Kategorie: Gunnar Wolters

Tade Thompson | Fern vom Licht des Himmels

Tade Thompson | Fern vom Licht des Himmels

Das Raumschiff „Ragtime“ soll knapp 1000 Menschen zur Kolonie auf dem Planeten Bloodroot bringen. Michelle „Shell“ Campion die frisch ausgebildete erste Maat auf dem Schiff und für die Passagiere verantwortlich. Doch eigentlich übernimmt eine KI das Schiff vollständig auf der knapp zehnjährigen Reise durchs All. Somit werden alle Passagiere, auch Shell, in einen künstlichen Schlaf versetzt. Als Shell schließlich im Orbit von Bloodroot wach wird und alles kontrolliert, stellt sie entsetzt fest, dass 31 Passagierkapseln leer sind. Sie findet schließlich einen großen Haufen zerstückelter Leichen. Auch die KI des Schiffs verhält sich merkwürdig, führt nicht alle Befehle aus. Auf Shells Notruf hin begibt sich der Ermittler Rasheed Fin mit seinem künstlichen Ermittler Salvo von Bloodroot aus zur „Ragtime“.

Fin ermittelt offen, verdächtigt auch Shell. Oder ist noch jemand an Bord? Während der Ermittlungen geschehen weitere seltsame Dinge, sie werden sabotiert, von Bots angegriffen. Von der Raumstation „Lagos“ gelangen schließlich noch Shells Patenonkel Larry, ein erfahrener Raumfahrer, und seine Tochter Joké, halb Mensch, halb Alien, zur „Ragtime“. Die Unfälle und Attacken an Bord häufen sich, die „Ragtime“ wird zunehmend instabil. Irgendjemand will die Aufklärung der Ereignisse um jeden Preis verhindern. Bald kämpfen die fünf ums nackte Überleben.

Fin fürchtet, dass er im Tumult des Überlebens etwas übersehen wird. Noch dazu sind sie im All. Am Abgrund. Möglich, dass er tatsächlich sterben wird. Der üble Scheiß, dass weiß Fin auf einer instinktiven, molekularen Ebene, kommt auf ihn zu wie ein Drecksasteroid oder ein Herzinfarkt oder so. Auf diese Art wird er sterben. Im All. Er wird inmitten von Fremden und Robotern ersticken. (Auszug S.112)

Zu Beginn des Jahres hatte ich bereits mit „Athos 2643“ von Nils Westerboer einen spannenden Science Fiction-Roman gelesen. Nun habe mit Tade Thompson einen äußerst erfolgreichen Autor des Genres ausprobiert. Thompson ist in London geboren, in Nigeria aufgewachsen, Arzt und Psychiater, und hat schon mehrere renommierte Science Fiction-Preise gewonnen, vor allem für seine „Wormwood Trilogy“. Diese Romanreihe ist allerdings auf der Erde in der Zukunft angesiedelt, mit „Fern vom Licht des Himmels“ begibt er sich in fiktive Weiten des Weltraums und hat dabei einen interessanten Genre-Mix aus klassischer Science Fiction, Thriller, Afrofuturismus und Krimi geschaffen. In Sachen Krimi wagt sich Thompson an die hohe Kunst des Locked-Room Mystery. Ausgehend von der vermeintlich ersten und berühmtesten dieser Geschichten, „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ von Edgar Allen Poe, haben sich viele AutorInnen dem Mysterium eines Mordes im verschlossenen Raum gewidmet. Thompson übernimmt diesen Ansatz nun in den Weltraum, in ein jahrelang reisendes Raumschiff ohne Zugang von außen.

Der Autor bleibt dabei nicht nur auf der „Ragtime“, sondern wechselt ab und an den Schauplatz nach Bloodroot und vor allem nach Lagos, um die politischen Hintergründe um das Drama aufzuzeigen. Daneben beleuchtet er vor allem die beiden Protagonisten Shell und Fin intensiver. Dennoch bleibt einiges gewollt mysteriös, vor allem das Verhältnis zwischen Menschen und Aliens sowie künstlichen Personen oder Hybriden. Vermutlich hat Tade Thompson seine Aufgaben gut gemacht und zahlreiche Referenzen auch des Science Fiction-Genres eingebaut, da bin ich allerdings zu wenig bewandert, um das alles zu identifizieren.

Der Plot ist über weite Strecken abwechslungsreich und spannend, allerdings muss ich gestehen, dass für mich ab der Auflösung ein kleiner Bruch drin war. Die Geschichte kann nur noch kurz die Spannung halten, wechselt auch in die Perspektive des Täters und kann die Intensität nicht mehr halten. Auch die Auflösung selbst war für mich nicht der große Wurf, geradezu irdisch und für den Weltraum etwas banal, wie es mir schien. In der Hinsicht hatte das philosophisch geprägte „Athos 2643“ mir mehr zu bieten. Interessant ist die Konstellation, dass die Transitstation Lagos überwiegend von nigerianischen Kolonisten bewohnt wird. So bleibt es aber ein weitgehend gelungener Weltraumkrimi mit verschiedenen interessanten, auch gesellschaftskritischen Versatzstücken, bei dem mich der Plot aber zum Schluss nicht vollständig überzeugt hat.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Fern vom Licht des Himmels | Erschienen am 27.10.2022 im Golkonda Verlag
ISBN 978-3-96509-059-0
381 Seiten | 20,- €
Original: Far from the light of heaven | Übersetzung aus dem Englischen von Jakob Schmidt
Bibliografische Angaben & Leseprobe

David Osborn | Jagdzeit

David Osborn | Jagdzeit

In Jagdzeit geht es nicht […], sondern um die dunkle Seite des Menschen allgemein, die immer und überall zutage tritt. Seit Erscheinen meines Buches hat sich die Menschheit diesbezüglich bedauerlicherweise nicht verändert. (Auszug Vorwort)

Mit diesen Worten aus der Neuauflage des Buches von 2010 stimmt uns Autor David Osborn auf seine dem Werk zugrundeliegende Stimmung ein: Der Mensch ist des Menschen Wolf. In der Originalausgabe von 1974 widmet Osborn das Buch dem noch sehr präsenten Watergate-Skandal. Die pessimistische Grundhaltung des Autors lässt sich auch aus dessen Vita erklären. Hochdekorierter Pilot im Zweiten Weltkrieg, anschließend Autor und PR-Mann am Broadway und in der Werbeindustrie. 1955 gerät er aber in die Kommunistenhatz unter Senator McCarthy. Osborn emigriert nach Frankreich, wird Besitzer eines Steinbruchs und Drehbuchautor für europäische Produktionen (z.B. „16 Uhr 50 ab Paddington“). Anfang der 1970er wird er schließlich Romanautor mit einer Vorliebe für Plots, in denen der Mensch seinen niederen Instinkten wie Machtgier auf persönlicher oder politischer Ebene frönt.

„Jagdzeit“ beginnt mit einem kurzen Prolog etwa zwanzig Jahre vor der Haupthandlung. Im Büro eines Bezirksstaatsanwalts sitzt eine junge Frau mit ihren Eltern, die vom Staatsanwalt die Aufnahme eines Verfahrens verlangen. Die junge Frau wurde nach einem fröhlichen Abend von drei Kommilitonen ihres Colleges brutal vergewaltigt. Doch schnell wird klar, dass der Staatsanwalt ein solches Verfahren nicht anstrebt. Die drei Studenten sind angesehen, gut vernetzt, es steht Aussage gegen Aussage, es gibt angeblich sogar Zeugen für die Vergewaltiger. In einem sehr zynischen Gespräch sehen schließlich auch die Eltern die Aussichtslosigkeit eines Urteils ein und zwingen schließlich ihre Tochter, das entstehende Kind aus der Vergewaltigung einem anderen anzudrehen. Die Namen der Vergewaltiger übrigens sind Ken, Greg und Art.

In der Haupthandlung sind Ken, Greg und Art inzwischen etablierte Stützen der Gesellschaft, gut situiert, Frau und Kinder. Normale obere Mittelklasse. Einmal im Jahr gönnen sich die drei einen längeren Jagdausflug ins ländliche Wisconsin, in eine Waldhütte an einem abgeschiedenen See, mitten in der Wildnis. Ohne Familie, ohne Freunde, da sind sie sehr eigen. Und dafür gibt es auch einen guten Grund.

Das Buch beginnt mit dem Aufbruch der drei. Er herrscht eine unverhohlene Vorfreude, testosterongesättigt. Schnell wird auch dem Leser deutlich gemacht, dass dies nicht nur ein typischer Jagdausflug wird. Die Jagd auf Tiere genügt den dreien nicht mehr. In einem Motel nehmen sie ihre Opfer ins Visier: Nancy und Martin, ein verheiratetes Pärchen – allerdings nicht miteinander, die ihren Seitensprung ein paar Tage länger auskosten wollen. Ken, Greg und Art kidnappen die beiden und nehmen sie mit zu ihrer Jagdhütte. Ihre perversen Spiele können beginnen. Doch diesmal ist etwas anders. Noch ahnen es die drei nicht, aber diesmal hat sich noch jemand zu ihrem Jagdurlaub unangemeldet eingeladen.

Einmal im Jahr durfte er ein wirklicher Mann sein, genetisch, instinktiv und, genötigt durch die trostlosen Ketten der Gesellschaft im Verein mit dem hysterischen Gekeife emanzipierter Weiber, auch psychisch. Er durfte ein wildes, reißendes Tier sein, ein rohes sexuelles Tier und gleichzeitig ein verschwiegener, verdrehter, komplexer, moderner Mann, der sich schamlos jeder noch so krankhaften Perversion hingeben kann, die ihm in den Sinn kommen mag. (Auszug S.55)

Topos und Setting ließen mich direkt die Verbindung zu einem anderen Roman ziehen: „Deliverance“ (dt. Flussfahrt) von James Dickey (als Verfilmung in Deutschland unter dem hübschen Namen „Beim Sterben ist jeder der Erste“ vertrieben). Der Roman erschien einige Jahre zuvor und erzählt die Geschichte von vier Freunden in der Midlife Crisis, die einen Abenteuerurlaub auf Kanus in der Wildnis verbringen und auf die dort plötzlich und ohne ersichtlichen Grund Jagd gemacht wird. In „Deliverance“ erfährt man wenig bis nichts davon, warum auf sie Jagd gemacht wird. In „Jagdzeit“ wiederum verschiebt sich die Perspektive von den Opfern zu den Tätern (obwohl durchaus aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird).

Ken, Greg und Art sind Prachtexemplare der amerikanischen Gesellschaft, die in ihrem Inneren ständig Macht- und Sexfantasien hegen und nur auf die passende Gelegenheit warten, diese auszuleben. Der uramerikanische Jagdtrieb auf die Spitze getrieben. Dabei wahren sie die schöne Fassade, hinter der das Haus nur allzu oft verrottet ist. Natürlich können sie es nicht öffentlich ausleben, aber sie kommen damit durch, weil niemand allzu genau hinguckt. Das ist toxische Männlichkeit bis zum Äußersten. Aber auch die anderen Figuren bieten keinen wirklichen positiven Gegenpart. Der geheimnisvolle Mann im Wald – ihm geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern bloß um Rache, wie sich bald herausstellt. Martin, ein Ehebrecher, der Nancy offensichtlich hinhält, weil er nie vorhat, seine Ehe zu beenden. Schließlich Nancy, bei der Osborn eine eher merkwürdige Frauenfigur kreiert, die sich frei entfalten will, auch in der Sexualität, die aber dennoch dem Modell der männlichen Dominanz nichts wirklich entgegensetzt.

Die Figuren erhalten trotz der Kürze des Romans und der sich zuspitzenden Handlung ausreichend Tiefe, sind etwas einseitig angelegt und bei Nancy für meinen Geschmack nicht so ganz gelungen. Letztlich dienen sie aber dem Zweck Osborns, der desillusioniert und schonungslos eine Geschichte über die menschlichen Abgründe erzählt. Dabei erweist er sich als versierter Plotter, der Thriller ist ein echter Pageturner, der bis zum Schluss die Spannung hochhält. Am Ende steht, so viel steht natürlich fest, keine Katharsis, keine Erlösung, sondern eine Beobachtung der menschlichen Niedertracht, die wie oben erwähnt, aus Sicht des Autors weiterhin andauert. Dass mag nicht jedem Leser als Erkenntnis schmecken, aber es wird selten so mitreißend und dramatisch inszeniert wie hier von David Osborn.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters

Jagdzeit | Erstmals erschienen 1974
Die gelesene Ausgabe erschien am 2014 als Lizenzausgabe für die Büchergilde Gutenberg
Die zugrundeliegende Ausgabe erschien 2010 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-209-8
280 Seiten | 13,- €
Originaltitel: Open Season | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Marcel Keller
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension von Jochen König bei krimi-couch.de

André Pilz | Morden und lügen

André Pilz | Morden und lügen

Niemand auf der Welt hatte ein größeres Recht zu fragen, wer Angelika getötet hatte, als ihre Mutter. Immer und immer wieder. Denn es gab ja eine Antwort. Es konnte keinen Graubereich geben, kein Dazwischen. Es gab ein Ja, ein Nein. Kein Vielleicht. Ein Vielleicht war unmöglich. Der, der Angelikas Tod zu verantworten hatte, war kein Dämon, kein Geist, kein Alien, kein Schatten, keine Naturgewalt. (Auszug S.18)

Jan-Peter Halder ist einigermaßen überrascht, als plötzlich zwanzig Jahre nach der Ermordung der Studentin Angelika Reitmann deren Mutter bei ihm vor der Tür steht. Angelikas Mörder wurde damals nie ermittelt. Jan war ein Freund Angelikas aus dem Studentenwohnheim. Angelikas Mutter ist zu Geld gekommen, kann sich plötzlich Nachforschungen leisten. Sie hat im Nachlass ihrer Tochter noch Dinge gefunden, die auf eine engere Verbindung zwischen Angelika und Jan hindeuten und setzt Jan nun unter Druck. Er soll mit dem von ihm engagierten Ermittler Eduard Veith, einem pensionierten Polizisten, zusammenarbeiten. Jan gerät in eine Zwickmühle, denn er hat damals bei den Ermittlungen nicht so ganz die Wahrheit gesagt. Bei einer Wiederaufnahme der Ermittlungen würde er vermutlich sofort selbst unter Verdacht geraten.

Jan reist zurück in die Universitätsstadt, um sich mit Veith zu treffen. Unterwegs im Zug trifft er auf Haddah, eine junge Bloggerin und Aktivistin, Tochter einer ehemaligen Schulfreundin von Jan. Schon bald werden sich ihre Wege häufiger kreuzen – und das liegt nicht nur am merkwürdigen Drogengetränk, das Haddah vertreibt. Sie hat ihre eigene Agenda: Einige Monate nach dem Tod Angelika gab es in der Stadt einen weiteren tödlichen Zwischenfall. Eine Polizistin erschoss in einer Wohnung zwei südafrikanische Studenten, angeblich Einbrecher auf Droge. Doch trotz zahlreicher Ungereimtheiten wurde der Fall als Notwehr schnell abgeschlossen. Haddah möchte den Fall wieder ans Licht der Öffentlichkeit holen – und als Vehikel kommt ihr der Fall „Angelika Reitmann“ durchaus recht.

Autor André Pilz kehrt endlich mit einem neuen Werk zurück. Mich hatte der Autor mit seinem ruppig-rauen Drama „Man Down“ schon schwer begeistert, zuletzt erschien 2016 der starke Krimi „Der anatolische Panther“. Nun ist er mit „Morden und lügen“ bei Suhrkamp gelandet, unter Herausgeber Thomas Wörtche. Pilz hat in der Vergangenheit ein Faible für Underdogfiguren entwickelt. Als solchen würde ich auch Jan-Peter Halder bezeichnen, der als Schriftsteller aktuell in einer Schaffenskrise steckt und nun von einem weiteren alten Trauma wieder eingeholt wird. Jan führt als Ich-Erzähler durch den Roman. Er lässt von Anfang an für den Leser keinen Zweifel, dass er damals gelogen oder nur die halbe Wahrheit erzählt hat. Teilweise weil am Mordabend im Studentenwohnheim und bei einer Party eine Menge Alkohol im Spiel war, die das Erinnerungsvermögen getrübt hat. Teilweise aber eben auch, weil er sich sonst selbst auf der Verdächtigenliste weit nach oben katapultiert hätte. Und tief in ihm schlummert aufgrund der alkoholischen Gedächtnislücken auch die Frage, was genau er damals damit zu tun hatte.

Ich griff nach dem Schnaps, trank ihn ex, er brannte in der Kehle, er brannte gut, er brannte feurig. „Ich war so besoffen, selbst wenn ich nochmals raus wäre, ich würde mich nicht erinnern.“ Mein linkes Augenlid zuckte für Sekunden, als würde es protestieren gegen die Lüge. „Was soll ich mehr dazu sagen?“ (Auszug S.107)

Und so laviert sich Jan lange Zeit durch diese Geschichte, gibt oft nur Bruchstücke oder nur das Nötigste preis. Doch nicht nur Angelikas Mutter setzt ihn unter Druck. Haddah will Hilfe von Jan im Falle der getöteten schwarzen Studenten. Angesichts seines unklaren und eher zurückhaltenden Verhaltens schreckt sie nicht davor zurück, ihn bei ihren Followern als Mordverdächtigen zu präsentieren. Haddah mit ihrer forschen, unbeugsamen und dreisten Art wird im Laufe des Romans zur zweiten Hauptfigur, auch weil sich immer mehr andeutet, dass beide Fälle einen Zusammenhang haben.

Der Roman spielt in einer österreichischen Universitätsstadt und doch hat man das Gefühl, einer Kleinstadtszenerie beizuwohnen. Nach und nach tun sich Abgründe von Missbrauch gegen Frauen, Rassismus und Polizeigewalt auf – alles immer gedeckt und nie verfolgt. Doch bis zum Schluss rätselt man nach dem Motiv für Angelikas Tod. Dabei fand ich Jan als Person etwas zu blass, mich hat Haddah als Figur mehr überzeugt. Auch die Wucht der vorherigen Romane von André Pilz kam hier etwas gedämpfter daher. Somit fällt mein Urteil etwas differenziert aus, aber alles in allem ist „Morden und lügen“ ein interessanter und lesenswerter Kriminalroman.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Morden und lügen | Erschienen am 26.09.2022 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47285-9
304 Seiten | 16,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezensionen zu „Man Down“ von André Pilz

Oliver Bottini | Einmal noch sterben

Oliver Bottini | Einmal noch sterben

Sein Leben kann nur so enden. Hier, an diesem Tag, die Mündung seiner eigenen Pistole am Kopf. Weil er nichts versteht von dem Leben, das er sich ausgesucht hat.
Er wartet auf die Kraft der Verzweiflung, doch sie kommt nicht. Wie auch, er ist in diesem einen langen Krieg zu viele Tode gestorben.
Einmal noch sterben, denkt er fast erleichtert. Dann ist dieser lange Krieg endlich vorbei.
Er hört den Tod, spürt ihn nicht. (Auszug E-Book Pos. 2666)

Am 05. Februar 2003 hatte US-Außenminister Colin Powell einen großen Auftritt im UN-Sicherheitsrat. Anhand angeblicher Quellen und mit zahlreichen Fotos und Satellitenaufnahmen garniert, lieferte Powell vermeintlich die Beweise für ein Bio- und Chemiewaffenprogramm von Iraks Diktator Saddam Hussein. Damit war trotz Gegenmeinungen und Weigerung einiger Verbündeter (u.a. Deutschland) der Weg frei für den zweiten Irakkrieg und den Sturz des Saddam-Regimes. Stabilität und Demokratie hat dies nicht wirklich in die Region gebracht.

Die Hauptquelle für die Amerikaner war damals eine Quelle des BND, der irakische Asylbewerber Rafid Ahmed Alwan, genannt Curveball. Er lieferte aus Sicht des BND zunächst glaubhafte Aussagen, als Ingenieur am Bio- und Chemiewaffenprogramm des Irak beteiligt gewesen zu sein. Aussagen, die die Amerikaner mangels eigener Quellen gerne aufnahmen. Nach und nach wurde Curveballs Glaubwürdigkeit in Zweifel gezogen, zumal im Laufe des Irakkriegs keine entsprechenden B- und C-Waffenarsenale gefunden wurden. 2011 gab Alwan schließlich zu, hierüber gelogen zu haben. Soweit die historische Ausgangslage für Oliver Bottini, die er nun in seinem neuesten Politthriller verarbeitet hat und um eine interessante Variante ergänzt: Was, wenn BND und die Amerikaner schon früh von Curveballs Lügen wussten bzw. ihn bewusst zu einer falschen Quelle aufgebaut haben?

Im Frühjahr 2003 steckt die deutsche rot-grüne Regierung in einer ungünstigen Lage. Deutschland hat nach 9-11 am Feldzug gegen al-Qaida in Afghanistan teilgenommen, eine Beteiligung an einem Krieg im Irak aber auch aus wahltaktischen Gründen früh ausgeschlossen. Aber ausgerechnet eine Quelle des BND liefert den Amerikanern den Kriegsgrund. Das Kanzleramt und der Geheimdienstkoordinator möchten Curveball auf den Zahn fühlen und beauftragen die BKA-Beamtin Hanne Lay, Curveball zu befragen. Zeitgleich meldet sich der französische Geheimdienst: Eine Informantin in Bagdad kann angeblich Beweise gegen Curveball liefern. Die Deutschen sollen helfen, die Informantin und die Beweise zu sichern. Somit schickt der Geheimdienstkoordinator ein Team des BND nach Bagdad. Entwicklungen, die einigen Personen im deutschen Geheimdienstmilieu überhaupt nicht gefallen. Curveball als glaubwürdiger Zeuge muss unter allen Umständen geschützt werden. Dafür ist man auch bereit, eigene Leute zu opfern.

Drei Personen stellt Autor Oliver Bottini ins Zentrum der Geschichte, die sich vorwiegend in ihren Perspektiven abwechseln. Frank Jaromin ist BND-Agent, abkommandiert von der Bundeswehr und als Scharfschütze im Einsatz. Seine Familie weiß nichts von seinen Geheimoperationen, sie zerbricht so langsam unter den Heimlichkeiten und seinen Dämonen, die er mit Tabletten und Alkohol bekämpft. Jaromin ist vor allem von seiner Frau und seinem 14jährigen Sohn entfremdet, einzig seine 11jährige Tochter Alina hat noch eine enge Bindung zu ihm. Jaromin wird – so viel darf ich spoilern – zum Sündenbock für den verpatzten Einsatz in Bagdad. Hanne Lay ist Sonderermittlerin des BKA im Auftrag des Kanzleramts, muss sich aber der Täuschungs- und Tarnungsaktion des BND erwehren. Ihre Gegenmaßnahmen bringen sie selbst aber in hohe Gefahr. Persönlich leidet sich bis heute unter dem Trauma, dass als sie noch ein Kind war, ihre Eltern in ihrem Beisein von einem Einbrecher ermordet wurden und der Mörder nie gefasst wurde. Letztlich Hans Breuninger, ehemaliger Präsident des BND, immer noch gut vernetzt und Kopf einer Geheimgruppe, die eng mit konservativen Kräften in den USA zusammenarbeitet. Ein alter Mann, dem nicht viel bleibt außer seinem alten Hund und ein nicht zu unterschätzender Rest an Macht, und an dem der Tod seines Sohnes nagt, der beim Einsturz des World Trade Centers ums Leben kam.

Männer wie Sie, die gegen die Drachen kämpfen und dabei blind und taub geworden sind in ihrer vermeintlichen Unentbehrlichkeit. Blind tappen sie in schlichte Fallen, taub hören sie Wörter, die nicht gefallen sind, unfehlbar töten sie Menschen, die sie hätten beschützen müssen. Und damit sie bleiben, wie sie zu sein glauben, manipulieren sie ihren Körper mit Medikamenten, den Verstand mit Alkohol, die Seele mit ihren Legenden. (Auszug E-Book Pos. 3238)

Oliver Bottini ist neben seiner Reihe um die Freiburger Kommissarin Louise Boní (die auch immer sehr politisch war) als versierter Autor von Stand-Alone-Politthrillern bekannt, etwa „Ein paar Tage Licht“ über deutsche Waffenexporte ins instabile Algerien. Nun hat er sich des Falls „Curveball“ angenommen und präsentiert eine alternative fiktionale Version mit einer Geheimgruppe, einem Staat im Staate, der genug Macht besitzt, um offizielle Missionen des Kanzleramts und des BKA zu sabotieren und dabei den Tod deutscher Polizeibeamten oder Geheimdienstagenten in Kauf zu nehmen. Eine interessante Version, die man am Ende zumindest in Betracht zieht, wenn man die ganzen Lügen rund um den Irakkrieg im Nachhinein betrachtet.

Dabei entpuppt sich Bottini wieder einmal als begnadeter Autor, der die richtige Mischung aus spannenden und durchaus actionreichen Einsatzszenen, politisch-geheimdienstlichem Hintergrundplot und persönlichen Dramen der Betroffenen findet und auch mit literarischem Anspruch zu Papier bringt. „Einmal noch sterben“ beweist wieder einmal des Autors herausragender Stellung in diesem Genre.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Einmal noch sterben | Erschienen am 16.08.2022 im Dumont Verlag
ISBN 978-3-8321-8251-9
432 Seiten | 25,- €
als E-Book: ISBN 978-3-8321-8251-9 | 19,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Oliver Bottini hier auf dem Blog

Rezensions-Doppel: Jacob Ross | Die Knochenleser & Cherie Jones | Wie die einarmige Schwester das Haus fegt

Rezensions-Doppel: Jacob Ross | Die Knochenleser & Cherie Jones | Wie die einarmige Schwester das Haus fegt

Die Literatur der Karibik ist hierzulande für viele Leser*innen sicherlich oft ein ziemlich unbeschriebenes Blatt. Auch im Krimigenre fiele mir, außer Leonardo Padura aus Kuba und Gary Victor aus Haiti nicht allzu viel ein. Dabei bieten die karibischen Inseln aufgrund der kolonialen Vergangenheit (und teilweise Gegenwart), das Aufeinanderprallen verschiedener politischen Systeme, Hautfarben und Klassengegensätzen genug Material für Spannungsliteratur. In der jüngsten Zeit haben es gleich zwei Autor*innen aus der Region in die Krimibestenliste geschafft: Jacob Ross, geboren auf Grenada, und Cherie Jones aus Barbados. Beide operieren mit fiktiven Namen für ihre Schauplätze, die Gegebenheiten sind aber dennoch mit ihrer Heimat stark verbunden. Was beide Romane vor allem verbindet ist die Marginalisierung von Frauen. Zeit für eine Doppelrezension.

Jacob Ross | Die Knochenleser

Michael „Digger“ Digson lebt auf der Karibikinsel Camaho in den Tag hinein. Als er Zeuge eines Verbrechens wird, kommt er in Kontakt mit Detective Superintendent Chilman, einem der höchsten Polizisten des Landes. Chilman rekrutiert Digger mehr unter Zwang als freiwillig für den Polizeidienst, lässt ihn später zum Forensiker ausbilden. Doch Digger hat noch eine eigene Agenda: Als er noch ein Kind war, verschwand seine Mutter spurlos. Sie nahm teil an einer Demonstration von Frauen aufgrund des brutalen Mordes und Vergewaltigung eines Schulmädchens. Die Polizei ließ die Demonstration gewaltsam auflösen, es gab einen Schießbefehl. Seitdem fehlt von seiner Mutter jede Spur.

Die Arbeit in der kleinen Einheit der Kriminalpolizei ist eher schwierig und hemdsärmelig. Moderne Polizeiarbeit hält erst langsam Einzug. Zudem verfolgt der Chef Chilman auch seine eigenen Pläne. Eines Tages stößt Miss Stanislaus zur Truppe, eine junge, etwas exzentrische, aber sehr fähige Frau. Sie bringt das Gleichgewicht der männlichen Führungspersonen erheblich durcheinander. Gemeinsam mit Digger untersucht sie das Verschwinden weiterer Personen und stößt auf einen christlichen Baptistenkults mit dem einflussreichen Diakon Bello Hunt an der Spitze.

„Wieso denkst du, dass es ein Kerl ist?“, fragte Caran.
„Hast du je gehört, dass hier eine Frau eine andere Frau umgebracht hätte?“
Caran schüttelte den Kopf. (Auszug Seite 141)

Autor Jacob Ross hat zwar den Schauplatz seines Romanes mit dem fiktiven Namen „Camaho“ anonymisiert, die Beschreibungen und geschichtlichen Andeutungen weisen jedoch stark auf seine Heimatinsel Grenada hin, eine Insel der kleinen Antillen, bekannt für seine Muskatnüsse. In der westlichen Wahrnehmung zuletzt präsent, als Ronald Reagan 1983 die politischen Entwicklungen auf der Insel nicht gefielen und er – gegen den Willen der Briten (Grenadas Staatsoberhaupt ist bis heute der britische Monarch) – Truppen entsendete. Ross zeichnet ein Bild einer sehr ungleichen Gesellschaft mit viel Armut und einem immer noch übermächtigen männlichen Einfluss. Gewalt gegen Frauen in vielerlei Formen bildet ein großes gesellschaftliches Problem.

Wer bei dem Titel „Die Knochenleser“ auf einen forensischen Thriller gehofft hatte, der wird ein wenig enttäuscht werden, denn die Forensik spielt nur eine Nebenrolle. Stattdessen geht es vielmehr um das gestörte Geschlechterverhältnis auf der Insel, auf der die Frauen immer noch weitgehend von Männern dominiert werden – bis hin zur Gewalt. Und diese Gewalt wird vom Staat dann auch oft genug nicht sanktioniert. Ein wenig kritisieren möchte ich den Plot, der vor allem bis zur Mitte des Buches mir etwas zu unfokussiert vorkam. Ansonsten ist der Roman aber auf jeden Fall lesenswert und bietet einen neuen, unverbrauchten Schauplatz und interessante Figuren für weitere Bände.

Cherie Jones | Wie die einarmige Schwester das Haus fegt

Das für den Außenstehenden paradiesische (fiktive) Baxter’s Beach auf Barbados im Jahr 1984: Stella, genannt Lala, ist hochschwanger, lebt mit ihrem kriminellen Ehemann Adan in einem schäbigen Häuschen über dem Strand. Als vorzeitig die Wehen losgehen, ist Adan nicht da. Lala irrt am Strand umher, klingelt schließlich bei einem herrschaftlichen Haus an der Dienstbotenpforte, um Hilfe zu erhalten. Doch es erscheint ihr Mann, der dort gerade einen Einbruch verübt hat und dabei den Hausbesitzer erschossen hat.

Diese Geschichte bildet den Ausgangspunkt für die unglückliche Geschichte von Lala, deren neugeborene Tochter nur wenige Wochen leben wird. Ihr Tod wird nochmals zusätzlich Aufmerksamkeit generieren. Aufmerksamkeit, die der gewalttätige und zunehmend rücksichtslose Adan überhaupt nicht gebrauchen, schließlich sucht die Polizei immer noch nach dem Einbrecher und Mörder. Was noch hinzukommt: Tone, ein Handlanger Adans und Lalas erste Liebe, will ihr helfen und nähert sich ihr wieder an.

Autorin Cherie Jones lebt auf Barbados und arbeitet dort auch als Anwältin. Sie gewann 1999 bereit einen Short Story-Preis, legte aber mit diesem Buch erst ihr Romandebüt vor. „How The One-Armed Sister Sweeps Her House“ stand direkt auf der Shortlist des „Woman’s Prize for Fiction“. Der ungewöhnliche Titel bezieht sich auf eine Geschichte, die Lalas Oma Wilma ihr erzählt, um dem Teenager zu beschwören, nicht auf die schiefe Bahn zu geraten.

Er drückt zu, und ihre Augen werden dunkel, verschleiern wie die Meeresoberfläche an einem regnerischen Tag, ein Meer, unter dessen Oberfläche sie weiter in die Stille sinkt. […] Lala denkt, wenn Sterben die ewige Achterbahn von Farbe bedeutet, den übermütigen Tanz auf Blau und Grün, Rot und Lila, dann könnte das Töten vielleicht ein Liebesdienst sein. (Auszug E-Book Pos. 3057)

Der Roman folgt nicht den Mustern eines klassischen Kriminalromans, sondern behandelt Verbrechen und Missstände eher im Gewand eines Gesellschaftsromans. Die Autorin schreibt in einem poetischen Ton vom harten Leben in Barbados, von reichen Männern, die sich Geliebte und deren Kinder halten, von sexuellem Missbrauch, Gewalt gegen und Unterdrückung von Frauen und von Frauen, die sich mangels Alternativen mehr oder weniger prostituieren. Dabei wechselt die Autorin immer wieder in die Vergangenheit, um Hintergründe zu erläutern, und auch die Perspektiven. Dies ist für meinen Geschmack hier aber nicht optimal gelungen, mehreren Personen wird Raum gegeben, ohne dass dies den Roman wirklich bereichert. Was für mich als Leser zudem schwierig ist: Mangels Kenntnis über die aktuellen Gegebenheiten vor Ort, tue ich mich schwer mit der Einordnung des Romans, der ja weitgehend Mitte der 1980er spielt. Dennoch ist er literarisch sicherlich interessant für Leser*innen, die die europäische Komfortzone verlassen wollen.

 

Die Knochenleser | Erschienen am 11.04.2022 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47236-1
376 Seiten | 15,95 €
Originaltitel: The Bone Readers | Übersetzung aus dem karibischen Englisch von Karin Diemerling
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: Gesellschaftskritischer Krimi

 

Wie die einarmige Schwester das Haus fegt | Erscheinen am 05.09.2022 bei Culturbooks
ISBN: 978-3-95988-185-2;
328 Seiten | 25,- €
Originaltitel: How The One-Armed Sister Sweeps Her House | Übersetzung aus dem Englischen von Karen Gerwig
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Gesellschaftskritischer Krimi