Kategorie: Andy Ruhr

Seichō Matsumoto | Tokio Express

Seichō Matsumoto | Tokio Express

Vielleicht lag es am Zigarettenrauch, jedenfalls blinzelte Yasuda ein wenig. „Und wer hätte ahnen können, dass es für die beiden eine Reise in den Tod war. Es ist ein Jammer. Aber es zeigt wieder einmal, dass man auch in der Liebe maßvoll sein sollte, nicht wahr?“ (Auszug Pos. 883 von 1999)

An einem kalten Wintermorgen in den 50er Jahren werden in Südjapan, genauer in der Bucht von Hakata, die Leichen eines Mannes und einer Frau gefunden. Man vermutet ein junges Paar, es gibt keine Anzeichen für Gewalteinwendung, sie liegen friedlich, ordentlich drapiert nebeneinander. Bei den Toten handelt es sich um Toki, eine junge Serviererin aus einem Tokioter Restaurant namens Koyuki und Kenichi Sayama, den Untergebenen eines Ministerialbeamten, gegen den wegen Korruption ermittelt wird. Der Bestechungsskandal füllt aktuell die Schlagzeilen. Aufgrund der Tatsache, dass beide mit Zyankali vergiftet wurden, geht man von Doppelselbstmord eines Liebespaares aus. Außerdem hatten Augenzeugen gesehen, wie sie gemeinsam am Bahnhof Tokio in einen Zug stiegen. Das erfährt der Leser in einem kurzen Eröffnungskapitel, dessen Bedeutung wir erahnen aber noch nicht richtig einordnen können.

Ein kalter Platz zum Sterben
Dem erfahrenen Kommissar Jūtarō Torigai von der örtlichen Polizei fallen jedoch einige Ungereimtheiten auf, die ihm keine Ruhe lassen. Es gibt keinen Abschiedsbrief und niemand schien von der Beziehung zwischen Toki und Kenichi gewusst zu haben. Die Tage vor dem gemeinsamen Suizid verbrachten sie anscheinend getrennt und eine Quittung deutet darauf hin, dass Sayama allein im Zugrestaurant speiste. Aus Tokio reist zur Unterstützung der junge Polizist Kiichi Mihara an, der genau wie Torigai nicht recht an die Theorie des Selbstmordes glauben will. Mit Informationen von Torigai beginnt Mihara, die Todesfälle zu untersuchen und wir Leser begleiten ihn dabei, wie er aus verschiedenen Blickwinkeln versucht herauszufinden, was genau in dieser Nacht am Strand passiert ist.

Beide Kommissare lässt der Fall nicht los, aber Seichō Matsumoto ändert jetzt seine Erzählperspektive und konzentriert sich ganz auf die Sicht von Kiichi Mihara. In den Fokus der Ermittlungen gerät Tasuo Yasuda, ein Unternehmer, der seine Geschäftspartner, oft hohe Beamte regelmäßig ins Koyuki führt, das für seine Vertraulichkeit bekannt ist. Die Ermittlungen konzentrieren sich schon bald darauf, mit welchen Zügen Sayama und Toki unterwegs waren. Entscheidend für die Lösung des vertrackten Falles ist die Pünktlichkeit der Züge, der Plot würde in Deutschland zur jetzigen Zeit auf keinen Fall funktionieren. Es existiert nur ein kleines Zeitfenster von vier Minuten, das für die Lösung des Falles wichtig wird.

Die Augenzeugen hatten auf jeden Fall auf dem Bahnsteig von Gleis dreizehn gestanden, der Tokio-Express fuhr aus Gleis fünfzehn. War die Sicht etwa nur in dem kurzen Intervall, in dem sie Sayama und Toki in den Zug hatten steigen sehen, frei gewesen? (Auszug Pos. 784 von 1999)

Der Lesende verfolgt Mihara bei seinen Recherchen und bewertet seine logischen Schlussfolgerungen. Die Ermittlungen gestalten sich kleinteilig, es werden Zug- und Kurspläne studiert, Ticketkontrolleure, Hoteliers und Gäste als Zeugen hartnäckig, aber sehr höflich befragt.

Lückenlose Alibis und falschen Spuren
Tokio Express ist Kriminalliteratur ganz klassischer Prägung im Stil von Agatha Christie oder Simenons Maigret. Der Erzählstil ist ruhig, wenig rasant und steht in der Tradition klassischer Rätselkrimis. Trotzdem gerät man in den Sog der Geschichte und verfolgt gebannt den Detektiv bei seiner akribischen Spurensuche.

Der Klassiker aus den 1950er Jahren konzentriert sich auf die Verbrechen und deren Aufklärung und wenig auf die Charakterisierung der Figuren. Die sachlich-nüchterne Erzählweise ist typisch für den japanischen Raum, bei der wir von Emotionen und Ausbrüchen verschont bleiben. Man erfährt nicht viel von den Ermittlern, sie bleiben gesichtslos. Auch die von Mihara befragten Verdächtigen und Zeugen stehen nie im Mittelpunkt, noch geht der Autor auf ihre Persönlichkeiten ein. Dazu passt, dass das Buch nicht nur zwei Karten, sondern auch Skizzen von zeitlichen Abläufen enthält. Ein Krimi, der eher durch Komplexität auffällt als durch Brutalität oder Action. Bis zum Schluss wird die Spannung gehalten, bevor die Lösung in einem Briefwechsel präsentiert wird. Der Roman hat knackige 208 Seiten und ist damit aufs Wesentliche reduziert.

„Tokio Express“ erschien bereits Ende der 1950er Jahre und wurde zeitgleich unter dem Titel „Spiel mit dem Fahrplan“ in der DDR veröffentlicht. Diese Übersetzung wurde jetzt vom Kampa-Verlag durch Mirjam Madlung neu überarbeitet.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Tokio Express | Erstmals erschienen 1958
Die Neuauflage erschien am 22.08.2024 im Kampa Verlag
ISBN  978-3-311-12093-3
208 Seiten | 22,00 €
Originaltitel: ‎ 点と線 („Ten to sen“) | Übersetzung aus dem Japanischen von Edith Shimomura, Kim Buccie und Mirjam Madlung
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Ashley Kalagian Blunt | Die Dahlien-Morde

Ashley Kalagian Blunt | Die Dahlien-Morde

Wenn in den Nachrichten über diese Tote berichtet und dem Radfahrer klar wurde, wie dicht er an ihr vorbeigekommen war, würde er sein Bildmaterial sichten und der Polizei übergeben. Würde es ein paar Tage dauern, bis sie Reagan identifizierten, oder nur Stunden? Außer er hätte gar nicht gefilmt. (Auszug Pos. 155)

Reagan Carsen lebt in Sydney sehr zurückgezogen als Inhaberin eines kleinen Blumenladens. Nachdem sie als junges Mädchen von einem Stalker drangsaliert worden war, hält sie sich von den Sozialen Medien fern. Als sie nahe ihrer Wohnung fast über eine weibliche Leiche stolpert, kommt das alles wieder hoch. Das schrecklich zugerichtete Opfer sieht ihr mit den dunklen Locken verdammt ähnlich. Panisch flüchtet Reagan ohne die Polizei zu informieren. In den nächsten Wochen fühlt sie sich beobachtet, erhält bedrohliche E-Mails und als weitere Morde an Frauen geschehen, ist sich Reagan sicher, dass ihr früherer Peiniger sie gefunden hat. Sie vertraut sich schlussendlich nur ihrer besten Freundin Min an, einer True-Crime Journalistin. Diese sieht eine Verbindung zu dem Black Dahlia Mord, einem der bekanntesten, unaufgeklärten Verbrechen in der amerikanischen Kriminalgeschichte aus dem Jahr 1947, der auch in der Popkultur verarbeitet wurde. Die damals in Los Angeles grausam verstümmelte 22-jährige Elizabeth Short wurde aufgrund ihrer schwarzen, lockigen Haare von der Presse „Black Dahlia“ genannt.

Der Schreibstil ist gefällig und recht einfach gehalten, die Geschichte ist leidlich spannend inszeniert mit genügend undurchsichtigen Figuren  und entwickelt sich langsam bis zu einem Plottwist, den ich so nicht kommen gesehen habe. Die beklemmende Situation für Reagan, ihre Ängste und Paranoia werden greifbar geschildert. Jedoch verhält sie sich die ganze Zeit nicht besonders nachvollziehbar, ich fand sie oft ein wenig anstrengend, auch weil sie sich sträubt, Hilfe anzunehmen. Für meinen Geschmack zog sich zu viel unnötiges Drama durch den ganzen Roman.

In ihrem ambitioniertem Debütroman, dessen Originaltitel „Dark Mode“ gut passt, thematisiert die australische Autorin auch die Gefahren des Dark Web. In Internetforen rotten sich frustrierte Männer zusammen und mit der Ansicht, sie hätten aufgrund ihres Geschlechts ein Anrecht auf Frauen und Sexualität, Ausdruck einer grundlegenden Misogynie, frönen sie ihren Hass. Die Atmosphäre, in der man Gewalt gegen Frauen legitimiert, glorifiziert und als Wiedergutmachung der narzisstischen Kränkung begreift, ist beklemmend und verstörend.
Sabine Godec ist eine bekannte Synchron- und Hörbuchsprecherin, die mit ihrer samtweichen Stimme oft für sogenannte „Frauenkrimis“ gebucht wird.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Dahlien-Morde | Erschienen am 3 Juni 2024 bei Droemer TB
ISBN 978-3-426-30929-2
384 Seiten | 17,99 Euro
Das Hörbuch erschien bei Audible:
11 Stunden 53 Minuten | Erzählerin: Sabine Godec
Originaltitel: Dark Mode | Übersetzung aus dem Englischen von Alice Jakubeit
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Tom Hillenbrand | Lieferdienst

Tom Hillenbrand | Lieferdienst

Auf der Terrasse befindet sich eine rot umrandete, oktagonale Fläche – ein Retourenpad. Man stellt sein Paket hinein, die nächste freie Lieferdrohne erkennt es von oben und nimmt es mit. Normalerweise befinden sich solche Pads an öffentlichen Plätzen. Dass jemand sein eigenes, privates Oktagon besitzt, ist ungewöhnlich. (Auszug Pos. 399 von 2071)

Viele Menschen beschweren sich heutzutage über die Konsum-Gesellschaft, in der nichts mehr repariert, sondern alles sofort ausgetauscht wird. In ‚Lieferdienst‘ wird das von Tom Hillenbrand auf die Spitze getrieben.

Der Maker macht’s, der Bringer bringt’s
In Neu-Berlin der nahen Zukunft leben die Menschen in riesigen Wohnblöcken, arbeiten im Homeoffice und kaufen fast alles online. Bestellte Produkte werden auf 3-D-Druckern, sogenannten Makern, hergestellt und alle Lieferdienste befinden sich zeitgleich im Kampf um denselben Auftrag. Wer die Ware zuerst zustellt, hat gewonnen, wobei die überflüssige Ware der Konkurrenten dann als Produktionsüberschuss in Kauf genommen wird. Hier wird mit allen Mitteln gekämpft, um die Konkurrenz auszuschalten und es herrscht ein erbitterter Kampf um die Vorherrschaft am Liefermarkt. Die Bestellungen werden teils per Drohnen, überwiegend aber durch Kuriere auf Hoverboards, sogenannte Bringer an den Kunden ausgeliefert. Solch ein Bringer ist der Protagonist Arkadi Schneider, der für Rio, einen der größten Lieferdienste der Welt arbeitet und für seinen Job alles gibt und dabei immer die Zustellquote im Blick behält. Wenn nötig lässt er sich das Mittagessen auch mal per Drohne ans Brett liefern. Wir fliegen mit ihm über Neu-Berlin, als ein verletzter Kollege ihn bittet, eine seiner Lieferungen zu übernehmen. Für Arkadi eine Ehre, denn es handelt sich um Airbox, eine Legende in der Lieferdienst-Szene. Umso bestürzter ist er, als er kurz darauf mitansehen muss, wie Airbox ermordet wird und er, als er dessen Paket ausliefern will, plötzlich um sein Leben fürchten und sich in wilden Verfolgungsjagden behaupten muss. Airbox schien in mysteriöse Machenschaften verwickelt zu sein und Arkadi gerät zum ersten Mal ins Grübeln.

Aberwitzige Retourenquote
In Tom Hillenbrands Zukunftsvision hat der Konsum absurde Ausmaße angenommen. Es gibt Flatrates für Schuhe, Anprobierandroiden kümmern sich um das lästige Auspacken, Anprobieren sowie Zurücksenden, und jederzeit und überall kann Essen per Drohne geordert werden. Menschen wie Arkadis Vater, der noch vom alten Schlag ist, den sogenannten Fortschritt kritisch sieht und sich für Zahnpasta noch in den Spaldi bemüht, werden als rückständig angesehen.

Der Kunde muss nur jede Tube bezahlen, die ihm als erste zugestellt wird. Der Rest sind Autoretouren. Bei einem maßgeschneiderten Jackett mag das ein Problem sein, bei Zahnpasta nicht. Die werden die Lieferdienste schon irgendwie los. Ich erkläre es ihm. Aber Dad schüttelt nur den Kopf und murmelt etwas von „Endstufe des Kapitalismus“. (Auszug Pos. 165 von 2071)

Ich bewundere immer wieder Tom Hillenbrands Fähigkeit, eine komplexe Zukunftswelt fiktiv zu erschaffen. Fast ohne unnötige Erklärungen, dafür aber detailreich und mit kreativen Wortneuschöpfungen, die sich leicht erschließen. Und mit einem Füllhorn an kreativen Einfällen. Berlin ist im Krieg komplett zerstört worden und man hat daneben Neu-Berlin, von den Bewohnern liebevoll BeeZwee genannt, errichtet. Die MegaCity besteht aus riesigen Sozialbauten und Ausfallstraßen, die Namen aktueller Prominenz wie Glööckler-Allee oder Robert-Habeck-Ausfallstraße besitzen. Während sich auf den Straßen die Bikes und Rikscha-SUVs stauen, ist der Himmel mit Delivery-Drohnen verstopft. Manche Bewohner, sogenannte Mobilniks, die sich die Miete in den Hochhäusern nicht mehr leisten können, hausen in ihren Autos, welche mit Autopilot unendlich auf dem Stadtring fahren. Das Szenario erscheint gar nicht so abwegig, sondern wie eine radikale Weiterentwicklung unserer heutigen Konsumgesellschaft.

Wir bleiben die ganze Zeit dicht bei Arkadi, dem Ich-Erzähler und seinen Erlebnissen. Die Geschichte wird in einem hohen Tempo mit kurzen Kapiteln erzählt, wirkt dadurch fast gehetzt und rastlos, passend zur hektischen Welt der Lieferdienste. Man fliegt atemlos durch die Seiten und dann ist es auch schon vorbei. Denn das ist das Einzige, was ich zu meckern hätte. Mit knapp 190 Seiten viel zu kurz. Ich hätte gerne noch mehr über diese dystopische Welt und die Lebensbedingungen erfahren. Das Ende, das zwar mit einem mitreißenden Showdown glänzt und einige Überraschungen parat hält, wirkt etwas zu schnell abgearbeitet. Und man hätte auch noch mehr in die Fütterung der Charaktere stecken können.

Trotzdem ist Lieferdienst eine gelungene Dystopie, originelle Zukunftsvision mit coolen Ideen, die mir sehr viel Spaß gemacht hat und die eine Reflexion unserer Konsumgesellschaft darstellt. Dabei spricht der Autor einige aktuelle Themen, wie Ressourcen-Verschwendung und Turbo-Kapitalismus an und das auf unterhaltsame Weise und mit dem ihm eigenen Humor.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.
Lieferdienst | Erschienen am 15. August 2024 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-00621-6
192 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Tom Hillenbrand auf Kaliber.17

Calla Henkel | Ein letztes Geschenk

Calla Henkel | Ein letztes Geschenk

Rückblickend könnte man meinen, ich hätte mich mit meiner Leidenschaft für True Crime auf Naomis Ermordung vorbereitet, hätte im übertragenen Sinne Gewichte gestemmt und meine Muskeln gestählt. (Auszug Pos. 28 von 4891)

In New York lernt die Künstlerin Esther Ray auf der Vernissage einer Freundin die Multimillionärin und Wohltäterin Naomi Duncan kennen. Eigentlich verabscheut Esther die Welt der Superreichen genauso wie die Kunstszene. Sie versteht sich eher als geerdete Kunsthandwerkerin, die Bücher von Hand bindet und mit ihrer Partnerin zurückgezogen in den Bergen lebt. Aus diesem Grund lehnt sie, trotz fürstlichem Honorar, erstmal Naomis Angebot ab, für deren Ehemann zu seinem 60. Geburtstag sogenannte Scrapbooks zu erstellen. Das sind aufwendig gestaltete Fotoalben, die durch künstlerische Verzierungen mit Texten und vielen Aufklebern eine Geschichte erzählen.

Abgründe einer Vorzeigefamilie
Erst als sie in ihren Bungalow in den Blue Ridge Mountains zurückkehrt und feststellen muss, dass ihre Verlobte Jessica sie verlassen hat und sie die Hypothek für das gemeinsame Häuschen nicht alleine auftreiben kann, überlegt sie es sich anders. Daraufhin erhält sie von ihrer Auftraggeberin eine ganze LKW-Ladung voller Kisten mit Material für die Alben, eine Kiste pro Jahr. Darin hat Naomi alles Mögliche gesammelt: Nicht nur Urlaubsfotos, Quittungen und Zeitungsausschnitte sondern auch Klassenarbeiten und Zeugnisse ihrer Tochter, Elternbriefe, Einladungen und sogar Kontoauszüge aus der Firma ihres Mannes. Wichtigste Regel für den Auftrag: Absolute Verschwiegenheit; es soll ja eine Überraschung zum Sechzigsten werden. Esther muss eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen und der gesamte Kontakt zu Naomi erfolgt über ein extra angeschafftes Prepaid-Handy.

Esther sichtet das Material und je tiefer sie in die Unterlagen eintaucht, desto mehr gerät sie in den Bann von Naomis Familie. Sie erhält Einblicke in deren Geheimnisse und einige Ungereimtheiten lassen sie stutzig werden. Die Abgründe der reichen Vorzeigefamilie haben es in sich. Für Esther eine willkommene Ablenkung von ihrem Liebeskummer und aufgrund ihrer Einsamkeit wird das fremde Leben immer mehr zu ihrem eigenen, sie verliert die professionelle Distanz zu den Duncans. Als Naomi plötzlich bei einem Skiunfall ums Leben kommt, glaubt Esther nicht daran. Die Liebhaberin von True-Crime-Podcasts beginnt fast besessen, selbst Nachforschungen anzustellen um die Hintergründe herauszufinden. Dabei muss sie sich in die Welt von Naomis Familie und Freunden begeben, geht dabei nicht immer legal vor und gerät auch schon mal in lebensgefährliche Situationen. Unerwartet findet sie dabei Hilfe und Unterstützung bei ihrem Nachbarn Patrick, einem verschlossenen alten Mann, der selbst immer noch unter den Folgen eines tragischen Ereignisses aus seiner Vergangenheit leidet.

Schillernde Protagonistin
Mit Esther Ray hat die Autorin einen faszinierenden Charakter geschaffen. Nach und nach erfahren wir Details aus ihrer geheimnisvollen Vergangenheit, zum Beispiel über den frühen Unfalltod ihrer Mutter, der ihr Leben bis heute überschattet und für den nötigen Tiefgang sorgt. Sie hat eine Obsession für True-Crime-Podcasts, ist sehr verbissen, eigensinnig und extrem neugierig. Mit einem hohen Sinn für Gerechtigkeit versucht sie immer, das Richtige zu tun, trifft dabei aber häufig impulsive und moralische fragwürdige Entscheidungen. Als Leser leidet und fiebert man mit.

Ich malte mir aus, wie ich jedes Kleidungsstück von Naomi ausbreiten, mit den Fingern über die Siegel der Vakuumverpackungen streichen und sie dann aufreißen würde. Diesmal würde ich das Rätsel lösen, diesmal würde mir nichts entgehen. (Auszug Pos. 3931 von 4891)

„Ein letztes Geschenk“ ist ein raffiniert komponierter Psychothriller voller nicht vorhersehbarer Kapriolen und innovativer Wendungen, der erstaunlich leichtfüßig und lebendig daher kommt. Dabei wirft die Autorin einen herrlich bissigen Blick in die ineinander verflochtenen Welten der Kunstszene und der Superreichen. Geschickt und fast unbemerkt fließt eine unterschwellige Gesellschaftskritik in die Handlung ein. Der Roman ist höchst amüsant, erfrischend mit einem atemlosen Plot.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Ein letztes Geschenk | Erschienen am 12. Juli 2024 bei Kein & Aber
ISBN 978-3-0369-5043-3
464 Seiten | 25,00 Euro
Originaltitel: Scrap | Übersetzung aus dem Englischen von Verena Kilchling
Bibliografische Angaben & Leseprobe

George P. Pelecanos | Das dunkle Herz der Stadt

George P. Pelecanos | Das dunkle Herz der Stadt

Wie der meiste Ärger in meinem Leben, der mir widerfahren ist oder den ich mir eingebrockt habe, fing auch der in jener Nacht mit einem Drink an. (Auszug Seite 7)

Nick Stefanos war früher Cop und auch Privatdetektiv. Jetzt steht er mehrmals die Woche im Spot, einer Bar in Washington D.C. hinter der Theke und ist hier oft sein bester Kunde. Nicht ideal für den Alkoholiker, der immer nur so lange funktioniert, bis ein weiterer Alkoholexzess ihn wieder aus der Bahn wirft. So beginnt auch diese Geschichte. Nach einer durchzechten Nacht mit einigen Blackouts wacht Nick desorientiert im Hafengebiet des Anacostia River auf. Dunkel erinnert er sich, den gedämpften Knall eines Schalldämpfers gehört zu haben. Und tatsächlich liegt die Leiche eines schwarzen Jugendlichen erschossen am Flussufer. Anonym verständigt er die Polizei und verschwindet.

Der tote Junge lässt Stefanos jedoch keine Ruhe, und da die Polizei den Mordfall schnell unter Bandenkriminalität zu den Akten legt, macht er sich selbst auf die Suche nach den Mördern von Calvin Jeter. Das Spot ist auch die Stammkneipe vieler Detectives der Metropolitan Police und so erfährt Nick einige Einzelheiten zu dem Fall, zum Beispiel dass Calvins bester Freund Roland Lewis seit einiger Zeit verschwunden ist. Bei seinen Ermittlungen trifft er auf den Privatdetektiv Jack LaDuke, der von Rolands Mutter beauftragt wurde, den vermissten Teenager zu finden. Der schlaksige, jungenhafte LaDuke wirkt wie der nette Junge von nebenan, verbirgt aber eine äußerst dunkle Seite. Er ist neu in der Stadt und mit dem Auftrag, den verschwundenen Freund des Mordopfers ausfindig zu machen, ziemlich überfordert. Gemeinsam stößt das ungleiche Duo auf einen Sumpf aus Drogen, Prostitution und Pornografie und begeben sich in große Gefahr. Als eine Spur ins Pornomilieu führt, verdichtet sich der Verdacht, dass sich die beiden Jungen leichtsinnig auf ein gefährliches Spiel eingelassen haben.

Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive ganz in der Tradition des Hardboiled-Krimis erzählt und wir begleiten den Gelegenheitsdetektiv bei seinen Recherchen durch die Kneipen, Bars und dunklen Winkeln diese Stadt. Der musikverrückte, griechisch-stämmige Nick Stefanos ist der typische Antiheld, der sein Leben nicht wirklich im Griff hat und von einem Alkoholexzess zum nächsten schlingert. Trotzdem verfügt er über ein gutes Gespür sowie Menschenkenntnis und es gelingt ihm den Fall bei halbwegs klarem Verstand voranzutreiben. Er ist vielleicht desillusioniert, aber gar nicht so abgebrüht und zynisch. Halt findet er in der leidenschaftlichen Beziehung zu seiner Freundin Lyla, bis er begreift, dass er die Journalistin aufgrund ihres Lebenswandels unweigerlich mit ins Elend treiben wird.

Ich hätte Boyle noch mal anrufen und alles abblasen können. Dann wäre es vielleicht zwischen Lyla und mir nicht so gekommen, wie es kam, und ich wäre nie Jack LaDuke begegnet. Aber Neugier ist wie ein knackiger Arsch, von dem man besser die Finger lassen sollte. Am Ende packt man doch zu. (Auszug Seite 27)

Die detaillierten Einblicke in Nicks unbeständiges Privatleben und seine persönlichen Probleme nehmen einen großen Raum in der Geschichte ein, vermitteln aber auch zugleich ein authentisches Bild des Milieus. Während die Ermittlungen zum Mordfall anfangs nur zäh voranschreiten, nimmt der Krimiplot ab der zweiten Hälfte an Fahrt auf. Nach einigen unvorhersehbaren Wendungen gipfelt der Krimi in einem packenden, actiongeladenen Finale und konfrontiert uns zudem mit moralisch recht bedenklichen Entscheidungen.

George Pelecanos portraitiert in seinem Roman die wahren Verlierer der Stadt. Er erzählt von den einfachen Menschen, die sich unter schwierigsten Bedingungen, wie die soziale Schieflage, den alltäglichen Rassismus und Homophobie durchs Leben kämpfen. Es ist ein Leben am Rande der Gesellschaft voller Gewalt, Drogen und Hoffnungslosigkeit. Präzise beobachtet wartet er mit fein ausgearbeiteten Charakteren auf, einschließlich vieler suspekter Figuren, die vom Elend der anderen profitieren und vor nichts zurückschrecken. Der amerikanische Autor mit griechischen Wurzeln ist in Washington D.C. aufgewachsen. Die milieugetreuen Beschreibungen der Schauplätze stehen im Vordergrund und erzeugen ein stimmiges Sittenbild der Metropole Anfang der 90er Jahre und machen sie fast körperlich greifbar. Die Sprache ist prägnant und trockener Humor blitzt immer wieder in den Dialogen durch.

Als ich beim Stöbern auf den Roman stieß, war mir nicht klar, dass es sich um den dritten Teil der Nick-Stefanos-Trilogie handelt. Der im Original bereits 1995 erschienene Roman ist bisher der einzige ins Deutsche übersetzte und kann für sich alleine gelesen werden.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Das dunkle Herz der Stadt | Erschienen am 21. August 2018 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 978-3-8691-3917-3
248 Seiten | 20,00 Euro
Originaltitel: Down by the River Where the Dead Men Go | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Karen Witthuhn
Bibliografische Angaben und Leseprobe