Kategorie: Gunnar Wolters

Yassin Musharbash | Russische Botschaften

Yassin Musharbash | Russische Botschaften

„Doch, wir entscheiden das. Hier und jetzt. Ich hab das genau genommen schon entschieden. Und das Dritte Geschlecht entscheidet in dieser Sache gar nichts.“
„Sagen Sie mal, haben Sie … ein Drogenproblem, von dem ich nichts weiß? Haben Sie Fieber? Sie sie eventuell…“
„…Erlinger!!“
„Ja?“
„Erlinger, das Dritte Geschlecht steht auch auf dieser Liste!“. (Auszug E-Book Pos.1426)

Die Journalistin Merle Schwalb von Nachrichtenmagazin „Globus“ steht vor einem großen Karrieresprung. Sie ist mit Arno Erlinger verabredet, renommierter Investigativjournalist, Chef der kleinen, aber feinen Recherche-Einheit „Die drei Fragezeichen“ innerhalb der „Globus“-Redaktion, der ihr einen vakanten Platz bei den „Drei Fragezeichen“ anbietet. Mitten in der Verabredung in einem arabischen Restaurant in Neukölln, fällt ein Mann von einem Balkon oberhalb des Restaurants und bleibt tot auf dem Asphalt liegen. Damit hat Merle Schwalb bereits ihren ersten Recherchefall. Denn im Polizeibericht wird nur ein Unfall ohne Fremdverschulden mit einem Schwerverletzten vermerkt. Doch Schwalb ist sich sicher, dass der Mann tot war und ziemlich bald findet sie heraus, dass der Mann Anatoli Nowikow hieß, Russe – Mitarbeiter der russischen Botschaft und V-Mann des Verfassungsschutzes.

Kurze Zeit später beginnt Schwalb eine Affäre mit Timur Zossen, ein Kollege bei der „Norddeutschen Zeitung“. Er erzählt ihr im Vertrauen, dass er über einen Mittelsmann von einem Mitarbeiter der russischen Botschaft eine Liste mit 25 Deutschen erhalten hat, die von den Russen bezahlt werden, um in Deutschland russische Position zu unterstützen. Ein Großteil der Liste ist allerdings noch verschlüsselt. Merle Schwalb ist schnell klar, dass diese Liste von ihrem ominösen Toten stammt. Timur Zossen hat allerdings noch ein weiteres Problem: Einer der Namen ist ein Kollege in der „Norddeutschen Zeitung“. Und der Hammer: Die Herausgeberin des „Globus“, Adela von Steinwald, genannt „Das Dritte Geschlecht“, ist ebenfalls darauf. Zossen und Schwalb schlagen eine Kooperation beider Redaktionen vor und tatsächlich finden sich sieben Journalisten beider Häuser in einem kleinen brandenburgischen Ort zu einer geheimen gemeinsamen Recherche zusammen.

Autor Yassin Musharbash ist erfahrener Journalist, aktuell bei der „Zeit“, und ein ausgewiesener Experte für den arabischen Raum und Terrorismus. Thematisch waren seine ersten beiden Romane „Radikal“ und „Jenseits“ auch in dieser Richtung ausgerichtet. Immer gut in der Vita eines Thrillerautors macht sich auch die Tatsache, dass Musharbash eine Zeitlang als Rechercheur für den großen John le Carré gearbeitet hat. Ein Zitat aus le Carrés „Eine Art Held“ stellt er seinem neuen Thriller „Russische Botschaften“ auch voran. Thematisch bewegt der Autor sich weg von Islamismus und Terrorismus hin zu Fake News, Desinformation und dem zunehmend schwierigen Geschäft des politischen Journalismus in den aktuellen Zeiten.

Das gemeinsame Rechercheteam findet nämlich einige Ungereimtheiten auf der ominösen Liste heraus: Einige Daten auf der Liste führen ins Nichts, andere sind offenbar Ablenkung, wiederum andere scheinen zu stimmen. Über einen Informanten erfahren die Journalisten auch von den Absichten des russischen Geheimdienstes GRU, bei dem Nowikow offenbar angestellt war, und anderer Kreml-naher Player. Je länger die Recherchen dauern, umso mehr geraten die Journalisten selbst in den Strom der Desinformation und Gegenkampagnen. Denn ihre Gegner sind extrem gut aufgestellt.

„Russische Botschaften“ ist ein spannender und sehr informativer Thrilller, bei dem die Leser von einem ausgewiesenen Experten in die Abläufe des Investigativjournalismus eingeführt werden. Wir dürfen Redaktionssitzungen und mühsamer Recherche beiwohnen. Und man merkt schnell, dass eine Story auch für den Journalisten selbst schnell zu Sprengstoff für die eigene Karriere werden kann. Die Wahl der Hauptperson bringt nochmal eine zusätzliche Ebene hinein. Merle Schwalb ist keine unerfahrene Journalistin mehr, trotzdem wird sie von den Kollegen tendenziell unterschätzt, wird von der Herausgeberin aufgefordert, „sich Eier wachsen zu lassen“. Sie wird aber die treibende Kraft dieser Recherche, die die Journalisten an ihre Grenzen und zunehmend in Gefahr bringt. Insgesamt ist dieser Thriller ein wirklich kluger und spannender Roman, der viel Informatives über die aktuelle Situation des politischen Journalismus bereithält.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Russische Botschaften | Erschienen am 19.08.2021 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-00096-2
400 Seiten | 16,- €
als E-Book: ISBN 978-3-462-30261-5 | 12,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Dominique Manotti | Hartes Pflaster

Dominique Manotti | Hartes Pflaster

Im Spätsommer 1993 hat die 50jährige französische Historikerin Marie-Noëlle Thibault einen Auftrag für eine Artikel in einer Fachzeitschrift. Thibault ist promovierte Historikerin, hat als Lehrerin gearbeitet und war in den 1970ern bis Anfang der 1980er als Gewerkschaftsfunktionärin aktiv. Sie ist ausgesprochen politisch, hat sich in den Algerienkriegen politisiert. Thibault ist politisch ausgesprochen links, doch sie ist schon zu Beginn der Präsidentschaft des Sozialisten François Mitterrand von den Machenschaften in der Sozialistischen Partei und der Gewerkschaft desillusioniert und wendet sich vom politischen Aktivismus ab. Sie arbeitet wieder als Historikerin, doch nach eigenen Angaben eher unmotiviert. Im August 1993 hat sie schließlich so etwa wie ein einschneidendes Erlebnis: Sie zieht als nächste Lektüre „L.A. Confidential“ von James Ellroy aus dem Regal und ist sofort begeistert. Thibault besorgt sich weitere Romane von Ellroy und fast irgendwann den Entschluss, selbst schreiben zu wollen. Als Thema für ihren Debütroman „Sombre Sentier“ wählt sie ein Ereignis aus, bei dem sie als Gewerkschafterin selbst involviert war: Den politischen Kampf der (meist türkischen) Textilarbeiter im Pariser Quartier Sentier 1980 um ihre Rechte und vor allem um Aufenthaltsgenehmigungen.

Die Lage für die türkischen Arbeiter im Viertel Sentier im zweiten Arrondissement ist im Jahre 1980 ziemlich prekär. Zum einen die Arbeitsbedingungen in den engen Wohnungen und Ateliers, zum anderen aber vor allem ihr Aufenthaltsstatus. Die allermeisten von ihnen sind Sans-Papiers, müssen ständig vor einer Ausweisung auf der Hut sein. Von den illegalen Arbeitern profitiert ein Großteil der Pariser Textilbranche, bis hin zu den hochrangigen Labels. Doch die Arbeiter beginnen sich zu solidarisieren, erste Versammlungen und Kundgebungen finden statt, was weder den französischen noch den türkischen Offiziellen gefällt. Führender Aktivist ist der Türke Soleiman. In der Türkei wird er wegen zweifachen Mordes gesucht, die der linke Aktivist auf der Flucht in einer Mischung aus Notwehr und Affekt begangen hat. Kommissar Théo Daquin weiß davon und hält sich Soleiman als Informanten und Affäre, die aber zunehmend ernst wird. Daquin ist Chef einer kleinen Einheit, die eigentlich das Ziel hat, Heroinschmuggelwege aus der Türkei nach Frankreich aufzudecken, und dazu umfangreiche Observierungen im Viertel durchführt. Doch dann wird in einem Atelier im Sentier die Leiche einer jungen Thailänderin, eine minderjährige Prostitiuerte, gefunden. Daquin soll hier ebenfalls ermitteln. Seine Einheit findet schnell heraus, dass die Tote aus einem privaten Video-Club mit hochrangigen Mitgliedern kommt. Daquin und seiner Männer geraten in eine heikle Gemengelage mit politisch-diplomatischem Sprengstoff.

Unter dem Pseudonym Dominique Manotti veröffentlichte Thibault den Roman „Sombre Sentier“ 1995 und hat sich damit von Beginn an in der vordere Riege der Autorinnen und Autoren des politischen französischen Kriminalromans, des Polar, katapultiert. Die Anklänge an James Ellroy sind nicht zu übersehen. Manotti schreibt in einem verknappten, nüchernen Stil, zudem im Präsens. Kein Wort ist zu viel. Sie schreibt nüchtern, fast dokumentarisch, wechselt die Perspektiven. In „Hartes Pflaster“ kommt noch eine strenge Chronologie hinzu. Politisch stehen Manotti und Ellroy allerdings auf unterschiedlichen Planeten. Manotti verwebt hier in ihrem Debütroman wie auch in ihren weiteren Werken Fakten und Fiktion zu einem extrem realistischen Stil. „Sätze wie Maschinengewehrfeuer“, meint Thomas Kürten, Krimi-Couch-Redakteur. Arbeitskämpfe der Sans-Papiers, Schwarzarbeit, Aktivitäten türkischer Rechtsradikaler, Drogen- und Waffenschmuggel unter Beteiligung europäischer Finanzinstitute, illegale Prostitution, Korruption und diplomatische Verwicklungen. Selbst der spätere Papstattentäter Ali Ağca hat einen Auftritt. Manotti rast den Leser atemlos durch den Plot. Der ist ziemlich komplex, dass selbst ich dieses Mal kurz davor stand, mir Notizen zu machen.

„Das Paket, das Sener ihr gestern mitgebracht hat, befindet sich im Schreibtisch der Werkstatt von Berican. Wenn sie es mir gestatten, würde ich heute Nacht nicht länger als eine Viertelstunde benötigen, um herauszufinden, was es enthält.
„Das werde ich Ihnen natürlich nicht erlauben. Machen Sie es, ohne dass ich etwas davon weiß. Und lassen Sie sich nicht erwischen. (Romero und Lavorel grinsen sich an)“ (Auszug S.190-191)

In „Hartes Pflaster“ hat auch Théo Daquin seinen ersten Auftritt. Der schwule / bisexuelle Kommissar mit Stil, Ehrgeiz und Durchsetzungsvermögen wird in zahlreichen weiteren Romanen Manottis auftauchen. Manotti setzt auch bei den Polizisten ihren Stil durch und bringt Dinge wie Korruption, Gewalttätigkeit, Sexismus und Übergriffigkeit in die Schilderungen ein. Selbst Daquin bewegt sich hin und wieder deutlich über den Bereich der Grauzone hinaus, wenn der Zweck die Mittel heiligt.

Wer sich gerne in Krimis mit politischen Dingen auseinandersetzt, wird meines Erachtens irgendwann an Dominique Manotti nicht vorbeikommen. Sie steht für einen sehr realistischen Roman noir, der historische Ereignisse fiktionalisiert und dabei konkrete Gegenwartsbezüge herstellt. Der Debütroman „Hartes Pflaster“ zeigt dabei eine Autorin, die ihren weiteren Weg schon deutlich gefunden hat. Mit einer dokumentarischen Kühle bringt Manotti gesellschaftliche und politische Missstände auf den Seziertisch. In „Hartes Pflaster“ mag es dabei hier und da vielleicht noch etwas zu hektisch zugehen, allerdings ist auch die Realität komplex, wie soll der politische Roman das anders abbilden können. Jedenfalls ist dieser Roman immer noch eine empfehlenswerte Lektüre und durch die Bedeutung der Autorin im Genre bis heute schon eigentlich ein Klassiker.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Hartes Pflaster | Erstmals erschienen 1995
Die deutsche Übersetzung erschien 2004 bei Assoziation A (gerade in neuer 6. Auflage erschienen)
ISBN 978-3-86241-411-6
312 Seiten | 14,- €
Originaltitel: Sombre Sentier (Übersetzung aus dem Französischen von Ana Rhukiz)
Bibliografische Angaben

Weiterlesen I: Double-Feature zu Dominique Manotti auf Crimemag (2011)

Weiterlesen II: Weitere Rezensionen zu Romanen von Dominique Manotti

Eloísa Díaz | 1981

Eloísa Díaz | 1981

„Um es zusammenzufassen“, sagte Alzada, bevor sich die Situation in eine Seifenoper verwandelte: „Ich bin gewillt, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten, aber dazu brauche ich zumindest einen winzigen Hinweis darauf, dass es sich um ein Verbrechen handeln könnte. Haben Sie irgendetwas für mich?“ […]
„Es ist schwer zu erklären.“ Ihr aufmüpfiger Ton von vorher war wie weggeblasen. Sie beugte sich vor und legte die Hände auf Alzadas Schreibtisch. French Manicure, Verlobungsring mit Diamant, darüber ein goldener Ehering. „Inspektor – ich weiß nicht, ob Sie Geschwister haben – aber falls Sie welche haben, kennen Sie das Gefühl vielleicht? Das Gefühl, sich Sorgen zu machen? Das Gefühl … es einfach zu wissen?“
Alzada kannte es. (Auszug S. 47-48)

Dezember 2001: Argentinien steckt in einer tiefen Wirtschafts- und Finanzkrise. Hoher Inflation. Zuletzt wurden die Möglichkeiten, Bargeld abzuheben, massiv eingeschränkt. Es gibt inzwischen große Proteste gegen die Regierung des Präsidenten de la Rúa. Diese werden zunehmend gewalttätig auf beiden Seiten geführt. Die Polizei in Buenos Aires ist in Alarmbereitschaft, alle verfügbaren Kräfte werden mobilisiert.

So kommt es, dass Inspektor Joaquín Alzada sich plötzlich mit einer Leiche und einer Vermisstenanzeige herumschlagen muss. Alzada gehört eigentlich dem Diebstahlsdezernat an, ist kurz vor der Pensionierung und wird aufgrund vergangener Ereignisse von seinem Chef von solchen Ermittlungen eigentlich ferngehalten. In der Rechtsmedizin begutachten er und sein Hilfsinspektor Estrático die übel zugerichtete Leiche einer jungen Frau, abgelegt in einem Müllcontainer. Wenig später nehmen sie im Kommisariat eine Vermisstenanzeige auf, die man nicht so leicht zu den Akten legen kann. Eine Frau aus einer der reichsten Familien Argentiniens meldet ihre Schwester als vermisst. Die Beschreibung der Vermissten könnte auch auf die Leiche zutreffen, doch Alzada ist noch vorsichtig. Er stellt gemeinsam mit Estrático Nachforschungen an und findet heraus, dass die Vermisste zuletzt in einen Wagen eines Parlamentsabgeordneten eingestiegen war und seitdem nicht mehr gesehen wurde. Alzada wird zurückgepfiffen, eigentlich soll er gar nichts weiter unternehmen. Der Polizeipräsident, ein alter Freund, befiehlt ihm sogar, den Fall abzugeben, doch die Ereignisse rundherum beeinflussen Alzadas Entscheidungen.

Denn vor genau zwanzig Jahren gab es bereits ein einschneidendes Ereignis in Alzadas Leben. Nach und nach erfährt man die Details: Alzada war damals ein aufstrebender Inspektor in der Polizei. In der damaligen Militärdiktatur versuchte er, sich aus allem herauszuhalten, sich nicht an Menschenrechtsverletzungen zu beteiligen. Dafür hat er aber auf aktiven Widerstand gegen das Regime verzichtet, ganz im Gegensatz zu seinem kleinen Bruder Jorge, Dozent und Gewerkschafter. Er mischt in der Opposition mit, Alzada versucht ihn immer wieder zu warnen, hat ihn auch das eine oder andere Mal herausgeboxt. Doch dann, in einer Nacht Anfang Dezember 1981, kommen sie seinen Bruder holen.

Zwei Ereignisse aus der jüngeren argentinischen Geschichte verbindet die Autorin Eloísa Díaz in ihrem Debütroman: Die Militärdiktatur Mitte der 1970er bis Anfang der 1980er Jahre mit dem Schicksal der Desaparecidos und die Argentinienkrise um die Jahrhundertwende, kulminierend Ende 2001. Díaz, als Tochter argentinischer Eltern, ist übrigens im Ausland geboren und aufgewachsen und hat ihren Roman in englischer Sprache verfasst.

Verbunden werden die Ereignisse in den Personen des Juaquín Alzada, Inspektor der Polizei, seiner Frau Paula (die eher im Hintergrund bleibt und doch merkt man an verschiedenen Stellen, dass sie die Familie in der Spur hält), und noch einer dritten Person: Sorolla, ihr Neffe, der bei den beiden aufgewachsen ist, nachdem seine Eltern 1981 verschleppt wurden. Die Autorin erzählt in Rückblenden von zwei Tagen aus dem Jahr 1981: Jorge Alzada seine Frau Adela werden von der Geheimpolizei aus ihrer Wohnung verschleppt und Juaquín versucht alles, um das Schicksal seines Bruders zu klären, wagt sich sogar (ein sehr beeindruckendes Kapitel) in das berüchtigte Foltergefängnis ESMA. Und doch muss sich Juaquín am Ende fragen, ob er alles getan hatte, um das Ganze zu verhindern. Zwanzig Jahre später ist scheinbar wieder eine ähnliche Situation eingetreten, die Menschenmassen demonstrieren gegen die Regierung, die Staatsgewalt schlägt zurück. Droht erneut eine Diktatur? Wie wird sich Juaquín, der sich schon innerlich auf die Rente vorbereitet hat, diesmal verhalten? Und was für einen Eindruck hinterlässt er bei seinem Ziehsohn Sorolla, der als junger Mann sich natürlich den Demonstranten anschließen will? Eloísa Díaz bleibt dabei fast ausschließlich bei der Perspektive von Juaquín Alzada, dessen Gedanken hier und da auch in kursiver Schrift einfließen. Die erzählte Zeit im Jahr 2001 beschränkt sich auf einen einzigen Tag, den 19.12.2001, Höhepunkt der Proteste des Cacerolazo gegen die Regierung de la Rúa.

So wird dieser Roman, der mit einem Kriminalfall begonnen hatte, immer mehr zu einer Familien- und Gesellschaftsstudie um die Fragen von Vergangenheitsbewältigung, um Haltung und Selbstachtung in Zeichen gesellschaftlicher Krisen und Umwälzungen. Dabei ist der Roman vor allem bei den Rückblicken ins Jahr 1981 packend. Allerdings wird der Krimiplot im Jahr 2001 dafür zum Ende hin ein wenig stiefmütterlich behandelt. Zudem will die Autorin hin und wieder dem Leser zu viel erklären. So überzeugt der Roman dann auch weniger in den genretypischen Teilen, sondern eher in der Beleuchtung der familiären Situation der Alzadas und in der Reflexion auf die gesamte Gesellschaft Argentiniens in Zeiten der Krise. Insofern ein interessanter und lesenswerter Roman mit leichten Abzügen in der B-Note.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

1981 | Erschienen am 02.06.2021 im Verlag Hoffmann & Campe
ISBN 978-3-455-01094-7
320 Seiten | 23,- €
Originaltitel: Repentance (Übersetzung aus dem Englischen von Mayela Gerhardt)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Beth Ann Fennelly & Tom Franklin | Das Meer von Mississippi

Beth Ann Fennelly & Tom Franklin | Das Meer von Mississippi

Der Boden unter seinen Füßen schien zu galoppieren, er rappelte sich auf und stolperte durch die Tür, die schief in den Angeln hing und gegen die Wand geschmettert wurde, ebenfalls schief, und draußen wälzte sich ein Brüllen und Tosen durch den Flur, als würde jedes Lebewesen auf Erden kreischen. Er hastete über die Treppe, die schwankte wie in einer verrückten Attraktion auf dem Jahrmarkt, nach oben und durch die Feuertür aufs Dach, wo der Kies auf der Teerpappe hüpfte. Es war das Ende, der Anfang vom Ende, das Ende vom Ende, es war die seit Tagen und Nächten von allen gefürchtete, von allen erwartete Flut. (Auszug S.288)

Im aktuellen Gedächtnis der Amerikaner und der restlichen Welt ist vor allem der Hurrikan Katrina als herausragende Naturkatastrophe auf dem Gebiet der USA präsent. Der Hurrikan richtete Ende August 2005 sehr große Schäden entlang der Golfküste an und inspirierte dabei auch Autorinnen und Autoren wie James Lee Burke, Dave Eggers oder Jesmyn Ward. Ein wenig verblasst ist die Erinnerung an die vielleicht verheerendste Katastrophe, die Mississippiflut 1927. Aufgrund extremer Regenfälle im gesamten Flussgebiet des Misssisippi und seiner Nebenflüsse kam es zu extremem Hochwasser, zahlreiche Dämme brachen und eine Fläche von 70.000 km² wurde überflutet. Es kam auch zu gesellschaftlichen Verwerfungen, mehr als 700.000 Menschen wurden evakuiert, es setzte vor allem bei der afroamerikanischen Bevölkerung eine neue Migrationswelle in die Ballungsgebiete des Nordostens ein. Diese Katastrophe bildet den Hintergrund des Romans.

Im Jahr 1927 ist die Prohibition noch Gesetz und die amerikanischen Behörden schicken sogenannte Prohibitionsagenten durchs Land, um das Alkoholverbot durchzusetzen. So auch in die kleine Stadt Hobnob im Bundesstaat Mississippi, die in einer Flussschleife des Mississippi liegt. Doch nach einiger Zeit fehlt von zwei Agenten jede Spur, sodass Minister Hoover zwei weitere Beamten hinterschickt, um die Sache aufzuklären, am besten sogar den Mörder festzunehmen, da man damit rechnet, dass die beiden Agenten ermordet wurden. Ted Ingersoll und Ham Johnson machen sich auf den Weg nach Hobnob und finden schon bald heraus, wer dort in Sachen Whiskeybrennerei das Sagen hat.

Doch zunächst werden die beiden aufgehalten, als sie an einem Laden vorbeikommen, bei dem ein Überfall gründlich schief gegangen ist. Sowohl der Verkäufer als auch das Ehepaar, das den Laden überfallen hatte, sind bei der Schießerei ums Leben gekommen. Zurückgeblieben ist ein wenige Monate alter Junge, offensichtlich der Sohn des kriminellen Paars. Ingersoll, selbst als Waise aufgewachsen, nimmt das Kind an sich und will es ins Waisenhaus im nächsten Ort geben. Angesichts der dortigen Verhältnisse schreckt er vor der Übergabe zurück, fragt sich weiter durch und landet schließlich in einem etwas ablegenen Haus am Wald bei der jungen Dixie Clay Holliver. Ingensoll findet die Frau sympathisch und lässt das Kind mit gutem Gewissen bei ihr. Was er nicht ahnt: Dixie Clay betreibt in einem Schuppen im Wald sehr erfolgreich Schwarzbrennerei. Ihr Mann Jesse hat einen höchst erträglichen Vertrieb aufgebaut, bezahlt einige hochrangige Persönlichkeiten fürs Wegsehen und ist sowas wie der heimliche Herrscher der Gegend – und der Hauptverdächtige für das Verschwinden der beiden Prohibitionsagenten.

Auf der Straße wünschte er, er hätte sein Hemd gewechselt, das ihm schweißnass am Rücken klebte. Andererseits war das auch egal, denn es regnete wieder. Er kam am Eisenwarenladen vorbei, wo ein Schild warnte: Regenschirme, Regencapes und Galsoschen sind aus. Und darunter, in einer anderen Handschrift: Karbidlampen ebenso. Und darunter, in einer wieder anderen: Und Hoffnung. (Auszug S.239)

Die zentralen Figuren des Romans sind zum einen der Agent Ingersoll, der im Vergleich zu seinem Partner eher der emotionalere Typ ist. Ingersoll ist verantwortungsvoll und setzt sich für das gefundene Baby ein. Bei Dixie Clay ist er sich sicher, ein gutes Zuhause für das Waisenkind gefunden zu haben. Mehr noch, er fühlt sich direkt zu ihr hingezogen, nicht ahnend, dass dies beide in arge Schwierigkeiten bringen würde. Zum anderen Dixie Clay. Die junge Frau ist in ihrer Ehe desillusioniert und immer noch voller Trauer wegen des frühen Todes ihres Erstgeborenen. Mit dem Kind, das Ingersoll ihr bringt und das sie Willy tauft, gewinnt sie neuen Lebensmut und ihre Muttergefühle brechen umso mehr hervor.

Über allem schwebt jedoch der bedrohliche Mississippi, der immer mehr anschwillt. Die Deichingenieure fragen sich nur noch, wann die Deiche brechen, nicht mehr ob. Es ist ein verlorener Wettlauf gegen die Zeit und einige Profiteure versuchen noch, etwas aus der Situation herauszuschlagen. Ein Dammbruch an der richtigen Stelle könnte die Besitztümer anderer vielleicht verschonen. Schon gilt es auf den Deichen nicht nur den Fluss, sondern auch Saboteure im Auge zu behalten.

Vielleicht sollte ich am Anfang meiner Beurteilung erstmal eines klarstellen: Ein Kriminalroman ist „Das Meer von Mississippi“ für meinen Geschmack nicht, auch wenn ich das Genre eigentlich sehr weit auslege. Im Grunde genommen ist das hier ein historischer Roman, über Schwarzbrennerei, Prohibition, Korruption, Opportunismus, Rassismus, den Blues und vor allem auch über Vertrauen und Liebe. Vor zwei Jahren habe ich den allseits beliebten Roman „Der Gesang der Flußkrebse“ wegen seiner Klischees und seines Kitschs verrissen. Eine befreundete Leserin warnte mich in diesem Zusammenhang etwas vor diesem Roman. Und ja, es wird zwischenzeitlich doch arg gefühlsduselig. Ein wenig hört man auch am Mississippi die Flußkrebse singen.

Dem Ehepaar Beth Ann Fennelly und Tom Franklin gelingt allerdings durch die Schilderungen der Schauplätze, der Natur und der Ereignisse der Katastrophe eine packende und überzeugende Atmosphäre zu kreieren, die den Leser packt. Auf die Aufklärung eines Kriminalfalls, wie zu Beginn des Plots angedeutet oder eine Auseinandersetzung mit den korrupten Verhältnissen vor Ort wird dann leider doch eher verzichtet und auf das Trio Ingersoll, Dixie Clay und Willy gesetzt. Das finde ich dann bei einem Roman, auf dem vorne Heyne Hardcore prangt, doch etwas schade. So gibt es von mir nur eine durchschittliche Bewertung.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Das Meer von Mississippi | Erschienen am 24.05.2021 bei Heyne Hardcore
ISBN 978-3-453-27285-9
384 Seiten | 22,- €
Originaltitel: The Tilted World (Übersetzung aus dem Englischen von Eva Bonné)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2021

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2021

Unsere Kurzrezensionen zum Ende Juni 2021

 

Stephen Mack Jones | Der gekaufte Tod

Nach einer Art Sabbatical kehrt August Snow zurück in seine Heimatstadt Detroit. Dort war er von seinem Arbeitgeber, dem Detroit Police Department, gekündigt worden, als er Korruption vom Bürgermeister und hohen Vertretern von Polizei und Stadtverwaltung öffentlich machte. In einer Zivilklage konnte August allerdings eine Millionensumme erstreiten, die ihn nun finanziell unabhängig macht. Kaum ist er wieder im Land, will die exzentrische Milllionärin Eleanor Paget August engagieren, um Unregelmäßigkeiten in ihre Bankhaus aufzuklären. Doch August lehnt den Job ab. Wenig später ist Eleanor Paget tot, der vermeinliche Selbstmord entpuppt sich schließlich als Mord. Augusts schlechtes Gewissen meldet sich, sodass er nun doch den Hintergründen auf die Spur geht. Dabei sticht in erneut in ein Wespennest aus Korruption und organisiertem Verbrechen.

„Der gekaufte Tod“ ist der erste Teil einer Reihe um August Snow. Autor Stephen Mack Jones gewann hiermit direkt den renommierten Hammett Prize. Großer Pluspunkt des Thrillers sind die beiden Hauptfiguren – Augst Snow und Detroit. Snow ist Halb-Afroamerikaner, Halb-Mexikaner, ein sympathischer Kämpfer für Gerechtigkeit, der sich spielend in den verschiedenen Szenen Detroits bewegt und nach einer Perspektive für diese Stadt sucht, die arg gebeutelt wurde, aber bei der es bescheiden aufwärts geht. Der Plot ist eher solide, eine Art Jack-Reacher-Variation, bei der Snows Gegner aus dem kriminell-militärisch-(finanz)industriellem Komplex eher diffus bleiben. Auch die Kulinarik wird für meinen Geschmack etwas überbetont. Nichtsdestotrotz überzeugte mich der Roman vor allem bei Setting, Figuren und Tempo. Daher sicherlich lesenswert.

Der gekaufte Tod | Erschienen am 20.03.2021 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50477-4
338 Seiten | 17,- €
Als e-Book: ISBN 978-3-608-12079-0 | 13,99 €
Originaltitel: August Snow (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5,0
Genre: Noir/Hardboiled

 

Tom Franklin | Wilderer

Tom Franklin hat sich inzwischen auch im deutschsprachigem Raum als wichtiger Vertreter des Southern Gothic, der düsteren Country Noir-Variante der amerikanischen Südstaaten, etabliert – spätestens mit dem Roman „Krumme Type, krumme Type“, mit dem er 2019 den Deutschen Krimipreis gewann.

Der vorliegende Kurzgeschichtenband „Wilderer“ („Poachers“ im Original) erschien 1999 und waren das Debüt des Autors aus dem US-Staat Alabama, wo auch die Kurzgeschichten angesiedelt sind. Der Band beginnt mit der autobiografisch gefärbten Story „Jagdzeit“. Die Protagonisten der Geschichten sind allesamt Abgehängte , die zumeist den Glauben an einen guten Ausgang ihrer Lebensgeschichte schon aufgegeben haben oder sich den Gegebenheiten der ländlichen Provinz mit Wilderei, Alkohol und Von-der-Hand-in-den-Mund-Leben angepasst haben. So etwa der Besitzer einer Tankstelle im Hinterland, an die sich kaum jemand mehr verirrt, an der aber immer noch das ausgestopfte Nashorn steht, das irgendwann einmal Kunden angelockt hat. Oder der Typ, der davon abhängt, von seinem Bruder unliebsame Jobs zu bekommen, zum Beispiel einen Wurf Katzen zu entsorgen.

Herausragend ist die längste, die Titelgeschichte „Wilderer“, in dem drei junge Männer, archaisch sozialisiert und schon als Wilderer aufgewachsen, einen Wildhüter ermorden. Die örtliche Gemeinschaft ist zurückhaltend, hat den Männern bereits viel durchgehen lassen. Doch irgendjemand scheint Rache nehmen zu wollen. Insgesamt wieder eine überzeugende Veröffentlichung des kleinen, aber feinen Verlags Pulp Master. Manche Geschichte war für mich etwas kurz, um die volle Wirkung zu entfalten. Aber viele sind starke, düstere Porträts eines rohen US-Hinterlands.

Wilderer | Erschienen am 18.12.2020 bei Pulp Master
ISBN 978-3-946-58207-6
250 Seiten | 14,80 €
Originaltitel: Poachers (Übersetzung aus dem Englischen von Nikolaus Stingl)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Noir/Hardboiled

 

Sebastian Fitzek | Der Heimweg

Von Sebastian Fitzeks Bücher hatte ich mich nach einmaliger Lektüre eines Werkes ja schon eigentlich verabschiedet. Einfach nicht mein Ding, total überkonstruiert. Nun hatte ich ein aktuelles Werk geschenkt bekommen und dachte, na ja, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. War im Endeffekt Quatsch.

Ich hätte schon von Beginn an skeptisch sein sollen. Fitzek setzt vorweg zwei Zitate und eine Anmerkungen über die Gewalt an Frauen durch ihre Partner. Ein wirklich gutes Anliegen, dieses Problem literarisch zu verarbeiten. Doch dass Fitzek ein Zitat der BILD-Zeitung entnommen hat, macht dann doch skeptisch, ob er wirklich tief zu dem Thema recherchiert hat. Und der weitere Verlauf des Romans lässt die Skepsis dann relativ schnell in Gewissheit umschlagen. Eine Inhaltsbeschreibung erspare ich mir an dieser Stelle, der Plot ist einfach völlig abstrus und albern. Dabei hätte ein Autor mit einer derartigen Auflage tatsächlich auch mal eine wichtige Auseinandersetzung mit dem Thema „häusliche Gewalt“ bieten können. Aber darauf kommt es Fitzek nicht an, das Buch ist blosse Effekthascherei und Individualisierung des Bösen. Hätte ich mir aber auch fast vorher denken können. So war es vertane Lesezeit.

Der Heimweg | Erschienen am 21.10.2020 im Droemer Verlag
ISBN 978-3-426-28155-0
424 Seiten | 24,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 1 von 5;
Genre: Psychothriller

 

Daniel Wehnhardt | Zorn der Lämmer

1942 haben die Nazis auch im litauischen Wilna ihr Schreckensregime etabliert. Ein jüdisches Getto ist eingerichtet, erste Deportationen finden statt. Doch ein Teil der Juden ist nicht länger bereit, sich in der Opferrolle einzurichten. Der charismatische Abba Kovner gründet unter anderem mit seinen Freunden Vitka, Ruzka und Leipke eine Partisanengruppe. Sie ziehen in die Wälder, kooperieren mit anderen Partisanen und der roten Armee. Im Sommer 1944 gehören sie zu den Befreiern Wilnas. Doch damit sehen Abba und seine Freunde ihre Aufgabe nicht als erledigt an: Auge und Auge, Zahn um Zahn. Sie wollen weiter die Nazis, ja alle Deutschen zur Rechenschaft ziehen und sind bereit, sehr weit dafür zu gehen.

Zunächst mal bin ich sehr dankbar für diese Geschichtsstunde, denn die Details von Organisationen wie der Fareinikte Partisaner Organisatzije, der jüdischen Brigade und der Nakam war mir so noch nicht richtig bekannt. Mir war auch nicht bekannt, dass die Nakam einen Giftanschlag mit vergiftetem Brot auf ein Gefangenenlager mit SS-Angehörigen in Nürnberg nach Kriegsende verübt hatte (bei dem wohl niemand ums Leben kam). Für die Darstellung der historischen Fakten gebührt dem Autor auf jeden Fall Respekt. Der Roman selbst leidet für meinen Geschmack ein klein wenig an der Faktentreue, denn es wird viel nebenbei erläutert und an einigen Stellen kappt der Autor die Story an spannenden Stellen, um den weiteren Fortgang dann später in knappen Rückblenden zu erklären. Auch die Figuren kreisen fast fortwährend um Rache und Vergeltung und hätten noch mehr Tiefe vertragen können. Dennoch ein interessanter Blick in einen nicht so bekannten Abschnitt der Geschichte der Juden und des Holocaust.

Zorn der Lämmer | Erschienen am 07.04.2021 im Gmeiner Verlag
ISBN 978-3-8392-6817-0
352 Seiten | 14,- € (E-Book 10,99 €)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5;
Genre: Historischer Thriller

Fotos und Rezensionen 1-4 von Gunnar Wolters.

 

Stephen King | Später ♬

Auf ungewohnt wenigen Seiten oder als Hörbuch in ca. 7 ½ Stunden erzählt Stephen King von einem kleinen Jungen mit einer besonderen Gabe. Jamie Conklin kann Tote sehen und mit ihnen sprechen. Zumindest für eine kurze Zeit nach deren Ableben, bis sie verblassen. Und die Verstorbenen müssen immer die Wahrheit sagen. Ich dachte sofort an „The Sixth Sense“, aber mit dem Psychothriller hat „Später“ nur die Grundidee gemeinsam. Der Neunjährige lebt mal nicht Kingtypisch in einer ländlichen Kleinstadt sondern in New York City bei seiner alleinerziehenden Mutter Tia, einer Literaturagentin und die beiden verbindet ein inniges Verhältnis. Sie ist auch die einzige, die von seinen übernatürlichen Fähigkeiten weiß und dieses Geheimnis gut hütet. Durch die Finanzkrise gerät Tia in eine wirtschaftliche Notlage und dann verstirbt auch noch ihr profitabelster Klient überraschend vor Vollendung seiner heiß erwarteten Bestseller-Reihe. Tia beschließt, sich Jamies Begabung zu Nutze zu machen. Das ist aber nur der Aufhänger, denn als später Tias Lebensgefährtin Liz, eine Polizistin Jamies Gabe mehrfach für ihre Karriere missbraucht, bringt sie ihn in tödliche Gefahr.

Jamie schildert aus der Ich-Perspektive rückblickend die Geschehnisse. So erleben wir aus den Augen eines Kindes die Geschichte und fiebern mit ihm mit, erleben seine Ängste und Sorgen, begleiten ihn beim Erwachsenwerden. Das funktioniert bei King immer wieder und der sympathische Junge ist aufgrund seiner saloppen Jugendsprache und seinem Auftreten absolut authentisch.

Ich mag grade den von anderen manchmal kritisierten, ausschweifenden Stil von King, der seinen Romanen oft Intensität und Tiefe gibt. Deshalb hätte das Werk von mir aus gerne noch mehr Umfang haben können, machte auf mich aufgrund des episodenhaften Erzählstils fast den Eindruck einer etwas längeren Kurzgeschichte, die der Autor mal eben aus dem Ärmel geschüttelt hat. Andererseits fehlt nichts, nicht mal die eine oder andere Anspielung auf andere Werke. King weiß auch hier auf seine unnachahmliche Art zu fesseln und der solide Mix aus Horrorstory, Crime und Coming-of-Age-Geschichte ist unterhaltsam, wenn auch nicht von atemberaubender und nervenzerfetzender Spannung. Vermutlich ist für mich das von David Nathan mal wieder hervorragend interpretierte Hörbuch die bessere Wahl als das Printexemplar. Nathan kann einfach perfekt die Stimmung, die Emotionalität und den subtilen Horror, der hier bei den grausigen Beschreibungen der gewaltsam zu Tode gekommenen entsteht, transportieren.
Ich könnte mir auch eine Fortsetzung vorstellen, eventuell spielt der Titel ja darauf an.

Später | Erschienen am 15.03.2021 bei Random House Audio
ISBN 978-3-8371-5537-2
1 MP3-CD | 22,- Euro
Originaltitel: Later (ungekürzte Lesung von David Nathan der Übersetzung aus dem Englischen von Bernhard Kleinschmidt)
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Thriller

Foto und Rezension 5 von Andy Ruhr.