcus Wiebusch, der vor einigen Jahren das Lied „Der Tag wird kommen“ zu dem Thema verfasste. Dieses Interview umfasst fünf Seiten im Buch, Jos Treffen mit dem homosexuellen Fußballer, um den es letztlich geht, gerade mal zwei. Hier wurde meines Erachtens eine Chance vertan, tiefer in die Materie einzudringen, beispielsweise, indem der Fußballer mehr Raum im Buch hätte, dass seine Ängste und den Druck, der auf ihm lastet, präziser aufgezeigt würden. So bleibt die Darstellung des Themas lediglich an der Oberfläche.

Bei aller Kritik möchte ich auch die positiven Aspekte des Buches nicht verschweigen. Da wäre die auf jeden Fall interessante, weil komplizierte Hauptfigur Jo. Daneben ist der Lokalkolorit sicherlich ein Highlight, denn die Autorin verwendet (so weit ich das beurteilen kann) weitgehend Originalschauplätze und lässt auch Vereinspolitik des FSV Mainz 05 einfließen. Eine wunderbare Szene war für mich, wie Jo ihrem Sohn erklärt, warum man an einem Kunstprodukt wie RB Leipzig sein Fanherz nicht verlieren sollte. So denke ich, dass so mancher Leser hier sich durchaus gut unterhalten fühlen könnte, allein ich war aufgrund der erwähnten Punkte nicht ganz zufrieden.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Im Schatten der Arena | Erschienen am 16. Mai 2018 im Societäts Verlag
ISBN 978-3-95542-288-2
252 Seiten | 14.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Thomas Mullen | Darktown

Thomas Mullen | Darktown

„Ihr müsst die Leiche hier wegschaffen“, sagte er. „Und dann durchsucht ihr den ganzen Mist nochmal nach der Mordwaffe oder was anderem.“
„Sollen wir nicht auf die Mordkommission warten, Sir?“, fragte Jennings. „Wir wollen nicht, dass sie uns für das Durcheinanderbringen eines Tatorts kritisieren.“
„Die werden euch so oder so kritisieren. Und der Tatort kommt mir ohnehin ziemlich durcheinander vor. Außerdem wird die Müllabfuhr wahrscheinlich eh schneller hier sein.“
Das bedurfte keiner weiteren Erklärung. Weißen Detectives war eine farbige Tote egal, vor allem wenn sie auf einer Müllhalde lag. (Auszug Seiten 66-67)

In Atlanta, Georgia, werden im Jahr 1948 erstmals schwarze Polizisten in den Dienst gestellt. Eine Geste des Bürgermeisters an seine schwarzen Wähler. Doch diese acht Polizisten haben einen sehr schweren Stand, dürfen nur im Streifendienst in bestimmten „schwarzen“ Vierteln arbeiten, dürfen nicht ins Präsidium, werden von den weißen Kollegen schikaniert.

Eines Abends sind die Polizisten Boggs und Smith auf Streife, als ein Auto eine Straßenlaterne beschädigt. Sie halten das Fahrzeug an, doch der weiße Fahrer ignoriert sie und seine farbige Beifahrerin schweigt. Der Fahrer fährt einfach weiter, seine Beifahrerin flüchtet aus dem Wagen. Dieser wird kurz darauf von einer weißen Polizeistreife der Polizisten Dunlow und Rakestraw angehalten. Zum Ärger von Boggs und Smith und zum Erstaunen von Rakestraw lässt Dunlow den Fahrer ohne weiteres weiterfahren. Einige Tage später wird auf einer illegalen Müllhalde die Leiche einer jungen Schwarzen gefunden – die Beifahrerin jener Nacht.

Doch das Interesse der (weißen) Mordermittler ist begrenzt. Bloß eine Schwarze, vermutlich eine Prostituierte. Als der Stiefvater die Tote identifiziert, wird er praktischerweise direkt zum Mordverdächtigen. Doch die schwarzen Polizisten Boggs und Smith wollen diesen Fall nicht auf sich beruhen lassen. Sie ermitteln ohne Erlaubnis im Verborgenen, immer mit der Gefahr ihren Job zu verlieren. Sie finden heraus, dass der Fahrer, ein gewisser Underhill, bis vor Kurzem ebenfalls Polizist war, bevor er im Rahmen einer Korruptionsaffäre gefeuert wurde. Underhill ist zudem gut bekannt mit dem Officer Dunlow. Hilfe kommt von unerwarteter Seite. Officer Rakestraw findet seinen Partner und dessen gewalttätige, korrupte Art der Dienstausübung unerträglich, doch Dunlow hat noch genügend Unterstützung im Polizeikorps. Rakestraw sucht Kontakt zu den schwarzen Officers, eventuell kann man gemeinsam mehr erreichen.

Es war sinnlos. Nie im Leben würden Boggs und Smith die Leiche inspizieren dürfen. Nie im Leben würden sie den Tatort besichtigen dürfen, selbst wenn sie ihn fänden. Sie hatten nicht die Befugnisse, Zeugen zu verhören, und selbst wenn sie es versuchten, würden sie nur Negroes befragen können, und das auch nur, wenn die sich trauten, mit ihnen zu reden. Und warum sollten sie? Boggs und Smith hatten nichts anzubieten. Keinen Schutz, keine Gerechtigkeit. Alles, was sie hatten, war die vage Aussicht auf eine Zukunft, in der so etwas nicht mehr passierte. Doch das schien unwahrscheinlich, ja absurd. Jimmy beugte sich nach vorn, die Ellenbogen auf den Knien, ließ seinen Kopf in die Hände sinken. Sein Weinen war wie der Einblick in eine Welt, die Boggs nie hatte betreten wollen. (Seite 375)

Autor Thomas Mullen lebt selbst in Atlanta und hat mit diesem Roman einen Abschnitt in der Geschichte des Atlanta Police Department verarbeitet. Dem Roman ist ein Zitat von Willard Strickland vorangestellt, in dem er an die schweren Anfänge als „Negro-Polizist“, als erster schwarzer Polizist erinnert. Mullen beschreibt die Situation in Atlanta 1948 sehr beklemmend. Zwar gibt es nun schwarze Polizisten, aber mit äußerst eingeschränkten Befugnissen. Die weißen Kollegen stehen den Neulingen fast überwiegend ablehnend oder sogar feindselig gegenüber. Der Rassismus (nicht nur in der Polizei) ist allgegenwärtig und zieht sich düster durch die ganze Geschichte. Schwarze werden regelmäßig Opfer von Gewalt oder von Verleumdungen, von der Polizei schikaniert, von Wahlen ausgeschlossen, als unerwünschte Nachbarn gemobt. Die Polizei erscheint als Hüter des Status Quo der weißen Privilegien. Korruption ist weit verbreitet, auch ein Ableger des Ku-Klux-Klan wurde im Präsidium aufgedeckt. Die Schwarzen beginnen sich zwar zunehmend zu organisieren, mit Einfordern des Wahlrechts wollen sie Veränderungen erreichen. Aber die Erfolge sind nur spärlich und vor allem außerhalb der Stadt ist die Situation noch viel schlimmer.

Die Geschichte wird im Wesentlichen aus zwei Perspektiven erzählt. Lucius Boggs ist einer der neuen schwarzen Polizisten. Er ist der Sohn eines bekannten Pastors, behütet und für schwarze Verhältnisse privilegiert aufgewachsen. Ein ausgeglichener, besonnener Mann, den allerdings die zum Himmel schreienden Verhältnisse nicht kalt lassen können. Auf ihm lastet allerdings durch seine Herkunft auch ein besonderer Druck: Seine schwarze Gemeinde erwartet eine Verbesserung der Situation mit der Polizei, was die Kollegen aufgrund der Einschränkungen und Anfeindungen der weißen Kollegen kaum leisten können. Sein Kollege Denny „Rake“ Rakestraw gehört zur Mehrheit der weißen Polizisten, hat im Krieg gedient und ist danach zur Polizei gekommen, ist somit auch noch ein Neuling im Beruf. Er ist vorurteilsfrei und ein Befürworter der Gleichstellung, aufgrund seiner deutschen Mutter, die selbst als Einwanderin benachteiligt wurde. Er ist jedoch niemand, der dies offensiv nach außen trägt. Er bleibt zurückhaltend, will es sich nicht mit den Kollegen verscherzen, doch ihm missfällt, wie viele seiner Kollegen und vor allem sein Partner Dunlow ihren Beruf ausüben: Voller Rassismus, gewalttätig und korrupt. Er überlegt, wie er sich seines Partners entledigen kann und kommt zu der Erkenntnis, dass eine Aufklärung des Mordfalls und die scheinbare Verstrickung von Dunlow ihm nützen kann und daher eine Zusammenarbeit mit Boggs zwar gefährlich, aber sinnvoll ist.

Darktown ist eine harte Lektüre. Selbst der abgebrühte Leser muss angesichts der geschilderten Verhältnisse ein ums andere Mal schlucken und kommt ins Nachdenken, wie tief dieser Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft damals steckte und scheinbar noch immer steckt. In dieser Hinsicht als historischen (Polizei-)roman über Rassismus und Gerechtigkeit ist dieses Buch hervorragend. Der eigentliche Krimiteil, das wurde in anderen Rezensionen auch etwas kritisiert (zum Beispiel bei Buch-haltung, in welcher auch ein wenig der Stil kritisiert wird), und auch ich muss zugeben, dass dieser Part hinter dem sonstigen Werk abfällt. Der Fall wirkt letztendlich arg unterkomplex und fast klischeehaft. Ein solcher Fall wäre zu heutiger Zeit auch flott gelöst, wird letztlich nur dadurch problematisch, dass die Wahrheit zur damaligen Zeit kaum jemanden interessierte und die Ermittlungen hier heimlich vorangebracht werden müssen. Doch diese Nachteile kann ich für mich angesichts der Gesamtlektüre in Kauf nehmen, denn insgesamt ist dieses Buch ein aufrüttelnder, packender, überzeugender Roman.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Darktown | Erschienen am 26. Oktober 2018 im DuMont Buchverlag
ISBN 978-3-8321-8353-0
480 Seiten | 24.-  Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Alan Parks | Blutiger Januar

Alan Parks | Blutiger Januar

Madame Polo stand auf, brachte McCoy zur Haustür. „Finden Sie heraus, was ihr da widerfahren ist, Mr. McCoy.“ Im Licht der Diele wirkte sie älter, müde. „Die Leute schauen auf die Mädchen hier herab, halten sie für wertlos. Aber es sind einfach nur Mädchen, nicht besser und nicht schlimmer als alle anderen.“ (Auszug Seite 159)

Glasgow, 1.Januar 1973: Detective Harry McCoy wird ins Gefängnis gerufen, wo ihm der Gefangene Howie Nairn den Tipp gibt, dass ein Mädchen namens Lorna demnächst umgebracht werden soll. Obwohl McCoy dieser Tipp des skrupellosen Nairns reichlich merkwürdig vorkommt, macht er sich tatsächlich auf die Suche nach Lorna. Doch als er und sein Kollege Wattie am Busbahnhof auf Lorna warten, taucht plötzlich ein Jugendlicher mit einer Waffe auf und erschießt erst Lorna, dann sich selbst.

Der Fall erscheint sehr rätselhaft – eine Beziehungstat erscheint McCoys Kollegen noch am wahrscheinlichsten. Doch wie passt Howie Nairn da ins Bild? Bevor McCoy dies herausfinden kann, wird Nairn im Gefängnis ermordet. Lornas Mörder, Tommy Malone, arbeitete im Anwesen der Dunlops, einer der einflussreichsten Familien der Stadt, auf die McCoy allerdings nicht gut zu sprechen ist – und umgekehrt. Das kann McCoy nicht als Zufall abtun. Zudem wird schnell klar, dass Lorna als Gelegenheitsprostituierte gearbeitet hat und dabei auch etwas härtere Wünsche der Kunden erfüllt hat. Obwohl McCoy von verschiedenen Stellen gewarnt wird und sein Chef den Fall für beendet erklärt, setzt er seine Untersuchungen fort.

Blutiger Januar ist der Auftakt zu einer angekündigten Serie mit Harry McCoy im düsteren Glasgow der 1970er Jahre. Autor Alan Parks war vor seinem Romandebüt Creative Director eines Musiklabels, daher gibt es auch hier immer mal musikalische Remineszenzen, beispielsweise einen Auftritt von David Bowie, der tatsächlich im Januar 1973 in Glasgow stattfand. Seine Hauptfigur Harry McCoy ist ein hartgesottener Cop, wie er im Buche steht. Ein Einzelgänger, heruntergekommen, seine Ex lebt inzwischen mit seinem größten Rivalen zusammen, durchaus impulsiv, Alkohol und Drogen nicht abgeneigt, pflegt die Zweisamkeit mit einer süchtigen Prostituierten. Er ist jedoch ein guter Cop, weshalb sein Chef Murray noch seine schützende Hand über ihn hält, obwohl er den Einflussreichen in Glasgow regelmäßig auf die Füße tritt. Doch McCoy ist noch aus einem anderen Grund angreifbar. Er und der Gangsterboss Stevie Cooper sind seit gemeinsamen, schrecklichen Tagen in einem Kinderheim dicke Kumpels. Und obwohl er und Cooper natürlich kleinere Deals zum gegenseitigen Vorteil machen, hält sich McCoy für selbstbestimmt. Doch welche Folgen sein enges Verhältnis zu Cooper haben kann, wird ihm im Laufe dieser Geschichte nur allzu bewusst.

Springburn bestand nur noch aus Autobahnen, halb demolierten Wohnblocks mit tapezierten Zimmern unter freiem Himmel und einem einzigen, im Nichts gestrandeten Pub. Ringsum war alles verschwunden. Die Stadtverwaltung hätte ebenso gut Brandbomben werfen können, das wäre wenigstens schneller gegangen. (Seite 58-59)

Sehr überzeugend ist der gewählte Schauplatz. Glasgow ist Anfang der 1970er Jahre seit einiger Zeit eine Stadt im Niedergang: Deindustrialisierung, Verfall der Bausubstanz, Arbeitslosigkeit, Kriminalität. Die gut gemeinten städtebaulichen Gegenmaßnahmen der 60er mit dem Ausbau der Autobahnen und Großwohnsiedlungen haben die Situation letztlich nur verschlimmbessert. Mit dem Verfall kamen auch die Drogen in die Stadt: Das Marihuana der Sechziger wird mehr und mehr von härteren Sachen abgelöst: Speed und Heroin. Hinzu kommt in diesem Roman das schmuddelige Januarwetter. So bewegt sich Alan Parks in bester Tradition William McIlvanneys, der 1977 mit Laidlaw das düstere Glasgow als Kriminalschauplatz in Szene setzte.

Blutiger Januar erfindet das Genre nicht neu. Die Zutaten sind durchaus bekannt, werden aber zu einem wirklich guten, harten Copkrimi angerichtet. Eine schwarze Geschichte von Drogen, Sexpartys, Ausbeutung, Korruption und Mord in einem schmutzig-düsteren Glasgow mit einem ambivalenten Cop. Das Ganze ist sehr geradlinig geschrieben. Ein gelungener Reihenauftakt, der Anfang 2019 mit dem Titel February’s Son fortgesetzt wird.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Blutiger Januar | Erschienen am 3. September 2018 bei Heyne Hardcore
ISBN 987-3-453-27188-3
400 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezension zu Laidlaw von William McIlvanneys.