Kategorie: Gunnar Wolters

Dominique Manotti | Marseille.73

Dominique Manotti | Marseille.73

Der Roman beginnt mit einem Prolog, einer Erklärung der Verhältnisse in Südfrankreich 1973. In ganz Frankreich leben viele Migranten aus Nordafrika, insbesondere aus dem ehemals französischen Algerien, das vor etwa zehn Jahren unabhängig wurde. Damals musste de Gaulle einsehen, dass Algerien nicht zu halten war, musste aber mit der Unabhängigkeit Algeriens innenpolitisch große Probleme bewältigen. Die große Gruppe der Algerienfranzosen, der Pied-Noirs, wehrte sich bis hin zu terroristischen Aktionen der OAS. 1973 wird der Konflikt wieder angeheizt. Durch ein Dekret des Innenministers werden viele Migranten quasi über Nacht von Schwarzarbeitern zu Illegalen, denen die Abschiebung droht. Gewaltbereite rechte Gruppierungen greifen dies bereitwillig auf. Die „Sans-Papiers“ wollen sich gegen die Benachteiligungen und Bedrohungen wehren, doch ihre Demonstrationen werden gewaltsam von Sicherheitskräften und „besorgten Bürgern“ aufgelöst. Mitten in diese angespannte Stimmung kommt die Nachricht vom Tod eines Marseiller Busfahrers durch einen psychisch gestörten arabischen Algerier.

Bevor er zum Èvêché aufbricht, wirft Daquin einen letzten Blick auf den Vieux-Port zu seinen Füßen, das graugrüne, reglose Wasser, die verwaisten Kaianlagen, kein Geräusch, keine Bewegung, das Leben steht still. Die Stadt atmet nicht mehr. In einer Handvoll Stunden wird sie Èmile Guerlache zu Grabe tragen, sie wartet, sie stinkt nach Blut. (Auszug S.52)

Die Beerdigung des Busfahrers wird von extremen Gruppen instrumentalisiert, aber es bleibt erstmal still. Am Abend sitzt der junge Algerier Malek an einem Boulevard vor einer arabischen Bar, als ein Auto neben ihm hält. Der Beifahrer schießt Malek mit drei Kugeln nieder. Die herbeigerufenen Polizisten der Sûreté nehmen die Sache eher gelangweilt auf. Die Zeugen aus der Bar und die hinzugekommenen Brüder des Toten rufen nochmal die Kriminalpolizei an, das Team von Commissaire Théo Daquin nimmt den Tatort nochmal auf und findet sogar eine weitere Patronenhülse. Doch der Fall bleibt bei der Sûreté. Gleichwohl behalten Daquin und seine Inspektoren Grimberg und Delmas den Fall im Blick, denn sie merken, dass da etwas gewaltig stinkt und dass es Parallelen zu einer Ermittlung gibt, die sie gerade bearbeiten: Die illegalen Aktivitäten der UFRA, der Organisation der Algerienheimkehrer, und die Beteiligung von Mitgliedern der Marseiller Polizei. Derweil versuchen die Kollegen den Fall Malek als einen Mord im Milieu darzustellen (wie auch weitere Tötungsdelikte an Algeriern) und den Toten und seine Familie als kriminell zu diskreditieren.

Ein neuer Manotti ist für mich immer ein echtes Fest. Die 1942 geborene französische Historikerin und Ex-Gewerkschafterin steht für hochpolitische, meist historische Krimis, die aber eigentlich direkte Bezüge zur Gegenwart aufweisen. „Marseille 73“ ist wieder ein Roman mit ihrem häufig gewählten Protagonisten Théo Daquin und schließt zeitlich ziemlich direkt an den Roman „Schwarzes Gold“ an. Daquin ist ein sehr fähiger Ermittler, seine Homosexualität muss er allerdings im schwulenfeindlichen Marseille geheimhalten. Zudem verfügt er als Pariser über wenig Kenntnis und Erfahrung über die Machtverhältnisse im Marseiller Polizeipräsidium und zwischen den verschiedenen, teilweise rivalisierenden Polizeieinheiten. Doch dafür hat Daquin seinen Inspecteur Grimbert, einen Alteingesessenen, der sich zwischen den Etagen zu bewegen weiß.

„Man überträgt diese Fälle der Sûreté nicht, damit sie erfolgreich abgeschlossen werden, man überträgt sie ihr, damit sie niemals aufgeklärt werden. Es gibt hier eine Art, die Dinge zu sehen, eine Geisteshaltung, eine Kultur, nenne es, wie du willst, die von allen geteilt wird: Worüber man nicht spricht, das existiert nicht. Also spricht man nicht über rassistische Verbrechen. Gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen.“ (Auszug S.92)

Manottis Stil ist sehr verknappt, kurze Sätze, sehr präzise. Sie schreibt zudem generell im Präsens, was manche Abschnitte fast berichtsartig macht. Zur tieferen Darstellung nutzt sie aber die Möglichkeit der Dialoge und des auktorialen Erzählers, wobei sie interessanterweise manchmal für ein oder zwei Sätze in die Ich-Erzähler-Ebene schwenkt. Trotz eines Glossars und Personenregisters ist der Roman komplex und eher für ambitionierte Genreleser. Allerdings wird man extrem belohnt, denn Manotti verbindet hier mehrere Themenbereiche einfach großartig miteinander. Da ist zum einen der aufkeimende Rassismus, der sich mitten in der Bevölkerung und auch in den Polizeikräften ausbreitet, da ist zum anderen der Kampf der Migranten, der „Sans-Papiers“, um Legalität und Schutz durch die Behörden, auch mit Hilfe der Gewerkschaften. Des Weiteren der Kampf der Familie des getöteten Malik um Anerkennung und Ehre, um eine echte Ermittlung des Mörders und zuletzt der Kampf innerhalb der Behörden um Deutungshoheit, um die Öffentlichkeit, um den Umgang mit Korruption oder Schlimmerem. So ist die Ermittlung des Teams Daquin fast weniger eine Suche nach dem Mörder Maliks als vielmehr ein Wettstreit gegen die Vertuschung und kriminelle Energie im eigenen Hause.

Insgesamt ist für mich „Marseille.73“ ein enorm vielseitiger Krimi noir voller Finesse und Brillanz. Sicherlich einer der stärksten Krimis diesen Jahres. Zwar fiktiv, aber auf historischen Fakten basierend und – wie bereits oben erwähnt – voller Bezüge zur Gegenwart. Die Verlegerin Else Laudan äußert bereits in ihrem Vorwort Parallelen zu den NSU-Morden und dem Umgang der Ermittlungsbehörden damit. Und tatsächlich stelle ich mir auch gerade einen „dicken Marcel“ im Bundesamt für Verfassungsschutz vor, ein Faktotum außerhalb der Organisationspläne, der im Zusammenspiel mit den Dienststellen entscheidet, welche Ermittlung eingestellt und welche Akte vernichtet werden muss, um den schönen Schein zu wahren und die Behörde vor Unbill zu bewahren. Die Vermutung liegt nahe, dass sowas hierzulande und heutzutage ähnlich abläuft wie damals in Marseille `73.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Marseille.73 | Erschienen am 02.11.2020 im Argument Verlag
ISBN 978-3-867-54247-0;
400 Seiten | 23,- €
Originaltitel: Marseille 73
Bibliografische Angaben

Weitersehen: TV-Beitrag zum Roman inklusive Interview mit der Autorin in einer Sendung von Arte france.

Weiterlesen: Joachim Feldmanns Rezension im Crimemag.

Weiterlesen II: Weitere Rezensionen zu Manottis Romanen auf diesem Blog.

James Lee Burke | Blues in New Iberia (Band 22)

James Lee Burke | Blues in New Iberia (Band 22)

In meiner Eitelkeit sah ich mich gern als Rächer oder, schlimmer noch, fahrenden Ritter. Aber ich schlug nur im Dunkeln wild um mich. […] Meine Dienstmarke war zumindest vorübergehend nichts mehr wert. Ich besaß keine rechtlichen Vollmachten. Wie konnte ich in einem Fall weitermachen, der sich zu einem Raum ohne Türen entwickelt hatte? (Auszug S. 230-231)

Detective Dave Robicheaux geht einem Hinweis aus einem Notruf nach und kommt zum Strandhaus des Regisseurs Desmond Cormier, ein guter alter Bekannter Robicheaux‘. Auf dessen Terrasse bemerkt er etwas, das draußen auf dem Meer treibt: Die Leiche einer jungen Frau, in theatralischer Manier post mortem an ein Kreuz genagelt. Die Frau arbeitete für eine Hilfsorganisation, die sich unter anderem um Strafgefangene in Todeszellen kümmert. Die Spur führt fast automatisch zu Hugo Tillinger, einem zum Tode Verurteilten, der aus einem Gefängniskrankenhaus fliehen konnte. Diesen Tillinger will Robicheux‘ Kumpel Clete Purcel vor einigen Tagen gesehen haben, als er aus einem Güterzug in einen Fluss sprang. Purcel griff nicht ein und macht sich nun Vorwürfe.

Doch als weitere Leichen auftauchen, ebenfalls inszeniert und damit offensichtlich das Werk eines Serienmörders, gibt es auch Spuren in andere Richtungen. Korrupte Cops, die in der Prostitutionsszene dick mitverdient haben sowie auch Spuren zu Cormier und seiner Filmcrew, die momentan ein aufwändiges historisches Filmdrama in Louisiana und Arizona drehen. Cormier ist eigentlich ein guter Mann, ging vor 25 Jahren mit nichts als großen Träumen nach Hollywood und kehrt nun als gefeierter Regisseur zurück. Doch mit welchen Leuten hat er sich inzwischen eingelassen? Gerüchte machen die Runde, dass Cormiers Film zu großen Teilen mit schmutzigem Geld finanziert wird, man vermutet die Russen, die Saudis und die Mafia von der Ostküste. Robicheaux ist zudem besonders auf der Hut, da seine Tochter Alafair ebenfalls an dem Film mitwirkt und auch seine neue Kollegin Bailey Ribbons (zu der er sich hingezogen fühlt) wird von Cormier umschmeichelt.

„Die Filmleute haben irgendwas mit dem Tod von Lucinda Arceaux zu tun. Ich kann’s nicht beweisen, ich weiß es einfach.“
„Woher?“
„Das Böse hat einen Geruch. Es ist eine Präsenz, die ihren Träger verzehrt. Wie leugnen es, weil wir dafür keine plausible Erklärung haben. Es riecht nach Verwesung innerhalb von lebendem Gewebe.“ (Auszug S. 70)

James Lee Burke ist Jahrgang 1936 und immer noch verdammt produktiv. Zuletzt hat er jedes Jahr einen neuen Robicheux-Band veröffentlicht. „Blues in New Iberia“ ist inzwischen Nr. 22, in den USA ist bereits Band 23 („A Private Cathedral“) erschienen. Sein Protagonist Dave Robicheaux und sein Kumpel Clete Purcel sind immer noch unbeugsamer Verfechter der Gerechtigkeit in den düsteren, gewalttätigen Sümpfen und Bayous Lousianas. Dieses Mal kommt es bei beiden aber zu etwas melancholischen Schüben. Aus der Mid-Life-Crisis sind beide schon längst raus (das genaue Alter ist ja immer etwas komisch zu bestimmen bei Robicheaux, wenn man die Rückverwiese sieht, müsste er ungefähr so alt sein wie Burke – was in der Story aber nicht ganz passen würde), vielmehr kommen sie ins Grübeln, schwanken zwischen (Alp-)Traum und Realität, blicken auf ihre Vergangenheit, lecken ihre Wunden. Kurzum: Sie haben den Blues. Aber wer will es Ihnen verdenken bei theatralisch inszenierten Leichen, weißen Polizisten, die farbige Frauen anschaffen schicken, halbseidenen Hollywood-Produzenten und einem Killer mit Flammenwerfer?

Wenn man James Lee Burke etwas vorwerfen mag (ich spreche es ungern aus), dann dass er ein wenig zur Redundanz neigt. Korrupte Kollegen, merkwürdige Auftragskiller, direkte Bedrohung von Robicheaux‘ Familie. Manche Figuren und Storymotive kommen einem Kenner der Reihe doch etwas bekannt vor. Vermutlich ist das bei inzwischen 22 Bänden auch irgendwie nicht anders zu erwarten. Positiv formuliert könnte man sagen, Burke zitiert sich selbst. Und doch hatte ich bei diesem Band das Gefühl, dass der Autor durchaus straffer hätte erzählen können.

Das ist aber eher Jammern auf einem ziemlich hohen Niveau, denn wenn man einen Burke aufschlägt, darf man sich als Leser sicher sein, dafür auch einiges zu bekommen: Ein starken, kraftvollen Schreibstil, ambivalente, sehr präzise beschriebene Figuren, komplexe Storys rund um klassische Themen wie Schuld, Rache, Vertrauen und Freundschaft sowie ein üppiges Stimmungsbild der Sumpf- und Küstenlandschaft Louisianas. Und das reicht in diesem Fall vielleicht nicht für ein echtes Highlight in dieser großartigen Reihe, aber immer noch für einen wirklich lesenswerten Kriminalroman.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Blues in New Iberia | Erschienen am 01.07.2020 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-684-3
586 Seiten | 22,- €
Originaltitel: New Iberia Blues
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen I: Rezension zu „Blues in New Iberia“ von Jochen König auf krimi-couch.de

Weiterlesen II: Rezensionen von Gunnar und Andy zu weiteren Romanen der Robicheaux-Reihe: Band 1, Band 3, Band 7, Band 10, Band 14, Band 16, Band 21

 

Adrian McKinty | Alter Hund, neue Tricks (Band 8)

Adrian McKinty | Alter Hund, neue Tricks (Band 8)

„Sie können ruhig schlafen gehen, Sir. Ich bringe das hier zum Abschluss. Alles ziemlich offensichtlich, wie Sie schon sagten, da bin ich mir sicher“, sagte ich.
Da konnte man mal sehen, wie eingerostet ich schon war. So etwas sagte man nicht, wenn die Götter, das böse Omen und das Schicksal zuhörten. Niemals. Was hast du dir dabei gedacht, Duffy? Du Blödmann. (Auszug S.38)

Es ist 1992 und Sean Duffy verbringt eigentlich ein inzwischen beschauliches Leben. Mit Frau (na ja, geheiratet hat er dann doch noch nicht) und inzwischen fünfjähriger Tochter ist er über die Irische See nach Schottland gezogen. Im Polizeidienst ist er nur noch Teilzeitkraft, sechs Tage im Monat, und bis zu den Pensionsansprüchen nach zwanzig Jahren Dienstzeit sind es nur noch zweieinhalb Jahre. So werden er und sein Kumpel John „Crabbie“ McCrabban eher im Innendienst eingesetzt. Doch da der leitende Inspektor Lawson im Teneriffa-Urlaub weilt, soll sich Duffy einen Tötungsfall mal näher anschauen.

Auf den ersten Blick eine klare Sache: Ein Jaguar wurde von einem Landhaus gestohlen. Der Besitzer wollte den Raub verhindern und wurde von dem/den Carjackern erschossen. Doch Duffy fallen spontan ein paar Ungereimtheiten auf, unter anderem ist der Name, mit dem der Tote das Haus gemietet hat, nicht sein richtiger. Der Mann war offenbar Künstler, Landschafts- und Porträtmaler, aber wie konnte er seinen Lebensstil und zwei Radierungen von Picasso im Wohnzimmer finanzieren? In der Telefonliste taucht eine merkwürdige Nummer auf, mit der offenbar sehr regelmäßig telefoniert wurde. Die Nummer gehört zu einer Telefonzelle im irischen Dundalk. In der Nachbarschaft wohnt Brendan O’Roarke, Mitglied des Armeerats der IRA.

Völlig zwecklos, Verstärkung anzufordern. Die würden doch nur alles vermasseln. Die Trottel vom Revier? Vergiss es. Die Schafsköpfe von der Schnellen Eingrifftruppe oder von Special Branch? Amateure. Der Einzige, dem Spiegel-Duffy vertraute, war Crabbie, und den wollte niemand hier reinziehen.
Duffy solo. Wie in alten Zeiten. (Auszug S.216)

Man fürchtete ja schon das Schlimmste, als Adrian McKinty nun dank eines neuen amerikanischen Agenten mit seinem „The Chain“ unter die Bestseller-Autoren gegangen war. Es sei ihm unbedingt gegönnt, aber die einhellige Meinung der Kenner seiner Bücher war, dass „The Chain“ zu sehr dem Mainstream frönte und er damit unter seinen Möglichkeiten blieb. Gefürchtet wurde vor allem um seine Sean-Duffy-Reihe, die er aber zum Glück doch noch (ein bisschen) weitermacht.

Begonnen hatte die Reihe ja 1981 und inzwischen haben in Band 8 die Neunziger erreicht. Alles entwickelt sich weiter, aber Duffy bleibt sich zum Glück treu (auch wenn er die Musik von diesen Typen aus Seattle gar nicht so übel findet). Einen Fall, den er einmal in den Fingern hat, gibt er so einfach nicht ab – auch wenn er von seinen Vorgesetzten dazu aufgefordert wird und es gefährlich werden könnte. Diesmal pfeifen die Spatzen von den Dächern, dass es Bewegung bei den Konfliktparteien der „Troubles“ gibt. Friedensgespräche vielleicht. Doch natürlich gibt es auch die Falken, die auf keinen Fall der anderen Seite entgegenkommen wollen. Und einer dieser Falken ist Brendan O’Roarke.

Mit Sean Duffy bin ich ja nun schon eine Weile unterwegs und werde dieser Reihe nicht müde. Dieser Mischung aus Kriminalfällen voller Finesse und brisanter Action, dem historischen Hintergrund des Nordirland-Konflikts, dem Zeitgeist der 80er und frühen 90er und dem bissig-ironischem Sprachwitz gepaart mit einer lässigen Hauptfigur, kann man sich kaum entziehen. Sehr erfreulich, dass Autor Adrian McKinty und sein Übersetzer Peter Torberg im Laufe der Reihe auch ihre Form nicht verlieren. Somit ist auch „Alter Hund, neue Tricks“ wiederum ein richtig guter Kriminalroman geworden.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Alter Hund, neue Tricks | Erschienen am 29.09.2020 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47060-2
368 Seiten | 15,95 €
Originaltitel: Hang On St. Christopher
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezensionen von Gunnar zu Band 3 (Die verlorenen Schwestern), Band 4 (Gun Street Girl), Band 5 (Rain Dogs) und Band 6 (Dirty Cops) der Sean-Duffy-Reihe

Jürgen Heimbach | Die rote Hand

Jürgen Heimbach | Die rote Hand

Die Arbeit war nicht die, die Streich sich erhofft hatte, und Bommel kein Mensch, für den er Sympathie empfand, doch schon beim Grenzübertritt an einem kalten Aprilmontag im letzten Jahr hatte man ihn deutlich spüren lassen, dass auf einen wie ihn niemand wartete. Trotz Wirtschaftswunder und Wir-sind-wieder-wer war offenbar niemand bereit, ihm ordentliche und anständig bezahlte Arbeit zu geben. Er hatte den Kameraden, die ihm genau das vorausgesagt hatten, nicht geglaubt. Oder nicht glauben wollen. (Auszug, S.10)

Frankfurt 1959: Arnolt Streich ist nach Jahren in der Fremdenlegion nach Deutschland zurückgekehrt. Doch er erhält nur eine Anstellung als Wachmann in einem heruntergekommenen Werkstatt- und Garagenhof. Als ein Mordanschlag auf einen Waffenhändler verübt wird, spekuliert die Stadt über die Hintergründe. Hatte der Tote Waffen an die algerischen Befreiungskämpfer verkauft und war das sein Todesurteil? Streich will sich am liebsten aus allem heraushalten, doch er merkt bald, dass ihn die Vergangenheit einholt.

Streich merkt bald, dass er beobachtet wird – offenbar der französische Geheimdienst. Tatsächlich wird er auch bald kontaktiert: Die Franzosen brauchen Informationen von ihm, setzen ihn mit Details aus der Vergangenheit unter Druck. Streich kooperiert notgedrungen, immer noch im Glauben, sich aus den schmutzigen Details heraushalten zu können. Doch als ein weiterer Anschlag verübt wird, an dem auch eine Unbeteiligte ums Leben kommt und die Franzosen ihn nicht aus den Fängen lassen und ihm nahe stehende Personen bedroht werden, entscheidet sich Streich, die Initiative zu übernehmen.

Dabei tat er völlig unbeteiligt. Routine. So, wie Streich es selbst kannte, aus den Kellern. Als harmloser Beginn dessen, was folgen sollte. Und sie wussten alle, was folgen würde. Die Schreie derer, die vor ihnen in diesem Raum waren, hatten sich in ihre Ohren, in ihr Hirn eingebrannt. In jede Faser ihres Körpers. Deshalb hatten sie diesen Raum für die Verhöre ausgesucht, zwischen den Zellen, in denen man den Schreien nicht entgehen konnte. Tag für Tag. Nacht für Nacht. Für Streich war es eine Notwendigkeit. Im Krieg. Nichts Persönliches. Wie für die meisten. Es gab aber auch die anderen. Die taten es mit Begeisterung. (Auszug, S.153)

Protagonist Arnolt Streich ist einer von vielen deutschen Soldaten, die kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs von der Fremdenlegion rekrutiert wurden. Für die Franzosen war er in so manchem Konflikt seitdem im Einsatz. Sein Spitzname aus der Legion lautet „Quatre d’un coup“ – „Vier auf einen Streich“ – aus einer blutigen Episode des Indochinakriegs. Überhaupt hat Streich so manche Gräueltat miterlebt oder sogar selbst begangen, zuletzt im Algerienkrieg. Sein ganzes Erwachsenenleben war er mehr oder weniger Soldat im Krieg. Nun, zurück in Deutschland, muss er feststellen, dass man trotz Wirtschaftswunder auf jemanden wie ihn nicht gewartet hat. Sein Wachdienstjob bringt ihm zwar immerhin etwas Geld und ein Dach über den Kopf, unterfordert ihn aber total. Sein Leben scheint perspektivlos, ständig springen ihn Bilder aus der Vergangenheit in den Sinn. Er lebt in den Tag hinein und hört immerfort die gleiche Platte auf dem Plattenspieler: „Mon Légionnaire“ von Edith Piaf. Doch ein paar Lichtblicke gibt es: Streich besucht regelmäßig die Prostituierte Gesine, zu der er ein freundschaftliches Verhältnis aufbaut. Und er beschützt das herumstreunende junge Mädchen Lidia vor einer Jungenbande und knüpft so ein zartes Band mit dem Mädchen.

„Die rote Hand“ erzählt eine fiktive Geschichte mit realem Hintergrund. In den 1950er Jahren verübte die vom französischen Geheimdienst getragene Organisation „La main rouge“ zahlreiche Terroranschläge auf Kader und Unterstützer der algerischen Befreiungsorganisation FLN. Unter anderem wurden auch in Deutschland Anschläge verübt, so etwa der hier zu Beginn des Romans erwähnte Anschlag auf den Waffenhändler Purchert im März 1959 in Frankfurt, bei dem dieser ums Leben kam. Aus Staatsräson gab es damals keine ernsthaften Ermittlungen der deutschen Behörden. Autor Jürgen Heimbach ist so etwas wie ein Spezialist für (noch) unverbrauchte historische Stoffe. Seine Trilogie um Kommissar Koch spielte bereits in den Nachkriegsjahren des zweiten Weltkriegs. Nun ist er noch einige Jahre weiter voran gegangen und erzählt eine heutzutage wenig präsente Nachkriegsepisode.

„Ein Roman, der niemanden unberührt lässt“, „schnörkellos und dennoch poetisch.“ So lautet das Urteil der Glauser-Preis-Jury, die Jürgen Heimbach für „Die rote Hand“ in diesem Jahr den Glauser-Preis für den besten Kriminalroman verlieh. Diese Auszeichnung hatte mich nochmal auf den Roman aufmerksam gemacht und ich habe es keinesfalls bereut. Das Setting ist gelungen, die Spannung steigert sich stetig. Die Stimmung ist eher melancholisch bis rau, genau wie die Hauptfigur des einsamen Legionärs, der sich in der Heimat nicht mehr zurechtfindet. Heimbach bleibt auch eng bei seiner Figur und erzählt über eine personellen Erzähler aus dessen Sicht. Dabei strömen immer wieder unvermittelt Bilder aus der Vergangenheit auf Streich ein und vermischen sich mit der realen Situation, was auch textlich ohne Übergang so vom Autor sehr gekonnt umgesetzt wird und den Leser an der einen oder anderen Stelle überrascht. Ebenfalls prominent wird auch die Musik im Roman eingesetzt, neben der Piaf auch einige Jazztitel der 1950er Jahre. Insgesamt also ein wirklich empfehlenswerter Kriminalroman.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Die rote Hand | Die Taschenbuchausgabe erschien am 29.09.2020 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-20899-5
288 Seiten | 13,95 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Max Annas | Morduntersuchungskommission. Der Fall Melchior Nikoleit (Band 2)

Max Annas | Morduntersuchungskommission. Der Fall Melchior Nikoleit (Band 2)

Als sie die Tür geschlossen hatten und wieder mit Thomas Schuster allein waren, stellte sich Rolf vor den Tisch, beide Hände aufgestützt, und ließ sich etwas Zeit. Er fletschte die Zähne, als er anfing zu reden. „Und wie stehst du zur Deutschen Demokratischen Repubik?“
Der Junge öffnete den Mund, atmete schnell, formte ab und zu die Lippen, um einen Ton zu sagen, und sprach dann trotzdem kein Wort. Als er in Tränen ausbrach, verließen sie den Raum wieder. (S.145)

Jena, Bezirk Gera, Deutsche Demokratische Republik, 1985: Melchior, Sohle, Biber und Julia sind vier junge Leute, die sich als „blank generation“ fühlen und gebannt auf die Punk-Kultur des Westens blicken. Sie wollen sich auch ein wenig abheben von der angepassten Gesellschaft der DDR und gründen ihre eigene Punkband mit dem Namen „Ernteeinsatz“. Doch wenig später wird Melchior ermordet in einem Möbellager seines Vaters aufgefunden. Die Morduntersuchungskommission ermittelt zunächst in Melchiors direktem Umfeld. Neben seinen Bandkollegen erscheint auch Melchiors Vater verdächtig.

Michael Nikoleit ist Antiquitätenhändler, der regelmäßig in den Westen fahren darf, um dort seine Waren zu verkaufen und der DDR Devisen einzubringen. Dennoch oder gerade deswegen ist er der DDR-Obrigkeit suspekt. Hinzu kommt, dass er und sein Sohn heftige Auseinandersetzungen hatten. Aber noch andere Dinge kommen im Laufe der Ermittlungen zu Tage. Eine Einbruchsserie rund um Jena hat offenbar einen Bezug zum Fall. Bei einem Einbruch in eine Datsche von Erich Marder, Bibers Vater und hoher Offizier der Volksarmee, wurde eine Fotografie entwendet, die eine unrühmliche Vergangenheit Marders enthüllen könnte. Und über allem schwebt die Staatssicherheit, die die jungen Punker überwacht und offenbar Melchior als IM angeworben hatte.

„Aber was mache ich mit dem Marder?“
„Was ist denn die Maßgabe in der Morduntersuchungskommission Gera?“
„Dass es der Marder nicht gewesen sein kann.“
„Dann kann er es eben nicht gewesen sein. Das ist eine Frage der politischen Erfahrung. Vielleicht sollte ich besser sagen: der politischen Weisheit.“
Otto ballte die rechte Hand zur Faust. Er verspürte große Lust, sie dem Bruder ins Gesicht zu schlagen. (S.276)

Auf vier Bände ist die Reihe um Oberleutnant Otto Castorp der Volkspolizei angelegt. Castorp ist ein gewissenhafter Beamter, der sich mit der DDR zwar insgesamt arrangiert hat, aber bei Fehlern und Heuchelei im System nicht unbedingt wegsieht. Dies wurde bereits im ersten Band klar, als er am Ende zu einem Akt der Selbstjustiz griff und nun in diesem Band feststellen muss, dass seine Tat nicht unbeobachtet geblieben ist. Er spürt das Damoklesschwert über sich und muss fürchten, an irgendeinen beliebigen Zeitpunkt für seine Tat belangt zu werden. Privat war er im ersten Band fremdgegangen und dabei an eine IM der Stasi geraten. Nun verdächtigt Castorp seine Frau des Ehebruchs, ohne dies beweisen zu können. Insgesamt bleibt die familiäre Situation angespannt. Sein Bruder Bodo ist ein hohes lokales Tier bei der Stasi, grundsätzlich linientreu, aber hier und da für Otto hilfreich.

Sehr gut hat mir die Gliederung des Romans gefallen. Hauptsächlich wird aus zwei Perspektiven erzählt: Otto Castorp als personaler Erzähler in der 3.Person und Julia Frühauf aus der Ich-Perspektive. Dabei begleiten wir Castorp durch die Ermittlungen, seine privaten Probleme und die schwierige Lage im Team der Morduntersuchungskommission mit unterschiedlichen Charakteren (auch im Bezug zur DDR), den unterschiedlichen polizeilichen Herangehensweisen und der stetigen Anpassung an politische Gegebenheiten. Julia, eine Pfarrerstochter, hingegen erzählt in Rückblicken von der Band, von ihrer Liebe zu Melchior, von dem diffusen Gefühl des Abgehängtseins, den kleinen Momenten des Aufbegehrens bis hin zur harten Gegenreaktion der Staatsmacht.

Überhaupt ist dies erneut ein zentrales Motiv des Romans: Die Allgegenwärtigkeit des Staates bis hin in die Familien. Nichts ist privat, alles ist politisch. Max Annas beschreibt ein interessantes Porträt der DDR-Gesellschaft in den 1980ern, das sehr stimmig wirkt. Ingesamt setzt dieser zweite Band das hohe Niveau des Auftakts fort.

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Morduntersuchungskommission. Der Fall Melchior Nikoleit | Erschienen am 21.07.2020 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-00133-9
336 Seiten | 20,- €
Bibliografische Angaben und Leseprobe

Weiterlesen: Noras Rezension zu Band 1 „Morduntersuchungskommission“