Kategorie: Gunnar Wolters

David McCloskey | Moskau X (Band 2)

David McCloskey | Moskau X (Band 2)

Die internationalen Auseinandersetzungen gehen auch nicht spurlos an Russlands Elite vorüber. Auch im Lager der regimeunkritischen Oligarchen ist die Lage angespannt. In Sankt Petersburg werden die Goldreserven der Bank Rossija von einem General des FSB abgeholt – oder sollte man sagen, geraubt? Er handelt im Auftrag von Wassili Gusew, genannt Goose, einer der engsten Berater Putins. Bankinhaber Andrei Agapow glaubt jedoch nicht, dass Putin davon Kenntnis hat, sondern Goose das Gold für sich selbst abzweigt. Doch ohne stichhaltige Beweise kann er nicht beim Staatschef vorstellig werden. Selbst mit wird es heikel. Seine Tochter Anna ist Agentin des SWR, des Auslandsgeheimdienstes, und findet schnell eine Spur des Goldes zu einer Kanzlei in London, die sich auf Offshore-Konten und Briefkastenfirmen spezialisiert hat. Zuständige Anwältin in London ist ausgerechnet Hortensia, genannt Sia, Fox, die von der CIA angeworben wurde.

In Langley sieht die Führungsoffizierin und neue Chefin der Abteilung „Moskau X“, Artemis Procter, eine einmalige Gelegenheit, als Anna Agapowa bei Sia Fox um einen Termin bittet. Denn Annas Ehemann Vadim ist als Bankier dafür bekannt, auch mit dem Geld von Putin selbst zu arbeiten. Bietet sich hier die Chance, eine abtrünnige Familie mit engen Beziehungen in den Kreml zu rekrutieren und Chaos in Russland auszulösen? Vadim und Anna betreiben ein Gestüt außerhalb Sankt Petersburgs. Die CIA entschließt sich, Max Castillo einzubeziehen. Er leitet eine Ranch in Mexiko, in der hochklassige Rennpferde gezüchtet werden – und seine Familie ist seit langem mit der CIA verbunden. Auf Einladung von Max und Sia reisen Anna und Vadim nach Mexiko. Dort soll die erste Anbahnung stattfinden. Doch es bleibt unklar, welches Spiel Anna und Vadim wirklich spielen.

Annas Welt drehte sich um einen Mann: Wladimir Putin. Allerdings war Anna ihm nur dreimal begegnet. […]
Im Laufe der Zeit war sie zu der Überzeugung gelangt, dass Putin vieles in einem war. Allmächtiger Zar und freudloser Manager eines schwer kontrollierbaren Systems, das größer ist als er. Despot und Verfasser vager, mitunter ignorierter Richtlinien. Neues öffentliches Idol und geheime Quelle für Gewitzel und Spott. […]
Er war alles, er war nichts, aber manchmal musste man sich einen Dreck um ihn scheren, auch wenn er das Zentrum der russischen Welt war. Der Chosjain. Der Herr. Ohne ihn würde sich die Welt nicht drehen. Seine Existenz war weder gut noch schlecht. Sie war einfach da. (Auszug E-Book Pos. 2380-2386)

Autor David McCloskey war ehemaliger CIA-Analyst, außerdem Berater bei McKinsey. Man kann also davon ausgehen, dass er weiß, worüber er schreibt. „Moskau X“ entwickelt von Beginn an einen ganz eigenen Sog. Der Band ist der zweite einer Serie (Vorkenntnisse waren aber nicht wirklich erforderlich) um die Agentin Artemis Procter, die eine spektakuläre Anfangsszene erhält, ab da aber vor allem im Hintergrund die Fäden zieht. Es geht um Spionage und Gegenspionage, um Rache und Loyalität. Aber vor allem bietet McCloskey eine interessante Einsicht in die Machtelite Russlands.

Interessant ist dabei vor allem, dass der Staatschef scheinbar über allen Dingen schwebt, aber längst nicht von allem Kenntnis erlangt. Interne Machtzirkel verfolgen Eigeninteressen und haben genug Einfluss, um Kritik daran vor Putin abzuschirmen. Dieser wird aber auch von den Geschädigten nicht wirklich in Frage gestellt, so ist halt das russische System, es bringt nichts, an den Grundfesten zu rütteln. So entspinnt sich hier eine faszinierende Geschichte, in der die CIA Sabotage in der russischen Machtelite betreiben will, aber ihr Werkzeug ein eigenes Spiel spielt. Das ist abwechslungsreich und trotz eines eher bedächtigen Einstiegs an den richtigen Stellen temporeich geschrieben.  Alles in allem ein starker, klassischer Spionagethriller unter neuen geopolitischen Gegebenheiten.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Moskau X | Erschienen am 30.10.2025 im Gutkind Verlag
ISBN 978-3-98941-090-9
624 Seiten | 18,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-98941-091-6 | 9,99 €
Originaltitel: Moscow X | Übersetzung aus dem Englischen von Michael Benthack
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Lavie Tidhar | Adama (Band 2)

Lavie Tidhar | Adama (Band 2)

Er sah ihr in die Augen, suchte etwas, aber sie wusste nicht, was. „Du hast mehr verloren, als ich je hatte. Aber du glaubst immer noch daran.“
„Ich habe alles gegeben für dieses Land“, sagte Ruth. „Ich habe Opfer gebracht.“
„So wie Abraham Isaak opfern wollte“, sagte Almog schwülstig.
„Isaak hat aber überlebt“, sagte Ruth. (Auszug Seite 388)

Der Roman beginnt 2009 in Miami mit Hanna, deren Mutter Esther verstirbt und ihr eine alte Holzschachtel überlässt. Darin unter anderem ein altes Foto: Eine lange Tafel mit Speisen, am Kopfende eine Frau, die Beschriftung „Pessach Seder, 1965“. Hiervon ausgehend springt die Geschichte rückwärts, zunächst ins Jahr 1989, später ins Jahr 1946. Ruth ist eine ungarische Jüdin, die vor den Nazis nach Palästina geflohen ist. Nun ist sie Teil der Untergrundbewegung, die auch mit Gewalt einen israelischen Staat gründen will. Sie ist kurz darauf eine der Gründerinnen des Kibbuz Trashim im Norden Israels. Im Kampf um die Staatsgründung werden Terrorakte gegen die Briten verübt, arabische Dörfer zerstört, die Bewohner teilweise getötet, teilweise vertrieben.

Der Roman folgt nun der Geschichte von Ruth und ihrer Familie, dazu gehört ihre Schwester Shosh, die das Konzentrationslager überlebt, ihrer Kinder und ihrer Enkel. Die Story springt in der Zeit voran, verharrt lange Zeit Ende Ende der 1940er und in den 1950er, um die Anfangsjahre Israels am Beispiel dieser Kibbuzgemeinschaft zu beschreiben, springt dann in die 1960er und 1970er, zu den Kindern und Enkeln, zum Sechs-Tage-Krieg und Jom-Kippur-Krieg. Dabei muss sich Ruth und ihre Familie immer wieder starken Widrigkeiten entgegenstellen, Gewalt und Tod bleiben ein ständiger Begleiter.

Mit „Maror“ hat Autor Lavie Tidhar schon Maßstäbe gesetzt. Der Thriller beschreibt die Geschichte des Staates Israel als eine Geschichte von Gewalt, Korruption, Skandalen und dem bitteren Geschmack von Realpolitik. In „Maror“ nahm sich Tidhar die Zeit von Mitte der 1970er-Jahre bis in die 2000er vor. Nun springt er mit „Adama“ noch weiter zurück, beginnt mit der Zeit kurz nach dem 2.Weltkrieg und kurz vor der Staatsgründung Israels 1948. Sein Projekt ist als Trilogie angelegt, der letzte Band „Golgotha“ soll dann bis in die Zeit der Anfänge des Zionismus Ende des 19.Jahrhunderts zurückreichen.

„Adama“ setzt den Ton des Vorgängers eigentlich konsequent fort, mit neuem Personal – nur punktuell taucht nochmal eine Figur aus „Maror“ auf. Es entwickelt sich eine düstere Geschichte einer Kibbuz-Familie. Eine Geschichte von erlebter und begangener Gewalt: Die Verbrechen der Nazis, die Flucht nach Israel, der Kampf gegen die britischen Besatzer und gegen die einheimischen Araber, das harte Leben im Kibbuz, die Kriege zur Verteidigung Israels, die Gewalt auch im Inneren zu Erhalt der eigenen Position. In „Adama“ beschreibt Lavie Tidhar, selbst in einem Kibbuz aufgewachsen, eine Familie in einem Selbstbehauptungskampf zwischen Liebe, Loyalität, Verrat und Tod. Im Zentrum steht dabei die Patriarchin Ruth, die gewillt ist, ihre Heimat, ihren Kibbuz, ihr Fleckchen Erde („Adama“ steht im Hebräischen für „Erde“) um buchstäblich jeden Preis zu verteidigen und dafür Grenzen zu überschreiten und schmerzhafte Opfer zu bringen.

Lavie Tidhars Romane aus dieser Trilogie erscheinen aktuell noch nicht in der hebräischen Übersetzung. Mit seinem Ansatz einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Gewaltgeschichte des Staates Israel gilt der Wahl-Londoner in seiner Heimat sicherlich in einigen Kreisen als Nestbeschmutzer. Dennoch erscheint es nur konsequent, die dunklen Seiten der eigenen Geschichte auszuloten, um Erkenntnisse für die Zukunft zu gewinnen. Jedenfalls bleibt Tidhar seinem eigenen Anspruch treu, auch bezüglich der historischen Darstellung der Ereignisse. Die Wucht und Spannung des Vorgängers wird für meinen Geschmack nicht ganz erreicht, erlangt aber durch die Verknüpfung mit einer erschütternden Familiengeschichte über die Jahrzehnte dennoch eine tragische Tiefe. „Adama“ ist jedenfalls ein würdiger Nachfolger von „Maror“ und bringt als historischer Roman über Israel eine ganz eigene Facette ein.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Adama | Erschienen am 14.10.2025 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47516-4
425 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Adama | Übersetzung aus dem Englischen von Conny Lösch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Teil 1 der Trilogie, „Maror“

Mick Herron | Down Cemetery Road

Mick Herron | Down Cemetery Road

Mick Herron ist dem Genreleser – und darüber hinaus – seit einigen Jahren natürlich ein Begriff. Mit seiner Reihe um die „Slow Horses“, einer Gruppe abgehalfteter und vom britischen Geheimdienst aufs Abstellgleis geschobener Agenten um den kauzigen Chef Jackson Lamb, die allerdings doch nicht so ineffektiv sind und dem MI5 „pain in the ass“ sind, erreichte Herron einen großen Erfolg bei Lesern und Kritikern gleichermaßen. Die Popularität der Serie stieg noch einmal an, seitdem Apple TV die Serie mit Gary Oldman in der Hauptrolle fürs Streaming adaptierte. Eine Serienverfilmung ist nun auch der Grund, warum Herrons Debütroman „Down Cemetery Road“ nach über 20 Jahren ins Deutsche übersetzt wurde. Wiederum war es Apple TV, die diesen Roman als Serie verfilmt und im Oktober veröffentlicht hat, mit Emma Thompson in der Hauptrolle als Privatdetektivin Zoë Boehm. Der Diogenes Verlag hat das Buch auch mit dem Untertitel „Zoë Boehm ermittelt in Oxford“ versehen, um damit zu unterstreichen, dass es sich hier um eine Serie mit vier Bänden handelt, die Herron bis 2009 vor seiner Slow Horses-Reihe verfasst hat. Allerdings Zoë Boehm als Hauptfigur in diesem ersten Band zu bezeichnen, wäre ein wenig übertrieben, denn eigentlich greift die Detektivin nach zwei Kurzauftritten erst im letzten Viertel des Romans so richtig in die Handlung ein. Doch der Reihe nach.

Sarah Trafford ist auf der Suche: Nach abgeschlossenem Studium lebt sie nun in einem Haus in einer guten – aber nicht sehr guten – Gegend von Oxford, ihr Mann Mark macht irgendwas im Bereich Finanzen, bringt gutes Geld nach Hause, während sie noch nicht so recht den nächsten Schritt ins Berufsleben geschafft hat. Es gibt keine Kinder, sie will auch (noch) gar keine. Sie vertreibt sich irgendwie die Zeit, mit Hausputz oder so. Im Studium hingegen war Sarah Tucker wild und ungestüm – bis zu einem schweren Unfall unter Drogeneinfluss. „BHS – Boring Housewife Syndrom“, so bringt es in der Eingangsszene Gerard Inchon, ein unangenehmer Geschäftspartner ihres Mannes, dann doch irgendwie auf den Punkt. Zu Beginn hat Mark Inchon samt Partnerin zum Essen nach Hause eingeladen, um die Geschäftsbeziehung möglichst zu vertiefen. Sarah darf auch jemanden dazuladen, ihre Wahl fällt auf ihre eher linksalternative Freundin Wigwam und ihren ähnlich schluffigen neuen Freund Rufus. Ein gefundenes Fressen für den konservativ-zynischen Inchon – und der Leser darf sich an einem höchst vergnüglichen Anfangskapitel ergötzen. Doch noch etwas anderes passiert während des Dinners: In der Nachbarschaft gibt es eine Explosion mit zwei Toten, ein kleines Mädchen hat es überlebt.

Sarah ist sofort fasziniert und interessiert. Sie meint sich an das Mädchen Dinah zu erinnern. Ihr kommt die Explosion seltsam vor, sie findet, dass das allgemeine Interesse an der Sache schnell heruntergespielt wird. Am Unglücksort glaubt sie einen verdächtigen Mann gesehen zu haben. Bei der Polizei wird ihr nichts über den Verbleib von Dinah verraten und so reift in ihr der Entschluss, Dinah unbedingt finden zu müssen. Der Leser fragt sich schon irgendwie warum, aber da geht es der Hauptfigur nicht anders. Dennoch bleibt sie dran und engagiert sogar einen Privatdetektiv – Joe Silvermann, Partner von Zoë Boehm. Und selbstverständlich steckt hinter der Explosion sehr viel mehr, und ohne groß spoilern zu wollen, schlittert Sarah in eine Geheimdienstoperation, in der manche ungelegene Beweise und Zeugen im Zusammenhang mit dem Irakkrieg beseitigt werden sollen.

Die Detektei war zwischen einem Pub und einem Zeitungskiosk eingezwängt, und obwohl die Anzeige in den Gelben Seiten „Hightech“ versprochen hatte, hielt dieses Versprechen nicht mal bis zur Türklingel. (Auszug E-Book Pos. 866)

Obwohl Mick Herron hier im Jahr 2002 eine Reihe mit einer Oxforder Privatdetektivin einführt, wirkt der Roman schon als kleine Blaupause für den später folgenden „Slow Horses“-Kosmos. Auch hier gibt es schmutzige Geheimdienstaktionen und es werden einige sehr seltsame Figuren aus dem Geheimdienstmilieu eingeführt. Allerdings bleibt der Autor eng bei seiner Hauptfigur Sarah, die völlig konfus sich in eine Sache einmischt, die ein paar Nummern zu groß für sie ist, aber – und das nötigt dem Leser dann doch Respekt ab – sie zieht es durch (wenn auch irgendwann dann doch Zoë Boehm so richtig in die Geschichte einsteigt). Irgendwann wird Sarah selbst zur Gejagten, eine wilde Flucht mit einem unerwarteten Begleiter beginnt und dennoch bleibt die Suche nach dem verschwundenen Kind immer präsent.

„Down Cemetery Road“ ist auch in der heutigen Betrachtung nach Kenntnis der „Slow Horses“-Romane ein bemerkenswerter Debütroman. Mick Herron entwickelt aus der gediegenen Oxford- und Hausfrauen-Atmosphäre einen temporeichen und intelligenten Geheimdiensthriller. Dabei ist auch hier schon der hervorragende literarische Stil Herrons durchsetzt mit typisch britischem Humor zu beobachten. Insofern ein echter Gewinn, dass es dieser Roman nach 23 Jahre zu einer gelungenen deutschen Übersetzung durch Stefanie Schäfer geschafft hat. Und vielleicht taucht Zoë Boehm in den weiteren Bänden dann auch etwas häufiger auf.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Down Cemetery Road | Erschienen am 22.10.2025 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-30115-1
560 Seiten | 19,- €
Originaltitel: Down Cemetery Road | Übersetzung aus dem Englischen von Stefanie Schäfer
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Mick Herrons Roman „Slow Horses“

Jake Lamar | Viper’s Dream

Jake Lamar | Viper’s Dream

„Also Viper“, sagte die Baroness, „was sind deine drei Wünsche?“. (Auszug S. 9)

Mit dieser ungewöhnlichen Frage beginnt dieser historische Jazz-/Gangsterroman und setzt stilistisch und strukturell die Vorgabe für diesen vom Umfang zwar schmalen, aber inhaltlich sehr prallen Kriminalroman. Die Frage stellt die Baroness Pannonica de Koenigswarter, eine reiche, adlige Europäerin und Mäzenin der New Yorker Jazzszene der 1950er bis 1980er Jahre, an Clyde Morton, genannt Viper, einflussreicher Gangster und Geschäftsmann in Harlem und eng mit der Jazzszene verbandelt. Wir sind im November 1961 im sogenannten Cathouse, einem Refugium der Jazzszene und hunderter Katzen in Newark. Wir erfahren auf den ersten Seiten, dass Viper vor Kurzem seinen dritten Mord begangen hat und sich ins Cathouse zurückgezogen hat, anstatt die Flucht zu ergreifen, wie ihm sein Geschäftspartner und Kontaktmann Detective Carney beim NYPD nahegelegt hat. Stattdessen raucht Viper Marihuana, wie die meisten im Cathouse, und grübelt über sein Leben. Die Baroness stellt ihm diese Frage und Viper wird diese im Laufe des Buches beantworten. Allerdings stellt die Baroness am Ende fest:

„…du wünscht dir nichts, du bereust.“ „Wo ist der Unterschied?“, sagte Viper. „Gute Nacht, Nica.“ (Auszug S.201)

Über einen unbekannten Erzähler wird nun abwechselnd aus dem Cathouse 1961 und von der Vergangenheit von Clyde Morton alias Viper erzählt. Clyde beschließt 1936 als junger Mann Alabama und seine schwangere Freundin Hals über Kopf zu verlassen, weil ihm sein Onkel in den Kopf gesetzt hat, er könne in New York als Trompeter Geld verdienen. In Harlem angekommen betritt er den nächsten Nachtclub und erhält sofort die Rückmeldung, dass er sich eine Karriere als Musiker abschminken kann. Doch er wird quasi direkt in die Welt des Marihuanas eingeführt, daher erhält Clyde vom zischenden Geräusch des Zugs am Joint auch den Spitznamen Viper. Wenig später wird Viper dem jüdischen Geschäftsmann, Clubbesitzer und Drogenhändler Orlinsky vorgestellt, der in seiner Organisation auch direkt einen Platz für ihn findet.

Clyde war begeistert. Fühlte sich mächtig. Noch nie in seinem Leben hatte er einem Weißen ins Gesicht geschlagen. Falls das der Job war, für den ihn Mr. O angeheuert hatte… daran konnte er sich gewöhnen. Und noch etwas kam hinzu. Nach langer Zeit hatte Clyde Morton sich endlich für den Mord an seinem Vater gerächt. (Auszug S. 43)

Und so begleiten wir Clyde Morton, wie er sich in der Gangster- und Jazzszene in Harlem bewegt und sein Einfluss immer weiterwächst, bis er eines Tages mit der richtigen Mischung aus Geschäftssinn und Härte an der Spitze der Nahrungskette angekommen und zum wichtigsten Händler von Dope aufgestiegen ist. Doch die Luft ist rau in Harlem, zudem kommt der Krieg dazwischen und außerdem gibt es da noch diese unglaublich attraktive Jazzsängerin Yolanda, Vipers große, aber äußerst tragisch verlaufende Liebe.

Autor Jake Lamar hatte im letzten Jahr seinen Durchbruch im deutschsprachigen Raum, als er mit „Das schwarze Chamäleon“ den deutschen Krimipreis gewann. Lamar lebt seit 1993 in Paris und ist dort Dozent für Kreatives Schreiben. „Viper’s Dream“ erschien tatsächlich zunächst 2021 in der französischen Übersetzung, erst zwei Jahre später im Original und gewann 2024 den Dagger für den besten historischen Kriminalroman.

Bei Jazz bin ich wahrlich kein Experte. Und dennoch war ich sehr begeistert, wie Lamar hier eine Geschichte der New Yorker Jazzszene der 1930er bis Anfang der 1960er Jahre im einem Gangsterroman erzählt. Immer wieder betreten ganz natürlich Jazzgrößen wie Miles Davis, Charlie Parker und Thelonious Monk die Szene. Großes Thema ist unter anderem die Drogenszene rund um die Jazzmusiker und die Bedrohung des Jazz durch das aufkommende Heroin. Viper versucht mit aller Macht die Verbreitung dieses tödlichen Gifts in seinem Revier zu verhindern. Vergeblich.

Und auch die Anfangsfrage von Baroness „Nica“ de Koenigswarter hat einen historischen Hintergrund. Tatsächlich stellte die Baroness den Jazzkünstlern in den 1960ern diese Frage mit den drei Wünschen, verwahrte ihre Antworten und schoss zudem zahlreiche Polaroids, um diese Jahre zu dokumentieren. Zu ihren Lebzeiten wurde das Projekt allerdings nicht mehr umgesetzt. Erst 2006 veröffentlichte ihre Großnichte die Dokumentation „Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche“.

„Viper’s Dream“ ist ein historischer Gangsterroman, in dem der Autor sowohl visuell als auch musikalisch den Schauplatz Harlem auferstehen lässt. Jake Lamar hat eine umfangreiche Playlist am Ende des Romans ergänzt, die in den einschlägigen Streamingplattformen ebenfalls gefunden werden kann. Dabei gerät die Verbindung zwischen Krimi und Jazz niemals gezwungen, sondern wirkt sehr organisch. Dieser Kriminalroman ist eine sehr lesenswerte Mischung aus flirrendem Jazz, melancholischer Nabelschau eines grübelnden Gangsters und hartgesottener Erzählung von den rauen Straßen von Harlem. Große Leseempfehlung.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Viper‘s Dream | Erschienen am 03.09.2025 bei der Edition Nautilus
ISBN 987-3-96054-470-8
205 Seiten | 20,- €
Originaltitel: Viper’s Dream | Übersetzung aus dem Englischen von Robert Brack
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Rezensions-Doppel Philippinen

Rezensions-Doppel Philippinen

Die Philippinen sind in diesem Jahr das Gastland der Frankfurter Buchmesse und wir hatten hier auf dem Blog eine Zeit lang eine Tradition, zur Buchmesse dann auch ein paar Krimis aus oder über das Gastland zu präsentieren. Das wollte ich dieses Jahr gerne wieder aufgreifen, war allerdings nicht so einfach, denn der bevölkerungsreiche asiatische Inselstaat ist literarisch international, was Übersetzungen betrifft, eher unterrepräsentiert und im Krimigenre sowieso. Letztlich habe ich auf meinem umfangreichen SuB aber noch etwas gefunden. Zum einen ein erst von kurzem übersetztes Werk des in seiner Heimat sehr erfolgreichen Autors Jose Dalisay und zum anderen ein Krimi aus den 1980ern mit Schauplatz Manila des australischen Autors William Marshall.

Jose Dalisay | Last Call Manila
Ein Sarg trifft am Flughafen Manila ein. Eine tote philippinische Gastarbeiterin in Saudi-Arabien. Das Schild sagt, in ihm liegt „Aurora V. Cabahug“. Doch der Polizist Walter Zamora in der Provinzstadt Paez, der ein Telegramm erhält, um die Angehörigen zu informieren, weiß sofort: Das kann nicht stimmen. Denn Aurora, genannt Rory, ist die Sängerin und Hauptattraktion im „Flame Tree“, im örtlichen Nachtclub. Dort hat er sie erst gestern quicklebendig gesehen.

Und so macht sich Walter auf, um hier Licht ins Dunkle zu bringen – auch wenn ihm nur bedingt gelingt. Irgendwann machen sich Walter und Rory auf nach Manila, um den Sarg abzuholen und dabei geschehen weitere unvorhergesehene Dinge. Währenddessen wird in Rückblicken die Geschichte von Soledad erzählt, Rorys Schwester, die mit dem Pass ihrer Schwester als Arbeitskraft nach Saudi-Arabien gegangen und nun in einem Sarg zurückgekommen ist.

Das war es, worum es in diesem Land wirklich ging: Distrikte, Grenzen, Absperrungen, die dich daran erinnerten, wo du hingehörtest und wo du standest. Diese Dinge zu vergessen, war der Anfang vom Ende, und Walter hatte nicht vor, noch einmal diesen Weg zu gehen, Besonnenheit war nun seine Parole, Besonnenheit und Umsicht, das Vermeiden von unnötigen Konflikten – von denen es, Gott wusste das am besten, mehr als genug gab in Walters Welt. (Auszug Seite 88)

Autor Jose Dalisay ist in seiner Heimat einer der bekanntesten Autoren und Herausgeber und schrieb diesen Roman bereits 2008. 2023 erschien „Last Call Manila“ in deutscher Übersetzung, laut Tobias Gohlis, Chefjuror der Krimibestenliste, der vermutlich erste übersetzte philippinische Kriminalroman. Obwohl man den Begriff schon weit dehnen muss, zwar kommt ein Kriminalbeamter, eine Leiche und eine Reihe von Verbrechen vor, aber ansonsten geht es hier eher nicht genretypisch zu.

Aber das soll hier nicht als Kritik gemeint sein. Lakonisch und mit schwarzem Humor erzählt der Autor über den schwierigen Alltag, vor allem über seine Hauptfiguren. Walter ist ein besonnener, abgestumpfter Polizist, der sich möglichst konfliktfrei durchs Leben manövrieren will. Rory ist die junge Frau mit Talent und Träumen, die es aber bisher nur in den Nachtclub ihrer Heimatstadt geschafft hat. Und Soledad erzählt vom unglaublich entbehrungsreichen Leben der Filipinos, die im Ausland harte Arbeit verrichten, um die Daheimgebliebenen zu versorgen. Mit möglichem bösem Ende inklusive. Jose Dalisay hat hier einen kurzweiligen Roman verfasst, der interessante Einblicke in die philippinische Gesellschaft bietet.

William Marshall | Manila Bay
Lieutenant Felix Elizalde von der Manila Metro Police muss in einem schwierigen Mordfall ermitteln. Während eines Hahnenkampfes mit dem bekannten Champion „Battling Mendez“, dem wohl bekanntesten Hahn der Philippinen und ein lukrativer Werbeträger, hat ein Unbekannter den Kampfleiter und Buchmacher im Ring erschossen. Trotz hunderter Zeugen gibt es zwar eine Beschreibung, aber keine klaren Hinweise auf die Identität des Täters. Der Tote gehörte zu einem Konsortium, dem „Battling Mendez“ gehörte. Hierzu zählt auch der Bruder des Toten, der sich bei einem Telefonat mit Elizalde seltsam verhält. Doch bevor Elizalde ihn aufsuchen kann, wird auch der Bruder durch eine Granate getötet, die auf seine Wohnung abgefeuert wird, mehrere Passanten sind ebenfalls unter den Opfern. Elizalde vermutet, dass noch weitere Personen in Gefahr sind und dass es mit der Verbindung zu „Mendez“ zu tun hat. Doch das Firmengeflecht rund um diesen lukrativen Hahn ist schwer zu durchschauen und wird auch von anderer Seite gut geschützt.

Wie üblich war der uninteressanteste Teil an einem Verbrechen in Manila das Verbrechen selbst. Wahrhaft faszinierend war es, wie sich die Zeugen in Luft auflösten, sobald etwas passierte, und nie wieder gesehen wurden. (Auszug S. 30)

Währenddessen haben Elizaldes Untergebene Sergeant Baptiste Bontoc und Detective Sergeant Jesus-Vicente Ambrosio zwei Spezialaufgaben. Während Bontoc abkommandiert wurde, um vermeintlich japanischen Grabräuber in einem Dinosaurierpark, unter dem noch Kriegsgräber aus dem zweiten Weltkrieg vermutet werden, aufzuspüren, mischt sich Ambrosio unter die Taxifahrenden Manilas, denn es gibt einen Räuber, der mit Hilfe von Stinkbomben der Durianfrucht Taxis ausraubt.

Diese beiden Episoden, die sich regelmäßig mit der Mordserie, die Elizalde bearbeitet, ablösen, sorgen für Exzentrik und Humor in diesem Kriminalroman, der im Original bereits 1983 erschien. Autor William Marshall, Australier, aber Kosmopolit, schrieb vor allem eine erfolgreiche Reihe von Krimis mit Schauplatz Hongkong, aber eben auch zwei Krimis über Manila. Marshall sorgt durch die mehreren Plotstränge für ein hohes Erzähltempo und viel Abwechslung, schafft es aber zum Ende hin, die beiden Stränge um Bontoc und Ambrosio so zu beenden, dass danach alle Beteiligten zum Showdown des Hauptplots zusammenkommen.

„Manila Bay“ ist aktuell leider vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich, ist aber auch heute noch ein absolut lesenswerter Krimi, der letztlich einen klassischen Plot über Korruption und Rache enthält, aber trotz seines hohen Tempos und der schnellen Schnitte interessante Geschichten und Einblicke in die philippinische Gesellschaft bereithält.

 

Rezensionen und Foto von Gunnar Wolters.

Last Call Manila | Erschienen am 14.02.2023 im Transit Verlag
ISBN 978-3-88747-399-0
210 Seiten | 22,- €
Die gelesene Ausgabe erschien als Lizenzausgabe bei der Büchergilde Gutenberg
Originaltitel: Soledad’s Sister | Übersetzung aus dem Englischen von Nico Fröba
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Wertung: 3,5 von 5

Manila Bay | Erschienen am 07.09.2000 im Unionsverlag
ISBN: 978-3-293-20190-3;
288 Seiten | nur noch antiquarisch erhältlich
Originaltitel: Manila Bay | Übersetzung aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
Bibliografische Angaben
Wertung: 4 von 5